Theater Viel Lärm um Nichts Gesucht: Till E.  Hermann Bote und Klabund


Wild, anarchisch und erfrischend aufrichtig

Narrenpossen und Schelmenromane feierten in der Renaissance eine Renaissance. Das mag seltsam klingen, ist jedoch kein Widerspruch, denn die Ursprünge dieser literarischen Denkungsart lagen damals schon etwa ein Jahrtausend zurück. Urvater des schelmischen Gedankens war vermutlich ein gewisser Epimenides. Seine Lebensdaten variieren und reichen vom 7. Bis zum 5. Jahrhundert v.Chr. Überliefert ist immerhin, dass er Philosoph und Katharte (Reinigungspriester) war und zu den „Sieben Weisen“ gezählt wurde. Er hinterließ ein berühmtes Paradoxon, das sinngemäß  lautete: Alle Kreter sind Lügner. Da Epimenides ebenfalls Kreter war, war er folglich auch ein Lügner und die Aussage, alle Kreter seien Lügner, unwahr. Also war Epimenides durchaus fähig zu der wahren Aussage: Alle Kreter sind Lügner … was schließlich in einem endlosen Widersinn gipfelte.

Ein wichtiger Zeitgenosse Hermann Botes bediente sich dieser logischen Aporie (Ratlosigkeit) um einen der bedeutendsten Texte des Renaissancehumanismus zu schaffen. Die Rede ist von Erasmus von Rotterdam und seinem „Lob der Torheit“. Beide, Denker und Schrift, kamen auch am Abend im „Theater Viel Lärm um Nichts“ zur Sprache. Hauptsächlich aber wurden zwei Fassungen der Eulenspiegelgeschichten bemüht. Hermann Botes Volksbuch erzählt in 96 Historien die Geschichte eines Mannes, der etwa um1300 in der Nähe von Wolfenbüttel geboren und um 1350 in Mölln gestorben sein soll. Sein Verdienst: Er habe, so die Mär, alle Welt genarrt und ihr seinen Spiegel vorgehalten, was zu einigen tiefer gehenden Einsichten geführt hat.

Selbst wenn es ihn gegeben haben sollte, so ist seine Lebensbeschreibung in erster Linie Literatur und Ausdruck der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und Wohlstand. Stellvertretend für die gesellschaftliche Unterschicht springt Eulenspiegel in die Bresche und entlarvt die Bigotterie der Pfaffen, Habsucht der Ärzte und Apotheker, den Geiz der Kaufleute und Bauern oder die grenzenlose Dummheit und Einfalt seiner Zeitgenossen. Botes Eulenspiegel verhöhnte die menschlichen Schwächen seiner Mitmenschen.

Klabunds Bracke hingegen ging einen Schritt weiter und bezog Politik und Macht, die Verursacher der Übel wie Krieg und Hungersnöte, in seine Kritik ein. Das ist eine gänzlich andere Liga der literarischen Gesellschaftskritik. Warum schreibt einer einen neuen Eulenspiegel? Natürlich, weil er selbst der neue Eulenspiegel ist. Klabund war ein literarischer Vagant. Er war der meistgeschmähte Dichter seiner Generation, der sich 1913 schon wegen der „Unsittlichkeit“ seiner Texte verantworten musste. 1917 wurde der anfänglich Kriegsbegeisterte zum Pazifisten und fordert der deutschen Kaiser zur Abdankung auf, um den Weltfrieden wieder herzustellen. Er wird 1917 für geistige und ethische Positionen angefeindet, die 1920 Gemeingut sind. 1928 stirbt er gerade einmal 38 Jahre alt.

Margrit Carls Bühnenvorlage startet mit dem derben Possenreißer, der unterhalten und überleben will. Er teilt gewaltig aus, muss aber auch schwer einstecken. Die vier Darsteller entfesseln veitstanzartige Szenen mit rüden Späßen, voller Hinterlist und Verachtung. Doch Eulenspiegel entwickelt sich, bekommt Charakter und verteilt seine Missgunst wählerischer. Schließlich können ihn seine fäkalvirtuosen Streiche selbst nicht mehr beglücken und er stellt sich in Frage. Eulenspiegel wandelt sich zu Bracke.

