Café Metropol Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten von Georges Perec


 

 

Botschaft des Abends: Nie unterkriegen lassen!

Georges Perec (1936-1982) war in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Autor. Als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer, in Paris geboren, musste er ohne Eltern aufwachsen. Der Vater fiel als französischer Soldat und die Mutter wurde ins KZ verschleppt und umgebracht. Nach seiner Eheschließung 1959 lebte er mit seiner Frau Paulette in Tunesien. Ab 1961 arbeitete Perec bis 1978 als schlecht bezahlter Archivar in einem Neurophysiologischen Laboratorium.

Die Literaturwissenschaft mutmaßt, dass der Umgang mit Aufzeichnungen und Datensätzen den Schriftsteller nachhaltig geprägt hat. Sicher ist sie sich hingegen, dass der Autor Raymond Queneau eine wichtige Rolle im Leben von Perec gespielt hat. Queneau war der Begründer der Gruppe Oulipo, einer „Werkstatt für Potentielle Literatur“, der ab 1967 auch Georges Perec angehörte. Die Autoren dieser Gruppe experimentierten mit onomatopoetischen Texten, zu denen Lipogramme gehörten. Dabei handelte es sich um literarische Arbeiten, in denen auf bestimmte Buchstaben konsequent verzichtet wurde. Georges Perec verfasste allerdings auch Palindrome. Das sind Wörter oder auch ganze Sätze, die sowohl von links nach rechts, aber auch umgekehrt gelesen werden können. (Bsp. Lagerregal / Ein Esel lese nie.) Das nur, um eine Andeutung zu seiner Sprachbesessenheit zu machen, die seine Werke so besonders erscheinen lassen.

Als Hauptwerk von Georges Perec gilt sein 1978 veröffentlichtes und Raymond Queneau gewidmetes Werk „La Vie mode d'emploi“  (deutscher Titel: Das Leben Gebrauchsanweisung). Es  beschreibt in Form eines „Geschichtenpanoramas“ des Lebens in einem Pariser Mietshaus. Dieser Roman gewann den „Prix Médicis“ und machte den Autor immerhin ökonomisch unabhängig. Und eben dieses Werk offenbart den Charakter der Poetik von Georges Perec, der sich selbst als jemand sah, der lebenslang versuchte, ein großes Puzzle zu vollenden. So auch in „Gehaltserhöhung“ von 1967.

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Ulrike Arnold

© Hilda Lobinger

 

Darin wird die wohl wichtigste Frage gestellt, die einen Angestellten lebenslang plagt: Wie bringe ich meinen Chef dazu, mir mein Gehalt zu erhöhen. Es ist mehr ein Exerzitienbuch als ein Ratgeber, das immer wieder darauf verweist, dass es immer (und gemeint ist wirklich immer) zwei Möglichkeiten gibt. Was aber kann dabei herauskommen, wenn stets eine Tatsache oder eine Erscheinung eintreten kann, aber auch gleichzeitig das Gegenteil möglich ist. Alex Rühle nannte das Werk in seiner 2009 erschienen Rezension ein "Dokument der Vergeblichkeit". Da wir aber darauf geeicht sind, die Dinge positiv zu sehen, so lässt sich auch aus der Vergeblichkeit eine Chance ableiten. Dank hypothetischer Annahmen kann die Suche nach der Lösung des Problems bis weit hinaus in die letzten Winkel des Kosmos des Daseins getrieben werden. Was macht es da schon aus, dass am Ende unweigerlich die Paradoxie steht. Klar ist doch von Vornherein, dass man die gewünschte Gehaltserhöhung nicht bekommt. Aber mal angenommen …

Als Ulrike Arnold das kleine Podium im Café Metropol mit festem Tritt bestieg, war ihr die Verzweiflung eigentlich schon ins Antlitz geschrieben, in die sie sich in dem knapp einstündigen Exkurs selbst trieb. Man musste unweigerlich an diejenigen Coachs denken, die heutigen tags aus ihrer eignen Lebensunfähigkeit oder der Bequemlichkeit, etwas Anständiges zu leisten, einen Beruf gemacht haben. Wichtig dabei: Der Glaube ist alles! Und doch klingt es anders, wenn Ulrike Arnold den Weg beschreibt, der gegangen werden muss, um nicht zu erreichen, was nicht erreicht werden kann. Da traten schon einige Wahrheiten zutage, die durchaus im Denken von Angestellten und auch Chefs verankert sind, die aber wegen der politischen Korrektheit nicht ausgesprochen werden (dürfen).

