Theater Viel Lärm um Nichts Die Nashörner von Eugène Ionesco


 

Wir sind die Herde

Eine Stadt ist in Auflösung begriffen. Es geschah an einem Sonntagvormittag. Behringer, ein zurückhaltender, schüchterner Verlagsmitarbeiter mit einem deutlich sichtbaren Alkoholproblem, muss eine Standpauke von seinem Freund Hans über sich ergehen lassen, als plötzlich ein Nashorn die Straße entlang galoppiert und die verblüfften Bewohner in einer Staubwolke zurücklässt. Und noch einmal. Man diskutiert, ob es sich um zwei oder ein und dasselbe Nashorn gehandelt hat und ob es mit einem oder zwei Hörnern ausgestattet war. Am nächsten Tag wird das Problem in der Verlagsredaktion ausgiebig diskutiert, vorerst ohne Ergebnis, doch dann taucht Frau Ochs auf, um ihren Mann zu entschuldigen, der angeblich mit einer leichten Grippe auswärts weilt. Dann jedoch ertönt unvermittelt ein dumpfes Schnaufen vor dem Redaktionsgebäude und Frau Ochs erkennt in dem Nashorn, das den Treppenaufgang zur Redaktion gründlich ruiniert, zweifelsfrei ihren Mann.

Als Behringer am nächsten Tag seinen Freund Hans besucht, muss er die seltsame Verwandlung des Menschen in ein Nashorn miterleben. Entsetzt und verängstigt, derselben Epidemie zu erliegen, verkriecht er sich in seiner Wohnung. Als ihn der Kollege Stech besucht, erfährt er, dass sich sämtliche Kollegen der ominösen Verwandlung ergeben haben. Auch bei Stech machen sich bereits die Symptome bemerkbar. Zurück bleiben Behringer und die Sekretärin Daisy, der er in dieser Ausnahmesituation endlich seine Liebe erklären kann. Doch auch Daisy spürt das animalisch-wollüstige Gefühl, sich in einen gewaltigen Dickhäuter verwandeln zu wollen. Behringer bleibt standhaft. So ist er der letzte, der menschlichen Spezies, unbeugsam und entschlossen…

Eugène Ionescos Geniestreich über einen virulenten Massenwahn entstand nur ein dutzend Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der auch und vor allem möglich war, weil ein ganzes Volk einer Idee verfiel, für die Ionescos „Rhinozeritis“ stellvertretend stehen könnte. Der rumänisch-französische Dramatiker schuf mit seinem Drama gleichsam ein zeitloses Stück. Er beschrieb auf treffliche Weise, dass es der menschlichen Natur eigen ist, sich wahnhaften Ideen willig zu ergeben. Der Mensch sucht die Gemeinschaft, in der er sich selbst fühlt und in der er ausleben kann, was ihm durch die herrschenden gesellschaftlichen Konventionen versagt bleibt, in der er schlichtweg unter Verzicht auf seinen individuellen Willen im allgemeinen und verbindenden Gefühl aufgehen kann. Voraussetzung ist zumeist ein selbstentfremdeter, vom Gesetz disziplinierter und häufig frustrierter Mensch. Durch eine wahnhafte Idee von der Selbstkontrolle enthoben, bricht es dann aus ihm heraus. Je animalischer, umso besser; je fanatischer, umso hingebungsvoller bringt er sich ein. Ein Nashorn ist dafür eine geradezu ideale Existenz: keine natürlichen Feinde, enorm kraftvoll, mit imposanter Erscheinung und mit einem undurchdringlichen Panzer ist man quasi unverletzbar. Dann ist Schluss mit den alltäglichen Demütigungen, als die man die eigenen Bedeutungslosigkeit empfindet, Schluss mit der devoten Unterordnung, die so schmerzt, weil man sich doch zu Höherem berufen fühlt. Also ergibt man sich willig. Und in der Herde geht man auf als Teil eines (unüberwindlichen) Ganzen. Ionescos Stücke sind Theater des Absurden und sie beschreiben auf absurde Weise eine Realität, die allenthalben existiert und von uns gar nicht als so absurd empfunden wird.  

 
  Die-Nashoerner  
 

v.l.: Alexander Wagner ( Herr mit Fliege ) ,Marion Niederländer ( Hausfrau)  , Melda Hazirci ( Daisy ), Sven Schöcker ( der Ladenbesitzer ), Sebastian Krawczynski ( Hans )

© Hilda Lobinger

 

 

Andreas Seyferth brachte „Die Nashörner“ im Theater Viel Lärm um Nichts auf die Bühne. Die Bilder der Inszenierung von „Die Stühle“ noch vor Augen, muss dem Regisseur ein Händchen für das Theater des Absurden bescheinigt werden. Dabei überrascht Seyferth mit jeder Inszenierung aufs Neue, denn seine Ästhetik folgt keinem bewährten Rezept. Für „Die Nashörner“  schuf ihm Peter Schultze ein weitestgehend virtuelles Bühnenbild. Einige Caféhaustische waren auf der Spielfläche angeordnet, die von drei Gazevorhängen begrenzt war. Als das Spiel begann, entstand vor den Augen der Zuschauer eine in Comicmanier gezeichnete Kulisse. Diese änderte sich jeweils mit dem Handlungsort. Es war ein bezaubernder Einfall, der nichts zu wünschen übrig ließ. In einem gezeichneten Fernseher ließen sich sogar „Tagesschau“-Nachrichten verfolgen, in denen auch die „Rhinozeritis“ zur Sprache kam und in denen von der Ratlosigkeit der Regierung gesprochen wurde. Ratlosigkeit – man kann sie inzwischen als eine der Grundeigenschaften von aktueller Politik bezeichnen.

