Theater Viel Lärm um Nichts Kennen Sie die Milchstraße?  von Karl Wittlinger


 

Sem - Aus der Welt gefallen

Geradezu übermächtig drängt sich die Figur des Beckmann aus Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ auf, wenn das Wort „Kriegsheimkehrer“ im Zusammenhang mit Dramatik fällt. Doch der Autor Karl Wittlinger betonte in einem ZEIT-Interview im Jahr 1959, dass es in seiner Geschichte - jenseits des Kriegsheimkehrerdramas - bei Samuel Kiefer, genannt Sem, um den Menschen geht, „der zwischen Hoffnung und Zwang einen persönlichen und begehbaren Lebensweg sucht“. Damit wäre ein Unterschied definiert. Während Beckmann nach seiner Rückkehr immer wieder von den Ereignissen des Krieges heimgesucht wird und er als wandelnde Anklage „Draußen vor der Tür“ keinen Zugang in die Gesellschaft, die zumeist aus Tätern besteht, findet, ist Sem, weitestgehend ohne Kriegsreflektion, ein Wiedereinstieg in die Nachkriegsgesellschaft aus bürokratischen Gründen verwehrt. Einmal für tot erklärt, ist seine statistische Existenz ausgelöscht, obgleich er biologisch real existiert.

Das hat natürlich auch ganz praktische Folgen, denn als er in sein Dorf heimkehrt, ist sein Erbe längst verteilt und seine Braut bei einem anderen unter der Haube. Um den Konflikt noch zusätzlich zu befeuern, hat Sem seine Papiere verloren, ist aber im Besitz der Papiere seines (sicher) toten Kriegskameraden Johannes Schwarz. Warum also nicht in dessen Identität schlüpfen und ein neues Leben anfangen? Der Haken an der Geschichte ist, dass Johannes Schwarz keine reine Weste hat und wegen Unterschlagung bei einer Versicherungsgesellschaft steckbrieflich gesucht wird. Doch auch das nimmt Sem in Kauf, denn was ist schon eine Strafverfolgung gegen ein eigenes Leben. Ein eigenes Leben ist größer als alle Strafen und alle Schuld, die es zu sühnen gilt. Doch Sem, der seine Geschichte immer wieder erzählt, landet zwangsläufig in der Irrenanstalt, wo er die Geschichte in dramatischer Form aufschreibt. Er kann seinen Arzt, der in einem früheren Leben Schauspieler war, dazu überreden, das Drama in der Klinik vor den Patienten und Ärzten aufzuführen. Die Kraft der Kunst bewirkt schließlich, dass … Doch das bleibt der Inszenierung von Andreas Seyferth im Theater Viel Lärm um Nichts vorbehalten.

Ob es Karl Wittlinger (1922 – 1994) nun passen würde oder nicht, es ist ein Kriegsheimkehrerdrama, und genau das ist der Punkt, wo die Klassifizierung als Komödie mit der Geschichte kollidiert. Wenn überhaupt, dann ist es eine Tragikomödie, denn zuletzt bleibt nur die Flucht in die Poesie, das Ausweichen auf (nicht in) die Milchstraße. Die Sterne werden in jedem Fall beschworen, um die Hoffnung nicht sterben zu lassen. Zweifelsohne birgt der Text viele komische Momente, doch Zweifel an der Allmacht der Bürokratie, eine unterschätzte Geißel der Menschheit, kommen nicht auf. Auch ist es Wittlinger nicht umfänglich gelungen, die Probleme in sprachliche Komik umzumünzen. Sätze wie: „Das menschliche Leben und die Behörden, das hat überhaupt nichts miteinander zu tun.“ muten komisch an, aber sind sie es auch? Komisch sind die Figuren, die die Sätze sprechen, wie der Amtsschreiber in Sems Dorf, wenn er verzweifelt ausruft: „Wenn du dabei gewesen wärst, was das für ein Affenzirkus war, mit den Behörden, bis wir dich tot gehabt haben! Du glaubst ja net, wie zäh so ein Mensch ist - auf dem Papier.“ Hinter diesem Satz steckt, und das ist dann nicht unbedingt komisch, dass sich der Amtsschreiber den Acker von Sem unter den Nagel gerissen hat und ihn auch behält. Es geht hier grundsätzlich um die (von wem auch immer gegebene) Ordnung: „Einmal tot, immer tot. Sonst ginge ja die amtliche Ordnung in die Brüche.“ Diese Ordnung bedient auch unlautere Interessen.

Es ist dennoch leicht, eine Aktualität in diesem Stück zu entdecken, spätestens wenn erklärt wird, dass Fremde wenig oder gar keine Chancen haben, Aufnahme zu finden, die „irgendwo auftauchen, wo sie nichts zu suchen haben: bei einem Fest, zu dem sie nicht eingeladen sind.“ Regisseur Andreas Seyferth hat in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass ihm komödiantisches Theater liegt. Mit Norbert Ortner (Sem) und Joachim Bauer hat er auch Darsteller verpflichtet, deren schauspielerisches Vermögen allemal geeignet ist. Und dennoch war das Ergebnis keine beschwingte, erheiternde Komödie, sondern eine etwas beschwerliche, leicht bittere Tragikomödie.

Dabei kann man nicht einmal unterstellen, Andreas Seyfert hätte etwas falsch gemacht. Das Bühnenbild von Peter Schultze erwies sich als praktikabel und hielt alles vor, auch atmosphärisch, was die Szenen implizierten. Norbert Ortners Sem war ein sensibler und zurückhaltender Sucher. Ortner bewies in der Rolle des Chefarztes indes auch, dass er auch sehr komisch sein kann. Joachim Bauer oblag es, alle anderen Rollen zu gestalten. Die überzeichnete er bis an die Grenzen, so vor allem den italienischen Kneipenwirt mit halbseidenem Hintergrund. Als Amtmann (in der zweiten Vorstellung) verselbständigte sich sein Bart, was er unbeeindruckt wegspielte. Hier ging es nicht um die pedantische Aufrechterhaltung von äußerer Form, sondern um improvisiertes Theater in einem Krankenhaus, bei dem Dilettantismus Bestandteil des Konzepts war.