Emphatisch ging es zu, wenn Frau Arnold in Rage geriet und auch schon mal über die Füße der Schreibtafel zu stolpern drohte, denn Verzweiflung und Hoffnung hält sich ja (soweit man im Bereich des Hypothetischen bleibt) die Waage. Beides ist und bleibt möglich. Der Einfachheit halber, und es ist gut und notwendig zu vereinfachen, gab’s eine analoge Powerpoint Präsentation. Irgendwo erinnerte die Kryptografie an Smileys. Tatsächlich nennt sich sowas allerdings „Organigramm“. Im von Klett-Cotta vertriebenen Buch zum Abend ist eine solche „Landkarte“ (den Weg zum Chef und zur Lohnerhöhung beschreibend) tatsächlich enthalten.

Es wäre unzulässig, diesen illustren Abend mit der wunderbaren Ulrike Arnold, die eine Menge Register zieht, nur Angestellten zu empfehlen. Denn, wie man aus diesem Theaterabend lernen konnte und kann, gibt es immer zwei Seiten, zwei Möglichkeiten. Die Philosophie nennt das die Dualität der Welt und meint in diesem Fall die andere Seite des Schreibtisches. Gerade dieser anderen Seite, den Abteilungsleitern, sei das Stück ans Herz gelegt, insbesondere wenn sie noch nicht hinreichend sattelfest sind im Umgang mit Angestellten, die, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer, eine Lohnerhöhung haben wollen.

Jochen Schölch gelang mit dieser kleinen und sehr feinen Inszenierung ein Kabinettstück par excellence, bei dem er als Spielleiter kaum sichtbar wurde. Das war auch nicht notwendig, wenn man auf eine so virtuose Schauspielerin wie Ulrike Arnold bauen kann. Die Botschaft, sich nie unterkriegen zu lassen, kam natürlich an. Allerdings hat auch diese Aussage ein Pendant: Der Kampf kann nie gewonnen werden!

Aber, man könnte hypothetisch annehmen, dass …

 

Wolf Banitzki

 


Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten

von Georges Perec

Ulrike Arnold

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Unter dem Milchwald von Dylan Thomas


 

 

Abend der Superlative

Dylan Thomas – Ein Leben wie ein Drama, eines um Genie und Exzess. Er lebte nur 39 Jahre auf dem Planeten, hinterließ aber wie kaum ein anderer Dichter des 19. Jahrhunderts  unendlich viele Spuren und wenn man sich die Liste der Huldigungen anschaut, möchte man meinen, er sei noch unter uns.

1914 als zweiter Sohn des Gymnasiallehrers David John Thomas in Swansea, Wales geboren, rezitierte er bereits mit vier Jahren Shakespeare-Sonette aus dem Gedächtnis, veröffentlichte 11jährig eigene Gedichte in der Schülerzeitung seines Gymnasiums, zog es aber schließlich 1931 doch vor, beizeiten auf Schulbildung zu verzichten. Er versuchte sein Glück zwei Jahre als Journalist bei der South Wales Daily, um sich endlich seiner eigentlichen Leidenschaft hinzugeben, dem Alkohol.

Als Dichter war Thomas zwar durchaus erfolgreich, doch der Dämon Trunksucht hatte ihn derart im Griff, dass es stets am Nötigsten fehlte. 1949 zog der Dichter mit seiner Ehefrau, der Tänzerin Caitlin MacNamara, die ihm drei Kinder schenkte, für vier Jahre in einen notdürftig ausgebauten Bootsschuppen in der südwalisischen Kleinstadt Laugharne. Dieser Ort wurde zum Vorbild für das fiktive Städtchen Llareggub, in dem er sein Hörspiel „Unter dem Milchwald“ ansiedelte. Dieses Werk sollte sein Hauptwerk bleiben, das 1954 posthum mit dem Prix Italia ausgezeichnet wurde. Thomas starb 1953 an den Folgen einer Lungenentzündung, die er wegen seines Alkoholismus nie richtig ausheilen konnte.

„Unter dem Milchwald“ erzählt einen Tag aus dem Leben der Bewohner oben genannten Ortes Llareggub, dessen Namen, liest man ihn in umgekehrter Richtung "Bugger, all" bedeutet. Wie dieser Name schon suggeriert, sind die Bewohner nicht unbedingt mit normalen Maßstäben zu messen. Da gibt es einen alten Kapitän, dem täglich die Geister seiner Fahrensleute erscheinen; einen Briefträger, der, bevor er die Post den Empfängern aushändigt, sie erst einmal selbst liest; einen Mezger, der von Katzenleber bis Menschenrippchen alles im Angebot zu haben scheint; eine Pensionsbetreiberin, unter deren Reinheitswahn sogar noch die verstorbenen Ehemänner leiden; einen poetisierenden Pfarrer, dem der Heiland höchst selbst ins Wort fällt; einen liebenden Ehemann, der, seine Gattin zur Seite, sich mit effizienten Giftmorden beschäftigt; einen Organisten, den die Orgel nicht mehr auslässt und der darum auch schon mal um Hilfe wimmert; einen Schankwirt, der die blaustrümpfige Lehrerin liebt, die in ihrer Verklemmtheit zueinander aber nicht kommen können; und, und, und…

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Thomas Meinhardt, Lisa Wagner, Lena Dörrie, Gerd Lohmeyer (liegend), Markus Fennert

© Hilda Lobinger

 

Der von Erich Fried kongenial ins Deutsche übertragene Text ist randvoll mit überbordender Poesie. Eine Alliteration jagt die nächste; kaum eine Zeile Text, die nicht erstaunt, verblüfft und wegen ihrer absonderlichen Inhalte zum Lachen reizt. In diese poetische Suhle warfen sich im Metropoltheater voller Wonne fünf schauspielerische Vollblüter und ließen es richtig spritzen. Wenn man für diesen Abend einen Vergleich aus der Physik bemühen dürfte, dann war er so etwas wie ein „Schwarzes Loch“, das die Zuschauer geradezu verschlang.

Julia Ströders Bühne bestand aus einem anthrazitfarbenen Raum, dessen vier Fronten jeweils einen ureigenen Charakter aufwiesen. Er war offen, ließ ungehinderte Einblicke zu; war geschlossen, so dass man mit dem Rücken an der Wand agieren konnte; wies eine Tür auf und machte den Raum begehbar oder hatte ein großes Fenster, aus dem heraus gespielt werden konnte. Dieser Raum war auf einer Drehbühne montiert, die von den Darstellern unentwegt in Bewegung gehalten wurde. In beinahe zwei Stunden spulten Lena Dörrie, Markus Fennert, Gerd Lohmeyer, Thomas Meinhardt und Lisa Wagner einen Reigen von Szenen ab, in denen sie in eine kaum überschaubare Vielzahl von Charakteren schlüpften.  

