Pathos Geld und Geist und Gutesleben mit Alexander Tschernek


 


Es bleibt ein permanentes Provisorium, die Welt.


Auf der Suche nach den perfekten Lösungen erstarrte die Gesellschaft. Sie vergeht sich in kleinen und kleinsten Reförmchen eines, längst als unzulänglich erkannten Systems. Und da Mensch das, auf einer Ideologie basierende System selbst geschaffen hat, verherrlicht er es - und damit sich selbst. Lieber untergehen, als Fehler zugeben, so könnte das offensichtliche Credo lauten. Das kennt man aus vielen Beispielen in unterschiedlichsten Bereichen - von der als unumstößlich richtig angenommenen ökonomischen Theorie der Herren X und Y, über Kapitalanlageprojekte, politisch ideologische Strukturen bis hin zur Ernährungslehre.


Alexander Tschernek sieht sich als „Philosof“. Mit seinem Event versuchte er die Philosophie (Die Liebe zur Weisheit) und ihre Ansätze im Lebensbejahenden näher an die noch Lebenden heranzubringen - Geldglücksberatungschoaching. Welch ein umfassendes Wort, dem gerecht zu werden er sich bemühte. Die sinnliche Seite war ihm dabei ebenso wichtig, wie die geistige. Unterstützt wurde er dabei von Juri Kannheiser am Cello und Johannes Öllinger an der Gitarre. Mit Tscherneks Lied vom Geld - „Geld ist eine Supersache. Ich bin ein Fan davon.“ - versetzten sie zum Einstieg ins Thema Interessierte und Raumluft in Schwingung.


Es ist ein Projekt für Entwicklung, geistige.


Am Beginn steht das Wort, die Erkenntnis, welche zu Glückszuständen oder Veränderung führen kann. Worte füllen Bücher, Räume und es sind eigene Welten in der Wirklichkeit aufgetan, die oftmals zu wenig Beachtung finden. Diese aus dem Verborgenen wieder in Licht und Bewusstsein zu bringen, nahm Alexander Tschernek als seine Aufgabe an. Der Schauspieler las Textstellen aus den Werken von Aristoteles bis Hannah Arendt, von Goethe bis Sedlacek und vergaß nicht Donald Duck. Mit verbindenden Worten moderierte er und stellte einzelne Aspekte in den Vordergrund.


Die Lehren vom Leben suchen nach den Ursprüngen von Gedankenmustern und Gewohnheiten, ebenso wie den als bestmöglich erkannten Lösungen. Am Beispiel der Mathematik veranschaulichte Tschernik den unendlichen Gedankenbereich mit den unendlich vielen Möglichkeiten, aus denen einige herausgegriffen werden und praktische Anwendung finden - Bestätigungspotential bieten. Geld vermag vieles, allein es kommt auf den Geist an, der es bewegt. Und hier besteht eine Menge Aufklärungsbedarf, zweifelsohne. Die richtigen Sätze zum richtigen Augenblick können neue Wege aufzeigen. Man muss sie nur im Gedächtnis speichern und abrufbereit haben - beispielsweise die Antwort auf: „Was ist Luxus?“ Dafür waren die Talkshow-Events erdacht worden, die zahlreiche Zuschauer anzogen.


Daniel Hoesl, Teilnehmer am Weltwirtschaftsforum in Davos, brachte seine Erfahrungen vor die Teilnehmer beim gemeinsamen Geldglücksberatungscoaching. Wie doch alles zusammenhängt, und doch in getrennten Welten stattfindet. Kann mit diesem Umstand umgegangen werden und wenn ja wie. Sein Film „WinWin“, der am 9.März im Schwere Reiter in München gezeigt wird, nimmt sich des Themas dieser zu bevorzugenden Lösungssituation an. Der Trailer gewährte Einblick in die Welt realistisch konzipierter Bilder und die Geschichte aus der Wirtschaftswelt.


Es war bereits alles gesagt, geschrieben.


Doch was nützt es, wenn nur wenig von diesen Ansätzen für Gutesleben bislang umgesetzt wurden und die Gesellschaft immer noch der Lohnsklaverei huldigt? Wenig. Es wird im Angesicht der sich rasant wandelnden Um- und Zustände auf der Erde immer notwendiger Gedanken für Gedanken von freiheitlicher Lebensweise und Sinn stiftendem Einsatz des Geldes zu verbreiten. Vor allem gilt es jedoch diese Ansätze, sind sie erst erkannt, zu leben.


