Ensemble Persona Romeo und Julia von William Shakespeare


 

 

Es ist die Liebe, die liebt

Es ist die Sprache, die Sprache Shakespeares und die Sprachkultur des Ensemble Persona, welche vom ersten Augenblick der Aufführung bis zur letzten Sekunde in Bann ziehen. Sie entführen aus einer grausamen Welt in Schönheit und Romantik. Die Süße von Sehnsucht, Ekstase trieben das Spiel voran in die bittere Erfahrung. Im Geist sind alle Menschen durch die Laute der Worte verbunden, schwingen ihre Seelen ein in eine Welt. Die Sprache ist eine Form von Musik – Dur und Moll und ... Chorgesang.

Seit über 400 Jahren entfalten Romeo und Julia, verwirklicht durch die poetische Schaffenskraft von W. Shakespeare, die Intensität von Liebe auf den Bühnen und in der Welt. Wohl kaum ein anderes Stück, andere Namen stehen im selben Maße für die Sehnsucht nach Erfüllung im Leben. Tobias Maehler, der Regie führte bei der Inszenierung in der Übersetzung nach A. W. Schlegel, erarbeitete mit den Darstellern auch eine Aktualisierung der Sprache in die Gegenwart. Dezent, an klassischer Moderne orientiert und mit einer feinen Prise Humor versehen, erklang das Drama nicht nur von der Bühne. Schauspieler verweilten stets im Raum und bezogen das Publikum fühlbar mit ein. Ein wohldurchdachtes Konzept steht hinter den Inszenierungen des ausgewogenen Ensembles.

Verona, eine kleine Stadt im nördlichen Italien wird zum Zentrum eines Universums. Romeo Montague, schwärmerisch in die unerreichbare Rosalia verliebt, begibt sich mit seinen Freunden Mercutio und Benvolio zu einem Maskenball im Hause Capulet. Im Tanz blickt er Julia in die Augen und die Liebe entbrennt. Jeroen Engelsman spielte Romeo als äußerst gefühlvollen und enthusiastischen jungen Mann. Nicht nur zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit changierend, von heißem Blut und tiefer Verzweiflung gequält, überzeugte er unaufdringlich auf brillante Weise. Selbst im schnellen Lauf war seine Sprache prägnant klar. Ein neuer Romeo. Julia, noch sehr unbedarft, wurde ebenso wirklich von Anna Pircher verkörpert. Sie, vom Sturm der Gefühle erfasst, erwachte in Weiblichkeit. Ihr Schauspiel um das Chaos der Gefühle brachte eine zeitgenössisch erkennbare Julia hervor. Eine mädchenhafte Capulet. Die Tragödie nahm ihren Lauf, als die Beiden erkannten, dass sie verfeindeten Familien angehören.

 

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Anna Pircher, Jeroen Engelsman

© Bernt Haberland


Es ist der Hass, der bindet

Es ist das Gefühl, welches die Seele bewegt. Mein und Dein finden darin ihren Ausdruck, ebenso wie die Sehnsucht nach Begegnung. „Oh Ehestand, oh Wehestand“ , kam es von den Lippen Capulets und wohl kaum jemand könnte ihm widersprechen. Begegnung kennt vielen Formen. Mein Leben, meine Familie, meine Freunde und dann sind da noch die vielen anderen.

Im der Gestalt des Mercutio, ausgezeichnet lebendig umgesetzt von Yannick Zürcher, wurden Teile des menschliche Beziehungsnetzes ersichtlich. Der neckende Freund, der treue Kamerad, das Opfer der Umstände. Anders als der zurückhaltend ausgleichende Benvolio, Marco Bretscher-Coschignano, zog er gerne die Aufmerksamkeit auf sich. Ordentlich beflissen verkörperte Florian Hackspiel Tybalt, der Romeo provoziert und Mercutio tötet, ganz im Sinne der verfeindeten Väter. Bruder Lorenzo suchte mit Weisheit und Geduld die Liebenden rechtschaffen zu begleiten. Allein die Umstände ließen seine Pläne scheitern. Aufrecht liebevoll stand Markus Vogelbacher für die christliche Idee. Während die Amme von Marina Lötschert diensteifrig und ausnehmend geschwätzig ihren Part erfüllte und die von Klaudia Schmidt gespielte Lady Capulet kaum Eigenleben entwickeln durfte. Wie doch die Rollen in einer Zeit ... auf Spitzen getrieben werden. Bruder Markus, Leonid Semenov, scheitere gefasst in seiner Aufgabe den alles entscheidenden Brief zu überbringen. Das Leben, die Umstände entziehen sich bisweilen den Ideen und spielen das, was man Schicksal nennt.

