Halle 7 Protection von Anja Hilling


 

 
Zwischentöne

Die Musik ist es, die die Gefühle der Menschen wiedergibt und die Finger von Hadi Alizadeh  machten diese hörbar. Sein virtuoses Spiel an der persischen Trommel Tonbak und der Rahmentrommel Daf erfüllte die Dark Box. Kräftig oder zärtlich, schnell oder verhalten entlockte der grandiose Musiker den gespannten Häuten die Töne. Die Klänge bewegten sich durch den Raum, wie sich die Gefühle unter der Haut des Menschen bewegen, wie die Schauspieler sich zur Musik bewegten und durch ihre Mimik, ihre Haltungen die Gefühle der Zuschauer bewegten. Die Musik ist es, die ohne Worte verbindet und Stimmung wiedergibt. Mit seinen Interpretationen vervollständigte Hadi Alizadeh das Werk von Anja Hilling.

Ebenfalls in der Luft wie unter der Haut liegen die Verbindungen. Die Suche und Sehnsucht nach Begegnung  und deren Scheitern, deren Unmöglichkeit des Bestandes über den ersten Augenblick hinaus, fasste die Autorin in das dreiteilige, 2005 entstandene Werk Protection. Alle Zusammentreffen beschwören den Schmerz herauf - Krankheit, Unfall, Trauma – der Schmerz zieht an und steht doch der Verbindung entgegen. Es sind Menschen der Großstadt, des Heute, sie monologisieren, erzählen episch von ihren Wegen, von ihren Wünschen und von den Wahrnehmungen. Ihnen gibt Anja Hilling das Wort. Ihre Sprache ist direkt bis fäkal und doch wiederum auch voller poetischer Bilder. Regisseur Claus Peter Seifert  verflocht die drei Geschichten zu  einem stimmigen Handlungsstrang und parallel laufenden Szenen. Cäcilia Müller und Claudia Radowski zeichneten für die karge, doch ausgewogen gestaltete Bühne und die Ausstattung verantwortlich. Ein Band zog sich durch den Raum, es war Straße, Disco und Hinterhof. Dahinter die Bilder der Stadt: Straßenzüge, oder der Lauf der Isar wurden an die Wand projiziert. Rauch zog aus Schornsteinen, von Lagerfeuern, verband sich mit den Klängen des Raumes, spiegelte die Träume der Protagonisten. „Am Anfang war die Sache mit der Haut.“

 
  protection  
 

Anna Veit, Petra-Lina Schulze, Nina Ahlers, Jutta Masurath, Marc Hinkel

© Hilda Lobinger

 

 

In Protection beobachtet Ross Lucy, die mit ihrem Kontrabass zwischen zwei U-Bahnstationen die Tage verbringt. Über ein Jahr lang folgt sie ihr auf allen Wegen, „hat ein Auge auf sie“, so erzählen sie, bis Lucy krank wird und Ross sich vorsichtig nähert. Jutta Masurath spielte die Lucy, eine herbe Unberührbare, die ihre Verletzlichkeit in eine Tasse spukt, um sie Ross zu zeigen. Bis zum Ende, dem Ende im schwarzen mit blauem Samt ausgeschlagenen Kasten des Kontrabasses, gelang ihr die Gratwanderung in der Darstellung von Freude, Sehnsucht und Abweisung. Ross, eine Trinkerin, sucht die Aufmerksamkeit von Lucy zu gewinnen, streicht um sie herum, beschützt sie mit den Augen. Anna Veit gab die Streunerin Roswitha mit einer Mischung aus Aufmerksamkeit und stummer Hilfsbereitschaft. „Ich bin Ross“, lauteten die einzigen Worte die sie an Lucy richtete. Die Träne über den Verlust zeichnete eine schwarze Spur auf ihr Gesicht.

In Phantome treffen Anna-Maria und Ann-Marie in einer Disco aufeinander. Anna-Maria erkennt die andere sofort wieder, doch Ann-Marie verweigert das Erkennen. Der Schmerz ist zu fest im Fleisch verankert und ihre weiße Leinenhose über der Prothese bezeugt einen Unfall. Anna-Maria, Nina Ahlers spricht Ann-Marie, Petra-Lina Schulze, an. Sie sind einander Spiegel und Erinnerung, Sehnsucht und Verzweiflung. Das Unabänderliche steht zwischen ihnen. Petra-Lina Schulze überzeugte mit ihren Tänzen und dem Schwanken zwischen Gefühlsausbrüchen und Zurückgezogenheit. Nina Ahlers verfolgte erst verständnislos und dann neugierig Ann-Marie. Erst als diese die neun Meter bis zur Türe humpelte, stand Begreifen in ihrem Gesicht.

Nazifes Augen erfassen Leon durch den Türspion. Der Mann, er trägt einen Rock und eine Tulpe in der Hand, ist auf dem Weg zu einer Party. Er hat sich im Hausflur geirrt und Nazifes Augen ziehen ihn an. Am nächsten Morgen, nach dem Fest begegnen sie einander wieder im Hof und es kommt zu einer raschen Annäherung, die einen Alptraum auferstehen lässt, welcher aus Nazife hervorquillt. Annika Reinicke stellte die junge Frau dar, auf der Suche nach Begegnung. Sehnsüchtig und munter, einladend und krass waren das Spiel ihres Körpers und des Gesichts. Leon, sensibel der Anziehung von Nazifes Augen folgend, unsicher und sich doch der Unausweichlichkeit bewusst, wurde nuanciert von Mark Hinkel gespielt. Seine Haltung spiegelte in jeder Phase die vieler junger Männer im Heute, denen die Angst vor dem Scheitern im Moment der Begegnung bewusst ist, und die dennoch auch Auslöser sind.

Es war eine gelungene, vielschichtig ansprechende Inszenierung, die den Weg auf die Bühne der Black Box fand. Das variantenreiche Spiel der Darsteller, die virtuose musikalische Betonung und eine feinsinnige Regie, welche die inneren Vorgänge der Zerstörung an einem Strauß Tulpen verdeutlichte, machten den Abend zu einem umfassenden Theatererlebnis.
 
 
 
C.M.Meier

 

 


Protection

von Anja Hilling

Nina Ahlers, Mark Hinkel, Jutta Masurath, Annika Reinicke, Petra-Lina Schulze, Anna Veit
LIve-Percussion: Hadi Alizadeh


Regie: Claus Peter Seifert

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