Die Rolle des Behringer spielte sehr überzeugend und facettenreich Philipp Weiche. Sein Outfit war ziemlich ruiniert, hatte in den nächtlichen Kneipentouren stark gelitten. Die anderen Figuren agierten indes in Anzügen mit leuchtenden Farben, die sich deutlich voneinander unterschieden. Es war die Zeit, in der Individualität noch unangefochten war. Melda Hazirci machte als Daisy in einem leuchtend roten Kleid eine wunderbar anzuschauende Figur. Geleckt und gelackt stolzierten die Bürger der Stadt einher und philosophierten, wie Chris Mancin als Logiker (des Absurden), einem wissbegierigen Herrn mit Fliege, gespielt von Alxander Wagner, die blödsinnigsten Syllogismen erklärend. Sven Schöckers Herr Stech war der unerschütterlichen Überzeugung, dass sich am Ende doch alles stets zum Besten wenden würde: "Es wird vorbeigehen." Widerspruch erfuhr er allerdings von der beflissen-hysterischen Frau Wisser. Marion Niederländers Spiel erinnerte an die Bissigkeit eine Terriers. Sebastian Krawczynski warf seine propere Körperlichkeit in die Waagschale und vermittelte als Hans durchaus anschaulich die Verwandlung eines Menschen in ein Nashorn. Dabei toppte er die verstörenden und bedrohlichen Klänge Kai Taschner (Klangdesign) mit seinen stimmlichen Metamorphosen.

Andreas Seyferth inszenierte klar und gradlinig, auf den Text und die Fähigkeiten seiner Darsteller vertrauend, ohne überflüssiges Beiwerk. Die Selbstverständlichkeit, mit der Absurdes auf der Bühne als Realität verbreitet wurde, machte unmissverständlich deutlich, wie absurd die Realität ist, wenn man diese nur zu schauen vermag. Die fast zwei Stunden vergingen wie im Flug und ließen keine Fragen offen. Auch diese Arbeit war, wie schon „Die Stühle“, wenn auch gänzlich anders, so doch gelungen und bewies einmal mehr, dass Ionesco auch als Klassiker der Moderne brandaktuell sein kann. Immerhin unterstellt man den Klassikern allzu häufig durchschlagende Wirkungslosigkeit. Wenn im Theater Viel Lärm um Nichts der verzweifelt und lautstark opponierende Behringer von Unmengen Nashörnern umzingelt ist, heißt das nichts anderes, als dass die Nashörner wieder auf dem Vormarsch sind. Man muss sie nur sehen können. Denn Nashörner sind in diesem Kontext ein Ausdruck für Totalitarismus, der stets auf der Lauer liegt. Er ist omnipräsent und marschiert, heißt auch Monopol oder Freihandelsabkommen, Facebook oder Shitstorm, Pegida oder Religionskampf, Fußball oder Datenspeicherung. Wenn man ganz still ist, kann man sie atmen hören …

 

Wolf Banitzki

 


Die Nashörner

von Eugène Ionesco

Melda Hazirci, Sebastian Krawczynski, Chris Mancin, Marion Niederländer, Sven Schöcker, Alxander Wagner, Philipp Weiche

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts  Wölfe und Schafe von Alexander Nikolajewitsch Ostrowski


 

 

Wenn Schafe die Zähne fletschen

Er besuchte die interessantesten „Bildungsstätten“ und schuf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts grandiose Komödien, beinahe 50 an der Zahl, die an Aktualität kaum etwas eingebüßt haben. 1823 als Sohn eines kleinen Gerichtsbeamten im Moskauer Kaufmannsviertel geboren, zog es ihn von der gymnasialen Schulbank weg ins Moskauer „Kleine Theater“. Das Jurastudium brach er ab und wurde Schreiber am Moskauer „Gewissensgericht“, eine Einrichtung, die familiäre Streitigkeiten beilegte oder familiäre Kriminalfälle entschied. Hier erhielt er intimste Einblicke in das Leben des Adels und der reichen Kaufleute und Bürger. Später konnte er seine Studien als Kanzlist am Moskauer Handelsgericht fortsetzen, wo er mit den betrügerischen Tricks der Kaufleute und Händler und deren Moral vertraut wurde. Mit vielen, zutiefst menschlichen Erfahrungen negativer Natur ausgestattet, machte er sich mit 28 Jahren als Dramatiker selbständig.  

