i-camp Der Kuss des Airbags von Gert Neuner


 

 

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Kunst ma ned … Kunst ma ned a Buidl … Kunstmarkt

  ETA-KdA  


 Valentin Walch

© Volker Derlath


Ein gesellschaftlicher Prozess, nein, eben kein Prozess. Gesellschaftlicher Fortschritt ist auf die Kapitalanhäufung – und sei in Form von Kunstwerken - begrenzt oder findet bestenfalls in Kapital veränderter Perspektive, in verändertem Sprach-Lauf statt, in der Lautstärke, die in dieser Zeit die Welt bewegt.

Der gesellschaftliche Stillstand ist eine Realität, der es sich zu stellen gilt. Doch wer erkennt dies und wer, wenn nicht die Kunst, kann dies erfahrbar machen?
War die Aufführung ein Marketing Gag, ganz so wie es üblich ist? Großer Aufwand, viel Werbung und heilversprechende Sprüche. Und alle fallen drauf rein …

… landen schaumstoffgesichert auf schaumstoffgepolsterten Stühlen und sind zu Schaumstoffdekoration verdammt … auch wenn ein Kellerfenster aufgetan, dem ein alter Geist entsteigt … „Ist nicht alles im Leben Theater?“ … in dem sich „menschliche Skulpturen“ in differenzierten Konstellationen paaren … und ein unverkennbarer „Terminator“ für Grinsen sorgt …

In „Exit Neon“ brachte Gert Neuner beeindruckend nachhaltige Bilder auf die Bühne. Nun stellt sich die Frage, ob es möglich ist diese zu übertreffen, oder ob sie ein Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens waren und damit unübertreffbar? Kunstwerke eben. Erfahrbar sind sie zu verschiedenen Zeiten in immer wieder neuer Intensität. Wahrnehmung ändert sich und es ist als stünde man nach Jahren wieder in einem Museum vor einem Lieblingsbild, betrachtet es und verliert sich darin. Und jedes Mal ist es ein wenig anders. Das macht ein Kunstwerk aus. Die Bilder von Gert Neuner haben ihre Kraft behalten.

 

C.M.Meier



 

Der Kuss des Airbags

Eine Performance von Gert Neuner ETA Theater

Thérèse Berger, Robert Erby, Katharina Friedl, Gabriele Graf, Shirin Lotze, Waki Meier, Ari Mog, Peter Papakostidis, Christian Röpke, Valentin Walch, Sophie Wendt
Regie: Gert Neuner

i-camp Wir waren nie weg. Die Blaupausel von Christiane Mudra


 

 Die zwei Seiten einer Medaille

… oder auch, wenn die Selbstherrlichkeit die Herrschaft übernommen hat und folglich staatliche Akten mit dem Vermerk „ungültig“ abgestempelt und willkürlich geschreddert werden können, konsequenzlos. Es sind die „Dienstleister für Demokratie“, 2800 Mitarbeiter, die im Schatten für ihre Vorstellung von Ordnung sorgen. „Ich bin das Amt … Ich bin das Amt …“  und ihnen gegenüber die „Ich bin keinem Gesetz verpflichtet, außer dem des Überlebens.“ Wären da nicht die vielen vielen Berichte in den Medien, die wie Blaupausen an die Öffentlichkeit gelangen, so bliebe alles im Dunkel der Macht. Recht, Recht haben, sich im Recht fühlen, … und letztlich Rechts vor Links. Darin gründen die Ansichten und die daraus resultierenden Beweggründe für die zwei Parteien, die ein Spiel spielen.

