Metropol Theater Wie im Himmel von Kay Pollak


 

Von der Kraft der Musik

Stardirigent Daniel ist im Zenit seiner künstlerischen Laufbahn. Er ist für die kommenden acht Jahre ausgebucht; sein Leben ist verplant. Ist es da noch sein eigenes? Wohl nicht und sein Körper präsentiert ihm prompt die Rechnung. Ein Herzinfarkt reißt ihn aus dem Rampenlicht. Er hat Zeit zum Nachdenken und muss erkennen, dass er seinen Traum nur scheinbar gelebt hat. Der beinhaltet, eine Musik zu machen, in der alle Menschen mit allen ihren Sinnen eins werden. Er kehrt in das Dorf seiner Kindheit zurück, an das er nicht die besten Erinnerungen hat. Dort wurde er gehänselt und gepeinigt, da er schon immer etwas anders war als die anderen. Die Dorfbewohner erkennen in Daniel nicht den kleinen Jungen, wohl aber den Stardirigenten. Man fragt sich, was er in dem Kaff wohl will? „Zuhören“, ist seine Antwort, und so hört er sich erst einmal den Kirchenchor an. Widerwillig stimmt er zunächst zu, sich des Chors anzunehmen. Er erkennt die Potenzen und die Liebe der Choristen und widmet sich ganz dieser Aufgabe. Je näher er die einzelnen Sänger an ihre künstlerische Entfaltung heranführt, umso mehr verändert er das Leben der Dörfler.

Genau das ist die Botschaft des Films. Die Musik (Kunst im weitesten Sinne) verändert die Menschen und macht sie aufrichtig, wahrhaftig und stark. So begehrt die Gattin des Pastors gegen dessen bigotte und machtlüsterne Haltung auf. Eine misshandelte Ehefrau findet endlich die Kraft sich gegen ihren Ehemann zu stellen. Zwei Senioren gestehen sich spät, aber nicht zu spät, ihre lebenslange Liebe ein. Die Kassiererin des örtlichen Supermarktes überwindet ihre Enttäuschung, die ihr ein Mann zugefügt hat und bekennt sich zu Daniel. Der, bislang unfähig, eine Beziehung zu leben, findet sein Glück. Doch das dauert nur einen kurzen Moment, denn bei einem Aufenthalt in Salzburg, bei dem sich der Chor an einem Wettbewerb beteiligt, ereilt ihn nicht nur seine Vergangenheit, sondern ein tödlicher Infarkt. Sterbend noch hört er seinen Chor und erkennt, dass er sein Ziel erreicht hat.

  Wie-im-Himmel  
 

Paul Kaiser, Matthias Grundig
Dirk Bender, Astrid Polak, Jakob Tögel, Sebastian Griegel, Nathalie Schott

© Hilda Lobinger

 

Der schwedisch, dänische Film von Kay Pollak aus dem Jahr 2004 ist ganz großes, vielleicht ein Tick zu großes Gefühlskino. Immerhin avancierte er im Land Ingmar Bergmanns zum erfolgreichsten schwedischen Film aller Zeiten. Dominik Wilgenbus wollte die von Kay Pollak nach dem Erfolg des Films erarbeitete Bühnenfassung im Metropoltheater in Szene setzen. Das Endergebnis war ihm nicht vergönnt, denn eine Krankheit zwang ihn zur Aufgabe. Jochen Schölch übernahm und brachte es grandios zu Ende.

Die Bühne von Hans-Peter Boden beschrieb nicht mehr als ein helles Spielareal. Darauf ein schwarzer Flügel, der alles war und auch sein konnte: Supermarktkasse, Tisch, Omnibus, auch Musikinstrument und sogar, kaum zu glauben, ein Geschäft, in dem man Fahrräder kaufen konnte.  Der Wechsel der Spielszenen wurde über das Licht (Thomas Flach) realisiert. Magier Schölch versteht es, zu verführen und die Aufmerksamkeit des Publikums in jedwede Richtung zu steuern. Sein ausgefeiltes Ensembletheater machte es dem Zuschauer auch leicht, denn die Darsteller agierten gleichberechtigt. Niemand versuchte sich, über seine Rolle hinaus zu profilieren. Das war nicht nur wohltuend, sondern diente gleichsam der „Wahrheitsfindung“.

