Werkraum Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz


 

 


Eine für Alle. Alle für ...

Es ist das Schweigen, welches das Theaterstück Wunschkonzert trägt.  Franz Xaver Kroetz Sittenbild kreist um gepriesene Tugenden wie, Ordnungsliebe und bedingungslosen Gehorsam. Sie stellen die Grundwerte einer Volksgemeinschaft dar und führen durch konsequente Umsetzung seit Jahrhunderten hauptsächlich zu Zerstörung: sei es in Form von Kriegen, Menschen- und Materialschlachten oder in der Jetztzeit durch rückhaltlose Unterwerfung unter den Mammon und dessen Agitatoren. Die Gesellschaft hält dem einzelnen lediglich den Schritt aus solchem Leben, den Selbstmord offen. Kontinuierlich steigt die Zahl der Selbstmorde seit Jahren, doch diese Statistik wird in einer statistikverliebten Gemeinschaft totgeschwiegen.

Die Inszenierung ist folglich von brisanter Aktualität, werden doch an einem Beispiel zunehmende Enge und Unausweichlichkeit vorgeführt. Und ein „.... sich ungefragt einverstanden erklären ...“, wie der Dramatiker es beschreibt, steht am Beginn von menschlicher Not und noch wäre es Zeit genau hinzusehen und aufzustehen, dem Menschen eine Chance zu geben. Doch wie im Theater folgen alle Zuschauer schweigend dem Sterben der Einen, beschränken sich auf den wohlgemeinten Schlussapplaus und gehen erleichtert über die Tatsache, noch einmal davongekommen zu sein, ihrer Wege.

Doch wie lange noch? In den Ritualen des Alltags konnten die Zuschauer sich wiedererkennen. Das Aufhängen des Mantels auf den Kleiderbügel, das Ausziehen der Straßenschuhe und das Leeren der Einkaufstüte sind Vorgänge, wie sie wohl vielen nur allzu bekannt sind. Wiederholen sie diese doch, wenn auch vermutlich weniger akribisch als Frau Rasch, jeden Tag. Doch gerade diese Akribie war es, die in der Inszenierung von David Heiligers den Faktor Kunst ausmachte. Kein Detail, keine Bewegung der Hand, der Augenbraue dem Zufall zu überlassen, forderte höchste Konzentration. Die Konzentration führte unausweichlich auf das, bereits nach wenigen Minuten Spielzeit bekannte Ende hin.
 
wunschkonzert

Annette Paulmann

© Conny Mirbach

Die Geschichte stand am Beginn und war in fünf Minuten erzählt. Michael Tregor las, in sachlich emotionslosem Tonfall und somit durchaus mit amtlicher Stimme, die Rekonstruktion des letzten Abends von Frau Rasch. Die Verkäuferin war nach der Arbeit nach Hause gekommen, hatte sich der Kleidung entledigt, Abendbrot eingenommen und nach Reinigungsritualen ins Bett gelegt, gepeinigt von Lockenwicklern, welche ein entspanntes Einschlafen verhinderten. So war die Frau erneut aufgestanden um eine Tablette einzunehmen, doch sie nahm alle in der Packung verbliebenen, somit 9 Stück, welche sie zuvor paarweise aufgelegt hatte und anschließend mit einem Piccolo Sekt hinunterschluckte. Dann wartete sie, mit einem Funken Interesse, auf den  Tod. Frau Rasch kehrte während des Vortrags dem Publikum den Rücken zu, saß regungslos in ihrem Zimmer. Nachdem der Bericht geendet hatte, kam Bewegung in die Frau. Langsam und bedächtig vollzog Annette Paulmann die zuvor beschriebenen Handlungen. Gefaßt, oder war es einfach nur müde, hängte sie den Mantel beiseite, faltete sie das Tuch, prüfte sie die Jacke ihres blauen Kostümes und entfernte den Fleck am Ärmel, polierte sie das glänzende Namensschild. Es war eine ausgezeichnete schauspielerische Darstellung, die Annette Paulmann bot. Hinter amtlich genehmigter, ordentlicher Miene verbarg sie Verzweiflung und Trostlosigkeit, welche nur für flüchtige Momente, dafür aber umso deutlicher hervortraten. Das Unspektakuläre eines normalen Alltages erstand und gipfelte in der Betrachtung eines Reiseprospektes, der ebenso wie andere Werbepost letztlich im Müll landete. Bildlich gesprochen „ins kalte Wasser geworfen“, blieb der Frau nur der einzige Ausweg, aus dieser Art von Leben.

