Kammerspiele Neues Haus Hamlet von William Shakespeare


 

Hamlet reloaded

Hamlet ist vielleicht das bedeutendste Drama in der europäischen Kulturlandschaft. Warum? Weil es seit 400 Jahre so oft „geliked“ wurde? Weil sich eine Menge Sätze im Sprachgebrauch als Sprichwörter festgesetzt haben? Weil es zum Bildungskanon gehört und man es gesehen haben muss? Nein, es ist so ein grandioses Werk, weil in ihm viele der existenziellen Menschheitsfragen gestellt werden, und zwar auf einer sehr individuellen Ebene, die eine philosophische Ebene deutlich in Aussicht stellt und damit die Erkenntnis und Definition von Werten nach sich zieht. „Sein oder Nichtsein?“ Vor dieser Frage erblasst die Welt ob ihrer Größe. In ihr geht es um Alles oder Nichts. Shakespeare stellte zwei Möglichkeiten in Aussicht: „Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern / Des wütenden Geschicks erdulden, oder, / Sich wappnend gegen eine See von Plagen, / Durch Widerstand sie enden?“ Hier lauern die Fallstricke, denn Widerstand kann auch Tod bedeuten. Nicht Widerstand zu leisten, allerdings auch und dann ist da immer noch der Freitod. Aber um Tod, um Nichtsein geht es allemal. „ Sterben – schlafen - / Nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf / Das Herzweh und die tausend Stöße endet, / Die unsers Fleisches Erbteil – `s ist ein Ziel, / Aufs innigste zu wünschen.“

Diese Zeilen machen Gänsehaut, lässt man sich auf ihren Inhalt ein. Dabei sind diese Verse zwar von Shakespeare, ihr Inhalt jedoch nicht. Der erschließt sich Hamlet aus einem Buch, während er ziellos die Gemächer von Helsingör durchstreift. Auf die Frage Polonius`, was er denn lese, antwortet dieser: „Worte, Worte. „ Es sind nicht irgendwelche Worte, sondern die des Mathematikers, Mediziners, Philosophen und Astrologen Girolamo Cardano (1501-1576). Dessen Buch „De Consolatione“ (Die Tröstung) wurde als „Hamlet`s Book“ identifiziert. Cardano war ein vom Schicksal schwer geprüfter Mann. Er musste die Hinrichtung seines Sohnes mit anschauen, war lebenslang Zielscheibe von Verleumdung und Neid. Als Kenner der Philosophen von Plato bis Boethius war er Stoiker mit christlichem Hintergrund. Als solcher hatte er auch eine ambivalente Haltung zum Tod und scheute sich nicht, über die Alten zu sagen: „Von den Jungen werden sie verachtet, von ihren Familien gehasst. Die Sinne dienen ihrem Körper nicht, die Körper gehorchen nicht ihrem Geist, die Nächte verbringen sie schlaflos und sie essen ohne Appetit. Sie sind sich selbst ein Graus, wie könnten sie für andere eine Freude sein? Wie viele alte Männer hat es gegeben, für die es besser gewesen wäre, jung zu sterben?“ Cardano sieht im Tod nichts schlechtes, vergleicht ihn mit einem tiefen Schlaf, mit einer langen Reise oder mit völliger Zerstörung. Er denkt an eine friedliche Reise seiner Seele ohne Wiederkehr. Doch Shakespeare, Cardano im Wesentlichen folgend, geht einen großen Schritt über diesen hinaus. „Sterben – schlafen - / Schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt´s / Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, / wenn wir den Drang des Ird´schen abgeschüttelt, / das zwingt uns still zu stehn.“ Nein, für Shakespeare gibt es kein Entrinnen, keinen jenseitigen Frieden. Das ist wahrer Pessimismus, der übrigens nicht aus der Feder des William Shakspere aus Stratford-upon-Avon stammte, in dessen Besitz sich bei seinem Tod kein einziges Buch fand, sondern aus der Edward de Vere´s, 17. Earl of Oxford.

  Hamlet Neues Haus  
 

Walter Hess, Katja Bürkle

© Thomas Aurin

 

Diese wunderbare, tiefgründige, viele große Fragen der Menschheit aufwerfende, tragische Geschichte des Prinzen  „Hamlet“ kam nun in der Inszenierung von Christopher Rüping auf die Bühne des Neuen Hauses der Münchner Kammerspiele. Diese war gänzlich mit einem durchlässigen Gitterrost auf etwa einen halben Meter erhöht. Links ein großes LED Laufband, im Hintergrund drei riesige Plastikbehälter, vermutlich 1000 Liter Fassungsvermögen jeder. Dieses Bühnenbild, das sich alsbald als Spielraum mit Schlachthofcharakter entpuppte, stammte von Ramona Rauchbach und erwies sich schnell als sehr praktisch. Die drei Darsteller kamen mit den ohrenbetäubend aggressiven Fanfarenstößen Christoph Harts, der, ständig mit seinem Keyboard präsent, für die Musik verantwortlich zeichnete. Sie zapften aus den Plastikbehältern eimerweise Blut, vergossen es auf dem durchlässigen Bühnenboden und übergossen sich schließlich selbst oder gegenseitig. Das meinte: Die Schlachten sind geschlagen, alle bis auf Horatio, Hamlets einziger Freund, sind tot. Hamlet, immer noch als Hamletmaschine - gemeint ist das LED Laufband - weigert Horatio dessen Tod und beauftragt ihn, der Welt von Hamlet zu berichten. Alle, Katja Bürkle, Walter Hess und Nils Kahnwald,  schlüpfen nun in die Rolle des Horatio, um die Geschichte Hamlets zu erzählen. Dabei schlüpfen sie auch in alle anderen Rollen. Jeder Tod indes wird mit eimerweise Blut begossen, während die Hamletmaschine, ein von Heiner Müller in Anlehnung an Hamlets Brief an Ophelia („Der Deinige auf ewig, teuerstes Fräulein, solange die Maschine ihm zugehört. Hamlet.“) kreiertes Prinzip, beinahe buchhalterisch die Namen der Gefallenen streicht.  