Die natürliche Veränderung erfolgt durch den Wechsel der Generationen. Das Aufbegehren der Jungen gegen die Alten führt naturgemäß und ziemlich regelmäßig zu anderen Schwerpunkten. Den Alten obliegt es ihre Werte in den Raum zu stellen, den Jungen diese anzunehmen oder zu verwerfen. Kommt man sich entgegen, so tut es ein wenig Veränderung auch. So jedenfalls glauben und handeln viele in der Gesellschaft. Manchmal jedoch schlägt die Natur Kapriolen, setzt Mutationen in die Welt. Eine solche geistig zu vollziehen, wäre höchst angebracht.


Es gilt einen Sprung zu wagen, bedacht.


Dazu braucht es Aufklärung, wie ein Abend der Philosophie für Ein- und Umsteiger, den Alexander Tschernek gestaltete, sie bietet.  Abgesehen davon war es einfach eine Bestätigung des Gewussten - wenig  wirklich Neues im Gespräch. Aber das muss auch gar nicht sein, weil wir das Alte, längst bekannte und doch vernachlässigte, noch gar nicht wirklich konsequent umgesetzt haben. Mit dem Lied von der belebenden Wirkung der Arbeit endete der theoretische Teil und mündete einvernehmlich in Gespräche und Party mit DJ Ernst’s Erkenntnis-Rave.


Es könnte alles anders aussehen, auch wir.


C.M.Meier

 

Geld und Geist und Gutesleben

Philosophisches Geldglücksberatungscoaching

mit Alexander Tschernek


Pathos Selbstbezichtigung/Autodiffamazione von Peter Handke


 

Suche nach Erfahrung


Wie die Erde sich sich seit Ewigkeiten um ihre eigene Achse dreht, so dreht das Wesen sich um das Ich. „Ich bin … ich habe … ich sollte … ich wurde … ich lernte …“ Immer schon wurde in diesem unmittelbaren Zusammenhang die Frage nach Sinn und Ziel gestellt. Erfahrungen, Geschichten, Bilder wurden angehäuft, dokumentiert und widerlegt. Das Leben erwies und erweist sich stets als sinnlos, oder vielmehr sinnfrei. Doch was nützt all die Freiheit, wenn diese weder erkannt noch gelebt wird, vielmehr gelebt werden darf. Den Kindergarten der moralischen Indoktrination aufzulösen, in dem die Gesellschaft gefangen gehalten wird, ist eine Botschaft aus den 60zigern des vergangenen Jahrhunderts.


„Ich habe gegen den Wind gespukt.“  Peter Handke stand zu dieser Zeit für Hinterfragung, Aufruhr und Aufbruch. In einer bigotten Gesellschaft, der die Beichte, die Selbstbezichtigung seit Jahrhunderten auferlegt war, die zudem als moralisch unverzichtbar galt, war es ein geradezu revolutionärer Akt, die Floskeln des Daseins und die soernannten Fehler aufzulisten. Was still und heimlich hinter dem Vorhang des Beichtstuhls, oder der maskierenden Persönlichkeit zelebriert wurde, gelangte vor den Vorhang auf die Bühne. Doch was blieb von dieser Bewegung in der derzeitigen Gesellschaft? Eine Frage, die wohl nur jeder für sich beantworten kann. Naturgemäß braucht es dafür Anregung. Anregung, die die beiden Künstler Lea Barletti und Werner Waas mit ihrem unverkennbar leidenschaftlichen Projekt und den Worten von Peter Handke auf die Bühne des Pathos brachten.

„Io parlato.“ Jeder, der vielen für sich stehenden Sätze bewegte Geschichten, die Geschichte Handkes, die des Darstellers und die des Zuschauers. Das Theater wurde zum dichten Kosmos von gleichzeitigen Bildern, ähnlich der Welt um die Erde, ähnlich den Träumen des Wesens um das Ich.

