Cuvilliéstheater  Die Verwandlung nach Franz Kafka


 

 

Weg muss es ...

 

Gregor Samsa war ein gutes Mitglied der Gesellschaft, stets erbötig, allen Anforderungen gerecht zu werden. Er ist der ideale Sohn, ernährt den langsam fett werdenden Vater und die vergnügt unter Atembeschwerden leidende Mutter nach deren wirtschaftlichen Pleite. Er ist der ideale Bruder, glaubt, trotz mangelndem Talent der Schwester, an deren künstlerische Berufung. Er tilgt die Schulden der Eltern und möchte Schwester Grete das Musikkonservatorium bezahlen. Gregors Leben gleicht seit fünf Jahren einem Uhrwerk, obgleich er als Handlungsreisender einigen Gefahren ausgesetzt ist, beispielsweise Verkühlungen. Gravierende Kommunikationsprobleme an diesem Morgen sprechen für Vorboten einer solchen Verkühlung. Was die vor der Zimmertür Gregors lamentierenden Familienmitglieder nicht wissen, nicht wissen können, ist, dass der Bursche sich in ein exorbitantes Insekt verwandelt hat. Als man seiner neuen Gestalt ansichtig wird, bricht die gute bürgerliche Welt zusammen.

 

Thema der 1912 verfassten Erzählung ist das Anderartige, das Fremde. Davon verstand Franz Kafka eine Menge. Er thematisierte die Problematik durch eine Behauptung, nämlich die Verwandlung in ein Insekt, die durch nichts begründet oder erklärt wird. Die Literaturwissenschaft verlieh dieser besonderen Qualität das Prädikat „kafkaesk“. Die wahre Qualität des Textes liegt jedoch nicht in der Fantastik des Inhalts begründet, sondern in ihrer Doppeldeutigkeit, die da meint, die Ausgrenzung findet nicht primär durch die Andersartigkeit statt, sondern vornehmlich durch den Umgang mit dem Subjekt durch die Sozietät. Da braucht es nur eine Behauptung der Andersartigkeit, und schon richten sich gesellschaftliche Kräfte gegen den Stigmatisierten. So erklärt die Schwester am Ende schließlich: „Weg muss es, (...) „das ist das einzige Mittel, Vater. Du musst bloß den Gedanken loszuwerden suchen, dass es Gregor ist. Dass wir es solange geglaubt haben, das ist ja unser eigentliches Unglück. Aber wie kann es denn Gregor sein? Wenn es Gregor wäre, er hätte längst eingesehen, dass ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen. Wir hätten dann keinen Bruder, aber könnten weiter leben und sein Andenken in Ehren halten.“ Man beachte die rhetorische Verdinglichung des Bruders: „Es“. Nun ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Tat. Gregor werden im Verlauf der Geschichte Verletzungen zugefügt, an denen er siecht. Man unterlässt die Hilfeleistung, kümmert sich immer weniger um ihn und nimmt seinen Tod mehr als billigend in Kauf.

 

  DieVerwandlung  
 

Jens Atzorn, Friederike Ott

© Matthias Horn

 
 
Es ist allemal ein gutes, weil aktuelles Thema für die Bühne. Die Umsetzung allerdings ist eine gewaltige Herausforderung, denn wie macht man das „Insekt“ sichtbar. Der isländische Regisseur Gísli Örn Garđarsson, selbst Ex-Leistungsturner, in dessen Theater die Akrobatik immer eine große Rolle spielt, setzt auf eben dieses Element der Darstellung. Er lässt den Schauspieler Jens Atzorn lediglich in seinen Bewegungen zum Käfer mutieren, verzichtet auf tierisches Kostüm oder Maske. Der brachte außerordentlichen Körpereinsatz und suggerierte glaubhaft, dass es sich um ein Insekt handelte, obgleich er doch sein menschliches Antlitz beibehielt. Eine zusätzliche kluge Lösung des Problems ergab sich aus dem Bühnenbild. Börkur Jònsson erschuf die Samsasche Wohnung als zweistöckiges Konstrukt. Unten das spießige Wohnzimmer, die Ziellinie deutscher Heimeligkeit und üppig ausgestattet mit dem bürgerlichen Mief der Jahrhundertwende (19. zum 20. Jh.). Darüber Gregors Zimmer, dessen Perspektive radikal verändert worden war. Während man das Wohnzimmer im normalen Querschnitt sah, ergab die Anordnung von Gregors Zimmer eine Draufsicht. Für Jens Atzorn erleichterte sich so das Kriechen an den Wänden. Problematisch war nun der Aufenthalt auf dem Fußboden, der nun senkrecht stand. Da er als Insekt ein Kriechtier war, sah man ihn zumeist in Gänze. Der Kunstgriff war so einfach wie genial, allerdings für München nicht gänzlich neu. Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Kafkas „Der Prozess“ an den Kammerspielen bediente sich mit außerordentlichem Effekt dieses Perspektivwechsels.

 

Der Abend begann mit Choreografien der Rituale. Die Darsteller vollzogen allmorgendliche Handlungen als wären es kultische. Als schließlich bemerkt wurde, dass Gregor das Haus noch nicht verlassen hatte, kam Unruhe, sogar Hektik auf. Ein unerhörter Fall war eingetreten. Gerhard Peilsteins Vaterfigur hatte eine Menge Qualitäten eines Diederich Heßling (Der Untertan). Devot gegen vermeintliche gesellschaftliche Größen, in der Familie allerdings selbstverliebt und blasiert, stolzierte er, Moralität einfordernd, am Ende sogar proper uniformiert durchs Geschehen. Die Mutter hingegen, dezent asthmatisch pfeifend oder schrill überdreht gespielt von Ulrike Willenbacher, war durchgängig mit allem überfordert, am meisten mit sich selbst. Die Schwester Grete ist eine der interessantesten Figuren der Erzählung. Sie ist im Wesentlichen als die Berufene, sich des Bruders anzunehmen, die eigentliche Spielmacherin. Friederike Ott agierte quirlig und Konsequenz ausstrahlend. Ihre heitere Jugendlichkeit war nie frei von Bösartigkeiten. Sie nahm bei den Eltern selbstbewusst die Stelle ein, die der Bruder als Ernährer ursprünglich innehatte.

