Theater Viel Lärm um Nichts   Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran  von Eric-Emmanuel Schmitt


 

Religion vs. Religion

Monsieur Ibrahim ist kein Araber, obgleich er dafür gehalten wird in der Pariser Rue Bleue der 60er Jahre. Araber sein bedeutet von 8 bis 24 Uhr seinen Laden geöffnet zu haben, auch am Sonntag. Monsieur Ibrahim stammt vom goldenen Halbmond. Der erstreckt sich von Persien bis Anatolien und war schon zu Zeiten von Monsieur Ibrahim eines der größten Anbaugebiete von Opium. Um es auf den Punkt zu bringen, Monsieur Ibrahim ist Türke. Aber was für seine Identität viel bedeutsamer ist, er ist Moslem. Er trinkt gelegentlich Alkohol und geht ebenfalls zu den Dirnen. Doch das ist von untergeordneter Bedeutung, denn er ist ein Sufi. Spätestens hier bedarf es einiger Erklärungen. Im Stück kam ein bedeutender Sufi zu Wort, in dem eines seiner Gedichte rezitiert wurde: Maulana Dschalal ad-Din, genannt Rumi (1207-1273). Rumi entstammte einem Geschlecht von berühmten Theologen, das bis auf den Kalifen Abu Bakr zurückreicht, den Schwiegervater des Propheten Mohammed. Diese Genealogie hat nicht nur im Islam Tradition, begründet man doch mit ihr stets eine größere und magische Nähe zu Gott.

Es waren vornehmlich seine Gedichte, die ihm ein Überleben im Bewusstsein der Gläubigen sicherte und die Erfindung des bekannten Sufitanzes, der noch heute von Derwischen getanzt wird, indem sie sich unablässig im Kreis drehen. Rumi wurde Sufi, nachdem er im Jahr 1244 in der Stadt Konya, 200 km südlich von Ankara gelegen, den Derwisch Schams-e Tabrizi traf, der mit einer großen Überzeugungskraft ausgestattet war. Ihm verdankte Rumi das tiefe Eindringen in die mystische Welt des Sufismus. Schams-e Tabrizi wurde vermutlich von neidischen und missgünstigen Mitbürgern umgebracht, was Rumi in tiefste Trauer stürzte. Diese Trauer fand Niederschlag in dem bis heute praktizierten Reigentanz und in seinen Gedichten. Rumis Todestag, der 17. Dezember, wird bis heute als „Hochzeitstag“ gefeiert, da Rumi sich durch seinen Tod mit Gott vermählte.

Der Kern seiner Theologie ist der Glaube daran, dass das Universum als harmonisches Ganzes von einer universalen Liebe durchdrungen ist, die alles miteinander verbindet. Wer diese Liebe praktiziert, ist von Gott in den Stand versetzt, seine Mitbürger ebenso zu lieben, wie alles von Gott Geschaffene. Dabei geht es nicht um Verstehen, sondern vielmehr um Versenken, um Gott näher zu sein. Rumi beschrieb das in folgenden Zeilen: „Glaubst du, ich weiß, was ich tue? / Dass ich einen Atemzug lang oder einen halben mir selber angehöre? / Nicht mehr, als eine Feder weiß, was sie schreibt, / oder der Ball vermuten kann, wohin er gleich fliegt.“ Sich Gott durch Liebe zu nähern ist der Weg zur Erfüllung des eigenen Daseins. Das sollte man wissen, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn Monsieur Ibrahim sagt: „Ich weiß, was in meinem Koran steht.“ Die Betonung liegt dabei auf „meinem Koran“. Tatsächlich wird aus dem Buch weder zitiert, noch wird es zur Beweisführung herangezogen. Es tut nichts zur Sache.

  Monsieur Ibrahim  
 

Ariya Robat Mili und Titus Horst

 

Als eigentliche „Sache“ des Werkes von Eric-Emmanuel Schmitt aus dem Jahr 2001 ist ein Ausschnitt aus dem Lebensweg des jüdischen Jungen Moses anzusehen, der täglich in Monsieur Ibrahims kleinem Laden einkauft und auch stiehlt, um zu Geld zu kommen, mit dem er zu den Dirnen der Straße geht. Als Moses´ Vater, nachdem ihm der Job gekündigt wurde, verschwindet, findet der Junge in Monsieur Ibrahim nicht nur einen Freund, sondern auch einen Adoptivvater. Moses Mutter verschwand gleich nach der Geburt des Jungen, kehrt aber nach dem Tod des Vaters zurück, um sich um den Jungen zu kümmern. Moses lässt sich allerdings nur noch bedingt auf sie ein. Monsieur Ibrahim steht Moses nun in allen Angelegenheiten des Lebens zur Seite und bringt ihn auf den Pfad der Liebe, mit der sich die Dinge des Lebens leichter und problemloser bewältigen lassen. Als Monsieur Ibrahim auf einer Reise nach Anatolien verunglückt, tritt Moses sein Erbe an, das in allem irdischen Besitz, aber auch in dem Koran Monsieur Ibrahims besteht. Moses tritt an die Stelle des „Arabers“ und wird selbst zum „Araber“, täglich von 8 Uhr bis 24 Uhr geöffnet, auch am Sonntag.