 

Es ist eine kleine Welt! Die Bühne (Teresa Vergho) nahm ein weißer Würfel ein, das Zimmer von Frau Rasch. Gleich einem Miniappartment enthielt es stilisiert und pastellfarben Schlafraum, Küche und Bad auf wenigen Quadratmetern. An zwei Seiten gaben Fenster den Blick ins Innere frei, auf die weißen Flächen wurde geschickt über Videoprojektion aus dem Inneren übertragen. Kein Handgriff, keine Sekunde der Emotionen konnte verborgen bleiben.

 

Es gehört heute Mut dazu auf Effekte, Tricks und Scheinprovokationen auf der Bühne zu verzichten und das unterhaltungsverwöhnte Publikum mit permanent zelebriertem Realismus zu konfrontieren, in Spannung zu halten. Eine Spannung, die bis zum Ende trug und nur an wenigen Stellen durch Lachen kurz Erleichterung zuließ.  Was man oberflächlich betrachtet dem Stück als Länge ankreiden könnte, erzeugte doch letztlich jene Kraft, welche die Situation kippen ließ und das Ende überhaupt erst glaubhaft ermöglichte. Und so wurde deutlich, ohne tatsächlich gepielt worden zu sein: Zu präsent ist die Problematik, die seit der Entstehung des Stückes 1971 unverhätnismäßig zunimmt.

Doch wer hat den Mut einer Wahrheit ins Auge zu schauen, die auch ihn einholen könnte? Niemand ist davor gefeit. Es sei dazu an die „Schwarzen Freitage“ der Jahre 1869, 1873, 1927, 1929, 1931 … erinnert und daran, wie schnell sich Träume wie monetäre Blasen in Luft auflösen und jederman im kalten Wasser landen kann.

 



C.M.Meier

 

 


Wunschkonzert

von Franz Xaver Kroetz

Annette Paulmann

Regie: David Heiligers

Werkraum Du mein Tod von Thomas Schmauser


 

 


Ein Blues über das Anderssein

“Du mein Tod“ erzählt die Geschichte des Transsexuellen Robert Eads (1945-1999), dessen Leben und Tod das Thema des preisgekrönten Dokumentarfilm „Southern Comfort“ von Kate Davis war. Eads wurde als Frau geboren, durchlitt eine Ehe und zwei Schwangerschaften und vollzog schließlich die Wandlung zum Mann mit über vierzig Jahren. In den 80ern unterzog sie sich einer Testosteron-Therapie und modifizierten doppelten Mastektomie, einer Brustamputation, um einen männlichen Körperbau zu erlangen. Eads lebte bis an sein Lebensende mit weiblichen Geschlechtsorganen. Eine Phalloplastik blieb dem Transsexuellen versagt. Als er 1996 wegen Unterleibsschmerzen einen Arzt konsultierte, diagnostizierte dieser einen Eierstockkrebs. Das bittere Resümee von Eads: Die restliche Weiblichkeit brachte ihn am Ende noch um.

Erzählt werden (im Film, wie auch auf der Bühne des Werkraums in den Münchner Kammerspielen) die letzten Wochen von Eads und seiner letzten Gefährtin, der Transsexuellen Lola Cola. Eine Therapie wurde ihm von mehr als zwei Dutzend Ärzten mit der Begründung verweigert, es könne ihrer Praxis schaden. Schließlich erhielt er 1997 am Medical College of Georgia eine chirurgische und eine Strahlenbehandlung. Doch die Krankheit war zu weit fortgeschritten und so starb Robert Eads 53jährig. In dem Maße wie sich die Ärzte zurückhaltend (oder amoralisch und feige) benahmen, so aufdringlich gerierten sich die Mitglieder des Ku-Klux-Klan, die ihn für einen „richtigen Kerl“ hielten. Nicht wissend, dass es sich bei ihm um einen Transsexuellen handelte, versuchten sie ihn für ihre staatumstürzlerischen Pläne zu gewinnen.

Mit diesen absurden Fakten begann die Theaterinszenierung, nachdem die Zuschauer sich einer entnervenden Beschallung unterziehen mussten, die an einen dröhnenden Alarmton erinnerte. Wer sich schon einmal einer entsprechenden Diagnostik unterwerfen musste, erkannte das Geräusch als das eine Computertomografen. Die Berliner Schauspielerin Ursula Werner, sie erhielt 2009 den Deutschen Filmpreises "Lola" für ihre Hauptrolle in „Wolke 9“ von Andreas Dresen, spielte die Rolle des Robert Eads. Überhaupt war sie die tragende Säule des Abends, alle anderen Darsteller waren kaum mehr als Stichwortgeber oder Adressaten ihrer Auslassungen. Dialoge fanden kaum statt. Die dramatische Vorlage hatte Thomas Schmauser erarbeitet, der mit dieser Arbeit sein Regiedebüt gab. Er nannte sie eine Nacherzählung.