 

Als Friederike Ott am Ende umrahmt von zahllosen Blumen (Ein wunderbar überzeichnetes Bild!) nur wenige Stunden nach dem Tod Gregors, unter Klängen von Nick Cave die Frühlingsschaukel bestieg, „(...) fiel es Herrn und Frau Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Plage, die ihre Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewusst durch Blicke sich verständigend, dachten sie daran, dass es nun Zeit sein werde, auch einen braven Mann für sie zu suchen.“ Die Welt war gerettet. Es war die Welt der Herren Stietl (Chef Gregors), Dr. Hoffmann (Arzt) oder Fischer (verhinderter Logisgast im Haus Samsa), allesamt Gralshüter der Bürgerlichkeit, überaus vielfältig und nicht ohne entlarvend komische Züge gestaltet von Arthur Klemt.

Es war ein Wagnis und eine gelungene Inszenierung, die vom Publikum dankbar angenommen und aus gutem Grund mit langem Applaus honoriert wurde. Für einen solchen Abend kann man nur danken.

 

Wolf Banitzki


 


Die Verwandlung

nach Franz Kafka

Jens Atzorn, Gerhard Peilstein, Ulrike Willenbacher, Friederike Ott, Arthur Klemt

Regie: Gísli Örn Garđarsson

Cuvilliéstheater Kinderkriegen von Kathrin Röggla


 

 


Von der Komik des Kinderkriegens

Unsere Kinder sind unsere Zukunft! Was aber, wenn Bestrebungen sichtbar werden, Deutschland aussterben zu lassen? Was, wenn wir immer wieder Menschen ausmachen müssen, die sich ihrer natürlichen Pflicht, die fraglos auch eine moralische ist, entziehen? Die auch noch ganz dreist dazu stehen, dass sie sich nicht fortpflanzen wollen? Dabei gibt es doch nichts Wunderbareres als Kinder! Gut, einmal abgesehen davon dass sie nerven, schmutzen, viel, sehr viel Geld kosten, sich nicht so entwickeln, wie es sich die Eltern vorstellen, letztlich gar nicht mehr funktionieren, mit fünfundzwanzig Jahren noch in der elterlichen Wohnung hocken, Drogen nehmen, nach dem Erbe schielen, das Auto des Vater zu Klump fahren (ohne Führerschein natürlich) und so weiter, und so weiter. Aber ansonsten sind Kinder doch etwas ...

Leider ist es ziemlich schwierig geworden, sich Kinder zu leisten. Man riskiert dabei nichts Geringeres als den Verlust eines Arbeitsplatzes ohne Chance auf Wiedereinstieg  und Armut. Auch kann es passieren, dass man in der schicken Mittelstandssiedlung als asozial betrachtet wir, hat man mehr als 1,2 Kinder. 1,2 Kinder sind gut. So genormt, findet man Verbündete auf Spielplätzen, in fremdsprachigen (vorzugsweise englisch-, aber auch chinesischsprachigen) Kindergärten, wo es wichtig ist, die durch Fernsehen, Computerspielen und Videos pathologisch hyperaktiven Kinder, die allerdings hochbegabt genannt werden, davon abzuhalten, sich umzubringen. Dabei tun sich Mütter und Väter hervor, die es in dieser Form in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben hat. Hut ab vor der Evolution. Es sind wahre Philosophen, für die die Frage nach Bio oder Nicht-Bio eine existenzielle ist, für die ein gut strukturiertes, auf Argumentation aufgebautes, von gegenseitigem Respekt kündenden Gespräch mit dem 14 Monate alten Spross darüber, ob man dem Nachbarskind die Exkremente ins Gesicht schmieren darf oder nicht, wichtiger ist als die Polio-Impfung. Heraus kommt, dass man die Exkremente grundsätzlich schmieren darf, aber nur in das eigene Gesicht. Alles andere ist nämlich undemokratisch.

Kathrin Rögglas Textvorlage ist eine anarchisches Werk, das weder auf Argumentation, noch auf innere Logik setzt, sondern alle denkbaren Ansätze wuchern lässt, bis sie sich als absurd selbst disqualifizieren. Seltsamerweise verkehrt sich dieser Vorgang in der Realität nicht selten, und die Absurditäten qualifizieren sich um. Sie werden sogar politiktauglich und Bundestagsabgeordnete (Arnulf Schumacher gab einen solchen jovial und unverbindlich) neigen der Situation das Ohr zu. Unsere Kinder sind unsere Zukunft! So verwaschen dieser Satz auch sein mag, punkten kann man damit allemal. Hier findet sich ein ganzes Volk geeint in einer tränentreibenden Befindlichkeit wieder. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass im fetten, feisten Deutschland eine halbe Million Kinder hungern oder mangelhaft ernährt sind. 8,8 Mio. Kinder verhungern jährlich weltweit. Das sind in einem Jahr beinahe 3 Mio. mehr, als Juden vom NS-Regime ermordet wurden. Letzteres ist für uns immer noch unfassbar. Ersteres interessiert uns eigentlich gar nicht. Nun, politische Dimensionen hat Kathrin Rögglas Musikstück nur indirekt, ebenso wenig wie die Inszenierung von Tina Lanik. Es war vielmehr ein fulminanter Anarchotrip durch die „Hölle“ des Kinderkriegens, des Kindererziehens und des Elternseins.
 