Andreas Wiedermann brachte das Stück mit nicht mehr als drei Darstellern auf die Bühne. Ihm gelang dabei eine schlüssigere Erzählung als beispielsweise der Film, der vornehmlich von der trefflichen Präsenz Omar Sharifs lebt. Die Titelrolle übernahm Titus Horst, zuletzt als „Weltverbesserer“ im gleichnamigen Stück von Thomas Bernhard auf der Bühne des Theaters Viel Lärm um Nichts zu sehen. Titus Horst gab einen knorrigen, in sich gekehrten Monsieur Ibrahim, dem man seine grundgütige und liebevolle Einstellung zum Leben erst auf den zweiten Blick abnahm, diese dann aber auch vorbehaltlos annehmen konnte. Er vermittelte so ein realistischeres Bild vom Leben als der Film, der bisweilen ein wenig märchenhaft und auch kitschig daherkommt. Evelyn Plank fiel die Aufgabe zu, sämtliche Nebenrollen darzustellen. Diese Rollen waren denkbar unterschiedlich, z.B. Brigitte Bardot, ein Polizist oder ein Autohändler. Die naturgemäßen Unterschiede wurden von Evelyn Plank weniger durch kostümische Verwandlung als vielmehr durch Haltung und Habitus realisiert. Es gab daran absolut nichts auszusetzen. Die Rolle des Moses war mit dem jungen Ariya Robat Mili, er ist gebürtiger Iraner und kommt somit aus dem goldenen Halbmond, perfekt besetzt. Man kaufte ihm den Knaben eher ab, als dem Text. Letzterer wurde allerdings auch im Rückblick von dem bereits erwachsenen Moses erzählt.

In intimen Szenen wird die Welt der „kleinen oder normalen Menschen“ beschrieben, deren alltägliches Dasein nicht von den Grundfragen der Philosophie oder der Religion bestimmt werden, sondern vom kleinen Streben nach persönlichem, vielleicht auch nachhaltigem Glück geprägt ist. Und dennoch ist das Anliegen der gelungenen Inszenierung ein größeres. Der Werbetext zum Stück erklärte: „Ein skizzenhafter Gegenentwurf zur hasserfüllten, rachsüchtigen Gedankenwelt islamistischer Fundamentalisten, ein mit zivilisationskritischen Spitzen gespickter Aufruf zur Entdeckung der Langsamkeit, zu Nonkonformismus und Antirassismus, zur Toleranz gegenüber Andersdenkenden, anderen Religionen, anderen Generationen, voller Ernsthaftigkeit, Melancholie und feinem Humor.“ Das Anliegen kann getrost als erreicht gesehen werden, doch bedeutet das nicht, dass das Ergebnis auch von Jedermann als akzeptabel betrachtet werden muss. Der Sufismus, für den das Stück eine Lanze bricht, ist eine zutiefst mystische und der rationalen Vernunft zuwider laufende Religion. Sie erfüllt wie kaum eine andere Religion den Tatbestand, eine Droge, „Opium für das Volk“ zu sein. (Möglicherweise gibt es da ja auch Parallelen zur enormen Drogenproduktion in ihrer Herkunftsregion.)

Eric-Emmanuel Schmitt treibt in seinem Text, wenn es um den Streit der Religionen geht, den Teufel mit dem Belzebub aus. Zugegeben, durchaus mit Witz, wenn er den Religionen Gerüche zuweist. (Weihrauch der Ostkirche, Kerzentalg der katholischen und Fußschweiß dem Islam.) Wo aber bleibt die Vernunft? Der Betrachter wird, auch Dank der überzeugenden Inszenierung, mit einer Existenz des Verzichtes, der Bescheidung, der Demut versöhnt. Soll das wirklich gesellschaftlicher Konsens sein? Oder sollte es nicht ernsthaft darum gehen, das geistige Mittelalter zu überwinden, auf das selbstgeschaffene höhere Wesen zu verzichten und langsam selbst die Verantwortung für unsere Existenz und die Gestaltung derselben zu übernehmen. Den Fundamentalisten wird im öffentlichen Diskurs nicht grundsätzlich ihre wahnhafte Sicht auf die Welt vorgeworfen, sondern es werden viele Energien darauf verwendet, dem Wahnhaften einen guten, einen menschenfreundlichen Hintergrund zu verleihen.

Um es mit Konstantin Wecker zu sagen: „Nur die Götter gehen zu Grunde, wenn wir gottlos sind.“ Oder mit dem Kabarettisten Jochen Malmsheimer, der bemerkte: „Ich bin für Religionsfreiheit, obwohl mir frei von Religionen lieber wäre.“ Religionen waren zu allen Zeiten gut, um vermeintliche Wahrheiten, die selten wahr waren, zu schöpfen, die dem Menschen implantiert wurden und an denen sie geistig und emotional verkrüppelten. Wie wäre es einmal mit Verzicht auf Religion und die direkte Besinnung auf Vernunftgründe. „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Eric-Emmanuel Schmitt gäbe es dann vielleicht nicht, was schade wäre, denn der Verzicht auf Gott bedeutet ja nicht Verzicht auf Spiritualität, auf geistige Atmung, und davon gab es genug an diesem Abend.

Wolf Banitzki

 


Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

von Eric-Emmanuel Schmitt

Evelyn Plank, Titus Horst und Ariya Robat Mili

Regie: Andreas Wiedermann

Theater Viel Lärm um Nichts Der Weltverbesserer von Thomas Bernhard


 

Absurd realistisch

„Naturgemäß“ war eines der Lieblingsworte von Thomas Bernhard. Es beschreibt die Gesetzmäßigkeit der Dinge, ihre Unausweichlichkeit, doch bei Bernhard ist dieses „naturgemäß“ immer auch Ausdruck tiefer Lebensverdrossenheit und Misanthropie. „Der Weltverbesserer“ beschreibt einen halben Tag im Leben eines Privatgelehrten, beginnend um 5.00 Uhr, dem um 11.00 Uhr die langersehnte Ehrendoktorwürde verliehen werden soll. Die Ehrung mit der Ehrenkette, verliehen von der Stadt Frankfurt, wurde ihm bereits zuteil und der Altbundeskanzler nannte ihn bei dieser Gelegenheit ein Genie. Er selbst hat daran nie gezweifelt, wohl aber daran, dass der Rest der Welt dies nie erkennen würde.