Obgleich Ostrowsi in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der meistgespieltesten Theaterautoren war, kann von finanziellen Erfolgen nicht die Rede sein, denn in Russland wurden Theaterautoren kaum oder gar nicht bezahlt. Auch hatte er einige Widerstände von Seiten der Zensur zu überwinden. Sein Stück „Bankrott“ aus dem Jahr 1849 wurde vom Zensor mit den Worten verboten: „Alle handelnden Personen sind ausgemachte Schurken. (…) Das Stück ist eine Beleidigung der Kaufmannschaft.“ Zar Nikolai I. unterstützte dieses Verbot mit der Randglosse auf dem Komitee-Gutachten: „Ganz richtig. Umsonst gedruckt. Spielen verboten!“ Zudem stellte er Ostrowski unter Polizeiaufsicht. Was für „Bankrott“ in Bezug auf die Charaktere der handelnden Figuren zutraf, trifft im Wesentlichen auch auf die der Komödie „Wölfe und Schafe“ aus dem Jahr 1875 zu.

Die Fäden werden in dieser Komödie, der ein wahrer Gerichtsfall zugrunde liegt, von einer gewissen Meropa Dawydna, einem 65jährigen Fräulein gezogen, die zur Sanierung ihres eigenen Gutes ein Auge auf das Vermögen der jungen, reichen und leidlich unbedarften Witwe Jewlampia Nikolajewna geworfen hat. Ihr Verbündeter in den unredlichen Machenschaften ist das Ex-Mitglied des Kreisgerichtes Wukol Naumytsch, ein mit allen Wassern gewaschenes Schlitzohr. Der kürzeste Weg, um an das Vermögen der jungen Witwe zu gelangen ist, sie mit dem verblödeten und zum Suff neigenden Neffen Apollon Wiktoritsch zu vermählen. Doch der stellt sich derart ungeschickt an, dass die Witwe auf das Werben des Ex-Soldaten nicht anspringt. Nun ist das Talent von Klawdi Gorjetzki gefragt, Wukol Naumytschs Neffe und Meister in der Kunst der Kalligrafie. Ein Dokument wird produziert, das die Witwe Jewlampia Nikolajewna um ihr Vermögen bringen könnte, wäre da nicht Wassili Iwanytsch Berkutow. Er hatte der jungen Witwe bereits zu Lebzeiten ihres Gatten den Hof gemacht und die weibliche Festung sturmreif geschossen. Nun ist er gekommen, um sie und ihren beträchtlichen Besitz im Handstreich zu nehmen. Das gelingt und plötzlich stellen die lokalen „Wölfe“ fest, dass sie unversehens zu „Schafen“ mutiert sind. Es gibt aber auch andere Strategien, sich zu sanieren, wie die verarmte Verwandte von Meropa Dawydna, Glafira Alexejewna beweist. Lediglich mit weiblicher Raffinesse erobert sie Michail Borissowitsch, einen ehrenamtlichen Friedensrichter, ein Mann, der die Vorzüge der physischen aber auch der mentalen Horizontalen zu schätzen weiß. Sein Erwachen ist ein ebenso böses.

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Andreas Seyferth, Denis Fink

© Hilda Lobinger

 

Peter Schultzes Spielraum hielt eine schmalstrukturierte Spielfläche, einen mit weißen Flokati belegten Laufsteg vor, der an die Form eines russisch-orthodoxen Kreuzes erinnerte. Man wandelte naturgemäß auf den Fundamenten der Kirche und unterstrich beinahe jede wichtige Aussage mit dem Schlagen des Kreuzes vor der Brust, egal, ob man damit den Zorn Gottes erregen würde. Das nennt sich Bigotterie. Im Hintergrund waren mit dunkler Gaze dezent beleuchtete Logen abgeteilt. Es waren die Wohnstätten der einzelnen Protagonisten. Darin tat man, was man charakteristischerweise tat, jeder für sich. Das schuf Atmosphäre, ohne Salonbehaglichkeit heraufzubeschwören oder zuzulassen. Tatsächlich gelang Regisseur Andreas Seyferth mehr ein zeitgenössisches Destillat als eine opulente historische Boulevardkomödie, welches den Spaß aber keinesfalls vermissen ließ. Und Dank der wunderbaren Leistungen der Schauspieler war der durchaus lehrreiche Abend ein ebenso amüsanter.

