Lichtbühne Das Jahr der Rosen nach Bernhard Ganter


 

Mann, oh Mann

Ein Fleck dunkler Erde, ein kleiner Garten begrenzt von Rosen bildete die Bühne. Rot, gelb, orange mit roten Rändern leuchteten die Blüten die Scheinwerferlicht. Wohlklingende Namen wie Penelope, Chantal oder Iphigenie führten zu individueller Unterscheidung in gezüchtete Sorten – erotisch ansprechend, burschikos, zurückhaltend. Ein Bild der Idylle in dessen Mitte ein Tisch und ein Stuhl ihren Platz hatten – Natur und Welt.

Der Protagonist betrat sein Eden, begrüßte seine Rosen, sprach von der Gewalt, welche seiner Frau widerfahren war. Doch wer war der Täter? Gab es einen Täter, oder lag allem einfach die Natur zugrunde, die Ängste die vergeblich in eine moralische Vorstellung, einen Irrtum verkleidet, ihn selbst dazu verdammten Täter zu sein? Der Fall befleckte die Seele, dunkelte das Hemd, die Haut. Die Hose zerrissen und zerfranst von Aktivität und dem vergeblichen Versuch Erlebtes zu verstehen, Schicksal wenden zu können, schritt der Mann durch den Garten, saß der Mann am Tisch.

Guido Verstegen erzählte und verkörperte ungemein präsent und einfühlsam die Geschichte eines Eigenbrödlers in den Mittvierzigern, der auf einem Straßenfest seine Frau kennengelernt hatte. Der Erzähler aus dem Off brachte die Zusammenhänge der Aufführung in der konsequenten Regie von Maximilian Sachsse vor, ergänzte die Bilder auf der Bühne des Heimgartens. Es war die kleine scheinheile Welt, in der sie nach der Hochzeit lebten. Dann der ungeklärte Missbrauch seiner Frau. Er, ein sexuell unbefriedigter Buchhalter, überfordert ... die Regentschaft des Verstandes grenzte alles irrational Erscheinende und nicht durch moralische Leitsätze Begründete aus, projizierte. Er versuchte sich verzweifelt, verzweifelt zurechtzufinden. Die emotionalen Momente standen ihm unverstellt ins Gesicht geschrieben. Aufbäumen. Er rieb sich an der Flasche, der biedere Rosenzüchter. Er, der als Buchhalter, als Schreibtischtäter im Hintergrund eingeblendet war, seine andere Seite zeigte, in Anzug und Krawatte sozusagen mit den Insignien einer moralischen Instanz versehen, der Legitimation eines Systems, welches auch nur einen weiteren Akt der Selbstbefriedigung vorstellte. Diesmal – „Mord ohne Blutvergießen“ – aktuell dessen einstimmiges Credo. Die Natur treibt sie immer wieder hervor, die Bilder der Angst in und aus der Vergangenheit.

Zwei Wege eine Traumatisierung zu verarbeiten, werden bislang in dieser Zivilisation genutzt: Der Weg nach Innen wird in dem Roman von Bernhard Ganter geschildert. Sein Florian Becker  gibt sich im Bemühen um eine Bewältigung einer geistigen Rache hin, während die geschädigte Frau Miriam vergeblich seine Aufmerksamkeit sucht. Eine Realität führte den Protagonisten mit schockbedingter Amnäsie nach Gabersee (Bezirksklinikum). Der Weg nach Außen wird in dem Theaterstück in der Bearbeitung von Guido Verstegen veranschaulicht und zeigt einen Mann auf dem Weg zu selbstgerechter Satisfaktion.

  JahrderRosen  
 

Guido Verstegen

© Engelbert Jost

 

Der tatsächlichen Vergewaltigung von Mutter Erde wurde die malerische Heimeligkeit des scheinbar geordneten Kleingartens gegenüberstellt und damit waren unverkennbar die mentalen und emotionalen Grenzen des Individuums sichtbar gemacht. Was nützt es Rosen zu züchten um sich an deren Schönheit zu erfreuen und doch unfähig zu sein mit sich selbst oder der Schöpfung umzugehen, vergeblich Frieden zu suchen im Kontext  des Kleingartens, im Selbstgespräch zwischen Blumen oder als Buchhalter gar zwischen Zahlenreihen? Gilt es doch die Frau als Spiegel und schöpferisches Element seiner Selbst zu begreifen – was Mann naturgemäß tut, solange er in dem Spiegel sein eigen Bild erkennen kann und will, und vice versa. Durch die Zerstörung eben dieses Bildes gelingt es dem Anderen, dem Täter, ebenso verletzend wie der Frau gegenüber, durch die Gewalttat einen anderen Mann zu verstören. Es gibt viele Möglichkeiten dieses elementare Gleichgewicht zu verwirren, sei es durch eine Tat per se, eine Gewalttat, oder sei es auch durch Mechanismen der Verdrängung wie gesellschaftlicher Druck, irreführende Propaganda und andere Glaubenssätze, beispielsweise die Anbetung der bloßen Ratio in missverstandener Wissenschaftlichkeit.