Komödien sind Komödien, weil in ihnen Konflikte auf komische Weise gelöst werden, was beim Zuschauer immer auch zu einer Befreiung führt. Das ist im Theater Viel Lärm um Nichts nicht wirklich geschehen. Die Bürde des Konfliktes wog schwer und lastete auf den witzigen Dialogen.
Die Annalen berichten, dass das Stück in der Spielzeit 1958/59 das meistgespielte Stück in der BRD war und dass es in einer verknappten, auf Pointen setzenden Fassung (Wolfgang Neuss/Wolfgang Müller) erst an der Berliner Komödie und dann im deutschen Fernsehen mit riesigem Erfolg lief. Es ist, wie im Flyer zur Aufführung zutreffend geschrieben steht, „eine Geschichte aus der guten alten Bundesrepublik“. Doch die gibt es nicht mehr; Land und Leute haben sich verändert.

Vielleicht sind durch die Bewerbung der Inszenierung auch falsche Erwartungen geweckt worden. Bei allen redlichen Bemühungen der Regie und der Darsteller stellte sich das Komödien-Gefühl nicht umfänglich ein. Es blieb eher beim Schmunzeln und die Flucht auf die Milchstraße oder in die Poesie ist vermutlich auch nicht mehr zeitgemäß.

Wolf Banitzki


Kennen Sie die Milchstraße?

Komödie in vier Bildern mit einem Vor- und Nachspiel
von Karl Wittlinger

Mit: Norbert Ortner und Joachim Bauer

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts  August August, August von Pavel Kohout


 

Vorsicht! August!

August heißt mit Vor- und Zunamen August und sein Beruf ist: August. Er ist im Zirkus die unterste Sprosse der Leiter, doch er hat einen Traum. Er möchte die „Lizzipaner frisieren“, was übersetzt heißt, er würde ungeheuer gern die „acht Lipizzaner dressieren“. Doch das ist die Königsdisziplin und einzig dem Direktor vorbehalten. Als August dennoch sein Begehren anmeldet, zeigt sich der Direktor durchaus einsichtig, stellt jedoch drei Forderungen, die erfüllt werden müssen, um das ach so schwierige Amt des Dompteurs/Direktors einnehmen zu können. August sieht sich schier unlösbaren Aufgaben gegenüber, doch er gibt nicht auf. Wohin wird August sein Traum wohl bringen? Das Stück von Pavel Kohout wurde 1967 uraufgeführt, ein Jahr vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag. Es ist bekannt, wie der „Prager Frühling“, der Versuch, einen Sozialismus mit „menschlichem Antlitz“ zu etablieren, endete.

Pavel Kohout ist ein Aufrechter, einer, der seinen Teil beitragen will, um die Welt ein stückweit besser zu machen. Nach dem verheerenden 2. Weltkrieg glaubte er, wie viele andere Menschen auch, dass die Unzahl der Opfer ein Umdenken erzwingen würde, dass die Menschheit einen neuen Weg einschlagen müsse. Er trat 1946 in die kommunistische Partei ein und erlebte, was Lenin seinerzeit prophezeit hatte. „Den Kommunismus können nur die Kommunisten verhindern.“ Heute wissen wir, dass sie es erfolgreich geschafft haben. Vorerst jedenfalls; man sollte die Hoffnung nicht aufgeben.

Kohout musste erleben, wie die größten Ziele, die bedeutendsten Ideale der Menschheit von spießigen, mittelmäßig intelligenten, fantasielosen, machtbesessenen, von der Geschichte aus dem Bodensatz der Menschheit an die Oberfläche gespülten Kleinbürgern zu Tode verwaltet wurden. Freiheit verendete in Bevormundung, Mangelwirtschaft wurde durch Parteidekrete in Wohlstand um deklariert und Erfolge gab es nur noch in den alljährlich aufs Neue geschönten Statistiken. Die großen Ideen des Sozialismus und der Menschlichkeit verkamen zu leeren Worthülsen. Kohout begehrte auf, nicht als bewaffneter Partisan, sondern als Schriftsteller, und wurde geschasst, erst aus der Partei, dann aus seiner Heimat. Mundtot hat ihn das nicht gemacht.

Er war sensibel und behutsam in seiner Kritik, denn er wusste zu gut, wie die Zensoren, die seinen Alltag bevölkerten, reagieren. Sein Stück „August August, August“ ist geradezu ein Paradebeispiel für ein aufklärerisches Werk in einer vormundschaftlichen Gesellschaft. Der Maler und Architekt Lutz Brandt räumte Anfang der 1980er Jahre in Ostberlin einmal ein: „Ich verwende die Hälfte aller meiner künstlerischen Energien darauf, die Botschaften so zu verstecken, dass sie durch die Zensur gehen.“ Dabei blieb eine Menge schöpferischer Kraft auf der Strecke. Allerdings wurde der Formenkanon enorm bereichert. Kohout wählte für sein Stück die Parabel. Er siedelte seine Figuren in einem Zirkus an und spiegelte in diesem Bild die real existierende sozialistische Gesellschaft stalinistischer Prägung.

Einem heutigen Bundesbürger, der diese Gesellschaft nie erfahren hat, erschließen sich etliche Codes und Charakteristika nicht umfänglich, doch das tat dem Stück und auch der von Sven Schöker im Theater Viel Lärm um Nichts eingerichteten Inszenierung keinen Abbruch. Kohouts Protagonisten sind zuallererst Menschen und dann politische Führer, Volk oder Handlanger. Man sollte sich, solange es noch möglich ist, daran erinnern, dass die Deutschen nach nur vierzig Jahren Trennung erstaunt waren, wie unterschiedlich die jeweils anderen Deutschen tickten. Bei Kohout ist die Andersartigkeit innewohnend, jedoch nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar. Einem Tschechoslowaken oder auch einem Ostdeutschen drängen sich diese Facetten allerdings auf, werden geradezu zwingend.