Erstaunlich und beeindruckend waren die gesanglichen Leistungen der Darsteller. Herausragend Nathalie Schott als Siv, eine Frau, die die Person des Pastors als Orientierungshilfe brauchte und die, ihre eigenen Sehnsüchte unterdrückend, Lust und überschwängliche Freude als Sünde empfand. Auch Judith Toth verblüffte mit ihrer wunderbaren Stimme. Sie verkörperte die misshandelte Gabriella, die der physischen Brutalität ihres Ehemanns Conny (Hubert Schedlbauer) nichts entgegen zu setzen hatte, als die zwingende und aufbegehrende Sehnsucht in ihrer Stimme. Lilly Forgách spielte die beherzte und konsequente Ehefrau des Pastors Stig, den sie letztlich in die Wüste seiner fruchtlosen Weltanschauung schickte und der in diesem Augenblick seine ganze Erbärmlichkeit offenbarte. Marc-Philipp Kochendörfer hielt ihrem Spiel würdig stand. Ina Meling gab eine bezaubernd frische und lebenssprühende Lena, der sich Daniel unmöglich entziehen konnte. Matthias Grundigs Daniel wehrte sich wie eine scheue Schnecke, und wurde im schönsten Sinn Opfer des wahren Lebens. Untergang kann auch Sieg bedeuten, wie dieses Stück bewies. Unbedingt erwähnenswert ist die Leistung Jakob Tögels, der den behinderten Bruder Lenas gab. Seine Darstellung eines autistischen Spastikers (?), man mag die unfachmännische Diagnose getrost übersehen, war faszinierend fein und sensibel.

Es war wieder einmal Ensembletheater vom Feinsten, kurzweilig und spannend bei zwei Stunden und zwanzig Minuten mit einer Pause. Sämtliche Darsteller, selbstredend auch die ungenannten, trugen zu einem fabelhaften Ergebnis bei. Eine Auffälligkeit soll noch benannt werden. Menschen, die unaufrichtig, falsch, verschlagen oder sogar brutal waren, haben nicht gesungen. Zwiespältige Charaktere durchliefen indes Dank der Musik einen Läuterungsprozess. Dabei schien nichts von allem an den Haaren herbei gezogen oder konstruiert gewesen zu sein. Es war umso leichter, sich mit der Botschaft und der Machart der Inszenierung von Wilgenbus und Schölch zu identifizieren, da der Showdown im Film so bombastisch ist, dass er alle emotionalen Grenzen sprengt. Auch hier ist der Effekt eine Frage des Maßes. Im Metropoltheater stimmte es, ohne quantitativ und schon gar nicht qualitativ geringer auszufallen. Schönheit ist überall und sie braucht keine gewaltigen Räume. Auch das Gegenteil von Schönheit ist überall, nämlich zerstörerische Brutalität. Und die unterliegt echter Schönheit in jedem Fall. Das hat die Inszenierung bewiesen und diese Einsicht lässt hoffen.

Wolf Banitzki

 


Wie im Himmel

von Kay Pollak

Dirk Bender, Lilly Forgách, Sebastian Griegel, Matthias Grundig, Paul Kaiser, Marc-Philipp Kochendörfer, Ina Meling, Astrid Polak, Hubert Schedlbauer, Nathalie Schott, Jakob Tögel, Judith Toth

Regie: Dominik Wilgenbus/Jochen Schölch

Metropoltheater Cherubim von Werner Fritsch


 

 