Tief verwurzelt im Volk, im Gemüt und in der Sorge um ein wenig Sicherheit und ruhigen Schlaf im Chaos des Daseins, ist die Jahrhunderte alte Erfahrung von militärischer Aufstellung, Wachsamkeit und Schlachtordnung. In ihr manifestiert sich eine Vorstellung von Ordnung, von Bürgschaft für Bürgerschaft. Doch mit der Regulierung wächst auch die Phobie, sie ist, wie die Sehnsucht nach Freiheit, Teil der Natur, damit auch der Natur des Menschen und findet sich auf beiden Seiten. Sie zu erkennen und zu überwinden, könnte den Weg frei machen für eine zivilisierte humanistische Gesellschaft. Doch ist das überhaupt gewollt, möglich?

Man schreibt  das Jahr 2015. In München läuft ein Prozess gegen eine Zelle der rechtsextremen Szene - zwei Jahre, 83.000 beschriebene Blätter Papier, ein Richter, ein Staatsanwalt, drei Pflichtverteidiger und eine Angeklagte. Ein Aufsehen in dem immer wieder Verflechtungen und Aktionen beider Seiten offen gelegt werden. Ausgang …
 
 

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Andrim Emini, Sebastian Gerasch

© E. Beierle


Christiane Mudra hat sich des zeitlos hochaktuellen Themas angenommen und konzipierte, nach akribischer Recherche, die Performance „Wir waren nie weg. Die Blaupause“. Sie inszenierte darin sowohl eine Reise durch München und Deutschland, als auch eine Reise durch die Zeit. Von der Gedenktafel für ein Anschlagsopfer, der scheinbar zufällig in der Nähe des ehemaligen Unterschlupfs eines Aktivisten zu Tode kam, über das Attentat auf dem Oktoberfest 1980, bis zum Prozess 2015 zog sich der braune Faden. Wer ihm folgte, der fand ein Netz aus kleinen braunen Zellen erkennbar. Braun wie die Erde, mit der Mensch sich verbunden fühlt, die seinem Herzen Heimat ist. Für die einen erwächst daraus völkische Tradition, für die anderen Anlass zu Kampf. Was ist Wahrheit, was Illusion, was Realität?


Vor der Gedenktafel an der Trappentreustraße begann die Erfahrung. Andrim Emini moderierte das Vergangene und nahm zugleich auch den Kampf gegen plötzlich sichtbar gewordenen Geister auf. Vergeblich versuchte er sie zu vertreiben. Die Darsteller trugen die Kleidung des klassischen Western. Diese Maskierung ist ein gewohntes Synonym für freie individuelle Auseinandersetzung und das Recht des Gesetzestreuen, des Stärkeren, des Schnelleren, des Skrupelloseren, des … findet hierin seinen adäquaten Ausdruck. Mit im Winde fliegenden Mänteln, großen Hüten und dem Colt im Halfter hoben sich die Darsteller auffällig im Alltagsgeschehen ab. Dann ging es mit der modernen Postkutsche, der Trambahn, an die Theresienwiese zum Denkmal. Hier standen die Beteiligten am Attentat im Mittelpunkt und mit den Zitaten der damals festgehaltenen Aussagen beschworen sie die unterschiedlichen Ansichten hervor. Sebastian Gerasch verkörperte selbstgefällig den maßgeblichen Sheriff. Dieser hatte sich mit dem Versuch der Aufklärung goldene Sporen verdient. Und zudem ein Buch über den „echten Einzeltäter“ mit 383 Seiten Umfang verfasst, welches er auch signierte. Die Schauspieler breiten erzählend, sowie die Figuren wechselnd darstellend, die Geschehnisse und Hintergründe vor dem Publikum aus. Berivan Kaya gab aufrecht klar den Top-Quellen der Szene Gestalt und Stimme. Während Christina Baumer empathisch mit „Es war einmal ein kleines Nest im Thüringer Wald …“ weitere braune Fäden zwischen den Seiten der Medaille verknüpfte. Murali Perumal schaute als Aktivist, zutiefst vom Ernst und der Bedeutung seiner Aufgabe überzeugt, unter der Hutkrempe hervor – kraftvoll stechend der Blick, siegessicher. Einmal waren wichtige Akten entwendet worden und der Sheriff machte mit dem Fahrrad Jagd auf den Dieb, verfolgte ihn über die Theresienwiese. „… ein Sheriff sollte Mut haben und etwas Ehre im Leib …“ Was als absolut skurriles Bild herüberkam, veranschaulichte durchaus humorvoll die Skurrilität einer solchen realen Situation. Und eine Portion Humor braucht es zweifelsohne, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Am Kaiser-Ludwig-Platz in München heulte die echte Polizeisirene, während in der Aufführung die Figuren der Schattenpolizei den Wohnwagen mit den Leichen von zwei Männern vor einer Spurensicherung sicherten und abtransportieren ließen. Wohin?


