i-camp UA Radikal – Monument der Verwesung von Fake to Pretend – Tobias Ginsburg


 

 

„Die Zukunft hat keine Zukunft mehr!“

Die Aussichten und Möglichkeiten im Kommenden einen Platz zu finden sind, selbst für Visionen, ausnehmend gering. Der Kapitalmaterialismus hat die Erde vermessen und mit Hilfe der Automation so viele entworfene Formen platziert, dass für neue kaum noch Raum verbleibt. Käme noch mehr Materielles in die Welt, so verschwände der verbliebene Lebensraum gänzlich, verginge auch jede Alternative. Darüber hinaus ist auch der virtuelle Raum, der sich über und zwischen der Materie ausgebreitet hat, bis auf das letzten Bit gefüllt. Wohin also mit etwa Kommendem? Worüber ich rede (schreibe)?

Die Talkshow in der dies besprochen werden sollte, befand sich im Probenstadium und Hauptakteure wie Publikum harrten auf die wirklich wichtigen Gäste. Die Bühne füllte ein großer weißer Teppich, auf ihm standen zwei Sofas und den Hintergrund bildete die weiße Leinwand. Alles ordnungsgemäß bereit. Die Regisseurin und Produktionsleiterin (eloquent Gisa Flake) traf die letzten Vorbereitungen und der Moderator Markus Lanz (schwankend Matthias Renger) versuchte sich im kleinen Widerstand, was sichtbar ohne Konzept natürlich zum Scheitern verurteilt war. Allein der einzig anwesende Gast, der Filmemacher Matthias Schweighöfer (selbstdarstellend Philipp Lind), verstand es die Gunst der augenblicklichen Leerzeit zu nutzen und für seinen Film zu interessieren. „Ein Historienepos über den syrischen Eremiten und späteren Säulenheiligen Symeon.“ Und während noch auf die wirklich wichtigen Gesprächspartner gewartet wurde, setzte Schweighöfer schon die Anfangsszenen seines Films um. Der junge Symeon verweigerte in die Fußstapfen des Vaters einzutreten und dessen Werk fortzuführen, ihm fehlte auch die Einsicht zur Gewohnheit des Tötens und so überließ er seinen Vater dessen Schicksal. Es ist das vieler Väter, die ihre Lebenswerke gefährdet sehen, der Verwesung preisgegeben. Sie gehen verzweifelt weiter, bis sie unter der Last des Systems und des Alters zusammenbrechen. Das Kapital und die übermäßige Anhäufung der Materie fordern ihren Tribut. Symeon dagegen suchte Sinn im Kloster und die berichteten Erfahrungen sind durchaus ernstzunehmen. Der nächste Schritt führte ihn auf einen Berg, auf einen Podest, auf Die Säule. RADIKAL. Symeon auf der Säule, der Heilige, das DENKmal, ein Körper mit wirklich freiem Geist. Was nützt alle geistige Radikalität, wenn der Körper doch in jedem Fall Maden als Futter dient? Es handelt sich hierbei um eine Variation von Daseinsform, in der der Verfallsprozess abgewartet wird, bis die Kraft der Natur zurückgegeben und die Gedanken im Kollektiv stark genug sind, Änderung zu ergeben. Zwischenzeitlich musste die Talkshow abgesagt werden mangels Eintreffen der wirklich wichtigen Gäste.
Auf der Bühne lief der „Film“ weiter. Eine galt eine Wende zu setzen, wie auch immer. So reiste ca. 400 n.Chr. der römische Kaiser Theodosius zu Symeon, ihn um Rat zu fragen. Die Antwort: „Die Zinsen senken.“ Begeisterung in der Menge und Warten. Zwanzig Jahre später zerfiel das Römische Reich. Die Mächtigen pflegen die Gewohnheit Heilige oder Orakel zu befragen – wobei als moderne Orakel durchaus die Thinktanks verschiedener faschistoid ausgerichteter Konzerne verstanden werden können, die Ökonomie als Religion betreiben. Ausrichtung in eine Glaubensdoktrin. Pomp und Protz sollen Macht und „Gottverbundenheit“ demonstrieren, das hat immer schon funktioniert. Doch was, wenn es keinen Gott, keinen Allwissenden, gibt? Hier endet die „Wissenschaft“.