  August August August  
 

Judith Bopp und Denis Fink

© Hilda Lobinger

 

Sven Schöker ist es gelungen, über die Geschichte (im Sinne von Historie) hinaus, verständliche und glaubhafte Charaktere auf die Bühne zu bringen, denn Mensch ist erst einmal Mensch. Sein Direktor, von Andreas Seyferth in der Pose des eloquenten Altruisten gespielt, war einer, der seine Machtposition und seine soziale Stellungen keinem auch noch so begabten Aspiranten auf dessen Posten kampf- oder intrigenlos überlassen würde. Diese zutiefst menschliche Eigenschaft existiert unabhängig von gesellschaftlichen Systemen, die sich durch den Besitz an Produktionsmitteln unterschieden, doch im „real existierenden Sozialismus“ war die angemaßte Kompetenz oder die vermeintliche Kompetenz ein wirkungsvolles Instrument im Machtkampf, denn wer konnte sich schon guten Gewissens dem gesellschaftlichen Fortschritt entgegen stellen? Marx definierte Freiheit als: Einsicht in die Notwendigkeit. Und was eine Notwendigkeit für den Sieg des Sozialismus war, das entschied die Partei, wobei hier nicht die Millionen von Mitgliedern gemeint waren, sondern die „Politbüros“.

Alexander Wagner gab auf der Bühne den „Stallmeister“, das willfährige Bindeglied zwischen Macht und Volk, im Grunde ein Vollstrecker des „höheren Willens“. Devot gegen seinen Herren und zynisch und voller Verachtung gegen August, der das abgehängte Volk repräsentierte, gab Wagner einen Einpeitscher, der sich allerdings des eigenen Mangels durchaus bewusst war. Es fehlte ihm gänzlich die Fantasie, etwas womit August bei aller (gespielten) Dümmlichkeit sogar unlösbare Probleme überwand. August hatte, um seinen eigenen Lebensanspruch zu realisieren, seine Kompetenz nachzuweisen. Eine dieser Aufgaben war die Beschaffung einer Ehefrau (Lulu), anrührend und clownesk von Judith Bopp gespielt, und die spielerische Zeugung eines Kindes. August bekam das prima hin und sorgte somit für Verzweiflung beim Direktor und seinem Adlaten. Denis Finks August war naiv und verträumt. Sein Wunsch, die acht Lipizzaner zu dressieren, stand für den Traum des Menschen nach Selbstverwirklichung schlechthin. Jeder Mensch ist von einem solchen Traum beseelt, doch geht der sehr selten in Erfüllung, weil es die äußeren Umstände oder missgünstige Menschen wie der Stallmeister, ein ebenso zur kurz gekommener, verbitterter und mit der Welt hadernder Mensch, es nicht zulassen.

Kohouts „Zirkusvorstellung für Erwachsene“ treibt Blüten in alle Richtungen. Sprachlich blühen sie in einem Garten bizarrer Schwurbeleien und die Logik stolpert quer durch Absurdistan. Wenn Marion Niederländer, die die Ehefrau des Direktors, aber auch den Vater der Lulu spielte, sang, blieb jegliches Verständnis außen vor. Melancholisch klang es und mancher Wortstamm der lautmalerischen Sprache schien etwas bedeuten zu wollen, doch unterm Strich blieb es nur beim Bauchgefühl. Und dieses Bauchgefühl wechselte in der turbulenten Geschichte immer wieder, denn Denis Finks August war tatsächlich der „arme August“, der die Watschen einstecken musste und der den schlimmsten Widrigkeiten mit schwer zu ergründendem Optimismus begegnete, der aber auch seinen Gefühlen freien Lauf ließ und aufheult wie eine Sirene, wenn ihm (kurzzeitig) der Mut oder die Hoffnung abhandenkam.

Regisseur Sven Schöcker gelang eine geschlossene Inszenierung mit durchweg guten szenischen Lösungen. Man kann nun keinesfalls sagen, dass der Spielraum in der Pasinger Fabrik Heiterkeit ausstrahlen würde, doch in dieser Inszenierung bildete er einen sinnvollen krassen Gegensatz zum spaßigen Anspruch, den eine Zirkusvorstellung normalerweise für sich reklamiert, und der Geschichte in ihrer düstersten gesellschaftlichen Dimension. Hier wurde das Raumgefühl um eine nicht unerhebliche Dosis Existenzialismus erweitert. Immerhin brachten die Kostüme von Johannes Schrödl einige sehenswerte Farbtupfer in den Keller der Geschichte. Die in Tiefschwarz gehaltene und somit kaum wahrnehmbare Manege von Peter Schultze wurde von einem kaltglitzernden und abweisenden Eingangsportal kontrastiert. Wer weiß, welches Grauen dahinter lauerte?

Das Zirkusorchester, in Personalunion von Marcus Tronsberg verkörpert, erzeugte schlagkräftig die Illusion von einem großen Lebenszirkus. Und darum ging es sowohl Autor wie auch den Machern auf der Bühne. Es war ein kurzweiliger Abend mit sehr gut agierenden Darstellern, die bei aller Traurigkeit, die uns das Schicksal des „armen Augusts“ immer und immer wieder aufs Neue vermittelt, Lachen machte. Und Lachen ist, zumindest temporär, ein probates Mittel gegen Geschichtspessimismus. Wieder einmal ist es dem Theater Viel Lärm um Nichts gelungen, besonderes Theater zu machen, es war heiter-düsteres Theater innerhalb größtmöglicher gesellschaftskritischer und somit auch trauriger Dimensionen.