Die kleine, sehr zerbrechlich wirkende Margrit Carls als Meropa Dawydna nahm in dieser Rolle monströse Ausmaße einer gänzlich skrupellosen und mit gewaltiger negativer Energie geladenen Intrigantin an. Ihr zur Seite Andreas Seyferth als kanzleistaubtrockener Hexenmeister in Fragen der manipulativen Dokumentengestaltung. Als Wukol Naumytsch mit clownesken Zügen zauberte er für jeden noch so unlösbaren gordischen Knoten ein papiernes Schwert hervor. Willig und devot, erfahren in jedem buchhalterischen Sündenfall, blieb er auch im großen Finale ein Überlebender. Dieses Finale dominierte Sebastian Kalhammer, alias Wassili Iwanytsch Berkutow, ein „Wolf“ von den Schauplätzen dieser Welt, auf denen die wirklichen Schlachten ausgefochten werden. Kalt, glatt und eloquent, hinter modischer Sonnenbrille, kaltglänzendem Anzug und geschliffener Rhetorik verschanzt, verschlang er den ganzen intriganten Haufen mühelos. Und als er am Ende sein Resümee zog, dem alle mehr oder weniger zähneknirschend zustimmen mussten, schmückte ihn zudem auch noch die schöne junge Witwe Jewlampia Nikolajewna. Die zuvor agile und lebenslustige Anna Veit verlieh ihr am Ende einen zarten Hauch Wehmut über die verlorene Freiheit, tröstete sich allerdings schnell mit einem probaten Mittel: Shopping. Weit peinvoller zeichnete sich die Zukunft von Michail Borissowitsch am Horizont ab. Der reiche ehrenamtliche Friedensrichter, dessen oberstes Gebot immer seine Freiheit gewesen war, um seiner Faulheit und seiner Indolenz hemmungslos frönen zu können, Hubert Bail gestaltete diese Rolle mehr als würdig, wurde jetzt von einer gnadenlosen Glafira Alexejewna am Nasenring durch das (Ehe-) Leben geführt. Yasmin Ott verlieh dieser Rolle unwiderstehlichen Charme in der Phase der Eroberung und Bösartigkeit nach dem Sieg.

Alexander Eliasberg schrieb in seiner „Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts“ sehr zutreffend: „Ostrowski war Anhänger des reinsten Realismus und jeder gewollten Tendenz abhold. Selbst seine negativen Gestalten haben immer auch etwas Menschlich-Positives, und man findet bei ihm weder absolute Schurken noch absolute Heilige.“ Anders können wohl Komödienhelden kaum überzeugen. Eliasberg gestand Alexander Nikolajewitsch Ostrowski zu, der wichtigste Dramatiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein, sprach ihm aber literarisch den höchsten Rang ab. Auch damit mag er wohl Recht haben. Ungeachtet dessen bewies aber die Inszenierung im Theater Viel Lärm um Nichts in der Pasinger Fabrik, dass Ostrowskis Komödien nicht nur spielbar und hochaktuell sind, sondern dass sie in gelungenen Inszenierungen durchaus über zeitgenössische Entwürfe hinausgelangen. Ach übrigens: Wo sind eigentlich die guten Komödien unserer Zeit?

Wolf Banitzki

 


Wölfe und Schafe

Eine bestialische Komödie
von Alexander Nikolajewitsch Ostrowski

Hubert Bail, Margrit Carls, Denis Fink, Walter von Hauff, Yasmin Ott, Sebastian Kalhammer, Anna Veit, Alexander Wagner

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts Waidmannsheil! von Susanne Hinkelbein


 

 

Ernsthaft!

Wir wollen es nicht wahrhaben, doch es ist gewiss: Wir sind alle auch potenzielle Mörder. Seit Kain und Abel steht es fest. Und so lange sich da draußen noch irgendetwas regt, gilt es, auf der Hut zu sein. Das ganze idealistische Geschwafel von Frieden, Gewaltlosigkeit, Menschenliebe, Mitgefühl u.a. ist schlichtweg für die Katz. Wer nicht bereit ist, präventiv von der Waffe (von welcher auch immer) Gebrauch zu machen, muss sich nicht wundern, wenn er plötzlich erkennt, dass er der Gejagte ist. Die Amerikaner haben uns da einiges voraus. Ihre Antwort auf die Frage: „Was hilft gegen eine Waffe in der Hand eines bösen Mensch?“ ist einfach und überzeugend: „Eine Waffe in der Hand eines guten Menschen!“ Es ist endlich an der Zeit, Waffenhändler und Produzenten nicht mehr wie Aussätzige zu behandeln. Sie sind die eigentlich hell- und weitsichtigen Zeitgenossen. Wenn es uns denn einmal an den Kragen geht und wir in den Lauf einer Waffe schauen, hilft es gar nichts, wenn wir uns einzureden versuchen, dass wir doch die Guten sind. Klar sind wir die Guten. Die Bösen sind ja die Nachbarn und die zahllosen anderen zwielichtigen Gestalten, die sich immer so freundlich geben. Aber das Gute will verteidigt sein. Wenn nötig, mit der Waffe in der Hand. Jeder weiß doch, dass die anderen schlecht über uns reden und uns Böses wollen. Müssen sie doch, wir tun es ja auch. Sein wir doch einmal aufrichtig: Was wir Zivilisation nennen, ist nur ein einziger großer Selbstbetrug.

Susanne Hinkelbein hat bereits 2004 eine Arbeit zum Thema vorgelegt, eine Fallstudie, oder so etwas ähnliches, in dem sie das menschliche Wesen gnadenlos entlarvt. Frau Hinkelbein muss es schließlich wissen, sie hat in Stuttgart, in Schwaben, das Licht der Welt erblickt. Das hat sicherlich etwas zu bedeuten! Möglicherweise aber auch nicht. Diese wunderbare Arbeit (im welthistorischen Rang von „Untergang des Abendlandes“ von O. Spengler) hat leider viel zu wenig Aufmerksamkeit erregt. Aber so ist es nun einmal mit der Wahrheit. Sie setzt sich selten durch, weil das Böse die Wahrheit scheut wie der Vampir das Tageslicht. Oder hat irgendwer schon einmal einen Vampir am helllichten Tag gesehen? Fakt ist: Wir hätten mit einigen gut gezielten Schüssen so manchen Amoklauf verhindern können. Soviel ist mal sicher.

