Halle 7 Vaterlos von Claudius Lünstedt


 

 

Auslöschung

Licht - Dunkelheit. Nur durch ihre Gegensätzlichkeit werden sie erfahrbar. Licht durchdringt die Dunkelheit. Die Materie, die Erde, der Mensch steht zwischen ihnen, steht zwischen Geheimnis und Erkenntnis. Wird das natürliche Gleichgewicht gestört, gewinnt eine der Kräfte die Überhand, so fällt der Mensch ins Bodenlose. Er tappt im Dunkeln, mystifiziert oder aber wähnt sich erleuchtet, allwissend. Dazwischen sucht er verzweifelt Halt in Realismus. Sowohl die absolute Dunkelheit als auch das universelle Licht löschen den Menschen aus.

"In Ägypten, wo Jupiter mit Io den Epaphus erzeugte, hatte auch Klymene dem Helios oder dem Sonnengotte den Phaeton geboren. Diesem warf einst Epaphus vor, daß er kein Sohn der Sonne sei, sondern daß seine Mutter sich dessen nur fälschlich rühme. Um auf die glänzendste Weise diesen bitteren Vorwurf zu widerlegen, begab sich Phaeton, auf Anstiften seiner Mutter, selbst zum Palast des Sonnengottes und ließ sich erst von ihm beim Styx zuschwören, daß er seine Bitte gewähren wolle; dann bat er ihn, daß er nur einen Tag den Sonnenwagen lenken dürfe. Helios der den Schwur nicht widerrufen konnte, mußte die unglückliche Bitte seinem Sohn gewähren, der, voller Wut den Wagen besteigend, die Sonnenpferde antrieb, welche bald, ihren Führer vermissend, aus dem Gleise wichen, zuerst dem Himmel und dann der Erde zu nahe kamen, daß Berg und Wald sich entzündeten und Quellen und Flüsse versiegten." Carl Philipp Moritz, 1791

Der junge Autor Claudius Lünstedt verknüpft in seinem dritten Werk "Vaterlos" die archaische Kraft des antiken Mythos mit dem blankem Realismus des Heute. Seine Sprache ist klar, schnörkellos und doch zutiefst poetisch und menschlich. Das Stück um den vaterlosen Felix ist geschickt konstruiert, zudem vielschichtig und transportiert doch zielgerichtet sein Anliegen. Sozialkritisch zeigt er die Probleme der jungen Generationen auf, in denen Vaterlosigkeit und überholte Männerbilder aufeinanderprallen. Die Welt gerät darüber aus den Fugen, aus der Ordnung und Orientierungslosigkeit sowie tödlicher Extremismus sind Folgen.
 
   
 

Golo Euler, Carolin Maiwald, Andreas Mayer

© Hilda Lobinger

 

 

Seine Geschichte: Felix wächst ohne Vater auf und wie seine Freunde Abadi und Lela erhält er keine Antworten auf die existentiellen Fragen. So träumt jeder der drei von seiner Zukunft, Abadi als Gipfelstürmer, Lela als Forscherin wie ihre Eltern und Felix träumt von seinem Vater und der Suche nach ihm. Aufhalten lässt Felix sich dabei nicht ...

Die Regie setzte auf die Tragkraft des Textes und das Konzept von Ulf Goerke ging auf. Er schuf klare Strukturen, ging in dieser scheinbar einfachen Geschichte geschickt mit Bewegung und mit Spannung um. Jede Situation war ausgefeilt. Unterstützt wurde er dabei von Felix Leuschner und Karsten Kielmann (Musik und Ton) und Peter Platz (Licht). Die Bühne von Stefan Oppenländer war sinngemäß funktional. Die Inszenierung verzichtete auf aufwendige künstliche Elemente und stellt die Figuren und deren Anliegen in den Vordergrund. Die Rollen waren stimmig besetzt und die Leistung des Ensembles absolut beachtenswert. Golo Euler gab einen fantasievollen suchenden Felix, allzeit voll Ernsthaftigkeit und mit dem Willen zur absoluten Konsequenz. Seine Mutter (Tini Prüfert) verstand es geschickt, sich um die konkrete Frage nach dem Vater zu winden und glaubhaft die Mär von Helios zu befördern. Carolin Maiwalds Lela durchlebte vom spielerisch freundschaftlichen Moment über Komplizenschaft und Zwiespalt bis hin zur verbindenden Träumerei die ganze Bandbreite der jugendlichen Gefühlswelt. Am Ende ging sie als Einzige in die Sonne. Besonders hervorgehoben sei Andreas Thiele, der als Aufseher nie wirklich zum Zuge kam und im Bestreben die alte männliche Ordnung zu vertreten, sich selbst auf die Füße trat.
Organ (Stefan Wilhelmi), der Vater Abadis und Träger der überholten Ordnung setzte Feuer gegen Feuer ...

... und an diesem Punkt steht die Gesellschaft. Die Inszenierung zeichnete ein sehenswertes Bild und zog den Zuschauer in Bann.



C.M.Meier

 

 


Vaterlos

von Claudius Lünstedt

Golo Euler, Tini Prüfert, Andreas Mayer, Carolin Maiwald, Stefan Wilhelmi, André Scioblowski, Andreas Thiele

Regie: Ulf Goerke
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