Bei allem Geschichtspessimismus gibt es eine einfache Formel, die sich in der Historie mehrfach wiederholt bewahrheitet hat: Wenn dem August die Erfüllung seines Traums versagt bleibt, wackeln bald die Stühle der Direktoren. Also: Vorsicht! August! Das Fatale an der ganzen Geschichte ist, dass der August, wenn er denn Direktor ist, auch nur ein Direktor ist. Stellt sich also die Frage, ob man sich nicht langsam dazu durchringen sollte, die Direktoren gänzlich abzuschaffen. Es heißt immer, sie lösen die Probleme. Es kommt allerdings der Verdacht auf, sie seien das Problem. Es gibt Menschen, die haben schon deslängeren keinen mehr und die leben recht gut damit.

Wolf Banitzki

 

 


August August, August
Eine Zirkusvorstellung für Erwachsene
von Pavel Kohout
Deutsch von Lucie Taubovà

Mit: Denis Fink, Judith Bopp, Marion Niederländer, Andreas Seyferth, Alexander Wagner
und Marcus Tronsberg (Livemusik)

Regie Sven Schöcker

Theater Viel Lärm un Nichts  Das letzte Band von Samuel Beckett


 

Theater total

1958 traf Samuel Beckett in der BBC anlässlich der Erstausstrahlung von „All that fall“ den irischstämmigen Schauspieler Patrick Magee. Magee war ein Mann von ungestümem Wesen, der einem guten Whiskey, wie auch Beckett, nie abhold war. Beckett steckte zu dieser Zeit in einer tiefen Depression, schlug sich mit Krankheiten herum und wurde von Verlegern bedrängt, die auf einen neuen Roman warteten. Beckett zweifelte indes, ob ihm je wieder eine Prosaarbeit gelingen würde. Magee in seiner energiegeladenen Quirligkeit machte auf Beckett einen so mitreißenden Eindruck, dass er seine Antriebslosigkeit augenblicklich vergaß und ein weiteres Hörspiel plante. Heraus kam „Krapp’s last tape“, ein Theaterstück. Tatsächlich spielte Patrick Magee den Krapp in der Uraufführung und Beckett konstatierte erstaunt, dass es genau die Stimme war, die er im Innern beim Schreiben immer gehört hatte.


Vielleicht ist es der Entstehungsgeschichte zu danken, den menschlichen Anstößen, die dazu führte, dass der am meisten autobiografische Text, fern vom Intellektualismus von „Fin de Partie“ (Endspiel), entstand. Beckett stellte sich in diesem Text seiner eigenen Person. Doch dabei nicht mehr so erbarmungslos verloren in Schmerz und seelischer Erschöpfung wie in seinen Romanen. Jede Erwähnung, jeder Satzteil findet seine Entsprechung im Leben Becketts. Einen Großteil der Energien beim Schreiben des elfseitigen Textes (Suhrkamp Taschenbuchausgabe) verwandte der Autor immerhin darauf, das Autobiografische zu verklausulieren. Krapp, knapp siebzig Jahre alt, ein von äußerer Verwahrlosung und innerer Versandung gezeichneter Schriftsteller mit unbezähmbarem Appetit auf Bananen holt aus seinem Archiv eine Tonbandaufnahme (Schachtel drei, Spule 5), ein Tontagebuch gewissermaßen, um in seine Vergangenheit hinein zu lauschen. Das Tondokument wurde an seinem 39. Geburtstag aufgezeichnet. Das Register gibt Auskunft über den Inhalt: „Mutter endlich in Frieden (…) Das dunkle Dienstmädchen (…) Denkwürdiges Äquinoktium (Tagundnachtgleiche – Anm. W.B.) (…) Abschied von der Liebe.“ Das letzte Ereignis wird sich im Verlauf der Geschichte als das schicksalhafteste entpuppen.


Darin beschreibt Krapp seinen gemeinsamen Urlaub mit einem Mädchen am Meer und einer Bootsfahrt, bei der sich beide körperlich nahe kommen. Krapp verliert sich in der Unendlichkeit ihrer Augen und erlebt den großen Moment seines Lebens. Zugleich beschwört er den endgültigen Abschied: „Ich sagte noch einmal, ich fände es hoffnungslos und verfehlt weiterzumachen, und sie nickte, ohne ihre Augen zu öffnen.“ Die Größe des Augenblicks der Versenkung in ihre Augen beschreibt Krapp rückblickend mit den Worten: „Was für Augen sie hatte! (…) Da lag alles drin, der ganze alte Dreckball, alles Licht und Dunkel, alle Hungersnot und Völlerei der Jahrhunderte!“ Die junge Frau hieß im realen Leben Peggy Sinclair, eine Cousine mütterlicherseits, mit deren Familie Beckett 1929 einen Sommerurlaub an der Ostsee verbrachte. Peggy ermutigte den jungen Samuel Beckett, desgleichen aber auch einige Nebenbuhler. Angestachelt und gleichermaßen verwirrt wurde sie dabei von der tränenreichen Lektüre der „Effie Briest“, die zuletzt wegen ihrer gescheiterten Ehe und einer ausgebrochenen Tuberkulose in den Freitod ging. Ironischer Weise verstarb Peggy selbst nach nicht einmal zwei Jahren an Tuberkulose.