Ursula Werner erzählte mit dem Grundton der Beiläufigkeit, berichtete von Alltäglichkeiten, aber auch vom schweren Selbstfindungsprozess und den damit verbundenen äußeren Schwierigkeiten. Die Lebensgefährten waren zugleich Leidensgefährten. An der Seite Roberts lebte Lola Cola, dezent und unaufdringlich von Peter Brombacher gegeben. Brombacher gelang eine Haltung, die frei von Tuntigkeit oder Tranzenkitsch war und forderte trotz blonder Perücke ehrlichen Respekt ein. Die feingliedrige und fragil wirkende Barbara Dussler spielte den Transsexuellen Max. Während der sterbende Robert abgeklärt und jenseits von irdischen Anfechtungen wandelte, durchfuhren Max immer wieder Schauer des Zorns oder der Verzweifelung. Sein Dasein ankerte immerhin sicher in der Ehe mit Cas, bodenständig und selbstbewusst gestaltet von Morgane Ferru. Die Vier bildeten eine liebevolle, verschworene Gemeinschaft, verwurzelt in dem umfänglichen Bemühen, sie selbst zu sein, was augenscheinlich nur heimlich oder gegen Alle machbar war. Beinahe alles lief unaufgeregt und darum sehr eindringlich ab. Hier erkannte man schnell die Spielauffassung von Thomas Schmauser, wie er sie selbst als Schauspieler erfolgreich auf der Bühne praktiziert.
 
dumeintod

Barbara Dussler, Morgane Ferru, Peter Brombacher, Ursula Werner

© Conny Mirbach

 

Der Abend sollte Einblicke geben in die Probleme von Transsexuellen und er tat es auch. Am überzeugendsten war dabei das Argument, dass Robert sein Leben lang eindeutig heterosexuell empfunden hatte und sich ausschließlich zu Frauen hingezogen fühlte. Unter diesem Vorzeichen wird die Aussage verständlich und überzeugend, dass Robert ein Mann war, der in einem weiblichen Körper geboren und gefangen war. Zwar spielte die gesellschaftliche Stigmatisierung trans- und homosexueller Mitbürger eine Rolle, doch nicht die dominierende. Es war vielmehr eine Reise in die Denk- und Empfindungswelt dieser Menschen, die allemal aufschlussreich war.

Die Regie von Thomas Schmauser hatte einige kleine Schwächen. So war der Abend rhythmisch nicht perfekt. Mancher szenische Übergang holperte, wirkte abrupt. Das Bühnenbild, ebenfalls von Thomas Schmauser, erinnerte an den öden Charme amerikanischer Provinz mit billigen Aluminiumrohrmöbel, begrenzt von einem hohen Bretterzaun, der für den Blick in diese andere Welt temporär geöffnet wurde. Alle Darsteller rauchten unablässig. Bei Robert machte es Sinn, denn er hatte herausgefunden, dass sein ganzer Körper, außer die Lunge, von Krebs befallen war. Dank des in den Lungen befindlichen Rauchs konnte der Krebs auf dieses Organ nicht zugreifen. Eine makabere Logik. Ursula Werner lieferte großes Schauspiel ab und gegen Ende hin, wenn die physische Vergänglichkeit deutlicher wurde, versetzte ihr bedrückend überzeugendes Spiel den Betrachter fast in Panik. Der innere Reflex, ihr, wenn sie strauchelte, helfend beizuspringen, musste unterdrückt werden.

Der Abend war ein Südstaatenblues mit und über Menschen, die anders sind, tragisch und doppelt gestraft vom Schicksal. Sie leben in falschen Körpern und werden dafür von der Gesellschaft zusätzlich abgestraft. Dass es tatsächlich ein Blues wurde, dafür sorgte Ivica Vukelic mit seiner Gitarre. Alles in allem war es ein fesselnder Abend über das Anderssein.