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Matthias Renger, Gisa Flake, Philipp Lind

©Franz Kimmel


Grandiose Bühnenbilder folgten in zügigen Wechseln aufeinander. Wie frei sind die Köpfe der Zuschauer noch diese zu speichern, ihre Botschaft in die Welt mitzunehmen? Aus dieser wundervoll intelligenten Darbietung von Gegenwart mit den Bezügen zur prägenden Vergangenheit. Es war eine radikal ausgezeichnete ausgeglichene Ensembleleistung, in welcher die Darsteller Klischees bedienten ohne selbst Klischee zu sein. Das ist es, was Theater ausmacht und damit Zutrauen auf neualtes Bühnengeschehen zum Keimen bringt. Fake to Pretend bot anregende Unterhaltung mit einem Schuss Ironie und einer Prise Ernsthaftigkeit. Am Ende saßen die Schauspieler am Boden, zwitscherten, sie trugen die gleichen Modelle von Pullover, wie sie zuvor einen zerrissen hatten. Ein Ausbruch aus der Natur – undenkbar! Die Paradigmen sind gesetzt. Eine andere Weise des Umgangs mit Natur und Welt – unabdingbar!

Nachdem also die Zukunft per se abgeschafft wurde, wir in Richtung Abgrund rasen, gilt es dennoch die Hoffnung auf Alternativen zu nähren. Ein Besuch der empfehlenswerten Inszenierung regt die Eigenproduktion, wie die Verknüpfung bereits vorhandener Chancen im Einzelnen unverhältnismäßig an. Wer morgen mit dabei sein möchte, der nehme einen Platz im Publikum ein.

 

C.M.Meier

 


PS: Auch der Heilige Kapitalismus, der sich auf eine Säule gerettet hat, befindet sich bereits im Prozess der Verwesung. Bislang haben viele zum verbalen Beil gegriffen, doch keiner konnte, oder wollte ihn enthaupten. Die aus dieser ideologischen Unterdrückung entstehende Zerstörungswut richtet sich vielmehr gegen ...


Weitere Vorstellungen ...

 

UA Radikal – Monument der Verwesung

Theaterstück von Fake to Pretend – Tobias Ginsburg

Gisa Flake, Philipp Lind, Matthias Renger

 

Text/Regie: Tobias Ginsburg
Video: Dennis Zyche

i-camp Identità. Pellegrinaggio all’ amore – Identität. Wallfahrt für die Liebe von Yvonne Pouget


 

 

Die Kunst, ein magisches Ritual


„In den Traditionen des Mittelmeers liegt die Wiege europäischer Identität. Tarantella-Rituale erwecken wie die Dionysien ursprüngliche Kräfte. Die Seele befreien im Erinnern auf der Bühne, dem Spiegel. Vom Zauber Süditaliens eingefangen, berauscht werden. Den Reichtum seiner Musik Kunst Tradition erfahren. Damit den eigenen Raum bereichern.“ … das sind einige der Gedankenfetzen die sich mir aufdrängten, als ich die Ankündigung und die Besprechungen las.

Ankündigung   Trailer   Pressestimmen

Was unterscheidet die Alten, die durch zwei Weltkriege traumatisiert ihrem Ende entgegenharren und die Jungen, die durch die virtuelle Industrialisierung entseelt in flimmernder Oberflächlichkeit erstarren? Die Mechanisierung, Funktion bestimmte und bestimmt ihren Tag. Ein wenig Lebendigkeit, ein wenig mehr Lebendigkeit braucht es diese zu überwinden. „… Was nicht gespiegelt und nicht verstanden wird, wird letztlich abgespalten oder verdrängt. In der Verdrängung können Entbehrungen und Verzicht aber nicht betrauert werden.“ Zitat aus der Abschiedsvorlesung von Michael Ermann LMU. Durch Reden und Analyse lässt sich zwar der Verstand überzeugen, doch die Seele braucht begreifen und sucht die Erfahrung, will fühlen, will tanzen. Sie tut dies in den Bildern ihrer Erbschuld, ihrem Karma, ebenso wie in denen der Hoffnung.

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Pino De Vittorio

©Anja Wechsler


 

Viva la vita

Die umfassendste Form von Lebensausdruck ist die Kunst. Und, ein Kunstwerk gelang Yvonne Pouget mit dem Musiktanztheater „Identità – Pellegrinaggio all‘ amore“. Wesen und Seele in traditioneller Tanzform sichtbar zu machen und über eindringliche Bilder die „Weitergabe von Kriegstraumata an die nächsten Generationen“ zu veranschaulichen, gibt die Choreographin, Regisseurin und Tänzerin als Anliegen preis. Sie übersetzte es in die allegorische Figur der „Fanciulla“, die für ganze Generationen steht. Für die Generationen der Großeltern und der Eltern, welche durch zwei Weltkriege die Freiheit der Seele und damit einen Teil ihrer selbst verloren.

