Pasinger Fabrik Ludwig/2 von Gustavo Bicalho


 

 

Der Schritt weiter

„Der Schatten eines Mannes der ins Wasser steigt“ war Anfangs- und Endpunkt für Ludwig/2, der, als säße er erzählend auf dem Gipfel eines Berges, den Mythos vor die Augen der Zuschauer rief - den Starnberger See, und heute damit verbunden das Kreuz in Ufernähe, den Wald und die Votivkapelle. Wie aufsteigende Nebel begannen sich zahllose Bilder aus der Historie von Ludwig II zu ranken, kreierten eine Legende.

Es war dunkel auf der Bühne, leichte weiße Nebel stiegen aus der Tiefe. Auf dem Tisch lag reglos eine dunkle Gestalt. Als diese sich erhob, brachte sie, unterstützt von einem weiblichen und einem männlichen Wesen Schöpfungsgeschichte hervor, gemeinsam hoben sie „die Gemütlichkeit der Dunkelheit“ auf. Ludwig/2 in schwarzem Ledermantel, mit wildem Haar war sichtlich ein Wesen aus einer Parallelwelt im Heute. Die Vergangenheit des Königs erstand aus ihm in der Gegenwart, martialisch und doch feinen Gefühls trat er in den Briefwechsel mit seiner Cousine Sophie. Manoel Madeira verkörperte Ludwig/2 als einen leidenschaftlichen Träumer, der aufging in der Musik Wagners, nach dem Ideal der Liebe neugierig emphatisch suchte. Ihm gegenüber stand Dai Fiorati als Sophie, ebenso begeistert wie sensibel in ihren Reaktionen auf Verlobung und Hochzeitstermin, wie auf die Musik Wagners in ihrem Inneren. Doch die Liebe geht stets ihre eigenen Wege, und so traf Ludwig/2 auf Richard, zeitgemäß in einer Disco. Es klang höllisch laut im Bühnenuniversum, als Zeichen für (seinerzeit) wohl verpönte Begegnung. Andreas Mayer stellte einen respektvoll sinnlichen Liebhaber Richard dar, der sich letztlich doch der Konvention und der Laune des Königs beugte. In den Erfahrungen und Enttäuschungen zum Visionär gereift, gab Ludwig/2 sich der Fantasie und darin der Planung seiner Schlösser hin. Zurückgezogen und schließlich misshandelt im Kerker einer Gesellschaft, zuckend dem Lichte der Öffentlichkeit präsentiert, entschloss er sich zum letzten Bade.

Gustavo Bicalho gelang mit dem Werk ein außergewöhnliches Stück Theater, einen Mythos in der Gegenwart zu schaffen und die zeitlosen Beweggründe im menschlichen Wesen herauszustellen. In Konzept und Dramaturgie ist ein Künstler erkennbar, der dem Wesen Ludwigs wohl verwandt, sein umfassendes Wissen und seine Fantasie in Realität überführt. Als Regisseur führte er gemeinsam mit Daniel Belquer, der auch für Musik und die sinnfälligen Videoaufzeichnungen wie –projektionen verantwortlich zeichnete, die Darsteller in eindrückliche Szenen. Die Grenzen zwischen anerkannter Gesundheit und Krankheit lösten sich sichtbar als menschliche Welt in Gesamtheit auf. Woran ist ein Anfang, ein Ende zu erkennen, wenn diese doch stets in einem Punkt verschmelzen?