 
Wolf Banitzki


 


Du mein Tod

Eine wahre Geschichte nacherzählt von Thomas Schmauser

Peter Brombacher, Barbara Dussler, Morgane Ferru, Ursula Werner

Regie: Thomas Schmauser
Werkraum XY Beat von René Pollesch

 

 

 

 
Es übertyrannt den Tyrannen
 
In einem fliederfarbenen Bühnenraum (Bert Neumann), der eine Disco mit Mittelpodest und Pole Dance Stange vorstellen soll, wendete sich Fabian Hinrichs unmittelbar ans Publikum. Untermalt von spastischen Bewegungen erklärte er mit einer stakkatotaften Sprache, worum es an diesem Theaterabend gehen sollte. Er propagierte das Bemühen aller Beteiligten, einen meinungsfreien Abend zu gestalten. Stattdessen sollte Klatsch geboten werden, denn der Klatsch ist die „letzte materialisierte Waffe gegen die Meinung“. Zugegeben, wen nervt es nicht, dass heutzutage jeder Mitbürger gefragt oder ungefragt zu jedem möglichen und auch unmöglichen Thema seine Meinung kund tut? Schon Heimito von Doderer definierte Meinungen als „Hämorriden des Geistes“. Aber kann Klatsch ein sinnvolle Alternative sein? Wohl kaum, und so gestaltete sich der Abend als ein Versuch, auf hohem intellektuellen und niedrigen künstlerischen Niveau Sinnlosigkeit zu erzeugen. Tatsächlicher Sinn der Veranstaltung war es wohl, das Publikum mit einem Grad der Verblödung zu konfrontieren, der kaum noch zu unterbieten ist. Gemeint waren natürlich nicht die anwesenden Mitbürger, denn Anwesende sind ja bekanntlich immer ausgeschlossen.
 
Katja Bürkle, Silja Bächli, Benny Claessens und Fabian Hinrichs schlossen sich zu einer im Klatsch geeinten Hausgemeinschaft zusammen und belästigen einander mit Wahrnehmungen, Vermutungen, Spekulationen und Offenbarungen. In kimonoartige Kitteln geschürzt (Kostüme: Nina von Mechow), spulten die Darsteller, die eigentlich zu den Besten ihrer Zunft im Land gehören, scheinbar planlos und gelegentlich auch rotzig-beiläufig Geschichten ab. Die konnten allerdings als solche nicht begriffen werden, da die Akteure sich nur in Andeutungen ergingen, die – nein, nicht anarchisch, sondern chaotisch eingeworfen wurden. Und wie Einwürfe klangen die Texte von Pollesch, da sie derart überhastet und brüchig auf das Publikum abgeschossen wurden, dass der Souffleur zu einer wichtigen Hauptperson avancierte. Das ist wahrlich kein großzügiger Umgang mit den Mitteln der Kunst, vielmehr ein dilettantischer. Die Formlosigkeit sollte hier als Tugend verkauft werden und war dabei doch nur ein Akt der Zerstörung. Die offene Spielsituation (Bier wurde an die Zuschauer verteilt, die Darsteller setzten sich wahllos ins Publikum) war ein bewusster Akt des Niederreißens der vierten Wand. Heraus kam eine Distanzlosigkeit, die jeglichen Zauber, den Theater schließlich erzeugen sollte, im Keim erstickte. Es entstand keine Form der Darstellung, sondern lediglich eine altbekannte Banalität des Seins, die wenig inspirierend war.
 
Es ist kaum zu glauben, dass Pollesch selbst diese Unzulänglichkeiten nicht als Manko sondern als künstlerischen Vorzug begreift. Immerhin entstand beim Betrachter der Eindruck, diese spießige Tristesse eines kleinbürgerlichen Affrontdenkens werde mit intellektuellen Attitüden kaschiert. Peinlich waren zudem Einschätzungen wie die über Peter Stein, dessen Werk und Existenz mit dem Wort Faschismus in einem Satz genannt wurden. Diese Art der Überwindung von Übervätern ist schlichtweg pubertär.
 
Die Alternative zu Meinungen können nur auf humanistische Werte gestützte Anschauungen sein. (Warum nur habe ich das Gefühl, ich müsste mich für diese, meine Anschauung entschuldigen?) Aber philosophieren strengt bekanntlich an. Und warum auch, wenn man geistigen Ausfluss unwidersprochen zur Kunst erklären kann. Dabei wäre das Theater ein guter Ort für derartige Übungen. Statt dessen ergeht man sich in dem Versuch, den alltäglichen Schwachsinn zu unterbieten, um ihn sichtbar zu machen. Mit mäßigem Erfolg, wie die letzte von Fabian Hinrichs erzählte Geschichte über ein drogensüchtiges Popsternchen, das wegen HIV-Verbreitung vor Gericht landete, beweist. Was wollte der Autor/Regisseur mit dieser sozialkitschigen Plattitüde erreichen? Mehr als eine betroffenheitsschwangere Meinung konnte dabei nicht herauskommen. Shakespeare hätte sich selbst angesichts dieses als Theater getarnten Angriffs auf den geistigen Zustand der Gesellschaft, also auf uns, wohl breitgrinsend zitiert: „Es übertyrannt den Tyrannen!“
 
