Theater Haus der Kunst Gesellschaft von Samuel Beckett


 

 

 
Beckett in seinem schönsten hässlichen Gewand

Einer liegt im Dunkel auf dem Rücken, reglos. Sein Geist ist nicht sonderlich rege und darum braucht es seine Zeit, ehe er die Stimme akzeptieren kann, die ihn einholt, mal von oben, mal von links oder recht, nein, nicht von unten. Diese Stimme erinnert ihn an seine Geburt, einen Heimweg mit der Mutter, einen Spaziergang mit dem Vater, an einen zu Brei verfaulten Igel. Es werden Schritte gezählt, akribisch, und summiert. Ob sie für einen Erdumrundung reichen? Dann erwartet er Sie in dam ländliche Hexaeder, in dem er mit dem Vater das Glucksen geübt hat. Das ist die Blütezeit des Lebens gewesen. Als sie endlich erscheint, hat er inzwischen errechnet, dass es siebenhundert Millionen Herzschläge bedurfte bis zu diesem Augenblick. So einfache wie sinnlose Rechenaufgaben hatten ihm das Überleben gesichert.

Wer ist die Person dort auf dem Rücken im Dunkeln der der Stimme nachlauscht? "Der Hörer heißt H. Ha, Du liegst auf dem Rücken im Dunkeln." H. zieht es vor, nur Hörer zu sein. Namenlos. Und wer ist die Stimme? Er selbst, H. Die Stimme ist erträumt, um ein wenig Gesellschaft zu haben. Zögerliche Versuche, ein wenig mehr Gesellschaft zu schaffen, beispielsweise durch eine seit längerem tote Ratte oder durch eine arglose Fliege, werden zügig wieder unterbunden, müsste man die Fliege etwa durch eine Handbewegung verscheuchen. Nein, H. bleibt doch lieber im Dunkeln auf dem Rücken liegen.

Die Stimme erzählt vom letzten Ausgang und den Schwierigkeiten: "Du siehst dich selbst bei diesem letzten Aufbruch mit geschlossenen Augen an der Tür lehnend darauf warten, dass du dich gehen lässt." Wenn am Ende die Stimme zu verstummen beginnt, die Wörter ersterben, ist eine Fabel erzählt: "Die Fabel von einem, der von einem anderen mit dir im Dunkel fabuliert. Und wie viel besser am Ende verlorene Müh` und Schweigen. Und du wie eh und je. … Allein."
 

Stefan Hunstein, Ulrich Diehl

© Thomas Dashuber

 

Becketts Texte mit rationalem Verstand begreifen zu wollen, ist müßig und führt zu nichts. Diese Qualität, die ihn für viele so umstritten macht (auch hilft dem Autor dabei kein Nobelpreis), ist die eigentliche literarische Brauchbarkeit, macht zugleich den Genius des einzigartigen Dichters aus. Kaum ein Autor ging seinen Weg so konsequent und hinterließ dabei ein Werk, das über die Maße verstörend ist. Becketts Dichtung ist lebensgefährlich, denn sie reduziert den Menschen auf das Letzte: Ein im unendlichen Kosmos verlorenes Wesen, das keinen Sinn für seine Existenz finden kann. Beckett nimmt alle Hoffnung, alle Illusionen. Zugegeben, kein Autor, nicht einmal Beckett vermochte die Welt bisher vom lebensnotwendigen Selbstbetrug zu befreien. Aber der störrische Ire hat es versucht und einige Phrasen erschüttert.

Um Beckett zu verstehen, muss man sich auf seine Werke ohne Vorbehalte, ohne Anspruch und ohne Distanz einlassen. Dann offenbart sich im Gefühl das Letzte, nämlich, dass der Mensch ein verlorenes Einzelwesen ist. H. erträumt sich eine Stimme, die ihn noch einmal zu einem gesellschaftlichen Wesen werden lässt. Doch diese Gesellschaft ist eine Täuschung und darum ist der Versuch nicht von Erfolg gekrönt.. Selbst die Geschichten, die aus dem Dunkel, in dem er auf dem Rücken liegt, aufsteigen, stellen nichts dar, was das Leben als Leben kennzeichnen würde. Becketts Geschichte richtig erzählt, erschüttert den Zuschauer oder Zuhörer bis ins Mark und paralysiert ihn in (kurzzeitiger) Erschütterung. Geschehen ist dies im Haus der Kunst. Wie gut, dass dieses Haus große Türen hat.