  Ludwig2  
 

Dai Fiorati, Manoel Madeira

© Artesanal

 

„Es war der Mensch, der Gott erfunden hat“ um ihm zu huldigen und wohl um sich frei zu sprechen von der Verantwortung. Fast könnte man meinen es hat funktioniert bislang, wären da nicht die Kriege um die einzig wahren Gottesbilder, die vielen vielen folgenschweren Irrtümer und das Schweigen Gottes dazu. Aufklärung, der Wert der Ideale und die Natur bildeten eine zweite Ebene im Werk. Denn vielmehr ist es ein „Traum vom Bewusstsein der Welt“ welcher in unzähligen Formen Gestalt annimmt, von Wesen mit scheinbar unterschiedlichen Anliegen in Bewegung gehalten wird. Die Liebe bildete und bildet den Mittelpunkt der menschlichen Welt. Um sie und um alle mit ihr verbundenen Vorstellungen kreist diese. Mit ihr der Mensch, der Mensch Ludwig, der König. Jenseits der grob materiellen Form sind alle Wesen die sich gegenüberstehen gleich, gleichermaßen „dürsten sie nach Freiheit“, gleichermaßen suchen sie „Einsamkeit und Finsternis zu entkommen“.  – Das Wesen im Mittelpunkt der Darstellung.

Der Versuch einer menschlichen Annäherung und das Bild Ludwig II. im Jenseits, der in Bayern staatlich legitimierten Geschichte, wurden in dem Stück gestaltet. Intelligent und intensiv, das sind die beiden Worte, die den Kern der ungewöhnlichen Inszenierung ausmachten. Dem Ensemble gelang vieldimensionale Bereicherung auf der Bühne ... vale a pena ver

 

C.M.Meier

 

 


Ludwig/2

von Gustavo Bicalho

Ein fremder Blick auf den Mythos
Inszenierung von der Artesanal Cia. de Teatro aus Rio de Janeiro

Manoel Madeira, Dai Fiorati, Andreas Mayer

Regie: Gustavo Bicalho, Daniel Belquer

Pasinger Fabrik Tartuffe von Moliére


 

 

Glänzend, blendend

... und das, wie gewohnt, im Rahmen der Scheinheiligkeit in einer dem Feudalismus huldigenden Gesellschaft. Vor etwa 400 Jahren gestaltete man mit Blattgold die Rahmen der Bilder in denen man sich zur Schau stellte, die Verzierungen an den Wänden und Tischen, die Griffe der Türen, die sich die Aristokraten in die Hand gaben und die von Dienern geputzt werden durften. Die Komödie um einen Betrüger, die Vorspiegelung von eitler Selbstgefälligkeit und das in einer Zeit in der so viele Wände von Spiegeln geziert werden, die die Aufmerksamkeit einfangen, lenken und die von Dienstleistern geputzt werden dürfen, heute zu spielen drängt sich geradezu auf.

Im Hause einer wohlhabenden Bürgerfamilie wird Tartuffe, ein verarmter Adeliger aufgenommen. Seine umfassende Frömmigkeit überzeugt den Hausherren Orgon, der geblendet bis zum Äußersten geht und dem Mann nicht nur das Haus überschreibt, sondern auch die Tochter Mariane zu Frau geben will. Doch Mariane liebt Valére und Tartuffe ist an Orgons Gattin Elmire interessiert. Und schon dreht sich das Karussell. Elmire erkennt Tartuffes glänzend kaschierte Absichten, doch um Orgon von den unlauteren Absichten zu überzeugen braucht es Beweise. Doch, was, wenn sich die Neigungen verschieben und Mariane Valére für Tartuffe verlassen würde? Und wäre da nicht die Dienerin Dorine mit dem Herz am rechten Fleck, so fehlten Leichtigkeit und Fröhlichkeit. Denn mitten im Spiel trat die Regisseurin Katalin Fischer vor das Publikum und erklärte, dass die Rolle des Cléante, die Stimme der Vernunft, aus Kostengründen nicht besetzt werden konnte. Es sei immerhin nur eine kleine Nebenrolle, also entbehrlich. Das Publikum möge ein Einsehen haben ... Zu Beginn zündete Dorine, Yasmin Afrouz, ganz pflichtbewusst die Kerzen des fulminanten Leuchters an, welcher die Raummitte schmückte, im Zentrum des, im Lichte erstrahlenden, Rahmens hing, der die Bühne bildete. Andreas Kloker hatte mit Einfallsreichtum und Improvisationstalent die ultimative Kulisse entworfen – es glänzte, blendete. Als Tartuffe, Fabian Weiß auftrat, wirkten Spiel und Requisite geradezu perfekt zusammen. Allein für dieses Bild hätte sich der Besuch der Vorstellung schon gelohnt. Doch damit nicht genug. Klaus Wächter spielte Orgon als  bigotten Gläubigen, dem die Regungen in ihrem raschen Wechsel nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben standen. Zumal wenn sich seine sittsame Frau Elmire, Gabi Fischer, von ... sichtlich angetan, gerne von ihrem Korsett befreien ließ. Allein Mariane, Bettina Setoodeh-Balg, war und blieb die Unschuld bis zum Ende auf die rot geschminkten Backen geschrieben. So hatte es die Regie verstanden alle Darsteller glänzend in Position zu setzen und das mit einem wahrhaft echten Text, der Interpretationen geradezu herausfordert.