Die offene Bühne in der Mitte des Saales betraten die Darsteller von allen Seiten. Mit wenigen Requisiten ausgestattet, verdeutlichte Simone Haberland die Präsenz der im Mittelpunkt stehenden Darsteller. Das Werk, der Text, die Schauspieler. Die Kostüme orientierten sich sowohl an aktueller Mode, als auch an traditioneller Bekleidung. Die Lederjacke des Mercutio, der Talar des Bruder Lorenzo, die Degen der jungen Männer trugen den äußeren Anteil zum Erlebnis bei. Bernt Haberland gestaltete diese und die atmosphärischen Lichteffekte.

Es ist die Versöhnung der Familien, die am Ende des Schauspiels steht. Die darstellenden Patriarchen reichten einander im Leid die Hände und ... wie heute üblich definierten sie Schuld und deren Ausgleich über Geld- bzw. Goldwert. Wie arm an menschlicher Kultur ist die Welt im Augenblick doch geworden. Eine Botschaft die erreichte und nachdenklich macht.

 

C.M.Meier

 

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Romeo und Julia

von William Shakespeare

Marina Lötschert, Anna Pircher, Klaudia Schmidt, Marco Bretscher-Coschignano, Jeroen Engelsman, Florian Hackspiel, Leonid Semenov. Markus Vogelbacher, Yannick Zürcher, Tobias Maehler

Regie: Tobias Maehler

Theater Installation in der Galerie Kullukcu FAKE von Rohtheater


 


Das Geschäft mit Gott

Kullukcu Kaun Obalski stehen für eine eigenwillige ungewöhnliche Umsetzung von Weltsicht in künstlerische Performance. In „FAKE“  beschäftigen sie sich mit dem Thema „Lüge und Fälschung“, es wird als „.. die wunderbare Verheißung der Identität mit sich selbst“ angekündigt. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Welt im einzelnen Subjekt führen nicht erst seit dem Beginn der Geschichtsschreibung zu ebenso unterschiedlichen Wahrheiten. Die Grenzen zwischen gläubiger Annahme und vorsätzlicher Fehlinterpretation sind fließend. Illusion und Realität überlagern einander. Gibt es Grenzen und wenn ja, wo sind die Grenzen?

„Die Projektion von Illusion ist das Geheimnis der Manipulation.“, sagte Peter Greenaway. Und eben die Manipulation ist es, die aus dem Einzeller, der Urmasse, einen aus Milliarden Zellen bestehenden, komplexen Organismus entstehen ließ. Verdammenswert, eine gute Idee, oder gar der Weisheit letzter Schluss?

Es sind die Bilder, die uns bewegen, in denen wir uns bewegen. Ein Meer von bunten Lichtpunkten, Sternen, zierte die Wände am Beginn des Stückes. Über Kamera und geschickte Finger tauchte daraus ein graues Meer von menschlichen Köpfen und Gliedmaßen auf, wogte wie im Wind. Die futuristisch anmutende, 1953 entstandene Erzählung „Alle Namen Gottes“ von Arthur C. Clarke führte aus dem Meer in die sauerstoffarme Luft in einem Lama-Klosters im Himalaya. Viele Varianten der vergangenen Vorstellungswelten tauchten auf, ein Vogel, eine römische Büste, ein Bär, ein Totempfahl, einige Krieger und dann wieder Berggipfel. Es war der Versuch die Welt umfassend im Bewusstsein der Zuschauer zu beleben und die Formen in Erinnerung zu rufen. Der künstlerische Einfallsreichtum im Bezug auf die Ausbreitung von Bildern über Projektion ist eine der bemerkenswerten Fähigkeiten der Rohteateraktivisten. Mit passenden Klängen untermalt, von markanten Sätzen unterbrochen, entfalteten sie nicht nur durch einzelne Objekte eine verworren erscheinende Welt. Ihren Höhepunkt erreichte diese, als ein Tisch im Raum aufgebaut wurde, der Akteur Kullukcu und seine Bewegungen mit dem Hintergrund verschmolzen. Auf dem Tisch lag ausgebreitet das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“, ebenso wie eine Reihe anderer Zeitvertreibe mit überlieferten Bedienungsregeln. Die Ernsthaftigkeit mit der das Spiel betrieben wird, stand Kaun unübersehbar in seinen Gesichtszügen. Die Spannung stieg, stieg, stieg ... in dieser anregenden aufschlussreichen erlebenswerten Performance!