Stefan Hunstein bearbeitete den dreißigseitigen Prosatext und schuf eine Monologfassung, die gradlinig und ohne jegliche Interpretationsversuche eine Atmosphäre erzeugte, in der die Stille, das Nichts des Verlorenseins erbarmungslos Raum griff. Allein für die Aufarbeitung des Textes muss ihm uneingeschränkter Respekt gezollt werden. Nicht weniger Anerkennung gebührt ihm für die szenische Umsetzung. Das Bühnenbild ist einer Beschreibung der Stimme entlehnt: "Form und Ausdehnung des Ortes werden durch die ferne Stimme angedeutet, (die ) … von oben als auch von allen Seiten und aus allen Ebenen … nie von unten (erschallt). Was nahelegt, daß einer mit dem Kopf in der Mitte einer geräumigen Rotunde auf dem Rücken liegt. … Und das Material? … Verlockend wäre Basalt. Schwarzer Basalt." Um diese schwarze Rotunde hat Bühnenbildner Peter Schulze vier Monitorsäulen platziert. Die Rückwand der Spielfläche fungiert gleichsam als Projektionsfläche.

Einige in Schwarz gewandete Personen trugen den Hörer herein und legen ihn auf der beschriebenen Rotunde ab, wo er mit einer kurzen Unterbrechung beinahe reglos die 75 Minuten verharrt. In Ulrich Diehl hatte Stefan Hunstein sein Ebenbild gefunden, so dass die Illusion, Hörer und Stimme seien eine Person, perfekt gelang. Darsteller Hunstein jonglierte die Beckettschen Texte mit unglaublicher Leichtigkeit, multiplizierte sich selbst medial, korrespondierte mit seinem Ebenbild auf den Monitoren und erzeugt damit den Witz, den Beckett forderte: Gehe bis zum Äußersten, dann entsteht Lachen.

Stefan Hunstein schuf die kongeniale Umsetzung eines Textes, der nicht einmal ein dramatischer ist. Er folgte dabei uneingeschränkt den Prämissen Becketts, die dieser für die Bühne vorgab und die er selbst in Inszenierungen wie "He Joe" oder "Quadrat" praktisch umsetzte. Jeder Versuch einer Interpretation des Textes führt zu dessen Zerstörung. Die Inszenierung im Haus der Kunst unterstrich diese Forderung. Dank Stefan Hunstein konnte der Zuschauer das Unglaubliche miterleben, nämlich wie der scheinbar irrationale Becketttext sinnlich erfahrbar und verständlich wurde.

Zur Wahl des Textes und zum Sinn dieser Inszenierung bleiben keine Fragen offen. Was Beckett im Entstehungsjahr von "Gesellschaft" 1979 bereits fühlte und wusste, ist heute Gewissheit geworden. Der moderne bürgerliche Mensch ist asozial, vereinzelt, zutiefst vereinsamt und darum auch agonisch. Darüber kann auch der ziellose Aktionismus nicht hinwegtäuschen, der inhaltslos und dem menschlichen Wesen zutiefst entfremdet ist. H. hat sich diesen Aktionismus letztlich versagt, wusste er doch um die Sinnlosigkeit.