Ein anrührendes Stück Theater

Er ist nicht der Mann für alle Fälle, aber für den vorliegenden Fall „Cherubim“ ist er es unbedingt. Gerd Lohmeyer, wer kennt ihn nicht in Bayern, verkörpert er doch wie kaum ein anderer Schauspieler bayerische Denk- und Fühlart. Die Geschichte „Cherubim“ war ein echtes Geschenk des Lebens für den Autor Werner Fritsch. Auf einem Einödhof im Oberpfälzer Stiftsland aufgewachsen, war Wenzel Haindl, ein eigentümlicher, vom Land und der Geschichte geprägter, verwachsener Knecht, eine prägende, die Fantasie beflügelnde Figur für den 1960 geborenen Schriftsteller. Wenzel, „frei“ von herkömmlicher Bildung und durch Kinderlähmung verunstaltet, entwickelte seine ureigene Sicht auf die Dinge. Die reichte von kindlich-fantastisch bis jenseitig-mystisch. Ausgestattet mit derartigem Rezeptionsinstrumentarium war Wenzel ein sehr eigentümlicher Chronist des 20. Jahrhunderts. „Von ihm habe ich, weil die Großelterngeneration ausfiel, neben meinen Eltern auch Sprechen und vor allem Erzählen gelernt.“ (Werner Fritsch)

Ein sphärisches Dröhnen aus dem Off erinnert schon vorab daran, dass da was ist in den Lüften, etwas Gewaltiges. Ca. 80 Minuten lang fabulierte Gerd Lohmeyer dann über zwei Kriege, über Inflation und Neuanfang, über Ehe, Liebe, Krankheit, Kinderkriegen und auch übers Sterben, nämlich das des eigenen Kindes und das der Mitmenschen, die anders waren als irgendwer. Mit dem Verstehen hapert es. Umso sicherer ist Wenzel im Erfühlen. Schaurige Geschichten von Frauen, die zum Entbinden ins Feld gingen und auf immer verschollen blieben, oder aber sich des Kindes entledigten, waren ihm sehr bedeutsam, denn auch er könnte ein solches, achtlos in die Welt geworfenes Wesen sein - oder war es sogar?

  Cherubim-Metropol  
 

Gerd Lohmeyer

© Rolph Metzner

 

Geschichten vom Hörensagen gestalteten sich ebenso fantastisch wie eigene Erlebnisse. Mit Schicksalsgenossen wie dem „Rumänenbinder“ bekommt Wenzel, der Versehrte, der immerhin zum Schienenlegen taugt, von „Hiltler“ (Jeder Nazi ist Hiltler!) eine „Einladung“ nach Flossenbürg. Das Konzentrationslager ist „Leittopos des Todes“ in Fritschs Werk. Es ist eine unbequeme Reise nur auf Stroh im offenen Waggon und der „Rumänenbinder“, ein mit allen Wassern gewaschener Geselle, der im Beisein Wenzels auch schon mal dessen Ehefrau bestiegen hat, rät ihm zur Flucht. Er taucht später wieder auf, jetzt als Sterbender im Verbrennungsofen. Das ist in Wenzels Weltbild kein Widerspruch. Die Toten sind ebenso im Leben wie die Lebenden und es steht für Wenzel außer Frage, dass er am Ende ganz sicher unter den Cherubim weilen wird. Wenzels Flucht bringt ihn sogar bis nach Afrika, wo er die Vorzüge der dortigen Weiblichkeit schätzen lernt. Am Ende bleibt er der Welt, die ihn nicht sonderlich geschätzt und schon gar nicht verwöhnt hat, freundlich gesinnt:  "Ich wünsch allensamt Glück. Wo leben tun. Auf jetzt hinauf."

Steffi Baiers spartanische Inszenierung lebte von der Verkörperung durch einen fabulierfreudigen Gerd Lohmeyer und dessen dialektgefärbte Sprache, die ebenso bucklig und steifbeinig daherkam wie Lohmeyers Wenzel. Im Unterschied zu diesem Inszenierungsansatz sei an die Darstellung von Richard Beek im Jahr 2003 am Residenztheater (Regie: Elmar Goerden) erinnert. Es war Beeks letzte große Rolle († 17. August 2007) und er gestaltete sie als einen düster-existenzialistischen Abgesang auf das Jahrhundert. Ihm standen allerdings auch nicht der beseelte (bayerische) Klang von Lohmeyers Sprechweise und auch nicht dessen einnehmend-schelmische Erscheinung zur Verfügung.

