Kammerspiele Maß für Maß von W. Shakespeare


 

 

Maß für Maß oder doch menschliches Maß?

Vincentio, Herzog eines "märchenhaften" Wien, sieht seine Stadt in einen Sündenpfuhl verwandelt. Selbst ein Hallodri, vermag er den geschriebenen (und ruhenden) Gesetzen kein Leben einzuhauchen. So ernennt er den jungen Angelo zum Statthalter, ausgestattet mit allen herzoglichen Kompetenzen, damit dieser Ordnung schaffe. Vincentio geht in ein Kloster, verkleidet sich als Mönch und wandelt hernach unerkannt als Beobachter der Szenerie unter seinen Zeitgenossen.
Erstes Opfer des alten/neuen Rechtsstaates ist Claudio. Angeklagt der Lasterhaftigkeit wird das Todesurteil über ihn gesprochen. Das Prickelnde an dieser Geschichte ist jedoch, dass Claudio kein lasterhafter Mensch ist. Er schwängerte Julia zwar, doch nach vorab gegebenem Eheversprechen. Das Ja-Wort sollte gesprochen werden, sobald die Mitgift eintreffen würde. Am Wort Claudios zweifelte niemand. Lucio, ein wirklich lasterhafter Mensch, bringt Isabella ins Spiel. Sie steht bereits an der klösterlichen Pforte, um ihr Leben Gott zu weihen, als Lucio sie bedrängt, Angelo in Versuchung zu führen, damit er von seinem unmenschlichen Richtspruch ablasse. Gesagt, getan. Der moralische Hardliner wird schwach, taumelt, stürzt und sündigt. Nicht mit Isabella, die unantastbar bleibt bis zum Ende, sondern mit Marianna treibt er es nächtens. Sie war schon einmal seine Verlobte, doch ließ er sie in Ermangelung einer anständigen Mitgift sitzen. Nicht nur, dass Angelo mit falscher Zunge spricht, tiefste Verderbtheit erkennen lässt, er lässt auch noch das Urteil an Claudio vollstrecken. Am Ende taucht der Herzog wieder auf und fordert Rechenschaft. Obgleich das Spiel immer am Rand der Katastrophe wandelt, nimmt letztlich niemand Schaden.
 
   
 

Brigitte Hobmeier Isabella, Christoph Luser

© Arno Declair

 

Regisseur Stefan Pucher inszenierte die Komödie als Experiment mit dem Erfolg, dass viel Komödiantisches auf der Strecke blieb. Der Vorsatz war unübersehbar, die dem Stücke innewohnenden Fragestellungen an die Rampe zu rücken, denn sie sind in höchstem Maße aktuell. Allein im Programmheft werden zwei ganze Fragenkomplexe sichtbar. Der von Jens Roselt, er zeichnete auch für die Übertragung ins Deutsche verantwortlich, verfasste Essay zur Shakespeareschen Poetik und zum Thema theatralische Wahrheitsfindung spricht auf bestechende Weise vom Dilemma des moralischen Scheins und Seins. Spiegelung ist dabei das Schlüsselwort, und Theater ist eine Form der Spiegelung. Um dies dem Publikum bewusst zu machen, bedurfte es der praktizierten komödiantischen Zurückhaltung. Der zweite Fragenkomplex resultierte aus dem staatsmännischen Anspruch, der hier durchdekliniert wird, der einige Schwachstellen des Stückes bloßlegt und damit zugleich bedeutet, dass es sich nur um ein Experiment handelt. Der Vorteil eines Experimentes besteht immerhin darin, dass niemand zu Schaden kommt. Und der dritte Fragenkomplex stellte sich, bewusst provoziert, beim Publikum her. Ist der Mensch überhaupt in der Lage, seinen eigenen öffentlich vertretenen Moralansprüchen zu genügen? Menschlich urteilend kann die Antwort nur Nein! sein. Immerhin, das Streben danach adelt die Kreatur schon.


Pucher geht mit klassischen Texten nicht zaghaft um. Das ist hinlänglich bekannt. In den Kammerspielen erlaubte er sich eine zusätzliche Bearbeitung der von Roselt geschaffenen Vorlage. Jens Roselt zitierte im bereits genannten Essay Hamlet, den Shakespeare über das Schauspiel sagen ließ: " (...) passt das Spiel dem Wort an, das Wort dem Spiel, und habt besonders im Auge, dass ihr nicht die Mäßigung der Natur überschreitet." Wenn sich Regisseur Pucher an diesem "schauspielästhetischen Manifest" (Roselt) messen lassen musste, dann schnitt er nicht sonderlich gut ab. Das Wort ging nicht selten verloren und zurück blieb die Pose, deutlich zwar, aber verlustreich. Besonders Thomas Schmauser wurde als Herzog Vincentio allzu oft in die Pose gezwungen. Hier gab es kein Maß, zumindest kein logisches. Ganz anders agierte Christoph Luser als Angelo. Stocksteif deklamierte er, ohne physische Extravaganzen. Ähnlich legte die Regie Brigitte Hobmeiers Isabella an. Wenn sie sich anschickte, Angelo in die Versuchung zu führen, meinte man, sie wolle ihn durch Einschläferung überwinden. Peter Brombacher, der als Lucio dabei aus dem Publikum heraus die Fäden zog, wirkte dabei kontrastierend natürlich.

Puchers theaterästhetische Ansätze waren unbestritten originell und häufig auch sinnreich. Allerdings blieben viele Erwartungen, insbesondere die des reiferen Publikums, unbefriedigt. Denen, die das Stück kannten, fehlte die überbordernde Komödiantik, der feine Wortwitz, der das Stück in ein Feuerwerk philosophischer und menschlicher Spitzfindigkeiten verwandelt. Regisseur Stefan Pucher konnte seinen Geniestreich, den er mit "Der Sturm" abgeliefert hatte, leider nicht wiederholen. "Maß für Maß" wies Längen auf. Und ob es maß- und vor allem sinnvoll war, die Paare Christoph Luser (Angelo) / Tabea Bettin (einstige Verlobte) und Lasse Myhr (Claudio) / Selale Gonca Cerit (Claudios Geliebte) zur "Hundehochzeit" auf die Knie zu zwingen, blieb fraglich. Zumindest in Christoph Lusers Gesicht war kaum mehr als Teilnahmslosigkeit zu lesen.

Barbara Ehnes hatte für diese Inszenierung ein aufregendes Bühnenbild geschaffen. Diagonal zugeschnittene Wände schufen ganz nach Bedarf Flächen oder Räume. Auch die fantasievollen Kostüme von Annabelle Witt entführten den Betrachter in eine fiktionale Welt. Und obgleich spannend anzuschauen, lenkten Bühnenbild und Kostüme nicht ab von Handlung und Anliegen. Dennoch blieb ein Nachgeschmack zurück, dass das ideale Maß nicht erreicht war. Jens Roselt schrieb dazu im Programmheft: "Es geht im Theater nicht darum, dem Publikum einzig und allein zu gefallen, indem man die Zuschauer zum Lachen bringt, vielmehr hat man die urteilsfähigen Zuschauer für sich einzunehmen."

Wolf Banitzki
 

 

 


Maß für Maß

von  W. Shakespeare

Deutsch von Jens Roselt in einer Bearbeitung von Stefan Pucher

Thomas Schmauser, Christoph Luser, Wolfgang Pregler, Lasse Myhr, Peter Brombacher, Stefan Merki, Sebastian Weber, Stefan Merki, Walter Hess, Sebastian Weber, Wolfgang Pregler, Brigitte Hobmeier, Tabea Bettin, Selale Gonca Cerit

Regie: Stefan Pucher

Kammerspiele Kleiner Mann - Was nun? von Hans Fallada


 

 

Kleiner Mann und kein Ende

Mit Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" bekam soziales Elend einen Namen: Johannes Pinneberg. Die Geschichte dieses unauffälligen kleinen Verkäufers ist banal und gleichsam exemplarisch und das nicht nur in den Zeiten, in denen die Geschichte angesiedelt ist, in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Deutschland steckt wieder einmal in einer tiefen Sinn- und Ökonomiekrise. Und wiederum sind die Parallelen unübersehbar. Zu Falladas Zeiten kämpfte das Land mit einer Arbeitslosenzahl, die astronomische 6 Millionen erreicht hatte. Heute sind ca. 3,5 Mio. und es existieren soziale Netze. Tatsächlich aber werden im reichsten Land Europas etwa10 Mio. Menschen alimentiert. Und das berührt eine Tatsache, die scheinbar gänzlich aus dem Focus des Betrachtung geraten ist. Jede Form von Alimentierung bedeutet Würde- und Sinnverlust der Betroffenen. Schon wieder kriechen die populistischen Apologeten aus ihren Löchern, um am Pulverfass der sozialen Ungerechtigkeiten zu zündeln. Selbst die vorgeblich seriöse Politik bedient sich dieser Tatsache, nämlich im anstehenden Wahlkampf.

Ein guter Grund für Luc Perceval, sich des Jahrhundertromans zu bedienen, um auf diese Zustände mit Nachdruck zu verweisen. In vierstündiger Performance wird in epischer Breite der ganze Roman erzählt. Es breitet sich dabei zumindest beim Kritiker ein Missvergnügen aus, wenn man im Theater in zunehmendem Maße von Regisseuren bearbeitete Roman oder Filme erlebt. Manches glückt, vieles jedoch zersetzt langsam und unaufhaltsam die einzigartige und sinnvolle Form von Theater. Perceval fuhr mit seiner Arbeit große, ja, frenetische Zuneigung des Publikums ein. Ob es der Ästhetik und der großartigen Darstellung oder vielleicht doch in erster Linie einer herzanrührenden Geschichte galt, sei dahingestellt.

   
 

Wolfgang Pregler, Paul Herwig, André Jung, Annette Paulmann

© Andreas Pohlmann

 

Sicher ist, dass der Umgang mit dem Stoff kein Vabanquespiel ist. Falladas Roman vom liebenden Ehepaar, das unaufhaltsam die soziale Leiter hinabsteigt, ohne am Ende seine Liebe zu verraten, hat stark idealisierte Züge, nach denen sich heutige Zeitgenossen im Überlebenskampf sehnen. Luc Perceval nutzte für seine Inszenierung einen psychologischen Grundzug, der wohl auch die Zeitlosigkeit der Vorgänge dokumentierte. Es ist die Naivität und der Glaube kleiner Leute, dass sich am Ende doch alles zum Guten wendet. So glich die Bühne von Annette Kurz einem schwarzen Loch, einem Universum ohne Anfang und Ende, in dessen Mittelpunkt ein großes Orchestrion platziert war. Aus diesem erklangen dann immer wieder die Musiken der "Kleinen Leute" zur Falladaschen Zeit, zu denen die Darsteller Texte wie: "Wenn dir auch zum Weinen ist, keep smiling!", "Einmal schafft's jeder!" oder "Eines Tages werde ich glücklich sein." erklangen. Wer kennt sie nicht, die Schnulzen der Ufa-Zeit! Immerhin, ein Text stach auch dem kitschig einlullendem Tenor heraus und benannte das Dilemma: "Zeige dein Gesicht, deine Seele zeige nicht!"


Es war unbestritten ein Abend großen Schauspiels. Dabei scheute sich Luc Perceval nicht, die Personage gänzlich anders zu besetzen als die literarische Vorlage vorgab. So wurde Pinneberg, im Roman eine nach außen hin leidenschaftslose und sehr zurückhaltende Figur von Paul Herwig gespielt, der überbordernd die Emotionen des kleinen Angestellten an die Oberfläche krempelte. Herwigs Spielgestus beschrieb einen gebeutelten Mann, der der rauen Welt physisch kaum etwas entgegenhalten konnte, und der gleichsam wie ein Blatt im Wind in seinen psychischen Zuständen hin und her taumelte. Das setzte zudem schöne komische Momente, wie auch wortloses Innehalten vor dem Abgrund frei. Ein wirklicher Coup gelang Perceval allerdings mit der Besetzung der Lämmchen, wie Emma im Roman genannt wird, durch Annette Paulmann. Lämmchen ist im Roman, ganz zu Pinneberg passend, ein Wesen zartester Fadenscheinigkeit. Das macht die Beziehung beider so anrührend, denn Pinneberg ist stets gefordert, das feenhafte, feingliedrige und zerbrechliche Wesen unentwegt vor der Welt zu beschützen. Annette Paulmann stolperte äußerst proper und korpulent in die Szene. Ihre Spielweise und ihr Habitus suggerierte hingegen genau das Wesen, das Fallada scheinbar vor Augen hatte. Es zeugte von großer darstellerischer Kraft und Potenz, den eigenen Körper spielerisch im Auge des Betrachters zu verwandeln.

André Jung zauberte mit der ihm eigenen, stets mitschwingenden Distanziertheit zur Figur einen widerwärtigen zynischen, nur dem eigenen Alkoholismus folgenden Arbeitgeber. Er wirkte lächerlich und bedrohlich zugleich. Hans Kremer fiel der gestalterische Part des Jachmann zu, einem kleinen Zuhälter, der Pinnebergs Mutter (Gundi Ellert kam mit dieser Rolle schlichtweg zu kurz.) vermarktete. Kremers höchst intensives Spiel gebar einen Mann, dessen großes Herz unübersehbar war, und der mit Charme und Grandezza dem Kleinganoventum ein Denkmal zu setzen schien. Peter Brombacher, Stefan Merki und Wolfgang Pregler brillierten in den Nebenrollen als Kollegen oder Vorgesetzte Pinnebergs. Nebenher spielten alle auch randglossenhafte Figuren, die zum Teil überaus skurril und doch immer glaubhaft waren. Perceval kitzelte viel Situations- und Sprachkomik zutage, was immerhin sehr heitere Szenen in der kellerhaften Düsternis erzeugte und alles verdaulicher machte.

Wäre der Text jedoch nicht so stark mit überflüssigen epischen Berichten und Beschreibungen angefüllt gewesen, so dass es ein wahrer Marathon war und nicht selten auch Längen entstanden, hätte die Inszenierung eine Schallmauer durchbrechen können. Das permanente Bemühen, das Atmosphärische der Existenzen sichtbar zu machen, verstellte leider ein wenig die Sicht auf die nüchterne Botschaft, mit der die Zuschauer das Theater hätten verlassen können. Die hätte sein können: Der Kapitalismus ist nicht unfähig, die Krankheiten des Systems zu überwinden. Der Kapitalismus ist die Krankheit!

Aber das wäre wahrscheinlich zuviel verlangt. Und so wird es wohl noch auf unbestimmte Zeit wie gehabt weitergehen und: "Irgendwann werde auch ich glücklich sein!"

Wolf Banitzki

 

 

 


Kleiner Mann - Was nun?

von Hans Fallada

 

In einer Fassung von Luk Perceval

Peter Brombacher, Gundi Ellert, Paul Herwig, André Jung, Tina Keserovic, Hans Kremer, Stefan Merki, Annette Paulmann, Wolfgang Pregler

Regie: Luk Perceval

Kammerspiele Drei Farben: Blau Weiß Rotvon Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz


 

 

Ärgerlich

Krzysztof Kieslowski war ein Grenzgänger im wahrsten Sinn des Wortes. Als Pole war er und auch Teile seiner Kunst integraler Bestandteil des sozialistischen Realismus. Aber er arbeitete und lebte auch auf der anderen Seite der Mauer erfolgreich. Dieser Erfolg basierte vornehmlich auf dem Ignorieren der politischen Prämissen. Wer seine Filme kennt, wird sich vielleicht darüber wundern, dass sich in ihnen keine politischen Schlagwörter finden. Kieslowski hatte erkannt, dass die politischen Konstellationen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Waren die politischen Verhältnisse auch noch so unterschiedlich, das menschliche Wesen hüben wie drüben wies nur geringfügige Abweichungen auf. Sein Epos "Drei Farben: Blau, Weiß, Rot" ist folglich auch ein Werk, dass auf den Menschen zielt und nur bedingt auf die Verhältnisse, in denen er lebt.

Kieslowskis Filme "Drei Farben: Blau, Weiß, Rot" erzählen von Menschen, die in ihrem Leben an einem Endpunkt angelangt sind. Julie hat durch einen Autounfall Mann und Tochter verloren. Sie trennt sich von ihrem alten Leben ohne den Vorsatz, ein neues zu beginnen. Karol Karol, ein in Paris lebender Friseurmeister verliert durch Scheidung seine Frau und damit die Existenzgrundlage in Frankreich. Er kehrt nach Polen zurück, um es seiner Ehefrau mit gleicher Münze heimzuzahlen. Und ein pensionierter Richter, der zu der Ansicht gelangt war, dass Rechtssprechung und Recht zwei sehr unterschiedliche Dinge sind, hatte sich völlig aus der Gesellschaft zurückgezogen. Erst die Begegnung mit Valentine lässt ihn seine unsägliche Isolation spüren.

Die Filmvorlagen sind leise poetische Werke, die von eindringlichen Bildern leben. Lange Einstellungen legen die Psychologie der inneren Vorgänge bloß und gebären eine gewaltige suggestive Kraft. Kieslowski verzichtete dabei auf jegliche vordergründige Effekte und erzeugt große Nachhaltigkeit in seinem philosophischen Diskurs über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Es war schwer vorstellbar, dass sich diese Wirkung auch auf der Bühne erzeugen lässt. Da der Bezug zum Werk Kieslowskis so eindeutig ausfiel, muss sich die Inszenierung von Johan Simons auch an diesem messen lassen. Soviel vorab, sie hielt nicht stand.
 