Hamlet war bei Christopher Rüping nicht der grüblerische, verzweifelte junge Mann, dem als Intellektuellen nur die Intrige bleibt. „Es ist nicht die Geschichte eines Zweiflers und Zögerers, sondern die Geschichte eines Radikalen, der fanatisch zur gewaltvollen Veränderung der Welt aufruft.“ (Programmheft)  So wurde die Szene von Gewalt dominiert. Besonders Katja Bürkle lief in ihrer maskulinen Haltung lautstark zum Gewalttäter auf. Eine Schlüsselszene war die Zurückweisung Ophelias durch Hamlet, in der Frau Bürkle eine schier endlose und ermüdende Kanonade, ein Textgemisch aus Shakespeare und heutigen coolen Sprüchen, abließ, bei der ihr auch schon mal Schaum vor den Mund trat. Überraschend und nicht minder unverständlich war denn auch der Auftritt von Walter Hess als Königin Gertrud in elisabethanischer Prachtrobe. Bis dahin und auch darüber hinaus war das schwarze, wenig artifizielle, aber bei Jugendlichen hippe Kapuzensweatshirt das dominierende Kostüm. (Kostüme Anna Maria Schories) Man begreift zusehends, was Matthias Lilienthal mit „Kunstkacke“ meint.

Es ging um Gewalt, und um dahin zu gelangen, wurde dem Shakespeare-Text kräftig Gewalt angetan. Das scheint legitim, wenn man sich in einer Welt befindet, die sich zusehends radikalisiert und in der Gewalt zum Alltag wird. Allerding ist die Lösung, wie sie sich in Rüpings Lesart offenbart, nichts anderes als stupide Gewalt. Rüpings Hamlet verkörpert „einen radikalen Zweifler, der zu klug ist für die Hoffnungslosigkeit und seinen Zorn in die totale Auslöschung überführt.“  Nach Katharsis klingt das nicht, vielmehr erscheint hier Gewalt als probates Mittel, um Gewalt zu begegnen. Damit wären wir in der Realität angekommen. Realismus, also?

Ist es das, was Theater leisten sollte? Wohl kaum. Es ist legitim, Dramen aus anderen, auch aus radikalen Perspektiven zu betrachten. Dabei können sich erstaunliche Wahrheiten auftun, die auch (!) im Stück stecken. Allein, das was Christopher Rüping in seiner Blut- und Schreiorgie auf die Bühne brachte, hatte mit dem Stück nur noch das narrative Gerüst gemein, wenngleich es eher einem unaufgeräumten Puzzle glich. Die Figur des Hamlets, die in vierhundert Jahren Rezeptionsgeschichte gewaltige Dimensionen erlangt hat, wurde in seiner plakativen Zweidimensionalität vom Blut schlichtweg davon gespült. Das Blut war jedenfalls dicker als die Essenz aus dieser Inszenierung. Der große, eingangs auf seine Tiefe und auf seinen Gehalt befragte Monolog kam auch vor. Die Hamletmaschine forderte ihn ein. Musiker Christoph Hart spielte ihn aus der Konserve ein und gleichsam mit ihm. Der Monolog wurde, weitestgehend seines Inhaltes entkleidet, zur bloßen Klanginstallation, bei der zumindest die Stimme Oskar Werners erkennbar war. „Sein oder Nichtsein?“ Das ewige Theaterblalabla … Lauschen wir doch lieber dem Zwitschern im Netz und freuen wir uns auf den nächsten Hamlet reloaded. Oder auch nicht.