Abwechselnd in italienischer und deutscher Sprache trugen die in Rom geborene Lea Barletti und der in Bayern geborene Werner Waas die Selbstbezichtung/Autodiffamazione vor. Über ihren Köpfen leuchtete allzeit präsent die digitale Welt mit der Übersetzung. Harald Wissler übernahm die Verantwortung für diesen diffizielen und leicht in Irritation zu versetzenden Bereich. Seinem Part oblag auch die Musik, welche das Publikum an die Worte heranführte, so zu Beginn über universelle synthetische Frequenzen aus dem Alltag in den Theaterraum. Vom Sein in der Natur - „Ich bin geboren.“ -  bis in das Werden und die Gestaltung der Kultur - „Ich habe mich gegen die Regel des Theaters vergangen.“ - wurde der rote Faden gespannt. Bisweilen warfen die Schauspieler die Worte wie Netze aus, um die Zuhörer darin zu fangen. Manche Sätze sprach eine Frau, manche ein Mann, andere wiederum sprach ein Mensch. Auch der Auftritt des heute allgegenwärtigen Moderators hinter dem Mikrofon fehlte nicht. Das Zuhören war, wie das Zusehen eine bereichernde Aufgabe. Anspielungen auf die Geschlechterrollen gestalteten die Künstler in bekannten, doch mit Leichtigkeit umgesetzten Bildern, die wiederum eine Fülle von Assoziationsräumen auftaten. Beispielsweise aß Adam den Apfel, überaus ruhig und genüsslich, während Eva ungeduldig auf seinen Einsatz wartete. Die Harmonie des Teilens bedarf steter Aufmerksamkeit, sowie unendlicher Geduld und Toleranz.

   Selbstbezichtigung  
 

© Manuela Giusto

 

„Ich habe gegen den Wind gespukt.“  Fünfzig Jahre nach Entstehung hat das Stück nichts von seiner Aktualität verloren. Die Grenzen, nicht nur des Bewusstseins, weiten sich in diesen Tagen und öffnen den Blick für neue Realität. Damit legt es den Versuch frei, in dem Grenzen gesetzt wurden, in dem Abgrenzung jedoch unmöglich ist, da ver- und abgleichende Spiegelung die Szene beherrschten und weiterhin beherrschen werden, naturgemäß. Anzuregen gilt, dass die Menschen im gestaltenden Göttlichen Ich zusammenfinden, denn ich, wie ich, wie ich und ich kann werden zu Ich. Die Erscheinungsformen bleiben so vielfältig wie gewollt, allein die Qualität in der Form entscheidet. Dies wurde durch die Inszenierung von Werner Waas, die bewusst den Focus auf die Verbindung zwischen Darsteller und Publikum richtete auf wundervolle Weise deutlich. Und, sie stellte erneut die Frage in den Raum: „Ich“.


In Zeiten in denen die unzählbaren Selfies und geposteten Meinungen die Luft und den Tag füllen, war es eine notwendige Aufführung, die in anspruchsvoller Art, von lakonisch bis bestätigend, von klar bis zweifelnd, berührte. Auch in den unzählbaren Nuancen der Artikulation lag ihre erlebenswert anregende, aufklärende Kunst.

 
 
C.M.Meier
 
 

Selbstbezichtigung/Autodiffamazione

von Peter Handke

Ein Projekt von Barletti/Waas

Lea Barletti, Werner Waas

Regie: Werner Waas

Schwere Reiter Lichtung von O-Team


 

Irrwege der Worte

Wohl kaum ein anderer Philosoph des 20. Jahrhunderts ist so umstritten wie Martin Heidegger. Er spiegelt in besonderem Maße den Zeitgeist wider, in dem er seine Spuren hinterlassen wollte. Gelungen ist ihm dies zweifelsohne, denn in der kontroversen Diskussion um sein Werk wird heute noch Bezug auf ihn genommen, während andere Denker dafür in den Hintergrund gerieten. Im Zeitalter von Albert Einstein war seine Metaphysik eigen, drehte sich bisweilen im Selbstbezug im Kreis – wenn beispielsweise „das Wesen weste“. Und so wartete das Publikum auf seine Worte, folgte erst den Spuren der Buchstaben über der Spielfläche, erwartete den klärenden Dialog der Darsteller. Laufend verlaufen im Laufe des Laufens die Spuren der Laufenden zu ... dem Lauf der Gedanken um ...

„Ist das Einfache noch einfacher geworden?“ Eine wahrhaft kunstvolle Aufführung auf den Weg zu bringen, bedarf sowohl des Wissen um den Effekt der einfachen Mittel, als auch die Fertigkeit komplexer Wahrnehmung und Wiedergabe. In einer Zeit, in der Theater neue Horizonte sucht, braucht es neue Geister und Gedankenwege um den Worten der Vergangenen andere Ebenen zu öffnen. Das gelang dem O-Team, dessen Name von „Odradek“ einem Fabelwesen, das sich seiner Umgebung flexibel anpasst, abgeleitet wurde. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen fantastischen Künste führte zu einem aktuellen Zeitbild.