Szenen- und Stimmungswechsel realisierte Steffi Baier mittels Licht (Hans-Peter Boden). Das Bühnenbild bestand lediglich aus ein paar verstreuten Steinen und einigen wenigen verblichenen Baumskeletten. Dazwischen stakste Lohmeyer dreibeinig im Rhythmus seiner Erzählungen umher. Wenn er eine Zigarette rauchte, dann war es eine selbstgedrehte, wenn er, über „Hiltler“ sinnierend, Tabak schnupfte, blieb ihm das schwarze Zeug wie ein Bärtchen unter der Nase hängen.

Regisseurin Baier gelang ein anrührendes, nicht rührseliges, Stück Theater, das bei aller Düsternis nicht düster war, das bei aller Unmenschlichkeit der Geschichte und der Geschichten über viel Witz verfügte und das mit Gerd Lohmeyer ein sehr menschliches Antlitz bekam. Und hat man Lohmeyer in dieser Rolle erst einmal gesehen, ist es schwer vorstellbar, dass jemand anderes sie so spielen könnte. Es war ein kurzweiliger und nachdenklich stimmender Abend.

 

Wolf Banitzki

 


Cherubim

nach dem Roman von Werner Fritsch

Gerd Lohmeyer

Regie: Steffi Baier

Metropoltheater Der goldene Drache von Roland Schimmelpfennig


 

Dokumentation oder  ...

Schwarze Podeste in einem schwarzen Bühnenraum empfingen die Zuschauer im Metropoltheater. Die Ebenen des Hauses mit dem Schnellrestaurant „Zum goldenen Drachen“ waren offen gelegt. Schwarz auf schwarz, das alle Farben enthält und von denen doch nur ein Bruchteil für das menschliche Auge erkennbar ist. Der Fantasie war Hintergrund geboten, vor dem sich Gold ungleich leuchtender ausnahm.

„Somewhere over the rainbow“, sang die Grille Sebastian Griegel und beschwor damit das erste Farbspektrum vor die Augen des Publikums. Dem Takt folgend arbeiteten acht Asiaten in der Küche des Schnellrestaurants, sie rührten im Wok, klappten den Deckel der Mülltonne, schwangen den Besen, füllten die Einwegschalen. Emsig. Eine neue Bestellung wurde in als Nummer in den Raum gerufen, lautstark danach die Speisebezeichnung und die Zutaten verbreitet. „Somewhere over the rainbow“, sang die feinfühlige Grille als die dominante Ameise Svetlana Bielievtsova an der Rampe erschien. Die Fabel von der Grille und der Ameise, von der Lehre „Wer nicht arbeitet ... bekommt nichts zu essen!“ wurde angespielt. Szenenwechsel, die nächste Bestellung und dazu der Takt der Arbeitsgeräte. Szenenwechsel, ein alter Mann erwartete den Besuch seiner Enkelin. Szenenwechsel, ein junger Asiate bekommt in der Küche Zahnschmerzen. Szenenwechsel, die Ameise verdingt die hungernde Grille. Szenenwechsel, eine junge Frau erwartet ein Kind. Szenenwechsel, die nächste Bestellung im Restaurant mit Speisenummer und Zutaten. Turbulenter Alltag in einem Wohnhaus, wie es fast überall stehen könnte. Die kurzen Szenen spiegeln den Takt der Zeit, bereiten dem Gefühl von Gleichzeitigkeit den Weg. Es gibt nur hier und jetzt und alles und eins. Die Rollenverteilung in Geschlechter war ebenso aufgehoben, wie die Einheit von Rollen. Emsiges Multitasking. Vorgebracht wurden die eine Geschichte um den Zahn des Asiaten und die zahlreichen Parallelgeschehen in erzählender Form. Gleich Einträgen in ein virtuelles Forum berichteten die Figuren über die Vorgänge und trugen so, Szene für Szene, Nachricht für Nachricht einen Haufen von Worten zusammen und damit die Schicksale eines jungen Asiaten und seiner Schwester. Dennoch unterschieden sich die, alle in Schwarz gekleideten Darsteller, doch deutlich. Still leidend ertrug Barbara Krzoska den Schmerz um den Zahn. Alkoholisiert ertrug der Mann im gestreiften Hemd, Olga von Luckwald, die Trennung von seiner Frau. Starr ertrug die Kellnerin, Daniel Holzberg, das Lachen des Publikums, die Reaktion auf gekonnte Imitation von Ausspracheproblemen im Deutschen. Cool ertrug der Barbiefucker, Maren Pertiet, die Diskriminierung durch das Objekt seines Interesses. Verzweifelt ertrug die schwangere Enkeltochter, Klaus Steinbacher, die belastende Zukunft. Neugierig ertrug die blonde Flugbegleiterin, Jakob Tögel, den fremden Zahn in der Suppe. Geschunden ertrug eine hungrige Asiatin, Sebastian Griegel, die Schikanen aller sichtbaren und unsichtbaren. In allen Schwarz in Schwarz erspielten Kurzszenen standen universell präsente Schauspieler im Fokus der Scheinwerfer und erstrahlten in persönlichen Farben.