Wolf Banitzki

 


Hamlet

von William Shakespeare

Katja Bürkle, Walter Hess, Nils Kahnwald

Inszenierung: Christopher Rüping

Kammerspiele Spielhalle Ode to Joy von Rabih Mroué


 

 

Krieg der Bilder

Vor einer großen Leinwand, die die ganze Rückseite der Spielhalle, jetzt Kammer 2, bedeckte, standen drei sanft ausgeleuchtete Stühle. Vor der Leinwand war eine Kamera aufgebaut, deren Bilder direkt auf die Leinwand übertragen werden konnten. Lina Majdalanie, Manal Khader und Rabih Mroué betraten die Bühne und setzten sich auf die Stühle. Alle drei waren mit Tablets ausgestattet. Während der Performance (in Englisch, Arabisch und Deutsch mit Übertiteln) traten sie mit den Tablets an die Kamera und zeigten den Zuschauern, was sie sahen. Die Perspektiven verwandelten sich durch die manuelle Handhabung der Tablets, wurden kleiner, größer oder wanderten an die Seiten der Leinwand um anderen Projektionen Platz zu machen. Es wurden Diashows verbal kommentiert, Filmsequenzen und Interviews gezeigt, Dokumente eingeblendet. Visuell trickreich wurde dem Zuschauer vorgeführt, welche Potenzen dem Medium Bild innewohnen. Es wurde schnell augenscheinlich, das mit kaum einem Medium so sehr manipuliert werden kann. Und das war im Wesentlichen auch das Anliegen der Performance „Ode to Joy“. Der Titel zielt natürlich auf das von Beethoven im 4. Satz seiner 9. Sinfonie vertonte Schiller-Gedicht „Ode an die Freude“. Hintergrund dieser Idee war die Tatsache, dass bei Siegerehrungen deutscher Athleten während der Olympischen Spiele in München 1972 diese Ode gespielt wurde, weil die jeweils andere deutsche Mannschaft die Nationalhymne des oder der Ausgezeichneten nicht ertrug.

Die Performance begann mit einer Geschichte über Betten und sie endete auch mit einem Bett. In beiden Fällen gipfelten die Geschichten mit Gewalt und Zerstörung derselben. Dazwischen spannen die Akteure ein Netz aus Verbindungen zwischen fiktiven und realen Materialien, die die palästinensische Revolution und das damit verbundene Attentat palästinensischer Kämpfer auf die israelischen Sportler im Besonderen betrachteten und somit gleichsam die Situation im Nahen Osten im Allgemeinen beschrieben. Anhand zweier Bilder zeigten die Akteure auf, wie die Revolution ihren Anspruch als solche im Bewusstsein der Öffentlichkeit und die durchaus massenhafte Unterstützung weltweit in einem Augenblick verspielte. Fortan wurden die palästinensischen Freiheitskämpfer mit Terroristen gleichgesetzt.

  Ode-To-Joy  
 

© Judith Buss

 

Wer einigermaßen interessiert und bewandert in Zeitgeschichte ist, erfuhr grundsätzlich nichts wirklich Neues. Interessant und einigermaßen verstörend war allerdings die Tatsache, dass ein psychologisches Gutachten existierte, in dem mehr als zwanzig mögliche Szenerien zum Fortgang der Geiselnahme beschrieben waren. Beinahe sämtliche denkbaren Fälle traten auch ein und obgleich man damit rechnen konnte, hatten die Behörden keinerlei Vorkehrung getroffen. München hatte, um nicht an die unter der Schirmherrschaft Hitlers stehenden Spiele von 1936 zu erinnern, bei der Uniformen das Bild prägten, Polizeipräsenz bewusst vermieden. Sämtliche Aktionen der Polizei und Behörden außerhalb der israelischen Unterkünfte wurden von den Medien zeitgleich auf die Fernseher der Geiselnehmer im Innern übertragen. Und so endete die ganze Aktion folgerichtig in einem totalen Desaster. Eine wichtige Aussage der Performance war, dass der „Krieg gegen den Terror“ nach dem Attentat in München begann und nicht erst nach dem 11. September 2001. Tatsächlich wurde nach diesen Ereignissen in der Münchner Conollystraße der Etat für Sicherheit um 200 % aufgestockt. Bei heutigen Großveranstaltungen kommt annähernd die Hälfte des Gesamtetats für Sicherheit zum Einsatz. (Rabih Mroué im Programmheft)

Für den libanesischen Künstlers Rabih Mroué sind die Medien zuerst ein Propagandainstrument. In seinen Bildfolgen verwies er deutlich darauf, wie leicht Manipulation sein kann. Die geschickte Desinformation reicht aus, um Unwahrheiten wahr werden zu lassen und umgekehrt. Dabei unterschätzt er allerdings auch nicht das Wahrheitspotential von Bildern. Das wurde deutlich, als dem Zuschauer eine (fotografisch inszenierte) Porträtserie von PLO-Kämpfern präsentiert wurde. Diese Männer waren keine eiskalten Killer oder Terroristen. Ihre Augen spiegelten vielmehr Liebe und Zärtlichkeit für Dinge, die ihre Heimat ausmachten, die sie bis heute nicht bekommen haben.

Die Palästinensergebiete sind derzeit die (pro Kopf) am höchsten subventionierten Krisengebiete. Von Revolution ist längst nicht mehr die Rede; die Zweistaatlichkeit scheinbar eine Illusion. Von den Milliarden, die zum Großteil von der EU bereitgestellt werden, kommt wenig oder nichts an bei den bedürftigen Menschen, die, so scheint es die Geschichte zu wollen, keine Zukunft haben. Die Führer der Hamas oder wie die militärischen Organisationen alle heißen, habe die Revolution längst in ein Geschäftsmodell umgewandelt. Und Israel unternimmt nichts, um diesen Zustand zu ändern. Mit ihrer Siedlungspolitik forcieren sie die unauffällige Vertreibung der Palästinenser. Doch darüber berichten die Medien, die sich gleichsam in einem permanenten Kriegszustand befinden, denn die Schlachten der Bilder laufen mit gewaltigem technischem Aufwand auf Hochtouren, nur mehr marginal. Es müssen ständig neue Bilder her, aufregendere, schockierendere, denn selbst die Medien sind ein Geschäft, das sich rechnen muss.

