Metropoltheater Schuld und Schein. Ein Geldstück von Ulf Schmidt


 

 

Super! Wahnsinn!

Man muss es ihnen nur erzählen ... „und schon floriert es und rennt wie die Sau“. Und wer sich nun das Bild einer tatsächlich rennenden Sau ins Gedächtnis ruft, erkennt, wie sich der Geldmarkt bewegt – im Schweinsgalopp. Dagegen nehmen sich die laufenden Schafe geradezu elegant aus, vom Pferd oder einem sprintenden Gepard sei an dieser Stelle nicht gesprochen. Es sind die Nutztiere, die Schweine und die Schafe, die das Geschäft voran bringen. Ob nun das Schaf oder das Schwein zuerst da war, lässt sich heute nur noch schwerlich sagen. Eines lässt sich jedoch mit Sicherheit feststellen: Der Geldhandel und der Viehhandel unterscheiden sich nur marginal.

Der Autor Ulf Schmidt schrieb „Ein Geldstück“, darin stellt er auf sehr unterhaltend profunde Weise die Mechanismen des Geldmarktes vor. Eine äußerst wichtige Aufklärung findet statt, deren Wert nicht hoch genug angesetzt werden kann. In 14 Szenen gegliedert, werden die einzelnen Bereiche der Branche veranschaulicht – beispielhaft. Und wenn man sich diese, auf der Bühne extrahierten Bewegungen in ein Gesamtbild zusammengefasst vorstellt, so ergibt es das tatsächliche gewollte unübersichtliche außerordentliche alltägliche Chaos - in dem Berater Ratsuchenden raten sich doch beraten zu lassen, um die fälligen Raten zu berappen. Super! Wahnsinn!

Zwei Männer in dunklen Anzügen „B“‘s, ein Mann mit Frack und Herr A. in heller Lederjacke betraten die Bühne. Dann noch der coole Herr A. mit Sakko und lockerem Outfit. Die Bühne, der leere Schwarze Raum war spärlich ausgeleuchtet und nur die Darsteller standen an der Rampe, im Focus (Licht: Hans-Peter Boden). Regisseur Jochen Schölch inszenierte gleich einem kurzweiligen Happening - die Show um das Geld. Beginnend bei der Unterscheidung von Eigentum und Besitz und über die scheinbar einfache sichere Verwahrung eines Goldstückes in einem Tresor, über den Wettbewerb und die Unternehmensbeteiligung, bis zur Staatsfinanz und die gesteuerte Inflation verlief der Gang des Untergangs. Das ist ein Naturgesetz. Und tatsächlich, wo der Glaube allein nicht zu blinder Überzeugung ausreicht, muss eben die Natur die Rechtfertigung liefern. Die Archetypen des Business gaben ihr Bestes. Der Banker Paul Kaiser verkörperte komödiantisch die ernsthafte Selbstbezogenheit der Branche und sein hart konkurrierender Kollege Marc-Philipp Kochendörfer konnte schon mal wirklich ausrasten und eine Line ziehen, bei so viel Unverständnis und Stress. Dagegen stand Herr Kaiser, Hubert Schedlbauer im Frack, über den Dingen in seiner Rolle als spielführender Souverän. Und die belustigende Interpretation eines heutigen Allein-Redners bildete einen der Höhepunkte in der Geldshow. Ein anderer: Die künstlerische Wiedergabe des bekannten Songs „Money makes the world go around“ von ABBA – Anleger, Banker und Banker, sowie Herrn Alle(sparer). Wobei hier, wie auch in anderen Szenen A., Anleger Philipp Moschitz, wohl nicht zufällig den Ton angab. Die kreative Handschrift von Jochen Schölch gepaart mit der lebendig präzisen Darbietung durch die fünf Schauspieler schuf eine Fülle von erhellend erheiternden Momenten.