Der Faden der Geschichte führte weiter gesponnen in einen Saloon und endete schließlich im virtuellen Heute im Theater i-camp. Ein leitender Beamter  (überzeugend taktierend Sebastian Gerasch), der schwitzend den „Staatswohlgedanken“ vertrat und ein Aktivist (unbeirrbar aggressiv Murali Perumal) „schlag das System mit seinen Waffen“, saßen sich in verschiedenen Räumen gegenüber. Verbindung und Ähnlichkeit wurden von weißem Nebel überdeckt, in dem auch die Worte und Phrasen aufgingen, zu verdunsten schienen auf den zwei Projektionsflächen, den Bildschirmen, den aktuellen Kampfarenen. Dieser Akt der Auflösung bildete zweifelsohne einen Höhepunkt in dieser dokumentarisch, künstlerisch hervorragenden Inszenierung.


 „Bevölkerungsgruppen ohne Lobby“, wie das Publikum beispielsweise, die dem Spiele zu folgen verdammt sind und die sich bestenfalls die Stellen an denen sie Applaus spenden aussuchen können, bilden eine unüberschaubare Mehrheit. Für Jene, die daraus hervortreten wollen, war die gelungene Zusammenfassung von Geschichte eine wahrhaftig aufklärende. Eine Teilhabe kann in jedem Fall nur empfohlen werden.

 

C.M.Meier

 

Weitere Vorstellungen: 24. (ausverkauft!) / 25. / 26. / 30. / 31. Juli + 1. / 2. August, 19:00 Uhr
Spielort: Stadtraum
Reservierung:  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Information:  www.i-camp.de

 


Wir waren nie weg. Die Blaupause

Ein heimattreuer Western von Christiane Mudra

Christina Baumer, Andrim Emini, Sebastian Gerasch, Berivan Kaya, Murali Perumal
Musik: Michail Winnizkji, Leonid Khenkin, Boris Kupin


Konzept/Recherche/Text/Regie: Christiane Mudra

i-camp EiNer tanzT aus der ReiHe von Sophie Killer


 

 

Quintessenz des Lebens

Es gibt sie, die geistige Qualität in der alle Menschen miteinander verbunden sind und wer sie zuzulassen vermag, ist bei aller vorgestellten Einsamkeit in seinem Körper doch auf wunderbare Weise mit einer großartigen Gemeinschaft verbunden. Zumal es eine andere in dieser Welt nicht gibt. Der Humor vermag es alle Grenzen, die tatsächlichen und die eingebildeten, zu überwinden. Seine Erscheinungsform nimmt in den unterschiedlichen Kulturen, in deren Gepflogenheiten verschiedene Ausprägungen an, die jedoch alle ausnahmslos in ein feines gelassenes Lächeln münden.

Alle menschlichen Bemühungen wider diese Haltung führten und führen sich selbst ad absurdum. Ein kurzer Blick auf die Geschichte bestätigt dies. Kultur bietet einen Rahmen, während Konventionen die Seile der Gewohnheiten bilden die zu Sicherung, dem Festhalten einladen und doch nur die ewigen Irrtümer bestärken. Wenn beispielsweise im Heute die Gesellschafts- und Lifestylefunktionäre männlichen und weiblichen Geschlechts, wie die Schaufensterpuppen im System, an den längst bekannten Fäden abhängen und bestenfalls das vorsichtige Winken mit einem Arm eine letzte menschliche Regung vorstellt, spätestens dann ist es Zeit die beherrschenden Konventionen zu entrümpeln, zu revolutionieren. Den Ernst gilt es vom Ernst zu befreien, ebenso wie die Fäden des Schicksals in die eigenen Hände zu nehmen oder gar sich ihrer zu entledigen, um sich erneut in naturgemäßem Brauchtum zu versuchen.