Im schwarzen Bühnenraum kauerte eine Frau (Yvonne Pouget) in langem Kleid und mit stilisierter Haube auf dem Boden. Allein ihr und ihren zurückhaltend zögerlichen Bewegungen folgte das Licht. Die Augen geschlossen, der Mund schmerzvoll zum unhörbaren Schrei geöffnet, zeigte jede Geste Leid. Bedrohlich metallische Töne überlagerten die leise Musik. Langsam gelang es ihr sich aufzurichten, mit ersten Tanzschritten zu Lebendigkeit zurückzufinden. Zu immer mehr Lebendigkeit, die sie die alten Kleider abstreifen ließ, sich als Frau erkennen und die Gegenwart erreichen.
Ein Mann erschien im Hintergrund, von seinen Lippen kam das „Wiegenlied der Rose“. Mit Poesie rief er die Erinnerung an Leben wach, an Begegnung, ja an Liebe gar. „Ti vuogghiu beni, ti vuogghiu beni“ , wofür ihm mit einem zarten Kuss die Zuneigung erwidert wurde.  Pino De Vittorio pflegt die traditionelle Musik seiner Heimat, trägt sie über die Welt und gehört zu den berühmtesten zeitgenössischen Barockinterpreten. Die Leichtigkeit und Farbigkeit seines Gesanges berührte, versetzte das Sein in Schwingung. Zu seinen Füßen zwei entblößte Körper, natürliche Wesen, die nebeneinander erste Bewegungsversuche vollzogen und mit neugierigen Augen die Umgebung absuchten, sich erkannten.

Seit Jahrhunderten beschäftigt die Seele die Menschen. Von Homer, der die Psyche als Substanz des Körpers beschrieb, über Heraklit, Demokrit und Diogenes spannt sich der Bogen. Platon definierte sie als das einheitsstiftende Merkmal des Menschen und Aristoteles führte diese Betrachtungen fort. In der Neuzeit wurden die Vorstellungen ausgeweitet und auf alles Lebendige übertragen. Descartes brachte darüber hinaus das Bewusstsein ins Spiel, bis der Materialismus alle psychischen Vorgänge auf körperliche Prozesse reduzierte. Doch ist die Seele nun das Bewegende oder das Bewegte?

Wie das Wasser die Materie zu Leben erweckt, so erweckt die Seele den Menschen zu Leben. Drei Aggregatzustände des Wassers werden definiert – gasförmig, flüssig, fest. Die Gemeinschaft der Menschen findet sich in der Weltseele, in der Erdatmosphäre, gasförmig. Der menschliche Körper besteht zu fünfzig bis sechzig Prozent aus Wasser. Es fließt vom Mund über den Scheitel bis zu den Zehen. Es trägt die körpereigenen und die zugeführten Substanzen in alle Zellen, verteilt Endorphine ebenso wie die Säure des Weins und die Kohlehydrate der grünen Erbsen. Es speichert die Stoffe und damit die Empfindungen zur Essenz der Befindlichkeit des Körpers. Im See der Gefühle zu baden, darin aufzugehen, in Harmonie zu schweben, zu schwimmen, Ausgeglichenheit zu fühlen und Geborgenheit zu erfahren. Das sind nur einige der sinnlichen Erfahrungsmomente, welche über die Mischung von Wasserstoff und Sauerstoff im Körper angeregt werden und die mit Wohlgefühl verbunden sind. Wasser im  festen Zustand sehen wir als Eis, die Strukturen der Kristalle prägen sich als Bilder ein - das Eis der Polkappen des Planeten, das Eis des Winters, welches vom Himmel fällt. Und, das Eis in den Menschen, welche einem Schockmoment der umfassenden Existenzangst ausgesetzt, erstarren. Wurde der Fluss des Daseins in einem Körper unterbrochen, so braucht es vor allem menschliche Wärme und die Übertragung von Lebendigkeit, um den Zustand zu überwinden und die Verbindung mit dem Bewusstsein und dem Körper wiederherzustellen.

