Teamtheater Comedy Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen von Thomas Bernhard




Theater ist naturgemäß hassenswert

„Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ ist nur ein Drittel der Wahrheit, denn gegeben werden zudem die Dramolette: „Claus Peymann verlässt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien“ und „Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese“. Es war eher ein Abend für Insider, obgleich einige wenige Informationen genügen würden, um das Spektakel um die großen Künstler richtig genießen zu können. Claus Peymann, einer der wichtigsten deutschen Regisseure der letzten vierzig Jahre, ging nach erfolgreichen Spielzeiten (1979-1986) von Bochum nach Wien, um die Leitung des Wiener Burgtheaters zu übernehmen. Peymann war schon früh in die politischen Schlagzeilen geraten, als er in seiner Stuttgarter Intendanzzeit (1974-1979) eine Sammlung für einen Zahnersatz für die inhaftierte RAF-Terroristin Gudrun Ensslin veranstaltete und vom Ministerpräsident Hans Filbinger angefeindet wurde. (Der fällte als Marinerichter zwischen 1943 und 1945 vier Todesurteile und ließ diese vollstrecken.)

Neben Stücken von Autoren wie Peter Handke, Peter Turrini und später auch Elfriede Jelinek, brachte Peymann viele Werke von Thomas Bernhard zur Uraufführung. Beide verband eine künstlerische „Ehe“. Peymann bezeichnet sich noch heute als „Bernhard-Witwe“. Am Burgtheater in Wien führte diese Zusammenarbeit zu einem gewaltigen Eklat, als Peymann zum 200jährigen Bestehen des Burgtheaters das Stück „Heldenplatz“ von Bernhard, geschrieben zum 50. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs ans Deutsche Reich, uraufführen wollte. In den Augen vieler Österreicher war dieses Stück die Krönung des, als nestbeschmutzend bezeichnete, Treibens Bernhards. Der Olymp wurde durch diesen Akt entweiht. Selbst das österreichische Parlament beschäftigte sich mit diesem Affront. Die Uraufführung wurde um einige Tage verschoben. Peymann nutzte diese geradezu mythische Bühne in einem bis dahin nicht gekanntem Maße stets auch für politische Kontroversen.

Thomas Bernhard verband zum eigenen Vaterland eine Hassliebe, wobei er soweit ging zu fordern, das Burgtheater zu schließen und einzubetonieren. (Das verlangte er mehrfach öffentlich und auch in seinen Dramoletten.) Bernhard war ein literarischer Griesgram, stets umstritten im eigenen Land, dessen Wirkung auf seine erbarmungslose Konsequenz zurückzuführen war. Er ging in seinen defätistischen Analysen und offenen Beschimpfungen soweit, dass es schon wieder komisch wurde. Darin folgte er wohl der Beckettschen Vorgabe, der meinte, man müsse es bis zum Äußersten treiben, „dann würde Lachen entstehen“. Bernhard starb am 12. Februar 1989 als ein vielgeschmähter, aber auch als ganz großer Dichter Österreichs. „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ war eine sehr späte Arbeit und wurde erst nach seinem Tod 1990 veröffentlicht.

clauspeymann

ludo vici, Claus Joachim Zey

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Zwei charakteristische Eigenschaften verbanden beide Männer: Sie waren beide auf Erfolg erpicht und sie waren beide zutiefst politisch. Eine dritte Eigenschaft mag, wenn man sie äußert, ketzerisch sein: Beide waren/sind hypertroph! Sowohl Peymann als auch Bernhard haben die Kunst immer als ihren ureigenen Spielplatz verstanden. So war es auch nicht verwunderlich, dass man sich letztlich gegenseitig Elogen schrieb und bescherte. Und das war gut und richtig so, denn in der heutigen medialen Welt findet manche große Leistung „naturgemäß“, um ein geliebtes Wort Bernhards zu benutzen, erst Anerkennung über den Skandal, insbesondere dann, wenn sie inhaltlich nicht sonderlich populär ist. Aber genau diese Aussage wird in den Dramoletten ad absurdum geführt, denn beide, Peymann und Bernhard geben sich selbst oder werden der Lächerlichkeit preisgegeben.