 
Wolf Banitzki

 

 

 


XY Beat

von René Pollesch

Katja Bürkle, Silja Bächli, Benny Claessens, Fabian Hinrichs

Regie: René Pollesch

Werkraum They shoot horses, don’t they? nach Horace McCoy


 

 

 

Der Mensch im Würgegriff der Verhältnisse

Die Regeln sind einfach und klar. Die Knie dürfen den Boden nicht berühren und man musst immer in Bewegung bleiben. Das letzte Paar auf der Tanzfläche gewinnt 1.500 $. (Im Stück sind es 1.000 $.) Tanzmarathon nennt sich das Spektakel und damit die immer wieder wechselnden Zuschauer auf ihre Kosten kommen, werden Rennen eingeschoben in denen die Paar wie gehetzte Tiere um die Tanzfläche hasten. Die tausend Dollar sind bei einigen Teilnehmern die letzte Hoffnung. Mehr noch, so lange man tanzt, wird man verköstigt. Also pfeift man auf menschliche Würde, Solidarität oder gar Fairness. Homo homini lupus – Der Mensch ist des Menschen Wolf. Horace McCoy schuf 1935 die Vorlage zu dem 1969 entstandenen Film „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ von Sydney Pollack (Neun Oscar-Nominierungen).

Die Handlung ist in den 30er Jahren angesiedelt, in den Zeiten der großen Depression in Amerika. Hauptperson ist die zynische Film-Statistin Gloria Beatty, deren Partner kurz vor Beginn der Veranstaltung erkrankt. In dem jungen Robert findet sie einen neuen Partner. Die erfolglose Schauspielerin und Jean Harlow-Kopie Alice hofft, während des Turniers von Agenten oder Produzenten entdeckt zu werden. Ruby, die trotz fortgeschrittener Schwangerschaft mit ihrem Ehemann an der Veranstaltung teilnimmt, benötigt mit Blick auf das zu erwartende Kind dringend das Geld. In hunderten von Stunden erschöpfen sich die Paare, belauern sich, boykottieren einander und bleiben auf der Strecke, wie der alte Sailor. Rocky, der Veranstalter und Moderator, versucht das Unmögliche. Er verkauft das erniedrigende Spektakel als Show. Da sich der Mensch im Würgegriff der gesellschaftlichen Verhältnisse befand, war es einfach, Rekruten zu finden. Als Gloria sich am Ende erschießen will, fehlt ihr selbst dazu die Kraft. Sie bittet Robert um den finalen Schuss, der ihr nichts mehr verwehrt. Als die Polizei den Fall untersucht, sieht sie darin nichts Ungewöhnliches, denn auch Pferden gibt man den Gnadenschuss. Soweit die Handlung des Buches und auch des Films, der in seiner Opulenz durchaus optimistische Züge trägt, wie die damalige Filmkritik bemerkte.

Selten spiegelte ein Kunstwerk die Perversionen des American way of life so erschütternd wider. Was Susanne Kennedy auf die Bühne des Werkraums brachte, waren Fragmente der Geschichte, die in ihrer Gesamtheit nicht leicht entschlüsselbar waren für die Zuschauer, die weder die literarische Vorlage, noch den Film kannten. Bert Neumann hatte den Raum für das Drama eingerichtet: eine mit Linien begrenzte Tanzfläche mit einem von der Decke herabhängenden Mikrofon, wie man es aus einem Boxring kennt.

Jil Bertermann zeichnete für die Bühne verantwortlich, die lediglich aus einem kleinen metallenen Tritt für Solodarbietungen bestand. Darauf, apathisch agierend, verkündete Thomas Schmauser als Rocky kettenrauchend z.B., dass Rauchen auf der Tanzfläche verboten sei. Schmauser spulte nachtwandlerisch und fast tonlos seine Moderation ab, kommentierte müde die „wunderbaren, schönen und berührenden“ Momente des Kampfes. Anna Maria Sturm gab als Alice, blond, sehr blond mit aufgespritzten Lippen ihre Gesangskunst zum Besten. Sie war sehr bemüht, sexy zu wirken und zeigte auch schon mal ihre wohlgeformten Brüste vor, den Voyeurismus Rockys und des Publikums bedienend. Schmauser „feuerte“ lustlos an, die Tänzer und auch das Publikum.