Brackes erster kindlicher Wunsch war, ein Tier zu werden, eine Schnecke. „Die Schnecke hat ihr Haus immer bei sich, wenn man ihr weh tut, kriecht sie hinein. Wenn man mir weh tut, habe ich kein Haus.“ Sein Vater, Physikus, ein grober und herrischer Mensch, zertritt die Schnecke und die Träume des „missratenen“ Sohns. Bracke, Kind noch, ist Poet, sensibel, leidend an der Welt. Schließlich begegnet er einem Hauptmann und seine Bildung zum Narren beginnt: „Ich will mir deinen Namen merken, kleiner Mensch, vielleicht, dass ich statt eines Soldaten einmal eines Menschen bedarf.“ In Margit Carls Text wird es nun zunehmend politischer und heutiger. Doch es bleibt immer poetisch.

Marcus Tronsberg bediente ein närrisches Orchester, einen Klangapparat aus seltsamsten Geräten. Schaute man hin, war man verblüfft über die z.T. lächerlich anmutende Vielfalt von Geräuscherzeugern. Schaute man weg, hörte man ein ganzes Filmorchester. Auch er sprang ein als Till E. der ja, siehe Titel gesucht wurde. Judith Bopp war der clowneske Till, sprunghaft, stets in Bewegung und mit wunderschönen großen, häufig traurigen Augen. Dennis Fink verkörperte den Till als Rampensau, stets das Licht der Anerkennung suchend, getrieben von Existenzängsten, allzeit erbötig auf niedrigstem Niveau zu balancieren. Sebastian Kahlhammers Till war hintergründig und gelegentlich auch bedrohlich. Sven Schöcker gab den zerrissenen, aufbegehrenden Till, der naturgemäß durch die dunkelsten Höllen gehen musste. Er fand ein Weib, dass ihm vom Fürsten, dem er als Narr diente, wieder genommen wurde.

Es war unmöglich, den einen Till zu finden. Wie auch, denn Till war und ist der Kosmos des Widerstandes, dem viele Wesensarten eigen waren. Regisseur Andreas Seyferth, er bewies einmal mehr sein gutes Händchen für bestes „Volkstheater“, führte das Premierenpublikum ein in das Universum vielfältigster Figuren. Er siedelte dieses Universum auf der kleinen Bühne des ewigen Jahrmarkts an, bestehend aus Leitern und Laufbrettern (Aylin Kaip). Es war inhaltlich wie auch darstellerisch ein permanenter Akt der Äquilibristik. Die Lumpen der „mittellosen“ Akteure waren so bunt wie die charakterlichen Facetten des Till E. Der Abend war ein Feuerwerk aus geschmacklosen Hanswurstiaden, brillanten Miniszenen und philosophischen und poetischen Bonmot. Es war wild und anarchisch und Unterhaltung vom, zugegeben, nicht immer Feinsten. Aber es war erfrischend ehrlich und bodenständig. Allen Beteiligten gebührt hohes Lob. Bleibt zu hoffen, dass dieses, in seiner Art selten gewordene Theaterereignis, von vielen Besuchern wahrgenommen wird. Es lohnt sich!

Wolf Banitzki

 


Gesucht: Till E.
Ein Eulenspiegel-Projekt nach dem Volksbuch von Hermann Bote und dem Eulenspiegelroman "Bracke" von Klabund in einer Fassung von Margrit Carls

Judith Bopp, Denis Fink, Sven Schöcker, Sebastian Kalhammer, Marcus Tronsberg

Regie: Andreas Seyferth

 

Theater Viel Lärm um Nichts  Das Leben des Timon von William Shakespeare


 

 

 

Wahrheiten, die niemand wahrhaben will

 

Die Geschichte vom Athener Bürger Timon ist die Geschichte der Wandlung eines enttäuschten Philanthropen in einen hemmungslosen Misantrophen. Aus gutem Hause stammend, waren ihm die Genüsse des Lebens nie fremd. Über die Befriedigung seiner Sinne hinaus war er jedoch ein Mensch, der die Sozietät und das solidarische Miteinander höher schätzte als den Individualismus oder gar den Egoismus, und so ließ er jedermann teilhaben an seinem Reichtum. Er verschenkte mit vollen Händen, errettet seinen Freund Ventidius aus den Fängen seiner Gläubiger, wertete den Besitzstand seines Sklaven Lucilius auf, damit dieser über seinen sozialen Stand hinaus heiraten konnte, er unterstützte die Künste, kaufte fragwürdige Gedichte und Bilder und veranstaltete Partys, auf denen sich die Freunde die Taschen füllten. Einer der Anwesenden blieb reserviert: Apenmantus, der Apologet des Verzichts. Seine derben Versuche, Timon die Augen zu öffnen über die vermeintlichen Freunde, verhallten ungehört. Doch selbst der Naivste konnte vorausahnen, wo das enden würde, nämlich in der Zahlungsunfähigkeit, - das schlimmste Gespenst auch in heutiger Zeit.