Auch würde die Welt den Wert seines „Traktats zur Verbesserung der Welt“ nicht wirklich begreifen: „Das Traurige ist / dass kein Mensch meinen Traktat verstanden hat“. Und das ist vermutlich auch gut so, zumindest für den Weltverbesserer, dem die mehr als zwanzig Übersetzungen, sogar in die chinesische Sprache, ökonomische Unabhängigkeit gebracht hatte. Die Quintessenz des Traktates lautet wie folgt: „Mein Traktat will nichts anderes / als die totale Abschaffung / nur hat das niemand begriffen / Ich will sie abschaffen / und sie zeichnen mich dafür aus / (…) / Die Opfer verhelfen ihrem Mörder zum / Ehrendoktor“.

Was für eine Welt! „Alle Wege führen unweigerlich / in die Perversität / und in die Absurdität / Wir können die Welt nur verbessern / wenn wir sie abschaffen“. Das mag auf den ersten Blick recht schräg anmuten, doch abwegig ist diese Logik nicht. 10.000 Jahre Entwicklung des Menschen als gesellschaftliches Wesen hat bislang nur eine Einsicht gebracht: Der Mensch arbeitet unbeirrt am Untergang des Planeten und an seinem eigenen.
Erträglich sind derartige Überlegungen und Auslassung nur, weil es sich im Bernhardschen Drama, das er explizit für Bernhard Minetti geschrieben hatte, um eine hemmungslose künstlerische Überzeichnung handelt, bei der die Komik wahrlich nicht zu kurz kommt. Also: lachen, um nicht zu weinen.

   Der Weltverbesserer  
   Evelyn Plank und Titus Horst  

Das Stück ist beinahe ein Monolog, der für jeden Schauspieler eine immense Herausforderung bedeutet, denn der Geist des Weltverbesserers ist derart konfus, dass es kaum einen „roten Faden“ gibt, an dem sich der Darsteller entlang hangeln könnte. Brüche über Brüche, Gliederschmerzen gehen in kulinarische Fantasien über, drohender Wahnsinn durch Vogelgezwitscher werden von bitterbösen Auslassungen gegen die Stadt Trier, in der der Geist nicht zuhause ist und in der man sich nur seinen Anzug verdirbt, abgelöst. Titus Horst meisterte diesen Hindernisparcours souverän und führte mit seinem differenzierten und wechselvollen Spiel die Absurditäten und Widersprüchlichkeiten zu einem Ganzen, zu einer monolithischen misogynen Figur zusammen.

Regisseur Andreas Wiedermann, Jahrgang 1978, einer der produktivsten und begabtesten Regisseure, lieferte in den letzten Jahren mit erstaunlicher künstlerischer Konstanz und einer bemerkenswerten Sensualität für aktuelle und wichtige Themen höchst sehenswerte Inszenierungen ab. Es verwundert schon, dass sich die großen Häuser Münchens dieses Talents nicht bemächtigen.

Wiedermann hat eine wunderbare Strichfassung für seine Inszenierung erstellt, die die breite, teilweise sinnfreie und darum umso schönere Geschwätzigkeit Bernhards auf das Wesentlichste eindämmte. Der tyrannische Charakter des alten Mannes blieb dabei unbestritten. Doch Wiedermann gelang es, mit der Figur der polnischen Haushälterin, bei ihm ist sie eine an geistigen Belangen kaum interessierte Frau, die aber eine große Klaviatur weiblicher Einflussnahme beherrscht, einen mächtigen Gegenpol geschaffen zu haben, der so vermutlich nicht in der Intention Bernhards lag, der allerdings angesichts des Textes durchaus möglich und glaubhaft war. Der Weltverbesserer gestand, dass, sollte sie ihn jemals verlassen, er aufhören würde zu existieren. Dasselbe galt ebenso für die Frau. Beide Existenzen waren unauflösbar mit einander verwoben. Beider Leben war ein gut geölter Mikrokosmos voller Abscheu, Verletzungen, Erniedrigungen und Beleidigungen.

Evelyn Planck bot eine große Bandbreite weiblicher Manipulationsinstrumente. Sie spielte mit ihren weiblichen Reizen, die zwar längst verblasst waren, beim Weltverbesserer aber immer noch Fantasien beflügelten. Sie heulte mechanisch, wenn es die Situation gebot und sie erschien stets in wechselndem Outfit, von Jogginganzug bis lächerlich veraltetem Festtagskleid. Der Weltverbesserer nannte sie „notwendiges Übel“. Evelyn Plancks Spiel stellte diese Behauptung auf den Kopf. Auch sie sah ihn nur als notwendiges Übel in ihrem Leben.

Als Bernhard dieses Stück 1980 schrieb, hatte er vermutlich keine konkreten Figuren vor Augen. Umso beängstigender ist die Tatsache, dass wir heutzutage durchaus Parallelen sehen zwischen dem Weltverbesserer und Protagonisten des gesellschaftlichen Lebens, die vollkommen weltfremd agieren, einen unbeschreiblichen und lächerlichen Narzissmus leben und ihre Entscheidungen mit den hanebüchensten und absurdesten Argumenten zu Wahrheiten erklären. Wiedermanns Inszenierung spielte in dem gänzlich schwarzen Raum des Theaters Viel Lärm um Nichts, an dessen Rückseite eine Vielzahl von Fotos bedeutende, aber auch nur populäre Menschen zeigte. Neben Kant und Voltaire konnte man auch Conchita Wurst sehen. Das ist natürlich auch ein Statement. Wenn wir heute wieder realistisches Theater manchen wollen, müssen wir unbedingt auch wieder das Theater des Absurden aus der Versenkung holen, denn die Realität ist hochgradig absurd und der Weltverbesserer eine sehr reale Figur. Unbedingt sehenswert, dieses grantelnde Paar!