Hunderte von Stunden hatten sowohl Tänzer als auch Publikum ermüdetet. Heroismus und Patriotismus, ein probates Mittel zur Mobilisierung, wurden ausgestellt. Schmauser/Rocky erinnerte an die Heldentaten des Sailors, Walter Hess, der bereits im großen (1. Welt-) Krieg dabei war. Er trug noch immer mehre Dutzend Grantsplitter in seinem Körper und war dennoch hart wie Stahl geblieben. Helden sind im amerikanischen und inzwischen auch im europäischen Showbiz unabdingbar. Wenn es schon keine Ideale mehr gibt, mit denen man sich identifizieren kann, müssen Idole her. So steppte sich Walter Hess in seiner Solonummer die Seele aus dem Leib.

Nico Holonics gab eine stets lächelnde, mit dem Publikum kokettierende Schwangere, die sich als Preisträgerin aus anderen Marathons von ihrer Schwangerschaft nicht abhalten ließ. Robert wurde von Lasse Myhr gespielt, den Kostümbildnerin Lotte Goos mit Boxhandschuhen, Boxershorts und Muscle Shirt ausgestattet hatte und der agil, provokant und aggressiv tänzelte, als trete er für den Endkampf um die Meisterschaft in den Ring.

Çigdem Teke’s Gloria war eine ausgezehrte, verbissene und zynische Frau, von der permanent destruktive Signale ausgingen, und die während des zehnminütigen Rennens um die Tanzfläche vor Handgreiflichkeiten nicht zurückschreckte. Als ihr von Rocky eine Soloeinlage in Aussicht gestellt wurde, bediente sie diesen nebenbei auch schon mal oral.

Das Konzept von Regisseurin/Autorin Susanne Kennedy setzte auf das Unausgesprochene, auf Haltungen und auf das, was sich emotional beim Zuschauer herstellte. Es war ein durchaus interessanter Ansatz, der letztlich allerdings wegen der mangelnden Komplexität aller Geschichten nicht in erwünschtem Maße aufging. Es fehlte die stringent erzählte Geschichte, so dass der Zuschauer den Situationen hinterherdenken und -empfinden musste. Das führte zu Irritationen in Bezug auf Personen und Handlungen. Der ästhetische Ansatz war bemerkenswert. Slow Motion, gepaart mit scheinbarer Apathie und Resignation oder atemlose, die Schauspieler an ihre physischen Grenzen bringende Rasanz im Gegenzug erzeugten Verstörung. Der Mensch in seinen traurigsten Ausprägungen wurde sicht- und fühlbar.

Es war ein großer Stoff, der, obwohl ästhetisch konsequent durchgearbeitet, nur – oder wenn überhaupt - Befindlichkeiten provozierte. Der Schluss, dass wir in unserer modernen Mediengesellschaft diese Formen dekadenten altrömischen „panem et circenses“ (vom Kritiker Juvenal entlarvend gemeint) kultiviert und perfektioniert haben, drängt sich nicht zwingend auf oder bleibt vermutlich aus. Darauf hätte es aber bei aller Überzeichnung ankommen müssen, so es denn in den Intentionen der Macher lag. Ungeachtet dessen ist es eine sehenswerte Inszenierung, in der der Zuschauer nicht unbeteiligt bleibt, stellt er doch gleichsam das Publikum beim Tanzmarathon.

Wolf Banitzki

 

 

 


They shoot horses, don’t they?

nach Horace McCoy

In einer Fassung von Susanne Kennedy und Jeroen Versteele

Walter Hess, Nico Holonics, Lasse Myhr, Thomas Schmauser, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke

Regie: Susanne Kennedy

Werkraum Sold Out von Gianina Cãrbunariu 


 

 

 
Schwarze Männer gehen um

Wer hätte gedacht, wie stark das Bedürfnis nach Aufarbeitung dieses Kapitels europäischer Geschichte jetzt, mehr als 20 Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs ist. „Ich schätze, 90% der Besucher sind Siebenbürger Sachsen oder Banater Schwaben“, so mein Nachbar im Werkraum der Münchner Kammerspiele, der seinen Akzent nicht verhehlen konnte.

