Werkraum Stadt, Land, Fisch von Paul Brodowsky


 

 

 
Waschgang oder wie kriegt man Prosa ins Theater "rein"

Ingrid Arde wäscht die Laken im Hartschalenkoffer, wringt diese gemeinsam mit Mann Herrmann und Tochter Lydia über dem Duschbecken und hängt sie über die gespannte Leine im Zimmer. Die Wäsche benötigt zwei Tage um zu trocknen, erzählt sie. Früher, so erzählt Lydia, auf dem Hof hätten sie eine Weißküche gehabt und eine Schwarzküche. Die Weißküche zum Auskochen der Wäsche, die Schwarzküche zum Räuchern und Brotbacken. Viel Geräuchertes hätte es jedoch nie gegeben. Deshalb sind sie in die Stadt gezogen, wohnen nun in einem Container, übergangsweise, erzählt Herrmann. Nachbarn im Container sind Brassers, Hans-Peter, Charlotte und Sohn Ulrich. Hans-Peter war früher Fischer, jetzt schlachtet er Computerschrott aus und baut neue Rechner daraus. Ein sehr einträgliches Geschäft, erzählt er, Netze gegen Netzwerkkarten zu tauschen. Mit dem Fischfang sei es immer weiter zurück gegangen, konnte die Familie nicht mehr ernährt werden. Ulrich erzählt, dass er nun Karpfen züchtet, in der Stadt, im Container. Mutter Charlotte bezeichnet seine Fische als degeneriert.

Am eindrucksvollsten erzählte Peter Brombacher, der als Urgestein über eine eminente Bühnenpräsenz verfügt und diese auch gekonnt einzusetzen verstand. Mit sparsamer Mimik oder Gestik, präzise gesetzt, so ließ er Hans-Peter Brasser entstehen, einen Mann der sich dem Wandel in der Zeit fügt, ohne jedoch seine Art zu verlieren. Anders erging es Hermann Arde, Walter Hess trug seine Geschichte vor, der unter den geänderten Bedingungen keinen Platz mehr fand. Wiebke Puls als seine Frau hatte tatkräftig die Führung übernommen und verwirklichte sich als Kassiererin im Supermarkt. Dass sie Aufstiegschancen hat, glaubte man ihr ohne geringste Zweifel. Verloren dagegen wirkte Brigitte Hobmeier als ihre Tochter Lydia, die unsicher stöckelnd immer auf dem Weg war und auf der Straße ihre Bestimmung fand. Für Ulrich, Matthias Bundschuh, gab es nur kurz einen eigenen Platz im Leben. Er hatte so wenig Aussicht darauf wie seine Fische.

 

Matthias Bundschuh, Brigitte Hobmeier, Peter Brombacher

© Andrea Huber

 

Paul Brodowsky, Jungautor Jahrgang 1980, lässt seine Figuren über ihren Alltag berichten. Sie treiben abwechselnd Stück für Stück die Geschichte mosaikartig voran und zeichnen so ein Bild von in die Stadt verpflanzten Landbewohnern, mit ihren Ansichten und Gewohnheiten und deren Wandel unter den geänderten Lebensbedingungen. Wenn es auch manchmal ein wenig klischeehaft anmutet, so sind doch die beschriebenen Situationen geschickt gesetzt, genau durchdacht gewählt und bieten in der szenischen Umsetzung deutliche Einblicke auf Geschehen in der Gesellschaft. Nomadentum, Lohnsklaverei, Arbeitslosigkeit, Inzest und Prostitution sind einige davon. Ein Drama ist es aber, wie das Programmheft ankündigt, mitnichten, weder sprachlich noch im Aufbau. Zeichnet sich doch Dramatik durch Dialoge, und diese wiederum durch spannungsgeladenes Geschehen zwischen den Charakteren, und beim Monolog im Einzelnen, aus. Und genau das, bis auf eine kurze Passage, fehlt in dem Werk. Als Versuch, reflektorisch Vorgänge in der Gesellschaft nachzuvollziehen, mag es aber so allemal seine Berechtigung haben. Gilt doch das Vorweisen einer Geschichte, eines Lebenslaufes, als Merkmal für die Scheinindividuen in allen Schichten der Gesellschaft und wird gepflegt und herangezogen, um das Loch zu füllen, welches das Fehlen von Charakter und Schicksal hinterlässt.