 

Der grundehrliche Verwalter Flavius wird ebenso beizeiten zum Mahner. Doch Timon verweist auf die Freundschaft und die feste Überzeugung, dass ihm die Freunde, sollte er in Not geraten, helfen werden. Pustekuchen! Als Timon nicht mehr liquide ist, verflüchtigen sich auch die Freunde wie zuvor das Gold des guten Menschen. Timon ist am Boden zerstört, entschließt sich, die Menschen fürderhin nur noch zu hassen, entledigt sich seiner Kleider und geht in den Wald. Dort geschieht das Schlimmste, was ihm nur geschehen kann: Er findet auf der Suche nach Nahrung Unmengen Gold. Seinen Hunger stillt es nicht, doch seinem Rachedurst kommt es gerade recht. Er unterstützt den Feldherren Alkibiades, der, in Athen in Ungnade gefallen ist, gegen die Stadt zieht. Bedingung: Er darf nur die Bürger strafen, die gegen ihn selbst und gegen Timon vorgegangen sind. Der bekennende Misanthrop finanziert Huren, damit sie die Syphilis verbreiten, und er beschenkt Diebe, damit sie weiterhin ihrem schändlichen Gewerbe nachgehen und den Bürger dort treffen, wo es für ihn am schmerzhaftesten ist, am Geldbeutel. Mit Apenmantus, der sich im Wald einfindet, um seinen neuen Gefährten in Sachen Menschhass in die Arme zu schließen, macht sich Timon nicht gemein. Sein Hass gilt allen Menschen, auch den anderen Misantrophen. Die Schmeichler und Schmarotzer finden sich alsbald im Wald ein und auch der Senat Athens. Schmähungen und Beschimpfungen prasseln auf ihnen nieder und während Alkibiades sein Werk, Athen zu nehmen, vollendet, stirbt Timon.

 

Es geht in dieser Tragödie um das Wesen des Geldes und seine Folgen für die Gesellschaft, die eigentlich jeder kennt, weil es in der menschlichen Geschichte seit den Phöniziern im Grunde um nichts anderes mehr geht. Das große Mysterium des Geldes besteht darin, dass es die Möglichkeit schafft, alle Werte umzubewerten. Karl Marx schrieb unter Berufung auf Shakespeares Zeilen aus „Timon“ : „Gold! Kostbar, flimmernd, rotes Gold! / Soviel hievon, macht schwarz weiß, hässlich schön; / Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel“, „Wie im Geld aller qualitative Unterschiede der Waren ausgelöscht ist, löscht es seinerseits als radikaler Leveller alle Unterschiede aus.“ (Marx, Kapital I) Geld hat einen Fetischcharakter. Es verheißt Möglichkeiten, die die Natur oder das gesellschaftliche Leben nicht parat halten. „Ich bin hässlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufe. Also bin ich nicht hässlich, denn die Wirkung der Hässlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet.“ (K. Marx, im Programmheft zur Inszenierung)

 

Vierhundert Jahre haben diese Weisheiten in Shakespeares Werken schon auf dem Buckel und „wie geht’s der Welt?“ „Sie trägt sich ab im Lauf.“ (Timon, übersetzt von Dorothea Tieck) Wohl wahr, so denkt der Mensch, wenn er überhaupt denkt. Nicht der Mangel an Geld ist das Problem, sondern das Geld an sich. Der Mangel ist eine unumstößliche Voraussetzung, um das Geldsystem am Laufen zu halten. Gäbe es genug davon, hätte es keinen Wert mehr. Armut ist eine Grundvoraussetzung! So einfach ist das, doch niemand scheint es wissen zu wollen. Um so löblicher ist es, dass Margit Carls sich daran gemacht hat, das Werk neu zu übersetzen und es damit auch neu zu deuten. Seit es keine Nachrichten im ursprünglichen Sinn mehr gibt, sondern nur noch über Geldprobleme geredet wird, ist es unbestritten das aktuellste Stück.