 
Wolf Banitzki

 

 


Gesellschaft

von Samuel Beckett

Stefan Hunstein, Ulrich Diehl

Regie und Konzeption: Stefan Hunstein

Theater Haus der Kunst Die Liste der letzten Dinge von Theresia Walser


 

 

 
Von Scheiterhaufen, freilaufenden Mördern und Sommerkleidern …

Helen und Pia sind ausgezogen in die Natur, um sich einen Scheiterhaufen zu errichten. Sie wollen die Welt von sich erlösen. Das ist eine heroische Tat, wie sie meinen. Einiges gibt es dabei noch abzuarbeiten, eine Liste der letzten Dinge. Zum Beispiel ist doch von Belang, was man trägt bei diesem grandiosen Abgang. Ein Bier wäre nicht schlecht. Fragen drängen sich auf. Werden beide gleichermaßen gut brennen? Was ist, wenn eine nicht brennt. Der Abstand der Scheiterhaufen ist wichtig. Schließlich möchte Helen (Ulrike Willenbacher) nicht die Asche von Pia (Barbara Melzl) in den Augen haben. Zweifel am Vorhaben gibt es nicht. Immerhin hatte Helen einen deutlichen Wink. Die Mutter Maria, - nein, sie ist ihr nicht erschienen, sie ist ihr auf den Kopf gefallen. Und Pia hat herausgefunden, das das Leben im Kopf ohnehin spannender ist. Ihre Affinität zu lebenslänglich Eingekerkerten erschloss ihr Räume der Liebe und des Lebens von ungeheuerlichen Dimensionen. Sie mag zudem Sommer, in denen entflohene Mörder unterwegs sind. Doch dann taucht Giorgia (Ulrike Arnold) auf, bricht ein in das ausgeklügelte Beziehungsgeflecht der potenziellen Selbstmörderinnen. Sie hatte es nicht vor, allein ihre Erscheinung stellt alles in Frage. Und so geht alles seinen normalen Weg. Der Feind ist im Zweifelsfall immer der andere.

Theresia Walser schuf einen dramatischen Text, der brillant gebaut, voller Witz und entlarvenden Wahrheiten ist. Poetisch ist er zudem und überaus realistisch. Der Autorin gelingt, wovon viele junge Autoren nicht einmal mehr ein Vorstellung haben, nämlich die theatralische Aufhebung der Realität und die Neuschöpfung einer Welt, die frei von den Schlacken des Alltäglichen ist. Das ist echtes künstlerisches Vermögen. Erst auf diesem Wege wird uns das Lachen über die Abgründigkeiten möglich und erlaubt.

Die junge Ingolstädter Hausregisseurin Schirin Khodadadian war mit der Inszenierung "Trainspotting" auffällig geworden, was sie selbst sehr verblüfft hatte, denn ihre Kunst ist gänzlich frei von Exzessen. (Nun ja, es geschah in Ingolstadt!) Ihre Haltung zum Beruf erklärte die Künstlerin in einem Interview mit "Die Welt", erschienen am 04.02.2005, wie folgt: "Mir ist dieser ganze Gestus des Regisseurseins, der da sagt, ‚das ist meine Kunst' völlig fremd. Das ist sicher ein künstlerischer Beruf, aber keiner, der aus sich selbst heraus Kunst schafft. Für mich steht im Mittelpunkt, Geschichten zu erzählen, mit dem Material das da ist: der Text, die Schauspieler, Bühne, Licht." Diese Haltung wurde in der Inszenierung des Walser-Stückes im Haus der Kunst sehr augenfällig. Bei näherer Betrachtung fragte man sich, wo die Regisseurin überhaupt war? Ob so ein künstlerisches Understatement immer eine Tugend ist, bleibt zu diskutieren. Der Inszenierung schadete es jedenfalls nicht. Die Reduktion auf die Geschichte war der Regisseurin wichtig. Diesem Anspruch wurde das Bühnenbild von Pia Janssen ebenfalls gerecht. Es bestand aus einigen wenigen Bühnenteilen, die nichts vorgeben wollten, sondern lediglich Vehikel für die Handlung waren.

