Theater 44 Männergespräche - Men's Talk von Morten Feldmann




Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer kaufen Frauen
Das ist wohl eher weniger der Fall bei Sebastian, Hauptfigur in Morten Feldmanns Komödie "Männergespräche", die Eva Niedermeiser zum Spielzeitbeginn auf der kuscheligen Bühne des Theater 44 inszeniert. Im Kreise seiner Männerfreunde Malte und Jakob diskutiert der erfolglose Schriftsteller auf der von Hannes Schuller gar nicht kuschelig, sondern themengerecht im sterilen Yuppie-Look der 90er gestalteten Bühne seine Beziehungsprobleme. Anlass der Krisensitzung im Café ist Melanie. Bzw. Melanies Karriere. Diese geht im Gegensatz zu Sebastians steil nach oben, der Superjob als Lektorin in New York wartet bereits. Sebastian (etwas zu "schön": Sebastian Kalhammer) ist in diesem Szenario durchaus eingeplant, sollte er sich den Forderungen der Holden beugen. Der psychotische Kater braucht Ganztagesbetreuung, die neue gemeinsame Wohnung auch und falls der Kinderwunsch zu übermächtig wird, muss sich jemand um den Nachwuchs kümmern. Was für zahlreiche weibliche Gattinnen der Republik Alltag bedeutet, empört besonders Galerist Malte (Markus Fisher gibt den Chefzyniker), der sich um die Integrität seines Kumpels sorgt. Wo bleibt die Selbstverwirklichung, wo das Selbstbewusstsein?! Jakob (Jochen Strodthoff als gefühlsbetonter Katzenliebhaber), als Maler ebenfalls nur mäßig erfolgreich und dementsprechend finanziell gebeutelt, sieht das Ganze wesentlich pragmatischer: Karriereschub und Geldsegen im Gegenzug für treusorgende Gattenliebe, warum nicht?

 


Markus Fisher, Jochen Strodthoff, Sebastian Kalhammer

© Hilda Lobinger


Männer sind so ... verletzlich
Als Melanie ganz postfeministischer Klischee-Macho beginnt, sich mit ihrem jungen Assistenten zu vergnügen, bricht für den vom Sex-Saulus zum Hausmann-Paulus gewandelten Sebastian die Welt zusammen, Suizidversuch inklusive.
Von Eifersuchtsattacken, Weinkrämpfen und Selbstvorwürfen geschüttelt macht er Jakob das Leben zur Hölle, der sich wiederum bei Malte über die ihm aufgezwungene Rolle als Therapeut und Putzfrau (!) beschwert. Willkommen in der Frauenhölle. Feldmann, dem man seine Erfahrungen als Drehbuchautor anmerkt, bedient sich genüsslich zahlreicher Klischees des alltäglichen Geschlechterkampfes und verdichtet sie in schnellen, pointierten Dialogen. Der Wiedererkennungswert scheint gewaltig, betrachtet man die durchweg amüsierte Reaktion des Publikums. Eva Niedermeiser lässt ihre Schauspieler die jeweiligen Emotionen bis zum Anschlag ausspielen. Das ist manchmal fast zu viel des Guten, meistens aber unterhaltsam.

Männer haben's schwer und nehmen's nur manchmal leicht
Zu guter Letzt besinnt sich Sebastian mit Hilfe seiner Kumpane auf die ihm verbliebene Männlichkeit und verlässt die dominante Dame auf (Liebes-)Abwegen. Allerdings nur, um kurz darauf die nächste Angebetete zu präsentieren. Sybille heißt sie und ist - welch Wunder - erfolgreiche Architektin. Nächster Karrierestop Tokio, für den Lover wird sich auch dort ein Plätzchen finden. Was zu der nicht neuen, aber immer wieder ernüchternden Erkenntnis führt, dass Menschen sich nicht ändern (lassen). Das Premierenpublikum ließ sich die Laune jedoch keinesfalls verderben und applaudierte kräftig.



Tina Meß

 

 


Männergespräche - Men's Talk

von Morten Feldmann

Markus Fisher, Sebastian Kalhammer, Jochen Strodthoff

Regie: Eva Niedermeiser

Theater 44 Biografie: Ein Spiel von Max Frisch



 

Was wäre, wenn …

Es ist eine reizvolle Vorstellung, in den Stand versetzt zu sein, seine eigene Biografie zu ändern. Allerdings ist die Chance 50 zu 50, dass es auch gelingt. Vermutlich sind die Karten sogar noch schlechter. Immerhin könnte man sich angesichts der Geschichte von Max Frisch einige Hoffnungen machen, wenngleich die statistische Repräsentanz angesichts von nur zwei Akteuren sehr begrenzt zu sein scheint.