  TartuffeNoah-Cohen  
 

Gabi Fischer, Klaus Wächter

© Noah-Coen

 


Die Scheinheiligkeit mit der Worte, Heilsätze, zu Egotrips dienen, hat eine lange lange Tradition. Das Selbstverständnis mit dem in barocker Kostümierung zeitlose Gesellschaftsprobleme angespielt wurden, war blendend. Die erkennbare Scheinheiligkeit mit der erlauchte Haltung, die als gottgegebene Lebensregel demonstriert wurde und in der sich doch nur Egomanen hervorstellen (die Frauen bestimmte Rollen zugestehen) wirkte glänzend. Kurzum, der amüsante Zauber einer Komödie wurde als gelungener Angriff auf das Zwerchfell des Zuschauers entfaltet.

 

C.M.Meier

Weitere Vorstellungen 29. + 30. Mai ...

 


Tartuffe

von Moliére

Die Virtuelle Companie

Yasmin Afrouz, Bettina Setoodeh-Balk, Gabi Fischer, Fabian Weiß, Klaus Wächter

Konzept und Regie: Katalin Fischer

Pasinger Fabrik Die Defekte nach Eleonora Mazzoni


 

 

Das Problem der Tage

In einer Welt, die sich um Wissenschaft, Perfektion und Individualismus dreht, in der die Erfüllung des persönlichen Lebenstraumes den Mittelpunkt bildet, werden die naturgegebenen Grundlagen zu gerne als Störfaktoren gewertet. Die Natur folgt ihren eigenen Spielregeln und so sehr der Mensch diese auch zu ergründen und manipulieren sucht, er scheitert. Der Kernsatz könnte lauten: Design oder Nichtsein.

Das nach dem Roman von Eleonora Mazzoni gestaltete Theaterstück „Die Defekte“ erzählte „Vom unerfüllten Kinderwunsch und der Reise zum Ich“. Eleonora Mazzoni, geboren 1965, studierte Literatur in Bologna, arbeitete erfolgreich als Schauspielerin und brachte, nach eigener Aussage auch persönliche Erfahrungen in den Text ein. Sie äußerte dazu: „ ... ist aber in erster Linie ein Buch über unerfüllte Sehnsüchte.“  Sehnsucht und Hoffnung sind die Zugpferde des Materiellen. Und wer sie für sich zu nutzen versteht, erreicht das eine oder andere Ziel auf dem Weg, oder ist aber doch nur ein Programmpunkt im Geschehen welcher funktioniert.