  DergoldDracheTomekWieczor  
 

 

© Tomek Wieczor

 

Was bleibt von der Werkfassung, wenn die lauten Aufzählungen der Speisezutaten entfallen? Was bleibt von der Gesellschaft, wenn die marktschreierische  Produktionspropaganda verstummt? Eine müßige Frage, denn es wird von allen, nicht nur der kunsterfüllt singenden Grille, verlangt sich den Gesetzen der global agierenden aggressiven Ameisen zu unterwerfen. Manipulation über das existentielle Gefühl Hunger treibt ein legitimiertes Unwesen. Die vergangene Erfahrung von Inhalten einer Speise führte bei deren Nennung auf der Bühne über den Pawlow'schen Reflex zu einem Lächeln ...

Wir wissen, was wir wissen und wissen doch, dass eine wunderbare Oberflächlichkeit die Wirklichkeit auf Distanz hält. Kommunikation heißt das Machtwort, aus der sich eine Kraft zu Bewegung gewinnen lässt. Der Redefluss hat längst die klassischen Ausdrucksformen hinweg gerissen und überschwemmt. Auf ihm schwimmen die Skelette der wieder und wieder wiederholten Phrasen, gleich den Szenenschnipseln die Probleme skizzieren ohne auf diese einzugehen. „Am Anfang war das Wort.“, so erzählten die Vorfahren. Doch was, wenn das Wort heute einer leeren Dose gleicht. Das darin gebundene Schicksal, der Schmerz scheint gebannt, doch mit ihm aber auch die Erkenntnis und die Freude.

Eine eindringliche Lebendigkeit trug die Inszenierung des Werkes „Der goldene Drache“ durch Jochen Schölch. Das Vermögen vielfältig darstellenden Ausdrucks junger Schauspieler vermittelte scheinbar verloren gegangene Dimensionen im Sein, die es für umfassende Menschlichkeit anzuregen gilt. Begeisterter Applaus für einen unterhaltsam „grilligen“ Theaterabend.

 

C.M.Meier

 

 


Der goldene Drache

von Roland Schimmelpfennig

Barbara Krzoska, Sebastian Griegel, Svetlana Bielievtsova, Olga von Luckwald, Maren Piertiet, Daniel Holzberg, Klaus Steinbacher, Jakob Tögel

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Die Lügen der Papageien von Andreas Marber


 

 

Augen auf bei der Berufswahl!