 

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Sophie Killer

© Ulrich Stefan Knoll


Tanz ist die unmittelbare Ausdrucksform für Lebendigkeit. In ihm finden sich Fantasie und Realität in klaren Bewegungen und Gesten geeint, die von Musik getragen wirken - so jedenfalls in der Tradition. Im Tanztheaterstück von Sophie Killer war es der Humor, die heitere Gelassenheit im Wissen um die menschliche Unzulänglichkeit, der die Botschaft trug. Naturgeräusche oder Musik riefen passagenweise bekannte Erfahrungen wach, verstärkten Eindrücke. Das in Zusammenwirken mit Thalia Killer (Bühne und Kostüm) entstandene Werk  erzählt die Geschichte eines Menschenlebens. Vom Ausharren im Dunkel beim Herzschlag der Mutter, über die ersten Schritte, die erste Liebe und die zwangsläufigen Missverständnisse, bis zum Ausloten der Grenzen – das waghalsige Erklimmen einer Karriereleiter in schwindelerregende Höhen, um letztlich kopfunter, nur durch die eigenen Beine gesichert, zu erstarren - reihten sich die szenischen Bilder. Das dichte Bühnengeschehen bot mehr oder leichter ausgeprägte Momente des farbenfrohen menschlichen Gefühlsspektrums, und, es gipfelte in unkonventionellen Fragen und Antworten. Komik? Nein, bitterer Ernst! „EiNer tanzT aus der ReiHe“, so Sophie Killer, die dem Protagonisten brillante künstlerische Präsenz verlieh. Das Haar grau gepudert, den Schopf zu einer Schlinge geformt, tanzte sie die einsame Erfahrung des Einzelnen. Wer hat noch nie Fragen geäußert? Die an Seilen von der Decke hängenden Puppen verkörperten die Fraglosen, die korrekt gekleidet in ihren Positionen abhängen, still mitmachen im Scheintod der Gefolgschaft. Oder stellen auch sie ähnliche Fragen wie „EiNer“, könnte man sie hören?

Hoffnung, Hoffnung und dann ...

Warum Einsamkeit keine Einsamkeit ist und wir der Grenzen in der Gemeinsamkeit für ein Ich bedürfen – das war in der Inszenierung zu erfahren. In spielerischer Weise und eindringlichen Bildern wurde das Verbindende im Trennenden erkennbar. Der Zauber der Kunst wirkte. Was immer auch der einzelne Zuschauer erfahren hatte, belebte sein Gemüt. Heiter, beschwingt und mit sich und der Welt versöhnt, verließ das Publikum den Spielraum. Das sublime Tanztheaterstück von und mit der jungen Künstlerin Sophie Killer überzeugte auch durch feinen Humor.


C.M.Meier

 
 

EiNer tAnzT aus der ReiHe

von Sophie Killer / Thalia Killer
Ein tragikomisches Tanztheaterstück

Sophie Killer

Bühne und Kostüm: Thalia Killer

i-camp der unverrückbare Himmel von Karl ein Karl


 

 

Ein Kosmos der Töne

Der schwarze Bühnenraum, die große weiße Leinwand, ein Mikrophon, ein Kontrabass, ein Violoncello, eine E-Gitarre mit Lautsprechern und gegenüber der Projektor, der den Film auf die Leinwand brachte. Der Theaterraum empfing so das Publikum um es auf eine Expedition ins Reich der Poesie mitzunehmen. Dazu wurden von zwölf  Menschen meisterhaft Musik, Sprache und Bilder in berührende Wechselwirkung zueinander gebracht.