Wolf Banitzki


Der Weltverbesserer

von Thomas Bernhard

Evelyn Plank und Titus Horst

Regie: Andreas Wiedermann

Theater Viel Lärm um Nichts  Die Menschenfabrik Nach einer phantastischen Erzählung von Oskar Panizza


 

Aufzeichnungen eines „Psichopathen“

„Mir war, als kehrte ich von einem grauenhaften Ausflug ins Schattenreich zur Welt zurück, die ich mit all ihrem Jammer vor Entzücken an mein Herz hätte drücken können.“ Der sich dieser Empfindung rühmen durfte, war ein verirrter Wanderer, der eine Nacht durchlebt hatte, wie sie der Gruselpoet Edgar Allen Poe nicht fürchterlicher hätte ersinnen können. Doch der Autor dieser fantastischen Kurzgeschichte war nicht Poe, sondern Leopold Hermann Oskar Panizza. Darin wird Panizza, der Autor ist unverkennbar auch sein Held, Zeuge einer Fabrikationsstätte, in der Menschen produziert werden. Das Geschäft scheint gut zu laufen, der Produktionsausstoß ist hoch. Wie auch nicht, erfüllen die Kunst-Menschen doch viel eher und besser die Anforderungen der Natur-Menschen.

Das Denken hat man abgestellt. Sie funktionieren, von wenigen technischen Pannen abgesehen, einwandfrei. Die Wesen sind für unterschiedlichste Zwecke konzipiert und weisen keinerlei Nebenwirkungen auf. Das wirft bei dem verirrten Wanderer eine Frage auf: „Und wenn die neue Rasse nach einem bestimmten, reif überdachten Plan gemacht ist, besitzt sie vielleicht größere Fähigkeiten als wir, wird im Kampf ums Dasein den alten Erdenbewohnern überlegen sein! – Ein fürchterlicher Zusammenstoß muß erfolgen!“ Und wenig später ergeht die Gretchen-Frage an den Direktor der Menschenfabrik: „Was ist Ihr Ziel? – Ein Umsturz der gegenwärtigen Gesellschafts-Ordnung!“ Nichts dergleichen, versichert der kleine, schwarz gekleidete Mann. Es ist ein Geschäft.

Das macht die Sache in den Augen des Wanderers nicht besser, denn diese Kunst-Wesen sind frei von Moral: „Die Moral, als Grundlage unseres Denkens und Handelns, hört auf! – Neue Gesetze müssen geschaffen werden!“ Der Vorschlag des Mannes, diese technischen Möglichkeiten zu nutzen, um eine „Moral-Rasse“ zu schaffen, die „als leuchtendes Beispiel ihren fleischlich gesinnten Brüdern und Schwestern stets vor Augen stünde“, tut der Direktor mit dem knappen Einwurf ab: „Die wäre absolut unverkäuflich!“ Doch der Wanderer lässt nicht locker: „Denken Sie, welcher Fortschritt für die ethische Entwicklung unseres Menschengeschlechts, dessen Moral zur Zeit so schon im argen liegt!“ Der Alte erwidert nüchtern: „Sie sind ein Idealist!“

Der verirrte Wanderer, der in seiner Not gegen Mitternacht an die Pforten eines gewaltigen Fabrikgebäudes pochte und freundlich eingelassen wurde, erlebte einen horriblen fantastischen Albtraum. Oskar Panizza nahm damit etwas vorweg, was heute Realität zu werden beginnt. Seit einiger Zeit werden Forderungen nach einer Ethik für künstliche Intelligenz laut. Der Weg von der (scheinbar fantastischen) Idee bis zur Realisierung dauert heute nur noch ein Bruchteil der Zeit, die im Industriezeitalter des 20. Jahrhundert benötigt wurde. Angesichts der Tatsache, dass diese Geschichte um 1890 verfasst wurde, kann Oskar Panizza durchaus als ein Visionär bezeichnet wurde. Dabei sind es nicht die Vorstellungen von den technischen Errungenschaften, die zur Herstellung künstlicher Menschen führen, sondern die ethischen Fragen, die diese Technologie aufwirft. Es ist aus der Geschichte hinlänglich bekannt, dass der Mensch alles denkbare auch in die Realität umsetzt, ohne sich vorab zu den Konsequenzen zu befragen.

  Menschenfabrik  
 

Andreas Mayer, Margrit Carls, Ardhi Engl, Kathrin Knöpfle

© Hilda Lobinger

 

Und wenn es dann doch einer tut, und zwar lange bevor das Problem als solches auftritt, wird er erst einmal als Narr gehandelt. Oskar Panizza ereilte eben dieses Schicksal. Der promovierte Mediziner stürzt sich, als er glaubte, verrückt zu werden, in die Literatur. Er legte sich mit dem wilhelminischen Staat und der katholischen Kirche an (Jeder gesunde Mensch hätte diesen Impuls haben müssen!) und sieht sich alsbald zwischen den Mahlsteinen der Justiz. Sein Werk „Das Liebeskonzil – eine Himmelstragödie“ führte zu einem exemplarischen Skandal, an dessen Ende eine einjährige Haftstrafe stand. Letztlich musste er, nicht unfreiwillig, die letzten 16 Jahre seines Lebens in Irrenanstalten zubringen.