 

 

Barbara Melzl, Ulrike Arnold, Ulrike Willenbacher

© Thomas Dashuber

 

Opulent hingegen war das Spiel der Darstellerinnen. Hier entfesselte Schirin Khodadadian einen komödiantischen Sturzbach. Barabara Melzl verblüffte in dieser Inszenierung selbst die Zuschauer, die eine sehr hohe Meinung von ihrem darstellerischen Vermögen hatten. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten schienen keine Grenzen zu kennen und dabei bewegte sie sich nie außerhalb des Textes. Ulrike Willenbacher hatte den undankbareren Part. Ihr wurden zwar vom Text, nicht aber von der Regie so viele Möglichkeiten zum mimischen Ausdruck geboten. Ulrike Arnolds Rolle beschränkte sich neben einigen Jas und Neins auf kaum mehr als einen Satz. Dennoch erschien sie wie ein Engel, der sich als Putzfrau verkleidet hatte.

Diese sehr empfehlenswerte, weil kluge und gehaltvolle Inszenierung erinnert daran, was Theater zu leisten vermag. Und Spaß hat man außerdem.

 
Wolf Banitzki
 

 


Die Liste der letzten Dinge

von Theresia Walser

Ulrike Willenbacher, Barbara Melzl, Ulrike Arnold

Regie: Schirin Khodadadian

Theater Haus der Kunst Suburban Motel von George F. Walker


 

 

 
Von Outlaws, Underdogs und Loosern

Warum übt Literatur von Charles Bukowski oder Henry Miller, den so genannten Outlaws und Underdogs, deren Inhalt meist die Lebensbeschreibung von Loosern ist, eine ungebrochene Anziehung auf uns aus? Die Antwort wollen wir uns nicht gern eingestehen: Weil wir Voyeure sind. Wir erleben die Leben der Looser nach, weil in deren Leben noch immer mehr los ist als in unseren eigenen.

Georg F Walker, seit den 70er Jahren einer der populärsten Autoren Kanadas, steht für eine literarische Mischung aus Sozialkatastrophen, Sex and Crime und Filmklischees. Ein großer Vorzug seiner Stücke ist, dass er nie versucht den Eindruck zu erwecken, der Realität wirklich zu Leibe zu rücken. Zwar vermitteln seine Figuren immer einen guten Teil Realität, doch im Kontext seiner Stücke handelt es sich letztlich immer "nur" um Literatur. Darum erträgt man seine Klischees leicht und gibt sich geneigt dem Amüsement hin. Das sollte auch die Prämisse sein, wenn man sich ins Haus der Kunst begibt und "Surburban Motel" in der Inszenierung von Jochen Schölch anschaut.

Vier Geschichten laufen parallel ab, vier Geschichten von Menschen, die irgendwie alle in der Sackgasse stecken und die in dem schmuddeligen Hotel einen Ausweg suchen und doch nur tiefer in ihr Dilemma geraten. Walker legt seiner Fantasie keine Zügel an und steigt hinab in den Bodensatz der Gesellschaft. Da sind zwei "abgefuckte" Polizisten, die längst nicht mehr wissen, auf welcher Seite sie stehen. Dazu gesellen sich drei Kleinkriminelle, die einen "Hit" zu erledigen haben und die Sache vermasseln, weil "Gewalt nicht ihr Ding" ist - und ein vernünftiges "Ding" muss man schon haben, sonst hat man doch gar nichts. Eine kürzlich geschwängerte Schöne gibt ihrem Freund den Laufpass, da der sich in ihr Leben einzumischen versucht, und sich einem Pornofilmer hin, der sie groß herausbringen will. Sie kommt aber nicht groß heraus, da die dazu notwendige große Erektion ausbleibt. Und schließlich legt sich eine sauflustige und lebenslüsterne Mutter mit einem "Boss" an, indem sie ihn beklaut und bringt Tochter und deren Lebensgefährten in Lebensgefahr. Die Dinge eskalieren unentwegt und schreien, da sie alle gleichzeitig geschehen, nach guten szenischen Lösungen.
 

Eva Schuckardt, Lisa Wagner

© Thomas Dashuber

 

Jochen Schölch würde seinem Ruf nicht gerecht, wenn er diese nicht anzubieten hätte. Und so grenzt mancher Szenenwechsel an Zauberei. Figuren erscheinen und verschwinden durch den Fußboden, durch Wände, durch das Bett, durch den Schrank und manchmal auch durch Türen. Die Geschichten spielen in vier verschiedenen Motelzimmern. Regisseur Schölch kommt aber mit einem aus. Das schuf er gemeinsam mit Jürgen Hofer. Markantestes Merkmal: Alls war in schmutzigem Braun gehalten, selbst das Weiß.