Regisseurin Ulrike Arnold, sie ließ sich von Elisabeth Wasserscheid assistieren, hatte ihre ehemaligen Residenztheaterkolleginnen Lena Dörrie und Lisa Wagner, zwei ausgemachte Erzkomödiantinnen, verpflichten können. Es war mehr als wohltuend, diese beiden Frauen endlich mal wieder auf einer Münchner Bühne erleben zu dürfen. Die beiden ließen sich wahrlich nicht lumpen und verwöhnten das Publikum mit vielfältigen An- und Einblicken auf und in körperliche und seelische Reize. Lisa Wagner schuf mit ihrem „Ehrwürden“ eine chaplineske Figur, die unvergesslich bleiben dürfte, Lena Dörrie hingegen den vielleicht schönsten Heiland, der jemals an einem Kreuz hing. Niemand vermag sich so überzeugend wie Gerd Lohmeyer mit einem Paar Damenstiefel zu kasteien oder um Hilfe zu wimmern, wenn ihn die Orgel traktiert. Markus Fennert war fleischgewordene Lakonie, wenn er Szenen beiläufig mit „Langweilig!“ kommentierte. Er wusste seinen Körper jedoch ebenso eruptiv einzusetzen, wenn er auf der Balz war. Thomas Meinhardt, ein Mann mit starken männlichen Gesichtszügen, überzeugte als zart dahinwelkender, liebeskranker Gastwirt ebenso wie als Kittel beschürztes Hausmädchen.

Es ist schier unmöglich auch nur eine beschränkte Zahl von Szenen oder Charakteren, in denen die Darsteller brillierten, zu benennen. Es waren ihrer einfach zu viele und die Darsteller überzeugten in ihnen nicht nur, sie begeisterten. Es war ein Abend der Superlative an Quantität und Qualität, den sich niemand entgehen lassen sollte. Wieder einmal wurde das Metropoltheater seinem Ruf gerecht, seine Zuschauer niemals zu enttäuschen. Ganz großes Lob allen Beteiligten!

 

Wolf Banitzki

 


Unter dem Milchwald

von Dylan Thomas

Lena Dörrie, Markus Fennert, Gerd Lohmeyer, Thomas Meinhardt, Lisa Wagner

Regie: Ulrike Arnold

Metropoltheater Schuld und Schein. Ein Geldstück von Ulf Schmidt


 

 

Super! Wahnsinn!

Man muss es ihnen nur erzählen ... „und schon floriert es und rennt wie die Sau“. Und wer sich nun das Bild einer tatsächlich rennenden Sau ins Gedächtnis ruft, erkennt, wie sich der Geldmarkt bewegt – im Schweinsgalopp. Dagegen nehmen sich die laufenden Schafe geradezu elegant aus, vom Pferd oder einem sprintenden Gepard sei an dieser Stelle nicht gesprochen. Es sind die Nutztiere, die Schweine und die Schafe, die das Geschäft voran bringen. Ob nun das Schaf oder das Schwein zuerst da war, lässt sich heute nur noch schwerlich sagen. Eines lässt sich jedoch mit Sicherheit feststellen: Der Geldhandel und der Viehhandel unterscheiden sich nur marginal.

Der Autor Ulf Schmidt schrieb „Ein Geldstück“, darin stellt er auf sehr unterhaltend profunde Weise die Mechanismen des Geldmarktes vor. Eine äußerst wichtige Aufklärung findet statt, deren Wert nicht hoch genug angesetzt werden kann. In 14 Szenen gegliedert, werden die einzelnen Bereiche der Branche veranschaulicht – beispielhaft. Und wenn man sich diese, auf der Bühne extrahierten Bewegungen in ein Gesamtbild zusammengefasst vorstellt, so ergibt es das tatsächliche gewollte unübersichtliche außerordentliche alltägliche Chaos - in dem Berater Ratsuchenden raten sich doch beraten zu lassen, um die fälligen Raten zu berappen. Super! Wahnsinn!