Margrit Carls brachte den Prosaalbtraum in eine dramatische Form und Andreas Seyferth diesen auf die Bühne des Theaters „Viel Lärm um Nichts“. Um diesem Albtraum auch auf der Bühne zu einem solchen zu machen, holte Andreas Seyferth die Stimm- und Bewegungskünstlerin Urte Gudian und den Klang- und Videotüftler Ardhi Engl mit ins Boot. Gemeinsam schufen sie eine hochartifizielle, multimediale Inszenierung, in der alle Elemente, Schauspiel, Tanz, Klang, Raum (Peter Schultze) und Videokunst (Ardhi Engel) organisch miteinander verschmolzen. Heraus kam ein psychedelischer Bilderreigen, der sich allerdings nicht in Bildern und Klängen erschöpfte, sondern stringent der Grundidee der Panizza-Vorlage folgte. Das gewährleisteten Margrit Carls als das schwarze Männlein und Andreas Mayer als der verirrte Wanderer. Mayers Spielgestus traf sich durchaus mit der Vorstellung vom Menschen Oskar Panizza, dessen Themen überwiegend autobiografisch geprägt waren, dienten sie doch nicht selten der Selbsttherapie des psychisch labilen Schriftstellers. Andreas Mayer gab einen gehetzten, aber aufbegehrenden jungen Mann, dem alle Zerrissenheit überdeutlich anzusehen war. Margrit Carls schwarzes Männlein wirkte skurril in der Erscheinung, transzendent in Gestus und Sprache. Im Prosatext wird das schwarze Männlein gefragt, was er eigentlich sei, Kunst- oder Natur-Mensch. Die Frage wird nicht in aller Deutlichkeit beantwortet. Auch das Kostüm von Johannes Schrödl, bestehend aus weißem Kopfverband, schwarzem Frack, darüber ein schwarzes Rüschen-Stützkorsett und mit schwarzrandiger Brille beantwortete diese Frage nicht eindeutig. Irgendwie erinnerte Frau Carls an Harold Lloyd, der seine Komik häufig aus seiner Erscheinung zog. Urte Gudian und Kathrin Knöpfle vervollkommneten das Ensemble als Geister der Nacht, Werkmeisterin und das verführerische Produkt, oder, am Ende, einfach nur Bürgerinnen, die den Wanderer und das Publikum in die Realität zurückbrachten.

Es war eine kurzweilige und inszenatorisch gelungene Inszenierung in denen sämtliche Aktionen und Interaktionen, realisiert mit den denkbar unterschiedlichsten Mitteln, bestens funktionierten. Es war eine Augenweide Kathrin Knöpfles Verführungstanz anzuschauen. Die Choreografien Urte Gudian brachten Inhalt und Stimmungen auf den Punkt. Ardhi Engls z.T. sehr ungewöhnliche Klangkulissen, die Helene Fischer geschulten Hörgewohnheiten nicht unbedingt schmeichelten, waren erregend und aufregend. Wenn die Macher ihre Inszenierung als „Amalgam aus Tanz, Klang, Schauspiel & Video“ bewerben, kann ohne Vorbehalte zugestimmt werden. Heraus kam eine glänzende, wertvolle Legierung, die den Alchimisten zur Ehre gereichte. Darüber hinaus soll aber auch auf das Verdienst verwiesen werden, dass dem Team mit der Wiederentdeckung Oskar Panizzas gebührt. Dieser Autor ist durchaus originell und seine Werke haben ihre Reize, auch oder vielleicht gerade, wenn der Literaturrezensent Dieter Wenk über sie schreibt: „Manche (…) der Erzählungen lesen sich wie ein etwas zu sehr in die Länge gezogener Witz, dessen Pointe ziemlich abstrus ist und man sich fragt, auf welchem Register der Ernsthaftigkeit dieser Autor spielt. Mehr als einmal sagt man sich, dass das doch nicht wahr sein darf. Dass man so etwas Bescheuertes schon lange nicht mehr gelesen hat.“ (In: Gewinn von Hopfen und Malz)

Wann vermochte Literatur zuletzt in so ungläubiges Erstaunen versetzen? Die zeitgenössische Literatur leistet das kaum. Wie auch, wenn die Autoren aus den Brutkästen des saturierten Kulturbetriebes schlüpfen und zuallererst, noch vor dem Leben, ihre Autobiografien schreiben. Lassen wir also Oskar Panizza das letzte Wort: "Ich bin kein Künstler, ich bin Psichopathe, und benutze nur hie und da die künstlerische Form, um mich zum Ausdruck zu bringen. Ich will nur meine Seele offenbaren, dieses jammernde Tier, welches nach Hilfe schreit."

Wolf Banitzki

 


Die Menschenfabrik

Nach einer phantastischen Erzählung von Oskar Panizza

Andreas Mayer, Margrit Carls, Ardhi Engl, Urte Gudian, Kathrin Knöpfle

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm Um Nichts  Der Widerspenstigen Zähmung von William Shakespeare


 