„Nur noch ein Gott kann uns retten.“ In einer Küche saß ein Mann, schweigend, wartend. Im Hintergrund tickte es, gleichmäßig, scheinbar unauffällig. Der Mann verharrte, die Füße korrekt nebeneinander unter dem Tisch. Die Zeit verging. Unruhige Ruhe begann den Raum zu füllen. Da betrat eine Frau die Küche. Routiniert emotionslos vollzog sie Alltag. Blumengießen, Waschmaschine füllen, Zähne putzen. Unspektakulär und wohlbekannt tönte die Ansage des Anrufbeantworters, erklangen die Worte aus dem Radio, brodelte das Wasser durch Kaffeemaschine, plätscherte es in die Tasse. Wohlbekannte Töne aus der Realität, doch in eine allumfassende exzellente Dramaturgie eingefangen. Folkert Dücker und Antje Töpfer erspielten Bilder die mehr vermittelten, begreifbar machten, als Worte je beschreiben könnten. Applaus den beiden Akteuren, allen Akteuren.

  LichtungO Team  
 

© O-Team

 

„Es ist die Technik selbst, die technisiert.“ Und ohne die Technik ist die heutige Welt unvorstellbar. Es war eine moderne Küche, hinter deren Verkleidung die Kabel zum „Rechner der rechnet“ führten. Eifrig, neugierig folgten die Protagonisten den bunten Linien, zunehmend neugieriger, einfallsreicher. Bis ... bis der Modularsynthesizer erschien. Dieser übernahm es die Fülle der neugierigen Aktionen in Ton und Bild umzusetzen. Ist er der neue Gott im Hause Menschheit?

„Vielleicht ist  der Mensch überhaupt in seinem Haus nicht zuhause?“ Das mag vielleicht für Martin Heidegger zu einem Zeitpunkt gegolten haben, für jeden der Künstler des O-Team ist nachvollziehbar die Bühne das Zuhause. Mit der außergewöhnlichen theatralen Inszenierung über Gott und die Welt, die mit scheinbar einfachen Mitteln und klassischer Kunstfertigkeit, nachhaltig beeindruckend neue Geräuschbilder erschuf, überzeugten sie. Für den Zuschauer, der sein zuhause für einen Zeitraum zu öffnen in der Lage war, boten sie ein erlebenswert zeitübergreifendes Spektrum über ... den Lauf der Zeit, der Welt, der Menschen ...

C.M.Meier


Lichtung Geräuschtheater von und mit Martin Heidegger

von O-Team

Antje Töpfer, Folkert Dücker

Regie: Samuel Hof
Ausstattung: Nina Malotta, Musik: Markus Birkle, Dramaturgie: Jonas Zipf, Sound/Video: Pedro Pinto und Nils Meisel, Produktion/Grafik: Markus Niessner

Pathos Somewhere else but now


 

Leben oder fast leben


Leben bedeutet Teil der unmittelbar sinnlichen Erfahrung zu sein. Es beginnt außerhalb der aufgebauten Schutzräume und der gewohnten Pfade. Es braucht Sehnsucht, dieses erfahren zu wollen und Mut sich ihm auszusetzen. Die virtuelle Welt ist ein Ort für Illusionen, ein Ort des Nachvollzugs und der vorgespiegelten Erlebnisse jenseits des realen Miteinander. Die Beobachtung steht hier im Mittelpunkt, die Beobachtung des Wissenschaftlers, die Beobachtung des interessierten Followers und anderer. Es ist vergleichbar mit dem Zustand kollektiver Versenkung in die Sphären, die Seelen, einzelner. Las man früher für diese Erfahrung ein fantasievolles Buch, so schaut man nun einen Film oder  folgt als Fan dem Blogg eines Wagemutigen im Internet. Bewegter als  die starren Buchstaben ist dies absolut, und fertige Bilder erscheinen als reale Wahrnehmungen für den Betrachter.
Der Australier Aaron Austin-Glen wagte den Schritt aus dem gewohnten Umfeld in London, um eine Reise mit dem Fahrrad nach Hause, im letzten Teil durch die NullarborPlain zu machen, den Schritt über die gewohnten Grenzen zu erweiterter Welt- und Selbsterfahrung. Die Theatergruppe Pandora Pop gestaltete gemeinsam mit dem Abenteurer einen künstlerischen Nachvollzug des Trips mit besonderen Schwerpunkten. Was ist Zeit und wie erfahren wir diese? Was kann Einsamkeit bedeuten und wie vermitteln wir Erlebnisse? So wurde aus dem Reisebericht eine szenische Performance.