In der apulischen Region Salento in Italien wird seit Jahrhunderten die Pizzica gepflegt. Diese Tarantella fasst die Lebendigkeit der Region zusammen in eine berauschende Kraft, eine bewegende und somit eine lösende. Die Komposition aus Feuer, beschwingter Atmosphäre und blühender Poesie erregt die Sinne und lässt die Musik als Lebens- und Heilmittel erfahren, unmittelbarer als eine Tasse Kräutertee oder ein Bad im Moorteich. Ihre Nähe zur geistigen Natur greift auf die elementaren Freuden zurück, beseeligt. Nicht umsonst holte man bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Musiker zu Traumatisierten. Heute, in einer Zeit in der Lamettrie (Der Mensch ist nur Körper, Maschine.) und die neurologischen Mechaniker wie Priestley den Tenor bestimmen, kann eine Begegnung mit einer komplexeren Urkraft unvergleichlich wertvoller und bereichernder empfunden werden. Vorausgesetzt natürlich, man ist bereit sich auf die Erfahrung einzulassen. Marcello Vitale spielte die Chitarra Battente, begleitete den Gesang von Pino De Vittorio und trat mit einem Solo ins Licht.

Das Spektrum des Tanzes in der Inszenierung reichte vom rituellen Stampfen in den festgelegten Schritten eines rumänischen Bergtanzes, bis zu modern freiem Stil und traditionellen Ballettelementen. In diesen Bildern fand sich die Entwicklung des Menschen wiedergegeben. Die Eleganz der Bewegung und Haltung im klassischen Stil und die Begegnung zwischen Mann und Frau fanden hier ihren Höhepunkt im Pas de deux. Von spielerisch leicht bis nachdenklich schwebten Mikiko Arai und Damien Liger in dieser Phase über den Brettern die die Welt bedeuten. Der Versuch zu fliegen, der in der Seele des Menschen angelegt ist, fand seinen Ausdruck. Lag am Ende doch die letzte Generation auf dem Boden, geformt und doch nicht mehr zu tanzen bereit, wälzte sich das Einzelwesen über die Fläche. Der Zauber der Bilder wirkte nach, in plastischer Deutlichkeit und strahlender Ausdruckskraft. Lichtdesigner Rainer Ludwig lotete die Tiefen aus, stellte diese hervor. Im Schlußbild erschien Hélène Yousses helle gebeugte Skulptur der Tarantata im Hintergrund, still erinnernd an die Leiden der Vergangenheit.

Yvonne Pouget schuf mit diesem Musiktanztheater, in dem sie fantastische Künstler versammelte, eine Seelenreise par excellence, die man als facettenreich kunstvolle Aufführung betrachten und genießen, oder auf die man sich einlassen und dadurch den eigenen Himmel weiten konnte.

C.M.Meier

 

Identità. Pellegrinaggio all’ amore – Identität. Wallfahrt für die Liebe

Ein Tanztheater von Yvonne Pouget

Gesang/Schauspiel: Pino De Vittorio
Chitarra Battente: Marcello Vitale
Tanz: Mikiko Arai , Damien Liger/David Russo

Idee/Choreographie/Regie/Tanz: Yvonne Pouget
Bühnenbild: Hélène Yousse
Lichtdesign: Rainer Ludwig

i-camp outLook. Voices from Syria von Christiane Mudra


 

 

Sinnbild

Der schwarze Raum des i-camp in München bildete den harten Kontrast zu den zahlreichen von der Decke hängenden, beleuchteten Beuteln aus denen heller Sand rieselte. Unaufhaltsam floss er zu Boden, gleich der Zeit, machte er die Vergänglichkeit des Augenblicks erfahrbar. Auf einer großen Leinwand leuchteten die farbigen Bilder, Aufnahmen aus den von Krieg zerstörten Städten in Syrien. Gewalt und für Momente Bombenlärm. Die Zeit läuft wie die Bilder der Filme, während der Sand Häufchen bildete gleich den zerstörten Häusern. Ein Mann (Kostis Kallivretakis) saß im Publikum, er führte an das Geschehen heran, interviewte von Ferne den Präsidenten. Dessen Antworten gab der in der Mitte der Bühne stehende Steffen Nowak wieder - klar, souverän, bestimmend. Geschickt wurden Zuschauer, unterschiedliche Stimmen mit einbezogen. Die Antworten kannte man, dennoch entwickelten sie in dieser Zusammenfassung eigene Kraft. Mittlerweile versah Rania Mieihi die Wände mit Skizzen, verlieh Menschen und konkreten Geschichten eine Stimme. Aus Bruchstücken entstand ein Eindruck von der Zerbrechlichkeit menschlicher Gemeinschaft.