Eine bestechend klare Metapher auf die aktuellen  gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Aufführung brillierte durch feine Symbolik und den dramatisch drastischen Spielgestus der emotionalen Rationalität, die über die Funktionen der menschlichen Organe ihren Ausdruck findet. Nicht wie im richtigen Leben oder dessen oberflächlichem Geschmiere, welches als Biedermann-Theater entlarvt wurde, sondern mit elementarem Wissen um das Dasein erstanden Bilder von umfassend beeindruckender Wirkung. JederMann ist Opfer und Täter zugleich, es läge an ihm selbst zu schöpferischem Gleichgewicht seiner Kräfte zu finden. Rache allein setzt in tierischer Selbstbefriedigung gefangen.

Der zum Täter personifizierte Andere erfror als Obdachloser ohne Decken am Ufer des Flusses. Genugtuung glänzte aus allen Poren des spießigen Buchhalters ... und am Ende lag der traumatisierte Controller anscheinend befriedigt auf der feuchten dunklen Erde. Boden ohne Blut.

 
 
C.M.Meier
 
 
 Nächste Vorstellung im Haus der kleinen Künste: 2.Mai 2014 20.00  - Lichtbühne

 


Das Jahr der Rosen

Nach dem Roman von Bernhard Ganter

Guido Verstegen

Regie: Maximilian Sachsse

DantonDenkRaum


 

 

Das Geschaffene hat seinen Grund in sich

Das interdisziplinäre ART MEETS SIENCE Projekt des Atelier Kremer Krötsch & Kollektiv Freies Feld veranschaulichte in umfassender Weise die Vorstellung des special guest des Abends, des Physikers Dr. Hans-Peter Dürr. In seinem Verständnis ist die Welt ein Spiegel lebendigen Zusammenspiels von kreativen Menschen. Genauer, um nicht in wissenschaftlichem Duktus zu sagen, exakter, kann ein Anliegen, die Erkenntnis für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, kaum vorgebracht werden.

„... wir sollten einmal die Masken abnehmen, wir sähen dann, wie in einem Zimmer mit Spiegeln, überall nur den einen uralten, zahlosen, unverwürstlichen Schafskopf, nichts mehr, nichts weniger. Die Unterschiede sind so groß nicht, wir sind alle Schurken und Engel, Dummköpfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier Dinge finden Platz genug in dem nämlichen Körper ... Schlafen, Verdauen, Kinder machen – das treiben sie alle; die übrigen Dinge sind nur Variationen ...“ , so Georg Büchner. Und gerade diese Variationen und die Masken sind es, die das Leben mit einer Welt versehen, es interessant und vielseitig, spannend und abwechslungsreich machen, kurzum der naturgemäß tierischen Langeweile den Garaus machen. Die Masken in der mitteleuropäischen Kultur heißen Kunst und Wissenschaft. Vermittels dieser findet Gestaltung in der Gesellschaft statt, sie bieten Entfaltungs- bzw. Darstellungsmöglichkeit. Die Kunst greift Fragen auf, entwickelt spektakuläre Lösungen, regt zu eigenen Assoziationen an. Die Wissenschaft erklärt die Welt in ihrer Gesetzmäßigkeit, definiert Strukturen. Also gilt es der Frage nachzugehen: Was waren wir, was sind wir gewillt und fähig einzubringen um eine Welt zu bilden?