  SchuldundSchein  
 

Butz Buse, Hubert Schedlbauer, Philipp Moschitz, Marc-Philipp Kochendörfer,  Paul Kaiser

© Hilda Lobinger

 

Keine Aufklärung ergab die abschließende Talkshow um das Thema: „Wer hat Schuld?“ Hitzig verlauteten Vorstellungen, Argumentationen und Phrasen kreuz und quer in der Runde. Wie Usus. Das Reden um „Herrn Kaisers Bart“ ist seit Jahrhunderten eine bewährte Strategie der Ablenkung und dass sie ausgezeichnet funktioniert, wurde wieder einmal bewiesen. Bei so viel Beweislast steht unanfechtbar fest: Es sind Alle und Keiner mit Schuld beladen. Und eigentlich und überhaupt sind „die Märkte in Digital...ien“ verantwortlich.

Beim Schlussapplaus war es Herr A. in der hellen Lederjacke, Butz Buse, dem die akustisch deutlich geringere Begeisterung zukam. Das hatte aber keinesfalls an seiner ausgezeichneten einfühlsamen Schauspielkunst gelegen, mit der er Herrn Alle und Keiner will es gewesen sein, naiv den Blick stets ergeben nach oben gerichtet, personifizierte. Es wurde damit ausdrücklich der Beweis bestätigt: Es ist eine verdammt undankbare Rolle – die des Geldschafes ... ähh des Sparers. Denn wer beklatscht schon gerne die eigenen Schwächen.

Super! Wahnsinn! Megawichtig! Das muss man gesehen haben! (Vor allem wenn man regelmäßig ein Geldinstitut kontaktiert.)

 

C.M.Meier



www.schuldundschein.de

 

"Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert." Albert Einstein

 


Schuld und Schein. Ein Geldstück  

von Ulf Schmidt

 Butz Buse, Paul Kaiser, Marc-Philipp Kochendörfer, Philipp Moschitz, Hubert Schedlbauer

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Nichts. Was im Leben wichtig ist von Janne Teller


 

 

Sie nennen es Nihilismus

Die Verneinung bestehender Glaubenssätze führt seit jeher zu Angst, Chaos, Gewalt. Es scheint als würden alle Gedanken der Welt, zu einem Netz verflochten, den geistigen Halt der Spezies Mensch bedeuten. Diese laufen die Fäden entlang, halten an den Knoten inne. Es läuft eine Weile, kommt zu Stau, Missverständnissen und die einen behaupten die Fäden des Netzes wären von blauer Farbe, während die anderen behaupten diese wären grün. Eskalation! Neue Fäden werden eingeflochten, neue Gedanken gesponnen. Gleich Marionetten zappeln die Gläubigen die Fäden entlang, immer die Fäden entlang. Kommt nun ein freier Geist, einer der fliegen kann, in den Maschen den Netzes verweilen - beispielsweise in einem Pflaumenbaum sitzend - und zwingt sie ihre Leitfäden in Frage zu stellen, so ruft dies Angst hervor, stört die Einigkeit und wird attackiert, bis ...  - Sokrates, Jesus, Nietzsche, und ... und ... und Pierre Anthon. Jede Gesellschaft hat ihre Mechanismen sich dieser Geister zu entledigen.

In dem Buch „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller ist es eine Klassengemeinschaft, welche angestrengt ihren Mitschüler Pierre Anthon von der Richtigkeit des gemeinschaftlichen Tuns zu überzeugen, ihn zu „bekehren“ sucht. Sie scheitern, obwohl sie ihr Handeln als vernünftig anerkennen, als Gemeinschaft und letztlich vor allem jeder an sich selbst. Die Konsequenz, mit der der Aussteiger sie immer wieder mit seiner unwiderlegbaren Ansicht „Nichts bedeutet irgendetwas.“ konfrontiert, macht den „Berg der Bedeutung“ welche die Jugendlichen, unter zunehmend umfassenderer Selbstverleugnung anhäufen, bedeutungslos. Lebenshaltung steht gegen Lebenshaltung – „Nichts. vs. Was im Leben wichtig ist“. Und was bedeutet „wichtig“? Vordergründig erheblich bis dringend. Ein Superlativ! Naturgemäß wird einer solchen Worthülse in der Gesellschaft noch deutlich mehr Bedeutung zugemessen, schon einfach um dem vermittelten Inhalt mehr Gewicht zuzuschreiben, als dieser tatsächlich hat, ihm zukommt. Das Wort-Prinzip funktioniert, wie unschwer überall zu erkennen ist. Der Mechanismus fordert seine Opfer, die Opfer opfern sich und treten gepeinigt um sich. Es ist ein durchaus umstrittenes, mit Preisen ausgezeichnetes Buch, welches sehr kontroverse Reaktionen hervorruft.