Es begann mit dem Anforderungskatalog aus dem Leben einer Frau. Wonach soll sie streben, was muss sie tun, um glücklich zu werden und gesellschaftlich anerkannt?! Ein Programm erstand und die Protagonistin Clara stieg auch sogleich ein dieses in Realität umzusetzen. „Stärke und Mut“ braucht es um voran zu kommen. Die Worte gaben ihr Mutter und Großmutter mit. Als „Die Perfekte“ betrat Doris Gruner die Bühne. Selbstbewusst und hocheffizient legte sie die Beweggründe Carlas vor, schilderte sie die Hormonwechsel und deren Bedeutung. „Ich hasse Verspätungen. Bis auf eine.“ Das Problem der Tage, in der einen oder anderen Auslegung, hat wohl schon jede, jede Frau bewegt, und damit naturgegeben indirekt auch jeden Mann. Doris Gruner gelang es mit feinen Gesten, mit dezenten Andeutungen den Text zu unterstreichen und berührende Situationen, Stimmungen zu zaubern. Es war ein ausgewogenes Konzept, welches der Aufführung zugrunde lag und die Entwicklung in vier Akte gliederte. Dazu unterstrich passend die Kleidung Carlas – weiß, schwarz, schwarz/weiß – während dazwischen die Musik Fazit zusammenfasste. Carolin Schiebel brachte scheinbar selbstvergessen den Song von der Lebensreise, live Blues. Die Möglichkeiten des Theaters ausschöpfend gelang Regisseur Guido Verstegen nachhaltige Wirkung, nicht zuletzt mit überraschenden Lichteffekten (Franz Acs).

Reagenzgläser hingen von der Decke, Schnuller und Injektionshüllen und ein paar Fotos aus der Vergangenheit. Und auch die Worte Senecas „ Rette dich dir selbst“,  baumelten wohl als Sätze eines Vaters, als Parole der aktuellen Zeit im Raum. An der Wand die Buchstaben IVI IVF ICSI ... „... gebt nicht auf ...“  schrieben sich die Frauen im einschlägigen Chatroom gegenseitig zu. Dabei sind es gerade mal 10 Prozent, bei denen die medizinischen Aktionen künstlicher Befruchtung zu Erfolg führen.

Es war eine bewegende Inszenierung, die den Stellenwert einer – zur fixen Idee – gewordenen Vorstellung betonte und damit das Problem aus dem Bauch der Frau auch auf den Rest der Welt übertrug. Die Beobachtung, die Analyse, der Vergleich, der Manipulationsansatz, der Versuch ... das Ergebnis. Überall ist es offensichtlich, ist es - das Problem der Tage. Und wer denkt, es wäre allein das Problem der Frau, der hat noch nie einen Mann in seiner machtvollen Geschlechtsfixierung wahrgenommen. Es sind „Die Defekte“ die uns wirklich verbinden, die unsere Verletzlichkeit offensichtlich machen, die zu Erheiterung beitragen.

Und die Heiterkeit nahm durchaus ihren berechtigten Platz ein, in dem Stück um den weiblichen Schöpfungswahn.

 

C.M.Meier

 

 


Die Defekte

nach Eleonora Mazzoni

Doris Gruner
Musik: Carolin Schiebel

Regie: Guido Verstegen

Pasinger Fabrik Salome von Oscar Wilde


 

 

Opfer des Begehrens

Oscar Wilde war Enfant terrible des ausgehenden 19. Jahrhunderts und doch nur einer von vielen. Seine Sehnsüchte und sein Gebaren führten dazu, dass die englische Gesellschaft ihn bestrafte, einschloss. In seinen Werke spiegelt sich die Diskrepanz zwischen Natur und Kultur, die Abgründe in denen sich die Gelüste und Einbildungen, sowie deren Eskalation, sammeln. Der Natur ist es egal, ob das eigene Kind oder ein anderes Tier zur Selbstbestätigung der Triebe dient, sie ist stets opportun. Allein die Gesetze der Menschen, welche im Zuge der Kultivierung und Zivilisierung entstanden sind, stellen die Regeln, denen zu folgen den Menschen vom Tier unterscheidet. Die Bibel ist eine der Urschriften des aufkommenden Patriarchats und ihre Geschichten, wie die Mythen der griechischen Antike, sind zeitlos. Ihre Interpretationen jedoch folgen den Veränderungen in den Zeiten und den moralischen Betrachtungsweisen. Als der Einakter von Wilde erschien, bewirkte der Inhalt einen Eklat. Heute ist er Alltag und als verbindendes Element wirkt die Dekadenz, welche in beiden Zeiten die gesellschaftlichen Höhepunkte setzt.