Auch die zweite Premiere an einer Spielstätte der Münchner Kammerspiele machte deutlich, dass das Konzept des neuen Intendanten mehr Politisierung und weniger tradierte Formen präferiert. Auch wenn der Abend ein spannender war, das Bedürfnis nach ausgefeilter künstlerischer, die Sinne belebende und die Bauchintelligenz befördernde Ästhetik spielte eine deutlich untergeordnete Rolle. Die starke Botschaft dominierte. Bisher fühlt sich das neue Theater nach harter Arbeit an. Schluss mit der bürgerlichen Gemütlichkeit? Theater als Insel der Glückseligen war gestern, soviel ist sicher. Beeindruckend war unbedingt, dass die Akteure des Abends den Applaus nicht entgegennahmen. Sie erschienen nicht zur Verbeugung. Das meint: Sie wollten nicht gefallen, sondern ihre Botschaft vermitteln. Respekt!

 

Wolf Banitzki

 


Ode to Joy

von Rabih Mroué

Lina Majdalanie, Manal Khader, Rabih Mroué

Regie und Bühne: Rabih Mroué

Kammerspiele Spielhalle Totally Happy von Tian Gebing


 

 

Zum Thema Masse

Katja Bürkle betrat das mit einem leichten, seidenartigen weißen Stoff bedecktes Bühnenquadrat (Bühne: Tian Gebing und Teresa Vergho) und lud die Anwesenden mit suggestiver Stimme zu einer Reise ein. Man möge sich zurücklehnen und auf die Atmung achten, die ruhig wird, ebenso wie die Glieder schwer werden. Der Scheinwerfer über ihr, in dessen Spot sie stand, begleitete, indem sich der Lichtkegel rhythmisch auseinander dehnte und wieder zusammenzogt, ihre und die Atmung der Zuschauer. Die Reise ging durch München, wo man an der Feldherrnhalle einen Aufmarsch mit Fackeln erlebte. Dann erhob man sich in die Lüfte und flog, fantastische Landschaften unter sich wahrnehmend, nach China, wo sich eine große Menschenmenge um den Premierminister Zhou Enlai scharte. Massen von Menschen wogten, bauschten sich auf und verschwanden wieder. Es begann zu regnen und bald regnete es so stark, dass man sich unter Wasser befand. Fischschwärme zogen vorüber und Fragen drängten sich auf, beispielweise, ob Landschaften Menschen prägen würden oder ob vieles mit allem verbunden sei. Die letzte Frage war: „Geht es dir gut?“ Dann holte Frau Bürkle unvermittelt eine Pistole hervor und schoss sich in den Kopf.

Eine Schar Helfer, Katastrophenhelfer, in weißen Schutzanzügen und Gesichtsmasken überspülte die Bühne und wuselte umher, ohne dass ein Plan erkennbar war. Jeder hatte scheinbar seine Aufgabe. Kein Einzelwesen war dabei durch sichtbare Attribute festzumachen, das Einzelwesen blieb gesichtsloser Bestandteil der Masse. Dann wurden Dinge, Konsumgüter, verteilt und willkürlich umverteilt, was zu Irritationen und zu Aggressionen führte. Selbst als die Gestalten Gesichter bekamen, die Kleidung sich immerhin geringfügig unterschied, blieben sie eine Masse. Es geschah auch, dass die Masse durch gesellschaftliche Adhäsions- oder Anhangskräfte zusammenklumpte und nur durch äußere Einwirkung wieder voneinander getrennt werden konnten.

Dann berichteten einzelne Individuen abwechselnd von mythischen Wesen, die so starke Eigenarten aufwiesen, dass sie sich unmöglich für Massen eignen konnten. Doch es waren „nur“ mythische Wesen. Shanhaijing – Klassiker der Berge und der Meere aus längst vergangenen Zeiten, in denen es noch keine „Masse“ gab.

Man ging zu politischen Statements über: „Masse ist Rache am Unrecht der Jahrhunderte. (…) Masse ist zerstampfter Acker, Masse ist verschüttet Volk. (…) Mensch in Masse befreien, Gemeinschaft in Masse befreien.“ (Ernst Toller: Masse-Mensch, 1920) Dann berichtete Marie Jung verzweifelt, dass ihr, einer Schülerin, beim „Ableben des Führers“ die Tränen versagt blieben und sie sich wegen der Kakophonie der Veranstaltung gegen einen Lachkrampf, der sie zu überwältigen drohte, wehren musste. Ihre Erzählung wurde immer wieder unterbrochen von einer Bibliografie zu Thema Mensch und Masse und den daraus resultierenden Auswüchsen wie Massensuizid, Opfer der Kulturrevolution oder Ungehorsam und psychische Deformationen.