kinderkri

Ensemble

© Thomas Dashuber

 

Dabei wurden Menschen vorgeführt, die ihre Aufgaben als Eltern stets am Rande des Wahnsinns zu erfüllen suchten. Juliane Köhler, die als „Alte Mutter“ die Welt erst reichlich spät mit ihrer Nachkommenschaft beglückte, ließ gelegentlich sogar Stolz durchblicken, aber nur, wenn sie ihrer Erschöpfung oder ihrer Verwirrung Herr geworden war und der unendlichen Müdigkeit widerstand. Leopold von Verschuer als spätberufener Vater schien mit seiner Vaterschaft ebenfalls die letzte existenzielle Stufe vor der Senilität, der Demenz oder eines wie auch immer gearteten Siechtums erreicht zu haben. Elternschaft ist zu einer unüberwindbaren Hürde geworden, da die Anforderungen wissenschaftlich, ethisch und gesellschaftlich auf höchste Höhen geschraubt wurden. Warum? Ist es Ausdruck der menschlichen Hybris in Bezug auf die eigenen Gene? Die eigenen Ableger sind immer potenzielle Nobelpreisträger. Verkehrte Welt! Niemand nimmt Anstoß daran, wenn Kleinkindern Psychopharmaka verabreicht werden, das Stillen eines Säuglings in der Öffentlichkeit hingegen verletzt unseren guten Geschmack. Erschreckend dabei ist die Verbissenheit, mit der das „Gute“ durchgesetzt wird. Oder, wie der Schauspieler Steven Wright sagte: „I'd kill for a Nobel Peace Prize.”

Ganz anders agierte hingegen Gunther Eckes als „Engagierter“. Wie die Rollenbezeichnung schon andeutet, ist er ein „Vater total“, wenngleich man beiläufig erfuhr, dass sich die Mutter des gemeinsamen Kindes längst auf und davon gemacht hatte. Der obergescheite Kindererzieher bewies nachhaltig seine Untauglichkeit. Sein Äußeres (Kostüme Stefan Hageneier) sprach Bände und ganz sicher ist diese Figur Mitglied der Piratenpartei, wenn ihm die „Selbsthilfegruppe für geschiedene Väter“ nur genug Zeit dazu lässt. Hanna Scheibes Aufgabe als „Kinderlose“ war es, dem Publikum und der Welt den Vorgang des „Aussterbens“ schmackhaft zu machen. Sie tat das mit viel Engagement und durchaus überzeugenden Argumenten. Am Ende jedoch landete sie in den Armen des „Lufthansamenschen“ (Miguel Abrantes Ostrowski), dem Kinder ebenfalls ein Graus waren. Ein „Unfallkind“ war damit vorprogrammiert. Nicht viel von dem, was hier hinein- und herausinterpretiert wurde, fand wirklich so statt. Doch Kathrin Röggla legte derart viele Pfade, dass der Zuschauer am Ende gar nicht mehr wusste, was eigentlich auf der Bühne und was im Kopf des Betrachters verhandelt wurde.

Tina Laniks Inszenierung zwang zu höchster Konzentration, denn es wurde im Chor deklamiert, aber auch im Monolog oder Dialog druckvoll bis hysterisch um Ausdruck gerungen. Stefan Hageneiers Bühnenbild ähnelte einem Tunnel der sich zum Bühnenvordergrund weitete. Er glich einem überdimensionalen Geburtskanal, konnte aber auch als eine größere Metapher für das Leben an sich gedeutet werden. Den Akteuren wurde viel körperlicher Einsatz und eine komödiantische Spielweise abverlangt. Das war unterhaltsam und manchmal auch überraschend. Die Lifemusik von Pollyester verlieh dem Ganzen zusätzlich einen sehenswert schrillen Anstrich. Allein, erhellend war der dramatische Beitrag zum Thema nicht. Man war hinterher „so klug als wie zuvor“. Faustisch war das Vorhaben zwar nicht, doch ein paar deutlichere Überlegungen zum (politischen) Zeitgeist, der ja, was die Kinder im Land betrifft, himmelschreiend ist, wären schon angebracht gewesen. Die gespiegelte Realität kam über weite Strecken komisch daher. Doch sie ist es nicht. Wenn keine beherzte Reaktion auf die Probleme in der Gesellschaft kommen, wird der Satz „Unsere Kinder sind unsere Zukunft!“ bald in Vergessenheit geraten.

 
Wolf Banitzki
 
 

 


Kinderkriegen

Ein Musikstück von Kathrin Röggla

Miguel Abrantes Ostrowski, Ulrike Arnold, Gunther Eckes, Juliane Köhler, Friederike Ott, Hanna Scheibe, Arnulf Schumacher, Leopold von Verschuer
Musiker: Polly / Manuela Rzytki (voc, kb, eb), Manu Dacoll / Thomas Wühr (dr)

Regie: Tina Lanik

Cuvilliéstheater Nebenan – The Vibrator Play von Sarah Ruhl


 

 


Edison und Frühlingserwachen

Wer hätte das gedacht: „Nach der Einführung der Nähmaschine im Jahre 1889 hielt er (der Vibrator – W.B.) schon im darauf folgenden Jahr, zeitgleich mit Ventilator, Teekocher und Toaster seinen Einzug. Er ‚ging dem elektrischen Staubsauger um neun und dem elektrischen Bügeleisen um zehn Jahre voraus; die elektrische Bratpfanne entstand erst mehr als ein Jahrzehnt später, in dieser Reihenfolge womöglich Konsumentenpräferenzen widerspiegelnd’.“ (Christina von Braun in Programmheft zur Inszenierung im Cuvilliéstheater)