Die szenischen Vorgänge erstaunen und erzeugen in jedem Fall Spaß beim Zuschauer. Und nicht zu vergessen, es gibt noch einige Anleihen bei Quentin Tarantino, der in seinen Filmen zumeist Puzzle erzeugt, die sich erst am Ende zum Bild fügen. Das letzte Bild im "Surburban Motel" wäre ein grauenerregendes und brutales Massaker, wenn da nicht Phillie (Alfred Kleinherz), der Hotelmanager wäre, der seinen Staubsauger zwischen den Leichen hindurch schiebt, oder R.J. (Christian Lerch) und Denise (Lisa Wagner), die im Bett turteln oder Jayne (Ulrike Willenbacher) und Max (Marcus Calvin), der ihr, nachdem sie ihm den Bauch wieder zugenäht hat, seine Liebe gesteht und so weiter. Verwirrend, mag sein, doch am Ende passiert alles gleichzeitig und in einem Raum. Da kann sich der Zuschauer mitnehmen, was ihm gefällt.

Eines sei unbedingt angeraten. Man sollte es nicht allzu ernst nehmen. Vielmehr sollte man sich dem Genuss hingeben, der exzessiven Rollengestaltung Eva Schuckardts als Räubermutter und Gossenphilosophin zu folgen oder Matthias und Claus Eberth als Sohn und Vater bei Denkversuchen zu beobachten. Robert Joseph Bartl gibt einen Pornofilmer der besonderen Art und ... und ...und.

Eine tiefere Einsicht oder gar Moral bleibt aus und das war wohl weder das Anliegen des Autors noch des Regisseurs. Wenn es das Anliegen war, trotz dreistündiger Aufführungsdauer einen kurzweiligen Theaterabend zu gestalten, dann sind die Darsteller und der Regisseur dem Publikum nichts schuldig geblieben. Regisseur Jochen Schölch erwies sich einmal mehr als echter Theatermagier. Allein, unverständlich bleibt, warum er, wo er doch im Haus der Kunst eine große Bühne hätte haben können, wieder im Metropoltheaterformat inszenierte.

 
Wolf Banitzki

 

 


Suburban Motel

von George F. Walker

Beatrix Doderer, Eva Gosciejewicz, Berivan Kaya, Eva Schuckardt, Judith Toth, Lisa Wagner, Ulrike Willenbacher, Peter Albers, Robert Joseph Bartl, Marcus Calvin, Claus Eberth, Matthias Eberth, Alfred Kleinheinz, Christian Lerch, Armin Schlagwein

Regie Jochen Schölch

Theater Haus der Kunst Servus Kabul von Jörg Graser


 

 

 
Es kann so leicht sein

Die Angst vor dem Kampf der Kulturen wird von deutschen und europäischen Politikern eifrig geschürt. Er ist auch sehr willkommen, kann man doch mit diesen Ängsten von dem eigenen Desaster ablenken, und eifrig ans Werk zum Abbau von sozialen Errungenschaften und Demokratie gehen. Und die Medien schlagen sich zum Großteil auf die Seite der neuen Demagogen und spielen das Spiel vom schwarzen Mann mit. Dabei wissen Sie doch besser, dass der Karikaturenstreit nicht der Grund für die blutigen Auseinandersetzungen ist, sondern nur der willkommene Anlass für einige religiöse Hetzer. Und dann gibt es doch tatsächlich Leute, die mit dem Verweis auf die religiösen Gefühle Andersgläubiger laut über die Abschaffung der Pressefreiheit nachdenken. Wenn man dem Schöpfer der Karikaturen etwas vorhalten kann, dann höchstens die Mittelmäßigkeit ihrer künstlerischen Umsetzung.