In der Arbeit mit dem sagenumwobenen Titel „Waidmannsheil!“, Frau Hinkelbein hat, wie seinerzeit Platon zur besseren Veranschaulichung der Inhalte, eine dramatische Form, den Dialog gewählt, analysiert die studierte Psychologin die Psyche einer besonderen Spezies, nämlich des Jägers. Aufgemerkt! In jedem von uns steckt ein Jäger, selbst, wenn er ein Sammler ist. („Es muss der Held nach altem Brauch den tierisch rohen Mächten unterliegen.“ Heinrich Heine, Programmheft) Es ist der Autorin gelungen, die Inhalte von allem Versöhnlichen, von allen Unaufrichtigkeiten, von allen verlogenen gesellschaftlichen Übereinkünften zu befreien. Heraus kamen kristallklare Einsichten, die fraglos überzeugen. Hier zum besseren Verständnis ein Beispiel:
Gustav: Warum warst eigentlich net auf der Beerdigung vom Franz?
Rudolf: Mit dem bin i quitt.
Gustav: Was hat er dir tan?
Rudolf: Nix, aber i bin halt quitt mit eam.
Gustav: Wieso?
Rudolf: Weil der zu meiner Beerdigung auch net kommt.

Selten war Logik so zwingend und entwaffnend. Dabei sollte doch alles zu einer soliden Bewaffnung führen, denn Gefahr ist ständig im Verzug. Wenn z.B. ein Mensch einem Menschen hilft, bedeutet das zuallererst einmal, dass sich da Individuen (gegen etwas oder jemanden) zusammenrotten. Wenn eine fröhliche Gesellschaft durch den Wald marschiert, bedeutet das genau genommen, dass die Fröhlichkeit Ausdruck von Häme, Missgunst oder sonstigen Gefühlsregungen ist, die stets auf Kosten anderer stattfindet. Denn es ist eine unumstößliche Wahrheit, das es naturgegeben (vornehmlich in Dörfern und auf abgelegenen Waldlichtungen) keinen Frohsinn gibt. Das Leben ist Kampf, Überlebenskampf.
Eine nicht zu ignorierende Größe ist aber auch der Irrtum, der durchaus tödlich sein kann. Eine simple Negation der Negation kann schnell mal sechs Menschenleben kosten. Doch das soll an dieser Stelle nicht näher erläutert werden.

Alexandra Hartmann-Schöcker, sie wird im Programmheft als Regisseurin aufgeführt, zeichnete für die Einrichtung der Veranstaltung verantwortlich. Sie ließ sich von einem gewissen Herrn Peter Schultze einen „Hochsitz“ zimmern, auf dem, und das machte durchaus Sinn, zwei Schauspieler Platz nahmen. Hannes Berg und Winfried Hübner hatten die Texte von Frau Hinkelbein auswendig gelernt und gaben diese ordentlich wieder. Interessant an dem Vorgang war, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, die Texte spiegelten die tatsächlichen Emotionen der Herren wider. Es entstand ein beängstigender Realismus, der umso verstörender war, da die beiden Herren mit Waffen ausgestattet waren. Sollten Sie, verehrter Leser, eine schusssichere Weste daheim haben, sie sollte, ebenso wie ein anständiges Arsenal an Handfeuerwaffen, in keinem ordentlichen Haushalt fehlen, und sollten Sie sich entschließen, einen dieser Vortragsabende zu besuchen, legen Sie diese Weste getrost an. Zum Schaden kann es nicht sein.

Der „Hochsitz“ war eine sinnfällige Metapher, denn die beiden Herren saßen, wie das Wort schon sagt, höher. Die Einsichten, die vermittelt wurden, kamen folglich von einer höheren Warte. Nicht gänzlich entschlüsseln ließ sich die vermutlich ebenso metaphorisch gemeinte Aufforderung, besser erst einmal in jeden Hochsitz hinein zu feuern, um der Gefahr zu entgehen, dass aus selbigem heraus auf einen selbst gefeuert wird. Aber schon Kant hatte herausgefunden, dass das Ding an sich letztlich nicht erkennbar ist. Die vielleicht wichtigste Quintessenz des Abends war die sehr ernst zu nehmende Erkenntnis, dass Normalität eine Illusion ist: „Normal is gar nix. Solange noch irgendwas lebt außer dir, is gar nix normal. Das musst dir merken!“ Ernsthaft! „Das musst dir merken!“

 

Wolf Banitzki

 

FSK: 6
Prädikat: Pädagogisch besonders wertvoll, sehr unterhaltsam (Das ist in diesem Fall kein Anachronismus!)

 


Waidmannsheil!