  NichtsWas  
 

 Nicolas Fethi Türksever

© Hilda Lobinger

 

Die Brisanz des Themas ist unbestritten. Eine Theater-Adaption des Romans wurde von Regisseur Jochen Schölch und Absolventen der Theaterakademie August Everding auf die Bühne des Metropoltheaters gebracht. Von der Decke hing eine Vielzahl von Lampen in geometrischer Anordnung. Die Leere der Bühne unterbrachen einige rostige Blechfässer, die Häuser des Ortes Taering – dän. rosten, erodieren – dem Ort des Geschehens. Die bürgerliche Idylle gab damit ihren Zerfall preis. Gleich einem Chor stand die Gruppe. Gemeinsam als Klasse oder abwechselnd einzeln die Figuren vorstellend, sprachen sie den gekürzten Prosatext. Jan Johann, Ole, Kai, Hendrik, Werner, Richard, Hans, Laura, Maike, Anna, Gerda, Agnes, Sofie, Elise, Marie und Ursula ... Pierre Anthon. Durch Mehrfachbesetzung blieb für jeden der jungen Schauspieler viel Text zu bewältigen. Erwähnenswert ist das Bild in welchem David Lindermeier, Nicolas Fethi Türksever, Martin Borkert und Simon Heinle Sonnenbrillen aufsetzten und als Band den Song „Nowhere Man“ der Beatles vortrugen, zu dem die Mädchen durchweg in hysterische Begeisterung verfielen. Mit ausdrucksvoller Körpersprache unterstrichen die Darsteller Text und Aktion. So formten sie mit ihren Körpern den „Berg der Bedeutung“, zauberten „Bedeutungen“ hervor und blieben doch auch immer sachlich angemessener Vortragshaltung verhaftet. Es war eine präzise erarbeitete und ausgeführte Darbietung eines Romans, an dessen Ende das Bildnis des Gekreuzigten angedeutet wurde. Nebenbei: Es wäre höchst angebracht diesen Leidenden endgültig abzunehmen, die Fäden, die Gedanken zu dem zweitausend Jahre vergangenen Spektakel der Bestrafung und Abschreckung zu unterbrechen, um Freiraum zu schaffen, anderen Überzeugungen den Raum zu überlassen ...

 


C.M.Meier

 

Der Sinn des Lebens ist das Leben. Nur dieses ist von lebenslanger Bedeutung. Alles andere ist Beiwerk, notwendiges oder überflüssiges, stärkendes oder belastendes Beiwerk. Wer sie nicht kennt, die „Möwe Jonathan“ von Richard Bach ... hat noch nie wirklich versucht Fliegen zu lernen, den Hauch des Lebens zu erfahren bzw. Fähigkeit zu Profession zu machen ... hat noch nie die Bedeutung zu leben erkannt, noch nie auch nur eine Stunde in einem Pflaumenbaum verweilt.

 

 


Nichts. Was im Leben wichtig ist  

von Janne Teller

Bühnenfassung von Andreas Erdmann nach der deutschen Übersetzung von Sigrid D. Engeler

Konstanze Fischer, Judith Neumann, Anna-Yael Ehrenkönig, Theresa Martini, Leonie-Merlin Young, Sara Tamburini, David Lindermeier, Nicolas Fethi Türksever, Martin Borkert, Simon Heinle
Stimme Erzähler: Christian Baumann
Klavier: Friedrich Rauchbauer

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater  Eisenstein von Christoph Nußbaumeder


 

 