 

Sand in die Augen streuen. – Die Medien weltweit verfolgen mit unterschiedlicher Intensität den Krieg in Syrien. Die verbreiteten Meldungen reichen von katastrophal bis Mitleid heischend, von aufrecht legitim bis offensichtlich verwirrend. Nur wenige Berichterstatter überschauen klaren Blickes das tatsächliche Geschehen und erfahren die unsichtbaren Beweggründe. Kommen sie zu Wort? Die Welt ist voll mit schwarzen Buchstaben, dem Sandsturm der Rechtfertigungen. In der Fülle der hierzulande verbreiteten Nachrichten nehmen diese nur noch gelegentlich Raum ein, werden konsumiert wie die dazwischen gestreute Werbung über Fahrscheine oder Hundefutter. Weit entfernt, auf dem Boden des syrischen Tafellandes werden seit Jahrhunderten die Konflikte der arabischen Großmächte ausgetragen. Die verwendeten Waffen mögen durchaus hierzulande entwickelt und produziert worden sein, doch am Tod der Mitmenschen ist man damit nicht schuld. Die Kämpfe der sich im Recht wähnenden Beteiligten und der sich Rechtfertigenden wirbeln immer wieder sinnbildlich den Sand auf und – streuen Sand in die Augen.

Wie Sand am Meer. – Die Argumente der Parteien sind vielfältig, wechselnd, scheinen felsenfest und verschwinden doch opportun unhaltbar im Schweigen. Einzig der Koran als religiöses Gesetz und der Handel mit Waren bilden greifbare Größen. Die Einflüsse der Religion und der unterschiedlichen Auslegungen stellen die Beweggründe in erlauchtes Licht, erheben menschliche Vorstellungen zu Allmachtsfantasie und Universalismus. Gleich einer Fata Morgana schwebt das Paradies über dem Sand und soll das verbindende Ziel bilden. Jedes der Sandkörner im Meer dieser gläubigen Menschengemeinschaft beharrt auf seinem Recht, verteidigt sein Recht, wird dennoch entrechtet ... denn klein und nebensächlich nehmen sich die auf diplomatischem Weg verhandelten einzigartigen Bedingungen für Visa an syrische Staatsbürger in Deutschland aus. Es geschah wohl im Einverständnis beider Machthaber und war ebenso Geschäft wie der Handel mit Chemie und Waffen. Hauptargument ist und bleibt sicherlich auf beiden Seiten die Wendung „zum Wohl des Volkes“ in den Bergen von Rechtfertigungen die durch die Luft flirren – wie Sand am Meer.


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Rania Mieihi

© Reinhard Oefele


 

Auf Sand gebaut. – Die arabischen Völker richten ihre Zelte im Sandgürtel der Erde auf. Längst sind Häuser aus Lehm und Beton gebaut und der Fortschritt beginnt nun die gelebte patriarchale Struktur der Clans in Frage zu stellen. Ein Sinnbild von Gemeinschaft wird hervorgekehrt, will entwickelt werden in ein neues Bild, wird aber dennoch mit Gewalt, Vorsatz und Feigheit aufrecht erhalten. Der Sturm der Zeit verweht unaufhaltsam die Bilder und Spuren im Wandel, dazwischen verlorene Menschen. Der Machthaber verteidigt seine Stellung, verteidigt sie bis zum letzten Atemzug, denn eines weiß er gewiss: Man wird ihn behandeln, wie er seine Gegner behandelte. Jeden Augenblick ist er sich doch bewusst, seine Festung ist – auf Sand gebaut.

Alle Bemühungen verlaufen im Sande. – Dies geschieht weltweit in dieser Zeit und kaum ein Regierender, der nicht mehr oder weniger massiv die tatsächlichen Bedürfnisse seines Volkes unterdrückt. Herrschen und beherrschen werden als Maßstab über andere gelebt, ihnen das eigene Wähnen aufzudrücken scheint Prinzip. Der Sturm der Zeit verweht die Sinnbilder, die Sinnbilder welche menschliches Leben und Gemeinschaft darstellen. Freiheit, Würde und Menschenrechte werden der Verteidigung von Machtpositionen ebenso geopfert, wie die Aufständischen diese Worte auf ihren Fahnen tragen und in der Realität mit Füßen treten. Sie tun dies indem sie kämpfen, Menschen töten und alle die nicht gleicher Ansicht in den Sand werfen. Alle Bemühungen verlaufen im Sande. – Die Verhandlungen der Staatengemeinschaften produzieren Phrasen. Menschen sterben seit März 2011 im Krieg.