Tatsächlich wurde der Vibrator ursprünglich zur Behandlung „weiblicher Hysterie“ entwickelt, eine Diagnose, die gegen Ende des 19. Jahrhundert inflationär die Runde machte und letztlich Siegmund Freud auf den Plan rief. Das Wort Hysterie geht auf das altgriechische Wort „hystera“ zurück, welches die Gebärmutter bezeichnete und zugleich der älteste medizinische Begriff ist. Die Gebärmutter, die sich nach der Vorstellung der Griechen auch schon mal auf den Weg durch den Körper machte, um bestimmte Gefäße zu verstopfen, war Ursache der einzig die Frauen befallende Hysterie. „Die Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes.“ (Otto Weininger im Programmheft zur Inszenierung im Cuvilliéstheater) Übrigens, wenn Hysterie bei Männern auftritt, sind diese zumeist Künstler. Ziel der Behandlung war es, der Patientin zu einer „Krise oder dem hysterischen Paroxsysmus“, sprich dem Orgasmus, zu verhelfen. Neben der Behandlung mit dem Vibrator empfahl man unverheirateten Hysterikerinnen, sich zu verheiraten. Was geschah nun bei dieser Vibratorbehandlung? Mittels manuellen Massagen des Genitalbereichs wurde den Frauen Erleichterung von ihren psychischen Verspannungen oder „Verstopfungen“ verschafft.

Die 1974 geborene US amerikanische Dramatikerin Sarah Ruhl ließ sich von diesen irrwitzig anmutenden Fakten und Tatsachen inspirieren und stellte in ihrer Komödie „Nebenan – The Vibrator Play“ die Frage: „Was kann einen Menschen töten und auch wieder zum Leben erwecken?“ Nein, nicht die Liebe, wie der Romantiker vermuten würde. Die Antwort ist so einfach wie zeitgemäß: „Elektrizität.“ Dass Edison gleichsam für eine sexuelle Revolution verantwortlich zeichnete, erscheint auf den ersten Blick zwar sehr weit hergeholt, ist aber nicht von der Hand zu weisen.

Zur Geschichte: Der Arzt Dr. Givings behandelt weibliche Hysterie mittels Vibration, die erst durch die Elektrizität möglich war. Givings ist mit einer schönen, aber hyperaktiven und sich langweilenden Frau verheiratet. Catherine hat zudem dass Problem, dass sie das gemeinsame Baby nicht ausreichend stillen kann. In diese Situation hinein platzt Mr. Daldry und bringt seine Ehefrau Sabrina zur Behandlung. Sie „hysterisiert“, kann nicht mehr Klavier spielen und fühlt sich zudem in ihren vitalen Funktionen stark beeinträchtigt. Dr. Givings verschafft ihr „nebenan“ im Behandlungszimmer, ein Hort hehrer Wissenschaften und hoher medizinischer Ethik, ein richtig prickelnden Orgasmus. Sabrina geht es augenblicklich besser. Selbstredend beschließt man, die Behandlung fortzusetzen. In einer Unterhaltung mit den Givings erfahren die Daldrys von dem Muttermilchmangel und empfehlen ihre eigene Amme, die farbige Elizabeth. Die nimmt sich der Tochter an und hält sich fortan häufig im Haus des recht wohlhabenden Arztes auf. Als Leo Irving, ein Maler, den Rat des Arztes sucht, da er eine Malblockade hat und sein Augenlicht zu verlieren scheint, therapiert ihn der Doktor auf dieselbe Weise wie die Damen, nur rektal. Dieser Vorgang soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Catherine Givings wird Ohrenzeugin der Vorgänge „nebenan“ und ihre Neugier bringt sie dazu, Sabrina über die Behandlung zu befragen. Beide vergehen sich miteinander konspirierend auf (ruchlos) unmedizinische Weise am Vibrator und haben unüberbietbares Vergnügen dabei und auch miteinander. Nun ist die Welt nicht mehr, wie sie war. Von Elisabeth, die die beiden Damen nach den erstmals erlebten Gefühlen befragen, erfahren sie, dass sich guter Sex so anfühlt. Von nun an wollen es die Damen wissen.
 
nebenan

Carolin Conrad, Jörg Lichtenstein, Thelma Buabeng, Miguel Abrantes Ostrowski, Katharina Pichler, Norman Hacker, Hanna Scheibe

© Renate Neder

 

Janina Audick zauberte eine gelackte großbürgerliche Villa mit überdimensionalen Fenstern zu einem weitläufigen Park mit Springbrunnen auf die Bühne der Cuvilliéstheater. Das Behandlungszimmer – nebenan – war ein steriles Behandlungszimmer, das immerhin durch ein fahrendes Tischchen mit seitlichen Vorhängen auffiel, mit dem die Intimsphäre des Patienten vor fremden und auch den Augen des Arztes geschützt blieb. Die Bühne war ebenso bombastisch wie steril. Das Mehr an Notwendigem, um diese Komödie zu bewältigen, brachte nichts, denn prickelnd war die Architektur nicht. Die Kostüme, insbesondere die der Damen, von Tabea Braun erweckten schon den schwelgerischen Eindruck einer theatralen prêt-à-porter. Hanna Scheibe und Carolin Conrad beließen es nicht bei einer auffälligen Robe. So schön sie auch anzuschauen waren, und die Damen verstanden es, die Kleider zu präsentieren, Atmosphäre schufen die Kostüme ebenso wenig wie das sterile Bühnenbild.