Im Kapitel Definitionen erführ der Zuschauer, dass „Masse“ bedeutet: „2 Menschen pro Quadratmeter“ (Bayerische Versammlungsstättenverordnung) oder dass „Die Massen die wahren Helden sind“ (Mao Zedong). Elias Canetti hielt in seinen Werk „Masse und Macht“ fest: „Die Masse im Zustand der Angst will beisammen bleiben.“ Der kollektive Suizid einer ganzen Familie im Jahr 2059 wird genau von diesem Gefühl dominiert und so überschritten sie die Schwelle in den Tod in einem gemeinsamen Bewusstsein des Befreitseins aus der Unmenschlichkeit des Massendaseins.

Regisseur Tian Gebing, der mit diesem Projekt Künstler der Münchner Kammerspiele und des Paper Tiger Theater Studio Peking zusammenführte, behandelte mit „Totally Happy“ ein ureigenes Thema: „Ich wuchs in der verrücktesten Zeit der Massenbewegung in China auf. Jeder, ohne Ausnahme, wurde von diesem Massenstrom fortgeschwemmt. Seit meiner Kindheit wurde mir gesagt, ich müsse eine kleine Schraube in der großen, revolutionären Maschinerie werden.“

Tian Gebing ist mehr als ein Theaterregisseur; er ist auch Aktions- und Konzeptkünstler und was die Zuschauer am 2. Oktober in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele zu sehen bekamen, war denn auch keine Theaterinszenierung im herkömmlichen Sinn. Die Performance folgte keiner zwingenden, noch sichtbar schlüssigen Dramaturgie. Szenen des Erzähltheaters wurden von Tanztheater abgelöst, deren Bewegungsabläufe dem asiatischen Tanz entlehnt waren. Dass die Schauspieler der Kammerspiele sowohl mit der chinesischen Sprache wie auch mit den akrobatischen Tanzabläufen einige Probleme hatten, nutzte der Regisseur für humorige Ansätze und setzte sie entsprechend um. Den chinesischen Kollegen ging es naturgemäß nicht anders. Es waren gerade auch die aus der Fremdartigkeit der Kultur und der Gestaltungsvorgänge resultierenden Momente der Überforderung, die den theatralen Vorgängen eine wohltuende Natürlichkeit verliehen.

Zumindest für das deutsche oder europäische Publikum war diese Inszenierung, mit der man auch in China auftreten wird, eine Herausforderung. Es ist vielleicht der Unkenntnis der Traditionen des chinesischen Theaters geschuldet, dass zumindest eine Frage offen blieb: Wie wirkt diese Darstellung und dieses Konzept, das für den deutschen Zuschauer an einigen Stellen ein wenig rätselhaft blieb, in China? Für den einheimischen Theatergänger blieb vieles Fragment, etliches befremdliche Deklamation und manches exotisch anzuschauende, aber schwer entschlüsselbare Choreografie.

Dennoch war es ein spannender Abend, denn das Thema Masse und Gleichschaltung von Massen, in Deutschland nicht unbedingt das vordringlichste, weil hier eher das gesellschaftlich relevante Thema Individualismus ansteht, könnte in China durchaus seinen Ursprung haben. Das Land mit der größten Bevölkerung hatte eine Diktatur über sich ergehen lassen müssen, in dem die Eingliederung des Individuums in die Masse über mehr als ein halbes Jahrhundert oberstes Gebot war. Die Verweigerung, der Protest dagegen hatte existenzielle Konsequenzen. Gerade in der vorletzten Szene, in dem fiktionalen Suizid einer ganzen Familie offenbarte sich die ganze Entsetzlichkeit einer solchen Staatsdoktrin. Über diese Problematik nachzudenken, auch wenn wir scheinbar nicht davon betroffen sind, kann nicht schaden, denn in jeder Gesellschaft gibt es Tendenzen, die Menschen gleichzuschalten. Der gleichgeschaltete Mensch ist besser zu steuern und zu manipulieren. Ihm wird (und wurde in allen Diktaturen) versprochen, dass ihn die Hingabe, das Aufgehen in der Masse „Totally Happy“ macht. Die Vermassung des Individuums bedeutet Diktatur. Ein Blick auf die mediale und auf die virtuelle Welt beweist das hinlänglich. Das Premierenpublikum war sehr angetan von dieser Arbeit, mit der Intendant Johan Simons einen weiteren Schritt zur Internationalisierung des Theaters gegangen ist.