Zwei Männer in dunklen Anzügen „B“‘s, ein Mann mit Frack und Herr A. in heller Lederjacke betraten die Bühne. Dann noch der coole Herr A. mit Sakko und lockerem Outfit. Die Bühne, der leere Schwarze Raum war spärlich ausgeleuchtet und nur die Darsteller standen an der Rampe, im Focus (Licht: Hans-Peter Boden). Regisseur Jochen Schölch inszenierte gleich einem kurzweiligen Happening - die Show um das Geld. Beginnend bei der Unterscheidung von Eigentum und Besitz und über die scheinbar einfache sichere Verwahrung eines Goldstückes in einem Tresor, über den Wettbewerb und die Unternehmensbeteiligung, bis zur Staatsfinanz und die gesteuerte Inflation verlief der Gang des Untergangs. Das ist ein Naturgesetz. Und tatsächlich, wo der Glaube allein nicht zu blinder Überzeugung ausreicht, muss eben die Natur die Rechtfertigung liefern. Die Archetypen des Business gaben ihr Bestes. Der Banker Paul Kaiser verkörperte komödiantisch die ernsthafte Selbstbezogenheit der Branche und sein hart konkurrierender Kollege Marc-Philipp Kochendörfer konnte schon mal wirklich ausrasten und eine Line ziehen, bei so viel Unverständnis und Stress. Dagegen stand Herr Kaiser, Hubert Schedlbauer im Frack, über den Dingen in seiner Rolle als spielführender Souverän. Und die belustigende Interpretation eines heutigen Allein-Redners bildete einen der Höhepunkte in der Geldshow. Ein anderer: Die künstlerische Wiedergabe des bekannten Songs „Money makes the world go around“ von ABBA – Anleger, Banker und Banker, sowie Herrn Alle(sparer). Wobei hier, wie auch in anderen Szenen A., Anleger Philipp Moschitz, wohl nicht zufällig den Ton angab. Die kreative Handschrift von Jochen Schölch gepaart mit der lebendig präzisen Darbietung durch die fünf Schauspieler schuf eine Fülle von erhellend erheiternden Momenten.

  SchuldundSchein  
 

Butz Buse, Hubert Schedlbauer, Philipp Moschitz, Marc-Philipp Kochendörfer,  Paul Kaiser

© Hilda Lobinger

 

Keine Aufklärung ergab die abschließende Talkshow um das Thema: „Wer hat Schuld?“ Hitzig verlauteten Vorstellungen, Argumentationen und Phrasen kreuz und quer in der Runde. Wie Usus. Das Reden um „Herrn Kaisers Bart“ ist seit Jahrhunderten eine bewährte Strategie der Ablenkung und dass sie ausgezeichnet funktioniert, wurde wieder einmal bewiesen. Bei so viel Beweislast steht unanfechtbar fest: Es sind Alle und Keiner mit Schuld beladen. Und eigentlich und überhaupt sind „die Märkte in Digital...ien“ verantwortlich.

Beim Schlussapplaus war es Herr A. in der hellen Lederjacke, Butz Buse, dem die akustisch deutlich geringere Begeisterung zukam. Das hatte aber keinesfalls an seiner ausgezeichneten einfühlsamen Schauspielkunst gelegen, mit der er Herrn Alle und Keiner will es gewesen sein, naiv den Blick stets ergeben nach oben gerichtet, personifizierte. Es wurde damit ausdrücklich der Beweis bestätigt: Es ist eine verdammt undankbare Rolle – die des Geldschafes ... ähh des Sparers. Denn wer beklatscht schon gerne die eigenen Schwächen.

Super! Wahnsinn! Megawichtig! Das muss man gesehen haben! (Vor allem wenn man regelmäßig ein Geldinstitut kontaktiert.)

 

C.M.Meier



www.schuldundschein.de

 

"Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert." Albert Einstein

 


Schuld und Schein. Ein Geldstück  

von Ulf Schmidt

 Butz Buse, Paul Kaiser, Marc-Philipp Kochendörfer, Philipp Moschitz, Hubert Schedlbauer

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Blind Date von Theo van Gogh