Schauplatz des interdisziplinären kulturellen Projektes war der Große Hörsaal der Anatomischen Anstalt der LMU München. Schon durch die Wahl des Ortes der Zusammenkunft wurde das Anliegen räumlich. Am Anfang war das Ei. Oder war es doch das Huhn? Nun, der Beginn dieses Projektes lag im Ei, in welches sich die Interessierten begaben. Der Große Hörsaal, in dem unter Prinzregent Luitpold zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbauten Jugendstilgebäudes ist fast eiförmig angelegt, strahlt in frischem Weiß. Seine Decke ziert ein großes Fenster gen Himmel. Es garantiert optimalen Lichteinfall, gilt es doch in diesem Projekt die Formen und Strukturen in ihrem Wandel zu erkennen.  Denn: „Jeder Augenblick eine revolutionäre Evolution.“ Die Uhr lief. An der großen Projektionswand leuchtete das Sternbild Georg Büchners, seine Lebenszeit lief in digitalen Zahlen und in astrologischen Konstellationen unübersehbar voran. Wieviel Erfahrung und Ausdruck ist in einem Leben, ist in 23 Jahren möglich?

Die „Instant-Installation“, so die Ankündigung, basierte auf ausgewählten Texten. Die Worte, welche Büchner seine Figuren äußern ließ, sind von existentiellem Gehalt und ausgewogen klassischer Sprache. Das Zusammenspiel dieser beiden Elemente befördert zeitlose Kunst. Sie sind von ungebrochener Aktualität, Kraft und deren Klang – vorgetragen von exzellenten SchauspielerInnen, SprechkünstlerInnen – schwebte nachhaltig im Raum. Die Musik der Sprache berührte ebenso eindrucksvoll, wie die den Musikinstrumenten entlockten Töne. Wenngleich die Inhalte der Sprache sich an den Verstand richten, während die Musik vorwiegend auf der emotionalen Ebene Widerhall erzeugt, die Seele reich beschenkt. So war es kaum möglich sich der lebendigen Schwingung zu entziehen, ist doch, wie die Erfahrung begreift und die Wissenschaft erklärt, alles materiell verbunden und damit eins. Masako Otha am Cembalo und Esther Schöpf, Violine, untermalten musikalisch nicht nur die Bilder und Details erfassenden Projektionen der von Prof. Andreas Köpnick geführten Videokamera.

Die Perspektive der Aufnahmen trug zu Abwechslung und neuen Ansichten bei. Ob der Fülle der Eindrücke wurde es notwendig immer deutlicher zu unterscheiden, ein Vorgang wie er aus der modernen Gesellschaft nur allzu bekannt ist. Mit Schattenbildern fing Gisela Oberbeck die Aufmerksamkeit. Der Schatten eines Astes, eines Skeletts, eines Käfigs beschäftigt Kunst und Wissenschaft gleichermaßen. Bernd Wiedemann übertrug seine Impressionen zum Thema mit Kreide auf die grüne Tafel, mit Stift auf das Papier der Präsentationstafel. Es waren realistische Skizzen, surreale Zeichnungen, visuelle Kompositionen zwischen Bildschirm, Kopf und weißer Taube – Intentionen folgend. Um zu so komplexer Improvisation zu finden, bedarf es eines großen inneren Erlebnisraumes jedes Einzelnen. Alle Beteiligten trugen bis zu höchster Profession entwickelte Masken zur Schau.

  DantonDenk  
 

© Isabelle Krötsch

 
 
Die Vielfalt der Masken und Variationen ist es, die eine menschliche Welt ausmachen, die sie eigentlich bereichern. Während rein ergebnisorientiertes Tun zu Verarmung im Dasein beiträgt, so bereichert der spielerisch improvisierend Tätige die Gemeinschaft. Darin lag über Jahrhunderte der künstlerische und wissenschaftliche Zugewinn begründet, der über Studium per se gewonnen wurde. Nicht zu vergleichen mit der Übertragung und Aneignung von Schulwissen, die das derzeit gültige Universitätskonzept ausmachen. Special guest Dr. Dürr brachte als erweiterndes Beispiel seine Vorgehensweise im Bezug auf die Benotung seiner Studenten. Diese sollten ihr eigenes persönliches Anliegen im Bezug auf das vermittelte Wissen in einem Semester umsetzen und mit ihm über das erreichte Ergebnis, u.a. die persönliche Einschätzung und Zufriedenheit, diskutieren. Daraus ergab sich ein wesentlich vielfältigeres Ergebnis als es 50, 70, 90 Punkte jemals darstellen können.