 

Die Bilder der Performance outLook von Christiane Mudra brachten nicht nur den Überblick über den Krieg in Syrien vor Augen, sondern erzählten auch von den Schicksalen Einzelner, von fallenden Bomben, Gefangenschaft, Flucht. Manchmal blieb nur ein Name, der Abdruck der Hand auf einer Wand. Berührende und erhellende Momente wechselten und hinterließen am Ende betretenes Schweigen. Eben jenes Schweigen, welches offensichtlich machte, dass die Menschheit eine Gemeinschaft ist und wir alle ein Schicksal teilen in einer Zeit. Wie Sandkörner treibt uns der Wind über die Erde, in immer neue Bilder, in immer neue Erfahrungen, in lebendige Gleichheit ... wie sie auch durch die Besetzung der Akteure, deren Herkunft sichtbar wurde. Machen Sie die Erfahrung, wo Sie stehen ...

 

C.M.Meier

 

 

Weitere Vorstellungen: 5.,6., 7. Nov. 2013 mehr ...

Die Eintrittsgelder werden an Souriatna Press in Damascus gespendet,
eine Organisation, die vor Ort Menschen mit Medikamenten und Lebensmitteln versorgt.
Eine Spendenbox befindet sich im Foyer.


outLook. Voices from Syria

von Christiane Mudra

Kostis Kallivretakis, Rania Mieihi, Steffen Nowak sowie Aras Alyosef und Mohammad Kahlawi

Text/Bühne/Regie: Christiane Mudra

i-camp Tapetentürvon Holger Dreissig


 

 

Marionetten des All

Das sich der Verwaltung entziehende Universum – Der sich der Reglementierung entziehende Geldmarkt. Zwei expandierende Gegebenheiten, von denen sich eine in jedem Fall jeglicher Verwaltbarkeit entzieht, während die andere heute den Spiegel dieses Unbezähmbaren zeigt und doch durchaus beherrschbar wäre. Würde man einfach den Strom abschalten – klick - so würde sich der virtuelle Geldmarkt in dunkle Daten verwandeln und die Idee von Geld wieder im Hintergrund zu einer treibenden, die Energien verteilenden Kraft. Die Gefahr, welche von großen Schwarzen Löchern ausgeht, wäre durch Verteilung der Masse auf viele viele kleinere Punkte einfach zu steuern. Doch was nützt das Wissen, wenn die Marionetten an den verwaltenden Schaltknöpfen nach irrigen Vorschriften tanzen und zittern.

Es ist die Schwäche, die in dieser Zeit regiert. Angst sitzt an den Schalthebeln und schreibt verwaltend (an Stelle von waltend) ein Gesetz gleichzeitig neben einem dem Wortlaut widersprechenden Gesetz – schreibt Stillstand. Es ist die Angst vor Veränderung, die an Stühlen kleben lässt in Ohnmacht. Die Schwäche, sie bläst sich auf, sie schillert verführerisch und doch ist darin kein Zusammenhalt zu finden, weniger noch Sinnhaftigkeit. Gilt es doch die Schalthebel der Maschinen, und mit ihnen das mechanische Weltbild in seiner bloßen Dualität der Vergangenheit zu überlassen und in eine neue Welt einzutreten – Holismus.

Auf der Bühne des i-camp tanzten die Puppen des Modezirkus. Der geheiligte Marktplatz der Eitelkeit in ausschließlicher Konsumhaltung. Spielerisch wurden die bisweilen kindischen Selbstdarstellungen unterschiedlicher Typen in der Gesellschaft angeführt. Auf zwei Speisewagen (also dem Verzehr preisgegeben) brachte man die Natur und die Menschen ins Bild. Wenig später: Zerrupft stand die personifizierte Natur im Raum. Medizinisch verarbeitet ein ehemals menschlicher Kopf. Entblößung. Verkleidung. In den Kostümen einer möglichen Zukunft vollführten Muriel Aichberger, Deman Benifer, H. 30, Mascha Obermeier und Julia Stevens den Tanz mit den Bällen des Kosmos. Ein wunderbar anschauliches Bild um die Bewegung der größten und kleinsten Teilchen des Universums, die frei im Raum gleiten. Selbstorganisiert. Vorausschauend und rückblickend erstanden in weiteren Szenen komplexe Bilder – Science Fiction ist der Spielraum in dem Ideen Gestalt annehmen. „Die Zukunft ist ein Hirngespinst.“ Und die Lebensgeschichte des Autors James Tiptree jr. führte wie ein roter Faden durch das Dickicht der Zeit und das Dickicht der Geschlechterrollen und Auftrittsformen. Dem Ensemble um Holger Dreissig gelang eine poetische Melange unterschiedlichster Erscheinungsformen, Haltungen und Gefühlsebenen, so wie SciFi alle bekannten Genres gleichzeitig vereint und doch einen Schritt darüber hinaus vollzieht.
Die Beschäftigung mit den Exkrementen, den persönlichen Abfallstoffen, nahm ebensoviel Zeit in Anspruch, wie sie es gesellschaftlich auch tut. Die Aufmerksamkeit auf die eigenen Schwäche gilt als chic und liefert Gesprächsstoff mit fragwürdiger Ausdünstung, fragwürdigem Hintergrund. Nun es ist wohl keine Frage, dass daraus Stoff für einen Markt produziert wird, der gewinnträchtig für die Besorger von Seelenheil ist. Man könnte die Szene aber auch dahingehend deuten, dass der Einzelne und die Gesellschaft nicht wissen wohin mit den vielen ausgebeuteten Konsumgütern, den Resten eines oft fragwürdigen Genusses.