Salome, die Tochter der berechnenden Herodias, erwacht zur Frau. Sie erprobt, angeleitet durch das Verhalten der Mutter, ihre Wirkung an dem jungen Soldaten Narraboth, dem Wächter des Propheten Jochanaan, welcher in einer Zisterne gefangen sitzt. Salome, von dessen Stimme angezogen, umgarnt Narraboth um den Propheten zu sehen. Der Wächter vernachlässigt seine Pflicht und sucht anschließend den Tod. Auch der Stiefvater Herodes Antipas erfreut sich an dem schönen jungen Körper Salomes und ist bereit für einen Tanz sein Königreich zu geben. Doch die junge Frau begehrt Jochanaan, ... und sei es dessen Kopf in einer Silberschüssel.

Die Aufführung empfing die Zuschauer im Foyer und führte mit dem Vortrag des Chanson „Salome“ durch Ètienne Gillig direkt ins Bühnengeschehen. Es waren Wiedererkennungselemente aus Reality-Soaps, die den Stoff ins Heute übertrugen. Die taffe dominante Mutter, der zerrissene haltlose Stiefvater, die trotzig verwöhnte eigenwillige Göre – ein ganz normale Familie, die so tat, als ob alles nur Unterhaltung wäre. Im Hintergrund erschien der Prophet auf der Leinwand, der gefürchtete (gefeierte), allgegenwärtige und doch unerreichbare Star, Zielpunkt von unzählbaren Sehnsüchten, Projektionen und Illusionen. Er glich der Ikone Marylin Manson und eine Art von asketischer Heiligkeit (was nur zu gerne mit Liebe verwechselt wird) triefte unverkennbar aus dem Videobild. Die Träume der Teenager, gerichtet an Sterne des Selbstinzenierungshimmels, sind unerfüllbar, bleiben Träume. Die Realität folgt den alten, immer gleichen Mustern. Regisseurin Ilona Zindler setzte das Theaterstück als Psychogramm um, in dem die Mechanismen von Sehnsucht und Tod im Vordergrund standen. Gabriele Weller spielte eine von Gefühlen überfließende Salome. Jede Geste, jede Äußerung zeugte von der Kraft der Jugend. „Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan! ... aber du bist unerreichbar.!“ und ihre Finger zeichneten die Konturen des Gesichtes nach. Isabell Spitzner dagegen verkörperte die erfahrene, in allen Tricks und Launen bewanderte Herodias. Die Männer wissen lassen, dass man ihren Willen erfüllt und diese doch zum eignen Vorteil manipulieren, stand auf ihrer Fahne. Das glückt allemal. Ètienne Gillig war ein Unterdrückter, ein Unaufrechter unter Gesetz und Frau. Allein seinen Gelüsten zu frönen, schien ihn mit der Realität zu versöhnen, diese erträglich erscheinen zu lassen. Überzeugend gab der Schauspieler die Schwäche zu erkennen. Er wand und wand sich, seinem Eid zu entkommen und erst in der letzten Handlung, verschaffte er sich scheinbare Befreiung. Wie immer in der Geschichte war es der Anblick von Blut. Der „Tanz der sieben Schleier“  an diesem Abend hinterließ keinen nachhaltigen Eindruck. Das Regiekonzept verschenkte hier die Möglichkeit einzigartige Momente zu schaffen. Über nette und biedere Bewegungen kam die Choreografie nicht hinaus. Tanz, das ist ungleich mehr. Und gerade eben von dem Tanz der Geschlechter, dem Ausdruck des Lebenstriebes im Dasein, erzählt die biblische Geschichte.

Es ist das Unerreichbare, das fasziniert. Das Theaterstück, der Text vermittelt ebendiese Botschaft. Der Interpretation gelang dies nur in wenigen Momenten. Will Publikum wirklich sehen, was es kennt?


C.M.Meier

 

 


Salome

von Oscar Wilde

Étienne Gillig, Stan Holoubek, Isabell Spitzner, Gabriele Weller

Regie: Ilona Zindler

Pasinger Fabrik Tiny Kushner von Tony Kushner


 

 

 

Welcome to Amerika?

 

Die Radikalität mit der Tony Kushner einige grundlegende Miseren anspricht, ist typisch für den Gesellschaftsgeist der Großmacht. Die künstlerische Konsequenz mit der Nikolai Bogdanov die vier Einakter – Tiny Kushner – auf die Kleine Bühne der Pasinger Fabrik brachte, liegt nicht zuletzt in seiner, von den Vorfahren geerbten, Ursprungskraft. Tony Kushner, geboren in Manhattan, verkörpert den intellektuellen kritischen amerikanischen Geist und wurde als solcher mit einer Vielzahl von Preisen bedacht. Nikolai Bogdanov, Muttersprache Russisch, erhielt seine Ausbildung an der Universität für Theater, Film und Fernsehen in Kiew. In der Aufführung, hier in München in der Mitte Europas, fanden Osten und Westen zu einem sinnbildhaften Zusammenwirken besonderer Qualität. Die ansprechend artifiziellen Bilder, die auf der Bühne entstanden, veranschaulichten wie längst durch die Öffnung der Grenzen, die neue Globalisierung – welche der Schmelztopf USA bereits seit drei Jahrhunderten widerspiegelt - Identität und kultureller Ursprung sich verlieren, vermischen, Mensch sich auf den Existenzgrund zurückgeworfen findet.

 

Weiße Luftballons besetzten die Stühle des Zuschauerraums ...

 

Die Show beherrscht eine Gesellschaft. Alles ist Show, wird zu Show gemacht, verkommt in eine Show. Drei weiße Plattformen hingen über der Bühne. Der Entertainer Dominik Fenster führte professionell über die Regieanweisungen an Geschehen und Ort. Auf dem Mond hatte die große mulittalentierte Lucia Pamela ihre letzte Platte aufgenommen und hier begegnete sie, bereits jenseitig, Geraldine, Königin von Albanien. Verena Puhm und Beate Pitronik führten höchst weiblich frisch vor Augen, wie aus gelebter Geschichte, aus tragischem Schicksal universelle Unterhaltung entstehen kann. Amerika: alles reine Fantasie und die Behauptung von Happy End ...

 

Hendryk kommt seit fünf Jahren zu Esther. Längst ist die Beziehung über das konventionelle Verhältnis hinaus gewachsen, zumal ihre Lebenshaltungen einander gleichen, sich bedingen, ja befördern – die lesbische Psychoanalytikerin und ihr schwuler Patient. Klaus Ebert verkörperte existentiell anrührend einen in sich gespaltenen uneinigen Mann, der sich in der Liebe seines Freundes sonnte, aber auch den Kontakt, den Sex mit Esther suchte. „Wir sind ambivalent.“ T.K. Beate Pritroniks Esther war eine rational fortschrittliche Figur, und hing doch verzweifelt ihrer Bestimmung an. Was nützt das Wissen „Jede Liebe ist Übertragung.“ T.K., wenn im Innern eine Lücke klafft.  ...  Homophonie, Homonymisch, Homophobie ... Homo - spielt mit der eigenen Seite – entwickelt bisweilen Angst vor der anderen Seite. Sei es in einer gegengeschlechtlichen Person, sei es wohl auch in sich selbst. Im Hintergrund schwebten zurückgenommen die Partner, Verena Puhm als Dymphna und Dominik Fenster als Billybock. Ohne Seele sind die Einpoligen, die in sich Spannungslosen, die in die Mitte der Gesellschaft drängen und diese zersetzen. Ein Schlüssel zum Zerfall liegt hier – so legte die Psychoanalytikerin Esther am Ende des Aktes Hendryk den Schlüssel mit der Botschaft „Bitte abschließen.“  an die Brust. Symbolisch ...