 

Wolf Banitzki

 


Totally Happy

Eine Koproduktion mit Paper Tiger Theater Studio Peking und dem Goethe-Institut China

von Tian Gebing

Katja Bürkle, Lian Guodong, Gu Jiani, Marie Jung, Christian Löber, Edmund Telgenkämper, Kristof Van Boven, Liu Xiangjie, Wang Yanan, Gong Zhonghui

Regie: Tian Gebing

Kammerspiele Spielhalle Das Leiden anderer betrachten von Susan Sontag


 

 

Wenn alles auch Geschäft ist

Zwischen Kommentaren zu Sitzungen der Polit- und Wirtschaftsräte, Börsenberichten und Sportnachrichten hat die Kriegsberichterstattung ihren gleichwertigen Platz. Die Mischungen der Nachrichten im Heute sind nach unterschiedlichen Prämissen sortiert und doch gleichen sie sich in einem Punkt: Es gilt möglichst viele Themen anzusprechen um möglichst viele unterschiedliche Interessen zu befriedigen. Also eine höchstmögliche Zuschauer-Quote zu erreichen. Nach eben dieser Anzahl der Zuschauer werden die Preise für die Werbung festgelegt, die zwischen den Nachrichten, den Kriegsbildern, den Gesundheitshinweisen und Kochtipps die Blätter und die Bildschirme gleichermaßen füllen. Dieser Mix hat längst die Sinne desorientiert, abgestumpft, zerstreut. Markennamen, Ländernamen, Städtenamen, Menschennamen … alles auch benutzt für Propaganda.

Susan Sontag, ihr Leben und Schaffen, von der begnadeten Essayistin bis zur kreativen Autorin kann sinnbildlich für den gesellschaftlichen Wandel in einem Jahrhundert stehen. Schrieb sie ursprünglich in den Siebzigern von der Abstumpfung durch die Bilder des Leidens, so äußerte sie viele Jahre später diese als einen Aufruf zu Aktion wahrzunehmen. Fraglos ein Wandel von einer auf die andere Seite des Problems, das Wenden einer Medaille.

Ein steril weißer Raum nahm das Publikum in der Spielhalle auf. Bettina Pommer hatte, durchaus sinnfällig, einen viereckiger Hörsaal, in dessen Mitte eine Wasserfläche glänzte, entworfen. Sieben Ebenen bildeten die Bühne, von denen die untersten mit Treppen verbunden waren. Gleich dem Leben, welches aus dem Wasser aufgestanden, Stufe für Stufe den Weg von Entwicklung und Erkenntnis offengelegt hatte. In dieser Versuchsanordnung inszenierte Regisseur Zino Wey den, von Reinhard Kaiser ins Deutsche übertragenen, Essay „Das Leiden anderer betrachten“. Gleich einem Vortrag gestaltete er den Text. Annette Paulmann, scheinbar geschlechtsneutral in Hemd und Hosen gekleidet, benannte die vielen Aspekte, welche das Thema so komplex machen. Von der Empathie als Volksbewegung, über die Jagd nach Sensationen bis zu Voyeurismus und Selbstdarstellung, sowie die Aussagekraft von Bildern und von Fotos per se reichte das Spektrum. Das Foto ist immer nur eine Momentaufnahme aus der Realität, es unterliegt der Fülle von Einflüssen und ist ohne Untertitel, also erklärender Tatsachenbeschreibung, nur allzu leicht der Missinterpretation ausgesetzt. Dies geschieht vor allem dann sehr oft, wenn es über Medien verteilt, zu Agitationszwecken genutzt wird. Recht und Unrecht trennt eine dünne unsichtbare Grenze. Die „Ikonen des Leidens“ sind ein in der christlichen Welt angebetetes, ja geradezu verherrlichtes, Symbol. Es verspricht den Unterdrückten Befreiung, natürlich erst im Jenseits. Denn im Leben erheben sich einige, spielen die Unterdrücker und wollen diesen Platz keinesfalls preisgeben. Radikal setzen diese ihre Vorstellungen um, spielen mit Recht. Mit weltweit bekannten Kriegsbildern belegt, wurde der Essay anschaulich. Die Projektion dieser Bilder erfolgte an die rechte obere Wandecke im Vortragssaal und gleichzeitig auf die Wasserfläche in der Mitte. Verstand und Gefühl geben ein und dasselbe Bild in unterschiedlicher Qualität wieder, ergänzen einander im Leben. Das brachte einen durchaus interessanten Aspekt ein. Die Übertragung des Essays auf die Bühne ist ein interessanter Anstoß zu einer intellektuellen Auseinandersetzung mit einer Alltagserscheinung. Diese kann den Einzelnen anregen über die eigene Haltung im Thema nachzudenken. „Das Bild schockiert – und darum geht es. Die Jagd nach möglichst dramatischen Bildern treibt das fotografische Gewerbe an, und gehört zur Normalität einer Kultur, in der der Schock selbst zu einem maßgeblichen Konsumanreiz und einer bedeutenden ökonomischen Ressource geworden ist.“ S. Sonntag. Ein äußerst sinnfälliger theatraler Aufklärungsversuch. Denn, eine gefühlsschwangere unbewusste Gesellschaft treibt auf der Erde ihr Unwesen. Sie findet sich zwischen ihren Emotionen hin und hergeworfen, und längst ist die Anordnung des Versuchs „Leben“ auf vielen Ebenen erkannt, doch von einem sinnstiftenden Umgang mit diesen, scheint sie wohl noch einige Generationen entfernt.