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   c Christina Maria Pfeiffer  

Ob auch die folgenden Worte dem in der Erzählung genannten Kalkulator entstammen, bleibt offen. Geld und Gott. Beide Worte bestehen in der deutschen Sprache aus vier Buchstaben und beginnen mit dem G. Sind also leicht in Bezug zu setzen und zu verwechseln. Beide Worte haben einen Stellenwert in der Welt geschaffen, den es zu bedienen gilt. Koste es, was es wolle. Geopfert werden Menschenleben in Glaubens- und Wirtschaftskriegen und das bereits seit Tausenden von Jahren und auf der gesamten Erde. Oh Gott, oh Geld. „Die Zeit hat den Weg des Kapitals eingeschlagen.“ Und ...?

Die „Moral der Geschichte“: Sogar am „Dach der Welt“, also auf höchster, von Menschen eigenständig betretbarer Ebene, werden Geschäfte gemacht, Maschinen eingesetzt, um den Menschen zu ersetzen. Der Mensch, der im Technik- und Expansionswahn sich selbst abschafft, ist längst Realität. Er akzeptiert in diesem, seinem Aktionskreis keine Grenzen. In der Glaubens- und Verherrlichungskultur des Digitalen geht er auf, findet er scheinbare Erfüllung. Kein neuer Vorgang. Gilt es doch Mönche als Geisteswesen, als Verdränger des natürlichen Lebensalltags zu verstehen, als Beweger der Wirklichkeit. Damit stehen sie in direktem Bezug zu statisch agierenden Rechnern, in deren Kreisläufen ebenfalls Daten geriert werden. Über die Sinnhaftigkeit der einzelnen Daten ließe sich lebenslang streiten, und das sicherlich ohne eindeutiges Ergebnis!

Die Anregung aus der Performance kann darin gründen, den eigenen Schaffensdrang zu differenzieren, kanalisieren und ausgeglichener, verantwortungsbewusster damit umzugehen. Gott zu Ende bringen und sich als Teil in einer Welt bewegen, die wir gestalten. Wenn wir es wirklich wollten, wäre diese Welt morgen eine andere. Hierin liegt ein neuer Anfang. Die Sterne sind weg, die alten Illusionen haben sich aufgelöst. Was wollen wir morgen sehen?

C.M.Meier

 

Weitere Vorstellungen: 18.,19.,20.11. um 20.30 Uhr ... Schillerstraße 23 / 3.Stock

 

 


FAKE

Eine hypnotische Theaterinstallation nach Texten von Arthur C. Clarke, Alejandro Jodorowsky u.a.

Bülent Kullukcu, Anton Kaun, Dominik Obalski

Idee/Konzept: Bülent Kullukcu

company nik It don*t mean a thing ... von Veronika Wolff


 

 

Wichtigstes Requisit: Vergangenheit

Jazz, ein Lebensquell. Duke Elllington und die Dreißiger des 19. Jahrhunderts. Der Song „It don’t mean a thing ...“ erklang auch im Deutschland des aufkommenden Nationalsozialismus. „Swings“ nannte man die dem Tanz und der freien Lebensweise zugetanen Jugendlichen. Doch für die Unangepassten wurden bald Programme geschaffen, zur Umerziehung und rücksichtslosen gewaltsamen Anpassung in gnadenlose Spießigkeit. „Polizeiliche Jugendlager“ nannte man diese Einrichtungen, wie das Jugend-KZ im niedersächsischen Moringen. „... und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben!“, so der Führer in einer Rede. Allein vergeblich und absurd, ebenso absurd wie eine aktuell zwangsverordnete Fördermaßnahme in der einem ausgebildeten IT-Fachmann die Benutzung eines Schreibprogrammes erklärt wird. Doch immerhin keine unmittelbare körperliche Gewalt mehr und die Möglichkeit über Kopfhörer auszusteigen. Denn: Swing, das ist Leben per se. Jenseits von Ideologien und Machtstrukturen, jenseits von Klassen und Religionen.