Nach dieser Episode war Becketts Verhältnis zu Frauen eher praktischer Natur. Er betrachtete ihre Notwendigkeit in den physischen Bedürfnissen begründet, weigerte sich aber weitestgehend, Frauen entscheidend an seinem Leben teilhaben zu lassen. Dairdre Bair schrieb in der einzigen von Beckett autorisierten Biografie: „Er glaubte, dass die Liebe, falls es so etwas überhaupt gab, bald der Gleichgültigkeit wich und dass für ihn deshalb Passivität die beste Haltung war. Das verminderte Komplikationen und Gefühlsaufwand.“ Das bezog sich auch auf seine Ehefrau. Nach der schleichenden emotionalen Trennung von ihr bevorzugte er den unproblematischen Umgang mit Prostituierten. Dennoch formulierte er mit sehnsüchtigem Unterton: „Vielleicht sind meine besten Jahre dahin. Da noch eine Aussicht auf Glück bestand. Aber ich wünsche sie nicht zurück. Jetzt nicht mehr, wo dieses Feuer in mir brennt. Nein, ich wünsche sie nicht zurück.“

  Das letzte Band  
 

Andreas Seyferth

 

Mit diesen Worten aus dem Mund von Andreas Seyferth endete die einstündige Inszenierung von „Das letzte Band“ im Theater Viel Lärm um Nichts und es brauchte einige tiefe Atemzüge, um die Faszination abzuschütteln. Es war allerdings keine Premiere im üblichen Sinn, denn diese Inszenierung kam bereits 2001 auf die Bühne. Dass sich die Macher nun dazu entschlossen, diese Inszenierung wieder aus der Versenkung zu holen, kann nur Zuspruch finden. Diese Arbeit ist alterslos und frei von Moden.


Es ist fraglos immer ein Risiko, ein Beckett-Stück auf die Bühne zu bringen, denn diese existenzialistischen Dramen des Absurden, schwer oder manchmal auch kaum verständlich, sind keineswegs abonnementfördernd. Es braucht häufig erst eines Schlüsselerlebnisses, um die Großartigkeit dieser Dramatik zu erkennen und sich von ihr einnehmen zu lassen. Die Inszenierung von Matthias Grundig hat diese Qualität und Andreas Seyferth ist noch einmal wunderbar nachgereift in der Rolle des Krapps. Auch an ihm sind die Jahre nicht ganz spurlos vorüber gegangen (Er mag mir diesen Satz verzeihen.) und so passte er noch perfekter in die Rolle, die Physiognomie eines beinahe Siebzigjährigen vorzustellen.


Doch nicht genug mit der vorzüglichen Äußerlichkeit; kein Dramenautor fordert so strikt Werktreue ein, wie Samuel Beckett. Jeder Versuch, Becketts Dramen umzudeuten, eine neue, von Becketts vorgegebener Ästhetik abweichende zu wählen, ist fast immer zum Scheitern verurteilt. Becketts Vorlagen sind bereits gerahmt und so kompliziert und vielschichtig durchdacht, dass jedes Abweichen das Bild zerstört. Bei Beckett hat man es nicht mit einem Ismus oder einer ästhetischen Strömung zu tun, sondern mit einem vollkommenen Individualstil. Er selbst formulierte es 1973 so: „Mit diesen Grotowskis und Methoden hab ich nichts am Hut. Das bestmögliche Stück ist eines in dem es keine Schauspieler gibt, nur Text. Ich bemühe mich darum, eins zu schreiben.“ Mit „Atem“ (Breath) und „Nicht ich“ (Not I) ist ihm das gänzlich gelungen. In letztgenanntem Stück ist nur noch ein Mund auf der Bühne.


Matthias Grundig hielt sich an (fast) alle Regieanweisungen peinlich genau und Andreas Seyferth sponn langsam und sehr komisch seine Schicksalsfäden. Jeder Ton, jede noch so winzige Geste, jede Mimik hatte Bedeutung und die verschmolzen in- und miteinander. Alle Beckettschen Figuren haben stets auch etwas Clowneskes. So auch Krapp, der über sich selbst sagt: „Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt, kaum zu glauben, dass ich je so blöde war.“ Er zelebrierte das Wort „Spuuule“ und verlor sich dabei fast wie ein komplett Debiler. Er wurde immer wieder von seiner Gier nach Bananen übermannt und es war nicht unbedingt sicher, ob es eine höhere Einsicht war, dass er sie nicht aß oder vielleicht nur Vergesslichkeit. Krapp ist ein Mensch, ein erbarmungswürdiges Geschöpf, das sich in seinem Scheitern selbst noch schlüssig erklärt. Krapp ist ein Leben, gelebt, unumkehrbar und randvoll mit absurden Wendungen. Dabei keinesfalls lebensfremd. Wenn überhaupt negative Kritik an der Inszenierung geübt werden kann, dann vielleicht daran, dass Krapps Kostüm die von Beckett geforderte Patina fehlte: „Speckige schwarze Hose, die ihm zu eng und zu kurz ist. Speckige schwarze ärmellose Weste (…) Schmieriges weißes Hemd, am Hals offen, ohne Kragen.“


Die Inszenierung kam dem sehr nahe, was Alec Reid als Definition Beckettschen Theaters formulierte: „Es sind nicht die Worte, die Bewegungen, das visuelle Schauspiel, die einzeln eine solche Wirkung erzielen; es ist die neue Erfahrung, die erst durch ihre Kombination auf der Bühne entsteht. Diesen Vorgang, bei dem Auge, Ohr, Verstand und Gefühl alle gleichbedeutend beteiligt sind, wollen wir totales Theater nennen.“ So und nicht anders sollte Beckett inszeniert und rezipiert werden. Wenn das gelingt, hat der Vorgang Offenbarungscharakter. Der Inszenierung im Theater Viel Lärm um Nichts kann man diese Qualität freudig zugestehen. Grandios wie am ersten Tag vor sechzehn Jahren!