Hannes Kürmann (Hartmut Nolte), als Verhaltensforscher hat sich sein Name in vielen Fußnoten niedergeschlagen, möchte seine Biografie ändern. Er wünscht seine zweite Frau Antoinette Stein (Rena Dumont) aus seinem Leben zu tilgen. Das Spiel beginnt mit der ersten Begegnung der Beiden nach einer Feier anlässlich seiner Ernennung zum Professor. "Was tun mit einer Frau, nachts um 2 Uhr, die nicht geht?" "Sie haben die Wahl Herr Kürmann!" erinnert mit Nachdruck die Spielleiterin (Irmhild Wagner). Doch Kürmann landet wieder mit Antoinette im Bett und lässt am darauf folgenden Morgen das Frühstück für zwei Personen servieren. Allerdings ist das Erstaunen groß, als er aus seinem Dossier erfährt, das Antoinette ursprünglich gar kein Interesse an einer Fortsetzung der Geschichte hatte. Hannes Kürmann ist nicht in der Lage, seine Biografie zu verändern und wenn doch, dann nicht zu seinem Vorteil. Das Ende ist dennoch verblüffend.



Rena Dumont, Hartmut Nolte

© Hilda Lobinger


Max Frisch hatte vermerkt: "Nicht die Biografie des Herrn Kürmann, die banal ist, sondern die Tatsache, dass man mit der Zeit unweigerlich eine Biografie hat, ist das Thema des Stücks, das die Vorkommnisse nicht illusionistisch als Gegenwart reflektiert. (…) Ich habe es als Komödie gemeint!" Als eine solche kann man sie im Theater 44 erleben. Darüber hinaus macht der dramaturgische Dreh- und Angelpunkt nachdenklich, der da lautet, was wäre wenn …?

Max Frisch hat natürlich untertrieben, wenn er auf das Thema verweist. Diese feinsinnige Komödie könnte den Zuschauer immerhin dazu verführen, die eigene noch kommende Biografie bewusster zu gestalten. Regisseur Horst A. Reichel legte es zumindest darauf an. Die Spielleiterin und ihre Assistentin (Anne C. Rommel) agierten aus dem Publikum heraus, quasi aus der gleichen Perspektive wie der Zuschauer. Auch Hannes Kürmann startete sein Spiel aus dem Parkett, nachdem ihm die Spielleiterin sein Versagen vor Augen geführt hatte. Das ist eine neue und gelungene Konzeption, kennt man doch das kleine Kellertheater immer nur als Guckkastenbühne mit der vierten Wand. Regisseur Reichel hatte sie in dieser Inszenierung verschwinden lassen. Die Übergänge waren fließend und alles war sichtbar. Eine immer aufs neue inszenierte Biografie erzeugte eine allumfassende Theatersituation, die aber gleichsam reales Leben als Laborversuch zelebrierte. Hier entdeckte man gemäß Max Frisch, was es tatsächlich bedeutet, eine Biografie zu haben.

Hartmut Noltes Kürmann war vielschichtig, kein Verlierer schlechthin. Sein Witz brach nicht selten die Bitterkeiten, die hinter der Geschichte lauern. Irmhild Wagner spürte man deutlich an, dass Sie schon häufig hinter dem Regiepult saß. In dieser Inszenierung gab sie eine kühle, abgeklärte Spielleiterin, die an den passenden Stellen menschliche Wärme nicht vermissen ließ. Rena Dumont spielte die Antoinette Stein anfangs sehr zurückhaltend charmant, was ihre Wandlung angesichts der in Nuancen veränderten Biografie überzeugend machte. Bemerkenswert auch die Leistungen der Assistenten, gegeben von Anne C. Rommel und David Scholz, die sämtliche zusätzlichen Rollen übernehmen mussten. Beide verfügen über ein gutes Repertoire darstellerischen Ausdrucks.

Wieder einmal ist es Horst A. Reichel gelungen, heiteres und unterhaltsames Theater mit Tiefgang zu machen.