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© Edward Beierle


Brauchen Puppen, Clowns, Modelle soviel Ersatzstoff für Leben? Nein, Klischees sind ohnehin Tote oder Verwaltungsmaterial. Hier wäre Erneuerung im Sinne eines humanistischen Menschenbildes angebracht, wie Deman Benifer selbstbewusst locker und natürlich äußerte.

Doch die Tapetentüre im All öffnet sich erst, der Prozess läuft und kippt die Polung des Sonnengottes, so können die Menschen wieder zu ihrer Stärke zurückfinden. Würden sie dies als bewussten Vorgang wahrnehmen können, bestünde die Möglichkeit zu wachsendem Verständnis und umfassenderer Akzeptanz der natürlichen Vorgänge und damit des eigenen Daseins. Die Aufführung war, ohne Zweifel, zu Katharsis angelegt, vielschichtig anregend. Ein mindestens fünf Sterne Erlebnis für lebendige Menschen.

Holger Dreissig zeigte das Jetzt, zeigte unsere andere Seite mit den bezaubernden Bildern des Theaters. Lächeln, Staunen, Erkennen, Abnicken, Fragen zog abwechseln über die Gesichter des Publikums. Ein erbaulicher Abend, eine Inszenierung ist immer nur so viel, wie sie zu bewegen vermag und wieviele bislang unerkannte Tapetentüren in der Welt des Betrachters sie öffnet. Gilt es doch zu neuem Denken, neuen alten Gedankengängen zu finden und damit die Welt zu verändern. Die festschreibende Verwaltung steht dem entgegen, von der Seite ist bestenfalls Beton und Stacheldraht zu erwarten um augenblickliche Gegebenheiten zu befestigen, ein irriger Versuch bis hin zu offensichtlichem Irrsinn, in einem sich ständig verändernden Universum, dessen Spiegelbilder wir sind. Gestalten wir es, oder bleiben wir mechanische Marionetten?

 

C.M.Meier


 

 23. Stunde Verwaltungsperformance

Weitere Vorstellungen: 16.-19. + 22.-26. Januar – 20.30 Uhr mehr ...




Tapetentür

von Holger Dreissig

Muriel Aichberger, Deman Benifer, H. 30, Mascha Obermeier, Julia Stevens

Text, Regie, Bühne, Kostüme: Holger Dreissig

i-camp Alternativlos von Manfred Killer


 

 

Unwelt

So wie das zum Unwort des Jahres 2010 erklärte „alternativlos“  blanke Ohnmacht widerspiegelt, so entspricht die fixe Idee von einer „Welt“, eine Illusion also, nicht zwangsläufig der Welt per se. Vielmehr entsteht durch die verschiedenen Vorstellungen von Welt und die sich darin deckenden Faktoren eine Unwelt in der Umwelt.

In einem von Programmen gesteuerten System muss man, um die Programme bedienen und nutzen zu können, funktionieren, diese programmatischen Mechanismen annehmen, sich „zu eigen“ machen. In einer technisierten Welt wird der Mensch angepasst, wird zum Androiden – mehr oder weniger. Programme enthalten keine Alternativen, keine Reaktion außerhalb der vorgegebenen Abläufe. Sie sind in ihrer Art alternativlos. Denn weitere Einsatzanweisungen, sind wiederum Programme in ähnlichen anderen mechanischen Abläufen.  Die vielfältige Welt wird ausgeblendet und alles auf eine Unwelt reduziert. Ein Irrweg ist aufgetan, der durch die vielen auf ihm laufenden programmatisch verschulten Anhänger zur Autobahn wird, zum Tummelplatz für Eingebildete. Max Frisch nahm in seiner Erzählung von Theo Gantenbein diese Einbildung vorweg. Er beschrieb einen Mann, der sich für blind erklärt, seine Wahrnehmung nicht mehr äußerte und so zum bloßen Spiegel für die Vorstellungen und Einbildungen der anderen wurde. Er wurde dafür beliebt, reich und doch ...