Die Aktualität sich mit dem Thema – Kriegsberichterstattung – auch auf dem Theater auseinanderzusetzen ist zweifellos durch die vielen Kriegs- und Krisenherde gegeben. Doch was nützt es, sich mit den Auswirkungen zu beschäftigen, statt das Problem offenzulegen? Die industrielle Produktion von Waffen ist ein geldeinträgliches Geschäft, die Techniken werden immer ausgefeilter, immer zerstörender. Die Berichterstattung für die Medien beschäftigt Tausende weltweit. Beides folgt der Logik eines ideologisch systemischen Denkens. Die zahllosen Faktoren für Krieg sind bekannt und die Kitzel des Grauens und der Machtbesessenheit sind zwei urzeitliche Bewegungskräfte, die, bei aller modernen Aufgeklärtheit und allem Wissen, eine enorme Gefolgschaft erfahren. Dagegen steht allein: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner kämpft mit.“

Eine Einsicht nach der Kriegsberichterstattung Sinn macht stammt von Christoph Reuter (Spiegel): „Unsere Recherchen sind keine Frontberichte, sondern eher forensische Erkundungen … Manchmal helfen so unscheinbare Details wie die Topographie eines Ortes, um zu klären was dort geschehen ist. … Wenn wir nicht mehr hingehen, können wir nur noch glauben.“ Dem Beobachter kommt also die Rolle des vermittelnden Aufklärers zu. Ohne diese blieben Mauern, Zäune, Gräben, Vorurteile und Dogmen für die Ewigkeit manifestiert.

 

C.M.Meier




Das Leiden anderer betrachten

von Susan Sontag

Aus dem Englischen übersetzt von Reinhard Kaiser

Annette Paulmann

Regie: Zino Wey

Kammerspiele Spielhalle Hellen Lawrence von Stan Douglas


 

 

Moderne Laterna Magica in der Spielhalle

Stan Douglas aktuelle Ausstellung im Münchner Haus der Kunst ist mit „Mise en Scène“ überschrieben. Mit dieser Bezeichnung wird gleichsam eine Arbeitsmethode definiert, nämlich ein künstlich „in Szene setzen“. Mit der cineastischen Theaterproduktion „Helen Lawrence“ geht er noch einen Schritt weiter, in dem er Theaterspiel in die von ihm nachempfundenen und virtuell reproduzierten Bilder montierte. Das geschah durch Computeranimation. Die Darsteller agierten in einer „Blue Box“ und wurden zeitgleich in Schwarz-Weiß in die auf einen durchsichtigen Bühnenvorhang projizierten Räume montiert. (Bühne: Kevin McAllister) So entstand eine perfekte Filmillusion, die einen Hauch „Film Noir“ atmete. Schlüsselwerke dieser künstlerischen Richtung sind „Die Spur des Falken“ (1941), „Frau ohne Gewissen“ (1944), „Laura“ (1944) und „Murder, My Sweet“ (1944). In dieser „dunkleren“ Spielart des Kriminalfilms lag das Hauptaugenmerk mehr auf der Charakterisierung der Figuren als auf der Handlung. Faszinierend dabei war, dass die Bilder von Douglas mittels einer „immersive art app, re-creating two communities that no longer exist“, also in einem iTunes Format, entstanden sind.  

Der simulierte Ort war Vancouver etwa im Jahr 1948, insbesondere „Hogan’s Alley“ und das „Old Vancouver Hotel“, Orte und Gebäude, die in der Form nicht mehr existieren. Es ist ein Ort, in dem ein korrupter Polizeichef das Sagen hat, in dem Verbrechen und Prostitution eine Hochzeit feiern. Das „Old Vancouver Hotel“ ist Anlaufort für Kriegsheimkehrer. Allerdings ist es längst beschlossene Sache, dass das Hotel abgerissen wird und so ist der riesige Bau nur noch von ein paar herumirrenden Seelen bewohnt. Glücklich kann sich schätzen, wer ein verschließbares Zimmer mit warmem Wasser hat. Eines Tages steht eine Dame an der Rezeption, die sich Helen Lawrence nennt und auf der Suche nach einem gewissen Percy Walker, Buchmacher seines Zeichens, ist. Sie weiß nicht, dass auch er im Hotel residiert und offiziell eine Taxizentrale betreibt. Percy hat Helens Ehemann getötet und ihr den Mord in die Schuhe geschoben. Sie war dafür neun Monate in einer psychiatrischen Einrichtung verbracht worden. Nun ist sie gekommen, um mit dem einstigen Geliebten abzurechnen. Ihr Erscheinen erzeugt einen gewaltigen Druck, denn beinahe alle Personen sind geschäftlich, und hier handelt es sich vornehmlich um kriminelle Geschäfte, miteinander verbandelt oder befinden sich in unsäglichen Abhängigkeiten. Wie in einer antiken Tragödie nehmen die Dinge ihren Lauf und bald schon fließt Blut.