Franz Xaver Kroetz lässt sich von all dem nicht beeindrucken und seine Inszenierung von Jörg Grasers "Servus Kabul" ist die adäquate Antwort auf die eingeschränkte Sicht, mit der die Diskussion geführt wird. Dabei kennt er kein Tabu. Der Araber wird als Neger bezeichnet, dem es nur um die Aufenthaltserlaubnis geht, Das World Trade Center versinkt auf komische Weise im Staub und der Ruf nach einem neuen Führer, wegen der eigenen Geschichte sollte es ein kleiner sein, wird laut. So gesehen gebührt Autor und Regisseur gleichermaßen die Ehre, dass ein Kopfgeld auf beide ausgesetzt wird, und zwar von beiden Seiten, denn ihre Sicht auf die Probleme ist eine humanistische und die ist momentan der Feind aller politischen Lager. Aufgemerkt: Freiheit ist ein idealistischer Terminus mit Absolutheitsanspruch. Jeder Versuch, die Freiheit einzuschränken ist gleichbedeutend mit der Abschaffung derselben! Man ist ebenso wenig "etwas" frei wie "etwas" schwanger.

 

Matthias Eberth, Christian Lerch, Alfred Kleinheinz

© Thomas Dashuber

 

Kroetz fand eine kongeniale Lösung für die Umsetzung der Vorlage von Jörg Graser, die der Regisseur für seine Inszenierung bearbeitet hatte. Er ließ auf berückendste Weise eine Theaterform auferstehen, die eine lange Tradition auch im politischen Theater hat, nämlich das Puppenspiel. Ein Gasthaus in Straubing, das Auge im Hurrikan kleinbürgerlicher Ekstase aus Bier, Schweinshaxe und ungestillten sexuellen Fantasien, war der Spielort und Puppenhaus zugleich. Bühnenbildner Jürgen Höfer versetzte das Publikum in schönste Kindertage zurück, als es sich auf dem Wohnzimmerteppich den Hosenboden vor Aufregung dünn scheuerte. Tritratrallalla, der Vorhang ging auf und alle waren da. Die Liese hieß Fanny (Eva Gosciejewicz) und ihre Begeisterung für Fuchs-Spürpanzer war gerade auf Jusuf (Christian Lerch ) umgeschwenkt. Der war Moslem und augenscheinlich reich. Also konvertierte man mal eben und heuchelte Liebe zu einem neuen Gott. Hauptsache man kam unter die Haube nach all den Pleiten mit deutschen Männern. Der Brodler-Vater (Alfred Kleinheinz) entdeckte seinerseits die Vorteile des Islam, wanderte nach Kabul aus, um UNO-Truppen mit Weißbier zu beglücken, und heiratete drei muslimische Frauen. Auch Sohn Hans (Matthias Eberth) erkannte die Vorteile der neuen Religion, wurde aber mit einer einbeinigen Türkin geleimt, die man flugs in der Fußgängerzone aussetzte. Am Ende triumphierte die Brodler-Mutter (Ulrike Willenbacher) und schwang strafend die Kelle, dass das Kraut nur so flog.
Das Spiel der Darsteller war voller überbordender Lust. Vielfältig waren die Einfälle und gelegentlich bebte das Puppenspielhaus sogar. Trotz einiger Längen im zweiten Akt konnten die Zuschauer spannendes Theater "total" erleben. Unbedingt hervorgehoben werden muss die Darstellung Eva Gosciejewiczs, deren Spiel perfekt ihrer hölzernen Urahnin entlehnt war und die dadurch um so komischer wirkte. Christian Lerch erschuf einen bayerischen Araber, der glaubhaft beide Kulturen nicht nur im Sprachgestus vereinigte. Alfred Kleinheinz gab überaus glaubhaft einen knatternden Kleinbürger, der aus seiner vermeintlichen Weltoffenheit reumütig in den Schoß seiner bierdeutschen Seele zurückkehrte.