Das Bestreben sämtliche Sinne des Menschen anzusprechen, zu aktivieren und in Einklang schwingen zu lassen, wurde anspruchsvoll umgesetzt und der Abend konnte durchaus als Gesamterlebnis erfahren werden. Sinnliche Genüsse vervollständigten. Es oblag dem einzelnen Zuschauer seine persönlichen Schwerpunkte zu setzen, zu fokussieren. Schnittstellen zwischen subjektiver Ahnung, Erfahrung und objektiv formuliertem Wissen konnten aufgetan und ebenso geschlossen werden.  

Eine revolutionäre Keimzelle wurde geschaffen. Eine Keimzelle durch welche eine neue Form der Entwicklung den Weg in die Wahrnehmung findet. Der bislang gültige Satz von Pierre Vergniaud „Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder.“  - der durch das Drama „Dantons Tod“ von Georg Büchner und die kriegerischen Vorgänge der aktuellen arabischen Revolutionen Bestätigung findet -  könnte seine gewalttätig vergeltende Gültigkeit verlieren. Das in Realität mündende bewusste Zusammenwirken von verschiedensten Menschen mit unterschiedlichsten Eigenschaften, Kräften und kunstvoll entwickelten Fertigkeiten zu einem sich wandelnden Schöpfungsbild, einer friedvollen, doch keineswegs antriebslosen menschlichen Gemeinschaft wurde offenbar.

Das Leben als Werkstatt begreifen und mitwirken! Lassen auch Sie sich inspirieren  ...

 


C.M.Meier

 

 
Weitere Veranstaltungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten 13., 14.9. + 20.-22.9 um 19.30

(Großer Hörsaal der Anatomischen Anstalt der LMU München – Pettenkoferstraße 11) ... Mehr

 


DantonDenkRaum

Interdisziplinäres Projekt und szenische Untersuchung
Schauspiel, Musik, Bildende Kunst & Beiträge von „special guests“ aus Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften
12.9.2013 – Danton und die Natur der Dinge

 Dietrich Adam, Beatrix Doderer, Jens Harzer, Hans Kremer, Jochen Striebeck, Katalin Zsiemondy – Schauspiel. Masako Outa – Cembalo, Harmonium. Esther Schöpf – Violine. August Zirner – Querflöte. Prof. Andreas Köpnick – Video. Isabelle Krötsch – Lautmalerei. Tobias Krug – Akustik Clock. Gisela Oberbeck – Schattentheater. Manu Theobald – Fotografie. Bernd Wiedemann – Zeichnung.

Assistenz: Nina Kunzendorf
Licht: Peter Junghans
DokFilm: Peter Badel

Reizwerk Absacker von Petra Wintersteller


 

 

Die Liebe ist eine Himmelsmacht

 

und wer ihr noch nie begegnet ist, der sollte ganz schnell mal auf einen Absacker gehen. Dieser letzte Drink - der mit dem Vergangenen versöhnt, der den Heimweg erleichtert, der den Körper mit der nötigen Bettschwere versieht, der Einsame vor sich selbst bewahrt - ist die beste Medizin. Seine Hochprozentigkeit führt mit hohem Prozentsatz vor allem zu einem, zu Ehrlichkeit gegenüber den anderen und sich selbst. Wie immer das eigene Lebenskonzept auch aussehen mag, es findet seinen Weg in den Äther. Gleich dem Zigarettenrauch, der früher die Bars zu gemütlich  nebelschwangeren Orten erhob, gleich dem Rauch erfüllen die ausgesprochenen und die unausgesprochenen Gedanken der Trostsuchenden den Raum. Die Theorie vom Leben und das Leben per se, das sind zwei verschiedene Welten, und es scheint, als würden sie nur hier wirklich zusammenfinden.

Gisela sitzt an der Bar, blättert in einem Magazin, nippt am Cocktail. Es ist schon nach zwei Uhr als Michael das Lokal betritt, mit Koffer, Regenschirm und Rucksack. Und entgegen dem anfänglich geäußerten Wunsch nach einem Cola bestellt er, gleich Gisela, einen Caipirinha. Erste Sätze der Annäherung fallen. Doch sie bleiben nicht die einzigen Gäste. Eine bildhübsche Braut in weißem Kleid sucht verzweifelt Trost. Roland, ein potenter Kerl verbreitet den Erfolgsbericht seiner letzten Stunden im Casino, „Spiel, Gewinn und Stich“ waren so ganz nach seinem Schema. Im Zuge der Annäherung und des Genusses von Erleichterung verschaffender Medizin offenbaren sich die Tragödien der Verzweifelten. Das „Hauptübel“ im Leben ist wohl die Beziehung, wie auch immer, denn: „Die Liebe hat ihren eigenen Kopf.“ ... „.. Kopf gibt es nicht, wohl eher ihre Launen ...“ und über den Unterschied zwischen Theorie und Praxis, Praxis und Theorie ist bisher noch jedeR gestolpert und ... gestürzt, bisweilen mit blutender Nase davongekommen.