Endlich eine Titelrolle. Der kaum beachtete Schauspieler Martin ist glücklich. Die Proben sind fortgeschritten und nun steht der Satz auf dem Probenplan, der dem Stück den Titel gab: „Ich bin ein Stück Scheiße!“ Wie spricht man einen solchen Satz? Wichtig ist, ihn durch sich hindurchfließen zu lassen, erklärt die Jungregisseurin Kathrin. Die ewige Frage wird diskutiert: Totale Identifikation mit der Rolle und „sein“ oder doch Distanz halten und „erzählen“? Kathrin legt sich ins Zeug, denn jede Arbeit könnte die Arbeit sein, mit der der Durchbruch geschafft wird. Doch dann steht plötzlich der Autor auf der Bühne. Er hat davon gehört, dass der alles entscheidende Satz gesprochen werden soll. Auf diesen Augenblick hat er sehnlichst gewartet. Man versucht ihn von der Probe zu verbannen, doch er erpresst sowohl Martin wie auch Kathrin, beschwichtigt und verspricht zu gehen, wenn er diese Szene gesehen hat. Man arrangiert sich und Martin spricht den Satz nicht nur ein Mal, nein, gleich drei Mal, da ihm die Aussage so substanzieller erscheint. Was dann passiert, läutet eine Geschichte ein, die tiefe Einblick gewährt in künstlerische (darstellerische) Existenzen, Selbstverwirklichungsansprüche und in den Apparat Theater.

Autor Andreas Marber wusste, worüber er schrieb. Am Stuttgarter Staatstheater konnte er als Dramaturg hinreichend Material sammeln. Zudem gab es für das Stück einen konkreten Anlass. Nirgendwo sind Glanz und Elend so dicht beieinander wie im Theater. In der Regel überwiegt allerdings das Elend. Doch davon bekommt das Publikum nur sehr selten etwas mit. Manches B oder C Theater lässt Dantes „Göttliche Komödie“ verblassen, angesichts der Höllen, die sich am Theater auftun. Es ist nicht nur ein Tummelplatz für Sadisten, sondern auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und nicht selten auch der maßlosen Selbstüberschätzungen.

Obgleich es sich bei dem Stück um eine Komödie handelt, steckt gleichsam viel Tragödie darin. Regisseur Jochen Schölch schreckte bei seiner Inszenierung nicht davor zurück, die Geschichte in seinem Metropoltheater anzusiedeln und sie somit sich selbst und seinen Mitarbeitern unterzuschieben. Das impliziert natürlich, dass derartige Vorgänge naturgemäß immer woanders passieren und ganz gewiss nicht am Metropoltheater. Der Zuschauer, von Natur aus eine freundlich gesinnte Spezies, ist indes geneigt, das auch zu glauben. Die Vorstellung, dass die wunderbaren Schauspieler, die jeder Metropoltheaterfan längst namentlich und vom Ansehen her kennt, und die das Publikum im letzten Jahrzehnt mit grandiosen Vorstellungen und Leistungen beglückt haben, so sind, wie sie im Stück dargestellt wurden, erscheint vollkommen absurd. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass die Institution Theater aufgrund seiner Struktur und seinem Wesen solchen, im Stück beschriebenen Vorgängen unweigerlich Vorschub leistet. Schauspieler, auch wenn es manche von sich selbst nicht glauben, sind auch nur Menschen.

Cornelia Petz hatte die drei Darsteller in einigermaßen lächerliche Kostüme nebst Perücken gesteckt, die weder Zeit noch Raum erklärten, in denen das eigentliche Drama angesiedelt war, das im Stück geprobt wurde. Eine ästhetische Geschlossenheit war auch nicht auszumachen. Es war Theater im Theater, und Theater heißt immer Verkleidung. Es ist nicht selten einer der gewichtigsten Reize, der Menschen diesen Beruf ergreifen lässt. Martin Dudeck gab die tragische Schauspielerfigur, dessen Fokus auf die „Rolle seines Künstlerlebens“ den Blick auf die Realitäten und Kabalen verstellte. Strotzend vor Unsicherheit bei geballtem Bemühen, das Unmögliche zu bewältigen, hätte er Mitleid erregen können, wenn sich seine Täterambitionen nicht immer wieder Bahn gebrochen hätten. Ihm zur Seite mühte sich die Jungregisseurin Kathrin, von einer durchaus skrupelbehafteten Kathrin von Steinburg gespielt. Geschmeidigkeit war nicht ihre Stärke und so litt sie, die zwischen die Gräben geraten war, durchaus aufrichtig, um endlich den unvermeidlichen, ursprünglich mit Empörung abgewiesenen Kompromiss einzugehen. Die Gräben waren aufgerissen, als der diabolische Autor Matthias seinen Plan in die Tat umgesetzt sah. Matthias Grundig weidete sich sichtlich und völlig schamlos. Aber auch er war nur ein hypertropher Kleingeist. Kritik ließ er bloß gelten, wenn sie sich gegen andere richtete. Die eigene Arbeit war und blieb über jeden Zweifel erhaben.