Wolf Banitzki

 

 


Biografie: Ein Spiel

von Max Frisch

Hartmut Nolte, Rena Dumont, Irmhild Wagner, Anne C. Rommel, David Scholz

Regie: Horst A. Reichel

Theater 44 Gatte gegrillt von Debbie Isitt




Lachen nicht leicht gemacht

Kenneth ist seit fast 10 Jahren mit Hilary verheiratet. Auf einer Party lernt der "Löwe" Laura kennen. Die Umstände begünstigen es, dass er Laura nach Hause bringt. Prompt ergibt sich eine Dreiecksbeziehung, die der Spießer Kenneth ausschließlich zu seinen Gunsten gestaltet. Laura hofft, dass Kenneth sich scheiden lässt. Der denkt gar nicht daran und erfindet die erstaunlichsten Ausreden. Bei Hilary hat er ein geordnetes Heim mit schmackhaften Mahlzeiten, bei Laura den Sex, den Hilary nicht mehr bietet. Schließlich deckt Laura die Geschichte auf und Kenneth bequeme Welt bricht zusammen. Inzwischen mit Laura verheiratet, spinnt er die Fäden neuerlich und hat nun eine geheime Beziehung zu seiner Ex. Der Status ist wieder hergestellt. Man trifft sich gemeinsam am dritten Hochzeitstag von Kenneth und Laura bei Hilary. Hier beginnt die Geschichte in der Inszenierung von Martin Böhnlein im Theater 44 und mehr soll auch nicht verraten werden.

Die Autorin, Theater- und Filmemacherin Debbie Isitt schrieb das Stück Anfang der 90er Jahre, nachdem sie sich über zwei Vorgänge in London erbost hatte. Ein Vorgang beschrieb einen Gattinnenmord, der mit 6 Jahren Gefängnis geahndet wurde, weil die Richter das Opfer als entnervend und nörgelig einstuften und tiefes Mitgefühl für den Täter an den Tag legten. Der andere Vorgang, ein Gattenmord, das Opfer hatte seine Ehefrau jahrelang geschlagen und gedemütigt, hatte hingegen eine lebenslange Haftstrafe für die weibliche Täterin zur Folge. Debbie Isitt war angetreten, um Rache zu nehmen an den Männern und am britischen Justizapparat. Da sie den Weg der Fiktion wählte, blieb sie straffrei.

Und in der Tat wirkt das Ganze wie ein Rachefeldzug gegen die Männer, denn Kenneth bleibt nicht nur in der Geschichte auf der Strecke, sondern auch menschlich. Der Autorin gelang es meisterlich, das Publikum von der Notwendigkeit einer grausigen Tat zu überzeugen. Die Ernsthaftigkeit und Akribie, mit der das Stück geschrieben wurde, nicht selten wirken die Szenen in ihrer Brutalität in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr realistisch, lassen streckenweise vergessen, dass es sich um eine Komödie handelt. Die Figur des Kenneth beinhaltet nicht das Geringste, was ihn auch nur ansatzweise liebenswert erscheinen lassen könnte. Warum fallen die beiden Frauen auf diesen ewig nörgelnden, motzenden, machohaften Spießer herein? Fällt ihnen nicht auch ein großes Maß an Verantwortung für ihre Situation zu? Schauspieler Michael Althauser machte immerhin das Beste daraus und ihm ist es nicht anzukreiden, dass das Komödienhafte manchmal aus dem Blick geriet.

Martin Böhnlein setzte das Spiel reibungslos und ohne Verwirrung für das Publikum in Szene. Dank der Dramaturgie von Irmhild Wagner und der ausgefeilten Lichtregie von Horst A. Reichel blieb die Handlung, die nicht frei von dramaturgischen Brüchen ist, logisch und überschaubar. Carmen Dorothè Moll als Hilary und Christina Peteanu als Laura wurden leider einige Male zu ekstatischer Darstellung verführt, die schrill wirkte, die Dramatik der Vorgänge zwar steigerte, jedoch vergessen ließ, dass es sich hier tatsächlich um eine "schwarze Komödie" handelte. Es fehlte in diesen Szenen die Doppelbödigkeit, die dem Zuschauer signalisierte, dass hier kein realistisches Ehedrama erzählt wurde. Genregrenzen waren aufgehoben, was den Umgang mit einem so schwerwiegenden Thema wie Verrat und Mord problematisch machte. Lachen wurde nicht immer leicht gemacht.