 

Frau Carls, die auch für die Einrichtung der (fragmentarischen) Tragödie im Theater „Viel Lärm um Nichts“ verantwortlich zeichnete, wählte die Mittel des epischen Theaters, um sich auf die Kernaussagen zu konzentrieren. Die Darsteller agierten mehr oder weniger in uniformen grauen Anzügen. Sie unterschieden sich durch angedeutete Farbmasken oder durch zweckentfremdetes Tragen der Kleidung. (Kostüm: Johannes Schrödl) Außer Andreas Seyfert, der den Timon gab, und Astrid Polak als Verwalter Flavius, spielten sämtliche Darsteller mehrere unterschiedliche Rollen, bei denen es nicht darum ging, ausgefeilte Charaktere zu präsentieren, sondern vielmehr das jeweilige psychologische Verhältnis der Person zum Geld zu definieren. Heraus kam ein gut durchchoreografiertes Marionettentheater, bei dem der Gott Mammon die Fäden zog. (Körperspieltraining: Boris Ruge) Astrid Polak erinnerte in ihrer Fragilität an eine Figur aus einem Magritte-Bild, surreal in dem Bemühen, Geld und Moral oder doch wenigstens Vernunft in Verbindung zu bringen.

 

Die Inszenierung wurde von Andreas Seyfert dominiert, der mit der Rolle des Timon seine ganze Schauspielkunst entfaltete. Ausgestattet mit intelligentem, komischem aber auch derbem Text bot er eine gestalterische Wucht, die bisweilen Gänsehaut bereitete. Seyfert hatte Momente in seinem Spiel, in dem blanker Existenzialismus durchschimmerte und bedeutete, dass das alles kein theatraler Spaß war, obwohl es durchaus spaßig und unterhaltsam ausschaute. Dabei ist unbedingt anzumerken, dass Seyferts Wirkung auf das kontrastreiche Spiel seiner Mitstreiter basierte, die allesamt ihre Parts mit Verve und gestalterischer Kraft absolvierten. Gespielt wurde auf einer schrägen Bühne, hinter der sich ein erhöhter Laufsteg befand. So konnten unterschiedlichste Ebenen dargestellt werden und die Darsteller vollzogen ihre Verwandlungen unsichtbar auf der Bühne.

 

Es war eine sehenswerte und zugleich lehrreiche Inszenierung, die zudem einen provokant entlarvenden Charakter hatte. Der Satz: „Über Geld redet man nicht“, bekam in dieser Inszenierung eine völlig neue Bedeutung, denn er lässt in diesem Kontext darauf schließen, dass es unser aller Achillesferse ist, an die wir uns nicht greifen lassen wollen. In diesem Sinn ist wohl auch das Zitat von Charles Bukowski im Programmheft zu werten: „Diese öden Scheißer. Dieser Friedhof über der Erde. Ein Grabstein für den ganzen Schlamassel, und darauf gehört die Inschrift: Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu.“
Es steht zu befürchten, dass, wenn es einen Volksentscheid geben würde, ob wir lieber die Sonne oder das Geld behalten wollen, wir die Sonne als verzichtbar erklären würden.


 

 

Wolf Banitzki



 

 


Das Leben des Timon

von William Shakespeare

Andreas Seyferth, Astrid Polak, Catalina Navarro Kirner, Daniel Pietzuch, Sven Schöcker, Alexander Wagner

Übersetzung/Regie: Margrit Carls

Theater Viel Lärm um Nichts Anatol von Arthur Schnitzler


 

 


Eine echte Perle

„Was wäre, wenn alle falsche Perlen gewesen sind und nur eine echte dabei war ... und ich habe sie nicht erkannt ...“, fügte man in Arthur Schnitzlers Text ein, der zu Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war. Auf der Suche nach der Wahrheit und doch letztlich zu feige ihr, wie Anatol der hypnotisierten Cora in einem Augenblick, tatsächlich ins Auge zu sehen, trieb es ihn einfach weiter. Zwischen Agonie und Episoden, wie der junge Hugo v. Hoffmannsthal es beschrieb, verlief sein Leben im, dem schönen Schein verpflichteten Wien zu Ende der Donaumonarchie.