In dem von Veronika Wolff geschaffenen Theaterstück fand berührend Auseinandersetzung statt. Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und menschlichem Schicksal auf seinen verschiedenen Ebenen. Doch anders als bislang üblich wurde diese Auseinandersetzung vom Swing getragen, der Leichtigkeit und Witz zu tragenden Elementen machte. Bittere Erkenntnis und der Löffel Zucker dazu. Zwei Schauspieler und Tourneetheaterunternehmer, Dominik Burki und Niels Klaunick, waren auf der Suche nach einem neuen Stoff. „Nazizeit kommt immer gut an ... die Leute stehn da drauf ...“ und der Film „Swingkids“  inspirierten. „Großes Kino“ und „Weltverändern“ sind ihre zentralen Anliegen. Doch Szene für Szene holte der Alltag sie ein, das Dasein als Seiltanz zwischen Kunst und Überlebenskunst. Grenzen waren kaum auszumachen in dem alles umfassenden, durchdringenden Konzept. Der Praktiker Niels nutzte den Computer, schaute den Film, suchte Stoff für morgen im gestern. Der Intellektuelle Dominik versuchte sich mit Telefon, Kaffeekocher und Rechtfertigung gleichzeitig. Multitasking Fehlreaktionen waren die Folge. Und seine beiden Kleinen, Paulchen und Alex, wurden auch schnell mal wieder zur Mutter zurückgeschoben, zumal der Knoten im Schnürsenkel eines Stiefels nicht zu lösen war. Konfus, kreativ, kommunikativ – so agierten sie. Und zu allem Überfluss wurden, ganz dem Tenor einer Psychogesellschaft folgend, auch noch Regungen wie Unzufriedenheit und Pflichtbewusstsein in Figuren sichtbar. Locker und sichtlich geübt sprangen die beiden personifizierten Schauspieler professionell von Rolle zu Rolle, spielten zudem Freund, Kollege und Kindersynchronstimme in rasantem Wechsel. Wer kennt sie nicht die Situation vor dem Kleiderschrank und die Möglichkeit zu wählen. Den Ledermantel mit Rangabzeichen, das Sakko und der leichte Schal, die Armbinde des Bürokraten und die Federboa der Dekadenz (Kostüm: Katharina Schmidt). Was immer Mensch kleidet, entspricht einer Eigenschaft, also auch Uniformierung als Einschränkung. Kleiderwechsel dagegen belebt eine Gesellschaft, schafft Abwechslung und farbenfrohen Swing. Und den braucht es, bei allem was Schwarz auf Weiß in den Briefkästen landet.

In der Mitte der Bühne stand eine Kiste. Die Erde, die Welt, das Ei. Aufgeklappt durchaus als Einraumapartment zu erkennen, diente sie geschlossen und gewendet ebenso als Altar für Glaubensfragen, wie auch als Monument für die Flagge der Französischen Revolution. Blut, Degenkampf und ... alles begann mit einem frenetischen Schlussapplaus.

 

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Dominik Burki, Niels Klaunick