Komödiantisch und klug

Es ist wohl nicht das bedeutendste Stück Shakespeares, aber es ist ganz sicher eine der umstrittensten Komödien, zumindest in heutiger Zeit, denn es ruft stets aufs Neue geballte Frauenpower auf den Plan. Man stelle sich das einmal vor: Shakespeare entwickelt eine sehr maskuline Taktik, dessen Strategie es ist, eine Widerspenstige zu beugen, zu brechen, zu unterwerfen. Diese Taktik ruft, wir lieben drastische Verweise und Zitate, den Skandal von Abu-Ghuraib wach, denn die Widerspenstige wird mit Schlafentzug, Nahrungsverweigerung und entsetzlicher Demütigung bestraft. Waterboarding gab’s zwar schon, kam aber in diesem Fall nicht zur Anwendung und die Elektrizität für Elektroschockbehandlung war noch nicht erfunden. Die Widerspenstige, im heutigen Sprachgebrauch ist das Wort durchaus positiv besetzt, denn widerspenstige Frauen sind in einer männerdominierten Welt ohnehin stets im Recht, wird am Ende „einsichtig“ und Mann ist glücklich und stolz auf sein vorzeigbares Eigentum. „Zicke“ ist ja laut Umfragen längst kein Schimpfwort mehr, sondern ein ideologischer Ritterschlag. Also, wie kann man nur…

Man kann und sollte auch! Frauenfeindlichkeit in einem Theaterstück auszumachen, ist heute völlig unproblematisch, denn in Bezug auf Gleichberechtigung scheint (für den Otto-Normal-Mann) political correctness inzwischen beinahe unerreichbar zu sein. Dafür ist Mann in seiner simplen Strickart einfach nicht mehr gemacht. Dabei sitzen wir heute zuallererst einem Irrtum in Bezug auf „The Taming of the Shrew“ auf, denn Shrew ist in der ersten Bedeutung nicht die Widerspenstige, sondern die Keiferin. Es hieße also richtiger: „Die Zähmung der Keiferin“. Hinzu kommt, dass Shakespeare in der zweiten Fassung eine Rahmenhandlung für die Geschichte schuf. Darin findet ein Lord den Kesselflicker Sly sturzbetrunken auf der Straße. Sie schaffen das schlichte Gemüt in das Schloss des Lords, staffieren ihn reich aus und suggerieren ihm, er sei ein hochherrschaftlicher Adliger. Dann erlebt Sly in einer Theateraufführung die „Die Zähmung der Keiferin“. Nach einem weiteren Besäufnis im Anschluss des Theaterabends legen ihn die Diener des Lord in seiner Kesselflickermontur vor einer Schenke ab. Der verwirrte Sly muss sich vom (Dünnbier-)Zapfer erklären lassen, wer er ist und dass sein „keifendes Weib“ bereits daheim die Haare auf den Zähnen bürstet. Sly erinnert sich an das Theaterstück, das er nun für einen Traum hält: (…) „Ich weiß jetzt, wie man Drachen zähmt, / Ich hab davon geträumt die ganze Nacht/ (…) Doch ich will / Zu meinem Weib und will sie zähmen auch, / Wenn sie mich plagt.“

Im Übrigen stammt der Plot zum Stück von Ariost, der sich seinerseits durch Motive von Plautus und Terenz inspirieren ließ. Lässt man nun den Ernst beiseite (Sollte man, wenn man eine Komödie schaut!), hält es sich mit der Frauenfeindlichkeit in den Grenzen der stinknormalen bürgerlichen Gesellschaft. Die Existenz zänkischer Weiber ist ebenso unbestritten wie die der machohaften Männer, deren Primatendenken überall in der Gesellschaft spürbar ist. Man sollte die deutsche Tugend, alles auf ein philosophisches Niveau zu heben, gelegentlich beiseitelassen und sich einfach nur dem Vergnügen hingeben. In Andreas Seyferths Inszenierung der spritzigen und sehr heutigen Spielfassung von Margit Carls gelang das umfänglich. Regisseur Seyferth setzte auf Komödiantik und konnte sich auf seine Darsteller zu Recht verlassen. Maria Magdalena Rabls Katharina war durchaus eine widerspenstige Frau, aber sie war auch die donnernde Keiferin. Rabls beeindruckende physische Präsenz erlaubte es ihr, schrill und ungebärdig zu sein. Dem Selbstverständnis als Frau tat das keinen Abbruch. Da bedurfte es schließlich eines darstellerischen Formates wie das von Rainer Haustein, um als Petruchio eine gnadenlose Unterwerfung glaubhaft zu gestalten. Haustein verlor bis zum Ende niemals ernstlich die Oberhoheit, wobei sein geschicktes psychologisches Spiel die Spannung des Stücks durchgängig befeuerte.

 
  Widerspenstigen Zaehmung  
 

Rainer Haustein, Maria Magdalena Rabl

© Hilda Lobinger

 

Timo Alexander Wenzel hatte zwar keine Hauptrolle zu bewältigen, doch wohl die Hauptarbeit auf der Bühne zu leisten. Als Tranio, Grumio, Pope, Curtis, Couturier und Witwe brachte er eine nicht unerhebliche Menge Fleisch auf das dramatische Skelett. Dabei wurde sichtbar, dass Wenzel über mehr als ein Gesicht verfügt. Im Gegensatz zur durchgängigen Getragenheit Sebastian Kalhammers in der Rolle Baptistas, des integeren Vaters der beiden so unterschiedlichen Töchter Katharina und Bianca (Elisabeth Grünebach), brillierte Alexander Wagner als Hortensio mit vielfältigen, das Zwerchfell reizende figürlichen Posen. Und last but not least überzeugte Mario Linder als ein ungestüm auf den Pfaden der Minne wandelnder junger Student, der von der Liebe einfach nur überwältigt wurde.

Für Andreas Seyferths gradlinige, klare und witzige Inszenierung hatte Peter Schultze einen kongenialen Raum geschaffen, bestehend aus zwei unterschiedlichen quadratischen, leicht geneigten Spielflächen, deren Böden mit Renaissancemustern bedeckt waren. Unterschiedliche Beleuchtung rückte die topografischen Orte mehr oder weniger zusammen oder auseinander. Zwei weiße Tische und vier Stühle zwischen den Spielflächen erfüllten sämtliche Anforderungen an Innenräume. Es war schön zu sehen, wie wenig es bedarf, wenn die Räume wirklich erspielt und nicht nur behauptet werden.   

