Halle 7 Retten - Zerstören von Robert Woelfl


 

 

Kein Licht am Ende des Tunnels

"Ich würde nicht gern den Begriff ‚Abbild' oder ‚Bestandsaufnahme' verwenden, auch nicht ‚Panorama'. So einen Anspruch kann kein Stück erfüllen. Ich würde eher von Schlaglichtern sprechen." Robert Woelfl, Jahrgang 1965, übt sich in Bescheidenheit. Das ist nur verständlich, denn würde ein Autor diese Ansprüche artikulieren, würde man ihn ohne Zweifel verlachen. Und doch leistet Woelfl mit seinem dramatischen Text mehr, als er eingestehen möchte. Seine Schlaglichter verdichten sich in Claus Peter Seiferts Inszenierung in der Halle 7 zu einem bedrückenden Gefühl, das durchaus als ein wesentliches Gefühl unserer Zeit betrachtet werden kann.

 Sie existieren zwischen Exzess und Selbstmord, wobei der Zwischenraum, das eigentliche Leben, nicht mehr gefüllt wird. Zwei Selbstmorde und ein Versuch, der letztlich in einer beiläufigen Tötung gipfelt, zeichnen ein Bild des Grauens. Hat hier ein Autor die dramaturgischen Möglichkeiten ausgereizt um den größtmöglichen Effekt zu erzeugen? Schauen wir den Realitäten ins Auge: Alle 47 Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch durch Suizid, alle 4 Minuten macht ein Mensch in Deutschland einen Suizidversuch, mehr als 11.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr durch Suizid. Angesichts dieser Zahlen muss man dem Autor einen echten Realitätssinn bescheinigen. Mit zwei Selbstmorden in einer und einer halben Stunde hält er sich sogar an die Statistik.

Der Grund ist brüchig, auf dem wir den Balanceakt vollführen, der sich Leben nennt. Katrin Gerheusers Bühnenbild spiegelte das deutlich wider. Der gesamte Bühnenboden bestand aus aufgebrochenem marodem Asphalt. Mehr bedurfte es nicht! Darauf vollführten die zehn Darstellerinnen und Darsteller ihren Krieg gegeneinander und ihren Selbsterhaltungskampf, der Menschlichkeit weitestgehend vermissen ließ.
 
   
 

Uwe Kosubek, Milan Pešl, Mykola Bogdanow, Leonid Semenov, Nadja Saeger

© Hilda Lobinger

 

 

Die Geschichte ist sehr komplex. Jana (Melina von Gagern) ist eine sensible Frau, die im Firmenmobbing nicht besteht und erfüllt von Todessehnsucht der Realität zu entfliehen versucht. Ihr Partner Hendrik (Markus Fisher) überschüttet sie mit seinem Positivismus und gebärdet sich wie ein Motivationstrainer. Dabei hat er sie längst verraten und beschläft einmal in der Woche (mehr rituell als sexuell) Sophia ( Nadja Saeger). Die wiederum weiß gar nicht, warum sie diese körperliche Beziehung pflegt. Sie wartet ab, um den Grund herauszufinden. Ihre Verlorenheit gipfelt darin, dass sie gar nicht erst bereit ist, ein Leben zu gestalten. Sie wartet darauf. Marian (Milan Pešl), selbst potentieller Suizidkandidat, verhindert Janas Selbstmord, ist aber zu keiner Beziehung mit der Frau fähig. Der Grund liegt im Elternhaus (Marion Niederländer, Leonid Semenov), das behauptet, "doch alles getan zu haben". Dabei ist seine Persönlichkeit auf der Strecke geblieben. Marian ist Bankrotteur. Er ist auf verhängnisvolle Weise der "Alles ist möglich!"-Mentalität des heutigen Neoliberalismus aufgesessen. Nelly (Daniela Voß) ist Teenager, flieht vor der verbiesterten Mutter (Dunja Bengsch), sucht Einen, der mit ihr geht und träumt vom schmerzfreien Tod, den es in Holland oder Belgien zu kaufen gibt. Am Rande des Geschehens reflektieren Richie (Mykola Bogdanow) und Michael (Uwe Kosubek) ihre wirtschaftliche Erfolglosigkeit. Ihr osteuropäischer Akzent ist dabei kein Klischee, sondern eine weitere reale Facette im Gesellschaftsbild.
Wenn sich die Figuren begegneten, zelebrierten sie die perfekte Welt oder versuchten es zumindest. Der Schein blieb gewahrt, auch wenn sich der Angstschweiß breit machte.

Claus Peter Seifert war einmal mehr ein exzellentes Händchen für Besetzungen beschieden. Alle Darsteller brillierten und heraus kam ein wunderbares Ensemblespiel. Der Regisseur überwand die (ungerechtfertigte) Bescheidung des Autors und schuf ein Abbild, ein düsteres zudem. Ohne einen solchen Anspruch zu behaupten, ließ er die Schauspieler ihre Geschichten erzählen und leben, gelegentlich auch exzessiv. Die Schicksale der einzelnen Figuren wurden geschickt miteinander verknüpft und heraus kam eine Gesellschaft, die gemeinsam im scheinbar unaufhaltsam dahinrasenden Zug sitzt, der durch einen Tunnel jagt und an dessen Ende kein Licht ist.

Robert Woelfl ist kein Apokalyptiker. Er sieht nur die Zeichen der Zeit. Und "Wehe dem, der die Zeichen sieht und sie nicht deuten kann." (Samuel Beckett) Regisseur Seifert war mit dieser Inszenierung ein Deuter.


Wolf Banitzki

 

 


Retten - Zerstören

von Robert Woelfl

Dunja Bengsch, Melina von Gagern, Marion Niederländer, Nadja Marie Saeger, Daniela Voss, Mykola Bogdanov, Marcus Fisher, Uwe Kosubek, Milan Pešl, Leonid Semenov

Regie: Claus Peter Seifert
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