Die Expedition der „Endurance“ unter Sir Ernest Shackleton hatte 1914 die Überquerung der Antarktis zum Ziel. Eine der letzten wahren Herausforderungen, so formulierte es der Forscher. Unter seinen siebenundzwanzig Männern war Frank Hurley, der in einem Tagebuch, sowie mit Filmkamera und Fotoapparat das Abenteuer festhielt. Schwarze Männer auf weißen Eis. Auf Basis dieser Unterlagen schuf Manuel Heyer einen künstlerisch überaus kreativen Film, der die Betrachter mit auf diese Reise nahm, die Antarktis und das Leben auf dem ewigen Eis näher brachte und darüber hinaus besondere Aufnahmen drastisch in die Wahrnehmung rückte.

Jede unmittelbare Erfahrung der Natur beinhaltet eine Herausforderung, so auch die Erkundung mecklenburgischer Seen für Marie von Bunsen. Sie reiste alleine in einem Ruderboot im selben Zeitraum wie die Expedition und schrieb einen ebenso atmosphärischen Reisebericht. Ruth Geiersberger performte einige Passagen daraus, malte Wortbilder. Was auf der Bühne als naturgegebener Kontrast erschien, spiegelte doch die menschlichen Gefühle und Erfahrungen. Wenngleich die äußeren und inneren Dimensionen sich unterschieden, so wie die Menschen sich unterscheiden.

Verbunden waren die Elemente der Aufführung durch die einzigartige Musik. Karl ein Karl – schon der Name drückt die Einigkeit der Musiker aus. Ihre Kompositionen erfassten sowohl Innen- wie Außenwelt in den Abenteuern. Feiner Strich, der eine Ebene unendlich differenzierte. Wie die Überlebenskünstler entlockten sie ihren Instrumenten die unterschiedlichen ungewohnten Klänge. Fantastischer Einfallsreichtum in klassisch anmutendem Feld – der Bogen und die elektronische Gitarre, die unterschiedlichen Möglichkeiten und Utensilien den Saiten des Kontrabasses immer wieder neu akzentuierte Töne zu entlocken, das gezupft gestrichen gehackte Violoncello, und alle wie die Angst der Menschen, das Knistern des Packeises oder das Tosen der See.
Dem steht die Pflege der immer gleichen Harmonien mit den immer gleichen Bogenstrichen gegenüber. „Tja, die gute alte Zeit ...“ Tradition um der Tradition willen führt sich in manchen Phasen selbst ad absurdum. Nur manch einer sieht nicht, hört nicht, was gespielt wird. Sein Himmel ist voll mit alten Illusionen und Vorstellungen, Erfahrungen und Erinnerungen und damit eigentlich schon längst eine Hölle.

 

KeKHimmel Manuel Hey

 


© Manuel Hey


„Der unverrückbare Himmel“ ist im Mensch selbst, in jedem einzelnen. Er lebt auch im Eis, in den scheinbar  widrigsten Umständen, die doch Leben ausdrücken. Wenn der Mensch auf sich zurückgeworfen ist, erfährt er am meisten über sich. „... Schiffe sich auflösen wie Schnee im Wasser ...“  Während die einen sich gegenseitig die Köpfe vom Leib schossen, verbanden sich die anderen zu einer ursprünglichen Gemeinschaft um in der Natur zu überleben. Beides geschah in einer Zeit,  einer Periode, die, in ihren essentiellen Vorgaben – in der Substanz Geist – sich in diesen Tagen wiederholt. Und ein Blick auf das Tagesgeschehen zeigt, wie wenig man daraus gelernt hat. Die einen gehen in aufmerksamem Bewusstsein auf die Natur zurück, die anderen schlagen im „Rechthaben“ die Köpfe anderer ein, treten deren freie Würde mit blutverschmierten Stiefeln oder mit geschwärztem Papier. Die Wiederholung einer Wiederholung läuft, gleich gebeteten Glaubenssätzen in ihrer Scheinheiligkeit, dem Wort dienend, keinesfalls dem Sinn. Wie die Dogmen mit denen Menschen unterdrückt werden, um eines vereinten Willens willen. Eines Willens, dem das freie Leben unterworfen wird, folglich versklavt. In Wirklichkeit ist es der geeinte Geist, der scheinbar Unmögliches möglich macht, die Gemeinschaft erhält und entwickelt. Der Tenor des Geistes, der auf das erste Wort wartet, verbreitet vor allem eines, Frieden.