Aber vielleicht ist genau das ein guter Grund, diese Inszenierung zu besuchen. Gerade wer über einige persönliche Erfahrungen mit Eifersucht und Beziehungskrisen verfügt, und das trifft wohl auf die meisten Mitbürger zu, wird ein Wechselbad der Gefühle erleben, die nicht unbedingt durch die spitzfindigen und witzigen Mechanismen einer Komödie ausgelöst werden.

Übrigens, laut Statistik stehen die Frauen den Männern in ehebrecherischen Aktivitäten nur geringfügig nach.


Wolf Banitzki

 

 


Gatte gegrillt

von Debbie Isitt

Carmen Dorothè Moll, Christina Peteanu, Michael Althauser

Regie: Martin Böhnlein

Theater 44 Offene Zweierbeziehung von Franca Rame und Dario Fo




Dario Fo - Erinnerungen an einen Lebenden

Als Dario Fo 1997 mit dem Nobelpreis geehrt wurde, charakterisierten die Juroren ihn als einen Bühnenkünstler, "der in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wiederaufrichtet". Der 1926 geborene Dramatiker und Schauspieler war und ist lebenslang ein engagierter politischer Autor, der nicht selten die Narrenkappe trug. Er war einer der am häufigsten gespielten Bühnenautoren weltweit und ist es leider nicht mehr. So hat die Inszenierung in Schwabing etwas von einer Erinnerung an einen Lebenden.

Die Komödie "Offene Zweierbeziehung" ist nur hintergründig als politische Satire zu verstehen, geißelt sie doch immerhin die Denk- und Empfindungsansätze in der bürgerlichen Ehe. Zielscheibe des Paares Franca Rame und Dario Fo ist der Mann, der in der Komödie nicht einmal einen Namen hat, folglich auch als Mann an sich gesehen werden darf. Das Bild, das die Autoren von diesem Exemplar zeichneten, ist beschämend.

Der Mann fühlt sich in der Ehe angeblich unfrei. Er geht folglich "notgedrungen" auf die Pirsch, um seine sexuellen Begierden zu befriedigen. Antonia, seine Gattin, begeht in ihrer Verzweifelung jeden Donnerstag Selbstmord. Zumindest versucht sie es. Als die Geschichte eskaliert, schlägt Mann ihr vor, eine offene Zweierbeziehung zu leben. Man zieht auseinander und Mann geht eifrig seiner Wege. Antonia hingegen, bereit für das andere Geschlecht, hat mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen, mit der Orangenhaut, den Fettpölsterchen auf den Hüften und deren mangelndem Schwung, Hängehintern und last but not least mit der Unfähigkeit, anzubandeln. Doch dann begegnet ihr ein Mann der Superlative: Kernphysiker, Universitätslehrer, Nobelpreisanwärter, Rockmusiker und Poet. Als Sie ihrem Nochgatten diese Liaison eingesteht, dreht dieser völlig durch. Er will erst sie ermorden, dann sich selbst. Antonia kann ihn nur durch das Geständnis beruhigen, der Mann sei erfunden. Doch dann …


Christina Peteanu, Claus-Peter Damitz

© Hilda Lobinger


Martin Böhnlein brachte diese fulminante, vor Wortwitz strotzende Komödie auf die Bühne des Theater 44. Christina Peteanu spielte in der Rolle der Antonia südländisches Temperament, aggressiv, erbarmungslos, laut, manchmal vielleicht zu laut, aber ziemlich überzeugend. Ihre anmutige und sehr weibliche Erscheinung unterstrich die leisen Töne, stand aber auch so gar nicht im Gegensatz zu megärenhaften Momenten. Die Autoren hatten Antonia allerhand wortgewaltiges Instrumentarium an die Seite gegeben. Ihre Selbstironie verhinderte zudem einen sehr einseitigen Blick auf die Szene. Mehr als einmal litt die weiblich Würde der betrogenen Ehefrau, verloren aber ging sie nicht. Gerade in dieser menschlichen Gestaltung wurde sichtbar, dass die Einschätzung der Nobelpreisjury gerecht war.