Anatol ist verliebt, immer wieder aufs Neue verliebt in eine andere Schöne, interessiert ihn doch das Spiel mit der Weiblichkeit. Und, er ist wohl auch in gleichem Maße jedesmal aufs Neue in sich selbst verliebt, sucht die Bestätigung und die Beständigkeit des Glücks im wechselnden Gegenüber. Max, der Freund hingegen dient ihm als Spiegel für die Leiden, als Spiegel für die eigene Männlichkeit. Die Leere der ihn umgebenden sterbenden Welt wirft ihn immer wieder auf sich selbst zurück. „Treu, was heißt das?“ Die Generierung und der Erhalt von Illusionen, und sei es für den Moment, steht vor allem.

Die Schatten von zwei Tauben auf einem Dach, turteln und ... Abflug, eine Videoprojektion stimmte auf die Inszenierung ein. Das in einzelne Episoden unterteilte Erstlingswerk von Arthur Schnitzler gestaltete Margit Carls dramaturgisch sinnfällig neu, indem sie die Szenen verflocht. Ein Kreis schloss sich, als zu Beginn und zu Ende des Stückes Anatol und Max als alte Männer auf ihr Leben und ihre Erfahrungen blickten. Das Bühnenbild (Stephan Joachim), die wenigen Requisiten in glänzende weiße Folie gehüllt, reflektierte die Leere, die Langweile welcher die Figuren zu entkommen suchen. Ein großer durchsichtiger Vorhang diente als Trennung des Raumes in bewussten und unbewussten Bereich, diente als Projektionsfläche für Bewegung zwischen beiden. Verbunden durch den Klangreichen – Ardhi Engl – füllte sich der gesamte Raum mit belebender Schwingung, mit Musik. Die überaus poetische Inszenierung, sowohl in Bild als auch in Sprache, Gestus und Musik ließ berührende ansprechende Ästhetik erstehen – dem Schönen verpflichtet – dem Schönen, das Inhalt des Lebens sein kann und dem ein ewiges Streben gilt.
Wenn das Streben nach dem Schönen zur puren Eitelkeit wird – eine der sieben Todsünden – dann entfaltet sich Dekadenz. Diese Entartung stellt den Schein in das Rampenlicht der Gesellschaft und das Schöne Sein, der wahre ideale Grundwert gerät darüber in Vergessenheit. Ein Blick in die Spiegel, ein Blick in die Schaufenster, ein Blick in die Medien, ein Blick auf die Menschen macht es allerorts sichtbar. Bisweilen stechen Einzelne hervor, deren Sein mit dem Schein übereinstimmt. Einzelne. Die Inszenierung von Anatol in der Regie von Andreas Seyferth bot dergestalte organische Bilder. Mit leichtem Charme, durchaus einer Seite des Wiener Lebensgefühls entsprechend, agierten die Schauspieler. Die Männer in leichtes weißes Leinen gekleidet, verkörperten Jugendlichkeit (Kostüm Johannes Schrödl). Deborah Müller stellte die Weibliche, die Frauen dar. Berta, Cora, Ilona waren ihre Namen. Voll weiser Erfahrung, voll sprühender Lebenslust, voll liebender Verzweiflung durchspielte sie feinfühlig die bewusste Palette des Rätsels Weib. Ihr Pendant Urte Gudian tanzte im roten Kleid die Bewegung des Unbewussten, die weibliche Triebkraft und spielte mit den Projektionen. Alexander Wagner gab einen vernünftigen ausgleichenden Max, der verlässlich, treu zur Seite stand, wenn Anatol, Hannes Berg, von einer in die nächste Beziehung glitt, von einer Stimmungslage in die entgegengesetzte schwankte. Euphorie und Schwermut, Lebenslust und Lebensfrust ließen sein Spiel taumelnd und zeitlos gültig werden. Anatol.