Am Ende der siebzigminütigen Vorstellung stand Martin Dudeck zu sanften und bedeutungsschwangeren Klängen aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie im Scheinwerferlicht und rang verzweifelt um Worte, die ihn aus der misslichen Lage hätten befreien können. Es konnte, es wollte nicht gelingen, denn als Schauspieler war und ist er auf Gedeih und Verderb an das Wort des Autors gekettet. Trotz aller Komik, die dieses Stück und vor allem die Inszenierung entfaltete, blieb ein bitterer Nachgeschmack über das Los des Schauspielers, der geliebt und verdammt wird und der sich nicht immer davor schützen kann. Also, Augen auf bei der Berufswahl!

 

Wolf Banitzki

 


Die Lügen der Papageien

von Andreas Marber

Martin Dudeck, Matthias Grundig, Kathrin von Steinburg

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Bartleby, der Schreiber von Herman Melville


 

Wenn einer nicht möchte…

Als Bartleby, ein schmächtiger, farbloser Mensch, sich bei einem Wall-Street-Rechtsanwalt als Schreiber bewirbt, konstatiert dieser irritiert, dass Bartleby ein ungewöhnlich auffällig unauffälliger Geselle ist. Doch der Anwalt hegt von der ersten Sekunde an zugleich eine starke Sympathie für den schweigsamen Mann und er wird, was seine Anforderungen an seinen Angestellten anbelangt, nicht enttäuscht. Zumindest am Anfang arbeitet Bartleby, als gäbe es kein Leben neben der Tätigkeit als Kopist. Der anspruchslose Mann arbeitet unauffällig und, weil hinter einem Paravent, unsichtbar vor sich hin. Sorgen bereiten da eher die Macken der Angestellten Turkey und Nippers, der eine dicklich, schlecht gekleidet und zumeist nachmittags verstimmt, der andere mit dubiosen Kontakten zur Unterwelt, vormittags launisch und nicht selten von Verdauungsproblemen geplagt. Zwischendrin wuselt der Laufbursche Ginger Nut, so genannt, weil er täglich das Gebäck gleichen Namens beschaffen muss. Der Anwalt ist gleichwohl ein vom Leben geschulter Mann und nimmt es einigermaßen gelassen.

Doch dann geschieht etwas Unfassbares. Auf eine Anweisung des Dienstherren, eine Arbeit über die des Kopierens hinaus zu erledigen, ertönt hinter dem Paravent der Satz: „Ich möchte lieber nicht.“ (I would prefer not to.) Und da sich Bartleby nicht bewegen lässt, belässt es der Anwalt zunächst dabei. Doch bald schon verweigert Bartleby jegliche Arbeit und als der Arbeitgeber feststellen muss, dass Bartleby seinen Verschlag gleichsam zu seinem Wohnsitz gemacht hat, fordert er den Mann schließlich auf, die Kanzlei gänzlich zu verlassen. Bartlebys Antwort: „Ich möchte lieber nicht.“ Das Maß ist voll und Bartleby ist untragbar geworden. Doch der Anwalt bringt es nicht übers Herz, den Verweigerer mit Gewalt entfernen zu lassen. Schließlich sieht er keinen anderen Ausweg mehr, als die Kanzlei aufzugeben und seinerseits umzuziehen. Bartleby wird vom Nachmieter in das Gefängnis The Tombs (Die Gräber) geschafft, wo er konsequenterweise jede Nahrungsaufnahme und jede Kommunikation verweigert und stirbt. Erst nach dem Tod Bartlebys bringt der Anwalt in Erfahrung, dass der Verstorbene zuvor in einem „Dead Letter Office“, einem Büro für unzustellbare Briefe gearbeitet hat.