Beliebt, reich ... Die Vorstellungskraft ermöglicht es „eine gute Führungskraft“ zu sein aufgrund eines die Einbildung schulenden Coaching für „selbstbewusste Gaukelei“ und damit doch deutlich an der menschlichen Realität vorbei zu handeln. Das verbildet, macht blind, blind und unsensibel für die Realität und die Wirklichkeit. Bloßes Blendwerk ist hervorgetan. Der wahrhaft Blinde entwickelt seine anderen Sinne aus dem Bedürfnis sich in der Realität zurecht zu finden und orientiert sich an den menschlichen Möglichkeiten, entwickelt diese. Was scheinbar ein Vorgang, entlarvt sich hier als programmatischer Vorsatz in einer Art und menschlicher Entwicklungsprozess in der anderen.


  alternativlos  


Agnes Schöffmann,  Herve Adelin

© Michael Wüst


 

Souverän empfing Ludger Lamers im bequemen Lederstuhl das Publikum und bezog es in seine Geschichte ein, die Geschichte eines erfolgsverwöhnten Managers der Führungsebene. Es durfte teilhaben an seinen Vorstellungen von Welt und Wirtschaftsfunktion, von Motivationsschulung bis zu Bestrafungsritualen. Alles bekannt, alles Praxis. Eine scheinbar alternativlose Praxis die sich jeden Augenblick selbst bestätigt, ein funktionaler Vorgang, in der Tat, der auf der Bühne seine Bestätigung fand. Anders als Frischs Gantenbein setzte der Protagonist die Blindenbrille auf um seine Wahrnehmung zu schulen und damit ein Fenster in die geschlossene Wand einer anonymen  Hausfassade zu schneiden. Das adäquate Bühnenbild und die entsprechenden Videoinstallationen unterstützten und verstärkten die Geschichte. Ein Blick in den Konferenzraum und schon wird deutlich: Weibliche Konzeptlosigkeit moderiert die Bestechlichkeit der Männer. Ohne „Aber“ und ohne Erkenntnis des „Wenn ... dann“ wurde eine funktionale Vorstellung, Einbildung umgesetzt. Die Darsteller boten in Kurzszenen, Andeutungen und Nebeneffekten so viel Alltag, dass es die Zuschauer schaudern machen konnte. Wohnt doch auch dem Schauder ein wirtschaftlicher Nutzeffekt inne. Die künstlerische Umsetzung reduzierte auf die essentiellen Gesten der archetypischen Figuren. Die selbstgefällige Konzernerbin (Ditte Schupp), der anpassungsfähige Newcomer (Klaus B. Wolf), der still ausharrende Senior (Manfred Killer) und die hübsche Aufsteigerin (Agnes Schöffmann), der gesichtslose Profiteur (Herve Adeline). Wirtschaft oder Politik, Politik oder Wirtschaft – ein Doppelspiel?! Die Inhalte verschwimmen längst und das Thema Wasser brachte es auf den Punkt. Geschäft, Profit um jeden Preis und über alles. Es war eine Unwelt, die die Inszenierung im Hintergrund auftat und ebenso in ihrer kleinen Lächerlichkeit preisgab!

Die Alternative: Mit dem Schluss bot Manfred Killer den einzig möglichen nächsten Schritt - den Platz des Zuschauers zu verlassen und aufzutreten, aktiv zu werden, die Sinne zu entwickeln ... alle menschlichen Sinne. Für einen Menschen, der die Welt als komplexen Zusammenhang unzählbar vieler Möglichkeiten zu begreifen in der Lage ist, existiert ein Wort wie „alternativlos“  nicht. Und die Aufführung enthielt nicht nur die eine Ebene der Erzählung, der Bilder und der Musik, nein, es taten sich viele verschiedene Ebenen auf und ergänzten, überlappten einander zu einem komplexen Weltbild ... wert erfahren zu werden.

 

C.M.Meier

 

Weitere Vorstellungen: 17. – 26.10. mehr ...



 

 


Alternativlos

von Manfred Killer

 

Ditte Schupp, Agnes Schöffmann, Ludger Lamers, Herve Adeline, Klaus Wolf, Manfred Killer

 

Regie: Manfred Killer

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