Die Lesung des Textes wurde von Laurent Chétouane szenisch umgesetzt, dem "der prosaische Ton" gefällt, mit dem die ins spannungslose Nichts sprechenden Figuren kommunizieren. Die Deklamierenden saßen oder gingen dabei um einen großen Tisch, in dessen Mitte ein Aquarium mit einem Fisch, obligat, prangte. Marie Holzer war für die karge, doch bezeichnende Bühne, Stadt, verantwortlich, welche der Regisseur geschickt nutzte, um der Handlung zu Höhepunkten und somit auch bildlich zur Steigerung zu verhelfen. Es gelang ihm darüber immer wieder die Aufmerksamkeit auf eine der gegenwartslosen (dialoglosen) Figuren und deren Rückblicke zu lenken, die, so der Regisseur, Geschichte, also Vergangenheit gestalten, die spannungsmäßig funktioniert a'la Hollywood ... "... so ist das hoch künstlich."

In dem kurzen Dialog, einer Begegnung der beiden Ehepaare, blitzte für einige Momente Dramatik und damit Lebendigkeit auf, welche durch die ausgezeichnete Leistung der Schauspieler zusätzlich Farbe erhielt.

Im Hintergrund lief geräuschvoll eine Waschmaschine.

 

C.M.Meier

 

 

 


Stadt, Land, Fisch

von Paul Brodowsky

Wiebke Puls, Walter Hess, Brigitte Hobmeier, Cristin König, Peter Brombacher, Matthias Bundschuh

Regie: Laurent Chétouane

Werkraum Die Panik Teil V aus der Heptalogie des Hieronymus Bosch von Rafael Sprengelburd


 

 

 
Und wenn die Nacht am schwärzesten ist ...

Die Trägheit, eine der 7 Todsünden des christlichen Moralkodex, galt über Jahrhunderte als verwerflich, da das tätige Leben das Ideal darstellte. Heute, nach Aufhebung der alten Moralvorstellungen ist Trägheit keineswegs mehr Sünde, sondern gilt als legitimer sinnlicher Genuss und wird unter dem Begriff Untätigkeit von den Anhängern des Buddhismus sogar als erstrebenswertes Ziel gepriesen. Die moderne Wohlfühlgesellschaft huldigt der Entspannung, der Wegbereiterin für die Trägheit, gleich einer heiligen Kuh. So wurde die Trägheit gesellschaftsfähig.

Dennoch gibt es auch heute Sünden (Übertretungen eines göttlichen oder gesellschaftlichen Gebotes) und zu ihnen gehört die Angst vor der Freiheit, sie ist verpönt. Diese Grundangst, die Angst der Masse - Panik - gehört zu den modernen Todsünden wie Appetitlosigkeit, Dummheit und Paranoia, die der Autor in seinem von Hieronymus Bosch inspirierten Dramenzyklus vorführt. Panik entsteht, wenn Menschen in eine Freiheit geworfen werden, mit der sie letztlich nichts anzufangen wissen. Sie versetzt sie in Angst die in Agonie oder Aktivismus mündet. Sie werden zu Blättern im Wind, die mit Aberglauben, Götzendienst und Dummheit mit treiben und werden zu Ratten die ihr persönliches Laufrad beschleunigen. Die Freiheit, die Freiheit ist nur für wenige Menschen erreichbar und sinnträchtig. Allein diese Erkenntnis, die andere Seite einer Medaille in der Sammlung der Paradoxien des Lebens, würde Ruhe einkehren lassen. Doch daran, diese Ruhe aufkommen zu lassen, sind die Protagonisten des herrschenden Gesellschaftssystems, genau wie anno dazumal, keinesfalls interessiert. Nur eine getriebene Ratte, ist eine gute Ratte.
 

