Einstein Kultur 36 Stunden – Die Geschichte vom Fräulein Pollinger nach Ödön von Horvath


 

Diesseits der Illusionen


Die Vermarktung des Natürlichen erfolgte in nur 36 Stunden. Erdgeschichtlich sind es wenige Augenblicke in denen eine Spezies die vielfältigen Reichtümer des Planeten für sich und einen zerstörerischen Hype nutzten. Die Erde trug es für einen Moment mit Gelassenheit, hielt still, während die Illusion von kapitalem Recht tobte. Doch nun wendet sie das Kraftfeld und die Natur beginnt die nächsten Tage zu dominieren.

Ödön von Horvath schrieb den Roman „36 Stunden – Die Geschichte vom Fräulein Pollinger“ im Jahre 1928. Es war die Zeit einer Weltwirtschaftskrise, eine Zeit von fortschreitender Industrialisierung und dem Aufkommen neuer Ideologien. Das zunehmende Kleinbürgertum mit seinen alltäglichen Problemen stand im Mittelpunkt von Horvaths Schaffen. Nach dem 1. Weltkrieg war Anna Pollinger erst Halbwaise, wenig später Vollwaise. Sie kam bei ihrer Tante in München unter, die ihr zu einer Stelle in einer Schneiderei verhalf. Immerhin Arbeit, die sie jedoch wieder verliert. Vor dem Arbeitsamt begegnet ihr Eugen Reithofer mit dem sie einen Spaziergang zur Ulme auf dem Oberwiesenfeld macht. Und hier beginnen die 36 Stunden, die ihr das Leben offenbaren. Horvath zeichnete klare Portraits seiner Figuren, in klassischer Manier und doch deutlich von ihrer Zeit geprägt. Die Ironie des Schicksals leuchtet überall und ungebrochen, vor allem auch durch Horvaths Sprache.

Die Bühne im Keller des Einstein Kultur war der geradezu ideale Rahmen für die Umsetzung des Romans. Allgegenwärtig die unverputzten  Ziegelwände als Sinnbild für Realismus. Rechts im Vordergrund ein schwarzer Flügel, ein Mann mit schwarzem Hut und ein Cello. Immerhin sind es die Gefühle, künstlerisch eingefangen in Musik, die stets mitschwingen und eine der unzähligen Ebenen füllen. Neben der eisernen Türe in der Mitte ein Paravant, als Synonym für Schutz und persönlichen Raum. Doch die Schauspieler breiteten die Figuren vor dem Publikum aus … "sonst hätten sie das Reden nicht erlernt" … Mit klarer wunderbar kultivierter Sprache überzeugten sie. Karoline Schragen gab die erste Erzählerin und führte mit wenigen Sätzen in Zeit und Geschichte. „Sarajewo … wer kennt Sarajewo?“ Danach überbrückt e sie die Stunden mit wenigen Worten. Janine Friedrich und Peter Lichteneber vollzogen im Spazieren einen Kreis, bis sie unter der projizierten Ulme einander näher kamen. Fräulein Pollinger, ein Wesen, das nach menschlicher Nähe sucht und vom Hamsterrad des Schicksals aufgenommen wird. Herausgestellt wurden ihre Eigenschaften von den vier verschiedenen Schauspielerinnen. Karoline Schragen als die Sensible, Janine Friedrich als die Naive, Lena Albrecht als die Laszive, Anna Diermann als die Lebensmutige. Ausgewogen hatten der Regisseur Herbert Fischer und die Gruppe Dialoge aus dem Roman entnommen und an der einen und anderen Stelle mit aktuell zeitgemäßen Wendungen ergänzt. „Wenn du keine Protektion nicht hast, wenn du keinen Regisseur nicht kennst, dann bist du halt nicht auserwählt.“ Soviel zur Szene im Milieu, wohl jeder.
Unterstützt wurden die neuen SchauspielerInnen vom bereits bekannten Maximilian Allgeier, der einen harten belehrenden  Kastner und einen höchst selbstgefälligen Harry gab. Der wollte für ein Schnitzel mit Gurkensalat seine Ansprüche beglichen wissen, auf einer Bank im Forstenrieder Park mit der Aufschrift „Nur für Erwachsene“. Zwei Versionen dieser einen Szene wurden erspielt. Prostration, das heißt starke Erschöpfung die den Kniefall, wegen Mangel des Notwendigen, vor dem Geld fordert. Das ist seit … so und ein probates Mittel Macht zu demonstrieren, wo Interesse fehlt.
Die entgegengesetzen Rollen des arbeitslosen Eugen Reithofer und des exaltierten Malers Lackner verkörperte wendig Peter Lichteneber. Eugen Reithofer, ein wirklich netter Kerl, der Anna Pollinger zu einer Stelle in einer Schneiderei vermittelte, allerdings forderte der neue Chef einen zusätzlichen Preis. Es ist und bleibt eine unübersichtliche Gemengelage, das Leben. Aus ihr versucht jeder seinen Vorteil zu ziehen.