Eine kleine Farce von Susanne Hinkelbein

Hannes Berg und Winfried Hübner

Regie: Alexandra Hartmann-Schöcker

Theater Viel Lärm um Nichts Mei Fähr Lady von Joseph Berlinger


 

 

„Lecker“, geht gar nicht! - "Basst scho!"

Die Chinesin Mei Ding putzt eigentlich ganz gerne, doch die Arbeit im Asia-Shop ihres Bruders beginnt sie zu langweilen. Immer wieder zieht es sie zum Wasser, zur Donau. Dort entdeckt die aus Shanghai stammende Frau ihre eigentliche Leidenschaft. Sie würde gern eine Fähre betreiben, Einheimische und Touristen über den Fluss setzen. Eine kleine Fähre wäre sogar vakant, doch der Kauf ist mit einer Bedingung verknüpft: Die Fährfrau muss perfektes Bairisch sprechen. Also besucht sie einen (Crash-) Kurs beim bairischen Dialektpapst Professor Ludwig Zehetner. Der Mann ist keine Erfindung des Autors, Regisseurs und Bühnenbildners Joseph Berlinger, sondern ein gestandener Professor und Autor des populären dreibändigen Standardwerks "Basst scho!"

Mei Ding ist nicht die einzige Lernende. Ihr gesellt sich der gediegene Manager Striede hinzu, der ein Bauernhaus in ländlicher Umgebung erworben hat und nun um gute Nachbarschaft mit den Eingeborenen buhlt. Dabei gilt es erst einmal, die Sprachbarriere zu überwinden. Der dritte lernwillige Geselle ist ein „reifer“ französischer Rapper, gerade aus Paris zugezogen, der sich in eine Kellnerin verguckt (Das Wort geht auch gar nicht!) hat, jedoch keinen Draht zu ihr findet. Die Dame hat deutliche Vorbehalte gegen Ausländer, was für den Herrn Boulanger nicht nachvollziehbar ist, denn schließlich ist er ja gar kein Ausländer. Er ist Franzose! Während sich die beiden Herren, beeindruckend differenziert von Titus Horst gespielt, schwertun mit dem Erlernen des „schönsten Dialekts“ des Landes, macht Mei Ding rasante Fortschritte. Auch nach einem knappen Jahr kommt es zwischen dem Manager Striede und seinen Nachbarn zu gravierenden Missverständnissen. Der französische Rapper Boulanger verliert seine angebetete Kellnerin angesichts der zur wahren Bayerin mutierenden Mei Ding im Dirndl (von Norma) schließlich und naturgemäß aus den Augen. So kann das Leben spielen.

Eva Sixt als Mei Ding wird den Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben mit ihrer silberfarbenen Perücke und im Billigdirndl gewandet. Immer wieder gab es Szenenapplaus, denn Frau Sixt sprach bairisch, aber mit chinesischer Sprachmelodie. Als (Sau-) Preiß war es für mich schwer zu unterscheiden, worin die faszinierendere Leistung bestand. Der Abend war keine Theaterveranstaltung im üblichen Sinn. Zwar fanden immer wieder witzige Szenen mit den eigenwilligen Schülern und dem Herrn Professor statt, doch diese rahmten eigentlich nur einen sehr gründlichen und überaus interessanten Exkurs über die wahrlich zungenbrecherische Sprache.

Ludwig Zehetner wusste Kurioses über die Sprache, ihre Entstehung und ihre Mutationen zu berichten. Dinge, die selbst einem Nichtbayern durchaus bekannt sind, wie zum Beispiel der Spruch: Barthel weiß, wo er den Most holt, entpuppte sich zumindest für mich als ein gravierendes Missverständnis. Etymologie kann spannend wie ein Krimi sein, insbesondere wenn wir uns eingestehen müssen, wie sehr wir häufig im Verständnis von einem Wort oder einer Redewendung daneben liegen. Überraschend ist auch die Vielzahl von Lehnwörtern aus dem Englischen und dem Französischen. Sosehr „Hinterwald“ kann Bayern also nie gewesen sein. Man lernt bereits zu Beginn des Abends, was gar nicht geht, zum Beispiel „lecker“. Hat man aber doch einmal den Zorn der Eingeborenen mit seiner Unkenntnis erregt, gibt es eine Zauberformel, die stets versöhnlich stimmt: "Basst scho!" Wer also in Bayern überleben will, kommt an der Sprache der Einheimischen auf Dauer nicht vorbei. Wenn gar nichts mehr geht auf dem Lande, bleibt allerdings immer noch der Umzug nach München. Da reicht Englisch.

Fraglos ist diese Sprache eine echte Hürde für den, der neben den üblichen Fremdsprachen nichts anderes kann als Hochdeutsch. In der mehr als zweistündigen Vorstellung (eine Pause) wurden schließlich auch Sätze, nicht unbedingt sinnvollen Inhalts, auf eine Leinwand projiziert. Unkundige (wie ich) hätten jede Wette verloren, dass diese scheinbar sinnlosen Vokalanhäufungen überhaupt einen Sinn haben könnten. Weit gefehlt. Gesprochen klangen diese Sätze schließlich wie Gedichte von Ernst Jandl, dem Großmeister der onomatopoetischen Dichtung.