Anne Retzlaff, Anna Böger, Cristin König, Tabea Bettin, Lasse Myhr, Jochen Noch

© Andrea Huber

 

Rafael Sprengelburd, Jahrgang 1970, richtet nach eigener Aussage seinen Blick direkt und ohne Umwege auf das Leben. Das macht sein Werk spannend, zumal sein Blick klar und erfrischend unverstellt ist. In seiner Geschichte wird nach dem Schlüssel zu einem Banksafe gesucht, wobei dieser Schlüssel auch symbolisch für den Zugang zum Reich der Toten steht. Emilio, in der Wohnung seiner Geliebten zu Tode gekommen, wollte einen Film über einen altägyptischen Mythos drehen. Doch der Tod ereilte ihn zuvor und noch hat er nicht begriffen, dass er nicht mehr zu den so genannten Lebenden gehört. Er ist in ihrem Leben ohne teilnehmen zu können. Seine Ehefrau und Adoptivmutter Lourdes sucht nun gemeinsam mit den Kindern Jessica und Guido nach dem Schlüssel zum Schließfach. Sie möchte nach Miami, und der Schlüssel steht für ein Fahrkarte in ein besseres Leben. Eine Choreografin, eine männliche Tänzerin, eine Maklerin, eine Bankchefin, deren Sekretärin und ein hellsehendes Medium, sowie ein Therapeut vervollständigen das Kaleidoskop in dem persönliche Befindlichkeiten das Rad in der Manege des kleinen menschlichen Emotionalzirkus in Bewegung halten.
Zeitgenössischer Stil mit hartem Szenenwechsel, Rück- und Einblendungen, also Mittel des Films am Theater, jedoch sinnfällig eingesetzt, hielt Spannung und das Publikum im Bann. Ein grüner Vorhang schuf Räume, trennte und verband - Bühne von Mascha Mazur. Die einzelnen Szenen sind weniger spektakulär, denn entlarvend. Witzig, skurril, persiflierend und das, obwohl die Geschichte in Soap-Opera-Form scheinbar simpel und durchschaubar daher kommt, entfaltet sie bei genauerer Betrachtung doch ein vielschichtiges Bild, einem Gemälde von Bosch gleich. Der Text, bisweilen eine Sammlung abgenutzter Phrasen die sich Bedeutung anmaßen, da sie in Medien und damit den Köpfen allzu häufig vertreten sind, wirkt erheiternd. Die Verweise sind subtil. Der tote Emilio trägt menschliche Züge, die anderen Figuren sind moderne Prototypen, Nachfolger des Homo Sapiens, die Ratten in den Laufrädern. Da spielt es auch mal keine Rolle, wenn ein Darsteller mehrfach besetzt ist.

Ein Theatererlebnis der besonderen Art, das Regisseur Patrick Wengenroth überspitzt inszenierte und in dem die Darsteller durchweg brillierten. Anna Böger als Maklerin wirkte wie ein haltloses Blatt im Wind, wenn sie am Telefon Rechenschaft ablegte oder tanzend über die Bühne schwebte. Tabea Bettin und Lasse Myhr als die Kinder Jessica und Guido gaben überzeugend einen wahren Fundus an Neurosen zum Besten. Ihre Mutter Lourdes, gespielt von Cornelia Kempers, wirkte im Gegensatz zu allen anderen Figuren bodenständig, wenn auch nicht weniger zwanghaft. So sorgte sie aber für eine Reihe von Lachern. Renè Dumont dagegen agierte mit Zurückhaltung und Understatement, jedoch nicht minder ausdrucksstark. Jochen Noch, der tote Emilio, geisterte aufmerksam und höflich zwischen den Figuren, bis er von der hellsichtigen Cristin König über seinen Zustand aufgeklärt wurde. Nichts geht mehr ohne Medium oder Therapeuten, so lautet eine der Botschaften. Gott und die Götter wurden abgelöst. Es leben die "Götter".

Und wenn die Nacht, die herrschende Nacht an den Theatern, am schwärzesten ist, dann leuchtet ein Stern umso heller.



C.M.Meier

 

 


Die Panik

Teil V aus der Heptalogie des Hieronymus Bosch von Rafael Sprengelburd

Cornelia Kempers, Tabea Bettin, Lasse Myhr, Jochen Noch, Cristin König, Anna Böger, Renè Dumont, Sarah Sanders, Anne Retzlaff


Übersetzung / Regie: Patrick Wengenroth

Werkraum Ausgegrenzt von Xavier Durringer


 

 

