Halle 7 Liebe ist nur eine Möglichkeit von Christoph Nußbaumeder


 

 
Man(n) spricht Deutsch

Eine Dorfkneipe irgendwo in Deutschland. Die Theke bevölkert von den üblichen Verdächtigen. Wirt Günther (Leonid Semenov) - oder besser gesagt Gattin Eva - bewirtet seine Kumpane, es fließen reichlich Bier und Selbstgebrannter. Noch ist die Welt von Werner, Bernhard und Holgi in Ordnung in Markus Schlappigs Inszenierung von Christoph Nussbaumeders "Liebe ist nur eine Möglichkeit". Man ahnt, dass sich dies, wie es sich für ein kritisches Volksstück gehört, bald ändern wird.

Katrin Gerheuser ( Bühne und Kostüme) verwandelt die darkBOX mit Hilfe von Teppichfliesen, beiger Tapete und diversen, teils abenteuerlich aufgetürmten Couchgarnituren in einen Spielplatz für die tumbe Dorfgemeinschaft. Im Laufe des Abends wird diese mit vereinten Kräften den beiden Außenseitern den Garaus machen, die es wagen, ihr Glück abseits der ihnen zugeschriebenen Rollen zu suchen. Bernhard (Jens Wassermann gelingt der Wandel vom naiven Gutmenschen zum frustrierten Affektmörder nicht ganz) und Graziella (Alexa Wilzek zunächst dauerlächelnd, gegen Ende desillusioniert) erwartet kein Happy End, auch wenn es zunächst so aussieht.

Sie beide sind Randfiguren einer Gesellschaft, die ihre eigenen Regeln hat. Bernhard wird geduldet, so lange er sich von seinen Freunden und dem herrisch-rechtslastigen Bruder Gerd (Martin Herse) bevormunden lässt, Graziella von Anfang an für ihr Eindringen in den Mikrokosmos Dorf geächtet. Die plüschige Sofa-Trutzburg im hinteren Teil der Bühne gewährt nur kurz Schutz für den (noch nicht enttarnten) Analphabeten und seine mangels williger weiblicher Alternativen aus dem Katalog erworbene Liebste.

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Auch wenn es mit der Verständigung zunächst nur bedingt klappt - Bernhard referiert auf Deutsch über die ideale Abspül-Temperatur, Graziella klärt mit englischen Phrasen über die patriarchalischen Strukturen ihrer Heimat auf - kommt man sich schnell näher (obgleich die im Programm verkündete tiefe Liebe der beiden auf der Bühne zuweilen etwas blass wirkt). Die Hochzeit folgt auf dem Fuß.

Das Glück der frischgebackenen Eheleute ist jedoch nur von kurzer Dauer. Der kollektive Unmut der Dorfgemeinschaft ist Auslöser für einen Strudel aus Lügen, Gewalt und (moralischer) Erpressung, aus dem es kein Entkommen gibt. Kommunikation wird zur Unmöglichkeit, obwohl Graziella in der zweiten Vorstellungshälfte Deutsch spricht. Gatte Bernhard plagen angesichts ihrer zaghaften Emanzipationsversuche (Arbeit als Putzfrau!) Verlustängste denen er, von Vater und Kumpels bestätigt, mit Alkohol und Aggression begegnet: "Frauen müssen ab und zu schlecht behandelt werden".

Sympathiepunkte sammeln sie nicht an diesem Abend, die markigen Männer. Schlappigs Frauenfiguren sind jedoch keinen Deut besser. Weit entfernt von der Opferrolle (Graziella einmal abgesehen) tragen sie ihr Gutteil zur miefig-angespannten Atmosphäre bei. Dreck am Stecken haben sie alle: Macho Günther, Stammtisch-Nazi Gerd, der schwule Holgi (!), der sich nicht zu outen wagt, die blonde Dumpfbacke Susi (Susanne Muhr), die Ex-Freund Werner ein Neugeborenes unterjubelt, das nicht nur schwarze Haare hat... Nussbaumeder greift tief in die Klischeekiste. Tragisch nur, dass er damit der Realität häufig näher kommt, als einem lieb ist. Etwas mehr Biss hätte Schlappigs Inszenierung angesichts dieses alltäglichen Wahnsinns durchaus nicht geschadet.

Das Ende ein (Liebes-)Drama: Holgi denunziert Bernhard als Analphabeten und bezahlt mit dem Leben dafür, dass er seiner homoerotischen Leidenschaft letztendlich freien Lauf lässt. Von Graziella bleiben nur eine Abschiedsnotiz, die ihr Mann nicht lesen kann und eine Stimme aus dem Off.
Stadtleben hat offensichtlich seine Vorteile. Applaus.

 
Tina Meß

 

 


Liebe ist nur eine Möglichkeit

von Christoph Nußbaumeder

Jens Wassermann, Alexa Wilzek, Martin Herse, Karen Heim, David Scholz, Leonid Semenov, Elda Sorra, Robert Sachsenhauser, Wolf E. Rahlfs, Susanne Muhr, Franziska Piesche

Regie: Markus Schlappig
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