Auf der Strecke blieb, musste bleiben, der Mann, ebenso engagiert gestaltet von Claus-Peter Damitz. Seine Würde hingegen litt beträchtlich unter der eigenen Verlogenheit. Doch wer dem Leben nicht abgewandt ist weiß, wie Recht diese Komödie mit der Einschätzung der Männer hat. Claus-Peter Damitz entblätterte den herbeigedichteten Mythos Mann, der angeblich nur auf der Suche nach Gefühlen und Verständnis ist: Nein, der Mann ist nicht selten ein geborener Lügner. Doch auch dieser Siegfried hatte ein Lindenblatt auf seiner Männlichkeit, seine Schwachstelle. Er verlor nicht gern im Geschlechterkampf und schon gar nicht eine Frau, die er als sein gesichertes Eigentum empfand. Die eigene Frau blieb nur so lange im langen Schatten des Mannes, bis ein anderer ihre Reize bemerkte und buhlte. Dann wurde es animalisch!

Das Spiel im kargen, lediglich aus einem roten Sofa bestehenden Bühnenbild von Hannes Schuller war aufwendig, stimmgewaltig und von Regisseur Martin Böhnlein fein erdacht. Dennoch fehlte dem Ganzen ein winziges Quäntchen italienischen Blutes. Das haben deutsche Schauspieler naturgegeben nicht, und darum blieb es ein klein wenig steril. Doch das ist eine zu ignorierende Größe, denn das Spiel ist so facettenreich und erhellend, dass ein vergnüglicher Abend garantiert werden kann.

Dramaturgin Irmhild Wagner wies im Programmzettel auf das bereits eingangs angesprochene Phänomen hin. Sie zitierte Renate Klett (Theater heute 3/97), die hinterfragte, warum Fo in den letzten Jahren immer seltener gespielt wurde. Heraus kam, dass Fo ein Unangepasster ist, der sich auf die Wahrheiten (und er ist im Besitz einiger) in gesellschaftlicher, wie auch in individuell-menschlicher Hinsicht versteift hat. Ästhetisch mag sein Witz in einer Zeit, in der "Spaß nervtötend in ist", out sein. Doch das liegt vornehmlich daran, dass der heutige Witz nicht selten debil ist und Debilität erzeugt. Fos Dichtung erinnert daran, was Witz war und sein könnte: Menschlichkeit gepaart mit Intelligenz. Resümee: Um Fos Stücke müssen wir uns keine Sorgen machen, die werden nicht untergehen. In einer Gesellschaft, die in ihrer Genusssucht völlig hysterisch geworden ist, muss man halt ein wenig Geduld haben, bis sich diese Gesellschaft der großen Leere bewusst wird.


Wolf Banitzki

 

 


Offene Zweierbeziehung

von Franca Rame und Dario Fo

Christina Peteanu, Claus-Peter Damitz

Regie: Martin Böhnlein

Theater 44 Educating Rita von Willy Russel




Kunst will gelebt sein

Willy Russells Komödie "Educating Rita" ist ein erfolgreiches Stück. Zudem ist es auch noch ein gutes Stück. Auf den feinen Unterschied, erfolgreich bedeutet nicht zwangsläufig gut, sei hingewiesen. Schaut man sich Russells Biografie an (Nachzulesen in der Kritik "Rebellion im Reihenhaus" von C.M.Meier), wird deutlich, warum Stücke gut und erfolgreich sein können. "Educating Rita" trägt unübersehbare autobiografische Züge. Hinter diesem Text steht ein aktives Leben, was jeden Satz glaubhaft und darum um so eindringlicher macht.

Rita ist Friseuse. (Russel war Friseur.) Sie ist blond, hübsch anzuschauen und wenn sie den Mund aufmacht, ist sie das vollendete Klischee. Doch Rita leidet. Sie fragt sich, ob das alles gewesen sein soll. Höhepunkte ihres Daseins sind die Abende im Pub mit den johlenden Kumpels des Ehemanns, der Ritas Rolle im Leben festgeschrieben hat. Sie belegt heimlich einen Kurs für Literatur, denn sie möchte ihre soziale Schicht verlassen und mit denen kommunizieren, die so klug zu sein scheinen und die "gepflegt reden können". Ihr Dozent ist der Literaturwissenschaftler Frank. (Russell wurde der Ehrendoktor der Universität Liverpool verliehen.) Frank ist gescheiterter Poet, der in seiner Weltflucht einzig Zuspruch vom Whiskey erfährt. Rita beginnt zu lernen, mechanisch, alles verschlingend. Sie hat ihre Schlüsselerlebnisse in der Lyrik William Blakes und Shakespeares "Macbeth". Als ihr Mann mit der Entwicklung seiner Frau überfordert ist, stellt er ihr kurzerhand den gepackten Koffer vor die Tür. Jetzt gibt es für Rita kein Zurück mehr. Frank hingegen ist immer verzweifelter. Ihm ging es um Hilfe zur Selbstbefreiung der zauberhaft aufrichtigen Rita. Doch er muss mit ansehen, wie sie lediglich ihr Äußeres wandelt, sich im Innern aber in neue Unfreiheiten begibt. Die Poesie verwandelt sie nicht, sondern befähigt sie lediglich dazu, in der Welt der Oberflächlichkeiten mithalten zu können. "Sie singen nicht ihr Lied; sie singen nur ein anderes Lied." Diese Einsicht macht Russells Stück so ungeheuer aktuell, denn der kulturelle Schwund scheint unaufhaltsam in einer Welt des Designs und der Quantitäten. Doch Frank, wie auch Russell, ist kein Zyniker. Am Ende bleibt offen, ob Rita sich selbst finden wird. Das macht die Komödie über ihre tiefsinnige Unterhaltsamkeit hinaus noch liebenswürdiger.