 
Nichts Neues auf hohem künstlerischen Niveau

Xavier Durringer, 1963 in Paris geboren, ist eine feste Größe in der dramatischen Literatur Frankreichs. Er verfasste "Ausgegrenzt" als ein lyrisches Manifest und schuf zugleich einen handfesten dramatischen Entwurf. Es geht um "beurs", nordafrikanische Emigranten, die zum Teil in der x-ten Generation in Europa leben. Ohne Zweifel hat diese Problematik in Frankreich einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland, wo diese Mitbürger wegen der französischen Kolonialpolitik ein Anrecht auf Staatsbürgerschaft hatten. Aber was in Frankreich tauglich ist, Betroffenheit auszulösen, ist allemal gut für deutsche Bühnen. Und da die Kammerspiele seit Frank Baumbauer im Ruf stehen, sich in gesellschaftlich brisante (oder vermeintlich brisante) Vorgänge einzumischen, hier nun ein weiteres Werk zum nützlichen Thema ohne Ende.

Der Vater (André Jung), er kam vor vielen Jahren ins Land, hatte die Ärmel hochgekrempelt und seinen Kindern Haus und Schule errichtet, damit sie eine bessere Zukunft haben sollten. Doch es lief anders als gedacht, wo immer er was auch immer aufbaute, seine Existenz blieb ein Randexistenz. Schlimmer, sein Lebensraum schrumpft unentwegt und droht ihn auszulöschen. Er ist stolz auf das Errungene, zugleich aber zu müde und zu erschöpft, um das Errungene zu verteidigen, auch gegen seine Kinder, die sich längst damit abgefunden haben, nie wirklich Eingang in die Gesellschaft, die "weiße Gesellschaft" zu finden.
"Ich werde heiraten", teilt der Sohn dem Vater mit. "Ich auch," schließt sich die Schwester an. "Wen?" "Was fragst du, sie lebt seit langem in unserem Haus." Der Vater hat die Realitäten längst ausgeblendet. Immer wieder beschwört er die Vergangenheit, zu der er noch einen Bezug hat, da er sie lange genug erlebte, um eine Erinnerung zu besitzen. Den Kindern fehlt diese Vergangenheit. Nichts von dem, was sie als Heranwachsende in der Heimat sahen, existierte fort. Sie sind entwurzelt. Der Vater ist es faktisch auch, nur will er es nicht wahrhaben. So steht der Betrachter einem Scherbenhaufen gegenüber, der tiefe Betroffenheit auslöst.

 

André Jung, Ismail Deniz, Tabea Bettin

© Arno Declair

 

Regisseur Neco Çelik, Jahrgang 1972, setzte diese Geschichte denn auch trefflich in Szene. Die Familie "Ausländer", da sie keinen Namen hatten, muss vom Ausländer an sich ausgegangen werden, trugen schneeweiße Anzüge (Kostüme: Gunna Meyer). Çelik arbeitete mit Symbolik, immerhin. So stand das Weiß für die "Weiße Gesellschaft". (Siehe auch "Weißes Ghetto" im Programm, eine deutsche Selbstdenunziation. - Anmerkung des Kritikers) Der Vater hielt nicht hinterm Berg mit seiner Sicht auf die Dinge: Der Fremde muss sich bemühen, so zu sein wie die Eingeborenen! Doch die Gesichter der Kinder, der Schnitt ihrer Augen, ihrer Lippen, waren verräterisch. Und so stolperten sie ungelenk durch die Realitäten, die sie unentwegt als feindlich empfanden und beschrieben. Wer genau hineinlauschte in das poetische Bemühen, das Unsagbare zu formulieren, der konnte Anspielungen wahrnehmen auf die Gründe für Gewalt, Sozialverweigerung, Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit.

Die Argumente sind so bekannt wie verschroben, Worthülsen zumeist, Politikermündern, entsprungen, die genau wissen, dass sie mit diesem Thema punkten können, und zwar auf beiden Seiten des Grabens. Es sollte doch eigentlich nachdenklich machen, wenn "Freund" und "Feind" gleichermaßen dieselben Argumente benutzen. Wie ist das möglich? Es ist nur möglich, weil die "Migration" eine Chimäre ist, eine Wunschvorstellung ideologisierter Philanthropen oder Schreckgespenst für menschenverachtende Demagogen. Ein Blick in die Geschichte sei empfohlen, um die Vorgänge nüchtern und realistisch betrachten zu können. Was geschieht eigentlich? Ein Teil einer Ethnie wandert in den Lebensraum einer anderen Ethnie ein, der ihnen wirtschaftlich verlockend scheint. Am Ende steht nicht die Zerstörung einer Kultur, sondern ihre Entwicklung. Das ist bei den Ägyptern der Pharaonenzeit nicht anders gewesen als zu Zeiten der Kolonisierung der Ägäis oder der Entfaltung des Hellenismus. Es gab, daran sei erinnert, eine Völkerwanderung (ab 375 n.Ch.). Man stelle sich einmal vor, alle daraus resultierenden Probleme wären thematisiert worden …