Niederbayerische Familiensaga mit Gänsehauteffekt

Sie mutet archaisch an, die Geschichte der Familien Schatzschneider und Hufnagel, und sie ist es auch, denn sie verfügt über alle Zutaten für eine griechische Tragödie. „Der Krieg bringt so manches durcheinander“, und während die einen erfolgreich Besitzstandswahrung betreiben, versuchen die anderen auch mit Lügen zu überleben. Zu den Lügen gesellen sich das Vergessen, die Verklärung und stets auch die Übertreibung. Doch die Geschichte spielt nicht auf dem Peloponnes, sondern in Niederbayern nahe der böhmischen Grenze in dem kleinen Ort Eisenstein. ‚Wenn Eisen und Stein aufeinander treffen, dann gibt’s Funken.’ Ist Eisenstein darum ein besonderer Ort? Nein. Der Ort ist so gut oder so schlecht wie jeder andere und darum wohl auch austauschbar. Lüge und Verrat gedeihen an allen Orten. Sie variieren zwar, bleiben im Kern doch immer die gleichen.

Christoph Nußbaumeders (Jahrgang 1978) wuchtige Familiensaga ist zweifelsohne ein spannende Geschichte, gutes episches Theater, dessen Qualität allerdings nicht nur in der Ausformulierung zwischenmenschlicher Konflikte besteht, sondern auch in deren Einbettung in die gesellschaftlichen Zustände und Vorgänge. Das geschieht zwar nur stichwortartig und nur die älteren Theatergänger wissen auf Anhieb Bescheid, doch die Hinweise sind so zwingend, dass die jüngeren Zeitgenossen vielleicht das Geschichtsbuch in die Hand nehmen und nachschlagen. Was im April 1945 begann und 2008 in München eine vorläufige Auflösung erfährt, ist auch  bundesdeutsche Geschichte, denn die Protagonisten sind sehr durchschnittliche Typen, keineswegs Helden. Auch das ist eine lobenswerte Qualität des auf den ersten Blick sehr verwirrenden Dramenkonstrukts.

Jochen Schölchs setzte in seiner Inszenierung ganz auf das Wirkprinzip des epischen Theaters. Er erzählte ohne überlagerndes oder ablenkendes Beiwerk. Hannes Neumaiers Bühne, er zeichnete auch für die Kostüme verantwortlich, war ein großes minimalistisches Podium, strukturiert in drei Flächen, die leicht nach vorn abfielen. Im Hintergrund standen neun Hocker, auf denen die Darsteller Platz nahmen, sobald sie nicht spielten. Regisseur Schölch hatte peinlich genau darauf geachtet, dass Auf- und Abgänge präzise choreografiert waren. So nahm man die permanent anwesenden Darsteller nach kürzester Zeit nicht mehr wahr. Dieser Ansatz erwies sich insofern als sehr effizient, da es in den zweieinhalb Stunden eine Vielzahl von Szenenwechsel gab. Die anwesenden Darsteller erzeugten dann beispielsweise die Geräuschkulisse für einen Regen, ein Sägewerk oder andere Vorgänge, die nur mimisch angedeutet waren. Die Rückwand war Projektionsfläche für Fotografien, die ganz normale deutsche Familien zeigten oder dem Zuschare signalisierte, in welcher Zeit man sich gerade befand.
 
  Eisenstein  
 

© Hilda Lobinger

 

 

Das Spiel aller Darsteller war stimmig, ambitioniert und doch stets Ensemblespiel. Einen einzelnen nennen, hieße andere zurücksetzen. Erstaunlich war die Präzision, mit der Darsteller und auch Regie die Figuren, die in Doppelbesetzung gespielt wurden, deutlich voneinander abgrenzten. Eine Mütze machte aus dem Vater den Sohn, aufgesteckte Haare, die mit einem Handgriff und einer Körperdrehung verändert wurden, aus der Tochter deren Mutter. Eine Schürze verwandelte einen prägnanten Knecht in einen ebenso prägnanten Gastwirt. Schölchs Theatermagie, hier um ein Vielfaches nüchterner als beispielsweise in seiner „Pinoccio-Inszenierung“ des vergangenen Jahres und gänzlich ohne Effekthascherei, war wieder einmal vollkommen. Beerdigungen erschienen in „neuem“ Licht, mit Licht verwandelte sich eine simpler Dielenboden in ein atmosphärisches Speisezimmer. Schuhe am Bühnenrand erzählten von denen, die keine Schuhe mehr brauchen. Trotz oder gerade wegen aller Nüchternheit trieb einem diese Familiensage Schauer von Gänsehaut über den Rücken.