Derb ging's zu, bayerisch und multikulturell. Die von allen Darstellern beeindruckend gespielte Farce entlarvte. Plakativ, wie es im Puppenspiel nun einmal zugeht, wurden einfache Wahrheiten vermittelt, die in ihrer Einfachheit nichts an Realitätssinn einbüßten. Kroetz riss Fassaden nieder und zurück blieb der blanke Mensch in seiner allumfassenden Unvollkommenheit. Er holte das Publikum mit seiner Sicht aus den Klauen der ideologisierenden Politik zurück und zauberte mittels seiner Unbarmherzigkeit wider die menschliche Natur dennoch einen Hoffnungsschimmer. Man konnte trotz oder gerade wegen der ästhetischen Herangehensweise auch getrost von einer Moral sprechen. Und die Moral von der Geschichte ist, wir müssen uns alle ändern und aufeinander zugehen. Es kann so leicht sein, wenn nur erst die Bereitschaft da ist. Zumindest auf dem Theater sieht es so aus. Wie schwer es für das Publikum war, die Schwelle aller Ideologien zu überschreiten, konnte man anfänglich deutlich beobachten. Einigen Zeitgenossen blieb das Lachen im von multikulturellen Respekt geschnürten Hals stecken. Erst als wir selbst unter den Kasperlehieben zusammenzuckten, konnte es befreit werden.

Kroetz Arbeit hat bei aller Heiterkeit nachdenklich gemacht und eines ist sicher: Wir alle, egal aus welcher Kultur wir stammen, sind Menschen und einander so unähnlich, wie wir immer glauben, nicht. Und noch etwas schimmerte durch. Wann immer im Namen Gottes zerstört oder getötet wird, mit Gott hat das nicht das Geringste zu tun.

 
Wolf Banitzki

 

 


Servus Kabul

von Jörg Graser

In einer Bearbeitung von Franz Xaver Kroetz

Alfred Kleinheinz, Ulrike Willenbacher, Eva Gosciejewicz, Matthias Eberth, Christian Lerch

Regie: Franz Xaver Kroetz

Theater Haus der Kunst Aias von Sophokles


 

 

 
Der Mensch - wie gehabt ...

"Derjenige Glückswechsel ist der brauchbarste - d.h. fähigste, Furcht und Mitleid zu erwecken -, der aus dem Besseren in das Schlimmere geschieht." Das schrieb Aristoteles vor mehr als 2300 Jahren. Man kann davon ausgehen, dass er das Stück von Sophokles kannte. Nach dieser These, die das Wirkungsprinzip des kathartischen Theaters beschreibt, hätte seine Zustimmung geradezu euphorisch ausfallen müssen, denn die in "Aias" beschriebene Geschichte vollzieht dieses Prinzip so konsequent wie kaum ein anderes.

Aias kämpft als Verbündeter der Griechen gegen Troja. Er ist ein Held, was in der griechischen Mythologie bedeutet, dass er viele Menschen um ihr Leben gebracht hat. Als Achill im Kampf fällt, erhebt er Anspruch auf dessen Panzer und Waffen. Doch Aias ist ein Kämpfer und kein Politiker. Zudem glaubt er seines Glückes Schmied zu sein, unabhängig von der Gunst der Götter. Athene ist jedoch anderer Ansicht und bereitet Aias einen qual- und schmachvollen Untergang. Die Objekte seiner Begierde fallen Odysseus zu, der, Opportunist und Realpolitiker, in der Gunst der Göttin steht. Aias ist gedemütigt und glaubt, sich von der Schmach nur durch den Tod der Atriden (Agamemnon und Menelaos) und des Odysseus reinwaschen zu können. Athene versetzt ihn vorsorglich in einen Wahn und er metzelt in einem furchtbaren Blutbad das Beutevieh der Griechen samt Hirten nieder. Aus dem Wahn erwacht, erkennt er die neuerliche und noch schlimmere Schande und stürzt sich in sein Schwert. Nun sollte man meinen, etwas Schlimmeres könne einem Menschen nicht widerfahren. Weit gefehlt, denn die Atriden demütigen und schänden den Mann noch über seinen Tod hinaus und versagen ihm eine Bestattung.