  Absacker  
 

Petra Wintersteller, Jörg Hartmann, Christian Ammermüller, Ulrike Dostal

© Reizwerk

 
 

Petra Wintersteller, die Autorin, beherrscht die Kunst Dialoge zu schreiben. Die von ihr aufgegriffenen Probleme entstammen dem Zeitgeist im „wirklichen Leben“ und der witzige und spritzige Text ließ sich durchaus wie ein Glas Prosecco genießen, sprudelnd, eben mit leicht trocken saurem Beigeschmack. Die Schauspielerin, Petra Wintersteller, verkörperte Gisela. Ausdauernd saß sie, ganz moderne Frau, an der Bar und fast schien es, als vertrieb sie sich nur die Langeweile mit Lesen, als wartete sie. Auf das Leben? Ihre Mimik spiegelte ausdrucksstark jeden Moment, jede Regung des Inneren. Petra Wintersteller, die Regisseurin, setzte auf das Verbindende, wohl auch die Liebe zu und zum Theater, und flocht daraus ein starkes Band zwischen den Schauspielern – Reizwerk - und zu den Zuschauern.
Den netten und ein wenig unbeholfen wirkenden Michael gab Christian Ammermüller. Er war Neuling in der Szene, die harten Drinks verursachten ihm mehr Probleme – super Schweißausbruch eines ungeübten Trinkers! - als Erleichterung. Allein sein Idealismus blieb ungebrochen, hielt ihn aufrecht bei der Suche nach einem neuen Leben. „Wie man’s macht, macht man’s falsch.“ Susanne hatte so ziemlich alles falsch gemacht, was eine verliebte Frau nur falsch machen kann und erreichte den Tresen im Brautkleid, Tränen hatten das Make-up um die Augen verteilt. Ulrike Dostal schwankte ungemein naiv zwischen Traurigkeit, Enttäuschung und anfangs unspezifischer Wut. Erst im Aufdecken ihrer Geschichte, den unbestechlichen Augen Giselas ausgesetzt, entwickelte sich ihre verwickelte Handlungsweise. Dabei war Susanne „Top-Ware“ wie sich Roland ausdrückte, der noch nie eine Frau bezahlt hatte. Jörg Hartmann spielte mit jeder Geste: „Männer wie ich, sagen was Sache ist.“  Einen wahren Klischee-Macho mit all seinen Schwächen und natürlich auch Stärken stellte er vor den Tresen, bis ... ja bis ...

Und wie es nicht anders sein kann in einem solchen Etablissement, erschien eine Rosenverkäuferin. Mit einer glorreichen neuen Geschäftsidee, einem Werbegeschenk versuchte Sonja Ganzenmüller spitzfindig den ach so banalen Verkaufsvorgang aufzupeppen. Ob es glückte?

Das Stück „Absacker“ wurde an der Theke des Cord Club uraufgeführt. Die realistische Atmosphäre, der Rauch und der Dunst der vielen hier geführten Gespräche, der Gefühlsausbrüche bildete den erfahrbaren Hintergrund, gleich einer unsichtbaren Kulisse fing diese das Publikum ins Geschehen ein. Die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität waren fein, sie bestanden, und doch kam für Momente immer wieder die Ungezwungenheit einer verschworenen Gemeinschaft auf. Der Abend - ein wundervolles unterhaltsames Theatererlebnis einer anderen, einer lebendigen Art.

Die Gruppe Reizwerk, das waren die, die Lachmuskel reizten, aber auch jene, die die gesamte Bandbreite der Gefühlskala ausspielten. Und, wer über die Tücken und Fallen, die Unvereinbarkeiten zwischen den Menschen, den Geschlechtern im Weinen lachen kann, hat schon den ersten Schritt in Richtung Glück getan. Das Happy End: Man weiß, dass es so ist!