Die aus der Schweiz stammende Regisseurin Barbara Weber gilt als eine Hoffnungsträgerin im deutschsprachigen Theater. Sie entwickelte in der so genannten freien Szene ein erfolgreiches „unplugged“-Format,  über das sie die Mythologie der Neuzeit (Michael Jackson, Mutter Theresa oder die RAF) hinterfragte. Das klingt schon mal nach frischem Wind, Experiment und Aufregung, möchte man meinen. Doch was dem Zuschauer im Cuvilliéstheater geboten wurde, war biederes, berechenbares und höchstselten überraschendes Theater. An den Darstellern lag es dabei bestimmt nicht. Carolin Conrad präsentierte sich als wunderschöne und begehrenswerte, aber „hysterische“ Ehefrau, die jeden halbwegs normalen Mann dazu bringen könnte, lebenslang Misogamist zu sein. Jörg Lichtenstein spielte als Ehemann das Martyrium seiner Ehe mit verzweifelter Unterwerfung. Hanna Scheibe wirbelte als unentwegt plappernde, nervige und auch entnervte Catherine Givings durch das geleckte Interieur ihres Heims. Norman Hacker, anfangs noch der Herr in seinem Hause, geriet mit fortschreitender Handlung immer mehr in die Situation des lächerlichen Patrons. Sein Selbstbetrug darüber, dass ihm seine Ehefrau mehr und mehr entglitt, war ruinös für ihn. Hackers Dr. Givings war am Ende gezeichnet von Verzweifelung. Ohnmächtig stand er den „maßlosen“ sexuellen Forderungen seiner Frau nach einem echten Orgasmus gegenüber. Er musste sich hinein finden.

Miguel Abrantes Ostrowskis Maler Leo Irving war anfangs ein sehnsuchtsvoller, schwärmerischer Künstler, der die Damen allein durch seine Ausführungen über die Kunst, in denen auch das Wort Prostitution vorkam, in höchstem Maß erregte. Am Ende mussten sich die Damen doch auf ihre Ehemänner beschränken, denn der Maler hatte sich in die farbige Amme, anmutig gestaltet von Thelma Buabeng, verliebt. Die madonnenhafte Frau lebte allerdings in einer glücklichen Ehe (inklusive Orgasmen), und so zog es den Maler nach erfolgreicher Therapie, allerdings mit einem eigenen Vibrator im Gepäck, fort und nach Italien. Katharina Pichler gab unauffällig die unauffällige, aber doch sehr fingerfertige Assistentin des Doktors.

Allen Darstellern kann engagiertes und sehr präzises Spiel attestiert werden. Dennoch verpuffte allzu viel, und das nicht selten unter großem Aufwand. Schließlich handelte es sich um eine gute Boulevardkomödie, die textlich ein Feuerwerk an Komödiantik ermöglicht. Die wirklich amüsanten Momente waren vereinzelt und eher selten. Regisseurin Barbara Weber gelang es nicht, die Lawine der Komik loszutreten. Und für ein Aufklärungsstück war die Geschichte dann doch zu dünn.

Wirklich interessant an diesem Abend war das Programmheft, in dem Christina von Braun sich verstieg, einen Vergleich zum Kapitalmarkt herzustellen. Das ist zwar heftig an den Haaren herbei gezogen, lässt aber wunderbare Gedankengänge zu: „Das Abendland kennt drei Mächte, die aus dem Nichts sichtbare Wirklichkeit erschaffen: Das eine ist der liebe Gott, das zweite ist der Kredit, das dritte ist die Hysterie.“ Die Börse oder der Kapitalmarkt wird nicht selten mit dem Adjektiv hysterisch in Verbindung gebracht. Und recht besehen, stellt sie durchaus einen komplexen Korpus dar, der jedoch keinesfalls mit dem einer Frau verglichen werden sollte. Da stellt sich doch am Ende die Frage, ob es nicht einen Vibrator für die Börse gibt und wie er wohl aussehen könnte. Der Börse einen guten Orgasmus zu bereiten, dürfte allerdings schwierig sein, da der Job des Brokers ja eher mit Masturbation in Verbindung gebracht werden muss. Mit Zahlen, auch mit schwarzen, lässt sich nicht schwängern.

 
Wolf Banitzki

 

 


Nebenan – The Vibrator Play

von Sarah Ruhl

Miguel Abrantes Ostrowski, Thelma Buabeng, Carolin Conrad, Norman Hacker, Jörg Lichtenstein, Katharina Pichler, Hanna Scheibe


Regie: Barbara Weber

Cuvilliéstheater Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind von Franz Xaver Kroetz


 

 



Ja, Onkel …

Als Vorlage für das ‚poetische und schmerzhafte Kindertotenlied’ von Franz Xaver Kroetz diente der Fall des fünfjährigen Pascal, der vermutlich in einem Hinterzimmer der Tosa-Klause in Burbach/Saarbrücken sexuell missbraucht und getötet wurde. Die Leiche des am 30. September 2001 spurlos verschwundenen Kindes wurde nie gefunden und die dreizehn Angeklagten in diesem Fall wurden wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. Lediglich die vermeintliche Drahtzieherin des Kindesmissbrauchs, die Tosa-Wirtin erhielt wegen eines Drogendeliktes eine einjährige Bewährungsstrafe. Der Fall, der wegen des Urteils viel Empörung ausgelöst hatte, stellt zugleich ein dunkles Kapitel in der deutschen Rechtsprechung dar. Untersuchungspannen, unprofessionelle Verhörmethoden und nicht nachvollziehbarer Verlust von Beweismaterialien werfen ein denkbar schlechtes Licht auf die deutsche Justizbehörde.