Ausweglos

Pom und Katja treffen sich in einer Bar. Sie haben sich über Zeitungsanzeigen gesucht und gefunden. Sie mussten sich finden, denn die jeweilige Annonce, egal ob „Journalist sucht aggressive Frau“ oder „einsamer Herr eine Tanzpartnerin“ oder „älterer Herr um die 50 eine junge Frau als Tochter“, gemeint ist immer nur Katja, Poms Ehefrau. Beide habe einen schweren Verlust erlitten und damit ihre Liebesfähigkeit verloren. Verzweifelt versuchen sie sich immer wieder aufs Neue unter verändertem Vorzeichen anzunähern. Vergeblich, denn die Traumatisierung ist zu stark. Was bleibt in einer solchen Ausweglosigkeit? Theo van Goghs Kammerspiel ist ebenso konsequent wie alle seine Werke, die vor Provokation und/oder den Finger-in-die-Wunde-bohren nicht zurückschreckten. Der elf Minuten kurze islamkritische Film „Submission Part I“ kostete ihm am 2. November 2004 das Leben. Er wurde am hellen Tage auf der Straße von einem fanatischen Islamisten niedergestochen.

Jochen Schölch eröffnete mit dieser Inszenierung das Metropoltheater nach dem Um- und Anbau. Entstanden ist ein großzügiger Gastraum, der die Grundrissform eines Nierentisches hat, womit das Konzept der fünfziger/sechziger Jahre Ästhetik konsequent beibehalten wurde. Erstaunlich dabei die Details, Beleuchtungskörper und Möbel, die eine echte Zeitreise bedeuten. Im Film „Blind Date“ treffen sich Katja und Pom in einer Bar. Somit brauchte es naturgemäß keines zusätzlichen Bühnenbildes, lediglich eines Vorhangs zwischen Foyer und Restaurant, der als Projektionsfläche fungierte.

 

  BlindDateMetropoltheater  
 

Paul Kaiser, Hubert Schedlbauer, Elisabeth Wasserscheid

© Hilda Lobinger

 

Im Stück geht es immer wieder auch um das Thema Humor, welches auf eher quälende Weise bemüht wurde. Tatsächlich scheint uns die befreiende Form von Humor, die uns in den Stand versetzt, auch über uns selbst zu lachen, abhanden gekommen zu sein. Stattdessen amüsieren uns die Missgeschicke oder Unglücke anderer. Pom, ein Zauberer, dessen Komik darin besteht, dass sich die Komik wegen seines Dilettantismus nicht einstellt, erzählt von einem Missgeschick, das seinem Vater widerfuhr, bei dem er sich aber keine ernstlichen Verletzungen zuzog. Doch Pom offenbart sich und gesteht, dass er begrüßt hätte, wenn Blut geflossen wäre. Viel Bitternis schwingt mit, wenn über Humor gesprochen wird oder auch wenn Humor stattfand. Gerade an solchen Szenen wurde deutlich, in welcher psychischen Verfassung diese beiden Menschen sind. Sie gehören zur Spezies des modernen Stadtmenschen, die hochgradig desillusioniert und misstrauisch sind, wie Edward Hoppers „Nighthawks“ durch die Nacht segeln und darauf hoffen, noch irgendeine Form von Glück zu finden. Je vehementer die Verzweifelten danach suchen, umso stärker trifft sie die Wucht ihres Unglücks. Dieses Unglück lässt sich nicht aufheben. Es wiegt zu schwer.

Elisabeth Wasserscheid und Hubert Schedlbauer spielten die Rollen von Katja und Pom so variantenreich wie die wechselnden Szenen, mal aggressiv, dann wieder sanftmütig, verzweifelt oder auch resignierend. In jedem Fall trieben die Fliehkräfte der Katastrophe sie immer wieder auseinander. Zwischendrin chaplineske Auftritte Poms, die von der Erbärmlichkeit seiner Bemühungen als Zauberer beredtes Beispiel geben. Regisseur Schölch achtete peinlich genau darauf, dass nichts verschenkt wurde. Und so waren es vorwiegend die kleinen Gesten, die mimischen Andeutungen, die Erschütterung auslösten und Betroffenheit erzeugten. Zwischen den beiden agierte Paul Kaiser als Kellner wie eine personifizierte Pufferzone. Er musste einiges über sich ergehen lassen, wurde schnell auch mal zur Zielscheibe ohnmächtiger Verzweiflung. Am Ende, als der Zuschauer die ganze Dimension der Katastrophe erfasst hatte, die diese beiden Menschen erdulden mussten, gab Jochen Schölch seine Ästhetik auf und erzählte die Geschichte als Comic-Strip zu Ende. Das schützte das neuerbaute Restaurant vor der blindwütigen Zerstörung durch Pom, wie es im Drehbuch geschrieben steht und wie es in den Verfilmungen auch stattfindet, und es bewahrte den Zuschauer ebenso vor einem unerträglich sentimentalen Ende der Geschichte, nämlich vor dem aus der Welt Scheiden der beiden Protagonisten.