     

 

 

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In einer Szene trat er auf: Der scheinbar „selbstlose“ Freund, der doch nur das System bedient, indem er einem anderen Ausgleich verschafft und somit Zuhälterei betreibt. Die Scheinheiligkeit mit der dies auf vielen Ebenen betrieben wird, um sich „Selbst“ freizustellen und zu erheben, wurde in den Religionen legitimiert. Doch diese sind nur Ersatzhandlungen in ein und demselben System, in dem sich mancher mit dem Mantel der Illusion vom „Guten“ bedeckt, um doch nur sich „Selbst“ hervorzuheben. Denn alles, ausnahmslos alles, geschieht durch die Übertragung von Bildern (Informationen). Dass eine stillhält, wenn der andere seine Kapazitäten ausbreitet. Dass einer stillhält, wenn eine andere ihre Kapazitäten ausbreitet. Prostitution– vermarktete Darbietung des natürlichen Überlebenstriebes – zur Vervielfältigung und Gestaltung in einem dynamischen Prozess.
Die Natur lässt sich kultivieren, doch niemals überwinden.
Im Humanismus gelang dies auf eine, der Natur entsprechende und doch über sie hinausgehende Weise. Weltbild und Haltung basierten auf der Verteilung von Rollen, Lebenskonzepten, die durch das Theater verbreitet und gepflegt werden. Auf Erkenntnis kann so Besinnung folgen.

Die Inszenierung des Projektes um Fräulein Pollinger durch die Absolventen der Neuen Münchner Schauspielschule bot mit der Vermischung von Erzählung und Dialog aus dem Roman, partiell begleitet von Jakob Roters mit individuell kreierten Tönen und Musikpassagen, und einer wechselnden Rollenverteilung modernes Theater. Eine Figur ist eine Figur und doch viele andere zugleich in einem Leben. Dies darzustellen gelang den neuen SchauspielerInnen künstlerisch differenziert, überzeugend. Es war der Beginn ihrer 36 Stunden.

 

C.M.Meier

 


36 Stunden – Die Geschichte vom Fräulein Pollinger

nach Ödön von Horvath

Fassung: Gemeinschaftsprojekt der Abschlussklasse der Neuen Münchner Schauspielschule unter der Leitung von Herbert Fischer
Lena Albrecht, Anna Dietmann, Janine Friedrich, Karoline Schragen, Peter Lichteneber, Maximilian Allgeier
Regie: Herbert Fischer

St. Paul Lo spirito del cuore von Yvonne Pouget


 

Zeitensprung

Die Faszination der Tradition ist eine ungebrochene. Seit Jahrtausenden beschäftigt der Mensch sich mit sich selbst, sucht Bedingungen und Zusammenhänge zu ergründen. Das angehäufte Wissen fließt auf wunderbare Weise in das Leben ein. Dabei vermag es durch die Kunst auf besonders originelle Weise zu fesseln. Erst in den letzten hundert Jahren begann die Wissenschaft zunehmend mit der sachlichen Definition und nimmt den Vorgängen ihren Zauber. Was der Schamane noch intuitiv erfasste, der Künstler zu gestalten suchte, dokumentiert der Naturwissenschaftler verstandesgebunden als Gesetz - Irrtümer eingeschlossen.