Gianina Cãrbunariu, die 2007 mit „Kebab“ (ebenfalls im Werkraum) vom Elend osteuropäischer Mitbürger auf eindrucksvolle Weise berichtete, hatte mit „Sold Out“ ein Thema aufgegriffen, dass die westdeutschen Bürger einbezog in diese notwendige Bewältigungsarbeit, wobei der Focus allerdings weitestgehend auf ihren Landsleuten verblieb. Thema war der Verkauf von ausreisewilligen Rumänen deutscher Abstammung (auch erfundener) durch das Ceausescu-Regime. Dieser Ausverkauf hatte Methode. Wäre man böswillig, könnte man von Menschenhandel sprechen. Als böswillig würde vermutlich gelten, wer den Handelspartner erwähnt. Auf Seiten der Bundesrepublik verwahrt man sich dagegen, denn, wie Exaußenminister Hans-Dietrich Genscher betonte, es handelte sich um einen humanitären Akt. So erstaunlich verschieden können die Interpretationen sein, wenn die Wörter Menschenhandel und Humanität in einem Satz Platz finden. Und dennoch stimmte es.

Als 1961 die Berliner Mauer errichtet wurde, fand dieser Akt bei vielen Intellektuellen und Künstlern im Land Zustimmung. Offizielle Verlautbarung war: Wir müssen den Exodus der hochqualifizierten DDR-Bürger in den Westen stoppen. Das Land blutet aus! Das war für viele DDR-Bürger, die sich mit ihrem Land identifizierten, durchaus einleuchtend. Inzwischen weiß man, dass der BND und die Headhunter großer Unternehmen gezielt Abwerbung betrieben hatten. Ihre Aktivitäten dienten durchaus anderen Interessen, als der reinen Humanität. Es waren strategische Zielsetzungen in einem Krieg, im „Kalten Krieg“. Als Ulbricht schließlich sinngemäß verkündete: ‚Und jetzt werden wir an dieser Mauer jeden zerquetschen, der gegen uns ist’, war auch dem DDR-Bürger klar, dass der „antifaschistische Schutzwall“  nicht zu seinem Schutz errichtet worden war.

Das Rumänien Ceausescus war im Vergleich zur DDR beinahe so etwas wie eine Persiflage auf den real existierenden Sozialismus. Witze über die Herrscher dieses Landes waren an der Tagesordnung. Die politische Führung war von so ausgesuchter Dümmlichkeit und Durchschaubarkeit, dass man, wenn es nicht eine so traurige Wahrheit gewesen wäre, schallend hätte lachen können. Zum Beispiel über die Ehefrau Ceausescus, die sich selbst zur „Mutter der Wissenschaften“ ernannt hatte, die über die gesamte Wissenschaft Rumäniens regierte, selbst nur über einen Sechsklassen-Grundschulabschluss und eine dürftige Ausbildung zur Schneiderin verfügte, und die es unter normalen Umständen auf Grund ihrer Bösartigkeit und ihres Intrigantentums  vielleicht bis zur Supermarktleiterin geschafft hätte.

Diese Menschen haben das Land Rumänien, das durchaus auf eine stolze Geschichte zurückblicken kann, in den Zustand schlimmster emotionaler und moralischer Verwahrlosung geführt. Gianina Carbunariu, stets darauf bedacht, ihre Thesen dokumentarisch zu belegen, beginnt in „Sold Out“ mit Deutschland. Der Sohn einer deutschstämmigen Familie in Rumänien verliest in der Uniform der Waffen-SS die Leitlinien zur nationalen und völkischen Identität aus Hitlers „Mein Kampf“. Er ist von Stolz erfüllt. Der Glaube an die deutsche Herrenrasse, er zählt sich dieser aufgrund seiner Abstammung zu, ist unerschütterlich. Er hat eine Puppe mitgebracht, eine deutsche, was man an der Qualität sofort erkennen kann. Diese Puppe wird zur historischen Klammer für die ganze Geschichte vom 2. Weltkrieg über die sowjetische Besatzung bis hin zu Ceausescus Schreckensherrschaft. Am Ende kehrt sie mit ihrer Familie „heim nach Deutschland“. Dieser dramaturgische Ansatz war ein überaus geschickter, denn durch die Puppe reflektiert die Autorin die Vorgänge unvoreingenommen, ideologiefrei, und deckt so die Absurditäten auf, die Betroffene zwar wahrnehmen, aber nicht benennen können, weil sie selbst darin verstrickt sind. Am Ende steht wiederum die Anbetung alles Deutschen. Das, wofür am Anfang „Mein Kampf“ stand, wurde am Ende durch das „FC-Bayern-Shirt“ ersetzt. So erlangten materielle und geistige Sehnsüchte Symbolcharakter. Dabei waren es nur Fetische.