© Severin Vogl


Die Feststellung, „Wir müssen unbedingt etwas gegen die Missstände tun!!“ (Programmheft), wurde im Schauspiel zu, zum Nachdenken anregenden Bildern umgesetzt. Beifall! Denn nicht nur Jazz, sondern auch Theater ist ein politisches Kampfmittel. In dem Werk hatten sich zwei starke Kräfte verbündet.
Die außergewöhnliche Perspektive mit der Veronika Wolff und companie nik an das Thema herangingen, führte in humorvollen Momenten den zu Grunde liegenden Mechanismus vor Augen. Den Blick, das Gewissen hält man hierzulande stets auch auf Vergangenheit gerichtet und diese wurde zum Kult um eine Schuld erhoben. Mit Ritualen und Betroffenheit (tatsächlich also Bestärkung) wird offiziell vor diesen Fehlhandlung gewarnt, die man allerdings auf anderer Ebene weiterführt.
Was man als durchaus vergleichbaren Faktor erkennen kann, ist die absolut alternativlos dargestellte Vorgangsweise mit der eine Doktrin als ultimative Heilsbotschaft angesehen und vertreten wird. Unumstößlich war dereinst die Erhaltung und Verbreitung einer Rasse (ein natürlicher Arterhaltungsvorgang der entartete) das „Oberstes Gesetz“, vor dem die Haken zusammengeschlagen wurden. Heute ist es das „Gesetz des Marktes“, vor welchem gekatzbuckelt und dem geopfert wird. Sind die Menschen tatsächlich aufgeklärter, oder verlagerte sich lediglich die Aufmerksamkeit auf ein anderen Aspekt? Wie die personifizierten Eigenschaften auf der Spielfläche veranschaulichten, handelt es sich um eine starke Schwäche die zu Stärke eines Schwachen mutierte. Es braucht ein feines Gespür für Gleichgewicht.

Das Leben ist ein Tanz. Und zur Musik eines Schwarzen tanzte man die Schritte, wie sie Weiße in ihren Shows verwenden. Das Leben hat sich schon immer gemischt und noch nie wirklich die zu Gesetzen erhobenen Vorstellungen (Zweckorientierungen) von Menschen befolgt. Ob als Vorgabe nun Rassenerhalt, Arbeit oder Geld verlautet wird, spielt in der Propaganda eine Rolle, die zur Schaffung von Ungleichgewicht und Unterdrückung genutzt wird. Evolution geriert sich durch Revolution. Das Leben ist ein Tanz, ein Tanz der Teilchen um die Erde, ein Tanz der Gestirne im Universum. Und ein solcher Reigen kam auch anregend in dem Stück und dieser grandios lebendigen Inszenierung auf die Bühne. Beswingt strömte das überwiegend weiße Publikum in die schwarze Nacht ...

 

C.M.Meier

 

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It don*t mean a thing ...

von Veronika Wolff

Dominik Burki, Niels Klaunick

Regie: Veronika Wolff

Mathilde Westend Ein Liebesbeweis von Barbara Kappen


 

 

Gedankenkarussell

... und wie könnte es anders sein, alles dreht sich um die Liebe. Die Aufmerksamkeit kreist um einen Mann, sein Tun, seine Art und die Momente der Begegnung. Höhenflüge und Durchhängen, Leidenschaft und Distanz. Es ist die Liebe, die das Karussell des Daseins betreibt. Immer im Kreis ...

In der Tradition der französischen Bekenntnisliteratur geschriebenen, erschien 1933 der Briefroman „Fast ganz die Deine“ von Marcelle Sauvageot. Feinsinnig detailiert und in poetischer Sprache verfasst, befreit sie sich in dem Text von Vergangenem. Barbara Kappen übersetzte und kristallisierte daraus den Monolog einer Auseinandersetzung mit Gefühlen, Trennung und Erinnerung. Die ewige Frage nach dem Empfinden Liebe, dem Glück und den bunten Folgen ist wohl eines der großen Abenteuer, die wieder und wieder beschrieben, das Interesse nach wie vor fesseln. Kaum ein anderes Thema erfährt so viel Aufmerksamkeit und scheint letztlich doch als Rätsel. „... wenn ich dich liebe, aber ich dich nicht richtig liebe, dann wäre ...“ Schatten und Licht, die Erfahrung in sich selbst und im Spiegel des Anderen, Realität und Illusion. All dies anzusprechen gelang der Autorin in stilgemäß moderner Sprache. In Nebensätzen und Andeutungen macht sie nicht nur die Geschichte der Frau transparent.