Joseph Berlingers theatralisch in Szene gesetzte Vorlesung von Ludwig Zehetner hatte echten Unterhaltungswert und komödiantische Momente. Darüber hinaus war der Abend ein bewegendes Plädoyer nicht nur für bayerische Dialekte und die Schönheit mundartlicher Sprache schlechthin. Zehetner beendete den Abend nicht ohne den deutlichen Hinweis, dass Dialekte in der heutigen Kommunikationsgesellschaft bedrohte Kulturen sind. Wer auch immer Freude an Sprache und insbesondere an mundartlicher hat, sollte sich diese Aufführung im Theater Viel Lärm um Nichts in der Pasinger Fabrik keinesfalls entgehen lassen. Theater sollte immer horizonterweiternd sein. In diesem Fall steht der Sprachwissenschaftler Prof. Ludwig Zehetner mit seiner eigenen Person dafür ein.

 

Wolf Banitzki

 

Weitere Termine: 10. / 11. / 16. / 17. / 23. / 24. / 25. / 30. / 31. Oktober 2014

 


Mei Fähr Lady
Der Bairisch-Crashkurs mit Prof. Zehetner
Ein Gastspiel des TURMTHEATER REGENSBURG

von Joseph Berlinger

Mit: Ludwig Zehetner, Eva Sixt, Titus Horst
Stimme der Sekretärin: Alba Falchi
In den Videotracks: Werner Rösch, Josef Ettl, Hans Steinberger, Jürgen Wiss, Eva Schmidbauer, Evi Steinberger

Regie: Joseph Berlinger

Theater Viel Lärm um Nichts  Die Stühle von Eugène Ionesco


 

 

Über die Schönheit des Nichts

„Ich glaube nicht, dass zwischen schöpferischem und kognitivem Denken ein Widerspruch besteht; die Struktur des Geistes spiegelt wahrscheinlich die Struktur des Universums wider.“  (Eugène Ionesco:  Das Herz liegt nicht auf der Hand) Ein größeres, ein überzeugenderes Bild, obgleich nur als Glaubenssatz formuliert, ist kaum möglich. Es impliziert allerdings auch ein Stückweit die Unmöglichkeit eines vollkommenen und umfänglichen Weltbildes.
Kaum ein Dramatiker wurde zu Lebzeiten so heftig angefeindet wie Ionesco. Im wurde alles vorgeworfen und ebenso jeglicher Mangel zugeschrieben. Kann es ein größeres Lob geben? Wenn alle meinen, man liege falsch, kann man gar nicht falsch liegen. Sein wichtigstes Verteidigungsargument insbesondere gegen den Vorwurf, er sei Anti-Realist (und wolle zum Messias dieser Richtung avancieren) war die Untauglichkeit der Sprache für die Kunst. Da der Schriftsteller aber nichts anderes als die Sprache hat, muss er sie neu gestalten: „Die Sprache erneuern, heißt: die Vorstellung von der Welt, das Weltbild erneuern. Revolution bedeutet: die Denkformen des Menschenändern.“ (Ebenda)

Die menschliche Gesellschaft ist gänzlich ideologisch durchorganisiert, nur nimmt der Mensch das nicht mehr wahr, weil die Ideologie zur akzeptierten Daseinsform geworden ist. Sämtliche Ideologien, sie werden auch und vor allem in ihrer verkrusteten Sprache sichtbar, sind nur dazu da, die Urängste zu verwalten und zu handhaben. Eine Urangst, vielleicht die quälendste, resultiert aus der Endlichkeit unserer Existenz. Nichts bereitet dem Menschen mehr Probleme als der Gedanke, nach dem gelebten Leben ins Nichts gehen zu müssen. Keine Ideologie hat sich bisher als tauglich im Umgang mit diesen existenziellen Problemen erwiesen. Kunst sollte in jedem Fall über Ideologien hinausgehen. „Ein Kunstwerk, das ideologisch wäre und sonst gar nichts, wäre überflüssig (…) es wäre von minderem Wert als die Doktrin, die es veranschaulichen will (…) Ein ideologisches Stück kann nichts Besseres sein als die Vulgarisierung einer Ideologie.“ (Eugène Ionesco: Argumente und Argumente)

Genug des philosophischen Exkurses, doch mit nichts geringerem beschäftigen sich die Stücke der Theatermacher des Absurden. So auch „Die Stühle“, die zur Premiere am 2. Mai im Theater Viel Lärm um Nichts gerückt wurden. Ein Paar, sie sind seit fünfundsiebzig Jahren verheiratet und im stolzen Alter von (er) fünfundneunzig und (sie) vierundneunzig Jahren, lebt irgendwo auf einer Insel in einem schon etwas maroden Turm. Die Zeit verrinnt im Gleichmaß der Tage, die stets die gleichen Inhalte haben. Auf der grundrissartigen Bühne im Theater der Pasinger Fabrik vertröpfelte sie, um genau zu sein. An den zwei Wänden hinter der Bühne schimmerte eine endlose Wasserfläche. Über der Bühne waren im Karree rostige Zinkdachrinnen angebracht, aus denen es unablässig, vom Paar unbemerkt, tropfte. Der Raum von Lucia Nußbächer war sinnlich und abstrakt zugleich, ideal, um das Spiel des (nur scheinbar) Absurden zu vergegenständlichen, hör- und sichtbar zu machen, frei von vordergründigem Realismus.