Alles begann in der Wohnecke mit Polsterstuhl, Stehlampe, Labtop und beleuchtetem Globus. Das Studieren von Reiseführern verband die Künstler, als der Abenteurer seinen Einstieg vortrug und im Hintergrund der Film mit der Abschiedsszene lief. Umarmungen, Menschen standen  im Kreis auf einem, von Glasfassaden umringten betonierten Platz. Die ersten 160 Kilometer waren wohl die anstrengendsten – der Weg von London nach Dover zur Fähre. Dann brauchte es weitere 5000 Kilometer bis sich nach einer besonderen Begegnung das Gefühl von Freiheit einstellte, hinter dem Bosporus am Schwarzen Meer. „What the hell am I doing?“ 354 Tage und 14.000 Kilometer durch 20 Länder war Aaron unterwegs, stets verfolgt von seinen Freunden, via Facebook, Instagram, Vimeo …

  somewhereelse  

 

 

Aaron Austin-Glen

 ©

 

Die Zuschauer im Pathos in München erlebten sowohl Szenen der Reise, als auch Szenen aus dem Innenleben des Abenteurers mit. Landkarten, Fotos und Kurzvideos färbten die weiße Rückwand der Bühne, ganz ähnlich wie die vier Farben der Pixel des Digitalen. Doch anders als im puren Internet agierten auf der Spielfläche die Darsteller. Auf dem Fahrrad sitzend, kräftig in die Pedale tretend, erzählte Aaron Austin-Glen vom Beginn und den ersten Erfahrungen mit sich in der puren Natur. Deutlich erschien hier die Entfernung des modernen Menschen zu seiner Herkunft. Der Weg in sie zurück dauerte immerhin 5000 Kilometer. Noch tiefer in die abstrakten Dimensionen des Mentalen und Emotionalen gingen die Texte, welche Pandora Pop (Dramaturgie Martina Missel) einbrachte. Künstlerisch aufgearbeitete Empfindungsreisen und Sammlungen von Eindrücken, gleich der Nachbearbeitung der, von Aaron übernommenen Berichte, setzten immer wieder Schwerpunkte. Die kleine Runde um das flackernden Lagerfeuer, die 76 Fotos von Sonnenuntergängen, die Kaffeetassen in Istanbul aus denen eine per Livestream zugeschaltete Freundin die Zukunft las. Mittels einer wundervollen Idee veranschaulichte Pandora Pop wie eine solche Glaskugel über einem Smartphone aussehen kann. Die Durchquerung der ersten Wüste im Iran setzte Gunnar Seidel in Ausdruckstanz um. Verloren in dunkler Nacht, Einsamkeit jenseits des gewohnten Lebendigen. Wie sehr sich doch die Strukturen von Dascht-e Lut und Mars gleichen, auf dem die gewohnte Dimension Zeit ein anderes Gefühl auslöst. Die Erfahrungen des Menschen sind unmittelbar an seine Umgebung gebunden, sie erschließt immer weitere Dimensionen von Wirklichkeit durch wechselnde Realität. Erst die Leere, der Gegensatz zu Fülle der Natur, vervollständigt die blühende Schöpfung.

Die Performance ist eine überaus kunstvoll facettenreiche Erweiterung der Weltreise. Die Videos, die Bilder, die original Requisiten wie Fahrrad und Zelt, die Gedankengänge des Akteurs und der in Echtzeit – now - Beobachter über Bildschirme, all dies ließ auch das Publikum teilhaben an diesem Abenteuer – somewhere else – in München. Erlebenswert. Auf jeden Fall erlebenswert, nicht nur für Travelfans.


C.M.Meier

 


SOMEWHERE ELSE BUT NOW

Ein performativer Reisebericht von Pandora Pop und Aaron Austin-Glen


Anne Winde-Hertling, Aaron Austin-Glen, Norman Grotegut, Gunnar Seidel

Schwere Reiter On/Off stage von Katja Wachter/Katrin Schafitel


 

Immer auf der Suche

... auf der Suche nach Anregung, nach neuer Form, nach Einmaligkeit ist der Mensch in seiner Geschichte. Was bleibt jenen Generationen zu tun, denen es obliegt auf bereits Bestehendes in seiner bestmöglichen Form aufzubauen? Die Kreativität der Kreativität als maximales Mittel.