In einem Zufluchtsort für die Seele, der St. Paul Kirche in München, brachte Yvonne Pouget das Thema menschliche Innenwelt vor das Publikum. Den Gefühlen im Körper zu Ausdruck und damit ihrem Erkennen und Benennen Raum zu geben, war und ist das Anliegen. Mit den Mitteln des Butohtanzes, den kleinen Gesten und der ausdruckstarken Mimik, entwickelte sie eindringliche Bilder.


Mit dem Soloauftritt stand die Vergangenheit und die darin kultivierte Haltung im Mittelpunkt. Yvonne Pouget hob den schwarzen Schleier des kleinen Hutes, legte eine übergroße Brille ab, wand sich, den Ausdruck des Schmerzes des Herzens zelebrierend, am Boden. Die Lautstärke der Arien nahm beständig zu, steigerte die Gefühlsübertragungen der Tänzerin. Der Weg des Menschen bis zu seiner Erlösung ins Jenseits, die Befreiung der Seele vom Leib, bildete den ersten Teil. Die Ansammlung von Leid und Unterdrückung ist in den Kirchen besonders fühlbar. Immerhin ist diese Institution seit Jahrhunderten maßgeblich an Gesetzen, Moral und Gesellschaftsbild beteiligt. Die Kulisse verstärkte auf unaufdringliche Weise diese traditionelle Erfahrung.
Auf die Wand über das hintere Ausgangstor projiziert, gleich einem Seelenwesen breitete Yvonne Pouget die Arme zur Seite, folgte mit leisen Tönen der verbindende Teil zur Gegenwart. Die verklärte Heiligkeit, die Abstraktion des Daseins, wie sie in verschiedenen Formen stattfindet.
Einer aufgeklärten Haltung verpflichtet, in nuancierte Farben gekleidet, drückte Yvonne Pouget im zweiten Teil die Befreiung der Seele durch Wissen aus. Unter dem ausladend gefächerten Rock bewegte sich Elien Rodarel hervor. Wie der Mensch aus dem Staub, dem Stein. Sein zeitgenössisch klassischer Tanz veranschaulichte wozu der Mensch befähigt ist. Brillant.

  lo spiritodel  
 

Elien Rodarel

© Anja Wechsler

 

Im Tanz – dem Gipfel der Wortlosigkeit – finden die Gefühle ihren Ausdruck in der Welt. Die Tanzperformance war einem psychisch-physischen Motiv gewidmet, welches abschließend in einem Podiumsgespräch erläutert wurde. Kultur und Wissen traten in direkten Bezug.

 

C.M.Meier




Lo spirito del cuore

von Yvonne Pouget

Eine Tanzproduktion

Yvonne Pouget, ElienRodarel
Idee/Choreografie/Regie:  Yvonne Pouget

Bayerische Akademie der Schönen Künste Die Zukunft des Theaters Vortrag von Peter Michalzik


 


In der Einführung stellte Dieter Dorn die Frage: „Wieviel alte Tradition muss man zerstören, um eine neue daraus zu machen?“ Das Theater ist in seiner Weltanschauung der „sinnlichen Aufklärung“ verpflichtet.

Bestandsaufnahme

Mit der Definition der aus der Tradition gewachsenen Formen des Theaters, dem Staats- oder Stadttheater und der Freien Szene, begann Peter Michalzik den Vortrag. Der Theater- und Literaturkritiker führte dann in den heute in der Gesellschaft üblichen Kunstraum über. Dieser wurde, wie die gesamte Gesellschaft dem Diktat der Zahlen und der Buchhaltung unterworfen. Hier tat sich mir die erste Frage auf: „Wie frei ist diese Kunstform, wenn sie wie im Feudalismus von Geldgebern abhängig und dem Gesetz der Quote zu folgen, gezwungen wird?“ Doch schon führte der Faden des Vortrages in den Bereich der Förderpraxis, in dem wissenschaftlich gebildete Kuratoren entscheiden. Eine bestimmte Qualität verdient sich in die Veröffentlichung. Der Kunst-Dienstleister wurde kreiert. Doch reicht das für die Gestaltung eines lebendigen autonomen Kunstraumes? Träume und Visionen mussten der wirtschaftlich wissenschaftlichen Prognose weichen. Die Werke von Unkonventionellen, wie Hermann Hesse, Franz Kafka oder Samuel Beckett es in ihrer Zeit waren, verschwänden heute für immer in den Papierkörben, gäbe es die Möglichkeiten des Internets nicht. Denn auch die sogenannte Freie Szene hängt am Tropf des Geldes und das mit Einzel-Projekt-Förderung.

Auf dem Programm steht also, was sich im Sinne der Gesetze und des Geldes darstellen darf. Die „Stimmen der Realität einfangen“, lautet ein Credo, mit dem man sich gesetzestreu im Rahmen bewegend, auf einen neuen Weg machen möchte und doch die breiten Spuren der Vergangenheit weiter austritt. Das betriebswirtschaftliche Motto „Innovation“ vor sich hertragend, stapft man weiter im Kreis. Aufführungen in denen Theaterstücke großer Dramatiker der Destruktion zum Opfer fallen und trotzdem mit dessen Name nach Quote geheischt wird, ein PR-Gag der funktioniert, gehören zum Alltag. Die exzentrische Spielweise vieler Akteure gilt heute als chic, das pure Ausleben der Gefühle für erklärte Kunst. Ähnlich einer neuen Form. Die Performance kreierte sich als nützliche Aktion in der auch viel Beliebigkeit künstlerisch aufbereitet vor das Publikum kommt. Um die sinnliche Erfahrung von der Konzentration auf den Menschen abzulenken und die Wahrnehmung offensichtlich zu erweitern, gehören Videoinstallation und Musikeinlagen zum Selbstverständnis auf den Bühnen.  Das Theater wurde auch zur „Kommunikationszentrale für die Zukunft“ erklärt. Hier werden aktuelle Themen der Gesellschaft ausgebreitet und verhandelt. So wie die Erde sich um sich selbst dreht, dreht sich die Theaterwelt um sich selbst - im Mittelpunkt die gesellschaftlichen Befindlichkeiten im Rahmen der Gesetze eines Geldmarktes, eines Wirtschaftsmarktes, eines Kunstmarktes. Immer schneller schneller schneller. Diese Zukunft ist so zum Bestandteil der Gegenwart geworden und Visionen werden durch die aktuellen künstlerischen Vorstellungen ersetzt, verschwimmen zu einem Abbild von beliebiger Realität. Alles scheint möglich.
Der realistisch fundierte Vortrag endete mit dem Fazit: „Theater schafft sich seine Zukunft selbst.“, so Peter Michalzik. Das ist eine wunderbare Äußerung, welche den Übergang der Gegenwart in eine undefinierte Zukunft reflektiert, in dem zu verharren man sich gezwungen sieht.

 

Die gesellschaftliche Bewegung in die Zukunft ist mit der Fahrt auf einer Rolltreppe vergleichbar. Die Figur steht still, die Treppe bewegt sich in gleichmäßigem Tempo, die Bilder der Außenwelt fahren vorbei ohne Eindrücke zu hinterlassen. Die Figur steht neben anderen, sie tauschen allgemein geteilte Eingaben in Form von Text und Bild aus. In der Vergangenheit bewegte sich der Mensch, lief eine Treppe hoch. Er verließ bisweilen den ausgetretenen Pfad der Mitte, sprang nach rechts oder nach links, änderte das Tempo, berührte einen anderen Menschen, sog den ihn umgebenden Duft der Zeit ein. Bewegung bedeutete Veränderung, bedeutete persönliche Erfahrung, die in den Lebensprozess einfloss. Doch dieser scheint zum Stillstand verdammt. Nur  die Datenmengen zwischen den Figuren bewegen die Luft.

Ist die Zukunft also eine Illusion von im Scheinwerferlicht schillernden elektrischen Daten, die zu Bildern und Tonfolgen komprimiert werden? Oder rückt doch naturgemäßes Leben wieder in Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - löst die Zahlenwelt ab? Doch was leben, wenn schon alles gelebt ist? Was sagen, wenn schon alles gesagt ist? „Ever tried.Ever failed.No matter. Try again.Fail again. Fail better.“, schrieb Samuel Beckett. So nährt sich eine Hoffnung, dass die Theaterstücke der Klassik und der Moderne auf den Bühnen weiterhin von lebendig beseelten Künstlern inszeniert werden mögen. Und, dass auch die individuelle Dramatik, der lebendige Dialog in dem frische freie Geister sich in der Bühnenwelt versuchen, wieder in den Mittelpunkt rückt.

C.M.Meier

 


Do 18.02.16

 

Forum 2 Der Lügner von Carlo Goldoni


 

Die Lüge, das Thema der Zeit

1750 schrieb Carlo Goldoni, der das italienische Stegreiftheater der Commedia dell’arte weiter entwickelte, die Komödie „Il bugiardo“. Blickt man 265 Jahre danach auf das Thema, so scheint kein einziger Tag zwischen der Entstehung und der Aufführung durch die Theatergrupppe Brett-á-Porter vergangen. Weder die Lüge, noch die Liebe haben ihren Reiz verloren und der Aberwitz des Lebens treibt unbeeinflusst von Moral und Gesetz seine Blüten. Ja, er wuchert geradezu auf vielen Ebenen.

In Venedig, der romantischsten aller Städte wird Rosaura, die Tochter des Doktors, von Florindo verehrt. Doch Florindo ist zu schüchtern um sich zu offenbaren und seine verdeckten Annäherungen schaffen Raum für den gewitzten Lelio. Und der versteht es geschickt und charmant sich nicht nur  in Rosauras Herz zu schwindeln. Amélie Fleur Henke spielte mit bemerkenswerter Präsenz den geübten Lügner, der, nie um eine überraschende Wendung verlegen, das Geschehen in seinem Sinn zu nutzen verstand. Um diese, Degen und Stöckelschuhe tragende Figur drehte sich wahrhaft das Geschehen. Und Florindo, Julian Tresowski, hätte sich zurückhaltend mit dem Satz „Wahre Liebe blüht im Verborgenen“ beinahe selbst verraten. Wäre da nicht der launige Brighella (grandios gestikulierend Paul Argyropoulos) gewesen, so zögerte der junge Florindo wohl heute noch. Seine Angebetete Rosaria (Anne-Katharina Bansemir) wirkte nicht nur durch die geflochtenen Zöpfchen herrlich naiv. Während ihre Schwester Beatrice (gespielt von Paul Argyropoulos) vorführte, dass Männer doch die besseren Frauen sind. Doch der brave Ottavio verehrte sie mit dem reinsten moralischen Anstand, den Elisabeth Treffler zum Besten geben konnte. Heinrich Blank lispelte sich als vom Leben gebeugter Pantalone, Kaufmann und Vater des Lelio, klischeehaft typisierend durch die Lügenwelt. Immer der Wahrheit hinterher schlurfend. Arlecchino, der Diener Lelios, wurde höchst lebendig, neugierig und doch eingängig von Doris Gruner verkörpert. Ihre maßvollen Überspitzungen sorgten für besonderes Vergnügen. Regisseurin Urte Regler war eine ausgewogene Inszenierung gelungen, in der das Ensemble seine Stärken in abwechslungsreicher Weise entfaltete.

  DerLuegner  
 

Amélie Fleur Henke, Heinrich Blank

© Brett-à-Porter

 

Die typischen Charakterzüge der Figuren stellte Goldoni in den Mittelpunkt der Werke, damit nahm er ihnen die schützende Maske der Anonymität, stellte sie bloß. Arlecchino der Diener, der um zu überleben jeden Schachzug mitmacht, sich anpasst, so wie es von Mitarbeitern heute verlangt wird. Pantalone der Kaufmann, der um rechtmäßige Anerkennung, wahrhafte Tatsachen ringt, um seine Geschäfte voran zu bringen. Der Doktor, den das Wohl der Menschen und seiner Töchter zu einem Spagat zwischen Überzeugung und Möglichkeit zwingt. Die junge Rosaura, die leicht zu betören dem Geschwätz hübscher Phrasen folgt, wie die Werbung sie verbreitet. Und Lelio der Lügner, der „Ausbund an geistreichen Einfällen“, mit denen er den geraden langweiligen Pfad des Lebens würzt. Die vorsetzliche Absicht der Täuschung zu erfahren, ist aktuell in jeder Bank möglich, daran ändert auch der dort verstäubte Glaube an das Gute wenig. Wie in der Commedia dell’arte ziehen sich die Figuren und Namen durch seine im Laufe des Lebens entstanden 150 Theaterstücke, gleich der Vererbung von Eigenschaften in der Tradition.

Erst wenn der Mensch erkannt hat, dass er immer nur sich selbst belügt, täuscht, und die Lüge stets auf ihn zurückfällt, wird er vielleicht beginnen die Dimension des Lebens zu erfassen. Wie schrieb schon Bertolt Brecht „Denn für dieses Leben / ist der Mensch nicht anspruchslos genug / drum ist all sein Streben / nur ein Selbstbetrug.“ Und man selbst bestimmt die fantastische Dichte zwischen Realität und Illusion. „Ihre Lügen sind fast wahr.“ , so Carlo Goldoni. Und, „die dumme Ehrlichkeit“ zwingt den Menschen höchstens vor neue Herausforderungen.

Das Theaterstück zeigte auf höchst unterhaltsame Weise, wie Mensch sich im Spiel versucht. Denn beim Happy End der Komödie bricht es ab und die folgenden Bilder, bei aller Liebe, werden ebenso bunt wie die voran gegangenen. Im Schlussbild und dem gemeinsam vorgetragenen Lied fand dies wahrheitsgemäß Ausdruck. Bei allem Ernst des Lebens, die Momente der Heiterkeit überwogen auf der Bühne. Das Publikum zollte dafür den verdienten begeisterten Applaus!

 

C.M.Meier

Weitere Vorstellungen: ...


Der Lügner

von Carlo Goldoni

Amélie Fleur Henke, Doris Gruner, Anna-Katharina Bansemir, Julian Tresowski, Elisabeth Treffer, Paul Argyropoulos, Heinrich Blank, Petra Wiese, Sabrina Schlenke, Hans Weiss
Gitarre: Hermann Fuchsberger

Regie: Urte Regler

company nik Serafin und seine Wundermaschine nach Motiven des Kinderbuches von Philippe Fix


 

 

Es war einmal ...

Nein. Es ist wieder ... die Zeit der Besinnung. Im Wunderraum auf dem Planeten Erde stand auf einer Theaterbühne eine Wundermaschine. Serafin und Plum haben sie gebaut, dabei viel aus dem Wunderraum abgeschaut. Mit großen Augen saßen Kleine und Große davor, harrten gespannt der Geschichte. Anregend ist die, denn „... die haben gezaubert ...“, sagte eine Jungenstimme in den dunklen Raum.