Wer keine Erfahrungen mit experimentellem Theater hat aber aufgeschlossen ist, dem sei diese Inszenierung als Einstiegsdroge wärmstens empfohlen. Für Beckettfans ist sie ein unbedingtes Muss. Sowas gibt es nur einmal im Jahrzehnt. Also, die Jahre nicht verstreichen lassen, denn: „Was ist schon ein Jahr, heutzutage? Bitteres Wiederkäuen und steinharter Stuhl.“ (Krapp)

Wolf Banitzki

 


Das letzte Band

von Samuel Beckett

 Andreas Seyferth

Regie: Matthias Grundig

Theater Viel Lärm um Nichts  FeierAbend! von Margit Carls


 

Dämmerung im Abendland

Das Modell „Erwerbsarbeit“ ist ein Auslaufmodell, soviel ist mal sicher. Nur noch 20% sind im Wert schaffenden Bereich tätig! Die voranschreitende Automatisierung und Digitalisierung setzt immer mehr Arbeitnehmer frei. Haben sie halt Freizeit, sagte dereinst Keynes, und das Wachstum endet. Die Welt ist (zumindest für uns scheinbar) behaglich eingerichtet. Keynes´ Voraussage, dass die Arbeitszeit mit dem Einkommenszuwachs abnehmen werde, da der Mensch seine Bedürfnisse mit dem erzielten Einkommen befriedigen könne, ist schlichtweg Unsinn. Keynes hatte einen wesentlichen Faktor übersehen, nämlich die Gier. Es reicht die Gier einiger weniger, um die Welt aus dem Lot zu bringen, und den Kreislauf „Wachstum“ am Leben zu erhalten. (Gandhi) Gier kennt keine Grenzen und schon gar keine Skrupel. Inzwischen erscheint das Modell „Erwerbsarbeit“ zivilisiert und in einem recht angenehmen Licht. Doch das Wesen von „Erwerbsarbeit“ hat sich keinen Deut verändert. Der „doppelt freie Lohnarbeiter“ (frei von Besitz an Produktionsmitteln und frei von Mitteln zum Lebenserhalt) muss sich selbst, also seine Arbeitskraft auf den Markt tragen und verkaufen. Der Unternehmer reklamiert hernach den Großteil des Ertrags für sich, da er die in seinem Besitz befindlichen Produktionsmittel zur Verfügung stellt. Genau genommen ist das eine Form von Erpressung des Schwächeren durch den (vermeintlich) Stärkeren. Das ist das Wesen von „Erwerbsarbeit“.

Dank eines jahrhundertelangen Arbeitskampfes erscheint die Gesellschaft heute als zivilisiert und die Arbeit als gerecht und zumutbar. Doch spätestens, wenn man sich die Verteilung des Ertrages anschaut, wird deutlich, dass es sich nach wie vor um Ausbeutung handelt, in der 90 % der Arbeitnehmer ausgebeutet werden (selbst die mit sehr gutem Einkommen) und 10 % Unternehmer und Besitzer ausbeuten, eine kleine Schicht, die mehr als 50 % allen Weltbesitzes ihr Eigentum nennt. Ein grundlegendes Gesetz ist dem Kapitalismus immanent: Reichtum ist ohne Armut nicht möglich. Geld verliert an Wert, wenn genug davon da ist. Arbeitslosigkeit, Mangel und existenzielle Nöte sind notwendig, um das kapitalistische System stabil zu halten. Zyniker (Auch Freie Liberale genannt!) sagen dazu: Das regelt der Markt, der nach Angebot und Nachfrage funktioniert.

Die Politik, verzweifelt angerufen vom verunsicherten Bürger, ist dabei kein taugliches Regulativ, denn sie ist „das Machtinstrument der herrschenden Klasse“. (Karl Marx) Es ist aber auch eine Gesetzmäßigkeit, dass, wenn zu viel an materiellem Besitz und an Produktionsmitteln in zu wenigen Händen ist, die Verelendung (nicht nur die materielle, sondern vornehmlich die geistige und moralische) nicht mehr zu stoppen ist, das System sich auflöst und im Chaos auseinanderbricht. Selten ist die Rolle der Politik so peinlich deutlich geworden wie im Moment am Verhältnis der deutschen Regierung zur Automobilindustrie. Das ganze Dilemma ist eigentlich vergleichbar mit dem Klimawandel. Wenn der point of no return  überschritten ist, dann ist Party! Also FeierAbend! So das Motto der satirisch-musikalischen Revue von Margit Carls/Andreas Seyferth im „Theater Viel Lärm um Nichts“ in der Pasinger Fabrik. Also lasst uns feiern! Eine der Grundeigenschaften unserer schönen neoliberalen Welt ist das positive Lebensgefühl. Wer nicht gut drauf ist, ist verdächtig und wer finanziell nicht mithalten kann, wird unsichtbar.

Echter Spaß will indes nicht aufkommen, insbesondere wenn die (exemplarischen) vier Arbeitnehmer aufs Karussell müssen zu „Wir machen eine Reise nach Jerusalem“. „Hire and fire“ ist nach wie vor die Regel, auch wenn Tarifabschlüsse und halbherzige Gesetze zu Gunsten der Arbeitnehmer dies zu verschleiern suchen… Ursachenforschung wird betrieben und die Entstehung von „Erwerbsarbeit“ beleuchtet, die mit der Verarmung der Bauern und die massenhafte Abwanderung in die Städte begann. Industriebetriebe schossen im 18. und 19. Jahrhundert wie Pilze aus dem von Adam Smith und David Ricardo mit ökonomischen Theorien gedüngten Boden, in denen unsägliche Ausbeutung auch und vor allen von Frauen und Kindern stattfand. Videoprojektionen illustrierten diese Fakten schlaglichtartig.

Maria Maschenkas Exkurs über die Arbeit wird mit der Zunge einer Chinesin gesprochen, fächerwedelnd und begleitet von der Unfähigkeit, den Buchstaben R zu sprechen. Es ist nicht einfach, dem zu folgen, denn das Gehirn muss sich erst daran gewöhnen manche L´s in R´s zu übersetzen. Sinn macht es allemal, denn langsam aber sicher kolonisiert die Volksrepublik China die Privatwirtschaften der ganzen Welt. Aber ein noch erstaunlicheres Phänomen geht mit dieser Tatsache einher. Vorgebliche Kommunisten erweisen sich als die gnadenlosesten Kapitalisten, die alteingesessene Kapitalisten mit ihren eigenen Waffen schlagen. Schon Lenin erkannte, dass den Kommunismus nur die Kommunisten verhindern könnten. Gratulation, sie haben es geschafft. Bei den Chinesen reicht es, die Zahl der Milliardäre und Millionäre im Chinesischen Volkskongress zu betrachten, um zu begreifen, dass von diesem Land schon längst keine „kommunistische Gefahr“ mehr ausgeht.