Es war eine überaus kurzweilige und spannende Inszenierung, deren zwei Stunden Dauer wie im Flug vergingen. Doch kehren wir zum Schluss noch einmal auf das Thema Frauenfeindlichkeit des Stückes zurück. Selbst bei größter Toleranz oder auch Ignoranz dieses orakelhaften Urteils über dieses Werk Shakespeares, könnte wohl kein Regisseur diesem Dilemma einfach durch Nichtbeachtung entkommen. Und so hatte auch Andreas Seyferth das letzte, sehr deutliche Wort. Doch wie sich dieser kluge Schachzug ausnimmt, das muss der Leser dieser Kritik schon selbst ergründen. Dass es sich lohnt, kann jedenfalls garantiert werden.

Wolf Banitzki

 


Der Widerspenstigen Zähmung     
(The Taming of the Shrew)

von William Shakespeare

Maria Magdalena Rabl, Rainer Haustein, Timo Alexander Wenzel, Elisabeth Grünebach, Sebastian Kalhammer, Alexander Wagner, Mario Linder

Regie: Andreas Seyferth

Theater Viel Lärm um Nichts The Beggar 's Opera von John Gay (Text) und Johann Christoph Pepusch (Musik)


 

 

Eine feine Gesellschaft

Es gab und gibt theatrale Ereignisse, die in ihrer Wirkung Theatergeschichte schreiben, ohne dass jemand im Vorfeld auch nur die geringste Ahnung hatte. Eines dieser Werke ist die „Beggar’s opera“, von John Gay aus dem Jahr 1728. Derartige Ereignisse fallen jedoch nicht vom Himmel, sondern sie deuten sich tendenziell an. In Englands Philosophie hatte sich der Empirismus breit gemacht und das Theater folgte dieser Tendenz. „Decency, propriety, order und common sense“ waren die Leitworte für die Texte und auch die darstellerische Umsetzung. In dieses Klima aus Sentimentalität und Satire brach ein Autor mit besonderer Wucht ein: Henry Fielding. Seine aggressiv-satirische Dramatik brachte einige Theater, die Stücke wie „Tragedy of Tragedies or the Life and Death of Tom Thumb the Great“ zur Aufführung brachten, immer wieder in arge Bedrängnis. So glaubte auch niemand an einen Erfolg, als John Rich Gays „Beggar’s opera“ zur Aufführung brachte. John Rich war der Sohn von Christopher Rich, einem „patentierten“ Theatermanager neuen Typus. Christopher war Geschäftsmann und kein Künstler, bei vielen Theaterkollegen verhasst. John Rich, selbst ein herausragender Harlekin-Darsteller und Pantomimen-Regisseur,  trat erfolgreich in die Fußstapfen des Vaters und erbaute 1731 das Theater „Covent Garden“, das G.F. Händel anmietete, um seine Prunkopern aufzuführen.

Tatsächlich galt die theatrale Attacke gar nicht vordergründig den herrschenden politischen Verhältnissen, sondern in erster Linie dem von der italienischen Oper geprägten Musiktheater. Es war ebenso ein Rachefeldzug John Gays, der immer wieder versucht hatte, in der „besseren Gesellschaft“, also bei Hof, Aufnahme zu finden. Er wurde immer wieder abgewiesen. Als der Siegeszug seiner „Bettleroper“ auf Richs Theater in Lincoln’s Inn Field begann, klingelten zuallererst die Kassen kräftig. John Rich konnte aufgrund der Nachfrage die Eintrittspreise um ein Viertel erhöhen und steigerte die wöchentlichen Einnahmen von 600 auf 1000 Pfund. Daher auch das Witzwort, die „Bettleroper“ habe „Gay rich“ und „Rich gay“ gemacht. Das Publikum stürmte die Vorstellungen geradezu, doch nicht wegen der ästhetischen Seitenhiebe auf die Unsitten der italienischen, und insbesondere der Händelschen Prunkopern, sondern wegen der politischen Demaskierung der „vornehmen Welt“, die das Publikum zu erkennen glaubte. Zuallererst sahen sie im Werk eine Parodie auf das Ministerium Walpole und das unter seiner Ägide entstandene und grassierende „privilegierte Gaunertum“. Walpole selbst saß in der Premiere und sah sich bei jeder Anspielung den Blicken des Publikums gnadenlos ausgesetzt. Er war immerhin klug genug, am Ende mitzuklatschen und das Stück nicht zu verbieten. Das tat er erst beim Nachfolgewerk „Polly“ womit er die Lektüre des Stückes in der Bevölkerung befeuerte.

Im Werk stellte Gay die Zusammenhänge zwischen der „feinen Gesellschaft“ und der Unterwelt, repräsentiert von dem Hehler Peachum und seiner Frau dar. Sie betreiben eine Firma mit Netzwerkcharakter, in der von Diebstahl, über Veräußerung des Diebesgutes, oder Rückgabe gegen Obolus, Erpressung, wenn kompromittierendes Material vorhanden war, bis hin zum Verrat der Diebe alles in einer Hand, der von Peachum, lag. Die Satire entstand, da die Aufgeblasenheit der italienischen Oper im Grundton, durchsetzt mit groben Vulgarismen, beibehalten wurde. So erschien auf dem ersten Blick die Unterwelt als eine durchaus wohlorganisierte „feine“ Gesellschaft mit Regeln, was implizierte, dass die „Feine Gesellschaft“ sich nicht wirklich von der Unterwelt unterschied. Heraus kam die bittere Wahrheit, dass die damalige englische Gesellschaft nicht „in Moral, sondern von Moral!“ lebte.