 
soldout

Lasse Myhr, Sylvana Krappatsch, Lenja Schultze, Edmund Telgenkämper

© Andrea Huber

Gianina Cãrbunariu enthält sich eines letzten Urteils über beide Welten, enthüllt aber viele glaubhafte Details, die den Betrachter in tiefe Verunsicherung stürzten. Deutschland war an diesem Menschenhandel beteiligt, der per se verdammungswürdig ist. Mehr noch, dieser Handel ging in deutschen Auffanglagern für Auswanderer weiter, wo sich „schwarze Männer“ (Ceausescus Geheimdienstschergen oder einfache Kriminelle) gegen die Zahlung erheblicher Summen erboten, weitere Familienmitglieder aus Rumänien herauszuholen. Familien zerbrachen daran. Gutgläubige Menschen wurden betrogen und bestohlen. Als sicher kann wohl genommen werden, dass sich selbst im tiefsten emotionalen Elend noch ein Mensch findet, der daraus auf perfideste Weise Kapital schlägt. In dieser Einsicht liegt wohl die größte Leistung des Stückes begründet, denn die Beweislage darüber ist lückenlos.

Die theatralische Umsetzung dieses Stoffes war eher unspektakulär, was wohl auch dem dokumentarischen Charakter der mosaikartigen Szenen geschuldet war. Dorothee Curio hatte einen idyllischen Schaukasten auf die Bühne gestellt, der als vierte Wand eine Folie aufwies. Die Behausung, in der sich eine kitschige Landschaft präsentierte, verriet kleinbürgerliche Enge und heimatliche Verbundenheit zugleich. Auch das war ein deutlicher Beweis für den Realitätssinn der Autorin, die gleichsam Regie führte. Dorothee Curios Kostüme leisteten ein Übriges, um die Tristesse des real existierenden Sozialismus zu definieren.

Die Szenenfolge ließ  gelegentlich Zielstrebigkeit vermissen. Die Schauspieler wechselten über die beschriebenen Zeiten hinweg die Rollen und hatten es somit nicht leicht, eindeutige Charaktere zu entwickeln. Heraus stach naturgemäß Hildegard Schmahl, die durchgängig als folkloristisch ausstaffierte Puppe agierte. Ihr Sprachduktus und ihre Körperlichkeit, die von Unabänderlichkeit geprägt waren, kontrastierte die (notwendiger Weise) chamäleonartigen Charaktere der anderen Darsteller.  Edmund Telgenkämper als Familienoberhaupt und Lenja Schultze als Tochter hatten noch die besten Chancen zu eindeutiger Rollengestaltung. Sie zeichneten sich durch Gradlinigkeit in ihrem Lebensanspruch und relative Aufrichtigkeit ihrer Argumentation aus. Lasse Myhr, ihm waren einige Nebenrollen beschieden, brillierte als Spitzel und Kommilitone. Seine Argumente, dass sich letztlich jeder verkaufe, um an sein Ziel zu gelangen, offenbarten den psychologischen Hintergrund des Dilemmas. Sylvana Krappatsch, ihr fiel der weiblich-mütterliche Part zu, verlieh ihren Rollen gelegentlich einen Hauch von Verzweifelung, die dem instinktiven Drang zum Überleben entsprang. Michael Tregor gelang insbesondere als einer der Dunkelmänner eine Figur, die bei aller Gefährlichkeit durch die ihm verliehene Macht zuallererst Erbärmlichkeit erkennen ließ. In einer totalitären Diktatur kämpft schließlich jeder ums Überleben, selbst der Diktator, und dabei sind alle Mittel und Methoden gängig. Opportunismus ist erfahrungsgemäß noch immer das sicherste Überlebensmittel.

Der Abend war gewiss kein theatralisches Highlight im artifiziellen Sinn. Und doch war es eine sehr sinnvolle Veranstaltung, die auf aufklärende Weise ein Thema behandelte, das vermutlich nie so recht im Focus bundesdeutscher Betrachtung stand, obwohl es doch ein ureigenes ist.

Aus den gesellschaftlichen Erfahrungen lernen, erzeugt Hoffnung. Dieses Fünkchen Hoffnung fehlte mir in „Sold Out“. Dabei hätte ich es mir sehr gewünscht.

 
Wolf Banitzki

 

 


Sold Out

von Gianina Cãrbunariu 

Sylvana Krappatsch, Lasse Myhr, Hildegard Schmahl, Lenja Schultze, Edmund Telgenkämper, Michael Tregor, Pollyester  

Regie: Gianina Cãrbunariu 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen