St. Paul Lo spirito del cuore von Yvonne Pouget


 

Zeitensprung

Die Faszination der Tradition ist eine ungebrochene. Seit Jahrtausenden beschäftigt der Mensch sich mit sich selbst, sucht Bedingungen und Zusammenhänge zu ergründen. Das angehäufte Wissen fließt auf wunderbare Weise in das Leben ein. Dabei vermag es durch die Kunst auf besonders originelle Weise zu fesseln. Erst in den letzten hundert Jahren begann die Wissenschaft zunehmend mit der sachlichen Definition und nimmt den Vorgängen ihren Zauber. Was der Schamane noch intuitiv erfasste, der Künstler zu gestalten suchte, dokumentiert der Naturwissenschaftler verstandesgebunden als Gesetz - Irrtümer eingeschlossen.


In einem Zufluchtsort für die Seele, der St. Paul Kirche in München, brachte Yvonne Pouget das Thema menschliche Innenwelt vor das Publikum. Den Gefühlen im Körper zu Ausdruck und damit ihrem Erkennen und Benennen Raum zu geben, war und ist das Anliegen. Mit den Mitteln des Butohtanzes, den kleinen Gesten und der ausdruckstarken Mimik, entwickelte sie eindringliche Bilder.


Mit dem Soloauftritt stand die Vergangenheit und die darin kultivierte Haltung im Mittelpunkt. Yvonne Pouget hob den schwarzen Schleier des kleinen Hutes, legte eine übergroße Brille ab, wand sich, den Ausdruck des Schmerzes des Herzens zelebrierend, am Boden. Die Lautstärke der Arien nahm beständig zu, steigerte die Gefühlsübertragungen der Tänzerin. Der Weg des Menschen bis zu seiner Erlösung ins Jenseits, die Befreiung der Seele vom Leib, bildete den ersten Teil. Die Ansammlung von Leid und Unterdrückung ist in den Kirchen besonders fühlbar. Immerhin ist diese Institution seit Jahrhunderten maßgeblich an Gesetzen, Moral und Gesellschaftsbild beteiligt. Die Kulisse verstärkte auf unaufdringliche Weise diese traditionelle Erfahrung.
Auf die Wand über das hintere Ausgangstor projiziert, gleich einem Seelenwesen breitete Yvonne Pouget die Arme zur Seite, folgte mit leisen Tönen der verbindende Teil zur Gegenwart. Die verklärte Heiligkeit, die Abstraktion des Daseins, wie sie in verschiedenen Formen stattfindet.
Einer aufgeklärten Haltung verpflichtet, in nuancierte Farben gekleidet, drückte Yvonne Pouget im zweiten Teil die Befreiung der Seele durch Wissen aus. Unter dem ausladend gefächerten Rock bewegte sich Elien Rodarel hervor. Wie der Mensch aus dem Staub, dem Stein. Sein zeitgenössisch klassischer Tanz veranschaulichte wozu der Mensch befähigt ist. Brillant.

  lo spiritodel  
 

Elien Rodarel

© Anja Wechsler

 

Im Tanz – dem Gipfel der Wortlosigkeit – finden die Gefühle ihren Ausdruck in der Welt. Die Tanzperformance war einem psychisch-physischen Motiv gewidmet, welches abschließend in einem Podiumsgespräch erläutert wurde. Kultur und Wissen traten in direkten Bezug.

 

C.M.Meier




Lo spirito del cuore

von Yvonne Pouget

Eine Tanzproduktion

Yvonne Pouget, ElienRodarel
Idee/Choreografie/Regie:  Yvonne Pouget

Forum 2 Der Lügner von Carlo Goldoni


 

Die Lüge, das Thema der Zeit

1750 schrieb Carlo Goldoni, der das italienische Stegreiftheater der Commedia dell’arte weiter entwickelte, die Komödie „Il bugiardo“. Blickt man 265 Jahre danach auf das Thema, so scheint kein einziger Tag zwischen der Entstehung und der Aufführung durch die Theatergrupppe Brett-á-Porter vergangen. Weder die Lüge, noch die Liebe haben ihren Reiz verloren und der Aberwitz des Lebens treibt unbeeinflusst von Moral und Gesetz seine Blüten. Ja, er wuchert geradezu auf vielen Ebenen.

In Venedig, der romantischsten aller Städte wird Rosaura, die Tochter des Doktors, von Florindo verehrt. Doch Florindo ist zu schüchtern um sich zu offenbaren und seine verdeckten Annäherungen schaffen Raum für den gewitzten Lelio. Und der versteht es geschickt und charmant sich nicht nur  in Rosauras Herz zu schwindeln. Amélie Fleur Henke spielte mit bemerkenswerter Präsenz den geübten Lügner, der, nie um eine überraschende Wendung verlegen, das Geschehen in seinem Sinn zu nutzen verstand. Um diese, Degen und Stöckelschuhe tragende Figur drehte sich wahrhaft das Geschehen. Und Florindo, Julian Tresowski, hätte sich zurückhaltend mit dem Satz „Wahre Liebe blüht im Verborgenen“ beinahe selbst verraten. Wäre da nicht der launige Brighella (grandios gestikulierend Paul Argyropoulos) gewesen, so zögerte der junge Florindo wohl heute noch. Seine Angebetete Rosaria (Anne-Katharina Bansemir) wirkte nicht nur durch die geflochtenen Zöpfchen herrlich naiv. Während ihre Schwester Beatrice (gespielt von Paul Argyropoulos) vorführte, dass Männer doch die besseren Frauen sind. Doch der brave Ottavio verehrte sie mit dem reinsten moralischen Anstand, den Elisabeth Treffler zum Besten geben konnte. Heinrich Blank lispelte sich als vom Leben gebeugter Pantalone, Kaufmann und Vater des Lelio, klischeehaft typisierend durch die Lügenwelt. Immer der Wahrheit hinterher schlurfend. Arlecchino, der Diener Lelios, wurde höchst lebendig, neugierig und doch eingängig von Doris Gruner verkörpert. Ihre maßvollen Überspitzungen sorgten für besonderes Vergnügen. Regisseurin Urte Regler war eine ausgewogene Inszenierung gelungen, in der das Ensemble seine Stärken in abwechslungsreicher Weise entfaltete.

  DerLuegner  
 

Amélie Fleur Henke, Heinrich Blank

© Brett-à-Porter

 

Die typischen Charakterzüge der Figuren stellte Goldoni in den Mittelpunkt der Werke, damit nahm er ihnen die schützende Maske der Anonymität, stellte sie bloß. Arlecchino der Diener, der um zu überleben jeden Schachzug mitmacht, sich anpasst, so wie es von Mitarbeitern heute verlangt wird. Pantalone der Kaufmann, der um rechtmäßige Anerkennung, wahrhafte Tatsachen ringt, um seine Geschäfte voran zu bringen. Der Doktor, den das Wohl der Menschen und seiner Töchter zu einem Spagat zwischen Überzeugung und Möglichkeit zwingt. Die junge Rosaura, die leicht zu betören dem Geschwätz hübscher Phrasen folgt, wie die Werbung sie verbreitet. Und Lelio der Lügner, der „Ausbund an geistreichen Einfällen“, mit denen er den geraden langweiligen Pfad des Lebens würzt. Die vorsetzliche Absicht der Täuschung zu erfahren, ist aktuell in jeder Bank möglich, daran ändert auch der dort verstäubte Glaube an das Gute wenig. Wie in der Commedia dell’arte ziehen sich die Figuren und Namen durch seine im Laufe des Lebens entstanden 150 Theaterstücke, gleich der Vererbung von Eigenschaften in der Tradition.

Erst wenn der Mensch erkannt hat, dass er immer nur sich selbst belügt, täuscht, und die Lüge stets auf ihn zurückfällt, wird er vielleicht beginnen die Dimension des Lebens zu erfassen. Wie schrieb schon Bertolt Brecht „Denn für dieses Leben / ist der Mensch nicht anspruchslos genug / drum ist all sein Streben / nur ein Selbstbetrug.“ Und man selbst bestimmt die fantastische Dichte zwischen Realität und Illusion. „Ihre Lügen sind fast wahr.“ , so Carlo Goldoni. Und, „die dumme Ehrlichkeit“ zwingt den Menschen höchstens vor neue Herausforderungen.

Das Theaterstück zeigte auf höchst unterhaltsame Weise, wie Mensch sich im Spiel versucht. Denn beim Happy End der Komödie bricht es ab und die folgenden Bilder, bei aller Liebe, werden ebenso bunt wie die voran gegangenen. Im Schlussbild und dem gemeinsam vorgetragenen Lied fand dies wahrheitsgemäß Ausdruck. Bei allem Ernst des Lebens, die Momente der Heiterkeit überwogen auf der Bühne. Das Publikum zollte dafür den verdienten begeisterten Applaus!

 

C.M.Meier

Weitere Vorstellungen: ...


Der Lügner

von Carlo Goldoni

Amélie Fleur Henke, Doris Gruner, Anna-Katharina Bansemir, Julian Tresowski, Elisabeth Treffer, Paul Argyropoulos, Heinrich Blank, Petra Wiese, Sabrina Schlenke, Hans Weiss
Gitarre: Hermann Fuchsberger

Regie: Urte Regler

company nik Serafin und seine Wundermaschine nach Motiven des Kinderbuches von Philippe Fix


 

 

Es war einmal ...

Nein. Es ist wieder ... die Zeit der Besinnung. Im Wunderraum auf dem Planeten Erde stand auf einer Theaterbühne eine Wundermaschine. Serafin und Plum haben sie gebaut, dabei viel aus dem Wunderraum abgeschaut. Mit großen Augen saßen Kleine und Große davor, harrten gespannt der Geschichte. Anregend ist die, denn „... die haben gezaubert ...“, sagte eine Jungenstimme in den dunklen Raum.

Plum spielt Akkordeon und Serafin hat seine liebe Mühe den Freund ins Haus zu ziehen. Plum ist ganz vertieft ins Spiel, hört nur die Töne und manchmal, wenn es Serafin zu laut wird, setzt er Kopfhörer auf. Und schon wird es still. Doch nun muss Serafin mit Plum sprechen. Sie müssen das Haus verlassen, der Vermieter hat den Vertrag gekündigt, ein neuer Mieter bezahlt ihm mehr Geld. Die Beiden überlegen und sehen dabei die wundersame Maschine im Raum. Plum probiert sofort den Startknopf und schon bewegt sich der Kasten. Die Überlegungen führen zur Annahme eines Berufes für den Gelderwerb. In einem Fach des Kastens wird Berufskleidung sichtbar. Serafin probiert ... probiert ... probiert schließlich die Uniform eines Knipsers für U-Bahnkarten. Jedem der vorbei kommt, knipst er ein Loch in die Fahrkarte. Wie ein Automat steht er und knipst und knipst und knipst ... doch Serafin ist ein Mensch und keine Maschine. Kein Wunder also, dass der Leiter der U-Bahnbehörde ihn nicht perfekt genug für die Tätigkeit findet. So kommt es, dass Serafin und Plum auf die Reise gehen, sie folgen dem gelben Schmetterling, der sich in die U-Bahn verirrt hat.

Die companie nik von Dominik Burki und Niels Klaunik steht für fantasieüberquellendes Theater. Die von den Beiden für die Aufführung entwickelte und gebaute Wundermaschine ist ein Zauberkasten der Bühnenkunst. Szene für Szene änderte er die Kulisse, führte eine Welt nach der anderen vor  und aus ihm holten sie, ganz wie im richtigen Leben, auch zur Stärkung Bier und Limo. Nicht zu vergessen die Zahnbürsten, schließlich ist Zähne putzen besonders wichtig. Denn sonst könnte es schon sein, dass sich das Gebiss selbstständig macht, wie im Stück über die Bühne fährt. Unter der Regie von Veronika Wolff gelang dem Ensemble ein bezauberndes Kinderstück, das auch große Kinder zu begeistern vermochte. Eine, mit im besten Sinne modern coolen Darstellern (die so ganz nebenbei einen Löwen zum Vegetarier verwandelten), unbedingt sehenswerte Inszenierung.

Der Schmetterling ist noch lebendig, der Bürgermeister und der Baumeister waren maschinelle Funktionen. Als mahnender gelber Pfosten, oder als Absperrung erkennbar, erschienen sie über dem Dach des Hauses. „Gesetz ist Gesetz. Gesetz und Gerechtigkeit sind ein paar unterschiedliche Stiefel“, äußerte Serafin dazu. Doch wer das Blaulicht auf seiner Seite weiß, regiert. „Sachzwänge! Das müssen Sie nicht verstehen.“ Die Menschen fürchten sich noch vor Ungeheuern, die Maschinen tun es nicht. Dem Schmetterling ist das einerlei. Er schwebt frei und sucht in einer Zeit den Platz der ihm entspricht. Wie ein Leitgedanke, der frei durch die Köpfe zieht, ansteckt und die Blumen der Inspiration zum Blühen bringt. „Erst die Schmetterlinge machen den Ort schön. Das muss man wissen.“, äußerte Serafin dazu.

Der gelbe Schmetterling, viele bunte Schmetterlinge flogen am Ende für eine neue Geschichte über die Bühne. „... die haben gezaubert ...“ , sagte eine Jungenstimme in den dunklen Raum.

Das Theatererlebnis war auch als Erinnerung an unsere Natur zu verstehen, an den Zauber von Träumen und die Kraft der Fantasie. Lassen auch Sie sich durch das wundervolle Stück an den ursprünglichen gemeinsamen Traum zurück führen, den Traum von der Lebendigkeit!


C.M.Meier

 

Weitere Vorstellungen ...


 


Serafin und seine Wundermaschine

nach Motiven des Kinderbuches von Philippe Fix

Dominik Burki, Niels Klaunick

Regie: Veronika Wolff

Bayerische Akademie der Schönen Künste Die Zukunft des Theaters Vortrag von Peter Michalzik


 


In der Einführung stellte Dieter Dorn die Frage: „Wieviel alte Tradition muss man zerstören, um eine neue daraus zu machen?“ Das Theater ist in seiner Weltanschauung der „sinnlichen Aufklärung“ verpflichtet.

Bestandsaufnahme

Mit der Definition der aus der Tradition gewachsenen Formen des Theaters, dem Staats- oder Stadttheater und der Freien Szene, begann Peter Michalzik den Vortrag. Der Theater- und Literaturkritiker führte dann in den heute in der Gesellschaft üblichen Kunstraum über. Dieser wurde, wie die gesamte Gesellschaft dem Diktat der Zahlen und der Buchhaltung unterworfen. Hier tat sich mir die erste Frage auf: „Wie frei ist diese Kunstform, wenn sie wie im Feudalismus von Geldgebern abhängig und dem Gesetz der Quote zu folgen, gezwungen wird?“ Doch schon führte der Faden des Vortrages in den Bereich der Förderpraxis, in dem wissenschaftlich gebildete Kuratoren entscheiden. Eine bestimmte Qualität verdient sich in die Veröffentlichung. Der Kunst-Dienstleister wurde kreiert. Doch reicht das für die Gestaltung eines lebendigen autonomen Kunstraumes? Träume und Visionen mussten der wirtschaftlich wissenschaftlichen Prognose weichen. Die Werke von Unkonventionellen, wie Hermann Hesse, Franz Kafka oder Samuel Beckett es in ihrer Zeit waren, verschwänden heute für immer in den Papierkörben, gäbe es die Möglichkeiten des Internets nicht. Denn auch die sogenannte Freie Szene hängt am Tropf des Geldes und das mit Einzel-Projekt-Förderung.

Auf dem Programm steht also, was sich im Sinne der Gesetze und des Geldes darstellen darf. Die „Stimmen der Realität einfangen“, lautet ein Credo, mit dem man sich gesetzestreu im Rahmen bewegend, auf einen neuen Weg machen möchte und doch die breiten Spuren der Vergangenheit weiter austritt. Das betriebswirtschaftliche Motto „Innovation“ vor sich hertragend, stapft man weiter im Kreis. Aufführungen in denen Theaterstücke großer Dramatiker der Destruktion zum Opfer fallen und trotzdem mit dessen Name nach Quote geheischt wird, ein PR-Gag der funktioniert, gehören zum Alltag. Die exzentrische Spielweise vieler Akteure gilt heute als chic, das pure Ausleben der Gefühle für erklärte Kunst. Ähnlich einer neuen Form. Die Performance kreierte sich als nützliche Aktion in der auch viel Beliebigkeit künstlerisch aufbereitet vor das Publikum kommt. Um die sinnliche Erfahrung von der Konzentration auf den Menschen abzulenken und die Wahrnehmung offensichtlich zu erweitern, gehören Videoinstallation und Musikeinlagen zum Selbstverständnis auf den Bühnen.  Das Theater wurde auch zur „Kommunikationszentrale für die Zukunft“ erklärt. Hier werden aktuelle Themen der Gesellschaft ausgebreitet und verhandelt. So wie die Erde sich um sich selbst dreht, dreht sich die Theaterwelt um sich selbst - im Mittelpunkt die gesellschaftlichen Befindlichkeiten im Rahmen der Gesetze eines Geldmarktes, eines Wirtschaftsmarktes, eines Kunstmarktes. Immer schneller schneller schneller. Diese Zukunft ist so zum Bestandteil der Gegenwart geworden und Visionen werden durch die aktuellen künstlerischen Vorstellungen ersetzt, verschwimmen zu einem Abbild von beliebiger Realität. Alles scheint möglich.
Der realistisch fundierte Vortrag endete mit dem Fazit: „Theater schafft sich seine Zukunft selbst.“, so Peter Michalzik. Das ist eine wunderbare Äußerung, welche den Übergang der Gegenwart in eine undefinierte Zukunft reflektiert, in dem zu verharren man sich gezwungen sieht.

 

Die gesellschaftliche Bewegung in die Zukunft ist mit der Fahrt auf einer Rolltreppe vergleichbar. Die Figur steht still, die Treppe bewegt sich in gleichmäßigem Tempo, die Bilder der Außenwelt fahren vorbei ohne Eindrücke zu hinterlassen. Die Figur steht neben anderen, sie tauschen allgemein geteilte Eingaben in Form von Text und Bild aus. In der Vergangenheit bewegte sich der Mensch, lief eine Treppe hoch. Er verließ bisweilen den ausgetretenen Pfad der Mitte, sprang nach rechts oder nach links, änderte das Tempo, berührte einen anderen Menschen, sog den ihn umgebenden Duft der Zeit ein. Bewegung bedeutete Veränderung, bedeutete persönliche Erfahrung, die in den Lebensprozess einfloss. Doch dieser scheint zum Stillstand verdammt. Nur  die Datenmengen zwischen den Figuren bewegen die Luft.

Ist die Zukunft also eine Illusion von im Scheinwerferlicht schillernden elektrischen Daten, die zu Bildern und Tonfolgen komprimiert werden? Oder rückt doch naturgemäßes Leben wieder in Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - löst die Zahlenwelt ab? Doch was leben, wenn schon alles gelebt ist? Was sagen, wenn schon alles gesagt ist? „Ever tried.Ever failed.No matter. Try again.Fail again. Fail better.“, schrieb Samuel Beckett. So nährt sich eine Hoffnung, dass die Theaterstücke der Klassik und der Moderne auf den Bühnen weiterhin von lebendig beseelten Künstlern inszeniert werden mögen. Und, dass auch die individuelle Dramatik, der lebendige Dialog in dem frische freie Geister sich in der Bühnenwelt versuchen, wieder in den Mittelpunkt rückt.

C.M.Meier

 


Do 18.02.16

 

Mathilde Westend Tage des Schreckens, der Verzweiflung und der Weltverbesserung


 

 

Variationen

„Mach doch jetzt kein Drama draus ...“  Das ist wohl einer jener Sätze, der im Leben aller Frauen in gleicher Weise vertreten ist. Doch was wäre eben jenes Leben, wenn wir es nicht auf subtiler Ebene mit Spannung versehen würden. Ein simpler Kraftakt oder gar pragmatische Konformität? Bloß daran keinen Gedanken verschwenden. Ist doch die täglich notwendige Auswahl des passenden Kleides schon eine Herausforderung und dann erst die „Überraschungen“ des Schicksals. Immer, immer sind diese mit einem Mann verbunden.

Dorothy Parker war eine bewunderte, herzliche, attraktive, intelligente Frau. Und, eine Fülle weiterer, auch gegensätzlicher Eigenschaften zeichneten sie aus. Als Schriftstellerin, Literatur- und Theaterkritikerin stand sie im Mittelpunkt der literarischen Gesellschaft in New York. Sie schrieb über das Leben in höchst unterhaltender Form, wobei sie ihr Sarkasmus bisweilen an Grenzen führte. Die Erzählungen entstanden in den 1930er Jahren und sind (so die Ankündigung): „Skuril, böse, lustig, gnadenlos, spitzzüngig, pointiert: lauter kleine Textjuwelen!“

New York wurde infolge einer Reihe von Farbfotos im Kunstraum heraufbeschworen und mittels dem gleichnamigen Song von Frank Sinatra in Schwingung versetzt. Die Atmosphäre einer Stadt, einer Zeit wurde ausgebreitet. Das Publikum war, gleich einem Freundeskreis in das Geschehen eingebunden. Theresa Hanich und Julia Loibl erspielten bravurös in abwechslungsreicher Szenenfolge Essenzen aus den Erzählungen von Dorothy Parker.

Eine humorvolle Einführung eröffnete den Abend. In einem Tanzsalon wurde die feine kapriziöse Julia Loibl von dem Mann zum Tanzen aufgefordert, den sie zuvor ablehnend beobachtet hatte. Nach 48 Jahren erklang immer noch der selbe Walzer und sie fühlte sich bisweilen ins Schienbein getreten. Welch bedrückend lebensnahe Bilder. In der folgenden Szene besuchte die praktisch erfahrene Theresa Hanich ihre Freundin, welche der Liebeskummer ans Bett fesselte. Ihre gutgemeinten Ratschläge wirkten schon rein verbal erschlagend. Wie viele Eigenschaften vereinigt eine Frau und wie viele davon gestattet sie sich zu leben? In klassischer Spielhaltung bezauberten die beiden Schauspielerinnen, jede eine Seite der unvergleichlichen Dorothy Parker hervorhebend. Beide zierte das gleiche schwarze Kleid mit Spitzenärmel, zierte die gleiche Frisur mit Haarnetz. Wie Frauen einer Zeit, in Garderobe und Gedanken zum Verwechseln ähnlich, saßen sie einander gegenüber.  Und, was blieb ihnen, außer mit sich schwankend die Unbill zu ertränken. Auch diese, scheinbar emanzipatorischen Handlungen der Frauen wurden von einem Ritual getragen, einfallslos von der Gegenseite übernommen, zweifellos nachgemacht. Während daraufhin Julia Loibl in der „Ich kann einfach nicht“-Phase, sorgenvoll nach Lebensoptionen suchte, putzte Theresa Hanich akribisch nach strengem Konzept. Die einhellig abschließende Erfahrung lautete: Nur für „erfahrene junge Frauen“  gibt es Perspektiven in der Gesellschaft. Das Exempel veranschaulichten die Schauspielproben, welche die beiden Künstlerinnen in höchst angespannter Trainingshaltung absolvierten. Perfekt ausgebildet und vorbereitet, traten sie vor die Jury. Eine Bewertung lautete: „Alle Register der Schauspielkunst gezogen ... Alle von A-B.“  Der Kommentar steht auf wunderbare Weise auch für die aktuell gelobte Engstirnigkeit in der Welt, ist so vielfach zutreffend, dass man tatsächlich erkennt, es ist viel mehr als nur 24 Buchstaben in Vergessenheit geraten. Allein für die Verbreitung dieses Satzes stünde der Inszenierung, im Sinne von Dorothy Parker, die Bewertung von A-W zu.

Ein sinniger Theaterabend, dessen Erzählungen, die sich um die Wichtigkeiten des Lebens drehen, zeitlos berühren. Die Farbe der Fingernägel, das Warten auf den Anruf des geliebten Mannes, die glamouröse Shopping-Erfahrung. Und, bis zu schmerzlicher Ohnmacht reichte die künstlerisch sehenswerte Aufführung. Theater ist, auch in einer Zeit in der Destruktion und Selbstdarstellung eitel die Bilder prägen, möglich.

 

C.M.Meier

 

Weitere Vorstellungen ...


Tage des Schreckens, der Verzweiflung und der Weltverbesserung   

 

Theresa Hanich, Julia Loibl

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