„Damals ... eine Geschichte von vor über hundert Jahren und noch dazu aus Wien. Mein Gott, die ...“, könnte der für das Heute Blinde sagen. „Schauen Sie sich um, schauen Sie die doch an, die schön herausgeputzten Menschen in ihren Episoden und ihrer Agonie. Wie sie scheintod in die Autos, die Flugzeuge steigen, ihre Laptops und Handys präsentieren und im Lichte an der Isar allzu wichtig erscheinen, ohne tatsächlich die aktuelle Wahrheit hören zu wollen, ihr ins Auge zu sehen. Anders als der junge Schnitzler wissen wir doch seit geraumer Zeit von den Möglichkeiten der Falsifikation.“, schrieb zur Aktualität der Inszenierung


 
C.M.Meier
 

 

 

 


Anatol

von Arthur Schnitzler

Hannes Berg, Alexander Wagner, Deborah Müller, Urte Gudian, Ardhi Engl

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts  Der grüne Kakadu von Arthur Schnitzler


 

 

Viel blutiger Ernst

 

Ort der Handlung: Paris. Zeit: 14. Juli 1789. Impresario Prospère hat sein Theater verloren. Es ist pleite gegangen. Eine Gastronomie scheiterte ebenso. Die zündende Idee war die Fusion beider Vorhaben im Wirtshaus „Zum grünen Kakadu“: Eine theatralische Gastronomie oder Event-Gastronomie, wie man heutzutage sagt. Wie bekannt einem das doch vorkommt in Zeiten von Kulturabbau! Prospère hat die Mitglieder seiner alten Truppe wieder zusammengetrommelt, die sich nun in der verruchten Kaschemme als Verbrecher outen und haarsträubende Geschichten zum Besten geben. Die Idee funktioniert, der Laden läuft gut. Es ist vornehmlich der Adel, der sich nächtens einfindet und sich eine Gänsehaut bereiten lässt. Dem wirklichen Leben, und dazu zählt nun mal das Verbrechen, ein bisschen näher sein, hatte schon immer eine große Anziehungskraft. Das Fatale an diesem Abend ist allerdings, dass, während der Adel Prospères Spitzen, bezügliche einer baldigen Bestrafung für ihre parasitäre Existenz über sich ergehen lassen muss, draußen das Pariser Volke die Bastille stürmt und den Kopf des Kommandanten auf einer Stange durch die Straßen trägt. Es war der Beginn der bedeutendsten Revolution der Menschheitsgeschichte, die sehr viel Blaues Blut fließen ließ.

 

Die Geschichte beschreibt die Blauäugigkeit der morbiden Gesellschaft, die in ihren eigenen Untergang hineinfeiern. Höhepunkt ist der Auftritt Henri, Zugpferd der Truppe, der gesteht, er habe den Herzog de Cadignan in der Garderobe seiner Gattin erdolcht. Die Anwesenden sind überzeugt davon, dass die Tat geschehen ist, denn einige Personen wissen, dass die Ehefrau Henris die Geliebte des Herzogs war. Henri erfährt nun sein Motiv für die Tat. Als der Herzog plötzlich doch erscheint, ...

 

Schnitzler, der ein eher abstoßendes Bild von den Vorgängen und Hintergründen zeichnete, wollte darum die Ziele der Revolution nicht verraten sehen. Das zumindest beteuerte er nach dem Ersten Weltkrieg. Er schuf lediglich eine Groteske, in der Maskerade stattfand, Seelenzustände beschrieben wurden und der Untergang der „Fin de siècle“-Gesellschaft einem beißenden Spott ausgesetzt wurde. Im Übrigen ist es seit dem Barock das erste Theaterstück, das sich wieder mit dem Thema Sein und Schein auseinander setzte. Die Uraufführung fand am 1. März 1899 am Wiener Burgtheater statt. Das Stück wurde nach nur drei Vorstellungen auf Wunsch der Erbherzogin abgesetzt. Wen wunderts?

 

Andreas Seyferth brachte das Stück zum Jahresabschluss auf die Bühne des Theater „Viel Lärm um Nichts“ in der Pasinger Fabrik. Das in viel roten Samt gewandete Etablissement hatte eher etwas heimeliges und war weniger verrucht. Der Haupteingang in die Kaschemme erfolgte von oben, so dass jedermann deutlich wurde, es handelte sich um einen Keller. Für einige Darsteller wurden ein große Auftritte inszeniert. Allen voran Stephan Joachim, der seinem Eintreten einen beeindruckenden Ton voranschmetterte. Damit war er als Henri und Star der Truppe eingeführt. Berückend schön und fragil an seiner Seite Judith Bopp, die als Lèocardie und Ehefrau Henris immerhin noch ein Engagement an einem „richtigen Theater“ hatte. Marion Niederländer fiel als selbstbewusster und tatkräftiger Prospère aus allen Wolken, als dieser von der Eheschließung und dem geplanten Rückzug der beiden aufs Land und in den „ewigen Frieden“ hörte. Theresa Bendel gab einen verwirrten jungen Chevalier, der erstmals in Paris war und sichtlich überfordert mit den Sitten und Gebräuchen. Der Chevalier wurde allerdings auch mit drei wahren Blüten der Pariser Aristokratie konfrontiert: Ute Pauer gab die hemmungslos libidinöse und nicht gerade feine Ehefrau des Marquis von Lansac. Der wurde von Walter von Hauff auf sehenswerteste Weise karikiert. Sven Schöckers Dichter Rollin schien den Leningrad Cowboys entlaufen zu sein. Sein Talent als Dichter war eher Behauptung, ein Beweis blieb er schuldig. Immerhin funktionierten seine Instinkte noch, als er darauf drängte, sich zurück zu ziehen. Alle drei hinterließen einen bleibenden Eindruck, um wes Geistes Kinder es sich hier handelte.

 

Es war alles in allem eine artige Inszenierung, die leider erst zum Ende hin die Fahrt aufnahm, die erahnen ließ, dass hier die Weltgeschichte beschleunigt wurde. Der Komödiantik der meisten Darsteller fehlte die Verve, so dass die Gags und Wortwitze, die allemal hörbar waren, den Zuschauern nicht in die Glieder fuhren. Die Inszenierung von Andreas Seyferth, er vermag das Komödiantische herauszukitzeln, wie er mehrfach bewies, beschwor viel blutigen Ernst und ließ das Groteske, dass dem Komischen näher ist als dem Tragischen, zu sehr in den Hintergrund treten. Schnitzlers Stück ist dennoch ein besonderes und wunderbares Stück, das man gesehen haben sollte.

 

 

Wolf Banitzki



 

 


Der grüne Kakadu

von Arthur Schnitzler

Judith Bopp, Theresa Bendel, Marion Niederländer, Ute Pauer, Walter von Hauff, Stephan Joachim, Robert Ludewig, Sven Schöcker

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts Orlando Eine Biografie von Virginia Woolf


 

 


„Die Poesie ist unsterblich“

In bildreicher ausschmückend farbiger Sprache hielt Virgina Woolf die Biografie von Orlando fest. Es ist eine „humorvolle und leicht zu lesende“ Geschichte, die tief in englischer Landschaft, Gesellschaft und Mentalität, aber auch im Wissen um Historie und die Beweggründe des Menschen wurzelt. Es ist die Geschichte, welche ihr zu Unsterblichkeit verhalf, Virginia Woolf den Platz im Literaturhimmel sicherte.

Orlando, ein junger Adeliger im 15. Jahrhundert, versucht sich bereits im Alter von elf Jahren in der Kunst des Schreibens und verfasst ein Drama. Mit sechzehn gelangt er an den Hof von Elisabeth I., die sich in den jungen Mann verliebt und ihn zum Schatz- und Haushofmeister ernennt. Nach ihrem Tod und einer unglücklichen Romanze mit einer russischen Prinzessin fällt Orlando das erste Mal in siebentägige Trance. Als er am achten Tage aufsteht, beschließt er sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und wiederum dem Schreiben zu widmen. „... als dieses bloße vor sich hin Grübeln, dieses Denken, dieses auf einem Stuhl Sitzen, tagein, tagaus mit einer Zigarette und einem Blatt Papier und einer Feder und einem Tintenfaß. ...“