 


C.M.Meier
 
 
 

 


Absacker

von Petra Wintersteller

 Jörg Hartmann, Ulrike Dostal, Christian Ammermüller, Petra Wintersteller, Sonja Ganzenmüller, Barfrau: Monika Guggemos

Regie: Petra Wintersteller

A short bus trip


 

 

Eine fantasievolle Komposition

Der Garten der Schwabinger Seidl Villa, ein weißer Doppeldeckerbus mit Sonnenschirm, eine Bühne, ein altes Radio, drei rote Holzrahmen, ein Stuhl, ein Tischchen mit Telefon und eine Schreibmaschine. Susanne Brantl, Wolfgang Seidenberg, Thilo Matschke. David Jäger, Mäx Huber, Norbert Bürger. Gegenüber Gartenstühle, Tische, Bänke, Publikum und Barry L. Goldman. Darüber ein sonnig gestimmter Abendhimmel. Das waren die Zutaten zu einer stimmungsvollen höchst amüsanten Theatervorstellung mit dem Thema „A short bus trip“.  The Bus Boyz Band erfüllte die Luft mit ersten beschwingten Tönen, wechselte spontan Stil und Rhythmus, bereitete akustisch den ersten Aufzug vor. Die Darsteller in Trenchcoat und Hut gekleidet, je einen roten Rahmen in Händen, traten aus dem Bus hervor und gaben eine Geschichte in realistischem Stil zum Besten. Eine Geschichte? Nein, eine Beobachtung.

Raymond Queneau, der den Surrealisten verbundene französische Dichter und Schriftsteller,   besuchte in den 1930er Jahren ein Bach Konzert. Variationen bildeten dessen programmatischen Kern. Durch die Musik inspiriert, übertrug er den Vorgang in die Sprache und schuf innerhalb von 4 Jahren 99 Variationen einer belanglosen Handlung. Gerade die Banalität des Vorganges verdeutlicht den Spielraum von Wahrnehmung, von Klang, von Sprache und deren Verwendung. Von realistisch über metaphorisch, schwülstig, rechnerisch, vulgär, dialektisch, dadaistisch und gar bayerisch reicht die, durchaus stets die Grenzen des Komischen überschreitende, Palette.

Diese sprachanalytischen Betrachtungen bilden die Grundlage für die theatralen Szenen. In dem parodistischen Spiel wurde vom Traum bis zum Nachbarschaftstratsch und bis zur Wahrsagekunst kaum eine Variation nicht ausgesprochen. Jede Szene brachte ihre eigene Welt auf die Bretter die die Welt bedeuten. Barry L. Goldman, der in den USA geborene Regisseur, inszeniert international und entwickelte im Laufe seiner künstlerischen Tätigkeit besondere Bezüge zu französischer, englischer und mittlerweile auch deutscher Bühnentradition. Ein wunderbar vielseitiger Blick auf die Plattheit einer Begegnung im städtischen Bus erstand. Ein junger Mann mit langem Hals und lächerlicher Kordel am Hut wird unfreiwillig zum „Helden“.

  Ashortbustrip  
 

Thilo Matschke, Susanne Brantl, Wolfgang Seidenberg

© A short bus trip

 
 

Saxophonist David Jäger erzählte den Vorgang durch sein Instrument, Susanne Brantl sang berückend ein Chanson, Mäx Huber percussionierte, Thilo Matschke parodierte den redseeligen Italiener, Norbert Bürger gab ein Gitarren Solo der Rock-Art und Wolfgang Seidenberg stellte in exakter Manier den Steuerzahler heraus. Dies um nur einige der vielen vielen Szenenvariationen zu nennen. Die Schauspieler und die Band vollführten eine offene szenische Komposition, die die Zuschauer in jedem Augenblick mit einbezog und mit Leichtigkeit und Swing berührte. Es war eine in sich geschlossene herausragende Ensembleleistung, in der jeder Künstler seine eigene Magie entfaltete. Eine der Szenen brachte „Die drei Musketiere“ ins Spiel ... „Ich habe die Ehre Bericht zu erstatten ...“  Und ich habe die Ehre auf eine wundervolle Aufführung voller abwechslungsreicher Augenblicke hinzuweisen ...

... nicht nur für Liebhaber von Sprache und deren Spielräumen ein bereichernder belebender Abend.