Wieder einmal gelang Jochen Schölch eine Inszenierung, die man einfach gesehen haben muss. Man muss sie nicht nur wegen der guten und guterzählten Geschichte sehen, sondern wegen einer Inszenierung, die, obgleich die Handlung alles andere als anheimelnd ist, wegen ihrer Menschlichkeit als schön bezeichnet werden darf. Schölch macht immer wieder Lust auf Theater. Sein Theater versöhnt mit dem Leben. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn das zeitgenössische Theater kommt nicht selten wie ein Exorzist daher, der mit aufgesetzter Ästhetik oder auch mit völliger Belanglosigkeit den Zuschauer aus dem Körper Theater zu vertreiben sucht.
Und wieder einmal: Chapeau, Herr Schölch und das Ensemble!

 
 
Wolf Banitzki


 

 


Eisenstein

von Christoph Nußbaumeder

 

Dirk Bender/Miko Greza, Anna Dörnte, Marc-Philipp Kochendörfer, Edith Konrath, Ina Meling, Florian Münzer, Nikola Norgauer, Hubert Schedlbauer, Oliver Severin

Regie: Jochen Schölch

 

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Niederbayerische Familiensaga mit Gänsehauteffekt

 

Sie mutet archaisch an, die Geschichte der Familien Schatzschneider und Hufnagel, und sie ist es auch, denn sie verfügt über alle Zutaten für eine griechische Tragödie. „Der Krieg bringt so manches durcheinander“, und während die einen erfolgreich Besitzstandswahrung betreiben, versuchen die anderen auch mit Lügen zu überleben. Zu den Lügen gesellen sich das Vergessen, die Verklärung und stets auch die Übertreibung. Doch die Geschichte spielt nicht auf dem Peloponnes, sondern in Niederbayern nahe der böhmischen Grenze in dem kleinen Ort Eisenstein. ‚Wenn Eisen und Stein aufeinander treffen, dann gibt’s Funken.’ Ist Eisenstein darum ein besonderer Ort? Nein. Der Ort ist so gut oder so schlecht wie jeder andere und darum wohl auch austauschbar. Lüge und Verrat gedeihen an allen Orten. Sie variieren zwar, bleiben im Kern doch immer die gleichen.

 

Christoph Nußbaumeders (Jahrgang 1978) wuchtige Familiensaga ist zweifelsohne ein spannende Geschichte, gutes episches Theater, dessen Qualität allerdings nicht nur in der Ausformulierung zwischenmenschlicher Konflikte besteht, sondern auch in deren Einbettung in die gesellschaftlichen Zustände und Vorgänge. Das geschieht zwar nur stichwortartig und nur die älteren Theatergänger wissen auf Anhieb Bescheid, doch die Hinweise sind so zwingend, dass die jüngeren Zeitgenossen vielleicht das Geschichtsbuch in die Hand nehmen und nachschlagen. Was im April 1945 begann und 2008 in München eine vorläufige Auflösung erfährt, ist auch  bundesdeutsche Geschichte, denn die Protagonisten sind sehr durchschnittliche Typen, keineswegs Helden. Auch das ist eine lobenswerte Qualität des auf den ersten Blick sehr verwirrenden Dramenkonstrukts.