 

 

  TinyKushner  
 

Verena Puhm, Beate Pitronik, Klaus Ebert

© N.Bogdanov

 

 

 

Was tun, wenn der Gesellschaftsvertrag nach Rousseau, auf den auch die amerikanische Verfassung aufbaut, nicht eingehalten wird? Das Spiel um Steuerhinterziehung und Steuertyrannei ist wohl von zeitloser Gültigkeit. „Man zahlt Steuern und wartet dann 27 Minuten auf die U-Bahn. Wozu zahlt man Steuern?“ T.K. In „Ostküstenode an Howard Jarvis“ brillierten Dominik Fenster und Verena Puhm in 13 verschiedenen Rollen. In kurzen Abständen wechselten sie nicht nur Kleidung und Habitus, sie wechselten auch in verschiedene sich doch differenziert unterscheidende Figuren. Nicht nur in diesen Szenen agierten Darstellung, Regie, Technik (Video: Lev Tyves / Bühne u. Kostüm: Kerstin Junge) und Stück  (Dramaturgie: Konstanze Messing) auf hohem künstlerischem Niveau. Der Index tendenziell steigend. Es herrscht der oftmals erprobte Mechanismus der Aktien: „Wenn viele Menschen arbeiten, fallen die Kurse. Arbeiten wenige, dann steigen die Kurse.“ T.K. ...

 

Die fadenscheinigen – „fad“ im Sinne von langweilig und bedeutungslos, „scheinig“ im Sinne von mit einem falschen Heiligenschein versehen – Argumente der ehemaligen Präsidentengattin Laura Bush bildeten den Kern eines wohlfährigen Besuchs bei irakischen Kindern. Nur, es waren die Seelen der im Krieg gemetzelten Toten, die gekleidet in hübsche Schlafanzüge vor dem Himmel ausharren, auf Erlösung warten. Beate Pitronik spielte unauffällig differenziert eine scheinbar in sich gefestigte Person im öffentlichen Rampenlicht, welche sich des Nachts an ihrer Lieblingslektüre und den Worten des „Großinquisitor“ von Fjodor M. Dostojewski festhielt, welche somit über kein eigenes Gewissen verfügte und deren Mann ungesundem dumpfem Schlaf huldigte. Drei Engel begleiteten Laura Bush, ein guter, ein böser und ein blutiger. Sie schwebten im Hintergrund und flüsterten der Frau die entscheidenden Glaubenssätze zu. „Es ist doch egal, ob andere den Fehler auch machen.“ T.K. Welch eine klein bigotte Welt ...

 

Weiße Luftballons besetzten die Stühle des Zuschauerraums ... Gleich unschuldigen Seelen konnte das Publikum der facettenreichen, den Kern hervor stellenden,  Inszenierung folgen und manche Erkenntnis aus den, mit spielerischer Leichtigkeit dargebotenen, Ausführungen ziehen. Die pointierten Texte Tony Kushners glänzten auch in der Übersetzung von Frank Heibert, sprachlich wie intellektuell. Traditionell geprägtes Theater as it’s best ...

 

 


C.M.Meier

 

 

 

 

 


Tiny Kushner

von Tony Kushner

Deutsch von Frank Heibert
Dominik Fenster, Klaus Ebert, Verena Puhm, Beate Petronik

Regie: Nikolai Bogdanov

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