Es war eine starke Geschichte, die von allen beteiligten Schauspielern mit großem Engagement über die nicht existierende Rampe gebracht wurde. Ob es nun tatsächlich eine gute Idee war, sie im Restaurant unter Einbeziehung der Zuschauer spielen zu lassen, sei dahingestellt. Längst nicht allen Zuschauern war es vergönnt, die Darsteller in ihrer ganzen Körperlichkeit zu erleben. Das und das Fehlen der künstlerisch aufgeladenen Raumatmosphäre einer Bar, wie sie in den Filmen geschaffen wurde und wie man sie auf der Bühne im Hausinnern ebenso hätte schaffen können, war zumindest ein deutliches Manko. Sicher war es Jochen Schölch und seinen Mitstreitern ein Bedürfnis, seinen ureigenen Beitrag zum Neubau zu leisten und sich auf diese Weise bei allen Unterstützern zu bedanken. Die Geste ist in jedem Fall herübergekommen.

Wolf Banitzki

 


Blind Date

von Theo van Gogh

Paul Kaiser, Hubert Schedlbauer, Elisabeth Wasserscheid

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Nichts. Was im Leben wichtig ist von Janne Teller


 

 

Sie nennen es Nihilismus

Die Verneinung bestehender Glaubenssätze führt seit jeher zu Angst, Chaos, Gewalt. Es scheint als würden alle Gedanken der Welt, zu einem Netz verflochten, den geistigen Halt der Spezies Mensch bedeuten. Diese laufen die Fäden entlang, halten an den Knoten inne. Es läuft eine Weile, kommt zu Stau, Missverständnissen und die einen behaupten die Fäden des Netzes wären von blauer Farbe, während die anderen behaupten diese wären grün. Eskalation! Neue Fäden werden eingeflochten, neue Gedanken gesponnen. Gleich Marionetten zappeln die Gläubigen die Fäden entlang, immer die Fäden entlang. Kommt nun ein freier Geist, einer der fliegen kann, in den Maschen den Netzes verweilen - beispielsweise in einem Pflaumenbaum sitzend - und zwingt sie ihre Leitfäden in Frage zu stellen, so ruft dies Angst hervor, stört die Einigkeit und wird attackiert, bis ...  - Sokrates, Jesus, Nietzsche, und ... und ... und Pierre Anthon. Jede Gesellschaft hat ihre Mechanismen sich dieser Geister zu entledigen.

In dem Buch „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller ist es eine Klassengemeinschaft, welche angestrengt ihren Mitschüler Pierre Anthon von der Richtigkeit des gemeinschaftlichen Tuns zu überzeugen, ihn zu „bekehren“ sucht. Sie scheitern, obwohl sie ihr Handeln als vernünftig anerkennen, als Gemeinschaft und letztlich vor allem jeder an sich selbst. Die Konsequenz, mit der der Aussteiger sie immer wieder mit seiner unwiderlegbaren Ansicht „Nichts bedeutet irgendetwas.“ konfrontiert, macht den „Berg der Bedeutung“ welche die Jugendlichen, unter zunehmend umfassenderer Selbstverleugnung anhäufen, bedeutungslos. Lebenshaltung steht gegen Lebenshaltung – „Nichts. vs. Was im Leben wichtig ist“. Und was bedeutet „wichtig“? Vordergründig erheblich bis dringend. Ein Superlativ! Naturgemäß wird einer solchen Worthülse in der Gesellschaft noch deutlich mehr Bedeutung zugemessen, schon einfach um dem vermittelten Inhalt mehr Gewicht zuzuschreiben, als dieser tatsächlich hat, ihm zukommt. Das Wort-Prinzip funktioniert, wie unschwer überall zu erkennen ist. Der Mechanismus fordert seine Opfer, die Opfer opfern sich und treten gepeinigt um sich. Es ist ein durchaus umstrittenes, mit Preisen ausgezeichnetes Buch, welches sehr kontroverse Reaktionen hervorruft.