Der Fall stellt aber auch in Hinsicht auf das gesellschaftliche Umfeld und den Beteiligten eine Besonderheit dar. Nichts von den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft konnte schlüssig bewiesen werden, obgleich viele der Angeklagten schon frühzeitig Geständnisse zu den  Missbrauchsvorwürfen und auch zur Tötung abgelegt hatten. Die Verwirrung war groß, denn die Widersprüchlichkeiten, aber auch die bis ins Detail führenden Geständnisse hatte eine so große Komplexität, dass sie unmöglich erdacht sein konnten. Zurück bleibt ein Trauma, das durchaus gesellschaftliche Dimensionen hat. Kroetz lässt daran jedenfalls keinen Zweifel. Bei dem Täterkreis handelt es sich um Menschen der untersten sozialen Schicht, arbeitslos, ohne nennenswertes Eigentum, um sinnentleerte Existenzen, die vom gesellschaftlichen Bewusstsein höchsten noch für entsetzliche Nachmittagssendungen der Privatsender genutzt werden, wo man sie vorführt, um das voyeuristische Bedürfnis zahlreicher, anonymer Zuschauer zu befriedigen. Es handelte sich um Menschen, deren einzige Prämisse die des Kapitalismus schlechthin ist, das Geld. Geld ist in dieser Schicht jedoch nur sehr begrenzt vorhanden und so schrumpft die Welt für sie auf die Paradiese von Tschibo oder Billigdiscountern zusammen. Für diese Menschen gilt: Was einen Preis hat, kann gekauft werden und ist moralisch nicht verwerflich. Dazu gehört auch der Körper eines Fünfjährigen. Für 10 €, bei der Wirtin zu entrichten, konnte, wer wollte, mit dem Jungen in ein Hinterzimmer gehen. Es konnte angeblich auch angeschrieben werden.

In Kroetzs Stück kommt der Junge nur durch die Münder der Täter zu Wort, die, gehetzt von ihrer eigenen Schuld, um Rechtfertigung ringen. Dabei sparte der Autor nichts aus. Er konnte es wohl auch nicht, denn wie soll sich ein gesunder Mensch, der in geordneten Verhältnisse, in liebevoller Umgebung lebt, eine Vorstellung entwickeln, wie bei Kindesmissbrauch im öffentlichen Raum die Mechanismen der Verführung funktionieren. Das Fatalste an der Geschichte ist die Tatsache, dass der Begriff Liebe oder lieb permanent im Mund geführt wird. Tatsächlich geht es sowohl den Tätern, wie auch dem Opfer um Liebe, um geliebt werden, um liebevolle Nähe. Doch bleibt diese Liebe immer untrennbar, sowohl für Täter, wie auch für Opfer, mit Geld verbunden. Es ist eine altbekannte Weisheit, dass Geld, und Geld steht für Besitz gemeinhin, einen Fetischcharakter besitzt. Sobald der Fetischcharakter über den, dessen Begehrlichkeit übermächtig auf Geld fixiert ist, Oberhand gewinnt, entartet alles. Liebe wird zum egoistischen, skrupellosen Missbrauch. Der Preis, Geld steht zugleich als Leistung bei nichtvorhandener Gegenliebe, rechtfertigt die Tat, denn der Preis definiert auch den Umfang der Tat. „Für 50 € lässt du alles mit dir machen!“ - „Ja, Onkel …“ Und das Teuflische in dieser stetig ansteigenden, sich schneller drehenden Spirale ist die Flüchtigkeit des Geldes. Alle diese Mechanismen sollten bekannt sein. Zugegeben, derartige Einsichten werden nicht in besagten  Nachmittagssendungen des „Unterschichtenfernsehens“ vermittelt. Wozu auch, ihr Ekelfaktor bringt Quote und Quote bedeutet Gewinn. Nebenher, bei mehr als achtzig Prozent aller kriminellen Delikte geht es um Besitz.
 
duhastgewackelt

Ulrike Willenbacher, Franz Pätzold, Gerhard Peilstein, Shenja Lacher, Lukas Turtur, Katharina Schmidt, Manfred Zapatka

© Thomas Dashuber

 

Mit „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“ ist Kroetz nicht nur ein dramaturgischer Geniestreich gelungen, es ist auch sprachlich ein Höhepunkt im Schaffen des vielleicht provokantesten Theaterautors im Land. Mit seinen früheren Arbeiten hat er auch schon mal hart gesottene Theatergänger vergraulen können. Man musste bisher durchaus „auf des Schlimmste“ gefasst sein. So verwunderte es auch nicht, dass das Cuvilliéstheater bei der Uraufführung am 17. März längst nicht bis auf den letzten Platz gefüllt war. Schade, denn dieses Stück in der Inszenierung von Regisseurin Anne Lenk ist unbedingt sehenswert!

Judith Oswalds Bühne war gänzlich schwarz. Vom Bühnenboden herab hing eine Tiefkühltruhe, mit Klebebändern verschlossen. Schon nach wenigen Sätzen begann es aus dieser Truhe zu tropfen. Es war ein makaberes Bild, denn dem Zuschauer war sofort klar, dass sich darin nur die konservierte Leiche des Kindes befinden konnte. Da die elektrische Leitung mit dem Stecker am Ende ebenfalls in den leeren Raum hinab hing, war die Suggestion vom Prozess des Auftauens, des wieder Sichtbarwerdens, zwingend. Für diesen Einfall muss man Frau Oswald höchstes Lob zollen. In der Folge war Ulrike Willenbacher in der Rolle der skrupellosen und berechnenden Wirtin Wally eifrig bemüht, die verräterischen Wasserspuren mit einem Wischmob zu tilgen. Der Prozess ließ sich allerdings nicht mehr rückgängig machen, denn die Täter rangen bereits abwechselnd verzweifelt um Rechtfertig oder Verschleierung ihres Tun. Konsequenter Weise erfüllte sich die Metapher vom sintflutartigen Ansteigen des Wassers und Judith Oswalds Bühne wurde komplett geflutet.