 

Jochen Schölchs setzte in seiner Inszenierung ganz auf das Wirkprinzip des epischen Theaters. Er erzählte ohne überlagerndes oder ablenkendes Beiwerk. Hannes Neumaiers Bühne, er zeichnete auch für die Kostüme verantwortlich, war ein großes minimalistisches Podium, strukturiert in drei Flächen, die leicht nach vorn abfielen. Im Hintergrund standen neun Hocker, auf denen die Darsteller Platz nahmen, sobald sie nicht spielten. Regisseur Schölch hatte peinlich genau darauf geachtet, dass Auf- und Abgänge präzise choreografiert waren. So nahm man die permanent anwesenden Darsteller nach kürzester Zeit nicht mehr wahr. Dieser Ansatz erwies sich insofern als sehr effizient, da es in den zweieinhalb Stunden eine Vielzahl von Szenenwechsel gab. Die anwesenden Darsteller erzeugten dann beispielsweise die Geräuschkulisse für einen Regen, ein Sägewerk oder andere Vorgänge, die nur mimisch angedeutet waren. Die Rückwand war Projektionsfläche für Fotografien, die ganz normale deutsche Familien zeigten oder dem Zuschare signalisierte, in welcher Zeit man sich gerade befand.

 

Metropoltheater Portia Coughlan von Marina Carr


 

 

Irland direkt und unverfälscht

Marina Carrs Stücke sind von ähnlicher Wucht wie die frühen antiken griechischen Dramen. Die Konflikte muten gleichsam archaisch an und die Figuren, zumeist im ländlichen Irland angesiedelt, betreiben großen Kraftaufwand, um diese Konflikte zu überleben. Es sind ohne Frage echte irische Stücke in der Tradition Becketts, O’Casey oder W.B.Yeats, der zu den Mitbegründern des Abbey Theatres gehörte, für das Marina Carr arbeitete. „Portia Coughlan“ wurde 1996 am Peacock Theatre in Dublin uraufgeführt und lief danach sehr erfolgreich auch am Londoner Royal Court Theatre.
Carrs Stücke sind nicht unbedingt für Zartbesaitete verfasst, neben z.T. schwer erträglichen Konflikten beinhalten sie auch extreme physische Gewalt. Aber die Dramen Marina Carrs leben auch von schwarzem Humor und lebendiger, sehr lebensechter Poesie.

Jochen Schölch brachte „Portia Coughlan“ nun auf die Bühne des Metropoltheaters und, soviel sei vorweg genommen, er schuf nicht nur eine erträgliche, sondern unbedingt sehenswerte szenische Umsetzung. Der Regisseur verriet vor der Premiere in einem Interview, dass er gern einem Menschen wie Portia begegnen würde, denn, wie er sinngemäß meinte, wir leben heute in einer Zeit, in der die Menschen enorme Energien aufwenden, um Konflikten aus dem Weg, statt durch sie hindurch zu gehen. Jochen Schölch war fasziniert von der existenziellen Kraft, die dem Konflikt und ihrer Protagonistin innewohnt.

Die Geschichte beginnt am dreißigsten Geburtstag Portias. Die junge Frau ist erfüllt von der Gesangsstimme ihres Zwillingsbruders, der sich auf den Tag genau 15 Jahren zuvor im Belmont Fluss ertränkt hatte. Portia mutmaßt, dass Gott für beide nur eine Seele bereitgestellt hatte und diese nahm der Bruder mit in das nasse Grab. Sie fühlt sich leer, nichts macht mehr Sinn und alles, Mann, Kinder, Verwandte, Mitbürger, der ganze Ort widert sie nur noch an. So ergibt sie sich dem Alkohol oder unverbindlichem Sex, um das Echo der Leere im Innern zum Verstummen zu bringen. Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass die menschlichen Schulden üppig verteilt sind. Leichen unter den Teppichen werden freigelegt und verstören, nicht unbedingt Portia, denn die ist längst an einem Punkt angelangt, wo sie nichts mehr erschüttern kann. Die Sehnsucht nach dem Bruder hat sie um das eigene Leben gebracht. Es ist ein ausweglose Situation und sie ist nur noch erfüllt vom sirenenhaften Gesang des Zwillings, der sie hinabzieht. Portia ist nur noch auf Selbstverteidigung eingestellt, bissig und wütend gegen fast jedermann.