Im Februar 2013 kam die Geschichte unter dem Titel „A Story of Wallstreet“ in der Regie von Andreas Wiedermann auf die Bühne des Teamtheaters. Wiedermann hatte Bartleby in eine Ratingagentur transplantiert, so dass seine Totalverweigerung auf den neoliberalen Finanzzirkus zielte, der sich am Ende gerechterweise selbst entlarvte. Eine brillante Arbeit! Regisseurin Ulrike Arnold (Co-Regie: Eli Wasserscheid) beließ Bartleby im Kontext der Melvilleschen Erzählung, die 1853 erstmals erschienen war, und benutzte sogar dessen Sprache (Übersetzung von Jürgen Krug). So unterschied sich die Metropoltheaterinszenierung deutlich von der, von Andreas Wiedermann modernisierten und ins Heute transponierten Fassung. Die Verweigerung Bartlebys erklärte sich nicht aus den Verhältnissen, wie sie derzeit an der Wallstreet herrschten, sondern behielt ihren mystischen Charakter bei, wie man ihn auch in den Erzählungen Edgar Allen Poes findet. Die Verhaltensweise des Schreibers ließ sich nicht letztgültig erklären, doch sie wirkte zersetzend auf die gesellschaftliche Ordnung. Der Mensch Bartleby stand im Vordergrund, nicht der Angestellte einer für die Wirtschaft repräsentativen Einrichtung. Das vermied weitestgehend die sozioökonomische Dimension, beschrieb aber die grundsätzliche Fähigkeit des Menschen zum konsequenten eigenen Willen, auch um den Preis der Selbstvernichtung.

Julia Ströders Bühnenbild bestand aus einem großen, hölzernen Paravent, einem Schreibtisch und einigen Stühlen. Gewandet waren die Akteure in grauen (Business-) Anzügen (Kostüme: Katja Kirn). Ulrike Arnold inszenierte die Erzählung, die bei Melville vom Anwalt in der ersten Person zum Besten gegeben wird, ohne grundlegenden Perspektivwechsel. Allerdings übernahmen sämtliche Akteure den Part des Anwalts und erzählten abwechselnd. Die Darsteller illustrierten die Figuren mit ihrem Spiel und trieben die Handlungen vornehmlich erzählerisch voran. So gab Butz Buse einen zögerlichen Anwalt, der sich immer wieder in seinen eigenen Skrupeln verstrickte und zumeist mit der Situation überfordert war. Thomas Wenkes Turkey blieb wegen seiner brachialen Ausbrüche (an den Nachmittagen) in Erinnerung, die einigen Schaden auch am Mobiliar anrichteten. Matthias Rengers Nippers hingegen war von eleganter Natur, wenn da nicht die permanenten Verdauungsstörungen gewesen wären, die sich in unüberhörbaren Rülpsern äußerten. Julia Loibl gab einen agilen Ginger Nut, der hochmotiviert war und auch schon mal leicht mal übers Ziel hinausschoss. Bartleby wurde dem Zuschauer visuell vorenthalten. Er, gesprochen von Georg Stürzer, meldete sich selten, aber umso wirkungsvoller aus dem Off, um mit seinem Satz, „Ich möchte lieber nicht.“, allgemeine Verzweiflung zu erzeugen. Wenn einer nicht möchte, was dann?

Die Inszenierung von Ulrike Arnold transportierte diese wunderbare Geschichte, die in dem tiefschürfenden Ausruf endet: „Ja, Bartleby! Ja, Menschentum!“ in ihrer ureigenen menschlichen Dimension. Dabei gab es einige wunderbare szenischer Lösungen zu belächeln. Überhaupt hatte Ulrike Arnold auf Komik gesetzt und sämtliche Darsteller legten sich tüchtig ins Zeug. Die Inszenierung gefiel dem Premierenpublikum und wurde ausgiebig beklatscht.

 

Wolf Banitzki

 


Bartleby, der Schreiber

von Herman Melville

Butz Buse, Julia Loibl, Matthias Renger, Thomas Wenke und Georg Stürzer

Regie: Ulrike Arnold, Co-Regie: Eli Wasserscheid

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