Die Geschichte beginnt, als die Peachums erfahren, dass ihre Tochter sich heimlich mit dem Gangster Macheath verehelicht hat. Der Mann muss weg, und da alles Geschäft ist, kassiert man erst die Prämie für den Verrat und behält für den Fall der Hinrichtung den Besitz des Gangsters im Auge. Schließlich ist Polly die rechtmäßige Ehefrau und Erbin. Doch Macheath trifft in der Haftanstalt auf die Tochter des Direktors Lockits, dem Geschäftspartner Peachums. Das Mädchen heißt Lucy und ist bereits hochschwanger von der letzten Begegnung mit Macheath. Sie verhilft ihm zur Flucht, doch am Ende wird Macheath in einer Spielhölle erneut festgesetzt. Während die Väter der beiden Mädchen auf die Auslöschung des Ganoven drängen, treten ihre Töchter vehement für eine Begnadigung ein. Schließlich erscheinen vier weitere Frauen mit Sprösslingen des Gangsters. Ein Bettler tritt auf und erklärt das Spiel für beendet, da das Publikum keine Hinrichtung auf der Bühne möchte. Im Theater Viel Lärm um Nichts geschah das durch Abstimmung mit Handzeichen. Schön, wenn ein Happy End so einfach herbeigeführt werden kann.

 

  BettlersOper  
 

Martin Cambeis, Elisabeth Grünebach. Hannes Berg, Luise Weber, Sven Schöcker

© Hilda Lobinger

 

 

Regisseur Andreas Seyferth bescherte dem Publikum in Pasing einen kurzweiligen und heiteren Abend, der großes Lob verdient hat. Margrit Carls hatte ihm dafür eine Fassung bereitet, die radikal und mutig in heutige und hiesige Zustände leuchtete und der mindestens genau so viel Lob gebührt. Peter Schultzes Bühne war aus Pappkarton und Spanholzplatten gefertigt. Es glich einem Lagerhaus, in der das Diebesgut aufbewahrt wurde. Die Bühne war von einem Laufsteg umringt, hinter dem die Musiker (Musikalische Leitung: Kai Taschner und Marcus Tronsberg) logierten. Die Kostüme von Johannes Schrödl waren eine Mischung aus Barocken Formen und heutigen (Verpackungs-) Materialien. Diese Überzeichnungen wurden durch kräftige Schminkmasken komplettiert. Und so wurde dann auch gesungen und gespielt: direkt, unverblümt, mit lächerlichen Verzierungen und Schnörkel, aber auch mit explosionsartigen Ausbrüchen.

Martin Cambeis Peachum war ein grobschlächtiger, ergebnisorientierter BWLer, der auch bereit gewesen wäre Weib und Tochter zu verscherbeln, wenn es Zuwachs bedeutet hätte. Sven Schöckers Knastdirektor Lockit, je nach Situation Partner oder Gegenspieler von Peachum, gab sich hingegen schrill und manieriert. Der Macheath von Hannes Berg war eine schräge Mischung aus entlaufenem „Leningradcowboy“ und „Captain Jack Sparrow“, ein lendengesteuerter Vorstadtcasanova, dem man zu Füßen lag, insbesondere Elisabeth Grünebach als puppenhafte, leichtfüßige Polly Peachum und Luise Weber als sehr, sehr schwangere, aber der Schwerkraft tapfer trotzende Lucy Lockit. Maria Maschenka leitete als Bettlerin den Abend ein und aus. Zwischendrin begeisterte sie mit Gesang und Spiel als rothaarig, verruchte Mrs. Peachum. Andreas Seyferths Regie entfesselte ein Feuerwerk an szenischen Bonmot, die die Darsteller ohne Mühe und flüssig umsetzten. Heraus kam ein intelligentes, ideenreiches und überaus witziges Musiktheater.

Dass Margit Carl aktuelle Politikerpersönlichkeiten in das Stück hineinschrieb, entspricht durchaus der Geschichte der „Bettlers Oper“, denn Gay hatte nichts anderes getan. So haben Joaquine von Bellevue, Hosen Angie und Haubitzen-Uschi Auftritte als Prostituierte. Eine Prostituierte ist eine gewerbsmäßige Anbieterin von besonderen Leistungen. Eine Übertreibung? Hier kommt es wohl auf den Blickwinkel an, aus dem man die Sache betrachtet. Das Allgemeingültige dieses Werks ist und bleibt unbestritten. Die schmissige und eingängige Musik, geschrieben von einem Hamburger namens Johann Christoph Pepusch, dessen balladesken Songs nach der Uraufführung 1728 schnell Ohrwürmer wurden, war alles andere als antiquiert und bereitete großen Spaß.

Es bleibt zu hoffen, dass dieser Inszenierung widerfährt, was der Uraufführung widerfuhr, ein Run der Zuschauer auf die Theaterkasse. Lohnenswert ist es allemal und es schadet dem Theater bestimmt nicht, wenn dieser künstlerische Erfolg sich auch in einen wirtschaftlichen ummünzen ließe.

Wolf Banitzki

 


The Beggar 's Opera
Ein prekäres Spektakel von John Gay (Text) und Johann Christoph Pepusch (Musik)

Hannes Berg, Maria Maschenka, Martin Cambeis, Elisabeth Grünebach, Sven Schöcker, Luise Weber, Marcus Tronsberg

Regie: Andreas Seyferth   

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