Theater 44 Biografie: Ein Spiel von Max Frisch



 

Was wäre, wenn …

Es ist eine reizvolle Vorstellung, in den Stand versetzt zu sein, seine eigene Biografie zu ändern. Allerdings ist die Chance 50 zu 50, dass es auch gelingt. Vermutlich sind die Karten sogar noch schlechter. Immerhin könnte man sich angesichts der Geschichte von Max Frisch einige Hoffnungen machen, wenngleich die statistische Repräsentanz angesichts von nur zwei Akteuren sehr begrenzt zu sein scheint.

Hannes Kürmann (Hartmut Nolte), als Verhaltensforscher hat sich sein Name in vielen Fußnoten niedergeschlagen, möchte seine Biografie ändern. Er wünscht seine zweite Frau Antoinette Stein (Rena Dumont) aus seinem Leben zu tilgen. Das Spiel beginnt mit der ersten Begegnung der Beiden nach einer Feier anlässlich seiner Ernennung zum Professor. "Was tun mit einer Frau, nachts um 2 Uhr, die nicht geht?" "Sie haben die Wahl Herr Kürmann!" erinnert mit Nachdruck die Spielleiterin (Irmhild Wagner). Doch Kürmann landet wieder mit Antoinette im Bett und lässt am darauf folgenden Morgen das Frühstück für zwei Personen servieren. Allerdings ist das Erstaunen groß, als er aus seinem Dossier erfährt, das Antoinette ursprünglich gar kein Interesse an einer Fortsetzung der Geschichte hatte. Hannes Kürmann ist nicht in der Lage, seine Biografie zu verändern und wenn doch, dann nicht zu seinem Vorteil. Das Ende ist dennoch verblüffend.



Rena Dumont, Hartmut Nolte

© Hilda Lobinger


Max Frisch hatte vermerkt: "Nicht die Biografie des Herrn Kürmann, die banal ist, sondern die Tatsache, dass man mit der Zeit unweigerlich eine Biografie hat, ist das Thema des Stücks, das die Vorkommnisse nicht illusionistisch als Gegenwart reflektiert. (…) Ich habe es als Komödie gemeint!" Als eine solche kann man sie im Theater 44 erleben. Darüber hinaus macht der dramaturgische Dreh- und Angelpunkt nachdenklich, der da lautet, was wäre wenn …?

Max Frisch hat natürlich untertrieben, wenn er auf das Thema verweist. Diese feinsinnige Komödie könnte den Zuschauer immerhin dazu verführen, die eigene noch kommende Biografie bewusster zu gestalten. Regisseur Horst A. Reichel legte es zumindest darauf an. Die Spielleiterin und ihre Assistentin (Anne C. Rommel) agierten aus dem Publikum heraus, quasi aus der gleichen Perspektive wie der Zuschauer. Auch Hannes Kürmann startete sein Spiel aus dem Parkett, nachdem ihm die Spielleiterin sein Versagen vor Augen geführt hatte. Das ist eine neue und gelungene Konzeption, kennt man doch das kleine Kellertheater immer nur als Guckkastenbühne mit der vierten Wand. Regisseur Reichel hatte sie in dieser Inszenierung verschwinden lassen. Die Übergänge waren fließend und alles war sichtbar. Eine immer aufs neue inszenierte Biografie erzeugte eine allumfassende Theatersituation, die aber gleichsam reales Leben als Laborversuch zelebrierte. Hier entdeckte man gemäß Max Frisch, was es tatsächlich bedeutet, eine Biografie zu haben.

Hartmut Noltes Kürmann war vielschichtig, kein Verlierer schlechthin. Sein Witz brach nicht selten die Bitterkeiten, die hinter der Geschichte lauern. Irmhild Wagner spürte man deutlich an, dass Sie schon häufig hinter dem Regiepult saß. In dieser Inszenierung gab sie eine kühle, abgeklärte Spielleiterin, die an den passenden Stellen menschliche Wärme nicht vermissen ließ. Rena Dumont spielte die Antoinette Stein anfangs sehr zurückhaltend charmant, was ihre Wandlung angesichts der in Nuancen veränderten Biografie überzeugend machte. Bemerkenswert auch die Leistungen der Assistenten, gegeben von Anne C. Rommel und David Scholz, die sämtliche zusätzlichen Rollen übernehmen mussten. Beide verfügen über ein gutes Repertoire darstellerischen Ausdrucks.

Wieder einmal ist es Horst A. Reichel gelungen, heiteres und unterhaltsames Theater mit Tiefgang zu machen.


Wolf Banitzki

 

 


Biografie: Ein Spiel

von Max Frisch

Hartmut Nolte, Rena Dumont, Irmhild Wagner, Anne C. Rommel, David Scholz

Regie: Horst A. Reichel
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