Der gedankliche Ansatz der Inszenierung im Haus der Kunst folgte der Vorgabe von Sophokles und zeigte auf, das der autarke, nicht adaptionsfähige Mensch in der Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist. Die Tatsache, dass diese Aussage heute ebenso gültig ist wie zur Zeit der Archaik, die gelegentlich auch als barbarische bezeichnet wird, rechtfertigt diese Unternehmung per se. In Bezug auf das Verhalten des Menschen hat es seit mehr als zwei Tausend Jahren keine Entwicklung gegeben. Stellt sich die Frage, ob diese Botschaft auch deutlich vermittelt wurde.
 

Oliver Nägele, Lisa Wagner

© Thomas Dashuber

 

Regisseur Benjamin Walther fand für seine Inszenierung einen bemerkenswerten und durchaus logischen Ansatz. Er stellte, resp. setzte das Publikum in die Mitte der Handlung. Niemand konnte jetzt der Katharsis entgehen, außer, sie oder er verließ die Vorstellung vorzeitig. Das antike Theater von Sophokles war statuarisches Deklamationstheater und konnte es sein, da die Texte so gewaltig waren, dass sie nur einer starken kunstvollen Stimme bedurften. Hierbei folgte der Regisseur der Vorgabe nur begrenzt, was um den Preis des Wirkungsverlustes geschah.

So waren doch immerhin einige Ungereimtheiten zu beklagen. Die Musicaleinlage, in der Eva Gosciejewicz als Athene und Heiko Raulin als Odysseus die moderne Politikerkaste karrikierten, erwies sich für die Geschichte als überflüssiger Kropf. Unverständlich war auch, warum Oliver Nägele als Aias unter aufwendigem Geschnaufe und Gestöhn einen Operntod sterben musste. Seine gewaltige Körperfülle vermittelte ohnehin schon über weite Strecken mehr Behinderung als Heldenhabitus. Dass sich Eva Gosciejewicz als Athene gelegentlich wie ein Dicogirl gebärdete, erinnerte doch zumindest daran, dass die griechischen Götter sehr menschliche Eigenschaften hatten, deren Wege so unerfindlich nicht waren.

Angesichts dieser Dissonanzen war schwer nachzuvollziehen, ob der Regisseur dem Text von Sophokles misstraute oder das Publikum unterschätzte. Nötig wäre es nicht gewesen. Für seinen Einfall, Tekmessa, die schwangere Frau Aias (Lisa Wagner), mit einem Penis zu prügeln und zu demütigen, wurden die Schauspieler prompt bestraft. Einige Zuschauer verließen die Vorstellung. Leider verließen Sie die Vorstellung nicht, weil die kathartische Wirkung so unerträglich war, sondern weil es peinlich und überflüssig erschien. Der Wirkung tat es ohne Zweifel Abbruch. Diese entfaltete sich vielmehr im Spiel zweier Nebenrollen. Lisa Wagner gelang es vornehmlich durch ihre stimmliche Gestaltung, den Vorgängen über die Theatralik hinaus eine existenzielle Bedeutung zu verleihen. Ebenso gelungen gestaltete Marc Oliver Schulze die Rolle des Teukros, den Halbbruder von Aias. Er ließ seinen Text, der angefüllt mit Zorn sich gegen Menschen und Götter richtete, nicht tönen, sondern donnern. Sein verzweifelter Kampf um die letzte Ehre für Aias hatte antike Schönheit und menschliche Kraft.

Jedem Theater, das sich dieses großartigen Stückes annimmt, gebührt Dank. Die Inszenierung im Haus der Kunst, die einige sehr schöne konzeptionelle Ansätze aufwies, zu denen nicht zuletzt das gelungene Bühnenbild von Ann Heine gehörte, blieb der Vorlage von Sophokles jedoch einiges schuldig. Darüber tröstete auch nicht der kluge und bemerkenswert aufschlussreiche Text von Andrea Vilter im Programmheft hinweg.

 
Wolf Banitzki

 

 


Aias

von Sophokles

Eva Gosciejewicz, Heiko Raulin, Oliver Nägele, Lisa Wagner, Marc Oliver Schulze, Marcus Calvin, Peter Albers

Regie: Benjamin Walther
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