Mit dem Griff nach dem Tagebuch und damit dem Schreiben begann auch die Theaterfassung des Romans von Jana Jeworreck. Katrin Wunderlich, die Orlando ebenso wie den Biografen spielte, saß hinter einer Wand aus Büchern. Sie hob den Stift um das aktuelle Datum einzutragen, doch dann besann sie sich, erblickte die Schreibfeder und vermerkte mit dieser das Jahr 1529. Mit leichter Hand trug sie die Umstände und den Beginn der Handlung ein, war zwischendurch interessierter Biograf, um dann wiederum in die Rolle des Protagonisten zu wechseln. Katrin Wunderlich gab einen ruhigen, besonnenen Mann Orlando, der auf fantasievolle Weise eine Wodkaflasche mit Pelzkragen, die russische Prinzessin, umwarb, oder, die Zeit war vorangeschritten und es herrschte James II, am Hofe verkehrte und mit den Stapeln von Büchern das Geschehen veranschaulichte. Es waren einfallsreiche Bilder, welche auf der Bühne entstanden und mit ausdrucksvoller Lebendigkeit erzählte Katrin Wunderlich von den wechselnden Stationen im Leben des Orlando. Das Zitieren ganzer Romanabsätze brachte die wundervolle Sprache und Weisheit nahe. Fast nahtlos fügten sich die, die Handlung auf der Bühne vorantreibenden gerafften Passagen, in den Originaltext ein. Vor den Augen der Zuschauer erstand die Figur ebenso wie der Text des Romans – eine gespielte Lesung mit plastischen einprägsamen Bildern. Fraglos kamen auch die dem Leben innewohnenden heiteren Momente keineswegs zu kurz. Als Frau kokett und abenteuerlustig, erreichte Orlando endlich auch literarischen Lorbeer. „ ... Und wenn wir die Lebensgeschichte einer Frau schreiben, dürfen wir, darüber herrscht Einigkeit, auf unsere Forderung nach Taten verzichten und sie durch die Liebe ersetzen. Die Liebe, hat der Dichter gesagt, ist das, woraus eine Frau einzig lebt. Und wenn wir Orlando, die an ihrem Tisch schreibt, einen Augenblick lang ansehen, müssen wir zugeben, daß es niemals eine Frau gegeben hat, die für diese Berufung besser geeignet gewesen wäre. Gewiß wird sie, da sie eine Frau ist, und eine schöne Frau, und eine Frau in der Blüte der Jahre, diesen Anspruch des Schreibens und Denkens bald aufgeben und wenigstens an einen Wildhüter zu denken beginnen (und solange eine Frau an einen Mann denkt, hat keiner etwas dagegen, daß sie denkt). ...“
 
orlando

Katrin Wunderlich

© Hilda Lobinger

 

Es ist eine Erinnerung daran, was Frau- oder Männlichsein bedeuten kann, auch wenn die durch Virginia Woolf beschriebenen Schwerpunkte bei Orlando eher die Gegenseite der herrschenden Konventionen vorstellt. Der Streifzug durch Jahrhunderte zeigte, wie äußere Lebensumstände sich änderten, menschliche und gesellschaftliche Haltung jedoch kaum. Nun, bis zum 20, Jahrhundert, zu dessen Beginn der Roman entstand, erschien es jedenfalls so. Im 21. Jahrhundert sucht man durch vorsätzliche Vermischung von geschlechtsspezifischen Ausdrucksweisen zu Gleichheit zu kommen. Doch Gleichmacherei unterscheidet sich deutlich von Gleichwertigkeit und so verlaufen die Geschlechterrollen mitunter lediglich ins Diffuse. Das Wesen als treibende Kraft ist universell, erst der Körper gibt Form und führt zu Erfahrungs- und Ausdrucksmöglichkeit. Mensch zieht sich durch alles Geschehen, in ihm ist alles zeitlos angelegt, doch kann er sich nur im Nacheinander äußern und so erfand er die Poesie und die Zeit. Es sind die Begegnungen, welche die Facetten, die verschiedensten Möglichkeiten in ein und der selben Person zum Klingen, zum Leuchten bringen und damit in die Welt. „... der Wechsel der Kleidung hatte, so werden manche Philosophen sagen, viel damit zu tun. Eitle Nebensächlichkeiten, die sie zu sein scheinen, haben Kleider, so sagen sie, wichtigere Aufgaben als nur die, uns warmzuhalten. Sie verändern unser Bild der Welt und das Bild der Welt von uns. ...“

Katrin Wunderlich lag als Mann unter der Eiche, lag als Frau unter der Eiche. Die Schauspielerin verkörperte die unterschiedlichen Haltungen auf empfindsam lebendig ansprechende Weise und war doch, was sie ist, sprach dadurch die natürlichen Berührungspunkte in den Zuschauern an. Ein höchst anregender Dialog entstand, der in begeisterten Applaus mündete.



C.M.Meier

 

 


Orlando

Eine Biografie von Virginia Woolf

Katrin Wunderlich

Textbearbeitung und Regie: Jana Jeworreck
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