Die satirische Kritik beackert viele Felder, z.B. Religion und die wechselnden Götter. Einer heißt „Digital“. Auch dieser Gott wird enttäuschen, wie alle anderen vorher. Das Bemühen, die Menschheit in Kains und Abels aufzuteilen, das als natürliche Ordnung festzuschreiben und damit die Gewalt zu legitimieren, ist allgegenwärtig. Die Welt hat zu stark in der Illusion geschwebt, wir seien dem Humanismus schon sehr nahe. Wie schnell derartige Positionen sich in Luft auflösen, zeigen die politischen Entwicklungen weltweit. Tyrannen, Potentaten und Diktatoren verkaufen sich als Heilsbringer, mimen die großen Zampanos und erfahren so viel Zuspruch, dass man guten Grund hat, am Verstand der Menschheit zu zweifeln. Demagogie ist ebenso ein Thema, denn sie ist allgegenwärtig. Philipp Weiche zeigte das am Beispiel eines Motivationstrainers. Es ist ein gewaltiges Geschäftsfeld, auf dem enorme Gewinne generiert werden. Die meisten „Produkte“ sind dabei komplett schwachsinnig und man kann nur staunen, dass Menschen dafür ihr in der „Erwerbsarbeit“ hart verdientes Geld ausgeben. Putzig hingegen sind Szenen, in denen Stefanie Dischinger und Melda Hazirci die Probleme als Kleinkinder angehen. Es sind mitunter naiv-kindliche Fragen, die uns die Absurdität der Realität auf verblüffende Weise nahe bringen.

Die Macher versprechen, ihre Überlegungen „in einem bunten Mix theatralisch ‚Revue‘ passieren“ zu lassen. Dabei kommen „erschröckliche Moritaten, Lieder, Sketche – Spaßiges, Trauriges, Gepfeffertes, Absurdes“ vor das Angesicht und zu Gehör. Der Zuschauer sollte dennoch kein lustiges Kabarett erwarten, denn allzu ernst ist mancher Gedanke vor dem Hintergrund „15 Jahre Agenda 2010“, dem größten Sozialabbau nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland. Sie hat viele Mitmenschen in prekäre Lebenssituationen gebracht, denen sie durch vermehrte „Erwerbstätigkeit“ zu entrinnen versuchen und dabei auf das wohl Wichtigste überhaupt verzichten: auf ihr Leben. Es ist definitiv ein zu großes Thema für eine abendliche Revue, dennoch werden „Finger in Wunden“ gelegt und Denkanstöße gegeben, zumeist auf lustige oder komische Weise. Der Livesound von Kai Taschner trug viele Szenen auf ästhetisch stimmige Weise, betonte Wesentliches und forcierte auch Bauchgefühle, auf die nicht verzichtet werden sollten. Das war eine wichtige Qualität des Abends, denn üblicherweise möchte man im Theater eigentlich nicht von seinen Alltagssorgen eingeholt werden. Ein mutiges Projekt und notwendig zugleich. Das Premierenpublikum sah das ebenso.

Wolf Banitzki

 


FeierAbend!  Uraufführung
Eine satirisch-musikalische Revue in Zeiten des Umbruchs 'Weiter so'

von Margit Carls

Maria Maschenka, Philipp Weiche, Stefanie Dischinger, Melda Hazirci
Klangkonzept und Livesound Kai Taschner

Regie Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts  Die Irre von Chaillot von Jean Giraudoux


 

Melancholischer Abgesang zum Jahresende

Zu allen Zeiten, selbst in den schlimmsten, gab es Menschen, deren Vernunft so rein war wie Diamanten, deren Moral so unerschütterlich wie ein Fels und deren Intelligenz so scharf wie ein Rasiermesser war. Diese Menschen waren immer die Samen für eine gute Welt, die dereinst kommen wird! Und wer da sagt, das stimmt nicht, ist kleinmütig und verzagt. … Cut! Schluss mit Pathos. Zurück zur Realität. Zurück zur ruchlosen Denkungsart, wie Schopenhauer den Optimismus nennt. Seinen Argumenten kann man sich nur schwer entziehen: „Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen können, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, ... dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstrieren wollen. Die Absurdität ist schreiend.“

In einer wohl ähnlichen Situation befand sich Jean Giraudoux (1882 - 1944), ein Mann von höchsten Tugenden, den eingangs beschriebenen Menschen durchaus ähnlich, der die Franzosen die Poesie und die Deutschen die Vernunft lehren wollte, als er sein Stück „Die Irre von Chaillot“ (La Folle de Chaillot) schrieb. Durch die deutschen Besatzer, keinem Volk fühlte er sich mehr verbunden als dem deutschen, in die innere Immigration genötigt, musste er erleben, wie Kriegsgewinnler, Spekulanten und Verbrecher aller Couleur an die Oberfläche gespült in einer Ochlokratie, den Ausverkauf aller Werte, der materiellen und der kulturellen, betrieben.

Zuerst verschwindet neben der Wahrheit auch die Schönheit. Letztere zurück zu erobern, ist das Anliegen der in die Jahre gekommenen „Gräfin“ Aurélie, genannt die Irre von Chaillot. Wenn Margit Carls als Aurélie die ganze Mischpoke aus Börsenspekulanten, Schiebern und Politikern auf eine todbringende Reise in die Pariser Kloake schickt und Paris auf diese Weise von einer wahren Seuche befreit, geschieht das nicht unter Jubel, sondern ist begleitet von einer majestätischen Melancholie, etwas, was Frau Carls meisterlich zu gestalten vermag. Diese Haltung ist durchaus angemessen, denn Menschen in den Tod zu schicken, verbietet sich für jedes zivilisierte Wesen. Der Tod ist wegen seiner Irreversibilität keine zivilisatorische Strafe, denn sie setzt die Unfehlbarkeit der Rechtsprechung voraus und ist somit eine Anmaßung.