Die Musik von „Karl ein Karl“ brachte diese wortlose Stimme des Geistes zum Klingen. Lauschen Sie diesem einzigartigen Konzert. Schauen Sie ein ästhetisch erweitertes Abenteuer. Erfreuen Sie sich an der, in Wortbilder gefassten, Natur. Erfahren Sie mehr in sich ... in einer Vielzahl wundervoller zeitloser Momente. Klassisch, wie ein Abend der immer wieder erlebt werden kann und immer wieder neue Bereicherung ausbreitet.

 

C.M.Meier


 


der unverrückbare Himmel

Ein Poem für Live-Musik, Video und Sprache
von Karl ein Karl

Peter K Frey – Kontrabass, Michel Seigner – elektronische Gitarre, Alfred Zimmerlin – Violoncello

 

Manuel Heyer – Video/Licht
Ruth Geiersberger – Performance
Martin Pfisterer – Sprecher
Peter Schweiger – Dramaturgie/Regie

 

i-camp Bruder Sense und Frau U von Pelikan Önobu


 

 

Japanischer Frühling

Das Kirschblütenfest ist für die Japaner das bedeutendste Fest des Jahres. Der warme Wind treibt den Duft der rosa Kirschblüten über das Land und damit verschwinden für einige Tag alle anderen Gerüche. Einem traditionellen Ritual folgend vernichten die Menschen ihre, nur für diesen Anlass vorgesehenen Essensbehälter. Behälter mit radioaktivem Inhalt hingegen widersetzen sich dem schnellen Zerfall.
    
Pelikan Önobu – der Autor und Theaterleiter, schrieb nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 das dokumentarisch-fiktive Stück „Kiruannya to Uko-san“, welches im Juni des Jahres uraufgeführt wurde. Zahlreiche weitere Inszenierungen u.a. in Tokio folgten. Otone Sato, Regisseurin des deutsch-japanischen Theaterkollektivs EnGawa, übersetzte das Werk weitgehend originalgetreu ins Deutsche. In „Bruder Sense und Frau U“ begeben sich drei Frauen auf die Suche nach Frau U. In dieser Stadt betreibt Bruder Sense einen Zeitungsladen, in dem er Zeitungen in kleine Schnipsel schneidet und anschließend auf den Straßen verteilt. Die Frauen lesen die Überschriften der Zeitungsartikel, suchen jede für sich andere Merkmale in Frau U. Ein Mann berichtet in einer Videobotschaft: Die zur Weltausstellung in Osaka 1970 vergrabenen Zeitkapseln enthalten einen Brief an die zukünftigen Generationen in 6000 Jahren. Es sind Berichte von der Gesellschaft vor 40 Jahren, diese enthalten noch den Ritus des gemeinsamen Familienessens als zentralen Lebenspunkt. Heute müsste wohl von einer Welt der Individualisten berichtet werden, der das Du abhanden gekommen scheint, oder das vielmehr in ein globales strombetriebenes Netz diffundierte.