In rotem Mantel und  roten Schuhen betrat Theresa Hanich die Spielfläche, hob sich leuchtend ab von der weißen Wand und den daran hängenden weißen und blauen Briefen. Vom ersten Augenblick an verbreitete sie Abschiedsstimmung im Raum. Der Bahnhof, der Zug wurden aus ihren Bewegungen sichtbar und die Fahrt nach Hauteville war ein Schritt des Lebewohls, des Abschieds von Paris, des Abschieds von ihm und des Abschieds von einem Leben. Nachdenklich lehnte die Schauspielerin den Kopf an das Fenster, verfolgte die scheinbar daran vorbeiziehende Landschaft. Bekenntnisse drangen von ihren Lippen. „.... erstarren in äußerer Würde, das kann ich gut ...“ wohl ebenso gut wie „ ... ein Gefühl mitteilen, wenn es ausbricht ...“ und die Verlassenheit benennen „... alles erinnert mich an dich, obwohl es dich nicht mehr gibt für mich ...“! Mit fabelhafter Präsenz gelang es ihr das Publikum in ihre Geschichte einzubinden, miterleben zu erzeugen. Theresa Hanich breitete ein kraftvolles  weibliches Innenleben aus, gab Empfindungen wie Illusionen preis. Unter der feinsinnigen Regie von Florian Hackspiel gelang es ihr bis zum immer deutlicher hervortretenden Ende einen Spannungsbogen zu erspielen. Der enge Raum eines menschlichen Inneren fand sich im engen Theaterraum gespiegelt. So erwirkten Florian Hackspiel und Theresa Hanich eine komplexe Welt, die die Zuschauer erreichte.

Beifall für sehenswertes Theater auf kleinstem Raum im Mathilde Westend. Eine Erfahrung einer neuen Art und fraglos ein ausgefallener Abend.

 

C.M.Meier

 

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Ein Liebesbeweis

von Barbara Kappen

Übersetzung und Dramatisierung des Briefromans
Fast ganz die Deine von Marcelle Sauvageot

Theresa Hanich

Regie: Florian Hackspiel

Ensemble Persona Medea von Euripides


 

 

Das Spiel von Plus und Minus

Zwischen diesen beiden Polen breitet sich die Diskrepanz des Lebens aus. Vergeblich versucht mann mit Gesetzen eine Ordnung in und wider die Natur zu erstellen. Es ist und bleibt ein Versuch, bis heute. Die Regeln der Väter, die sie ihren Neigungen gemäß deklamieren und doch einzuhalten nicht wirklich in der Lage sind, dienen als Grundlagen für die menschliche Gesellschaft im bürgerlichen Sinn. Das Ideal als Illusion, die Karotte vor der Nase des Esels. So wie das Wort „Gerechtigkeit“ eine Folge von Lauten ist, die unterschiedlichste Vorstellungen hervorrufen, so stellt sich die Frage nach Recht per se.  

In Thessalien hatte einst Pelias den Thron in Besitz genommen. Den rechtmäßigen Thronfolger Jason schickte er das Goldene Vlies zu erobern, wohl wissend, dass dieser die Aufgabe niemals bewältigen kann. Hauptsache ...  und Jason wäre ein Held. Die Geschichte nahm Gestalt an in der Welt. Vor 2500 Jahren schrieb Euripides die Tragödie „Medea“. Sie erzählt von der Auflösung der in Abenteuern gewachsenen Beziehung zwischen Jason und Medea und von Konsequenz. Kaum ein Mythos wurde so oft wieder aufgegriffen und in neue Formen gefasst wie dieser. Die Gegenüberstellung von kultivierten Griechen und der Barbarin Medea beschäftigt, bis heute.

 

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Jaqueline Le Saunier, Tillbert Strahl

© creActor


Kurt Roeske, ein bekannter Philologe und Autor zahlreicher Werke im Themenkreis griechische Mythologie, übersetzte das Stück „Medea“ neu. Moderne elegante Sprache in klassischem Versmaß zeichnet die Fassung aus. Das Ensemble Persona hat sich dem Motto „Sie lieben Sprache? Wir halten Wort.“ verschrieben und damit einen klaren Schwerpunkt definiert. Um diesen Kern ließ Regisseur Tobias Maehler eine Aufführung in Anlehnung an antike Form entstehen. Die Komponenten fügten sich zu einem außergewöhnlichen Theatererlebnis.