Man möchte meinen, das deutsche Volk sei ein Volk von Masochisten. Bei näherer Betrachtung und im Kontext der Weltpolitik, betreibt Deutschland eine geradezu "vorbildliche" Ausländerpolitik. (Soweit das unter diesen gesellschaftlichen Bedingen überhaupt möglich ist.) Aber die Selbstverleugnung (Übung macht den Meister!) ist inzwischen so weit gediehen, dass der Deutsche selbst im Ausland den Einheimischen sogleich als Ausländer ausmacht und sich dementsprechend benimmt. Nämlich absurd!

Dennoch kann man die Inszenierung im Werkraum nicht tadeln. Der Vorwurf, es würde nichts Neues gesagt, dies aber auf hohem, ja, höchstem künstlerischen Niveau, greift nicht, da heutigentags die gute Form beinahe alles rechtfertigt. André Jungs Vater war geradezu eine Augenweide. Im intimen Quartier des Werkraums hatte der Zuschauer fast physischen Kontakt mit dem Darsteller und keine seiner mimischen Regungen, seines Stammelns, seines Flüsterns oder Donnerns ging verloren. Jung dominierte die Szene so übermächtig mit seiner Schauspielkunst, dass die beiden Kinder, dargestellt von Ismail Deniz und Tabea Bettin, kaum mehr als Stichwortgeber sein konnten. Das Bühnenbild von Mascha Mazur, zwei Wände einer Behausung, beweglich wie die Backen einer Zange, war so einfach wie treffend. Darin ein Bett und Ballons, weiße Ballons. Es waren Erinnerungsblasen des Vaters, die verhinderten, dass er zwischen den Wänden des immer kleiner werdenden Lebensraums vorzeitig zerquetscht wurde. Er erstarb langsam unter den rituellen Widerholungen der Erinnerung und der abklingenden Kommunikation mit der Familie, die Außen vor blieb. Am Ende geschah, was geschehen musste. Der Vater verschwand zwischen den aufeinander prallenden Wänden. Zurück blieb das "Weiße" - untaugliche Schminke der Anpassung.

Die Inszenierung unterstrich Birgit Rommelspachers These: "Nicht Fremdheit macht aggressiv, sondern Aggression macht die anderen fremd." Dabei war von Perspektivwechsel die Rede. Welcher Perspektivwechsel sollte das gewesen sein, wenn man die allgemeine Prämisse einfach nur spiegelte? Wie wäre es mit der Draufsicht. Also Heraustreten aus der Problematik. Dann käme man ganz schnell dahinter, dass diese "Gesellschaft" den Konflikt braucht, ihn hegt und pflegt und ständig im Munde führt. Warum begreift der in Deutschland lebende Bürger, ob deutscher Herkunft oder nicht, die Gesellschaft als etwas, was eigenständig neben ihm existiert? Warum begreift er nicht, dass er selbst ebenso die Gesellschaft ist wie sein Nachbar und dass all diese hysterischen Konflikte geschürt werden, um den Bürger durch Ängste beherrschbar zu machen. Die Inszenierung leistet da wenig Aufklärung und was nicht aufklärt, hilft denen, die verschleiern.