 

 
C.M.Meier
 
 
 
 

 


A short bus trip

Nach dem Text „Exercices de Style“ von Raymond Queneau

Susanne Brantl, Wolfgang Seidenberg, Thilo Matschke

The Bus Boyz Band – David Jäger, Mäx Huber, Norbert Bürger

Regie: Barry L. Goldman

Junges Schauspiel Ensemble München Antigone von Sophokles


 

 

Den alten Ordnungshütern

und den Hütern einer alten Ordnung, die 2400 Jahre nach Sophokles noch immer nicht begriffen haben, dass Ordnung um ihrer selbst Willen Schicksal, Schicksale anhäuft, ihnen sei der Besuch des Schauspiels im Kleinen Theater Haar dringend angeraten.
Der Grieche Sophokles, ganz dem Staat verbunden, beschrieb wohl mehr zur belehrenden Abschreckung die Folgen von Ungehorsam. Aufstehen gegen Willkür der Regierenden wird mit dem Tod geahndet. Die ausgerufenen Ordnungen und der Wille diese Ordnungen um jeden Preis durchzusetzen, ziehen sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte, durch alle Kulturen, alle Systeme. Sie merken schon, die Welt als Wille und Vorstellung, wie der miesepetrige Arthur Schopenhauer diese Vorgangsweise benannte. Doch Schopenhauer ist schon 150 Jahre tot und die Welt hat längst Michael Schmidt-Salomon eine Stimme verliehen, ist vorangeschritten. Aber offensichtlich hängen noch viele im vorvorvorgestern fest und zwar mit ganzem Willen und vorsätzlich. Ein Trauma, Schock? Oder haben diese Entwicklung verpasst, keine eigene innere Haltung entwickelt und klammern sich aus Schwäche an überholte eherne Vorstellungen? Fest, ehern, fest.

Bei der Auseinandersetzung um die Nachfolge von Ödipus kam es zwischen den Söhnen zu kriegerischen Handlungen. Der Streit endet mit dem Tod der Beiden. Eteokles wird als Verteidiger der staatlichen Ordnung ehrenhaft bestattet, obwohl er es war, der die Anordnung des Vaters zu wechselnder Regentschaft zwischen den Brüdern missachtete. Polyneikes Leiche wird von dem neuen Herrscher Kreon, als abschreckendes Exempel benutzt, zu öffentlicher Verwesung verdammt. Antigone widersetzt sich der Willkür Kreons und versucht den Leichnam ihres Bruders mit Erde zu bedecken. Der Konflikt zwischen den Göttern (natürlichem Menschenrecht) und Regelung durch Staatsgesetz bricht auf. Wie aktuell das Thema nach wie vor ist, wird aus der Übertragung des Stoffes in aktuelles Kriegsgeschehen offensichtlich. Eine Truppe in Afghanistan, ein Amokläufer, gefallene Kameraden und ein Exempel. Der Oberst schlüpft in die Rolle des Kreon.  

Es spukte in Kreons Kopf. Eine Stimme beschwor Antigone, beschwor Ismene. Nebel zog über die Bühne, verschleierte. Kreon litt, verkroch sich in eine Ecke der massiven Festung. Was war mit Kreon? Hohe Wände bildeten einen Raum, welcher umgeben von zahllosen Containern, das Zentrum vorstellte - ein Feldbett, ein Stuhl und ein Bild neben der Eingangstüre. Dennoch kaum Platz. Ein Viel an Material, die Gewichtung des Materiellen vom Geld bis zum Produkt suggerierte das Bühnenbild. Es vermittelte wie verstellt die Welt bereits ist, welcher Mühe es bedarf den Blick auf Wesentliches frei zu bekommen, zu konzentrieren. Dazwischen agierten die Darsteller. Antigone eröffnete, dass sie den Bruder begraben werde, gegen den Willen Kreons. Joachim Aßfalg trug Kampfanzug und Gewehr, als er dies emphatisch kundtat. Ismene, Robert Ludewig, reagierte klar und kraftvoll, mahnend verständig dem Befehl ergeben. Frankziska Ball und Ruben Hagspiel verkörperten als Presse mit Kamera und Mikrophon den zeitgenössisch dokumentierenden Chor. Eine unsichtbare Last legte Regisseur Michael Stacheder auf die Figuren. Sie wurde durch den Habitus der Schauspieler sichtbar und jeder vermochte diese auf seine Weise auszudrücken. Joachim Birzele oblag als Kreon die Vorstellung von Staatsgewalt. Zwischen Schwäche und Starre changierend kämpfte er für sein Weltbild, bis auch er dem Schicksal erlag. Das Junge Schauspiel Ensemble München bot gut differenziertes ausgewogenes Spiel und einen hervorzuheben, bedeutete andere zurückzusetzen. Die Neuübersetzung des Textes aus dem Griechischen durch Udo Segerer ging sprachlich und inhaltlich auf das Heute ein, straffte das Thema sinnfällig. Zwischen blutbefleckter Wäsche und  die gemeinsame Dosenmahlzeit fanden eine Reihe weiterer gestaltender Ideen ihre Umsetzung. Miteinander hieß wohl das Zauberwort für die Inszenierung.
 