Inspirationsquelle für „On/Off stage – A Perform(d)ance“ ist das Fluxus Performance Workbook in dem Anleitungen, also erprobte Installationen bekannter Künstler der Fluxus-Bewegung in den 1960ern – wie Yoko Ono, Joseph Beuys, Ken Friedman - gesammelt sind. Vorträge, Geräuschmusik, Spiele, dadaistischer Klamauk finden sich darin, sogenannte Partituren. Aufgelistet zur Weiterverwendung, Wiederverwendung dienen sie, sowohl als Bestätigung, als auch als Anregung.

Mit der Aufzählung der Partituren begann das Event. Katja Wachter stand am Rednerpult, artikulierte. „Opus 9 ... Opus 27 ...“, zitierte sie akribisch bedeutungsvoll aus dem Workbook. Während Katrin Schafitel bei jedem Zitat aus dem Hintergrund die Bühne betrat, sich euphorisch vor den Zuschauern verneigte, mehr oder weniger selbstbewusst den Vorgang wiederholte. Performance für Performance wurde so zu Gegenwart. Ein Spiel mit bekannter Form. Katrin Schafitel legte das Schwergewicht ihrer Aktivität auf die Mimik, zauberte unmissverständliche Ausdrücke in ihr Gesicht. Selbst in den Tanzszenen verfing sich hier, gleich an einem leuchtenden Stern, die Aufmerksamkeit. Das Maximum an Bühnenpräsenz entwickelte Katja Wachter im Tanz, in ihrer Welt. Einfallsreich und doch nachvollziehbar bewegte sie sich und ihre Bühnenfigur im körperlichen Modus „on“ stage. In die Phasen von Szenenentwicklung und der Suche nach dem Neuen ließen sie die Figuren ins „off“ fallen, um doch zügig wieder ins „on“ zurückzukehren. Ein Anspielung die sich durchaus auf den real praktizierten Erreichbarkeitsmodus über online und offline übertragen lässt, der heute ebenso aktuell ist und mit einem Wisch vollzogen wird. Musik begleitete die Spielszenen, Klänge des tropfenden Wassers, das Rauschen des Tonbandes, der virtuose Sound von Instrumenten.  Ein Spiel mit bekannten Ideen in neuer Zusammenstellung. Als Gast der Aktion gestaltete Kim Ramona Ranalter das Bühnengeschehen mit. Gleichermaßen versiert in Schauspiel, Tanz und Technik füllte sie scheinbare Lücken und erweiterte doch unaufdringlich das Geschehen. Erfrischende Gedanken aus der Sprühflasche erreichten auch sie.

  OnOffstage  
 

Katja Wachter, Katrin Schafitel

© Franz Kimmel

 

Perform(d)ance. Tanz - die Abstraktion in Wahrnehmung. Performance – das Reale in gespielter Situation. Daraus ergibt sich bisweilen Spiel mit realer Einbildungskraft und dieser Vorgang ist durchaus dem Leben gleichzusetzen. Gilt es nun die Kunst zu leben, damit sie echt wirkt? Das Geheimnis der Bühne zu entblößen und das Hinten zu vorne und vorne zu Hinten vorstellen, und damit Leben und Kunst ineinander fallen zu lassen. Oder ist nicht vielmehr jedes Leben ein Kunststück? Und wahre Kunst besteht darin subtil eigenwillige Grenzen zu ziehen.

Den beiden Künstlerinnen gelang es Aufsehen zu erzeugen, nicht allein über Mischung und Aufhebung von angenommenen Grenzen. Überforderung, und das sich verlieren in Unkonzentration. Was blieb ist der persönliche Eindruck von Bewegung und dem Gefühl diesen Eindrücken ausgeliefert sein – ganz wie in der Realität. Es führte zu der Frage ‚Worauf richte ich meinen Fokus?‘ , als eine Forderung zu persönlicher Entscheidung, welche wiederum weiterreichende Bewegung erzeugte. Die Einbindung der Zuschauer war ebenso ein Teil des Spiels und stand für ein lebendiges Gelingen. Sind differenzierte und komplexe Weltsicht gleichzeitig ‚Wann sehe ich was?‘, also Koordination und Ansprache auf mehreren Ebenen, der nächste Schritt in Omnipotenz oder eher Omnipräsenz?

Die Perform(d)ance bot eine hoch interessante Erfahrung, künstlerisch ansprechend. Von Heiterkeit bis Ver(zwei)flung schwankte der Zuschauer in Schauen, Lachen lassen und Todernst. „The performance ends when ..

C.M.Meier

 


On/Off stage - A Perform(d)ance

von Katja Wachter/Katrin Schafitel

Katrin Schafitel, Katja Wachter

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