Wolf Banitzki

 

 


Ausgegrenzt

von Xavier Durringer

André Jung, Ismail Deniz, Tabea Bettin

Regie: Neco Çelik

Werkraum Kebab von von Gianina Cãrbunariu


 

 

 
Der Mensch bleibt des Menschen Wolf

"Von Zeit zu Zeit sprühten Polizisten Tränengas in die Kanäle, um die Kinder zu vertreiben …" (Aus: Kinderzimmer im Souterrain von Annette Kaiser, ein Lagebericht aus Rumänien.)
Hier beginnt die Geschichte für Mady, 14 Jahre alt. Sie lebt als Vollwaise bei der Großmutter. Das Geld reicht nur für ein Kleidchen. Dann begegnet sie Voicu, der in der Heimat Urlaub macht, wie er vorgibt. Er stellt sich ihr als ein in Irland tätiger Impresario vor. Sie verliebt sich in ihn. Er beschafft ihr einen gefälschten Pass und Mady folgt der Verheißung, die Europa für sie bedeutet, und fliegt nach Dublin. Auf dem Flugplatz begegnet sie Bogdan, der ein Stipendium in Irland hat und von der Erlösung durch die Kunst träumt. In Dublin angekommen, landet Mady auf dem Strich. Bogdan, seiner heimatlichen Verwurzelung entrissen, vegetiert in Verzweifelung. Dann begegnet er Mady als Kunde. Die Drei gehen eine Allianz ein ("We have a deal!") und vermarkten sich gemeinsam im Internetpornogeschäft. So bilden sie die Familie, nach der sie sich sehnten und die sie so vermissten im gefühlskalten Irland. Mady ist Kebab geworden, die Nahrung für den schnellen Hunger ohne Genuss. Scheibchenweise verliert sie ihre Illusionen und ihre Würde. Als Bogdan seine Prüfung an der Universität bestanden und einen Job bekommen hat, meldet Mady, inzwischen schwanger, ihre Ansprüche an. Sie wird zum Störfaktor und wird entsorgt wie ein unliebsames Insekt im Abwasserkanal. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Die 1977 in Rumänien geborene Gianina Cãrbunariu weiß, worüber sie in ihren Stücken spricht. Mit unverstelltem Blick auf die rumänische Gesellschaft und einem gesunden Empfinden für Menschlichkeit entlarvt sie die Illusion Europa, der so viele Menschen der osteuropäischen Beitrittsstaaten aufsitzen. Ihr Drama "Kebab" ist voller Poesie und menschlichen und gesellschaftlichen Abgründigkeiten, gut gebaut und eine wunderbare Spielvorlage, die Regisseurin Barbara Weber fulminant umsetzte. Es war ein berührender und verstörender Abend, der so schnell nicht vergessen werden kann. Er rückte das Bild von Europa, dass ideologisch verbrämt von den politischen Autisten gebetsmühlenartig beschworen wird (Der Markt wird's schon richten!), ins rechte, in ein künstlerisch-realistisches Licht.
 

Steven Scharf, Tabea Bettin, Edmund Telgenkämper

© Andreas Pohlmann

 

Tabea Bettin spielte einen vitalen, kindlich überschäumenden, verträumten Teenager von ungeheuerlicher Belastbarkeit. Ihre Rolle war die eigentlich tragende, wenn es um Menschlichkeit ging. Wie in der Realität häufig auch, ruhte die größte Last auf ihren schmalen weiblichen Schultern. Allein, ihre Träume waren die ersten, die verraten wurden. Die Rolle des Voico, ebenso exzellent gestaltet von Edmund Telgenkämper, war von einem starken Realitätssinn geprägt. Voico sah im neuen System den idealen Nährboden für seine kriminellen (und selbstredend gesellschaftsfähigen) Potenzen, die die ganze Sache am Ende dann auch "erfolgreich" erscheinen ließ. Steven Scharf spielte einen von enormen inneren Ängsten und Unsicherheiten getriebenen Bogdan. Sein verstörtes Vibrieren war nicht nur die Unsicherheit eines einzelnen Kunststudenten, sondern die eines ganzen Volkes vor dem verheißungsvollen und ebenso trügerischen Wetterleuchten einer neuen Zeit, die ihr greisenhaftes Antlitz mit ausgefeilter Ästhetik zu übertünchen sucht. Als er am Ende dann zu den Machern gehörte, ganz im Habitus des erfolgreichen Zeitgenossen, hatte er alle moralischen Skrupel verloren. Und wo keine Moral mehr ist, kann diese auch nicht durch einen Mord belastet werden. Also verkauft man sein mörderisches Treiben als Videobilder im Namen der Menschlichkeit. So entpuppte sich am Ende alles als eine große Lüge. Besonders interessant war das Statement der beiden Männer in Bezug auf ein anstehendes Fußballspiel Rumänien gegen Irland: "Wir werden sie fertig machen." Soviel zu ethnischer oder nationaler Identität im Freude-schöner-Götterfunke-Europa.