  NichtsWas  
 

 Nicolas Fethi Türksever

© Hilda Lobinger

 

Die Brisanz des Themas ist unbestritten. Eine Theater-Adaption des Romans wurde von Regisseur Jochen Schölch und Absolventen der Theaterakademie August Everding auf die Bühne des Metropoltheaters gebracht. Von der Decke hing eine Vielzahl von Lampen in geometrischer Anordnung. Die Leere der Bühne unterbrachen einige rostige Blechfässer, die Häuser des Ortes Taering – dän. rosten, erodieren – dem Ort des Geschehens. Die bürgerliche Idylle gab damit ihren Zerfall preis. Gleich einem Chor stand die Gruppe. Gemeinsam als Klasse oder abwechselnd einzeln die Figuren vorstellend, sprachen sie den gekürzten Prosatext. Jan Johann, Ole, Kai, Hendrik, Werner, Richard, Hans, Laura, Maike, Anna, Gerda, Agnes, Sofie, Elise, Marie und Ursula ... Pierre Anthon. Durch Mehrfachbesetzung blieb für jeden der jungen Schauspieler viel Text zu bewältigen. Erwähnenswert ist das Bild in welchem David Lindermeier, Nicolas Fethi Türksever, Martin Borkert und Simon Heinle Sonnenbrillen aufsetzten und als Band den Song „Nowhere Man“ der Beatles vortrugen, zu dem die Mädchen durchweg in hysterische Begeisterung verfielen. Mit ausdrucksvoller Körpersprache unterstrichen die Darsteller Text und Aktion. So formten sie mit ihren Körpern den „Berg der Bedeutung“, zauberten „Bedeutungen“ hervor und blieben doch auch immer sachlich angemessener Vortragshaltung verhaftet. Es war eine präzise erarbeitete und ausgeführte Darbietung eines Romans, an dessen Ende das Bildnis des Gekreuzigten angedeutet wurde. Nebenbei: Es wäre höchst angebracht diesen Leidenden endgültig abzunehmen, die Fäden, die Gedanken zu dem zweitausend Jahre vergangenen Spektakel der Bestrafung und Abschreckung zu unterbrechen, um Freiraum zu schaffen, anderen Überzeugungen den Raum zu überlassen ...

 


C.M.Meier

 

Der Sinn des Lebens ist das Leben. Nur dieses ist von lebenslanger Bedeutung. Alles andere ist Beiwerk, notwendiges oder überflüssiges, stärkendes oder belastendes Beiwerk. Wer sie nicht kennt, die „Möwe Jonathan“ von Richard Bach ... hat noch nie wirklich versucht Fliegen zu lernen, den Hauch des Lebens zu erfahren bzw. Fähigkeit zu Profession zu machen ... hat noch nie die Bedeutung zu leben erkannt, noch nie auch nur eine Stunde in einem Pflaumenbaum verweilt.

 

 


Nichts. Was im Leben wichtig ist  

von Janne Teller

Bühnenfassung von Andreas Erdmann nach der deutschen Übersetzung von Sigrid D. Engeler

Konstanze Fischer, Judith Neumann, Anna-Yael Ehrenkönig, Theresa Martini, Leonie-Merlin Young, Sara Tamburini, David Lindermeier, Nicolas Fethi Türksever, Martin Borkert, Simon Heinle
Stimme Erzähler: Christian Baumann
Klavier: Friedrich Rauchbauer

Regie: Jochen Schölch

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