     
 

Franziska Ball, Joachim Aßfalg, Robert Ludewig, Joachim Birzele

© JSEM

 
 
Wenn Kreon Haimon belehrt: „Man stellt sich immer hinter väterlichen Rat.“, so wird mit diesem Satz wohl eines der grundlegenden Probleme angesprochen, die Schicksal heraufbeschwören und in den alten Mustern gefangen halten. Denn die Väter sind weder allwissend, noch vollkommen, auch wenn mancher sich dies einbildet. Die Entwicklung in der Menschheit schreitet unaufhaltsam voran, es sei denn, man bombt sich in die Vergangenheit zurück. Der Krieg in Afghanistan ist bekanntermaßen sinnlos, denn jede echte dauerhafte Veränderung kann nur aus den Afghanen selbst kommen und Gewalt hat noch nie ein Problem gelöst. Im Gegenteil sie schafft Probleme, wie am Leid der verletzten Einwohner und der traumatisierten Soldaten überdeutlich sichtbar wird. Ist es möglich Kriegstraumata zu überwinden? Sicherlich nicht mit einer aufgezwungen Ordnung und auch nicht mit gnadenlosem Aufbaustreben. Hat Deutschland je das Trauma des 2. Weltkrieges überwunden, oder wiederholen sich etwa alte Vorstellungen getragen von eisernem Willen?

Wenn Ordnung über humanes Miteinander, die in den Grundrechten benannten Werte, dominiert, so wird Leid zur beherrschenden Grundstimmung. Das Leid macht vor keinem Halt, und sei sein Anzug auch aus feinstem Stoff und grauer als die grauen.
Ist es legitim, um einer willkürlichen eingebildeten Ordnung willen, junge Menschen durch  Leistungsdruck  und  Erfahrungszwang zu verheizen? Scharen von Gymnasiasten, denen die Wochenendfreizeit fehlt, die lernen müssen um dabei bleiben zu können und Praktikanten, die, um Erfahrung zu sammeln ohne, oder ohne angemessenen Lohn schuften, sie wissen ein Lied davon zu singen. Das heißt, das Singen ist diesen jungen Menschen schon längst vergangen, nimmt man ihnen doch einen unverzichtbaren Teil ihres Daseins, die freie Entwicklungszeit. Aber der Wille der alten erstarrten Militaristen und der modernen bürokratischen UnteroffizierInnen, in ihren grauen Business-Uniformen, kennt nur die eine Vorstellung von Lebenssinn. Ihr ist alles zu unterwerfen. Wer aufbegehrt wird „hingerichtet“: an den Pranger gestellt, in die Höhle verbannt, ausgegrenzt. Nur ein Weg steht dann offen ...

Die Inszenierung des Jungen Schauspiel Ensemble München in Zusammenarbeit mit den SchülerInnen des P-Seminar Griechisch am Ignaz-Günther-Gymnasium Rosenheim und der Unterstützung durch Hildegard Hamm-Brücher wirkte tiefgehend und aufklärend. Sie ist das heldenhafte Unterfangen gegen die gnadenlose Bespaßung anzutreten, die zur Ablenkung von grundlegenden Problemen propagiert und verbreitet wird. Hierin spiegelte sich das Schicksal Antigones und Haimons auf einer anderen Ebene. Am Ende des Stückes beherrschte minutenlang beredtes Schweigen den Theaterraum, bis die Zuschauer zum wohlverdienten anhaltenden enthusiastischen Applaus anhoben.



C.M.Meier
 
 

 

 


Antigone

von Sophokles

 Deutsch von Udo Segerer

Joachim Aßfalg, Joachim Birzele, Robert Ludewig, Franziska Ball, Ruben Hagspiel

Regie: Michael Stacheder

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