Es war eine echte Werkrauminszenierung, chaotisch und nicht mit Focus auf ästhetisches Styling. Für Bühnenbild und Kostüme zeichnete Bernhard Siegl verantwortlich. Balkanländische Unaufgeräumtheit spiegelte ungebremste Vitalität wider. Ein wichtiger Höhepunkt war die musikalische Untermalung durch den jungen Gitaristen und Sänger Murena. Als er am Ende seinen exstatisch-sehnsuchtsvollen Gesang ertönen ließ, war Gänsehaut unvermeidlich.

Diese Inszenierung verdeutlichte nebenher zweierlei: zum einen, dass die wirkungsvollen Autoren aus dem wahren Leben und nicht aus Seminaren für kreatives Schreiben kommen, und zum anderen, dass Theater eine ungeheure Macht ist, wenn es wider alle gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismen um Suche nach Wahrheit geht, ohne, wie der heutige mediale Dauerbeschuss mittels Fakten, vordergründig realistisch zu sein.

Für diese Inszenierung muss man den Münchner Kammerspielen Respekt zollen und Dank sagen.

 
Wolf Banitzki

 

 


Kebab

von von Gianina Cãrbunariu

Steven Scharf, Edmund Telgenkämper, Tabea Bettin, Murena

Regie: Barbara Weber

Werkraum Invasion! von Jonas Hassen Khemiri


 

 

 
Wer ist Abulkasem?

"Abulkasem ist ein cooler Name. …Ich habe einen Onkel, der heißt Abulkasem." Abulkasem, Abulkasem, … tatsächlich, ein echt cooler Name und mehr noch. Schon bald avanciert dieser Name in Kreisen Jugendlicher mit "Migrationshintergrund" oder besser fremdländischer Herkunft zum Pseudonym für alles coole, und bald auch uncoole, schlechthin. Abulkasem, das ist wie "Mann, piss die Wand an!" in "Donnie Brasco" von Mike Newell mit Jonny Depp und Al Pacino in den Hauptrollen. Abulkasem ist ein Mythos, ein höchst moderner Mythos, übt doch das Nahöstliche einen besonderen Reiz im positiven wie im negativen Sinn aus. Aus der Ferne betrachtet, und nur aus der Ferne betrachtet, projizieren wir all die wunderbaren Mythen von morgenländischer Erhabenheit, Weisheit, Mut und all den anderen Ethnokitsch auf Folien wie beispielsweise Abulkasem. Von Karl May bis Lawrence von Arabien bliesen zahllose entrückte Träumer ihre Verzückungen in europäische Ohren.

Gemeint ist mit Abulkasem vom Autor natürlich ein anderer, wenngleich er sich sehr geschickt um eine Festlegung drückt. Aber die gesellschaftliche Scheinrealität wirkt nun einmal übermächtig. Bin Laden drängt sich auf. Der hat es immerhin geschafft, von einem verwöhnten Millionärssöhnchen mit moralisch skandalöser Vergangenheit, mittelmäßiger Begabung für nichts und einem krankhaften Ego zur Ikone des Bösen aufzusteigen. Unter normalen Umständen würde er vielleicht in Saudi Arabien oder im Libanon ein Teppichgeschäft oder einen Autohandel (Marke Mercedes, BMW oder Audi) betreiben. Aber heute, und dafür ist die Welt ihm sehr dankbar, gibt er ihr doch etwas, was sie wie die Luft zum atmen brauchen: ein solides Feindbild. Übrigens, die Welt, das sind auch wir. Nach der Übernahme des Ostblocks durch den liberalen Markt fehlte etwas Entscheidendes, auf das man mit hypertrophem Selbstbewusstsein angewidert zeigen konnte. Gottlob rührt sich im Land am linken Rand schon wieder etwas, dass wir dankbar ins Visier nehmen. Aber international bleibt uns allemal der Terrorismus, den man auch national bis in die Gesetzgebung oder auch -abschaffung hinein ausschlachten kann.