   
 

Wiebke Puls, Steven Scharf

© Andras Pohlmann

 

Die dramatische Fassung von Koen Tachelet erreichte es zumindest, die scheinbar unabhängig voneinander ablaufenden Geschichten näher zusammen zu rücken. Ob allerdings die Geschichten ohne Kenntnis der Filme für jedermann verständlich sind, ist ungewiss. Bei Kenntnis der Filme vermag sich der Zuschauer allerdings sehr schwer von deren Bildern zu lösen und hier beginnt das Desaster. So entsprach die Besetzung der Julie mit Sylvana Krappatsch so gar nicht dem unauslöschlichen Bild, das Juliette Binoche hinterließ. Auch gelang es nicht, diesem Bild etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Frau Krappatsch gab eine nervige, sich selbst im eigenen Leid kaum ertragende Frau, die sich auch schon mal in mimischen Faxen verlor. Ihr gegenüber, hochsensibel und sehr fein im Ausdruck agierte Stephan Bissmeier, ganz dem Habitus seiner Rolle verhaftet. Seine Leistung konterkarierte das Spiel Sylvana Krappatschs um so deutlicher.


Als fatal muss die Umsetzung des Filmes "Weiß" bezeichnet werden. Darin geht es um das Prinzip Gleichheit, dass in der heutigen Welt allzu oft als "Wie du mir, so ich dir" verstanden wird. Nicht zuletzt durch das exzessiv komödiantische Spiel von Thomas Schmauser verkam eine tragikkomische und zum Teil elegische Geschichte zur Farce. Auch die Sicht auf das Land Polen war eher peinlich und nicht selten würdelos. Da mussten Steven Scharf und Edmund Telgenkämper, die ihr Repertoire schauspielerischer Darstellungsmöglichkeiten durchaus ausspielen konnten, mit Fellröckchen und Kragen agieren. Das assoziierte eine Polen im Zustand der Barbarei. Auch wenn Kieslowski vom Polen der Nachwende enttäuscht war, er hatte die barbarischen Züge des Neoliberalismus beizeiten erkannt und benannt, rechtfertigt dies noch keine so pauschalisierende Sicht. Das war kein Beitrag zur Verständigung im vereinten Europa. Der Pole als ewiger Autodieb feierte eine Renaissance. Was bei Kieslowski als tragikkomischer Kampf eines liebenden Mannes erzählt wurde, erschien in den Kammerspielen als derbzotige, ins surreale abgleitende Geschichte, deren Wert nicht in der Erkenntnis sondern in der Unterhaltung lag.

Um so schwerer hatten es dann Jeroen Willems (Richter) und Sandra Hüller (Valentine) in Part 3 (Brüderlichkeit) das Publikum zum Diskurs zurückzuführen. Willems aktionsloses Spiel erzeugt denn auch einen Grad an Innerlichkeit, die der filmischen Vorlage sehr nahe kam. Sandra Hüller, die adäquat mit leisen Tönen auf das von Jeroen Willems reagierte, vermochte nicht das Klaumaukige des vorhergehenden Aktes zu tilgen. Der vorletzte Eindruck blieb. Eine Zuschauerin meinte beim Verlassen des Theaters: "Ärgerlich." Wie wahr!

Die Inszenierung wird wohl, wenn überhaupt, nur im Gedächtnis bleiben, weil in ihr ein Auto aus dem Bühnenboden in die Bühne krachte. (Bühne: Jens Kilian) Johan Simons inszenierte bemüht, die Unzulänglichkeiten des Vorhabens mit theatralischen Effekten wettzumachen. Sein Scheitern geschah nicht unbedingt auf hohem Niveau. Einmal mehr stellt sich die Frage nach dem Sinn, ein Remake oder das Remake eines Remakes auf die Bühne zu bringen. Ein Remake ist immer eine Rückschau. Vorwärt zu schauen scheint wenig reizvoll zu sein, wohl, weil die augenscheinliche Sinnkrise nur nebulöse Aussichten zulässt. Bleibt zu hoffen, dass uns ein filmisches Remake des Werkes von Kieslowski erspart bleibt.

Wolf Banitzki

 

 

 


Drei Farben: Blau Weiß Rot

von Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz

In einer Fassung von Koen Tachelet

Sylvana Krappatsch, Stephan Bissmeier, Sandra Hüller, Hildegard Schmahl, Wiebke Puls, Steven Scharf, Edmund Telgenkämper, Lena Lauzemis, Thomas Schmauser, Jeroen Willems

Regie: Johan Simons

Kammerspiele Furcht und Zittern Singspiel von Händl Klaus und Lars Wittershagen


 
 
Auf die richtigen Fragen kommt es an

1843 erschien in Kopenhagen das Werk "Furcht und Zittern" von Sören Kirkegaard. Es behandelte die alttestamentarische Geschichte von Abraham, der von Gott den Befehl erhalten hatte, seinen Sohn Isaak zu opfern. Wie bekannt fällt ein Engel Abraham in den dolchbewehrten Arm. Der Alte hat die Prüfung bestanden, weil er bereit war, seinen Sohn zu töten. Kirkegaard schreibt dazu: "Der ethische Ausdruck für das, was Abraham getan hat, ist, dass er Isaak morden wollte, der religiöse ist, dass er Isaak opfern wollte; aber in diesem Widerspruch liegt eben die Angst, die sehr wohl imstande ist, einem Menschen den Schlaf zu rauben, (...)."

Manfred Horni schläft friedlich, als die Polizisten Stephanie Meier und Martin Kirchner an seine Tür klopfen. Obgleich er ein vorbestrafter Päderast ist, ist sein Gewissen rein. Den Beruf als Musiklehrer, den er ohnehin nicht mehr ausüben darf, hat er wegen eines Hörsturzes an den Nagel gehängt. Da das Gericht beschlossen hatte, dass er sich zukünftig von Kindern fernzuhalten habe, zog er sich beizeiten mit seiner Ehefrau Anneliese ganz ins Private zurück. Er, resp. die Beiden sind glücklich, bis die Polizei an seine Tür klopft. Gegenüber des Hauses Horni soll ein Kinderheim errichtet werden. Das Grundstück ist eine vergiftete Industriebrache. Doch was soll's, alle sind fortschrittsgläubig und haben keinen Zweifel daran, dass die Industrie es richten wird. Für Manfred Horni bedeutet das allerdings Verbannung. Er darf das Haus nicht mehr betreten und beschließt, gemeinsam mit der Frau auf der Straße vor dem Haus zu leben. Das verbietet der Beschluss nicht. Allerdings ruft dies wiederum die Polizisten auf den Plan, die den rechtskräftig Verurteilten vor sich selbst beschützen müssen. Der Ton wird zunehmend vertraulicher und als endlich die Kinder das Heim in Besitz nehmen, beginnt man zu experimentieren. Vielleicht gesundet Manfred Horni ja, wenn er mit dem Feuer spielt. Vielleicht lernt er ja, seine Triebe zu beherrschen.
 
   
 

Tanja Schleiff

© Arno Declair

 

Was Autor Händl Klaus und Musiker Lars Wittershagen als Singspiel erdachten, brachte Regisseur Sebastian Nübling als circensischen Reigen auf die Bühne, die einer Arena glich und deren Blickfang ein mit rotem Samt behangenes Rondell war (Bühne und Kostüme Muriel Gerstner). In diesem lebten einst vor ihrem Auszug die Hornis. Später beherbergte der Raum die Musik und wurde Spielort für intime Szenen.


Was sollte das ganze Spektakel um einen "Kinderschänder"? Erst einmal bereitete es höchstes Vergnügen, zu schauen und zu hören. Die musikalischen Fähigkeiten der Darsteller verblüfften (René Dumont und Stefan Merki als Saxophonistenduo), betörten (Caroline Ebner mit Gesang und Harmonika) oder beeindruckten (Tanja Schleiff mit Akrobatik und Harmonika). Wiebke Puls und Paul Herwig (Violine und Perkussion) schufen nebenher ein völlig neues Bild vom Gesetzeshüter: der Polizist als Mensch.

Darüber hinaus hatte Händl Klaus einen kleines Universum aus Liedern und Szenen gebastelt, in dem sehr komplex alles um die Frage kreiste: Wer und was ist ein Kinderschänder? Hier schließt sich der Kreis zum eingangs erwähnten Text von Kirkegaard, der Namensgeber für das Stück war, und dem Zitat, das auf ein altes und immer wiederkehrendes Problem verweist. In Zeiten, in denen jeder, gefragt oder ungefragt, Statements abgibt und meint, die Welt zu erklären, kann eine Frage, die richtige Frage, die Fundamente des Common sense erschüttern. Dieser Vorgang geht folgerichtig mit neuen oder zumindest anderen Wahrheiten schwanger. Da kann der Sinn der Rechtsprechung auch schon mal in Unsinn umschlagen.

Wer oder Was ist ein Kinderschänder? Ist Manfred Horni ein Kinderschänder? In Händl Klaus' Geschichte hatte es nicht unbedingt den Anschein. Manfred, überaus konzentriert und zurückhaltend gestaltet von Jochen Noch, erweckte diesen Eindruck nicht. Hingegen machte das geradezu barbarisch anmutende Verhalten der Erzieherin Wally stutzig. Könnte das, was Tanja Schleiff kraftvoll, aggressiv und skrupellos gestaltete, der Realität nahe kommen? Zweifelsohne waren alle Szenen komödiantisch überzeichnet, doch im Wesen der Vorgänge schwang immer auch ein Ton mit, der sehr bekannt vorkam. Könnte es sein, dass naturgegeben in jedem Erzieher ein Sadist steckt, in jedem Straßenkehrer ein Gernegroß, in jedem Polizisten ein terroristischer Amokläufer und in jedem "Kinderschänder" einer, der sich nach Liebe sehnt und der Liebe geben kann?

Diese Fragen empfindet der Common sense als ketzerisch. Und doch, was war Abraham bereit zu tun? Wie schnell kommt Verlegenheit auf, wenn die Frage einmal anders gestellt wird. Diese schwungvolle Inszenierung, präzise und mit sehr komischen Momenten eingerichtet von Sebastian Nübling, geht vor allem wegen der Ästhetik weit über die meisten theatralischen Angebote zum Thema hinaus. Händl Klaus formulierte die Fragen einmal anders und erreichte damit immerhin, dass es allemal legitim ist, die Perspektive einmal zu ändern. Dann kann das Erstaunen und vielleicht auch die Verwirrung wirklich groß sein.

Wolf Banitzki

 

 


Furcht und Zittern

Singspiel von Händl Klaus und Lars Wittershagen

René Dumont, Caroline Ebner, Paul Herwig, Stefan Merki, Jochen Noch, Wiebke Puls, Tanja Schleiff, Musiker: Margarita Holzbauer, Jan Kahlert, Tschinge Krenn, Peter Pichler; Chor: Kindersolisten des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Regie: Sebastian Nübling

Kammerspiele Der Prozess nach Franz Kafka


 

 

Willkommen in Kafkas Universum

"Bis zum Äußersten / gehn / dann wird Lachen entstehn", forderte Samuel Beckett. Kafka tat dies bereits vor ihm und erntete Lachen, ersticktes, kein befreiendes, aber doch immerhin Lachen. Josef K. ist keine lächerliche Figur, doch die Umstände in denen er sich bewegt und der besondere Umgang mit diesen, machen ihn zu einer solchen. Bei Beckett kann dies nicht geschehen, denn seine Protagonisten begehren nicht mehr auf gegen Umstände. Sie sind selbst Bestandteile dieser Umstände geworden. Der Mensch in seiner Unzulänglichkeit ist eine lächerliche Figur.

"Leben müssen ist eine einzige Blamage", schrieb Marieluise Fleißer treffend. Sie schrieb das aber nicht über Kafkas Werk, sondern über das von Buster Keaton. (Zitat: Heft 16. Münchner Kammerspiele / Der Prozess)
Im Sommer 1964 entstand in New York unter der Regie von Alan Schneider Becketts "Film". Thema: Wahrnehmung. Für den Dichter kam nur ein Gesicht in Betracht, das von Buster Keaton. Im Programmheft zur Inszenierung an den Münchner Kammerspielen finden sich beide Porträts, Kafka und Keaton, nebeneinander. Auch Kafka und Beckett treffen sich nicht von Ungefähr. Beider großes Thema war das Zurückgeworfensein auf sich selbst. Becketts Focus war dabei weit radikaler, was ihn aber auch unverdaulicher machte. Kafka schenkte uns neben der menschlichen Dimension des Absurden zusätzlich noch die gesellschaftliche. Und genau dieser Umstand beschert dem Betrachter Ängste.
 
   
 

Lena Lauzemis, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Bernd Moss, Annette Paulmann, Katharina Schubert,

© Arno Declair

 

Regisseur Andreas Kriegenburg hatte sich aufgemacht, den komischen Kafka für das Münchner Publikum zu entdecken. Für viele Zuschauer wurde diese Inszenierung zur Offenbarung. Nein, es wurde kein heiterer, aber in jedem Fall ein komischer Abend. Josef K., für Kafka mehr als eine konkrete Person, taucht sie doch in vielen unterschiedlichen Werken des Dichters auf, steckt in jeder handelnden Person. So gibt es mindestens sieben K.s und jede dieser Figuren schlüpft auch in die für die Handlung notwendigen Rollen. Das ist an sich schon komisch. Noch komischer wird es, wenn der siebenfache K. reagiert. Hier wird deutlich, wie facettenreich und gleichsam widersprüchlich ein Mensch ist.


Die Geschichte ist unfassbar. Sie dauert ein knappes Jahr und endet mit der Hinrichtung des Protagonisten. Dazwischen vollzieht sich eine Verurteilung, von der niemand Kenntnis hat und die durch die Hinrichtung äußerlich "Rechtsgültigkeit" erlangt. Wer über K. geurteilt hat bleibt im Verborgenen, ebenso die Gründe, die dazu führten. Der Leser erlebt einen verzweifelten Menschen, der sich keiner Schuld bewusst ist und der sich den unsichtbaren Vorgängen dennoch nicht entziehen kann. Die Schuldfrage erfährt auf sonderbare Weise eine Begründung: "Unsere Behörde (...) sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken. Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?"

Es steht scheinbar außer Frage: Der gesellschaftliche Mensch ist den diktatorischen Bestrebungen der Institutionen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Doch so leicht machte es sich Andreas Kriegenburg nicht. Die deutliche Hervorhebung des Kapitels 7, in dem der Maler Titorelli erklärte, welche Varianten der Freisprechung möglich sind, zeigte zumindest auf, dass der Mensch durchaus auf die Gerechtigkeit verzichten kann, wenn es ihm zum Vorteil gereicht. In dieser ausufernden Szene brillierte Annette Paulmann rhetorisch. Einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis von Kafkas Anliegen lieferte des Kapitel 9, in dem Josef K. aus dem Mund des Gefängniskaplans erfährt, dass der Mensch selbst die Katastrophe im Recht sucht. Seine Motive sind lauter, doch hinlänglich dumm, denn das System, dem sich der Mensch begierig unterwirft, ist seelenlos und unmenschlich.

Selten leistete eine Inszenierung von Kafkas "Der Prozess" so deutliche Aufklärung. Doch diese Tugend ist es nicht, die die Theateraufführung zu etwas Außergewöhnlichem machte. Es war die Ästhetik, mit der Andreas Kriegenburg überzeugte und verblüffte.
Sein Bühnenbild war ein Tummelplatz für Kafkasüchtige. Man konnte darin Gregor Samsa sein, das an der Decke hockende Insekt, denn der Raum war auf irritierende Weise aus der besonderen Perspektive der Draufsicht erfahrbar. Es war ein türenloser Raum, ein Gefängnis, in dem ein vervielfachter Josef K. unbeholfen, linkisch, verunsichert und aufbegehrend agierte.
Das Bühnenbild konnte ebenso als Auge des Betrachters begriffen werden, in dessen Pupille sich der Aktionsraum spiegelte. Kriegenburg ließ sich dabei ganz augenscheinlich vom Cartoonisten Robert Crumb, ein Mitgründer der Underground-Comics-Bewegung, inspirieren, der in seinen Darstellungen insbesondere zu "Vor dem Gesetz" die selbe Atmosphäre schuf. Nicht nur dienlich, sondern kongenial war die beinahe permanente Musik von Laurent Simonetti in ihrer Unaufdringlichkeit, deren Suggestion absolut zwingend war.

Es ist schier unmöglich, die Leistungen der Schauspieler im einzelnen zu benennen, gingen sie doch alle irgendwann in irgendeiner Facette des Josef K. auf. Selbst wenn sie andere Rollen spielten, blieb immer noch ein Rest Josef K. übrig, nämlich der, der in jedem Menschen steckt. Regisseur Kriegenburg verlangte den Darstellern alles ab. Jeder von ihnen war in ständiger Aktion, stellte vor und dar, gestaltete und kommentierte. Nicht selten war es für den Zuschauer schwierig, sich nicht von sechs K.s ablenken zu lassen, wenn der siebente im Vordergrund um sein Überleben kämpfte. Die szenischen Einfälle hätten gut für zwei Inszenierungen gereicht. Kriegenburg lief bei dieser Arbeit zu ganz großer Form auf und riss die Schauspieler in einen wahrhaften Taumel komödiantischer Spielwut.

Diese Inszenierung hätte sicher die Zustimmung Kafkas gefunden, denn sie verwandelte die Welt für zwei und eine halbe Stunde in ein kafkaeskes Universum.

Wolf Banitzki

 

 

 


Der Prozess

nach Franz Kafka

Walter Hess, Lena Lauzemis, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Bernd Moss, Annette Paulmann, Katharina Schubert, Edmund Telgenkämper

Regie: Andreas Kriegenburg

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