 


Mascha Gohlke, Hartmut Nolte

© Hilda Lobinger


Regisseurin Irmhild Wagner setzte ganz auf den Witz des Textes, auf die soziale Determination der Figuren und auf die Geheimnisse, die aller guten Kunst innewohnen. Sie inszenierte die Szenenfolge geradlinig und wohltemperiert. Die Überraschungen und Einsichten werden nicht durch die Inszenierung erzeugt, sondern durch die anrührende Geschichte, die Irmhild Wagner unaufgeregt und ohne überflüssiges Beiwerk erzählt. Wieder einmal entpuppte sich die Enge des Theater 44 als Chance, denn Bühnenbildner Hannes Schuller hatte eine Insel des Geistes geschaffen, die all das atmete, wofür der gescheiterte Dichter Frank steht, ohne allerdings alle Brücken zur im Materialismus verhafteten Welt abzubrechen. Diese äußere Welt war durch das einfallende warme Tageslicht stets präsent und stellte somit die permanente Weltflucht des Lehrers in Frage. Hinter den Bücherreihen lugten Flaschenhälse hervor. Am Ende der Geschichte blieben die Flaschen gelehrt zurück. Waren Rita und Frank am Ende oder am Anfang? Diese Frage war wohl der bestmögliche Schluss.

Mascha Gohlkes Wandlung als Rita, von der aus der proletarischen Vorstadt stammenden, schrill quasselnden Blondine hin zur ernstzunehmenden Partnerin, eine intellektuell geschulte Suchende, war erstaunlich glaubhaft. Sie erzwang beim Zuschauer besonders im vorletzten Bild, als Frank ihre ganze Entwicklung radikal hinterfragte, Mitgefühl. Die Rolle Franks konnte mit Hartmut Nolte kaum besser besetzt werden. Nolte gab einen in sich gekehrten, stets gegen sich selbst agitierenden Lehrer, der zweifellos ein Weiser war. Aber gerade dieser Umstand und die Tatsache, sein (nichtakademisches) Wissen nicht wirklich vermitteln zu können, trieb ihn in die Arme des Alkohols. Doch am Ende, noch immer die Flasche an die Brust gedrückt, war auch er verwandelt und dem optimistischen Zuschauer fiel es nicht schwer, Franks Ende als Anfang zu verstehen. Immerhin machte Rita, die als Zweiflerin die Bühne verließ, Mut.

"Educating Rita" ist ein zutiefst menschliches Stück, nicht zuletzt, weil es von der wunderbaren Kraft der Kunst Zeugnis ablegt. Aber es zeigt zugleich ein Grundproblem unseres Daseins in der heutigen Gesellschaft auf, nämlich den fortschreitenden Verlust der Fähigkeit, die Mysterien der Kunst zu erfahren. Wie kraftlos wird der Name William Blake im Kontext des Stückes, wenn der Zuhörer ihn und seine visionäre Kunst nicht mehr kennt. Wie plakativ wird der Name John Keats, wenn man seine Poesie nicht erfahren hat. Sie werden zu Schall und Rauch und der Subtext des ideellen Daseins erlischt. Irmhild Wagners Inszenierung am Theater 44 ist angetreten, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Kunst will gelebt sein.



Wolf Banitzki

 

 


Educating Rita

von Willy Russel

Mascha Gohlke, Hartmut Nolte

Regie: Irmhild Wagner
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