Plum spielt Akkordeon und Serafin hat seine liebe Mühe den Freund ins Haus zu ziehen. Plum ist ganz vertieft ins Spiel, hört nur die Töne und manchmal, wenn es Serafin zu laut wird, setzt er Kopfhörer auf. Und schon wird es still. Doch nun muss Serafin mit Plum sprechen. Sie müssen das Haus verlassen, der Vermieter hat den Vertrag gekündigt, ein neuer Mieter bezahlt ihm mehr Geld. Die Beiden überlegen und sehen dabei die wundersame Maschine im Raum. Plum probiert sofort den Startknopf und schon bewegt sich der Kasten. Die Überlegungen führen zur Annahme eines Berufes für den Gelderwerb. In einem Fach des Kastens wird Berufskleidung sichtbar. Serafin probiert ... probiert ... probiert schließlich die Uniform eines Knipsers für U-Bahnkarten. Jedem der vorbei kommt, knipst er ein Loch in die Fahrkarte. Wie ein Automat steht er und knipst und knipst und knipst ... doch Serafin ist ein Mensch und keine Maschine. Kein Wunder also, dass der Leiter der U-Bahnbehörde ihn nicht perfekt genug für die Tätigkeit findet. So kommt es, dass Serafin und Plum auf die Reise gehen, sie folgen dem gelben Schmetterling, der sich in die U-Bahn verirrt hat.

Die companie nik von Dominik Burki und Niels Klaunik steht für fantasieüberquellendes Theater. Die von den Beiden für die Aufführung entwickelte und gebaute Wundermaschine ist ein Zauberkasten der Bühnenkunst. Szene für Szene änderte er die Kulisse, führte eine Welt nach der anderen vor  und aus ihm holten sie, ganz wie im richtigen Leben, auch zur Stärkung Bier und Limo. Nicht zu vergessen die Zahnbürsten, schließlich ist Zähne putzen besonders wichtig. Denn sonst könnte es schon sein, dass sich das Gebiss selbstständig macht, wie im Stück über die Bühne fährt. Unter der Regie von Veronika Wolff gelang dem Ensemble ein bezauberndes Kinderstück, das auch große Kinder zu begeistern vermochte. Eine, mit im besten Sinne modern coolen Darstellern (die so ganz nebenbei einen Löwen zum Vegetarier verwandelten), unbedingt sehenswerte Inszenierung.

Der Schmetterling ist noch lebendig, der Bürgermeister und der Baumeister waren maschinelle Funktionen. Als mahnender gelber Pfosten, oder als Absperrung erkennbar, erschienen sie über dem Dach des Hauses. „Gesetz ist Gesetz. Gesetz und Gerechtigkeit sind ein paar unterschiedliche Stiefel“, äußerte Serafin dazu. Doch wer das Blaulicht auf seiner Seite weiß, regiert. „Sachzwänge! Das müssen Sie nicht verstehen.“ Die Menschen fürchten sich noch vor Ungeheuern, die Maschinen tun es nicht. Dem Schmetterling ist das einerlei. Er schwebt frei und sucht in einer Zeit den Platz der ihm entspricht. Wie ein Leitgedanke, der frei durch die Köpfe zieht, ansteckt und die Blumen der Inspiration zum Blühen bringt. „Erst die Schmetterlinge machen den Ort schön. Das muss man wissen.“, äußerte Serafin dazu.

Der gelbe Schmetterling, viele bunte Schmetterlinge flogen am Ende für eine neue Geschichte über die Bühne. „... die haben gezaubert ...“ , sagte eine Jungenstimme in den dunklen Raum.

Das Theatererlebnis war auch als Erinnerung an unsere Natur zu verstehen, an den Zauber von Träumen und die Kraft der Fantasie. Lassen auch Sie sich durch das wundervolle Stück an den ursprünglichen gemeinsamen Traum zurück führen, den Traum von der Lebendigkeit!


C.M.Meier

 

Weitere Vorstellungen ...


 


Serafin und seine Wundermaschine

nach Motiven des Kinderbuches von Philippe Fix

Dominik Burki, Niels Klaunick

Regie: Veronika Wolff

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