Vor dem Hintergrund dieses Wissens wird das Treiben beider Protagonisten, das wie künstlerischer Wahnsinn anmutet, verständlich. Bernhard/Peymann finden mittels ihrer ureigenen Logik heraus: „Entsetzlich“ sind nicht nur die Schauspieler (die Wiener Burg hat derer 160), Dramaturgen und das Publikum, „entsetzlich“ ist das ganze Theater an sich. Dabei ist das größte Theater in Europa Österreich. Nicht das Theater in Österreich. Österreich ist das große Theater. Und das große Theater ist „naturgemäß hassenswert“!
Bei näherer Betrachtung kommt man zu dem Schluss, dass, findet man nur den geeigneten Blickwinkel, Bernhards absurde Behauptungen durchaus der Wahrheit entsprechen könnten. Ob die Errettung des Theaters darin bestehen kann, den gesamten Shakespeare, mit den besten Schauspielern dieser Welt in einem einzigen gewaltigen Bühnenbild, das sich aus allen herausragenden Bühnenbildern der Shakespearestücke zusammensetzen sollte, in nur fünf Stunden aufzuführen, weiß nur Gott allein. Der, also Peymann, sagt ja. Hermann Beil, langjähriger Dramaturg Peymanns, meint auf der Sulzwiese: Natürlich.

Sebastian Linz, er zeichnete für die szenische Einrichtung verantwortlich, überließ den beiden Darstellern ludo vici (Claus Peymann) und Claus Joachim Zey (Fräulein Schneider, Thomas Bernhard, Hermann Beil) den gesamten Theaterraum. ludo vici parlierte, permanent die Szene dominierend, als der Regiegott Peymann auf- und abschreitend, jeden und jedermann zur Zuschauer- und Zuhörerschaft degradierend, selbst seinen Mitspieler in dessen Rollen. Der Darsteller lief in einer Sparte zur Höchstform auf, die man bösartig als Kantinenschauspielerei bezeichnet. Um nicht missverstanden zu werden, die Selbstspiegelung, die Selbstbeweihräucherung war wunderbar anzuschauen. Immerhin war es Theater auf dem Theater und darüber wissen Schauspieler doch ein Menge zu erzählen. ludo vici gestaltete seine Texte mit bestem Handwerk, einer wunderbaren Ausstrahlung und in einer Lesart, die viel erkennbar machte, nie aber denunzierend wirkte. Ihm gelang es auch, die verschrobene Schönheit der Bernharschen Sprache zu leuchten zu bringen. Der Spaß am Spiel und an dieser außergewöhnlichen Rolle war unverkennbar. Immerhin handelte es sich um einen lebenden Zeitgenossen, den jeder Theaterschaffende kennt, den die meisten von ihnen zu Recht zutiefst verehren. Claus Joachim Zey hatte nicht nur die „sprachlosen“ Rollen, er musste sich im Spiel auch über die Maßen unterordnen. Das mag ihn gelegentlich zu hyperaktivem, physisch zu aufwendigem Spiel verführt haben. Am besten schlug er sich in der Rolle Hermann Beils. Da musste er agonisch anwesend sein und als Dramaturgengott gut aussehen.

Der Abend im Teamtheater Comedy war zweifellos Liebhabertheater und sprach am ehesten Bernhardfans an. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass es sich hier nicht um die clowneske Vorstellung zweier großer Theaterleute handelte, sondern um ein echtes Stück Theatergeschichte. Es ist wohl kein Geheimnis, das sich beinahe jeder für Theaterklatsch interessiert. (Am Theater wird, wie im richtigen Leben, in jeder Tonart übereinander geredet.) Hier kann er pur und unverfälscht auf künstlerischem Niveau genossen werden. Man nehme es einfach als eine literarische Realität, die im Kern durchaus wahr ist und zum besseren Verständnis zweier Persönlichkeiten führen kann.


Wolf Banitzki

 

 


Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen

von Thomas Bernhard

ludo vici, Claus Joachim Zey

Szenische Einrichtung: Sebastian Linz
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