Die von Stan Douglas und Chris Haddock gestrickte Geschichte um den authentischen Fall eines kriminellen Polizeichefs und einer ominösen, im authentischen Prozess weitestgehend anonym geblieben Frau ist sehr komplex und bindet Menschen unterschiedlichster Couleur mit ihren z.T. dramatischen Lebensläufen ein. Da war das farbige Geschwisterpaar Buddy Black, wuchtig von Allen Louis in Szene gesetzt, und Henry Williams. Sterling Jarvis gibt einen verzweifelten jüngeren Bruder, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg mit ansehen musste, wie sich sein Bruder sämtliche Geschäfte unter den Nagel gerissen hatte. Dass Buddy ihn nicht teilhaben lassen wollte, lag auch und vor allem am Police Chief  James Muldoon, selbstgefällig und gefährlich, weil sehr kontrolliert, von Ryan Mollyman gespielt. Der hatte die Oberhoheit über die kriminellen Machenschaften in seinem Distrikt, und „ein Neger“ war, wie er meinte, schon mehr als genug. Sein Vollstreckungsgehilfe Sargeant Perkins brachte diese Selbstdisziplin nicht auf. Er war nicht nur in kriminelle Machenschaften verwickelt, Greg Ellwand lebte in der Rolle des stupiden und versoffenen Adlaten den Rausch der moralischen Verwahrlosung hemmungslos aus.

Randfiguren und doch ab einem bestimmten Punkt an der Geschichte beteiligt waren das junge Ehepaar Banks. Ava Jane Markus kämpfte als Ehefrau Eva verzweifelt gegen den Zerfall ihrer Ehe an. Adam Kenneth Wilson gab den bis über beide Ohren verschuldeten, spielsüchtigen Edward, der, wie Buddy Black meinte, nicht sehen wollte, was alle längst realisiert hatten. Die Spielsucht hatte ihn bereits überwältigt und seine Ausreden waren angesichts der Situation einfach nur noch lächerlich. Crystal Balints Mary Jackson wartete bereits seit vier Jahren auf ein Lebenszeichen von ihrem Mann, der bei der Air Force im Krieg Dienst tat. Sie hatte die Hoffnung nie aufgegeben, nicht wissend, dass ihr Bruder Buddy Black die Nachricht vom Tod seit vier Jahren mit sich herumtrug. Er brachte es nicht übers Herz, ihr das ihre zu brechen. Hrothgar Mathews gab den schmierigen Hotelmanger Harry Mitchel mit Toupet und schleimigen Opportunismus. Sein Versuch, die auf ihn zukommende Arbeitslosigkeit zu umgehen und sich vermittels einer Erpressung ins (Buchmacher-) Geschäft zu manövrieren, erwies sich als fatale Sackgasse.

Der Buchmacher, den Harry unter Druck setzen wollte, hatte mit seinen Geschäften längst abgeschlossen. Percy Walker wusste inzwischen, dass Helen Lawrence ihm bereits bedenklich nahe war. Nicholas Lea spielte den skrupellosen Bösewicht mit enormer physischer Präsenz, aber auch mit sichtbarer Sensibilität. Lisa Ryder gab ihrerseits eine entschlossene blonde Kühle, die mit allem abgeschlossen zu haben schien. Einzig die offene Rechnung mit Percy war noch zu begleichen. So zielstrebig, wie sie dabei zu Werke ging, ließ keinen Zweifel am Erfolg ihrer Mission, der sich dann sehr abrupt und überraschend einstellte. In der ganzen düsteren, existenziell anmutenden Gesellschaft, die durch die perfekten 40er Jahre Kostüme von Nancy Bryant so stimmig wirkte, gab es auch eine komische Rolle, deren Sinn durchaus auch darin lag, das artifizielle der Geschichte glaubhafter zu machen. Haley McGee gab die/den auf dem Travestietrip befindlichen Hotelpagen Julie Winters, die sich Joe nennen ließ. Jung, agil, neugierig und die Gefahr gelegentlich aus den Augen verlierend, war sie Helen Lawrence behilflich, ihre Mission zu erfüllen.

Es war ein Abend der Magie. Gezeigt wurde sowohl Theater wie auch Film. Es war beides gleichzeitig und es ging perfekt zusammen. Heraus kam eine virtuelle Vergangenheit, die für eine und eine halbe Stunde auf kunstvolle Art wieder Gestalt annahm. Durch eine (künstlich geschaffene) Authentizität, wurden die Zuschauer zu Zeitreisenden. Ob nun die Sprache mehr Klischee als authentisch war, werden wir nicht herausfinden, denn sie war der in den Filmen aus der „schwarzen Serie“ zu ähnlich. Wenn wir uns aber dazu durchringen könnten, es nicht zu glauben, wäre die Illusion vollkommen. Mit faszinierender Perfektion zeigten großartige Schauspieler, die gleichsam als Kamerafrauen und -männer agierten, was moderne Technik leisten kann. Der Brückenschlag zwischen bildender und darstellender Kunst war gelungen. Schön war der Schein nicht immer, aber unbedingt erregend und fesselnd. Stan Douglas Visionen sind überaus potent und machen neugierig auf kommende Projekte, vor allem aber auf seine großformatigen Fotos, die im Haus der Kunst zu sehen sind.

Wolf Banitzki

 


Helen Lawrence

A cinematic stage production von Stan Douglas

Crystal Balint, Greg Ellwand, Ryan Hollyman, Sterling Jarvis, Nicholas Lea, Allan Louis, Ava Jane Markus, Hrothgar Mathews, Haley McGee, Mayko Nguyen, Lisa Ryder, Adam Kenneth Wilson

Konzept und Regie: Stan Douglas

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