Das Bühnenbild für diese gewaltige Geschichte hätte schlichter nicht sein können. Der Bühnenbildner Jochen Schölch hatte eine kupferfarben Rampe, zum Bühnenrand hin abfallend, installiert, die Spielfläche, Kneipentresen oder sogar Fluss war, aus dem zuletzt auch die tote Portia mit einem Hebekran gehoben wurde. Der Regisseur Jochen Schölch hatte durch seine Schauspielführung überdeutliche Figuren geschaffen, die dennoch nicht holzschnittartig waren, sondern charaktervolle lebendige Menschen. Allen voran natürlich Elisabeth Wasserscheid als Portia. Sie versteht es inzwischen mit scheinbar nachtwandlerischer Sicherheit zu überzeugen. Ihre Portia war bei aller Haltlosigkeit und Zerrissenheit eine extrem starke Frau, die sich selbst in tiefster Verzweifelung nicht einschüchtern ließ und die selbst vor physischer Bedrohung nicht ein Jota zurückwich. Egal, ob in leisen Momenten oder Augenblicken extremen physischen Ausbruchs, Frau Wasserscheid war präzise wie eine Uhrwerk, ohne dabei mechanisch zu werden. Hubert Schedlbauer erwies sich als kongeniale Besetzung in der Rolle des wohlhabenden Ehemanns Raphael. Seine Versuche, Portia näher zu kommen, Einfluss auf sie zu nehmen, waren zart, zögerlich und zuletzt, am Punkt der totalen Resignation angelangt, verzweifelt. Schedlbauers hinkender Raphael war wie ein gescheiterter Engel, dem die Kraft abhanden gekommen war, die Flügel zu entfalten. Herausragend war ebenso die Leistung von Nikola Norgauer, deren Mutter Marianne Scully die fleischgewordene Unterwerfung unter das Diktat der gesellschaftlichen Konventionen vorstellte. In der Rolle der einäugigen Stacia hingegen gab sie eine Frau, in der die Rebellion, wenn auch auf sehr naive Weise, noch lebendig war, selbst wenn sie existenzielle Ängste in ihrer Trägerin auslöste. Widersprüchlicher hätten die beiden Darstellungen kaum sein können. Lilly Forgách (Maggie May Doorley) und Butz Buse (Senchil Doorley) waren das Traumpaar des Abends, sie, bodenständige selbstbewusste Prostituierte, er, zauberhaft vertrottelt, schienen die einzigen Figuren zu sein, die sich eine natürliche Menschlichkeit bewahrt hatten. Christian Hoenings polternder Sly Scully, ein grober Mann, der hart zupacken konnte, zeigte schnell Dünnhäutigkeit, als der tote Zwillingssohn ins Spiel kam. Von gleichem Schrot und Korn war auch die Figur der Großmutter Blaize Scully, raumgreifend und gelegentlich auch beängstigend von Christiane Blumhoff gespielt.

Jochen Schölchs Inszenierung war ähnlich karg angelegt, wie zuvor die von „Eisenstein“. Der Reichtum der Inszenierung entsprang den poetischen Bildern, die die Schauspieler auferstehen ließen. Dabei muss unbedingt auch die Textvorlage gelobt werden, die sich bestens dazu eignet eine besondere Atmosphäre zu erzeugen. Neben den Charakteristiken der zwischenmenschlichen Beziehungen die von krankhaft über ignorant und egoistisch bis hin zu zärtlich reichten, standen wundervolle, detaillierte Naturbilder, vornehmlich von Portia angerichtet, wie man sie selten findet in der zeitgenössischen Dramatik. Es war Irland direkt und unverfälscht. Alles das hat Jochen Schölch mit seinen exzellenten Darstellern sichtbar machen können. Auch wenn diese Problematik nicht auf Anhieb jedem zugänglich sein mochte, zog sie doch früher oder später jeden Zuschauer in den Strudel der Ereignisse und Gefühle hinein. So gelang dem erfolgsverwöhnten Jochen Schölch wieder einmal wahrhaftiges, menschliches und künstlerisch wertvolles Theater, das an dieser Stelle unbedingt empfohlen sein soll.