Gleichwohl ist der im Drama beschriebene Tag kein Tag wie alle anderen, denn die beiden haben zu einer Gesellschaft geladen, in der die Philosophie des noch praktizierenden Hausmeisters (Hausmarschalls) öffentlich gemacht werden soll. Da er sich mit dem Reden schwer tut, wurde ein professioneller Redner verpflichtet, die Botschaft zu verkünden. Endlich treffen die Gäste ein. Ausgewählt und geladen wurden Besitzende und Wissende, Eliten also. Sie werden, obgleich sie für die Zuschauer unsichtbar bleiben, aufwendig begrüßt und platziert. Die Menge wächst an und bald schon ist der Raum mit Menschen und Stühlen überfüllt. Als schließlich auch noch der Kaiser erscheint, ist das Glück des Mannes vollkommen. Allein, er kann bis zum Kaiser nicht mehr vordringen. Als endlich der Redner (Im Text ist er eine reale Figur.) erscheint, bedarf es keines Zutuns der Alten mehr, wie sie meinen, und sie stürzen sich gemeinsam vom Turm ins Meer. Zu früh, wie sich herausstellt, denn der Redner ist taubstumm und als er eine Tafel zu Hilfe nimmt, erweisen sich seine Aufzeichnungen als sinnloses Wirrwarr.

Das Drama ist eine wundervolle, komplexe Metapher der menschlichen Gesellschaft, die sich zwar den Deutungsversuchen weitestgehend entzieht, die aber das Scheitern der menschlichen Existenz und die Unfähigkeit der Sinnvermittlung über eine erstarrte Sprache hinaus vermittelt. Die Stühle assoziieren gleichsam eine Theaterbestuhlung, der Alte in seinem visionären Drang einen Autor und der taubstummen Redner einen Schauspieler. Heraus kommt – Nichts! „Das Thema des Stückes (sind - W.B.) die Stühle selbst, das heißt die Abwesenheit der Menschen, die Abwesenheit des Kaisers, die Abwesenheit Gottes, die Abwesenheit der Materie, die Unwirklichkeit der Welt, die metaphysische Leere; das Thema des Stückes ist das Nichts (…) die Anwesenheit der Unsichtbaren muss immer greifbarer, immer wirklicher werden (will man dem Wirklichen Unwirklichkeit verleihen, so muss man dem Unwirklichen Wirklichkeit verleihen), bis man schließlich an den Punkt gelangt – der für den Verstand unzulässig, unannehmbar ist -, da das Unwirkliche zu sprechen, sich beinahe zu bewegen beginnt (…) das Nichts hörbar, konkret wird.“ (Eugène Ionesco in einem Brief an Sylvain Dhomme)

Nach der überaus gelungenen Premiere im Theater Viel Lärm um Nichts war schwer vorstellbar, dass man die Rollen der Alten anders als mit Andreas Seyferth und Margrit Carls hätte besetzen können. Andreas Seyferth qualifizierte sich bereits mit seiner grandiosen Darstellung des alten Krapp in „Krapps last tape“ von Beckett vor gut 12 Jahren. Nun erbrachte auch Margrit Carls den unumstößlichen Beweis ihrer Eignung für die skurrilen Figuren des Theaters des Absurden. Beide gaben ein virtuos kauziges Paar, das in ihrer Komik existenziell und in ihrer (Bühnen-) Existenz irrwitzig komisch war. Ihre Bezogenheit aufeinander und ihre zärtlichen Gesten füreinander waren berührend auch und vor allem in der Komik. Die feingesponnene Inszenierung von Eos Schopohl war ein poetischer Hochgenuss, der einige zauberhafte visuelle Überraschungen bereithielt. Die Regisseurin inszenierte das Stück nicht in der vom Autor vorgesehenen existenziellen Härte, in dem sie den Redner nicht mehr leibhaftig auftreten und die beiden Alten sich mit ekstatischen Bewegungen aus der Geschichte tanzten ließ. Dafür waren die Momente der Melancholie und der (Sprach-) Verwirrung von ganz besonderem Zauber.

Im Programmblatt heißt es: Ein magisches Experiment in Sachen theatralische Möglichkeiten! Eben dieses Experiment ist meisterlich gelungen und wer bislang noch immer Probleme mit dem Theater des Absurden hat, sollte diese Inszenierung als Einstiegsdroge nutzen. Derartiges wird sich wohl auch in der hochkarätigen Münchner Theaterlandschaft so schnell nicht wiederholen. Ein letztes wahres Wort von Ionesco zur Aufmunterung: „Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht.“

 

Wolf Banitzki

 


Die Stühle

Eine tragische Farce von Eugène Ionesco

Andreas Seyferth und Margrit Carls

Regie: Eos Schopohl

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