Die ersten Worte im Stück wurden von  Manfred Zapatka gesprochen, der in der Rolle des Kurts einen Hauptverantwortlichen spielte. „Mir liegt das Böse nicht. Mir liegt mehr das Gute.“ Mit dem leichten Unterton der Empörung erklärte Zapatka sehr überzeugend, dass die ersten Schritte der sexuellen Handlungen am Jungen Hilfeleistungen waren. Erschütternd dabei war, dass Zapatka mit dem Publikum redete, als wäre es der Junge, als könnte er das Publikum ebenso verführen mit seiner vermeintlichen Güte. So hatte jeder der Verführer einen eigenen Ansatz. Bernd, von Lucas Turtur mit großem körperlichen Einsatz gespielt, betrachtete sein Tun als Weiterbildung in Sachen Pferde für den Jungen. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis man zum Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiel kam. Roland, Frank Pätzold verlieh dieser Figur ein sichtbares unterschwelliges Schuldbewusstsein, rechtfertigte seine Übergriffe auf Jungen damit, dass er ihm das größte Geschenk gemacht hatte, das Seeräuberschiff für 129,99 €, im Angebot allerdings nur 79,99 €.

Anne Lenk ließ keine Vorgänge, sondern Haltungen spielen, die nicht selten die moralischen, aber auch menschlichen Verwerfungen der Figuren sichtbar machten. Bei Shenja Lachers Dieter brach schnell und unvermittelt bedrückende Aggression aus. Seine Figur machte den Mord vielleicht am plausibelsten. Gerhard Peilsteins führte die Tat vor. Sein Otto verteidigte sich mit dem Satz: „Ich liebe Kinder, ich habe nicht gehört, dass das ein Verbrechen ist.“ Seine Figur ist der authentischste Hinweis auf den Fall Lucas, der unmittelbar vor seinem Verschwinden von einem Schausteller einen Luftballon geschenkt bekam. Peilstein beschwor die Zerbrechlichkeit von Kindern und zerquetschte dann den letzten Luftballon. Wie ein Trabant kreiste Katharina Schmidt als Elfi um das Geschehen. Immer am Rande der Besinnungslosigkeit agierte Elfi ohne großes Engagement an der Fleischfront, von Wirtin Wally immer wieder ins Rennen um ein paar Euro geschickt. Katharina Schmidts Elfi war anrührend, denn sie war nur Objekt, weniger eigenständig handelnd. Zudem war Elfi die einzige Person, die das Verschwinden des Jungen betrauerte. Ulrike Willenbachers Wally blieb, so gut es immer ging, im Hintergrund, obgleich sie die Fäden zog. Ihre Entschuldigung war so banal wie endgültig. „Ich habe nur zwei Augen und zwei Hände …“

Eine wesentliche Qualität der dramatischen Vorlage von Kroetz ist die Entwicklung der Figuren. Während sich die aktiv handelnden Täter eingangs harmlos geben, verkaufen sie bald ihre eingestandenen Missbrauchshandlungen als Güte und Liebe. Doch als die Verstrickungen für sie selbst nicht mehr entwirrbar sind, kippen die Befindlichkeiten in Abscheu und Hass. Die Tötung wird gerechtfertigt. Dass die Geschichte so betroffen macht, liegt aber in erster Linie an der Sprachgestaltung. Kroetz gelang es mit gering scheinenden Mittel ein größtmögliches Entsetzen zu erzeugen. Zwei der verstörenden Wörter waren: „Ja, Onkel …“

Dass sich der Applaus nicht tumultartig entlud, lag in der Natur des Themas, aber auch in der adäquaten Umsetzung, die auch schon mal seelische Atemnot erzeugte. Immerhin hielt er lange genug an, um den Darstellern und dem Team um Anna Lenk zu bedeuten, dass sie eine überaus lobenswerte Leistung zuwege gebracht haben.

 
 
Wolf Banitzki

 


Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind

von Franz Xaver Kroetz

Shenja Lacher, Franz Pätzold, Gerhard Peilstein, Katharina Schmidt, Lukas Turtur, Ulrike Willenbacher, Manfred Zapatka


Regie: Anne Lenk

Cuvilliéstheater Das Ende des Regens von Andrew Bovell


 

 
 
Wenn es Fische regnet …

Wir befinden uns im Jahr 2039 in Alice Springs / Australien. Gabriel York erhält einen Anruf von seinem Sohn Andrew Price. Seit Monaten regnet es und in Bangladesch sind bereits ein halbe Million Menschen ertrunken. Die Zeichen stehen auf Weltuntergang und daher hatte Andrew beschlossen, seinen Vater, den er eigentlich nicht kennt, endlich einmal zu besuchen. Gabriel gerät in Panik, denn obgleich er selbst nichts zu essen hat, hat er den Sohn leichtfertig zum Essen eingeladen. Im Moment der höchsten Not regnet es einen Fisch. Das Essen ist gerettet und im Zustand relativer Entspanntheit beginnt Gabriel die 80jährige Geschichte seiner Vorfahren zu erzählen. Es ist eine verworrene Geschichte, in der es einige dunkle Punkte gibt.

Es wird nicht chronologisch erzählt. Scheinbar willkürlich springt die Erzählung in den Zeiten, beginnend in den 1950er Jahren und den Familien Law und York über vier Generationen hin und her. Es bedarf keiner übermäßigen Anstrengung, der Geschichte zu folgen, wenngleich gerade Namensgleichheiten verwirrend sein können. Das Entscheidende ist, dass die Verstrickungen z.T. tragischer Natur sind und Opfer fordern. Die erste Verfehlung, die unsägliche sexuelle Orientierung Henry Laws hat tödliche Folgen für mehr als nur einen Menschen. Die betroffenen Familienmitglieder überschauen die Verstrickungen selbst nicht. Einzig der Zuschauer ist am Ende der Wissende, wenn Gabriel seinem Sohn einige Artefakte aus der Familiengeschichte überreicht, denn der Zuschauer hat erfahren, welche Rolle die Gegenstände spielten.