Vermutlich hat sich Jean Giraudoux sehr schwer getan mit dem Schluss. Schließlich stellte er dem Urteil eine Gerichtsverhandlung voran, in der der Lumpensammler (Timo Alexander Wenzel) den Angeklagten gab. Er war sich seiner gesellschaftlichen Berechtigung mehr als sicher und legte in seiner Argumentation die Perfidie, die Menschen- und Kulturverachtung der Ritter des Geldes bloß. Das Gericht, neben Aurélie, der Irren von Chaillot, aus drei ebenso irrwitzigen Freundinnen bestehend, Constance (Claudia Schmidt), Gabrielle (Sven Schöcker) und Joséphine (Arno Friedrich), die „Irren“ von Passy, St-Sulpice de Paris und La Concorde, kommt am Ende zu dem Todesurteil. Dabei kann man dieses Urteil durchaus als Notwehr ansehen, denn die Verurteilten hatten nichts Geringeres vor, als ganze Stadtteile von Paris wegzubomben, um an Erdölvorkommen zu gelangen, die angeblich unter der Stadt lagerten. Die Kostprobe in der Kloake unter dem Haus von Aurélie wurde zur Vollstreckung des Urteils.

Es ist wieder einmal ein brandaktuelles Stück, von Margit Carls übersetzt und in eine, dem Spielort angepasste Fassung gebracht, das Regisseur Andreas Seyferth im Theater Viel Lärm um Nichts in der Pasinger Fabrik auf die Bühne brachte und sich dabei aller erdenklicher Theatermittel bediente. Immerhin mussten von acht Darstellern zweiundzwanzig Rollen realisiert werden. Eine wahre Revue an fantastischen Kostümen von Johannes Schrödl zog am Auge des Betrachters vorüber. Der Raum von Peter Schultze bot schier endlose Möglichkeiten, auf die Szene zu gelangen. Gespielt wurde selbst aus dem Publikum heraus und der finale Abstieg in die Unterwelt, höllisch rot illuminiert von Jo Hübner, war eine perfekte Illusion. Diese Inszenierung bewies einmal mehr, wie Theater Räume entgrenzen kann durch Licht und auch durch Klang (Kai Taschner).

Geboten wurde bestes Ensembletheater, in dem jeder auch seinen „großen Auftritt“ hatte, denn schließlich handelte es sich um eine Vorlage von Jean Giraudoux, dem Großmeister der Sprachpoesie, dem Dompteur des Surrealen, dem vorzüglichen Menschenkenner. Und jeder nutzte sie auf unverwechselbare Weise. Claudia Schmidt gab einen clownesken Taubstummen ebenso beredt wie die verrückte Constance mit praller Körperlichkeit und osteuropäischem Akzent. Arno Friedrichs Präsident hatte in seiner Anbetung des Goldenen Kalbes schon fast transzendentale Züge, ganz im Gegensatz zu seinem überaus menschlichen 2. Polizisten. Melda Hazirci fiel der Part der Irma zu, Geschirrwäscherin im Café „Chez Francis“. Ihre Philosophie: Man lasse die Küsse, die Berührungen, die … über sich ergehen, sage allerdings die berühmten drei Worte nur zu dem einzig Richtigen. Der hieß Pierre und wurde von Mario Linder gespielt, der zudem ein beinahe pantomisches Blumenmädchen als Sonnenblume mit pakistanischem Akzent verkörperte. (Der Einfachheit halber: Alle Blumenverkäufer kommen aus Pakistan! Oder Umgebung. – W.B.)

Sven Schöckers Prospektor war ein echter Bluthund, seine Gabrielle, die Irre von St-Sulpice de Paris, hingegen ließ das Bild von Conchita Wurst verblassen. Denis Fink war der Mann für die Szenen dazwischen, den Sänger, der keinen Text hatte, den Retter, der den zu Rettenden durch einen Knock out versehentlich von einem Bombenattentat abhielt, den Kloakenmann, der wie eine seltsam fremde Lebensform anmutete und mit einigen Klischees über die Unterwelt, also die Kloake aufräumte. Es gab durchaus Lehrreiches, wenngleich die errungenen Wissensinhalte kaum praxistauglich waren.

Vor allem aber gab es Momente der Besinnung darüber, in welchem Zustand sich die Welt befindet und damit schließt sich der Kreis zu Schopenhauer wieder. Der Untergang unserer Welt, zumindest einiger Inseln, ist bereits sichtbar geworden und wir würden gern gegenlenken. Allein der Wachstumsgott donnert uns vom Börsenparkett entgegen: „Änderungen bringen uns den Untergang! Seid optimistisch, wir werden es für Euch richten.“ Und die Welt glaubt ihm, dem tönernen Gott, dem die Zukunft schlichtweg egal zu sein scheint, noch immer seinen Optimismus. Warum? Schopenhauers Antwort: „Der Optimismus darf, als obligat, in keinem philosophischen System fehlen; denn die Welt will hören, dass sie löblich und vortrefflich sei.“

Gänzlich frei von billiger Ideologie und banalen Erziehungsversuchen, war der Premierenabend ein melancholischer Abgesang zum Jahresende. Er war keine Feierlichkeit zu einem großartigen Jahr, aber er war voller praller, lebensbejahender Komik und auch voller märchenhafter Schönheit. Er war das Lächeln Giraudoux´ über das André Gide sagte: „Keine Macht der Welt, außer der Barbarei, vermag dem Lächeln Giraudoux´ zu widerstehen.“

Wolf Banitzki

 


Die Irre von Chaillot

Eine romantische Satire von Jean Giraudoux

Arno Friedrich, Claudia Schmidt, Sven Schöcker, Melda Hazirci, Denis Fink, Mario Linder, Timo Alexander Wenzel, Margrit Carls

Regie: Andreas Seyferth

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