 

Wolf Banitzki

 

 


Portia Coughlan   

von Marina Carr

Christiane Blumhoff, Butz Buse, Lilly Forgách, Christian Hoening, Paul Kaiser, Nikola Norgauer, Hubert Schedlbauer, Elisabeth Wasserscheid

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Dr. Wahn von Paul Kaiser


 

 
Nobelpreisverdächtige Unterhaltung = Intelligenz x Humor2

Auf dies Formel können die 90 Minuten mit Dr. Wahn zusammengefasst werden. Und bei so viel Einsicht können, ja müssen dem Vortragenden, schon die roten Haare zu Berge stehen. Spreizt sich doch das Wissen tatsächlich meist vehement gegen das Leben und vice versa. Da hilft nur eine exorbitante Portion Humor. „Man kann nicht alles verstehen ... Wahnsinn oder Wahn ohne Sinn.“  Wer weiß das schon? „Wir wissen nichts ... aber alles besser.“

Auf dem Schreibtisch, dem Sinnbild für festgeschriebenes Wissen, welcher in der Mitte der Bühne stand, waren Bücher aufgetürmt, ein Radio, eine Reihe von Weltkugeln, das Modell eines Atoms und dergleichen Anschauungsmaterial mehr. Anhand zweier Fotos holte Dr. Wahn einen Punkt der Heisenbergschen Unschärferelation in seinen Vortrag. War das fahrende rote Auto deutlich scharf erkennbar, so verschwamm der Hintergrund und umgekehrt. „Es ist nicht möglich den Ort und den Impuls eines Quantenobjektes gleichzeitig exakt zu messen.“ - „Welche Anschauung ist wahrer?“ Die des Wissens, oder die des Lebens? Was hat das für Konsequenzen, wenn alles relativ ... und die Resultate abhängig von einer Laune des Betrachters sind.

Es muss also verwundern, dass im allgemeinen alltäglichen Chaos doch vergleichsweise viel ganz ausgezeichnet und präzise abläuft, ein Mindestmaß an Einigkeit in der Betrachtung herrscht. Dass die Menschen sich fortpflanzen, obwohl die Unvereinbarkeit, dieses beglückende spannende Missverständnis zwischen den Geschlechtern dem widerspricht und obwohl jeder einzelne die Welt relativ ganz anders wahrnimmt. Da tat es gut Zuschauer zu sein, sich scheinbar unbeteiligt amüsieren zu können. Scheinbar unbeteiligt, denn Dr. Wahn bezog das Publikum durchaus in seine Ausführungen voll komischer und ergreifender Momente ein. Intelligent und witzig gestaltete Paul Kaiser den Vortrag durch die, die Weltanschauung grundsätzlich verändernden wissenschaftlichen Erkenntnisse des letzten Jahrhunderts. Sprachspiele und Wortgewandtheit gepaart mit der unverkennbaren Gestik des enthusiastischen konzentrierten „wahnhaften Wissenschaftlers“ zeichneten das überaus lebendige Vortragsspiel von Paul Kaiser aus. Schafft er’s? Er schaffte es! Er holte viel Wissen, auf gut verständliche Weise vom Schreibtisch auf den Boden. Er machte verständlich, wie es möglich wäre mit einem speziellen Fernrohr durch die Zeiten zu sehen –auf den eigenen Rücken, wohl um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Hat es alles schon mal gegeben vor UrUrzeiten oder befindet sich alles immer ausschließlich gleichzeitig im Jetzt, dem rasenden Stillstand und die Zeit ist bloße Einbildung? Lassen Sie sich die Welt erklären von Dr. Wahn.

 
   
 

Paul Kaiser

© Hilda Lobinger

 

 

Die alles durchdringende Erkenntnis nach dem Vortrag: Man kann zwar fast alles berechnen, kommt aber deshalb mit dem offensichtlich einfachen Leben doch nicht wirklich klarer. Willkommen im Erlebnispark des allgemeinen Wahnsinns. Alles ist möglich und hier war es unmöglich ohne erhellendes Lachen davon zu kommen. Gäbe es einen Nobelpreis für Theater, er würde zweifellos Dr. Wahn – Paul Kaiser - zuerkannt.

 
C.M.Meier

 

 


Dr. Wahn

Eine ur-knallige Raum-Zeit-Gedanken-Schleife
von und mit Paul Kaiser

 
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