Wie auch bei „Lantana“ (Metropoltheater im Oktober 2006), handelt es sich um ein dramatisches Konstrukt, das dem Prinzip eines Puzzles folgt. Erst am Ende kennt der Betrachter die Geschichte, ein Prinzip, welches David Lynch zu bisher unübertroffener Vollkommenheit entwickelte. Literarische Konstrukte dieser Art haben häufig einen entscheidenden Mangel: Obgleich die Geschichte meisterlich entwickelt und erzählt ist, mangelt es häufig an literarischem „Blut und Fleisch“ und packt daher nicht unwiderstehlich nach dem Betrachter. Andrew Bovell griff schon in „Lantana“ zu einem sehr probaten Mittel, das die Geschichte zu einem guten Amalgam verschmelzen ließ: Schuhe. In „Das Ende des Regens“ sind es Fische. Ob er sich dabei von Filmen wie „The big fish“ von Tim Burton oder „Arizona Dream“ von Emir Kusturica inspirieren ließ, bleibt dahingestellt. Aber warum etwas nicht mehrfach auflegen, wenn es so gut funktioniert?
 
  endedesregens  
 

Katharina Schmidt, Tom Radisch

© Thomas Dashuber

 

 

Dem Regisseur Radu Afrim schien diese Geschichte auf den Leib geschneidert zu sein. Er, der zum ersten Mal in Deutschland inszenierte, entdeckte darin ein großes poetisches Potential und schuf einen faszinierenden Bilderreigen, in dem der (die) Fisch(e) eine nicht unerhebliche Rolle spielte(n). Radu Afrim ist eher ein visueller Regisseur, der den Text von Bovell in poetische, z.T. surreale Bilder decodierte. Helmut Stürmers Bühnenbild im Münchner Cuvilliés Theater war ein in („gebrochenem Weiß“) metallisch grau (der Code für Tristesse) gehaltener großer Raum, der durch drehbare Tore strukturiert wurde, ohne zu begrenzen oder einzuengen.

Und um Enge ging es in dem Stück vornehmlich, um die Enge, der es in London oder auch in Australien zu entrinnen galt. Das Scheitern war vorprogrammiert, denn die junge wissens- und lebensdurstige Elisabeth Law, schauspielerisch und tänzerisch herausragend gestaltet von Andrea Wenzl, endet im Alter als Alkoholikerin. Barbara Melzl erhielt von Afrim endlich wieder einmal die Gelegenheit, aus sich herauszugehen. Sie ist eine Darstellerin, deren Potenz sich zu entfalten beginnt, wenn „gediegenes“ Schauspiel endet. Ähnlich gestaltete sich das Schicksal von Gabrielle York, deren Lebenserwartungen in Demenz endeten. Katharina Schmidts wechselvolles Spiel zwischen Sehnsucht und Orientierungslosigkeit machten letztlich die Verzweifelung des Dulders Joe Ryan (Oliver Nägele) schmerzhaft erfahrbar. Nägele sparte alle seine Energien über einen disziplinierenden Gleichmut auf, bis sich sein Frust über das verkorkste Leben in einem emotionalen Gewitter entlud. Und dennoch: Er möchte keinen Tag mit ihr missen.

Es gab viele bewegende Szenen im Stück. Wenn beispielweise die junge Gabrielle York, agil und natürlich gespielt von Michaela Steiger, Gabriel Law erklärte, warum sie ihm seine Unschuld geschenkt hatte, weiß man, dass die beiden für einander bestimmt waren. Gabriel York, der nach Australien aufgebrochen war, um seinen Vater Henry Law zu suchen, konnte nicht ahnen, wie verhängnisvoll diese Reise werden würde. Tom Radisch spielte diese Rolle mit einer virulenten unterschwelligen Nervosität, die sich letztlich über das ganze Geschehen ausbreitete. Lukas Turtur, der den sexuell abnormen Vater spielte, leitete diese bedrückende Spannung mit seinen Qualen vor einem unausweichlichen, weil erzwungenem Coming out ein. Die Bedrohlichkeit endete erst mit dem letzten Gespräch zwischen Gabriel York, Götz Schulte gab einen einsamen Mann an den Grenzen zur Verwahrlosung, und dessen Sohn Andrew Price, gestaltet vom jungenhaften Franz Pätzold. Und als endlich alles gesagt war, war da noch immer der Fisch…

Der Versuch, die Geschichte verständlich und einleuchtend wiederzugeben, kann im Rahmen einer Kritik kaum gelingen. Das soll auch nicht Sinn der Übung sein. Letztlich wünscht sich der Leser einen klaren Hinweis darauf, ob es eine sehenswerte Inszenierung ist. Diese Frage kann guten Gewissens mit einem Ja beantwortet werden. Es sollen nur drei Attribute aufgezählt werden, warum es eine gelungene Geschichte war. Sie war spannend, weil schon ziemlich früh eine Ahnung davon aufkommt, wie kurios, wie verrückt und unberechenbar das Leben mitunter verfährt. Sie war phantastisch, weil in ihr Bilder zu sehen waren, die eine poetische Entsprechung des alltäglichen Lebens waren und sind. Um diese zu malen, bedurfte es allerdings eine Talentes wie Radu Afrim. Und sie war eine gelungene Geschichte, weil sie berührte. Dank des wunderbaren Spiels aller Darsteller geriet ein dramatisches Konstrukt, das ziemlich verrückt anmutete, überaus glaubhaft.

 
 
Wolf Banitzki

 

 

 


Das Ende des Regens

von Andrew Bovell

Barbara Melzl, Oliver Nägele, Franz Pätzold, Tom Radisch, Katharina Schmidt, Götz Schulte, Michaela Steiger, Lukas Turtur, Andrea Wenzl


Regie: Radu Afrim
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