 

Bernd Moss, Sandra Hüller, Jochen Noch, Oliver Mallison

© Andrea Huber

 

Die Kammerspiele bewerben den dramatischen Erstling Jonas Hassen Khemiris (Jahrgang 1978), Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers, als einen "wahnwitzigen und berührenden Versuch, dem näher zu kommen, was man Konstruktion von Fremdheit und Identität nennen könnte". Möglich, dass dieser Aspekt in den Intentionen des Autors gelegen haben mag. Meist werden solche Sätze aber in Dramaturgien ausgeköchelt. Die Regisseurin Jorinde Dröse hat sich daran aber nicht so sehr gehalten. Dankenswerter Weise folgte sie einer anderen Fährte, in dem sie chaotisch, explosiv, banal-komisch bis hin zu erschüttert innehaltend inszenierte. Die strukturellen Schwächen des dramatischen Entwurfs ignorierend, ließ sie die vier Darsteller lustvoll, auch mal an die Grenzen des schlechten Geschmacks gehend, spielen. Heraus kam, und hier liegt das außerordentliche Verdienst dieses Stückes und auch der Inszenierung, dass die heutigen Realitäten durchweg inszenierte Wirklichkeiten sind. Jorinde Dröse führt vor, wie Wahrheiten konsequent erfunden, umgedeutet, verlängert, verkürzt und immer doch effektvoll unter die Leute gebracht werden. Über diesen Wahnsinn kann man nur lachen, um nicht weinen zu müssen.

Es ist anzunehmen, dass Jonas Hassen Khemiri intuitiv schrieb, sich nur teilweise seiner eigenen Botschaft bewusst war. Aber er war sich des Gefühls des eigenen Überdrusses angesichts der Realitäten sicher, das ihn leitete. Es ist ebenso anzunehmen, dass er nicht in der Lage war, die Wahrheiten heutigen Seins rational zu erfassen und so blieb ihm nur, sie in ihrer Absurdität zu dokumentieren. Heraus kam ein Stück, dessen Wahrheitsgehalt bemerkenswert hoch ist und dessen unartikulierte Botschaft, wenn man die Zeichen denn zu deuten vermag, nachhaltig wirken könnte.

Jorinde Dröses künstlerische Leitung verhalf dem Anliegen Khemiris, ins Bewusstsein der Zuschauer zu gelangen. Das nicht sonderlich einfallsreiche Bühnenbild von Maren Geers, bestehend aus einer weißen Wand aus Kartons reichte hin. Der geübte Theatergänger wusste beim Betreten des Werkraums, dass diese Wand irgendwann im Stück zum Einsturz gebracht wird. Es handelte sich hier um eine theatralische Ikea-Lösung. Dies geschah im Stück denn auch in dem Augenblick, als der Terrorismus, den es neben dem Medienterrorismus auch gibt, real wurde. Die Invasion war bereits in vollem Gang …

Der Spielspaß war den Darstellern Sandra Hüller, Oliver Mallison, Bernd Moss und Jochen Noch anzusehen. Jeder von ihnen war irgendwann einmal Abulkasem. Mit überzeugenden Leistungen schlüpften alle aber auch in die Rollen von Wissenschaftlern, "Kanaktürken", Studenten, Emigranten, Kindern etc. Die Anforderungen an die Darsteller waren nicht unerheblich. Aus augenscheinlich wahnwitzig-komischen Situationen gelang übergangslos der Umstieg in realistisch-deprimierende Szenen. Die Komik dominierte allemal. Es war eine Komik aus Beckett, den Marx Brothers und in schwachen Momenten leider auch manchmal Harald Schmidt. Letztere verwässerten die Botschaft hin zum zügellosen "nur" Lachen.

Ungeachtet aller Schwächen sticht diese Inszenierung aus dem "Migrations-Diskurs" durch ihren hohen Realitätssinn (realistisch in Bezug auf die Absurditäten) heraus. Ein lohnenswerter Abend, nicht länger als 50 Minuten, der den Zuschauer gelöst in eine Realität entlässt, die mit den medialen Attacken schnell wieder zu emotionalen und auch zu intellektuellen Verspannungen führt.

Wolf Banitzki

 

 

 


Invasion!

von Jonas Hassen Khemiri

Sandra Hüller, Oliver Mallison, Bernd Moss, Jochen Noch

Regie: Jorinde Dröse

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