Wortbruch, Rache, Schmerz, Liebe, Gerechtigkeit. Die Worte waren an die weißen Segel der Argo projiziert, welche den Bühnenhintergrund bildeten. Gleichsam auch Haus und Rückzugsraum vorstellten. Die Amme führte über den Prolog in die Geschichte und an das Geschehen heran. In den Gesetzen der Zeit hatte eine Frau vor allem eines zu sein, nützlich. Dies und weitere gesellschaftliche Umstände wurden dargelegt. Dem modernen Zeitgeist folgend, bezog der Chor auch umfassender ein, er agierte im Rücken des Publikums, bewegte sich zwischen Außenraum und Bühne. Mit Klangschalen und Trommel wurden die Urkräfte beschworen, bis heute.

Jaqueline Le Saunier in der Rolle der Medea sprach die ersten Worte aus dem Schutz des Hauses, das zu verlassen von ihr gefordert worden war. Ihre Person geriet in den Focus öffentlichen Interesses, Zuspruch und Ablehnung erklangen im Raum. Chor und Protagonistin im Wechselspiel von Moral, Verstand und Gefühl. Die Schauspielerin, bedacht auf Sprache und Haltung, verkörperte die Figur klar dem Text folgend. Der Moderne geschuldet, zeigte sie Emotion – Enttäuschung, Nachdenklichkeit, Verzweiflung – in ausgewogenem Maße. Sanft und klug gab sie die als Barbarin geschmähte.

Peter Kaghanovitch spielte Kreon als einen machtvollen, doch zurückhaltenden König. Ausgleichend und doch bestimmend um das Wohl seiner Tochter Kreusa besorgt, dem Land und den Untertanen verpflichtet, tat er achtunggebietend seinen Willen kund. Wer Herrschende in ihrer Handlungsweise in Frage stellt, sei auszuschließen, so die Botschaft. Das Gesetz der Einigkeit in der Gemeinschaft stehe über allem Dasein. In der Rolle des Aigeus hingegen kam durch ihn die großzügige und nach Auswegen suchende Seite eines Mannes, Herrschers zum Ausdruck.

Tillbert Strahl zeigte einen ausgeglichenen, doch entschlossen seinen Interessen folgenden Jason. Emotional umgänglich und sich durchaus seiner Schwächen bewusst, suchte er nach der Erfüllung seines Lebenstraumes. Es ist Jasons Wille sein Leben als Held und Flüchtling zu beenden und es ist Medeas Kindstötung, die ihm den Traum erfüllt. Verpflichtung und Bindung an Vergangenheit entfallen. Jasons Traum „König“ zu sein, der rote Faden in seinem Wollen und Tun, führte ihn. Er erreichte sein Ziel. Doch was nützte Jason die Anerkennung in der Gesellschaft, wenn sie auf Trümmern basiert. Innerlich gebrochen blieb der neuzeitliche Jason zurück, als Medea in Helios Feuerwagen (mindest so anmaßend wie mann es gewöhnlich tut) Gericht über ihn hielt.

Die Wahrung von Form und ausgewogener Dimension in Spiel- und Darstellung zeichneten die Inszenierung aus. So wie auch Kreon forderte, „... maßvoll möge Handeln sein ...“. Eine katharsische Botschaft für das Miteinander. Dieses auf der Bühne umzusetzen in ästhetische Bilder, klare Sprache und personifizierende Präsenz ohne Masken gelang dem Regisseur Tobias Maehler.

Für Freunde des klassischen Theaters unbedingt sehenswert. Und nachvollziehbar; die im Spiel angerufenen Götter dienten in der Vergangenheit als Schicksalsmächte, ganz wie es jenen genehm, die einen Himmel, Olymp oder Hades beschwören als Fluchtpunkt wohl vor sich selbst. Solange es diese Verantwortlichen gibt, scheint „die Welt in Ordnung“.


C.M.Meier

 

 
 

Medea

von Euripides
Übersetzung von Kurt Roeske

Jaqueline Le Saunier, Peter Kaghanovitch, Tillbert Strahl
Chor: Lisa Bales, Sara Lynn Bürkle, Sandra Kindt, Clara Luttenberger, Sabrina Ronacher, Stella Sieger
Kinder: Jonathan Becher, Matti Nasko

Regie: Tobias Maehler

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