Bruder Sense und Frau U – das Stück wirft einen Blick auf die moderne Gesellschaft in der nationale und regionale Grenzen aufgehoben und damit auch universelle Gegebenheiten sichtbar gemacht werden. Drei gleiche helle Schränke standen auf der Bühne. Drei, in gleiche helle Overalls gekleidete junge Frauen mit gleichen Frisuren stiegen aus den Schränken. Masako Ogura, Irmela Jane Purvis und Birgit Werner verkörperten die Suchenden. Auf dem, den Mittelpunkt bildenden Tisch bauten sie eine Spielzeugstadt mit Plüschtier, Eisenbahn und Häusern. Dazwischen lasen sie eifrig Sätze aus den Zeitungschnipseln oder Geschichten vom Smartphone  und – dabei immer auf der Suche nach Frau U (You). Sie konnten durchaus auch für virtuelle Figuren des weltweiten Netzes stehen, wie die gleichbleibende Emotionslage - abgesehen von einer Ausnahme - in den Gesichtern der Geschäftigen ausdrückte. Oder war dieser Aspekt der japanischen Konvention geschuldet? Unterbrochen war diese Betriebsamkeit durch Videoprojektionen, die die Verteilung der Nachrichten vor Augen führten und die Botschaft in den Zeitkapseln wiedergaben - ein ebenso emotionsloser Vortag von Christoph Dähne. Die Gestaltung der Lichteffekte und die Videoprojektion erfolgten auf hohem technischen und handwerklichen Niveau – Joachim Hofer. So brachte die Performance - präzise unterhaltsam unmissverständlich - das Gesellschaftsbild eines scheinbaren Individualismus auf die Spielfläche.

 

BruderSense

 


Masako Ogura

© Dean Causewic


EnGawa - der Name der Theatergruppe steht im Japanischen für die Bezeichnung der Veranda in traditionellen japanischen Häusern, ist somit die Verbindung zwischen Innen- und Außenraum. Er steht aber auch in der Jugendsprache als Wortspiel für „Theater, niedlich/süß“. Und damit „... verdeutlicht es die Wertvorstellung der gegenwärtigen Jugendkultur im Niedlichkeitswahn und ichbezogenem Sprachgebrauch.“  (Siehe Programmblatt)

Ohne Weltanschauung, ohne Persönlichkeit formt sich kein eigenständiger künstlerischer Ausdruck.
Was bleibt vom Menschen, wenn Tradition und Kultur verloren gehen? Ein Körperwesen auf der Suche nach sich selbst. Antworten zu finden zu wollen in den von Zeitungen dokumentierten Ereignissen, ist wie das Speichern von allgemeinen Daten in dem persönlichen Allegorithmus. Das Individuum auf der Ebene einer Rechnerfunktion. Es läuft hin und her zwischen leerem Körper und zerstörender Tätigkeit, die als wichtig hervorgestellt und also sinnvolle Arbeit genannt wird. Wieviel davon wirklich Sinn im Sinne von „Leben“ und Lebensraum erhaltendem Tun ist, und wieviel davon blinder Aktionismus in tierischem Fortpflanzungs- und Fressverhalten, muss der Einzelne sich selbst beantworten. Den notwendigen Schritt zum Menschsein zu vollziehen, schlägt die Uhr. Dass man mit den angestoßenen Geschehnissen nicht wirklich umgehen kann, zeigt die Machtlosigkeit im Umgang mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Technik Version 10.0 und doch nur Handlungsweise 0.10 – ein Abgrund  in den Natur und Mensch stürzen. Auf die Herausforderungen mit Naivität zu reagieren, veranschaulicht eine von Religion geprägte Haltung. Von Aufbegehren oder gar der Suche nach Antworten findet sich nur eine sehr feine Spur.

Genügt es wirklich das Plastikspielzeug vom Tisch zu nehmen, die letzten Zeitungsausschnitte in Luft aufzulösen, die Farbe Rosa dem Spektrum der Hoffnung zuzuordnen?

 

C.M.Meier

 

DEA Bruder Sense und Frau U

von Pelikan Önobu
Deutsch von Otone Sato

Christoph Dähne, Masako Ogura, Irmela Jane Purvis, Birgit Werner

Regie: Otone Sato

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