Metropoltheater Cherubim von Werner Fritsch


 

 

Ein anrührendes Stück Theater

Er ist nicht der Mann für alle Fälle, aber für den vorliegenden Fall „Cherubim“ ist er es unbedingt. Gerd Lohmeyer, wer kennt ihn nicht in Bayern, verkörpert er doch wie kaum ein anderer Schauspieler bayerische Denk- und Fühlart. Die Geschichte „Cherubim“ war ein echtes Geschenk des Lebens für den Autor Werner Fritsch. Auf einem Einödhof im Oberpfälzer Stiftsland aufgewachsen, war Wenzel Haindl, ein eigentümlicher, vom Land und der Geschichte geprägter, verwachsener Knecht, eine prägende, die Fantasie beflügelnde Figur für den 1960 geborenen Schriftsteller. Wenzel, „frei“ von herkömmlicher Bildung und durch Kinderlähmung verunstaltet, entwickelte seine ureigene Sicht auf die Dinge. Die reichte von kindlich-fantastisch bis jenseitig-mystisch. Ausgestattet mit derartigem Rezeptionsinstrumentarium war Wenzel ein sehr eigentümlicher Chronist des 20. Jahrhunderts. „Von ihm habe ich, weil die Großelterngeneration ausfiel, neben meinen Eltern auch Sprechen und vor allem Erzählen gelernt.“ (Werner Fritsch)

Ein sphärisches Dröhnen aus dem Off erinnert schon vorab daran, dass da was ist in den Lüften, etwas Gewaltiges. Ca. 80 Minuten lang fabulierte Gerd Lohmeyer dann über zwei Kriege, über Inflation und Neuanfang, über Ehe, Liebe, Krankheit, Kinderkriegen und auch übers Sterben, nämlich das des eigenen Kindes und das der Mitmenschen, die anders waren als irgendwer. Mit dem Verstehen hapert es. Umso sicherer ist Wenzel im Erfühlen. Schaurige Geschichten von Frauen, die zum Entbinden ins Feld gingen und auf immer verschollen blieben, oder aber sich des Kindes entledigten, waren ihm sehr bedeutsam, denn auch er könnte ein solches, achtlos in die Welt geworfenes Wesen sein - oder war es sogar?

  Cherubim-Metropol  
 

Gerd Lohmeyer

© Rolph Metzner

 

Geschichten vom Hörensagen gestalteten sich ebenso fantastisch wie eigene Erlebnisse. Mit Schicksalsgenossen wie dem „Rumänenbinder“ bekommt Wenzel, der Versehrte, der immerhin zum Schienenlegen taugt, von „Hiltler“ (Jeder Nazi ist Hiltler!) eine „Einladung“ nach Flossenbürg. Das Konzentrationslager ist „Leittopos des Todes“ in Fritschs Werk. Es ist eine unbequeme Reise nur auf Stroh im offenen Waggon und der „Rumänenbinder“, ein mit allen Wassern gewaschener Geselle, der im Beisein Wenzels auch schon mal dessen Ehefrau bestiegen hat, rät ihm zur Flucht. Er taucht später wieder auf, jetzt als Sterbender im Verbrennungsofen. Das ist in Wenzels Weltbild kein Widerspruch. Die Toten sind ebenso im Leben wie die Lebenden und es steht für Wenzel außer Frage, dass er am Ende ganz sicher unter den Cherubim weilen wird. Wenzels Flucht bringt ihn sogar bis nach Afrika, wo er die Vorzüge der dortigen Weiblichkeit schätzen lernt. Am Ende bleibt er der Welt, die ihn nicht sonderlich geschätzt und schon gar nicht verwöhnt hat, freundlich gesinnt:  "Ich wünsch allensamt Glück. Wo leben tun. Auf jetzt hinauf."

Steffi Baiers spartanische Inszenierung lebte von der Verkörperung durch einen fabulierfreudigen Gerd Lohmeyer und dessen dialektgefärbte Sprache, die ebenso bucklig und steifbeinig daherkam wie Lohmeyers Wenzel. Im Unterschied zu diesem Inszenierungsansatz sei an die Darstellung von Richard Beek im Jahr 2003 am Residenztheater (Regie: Elmar Goerden) erinnert. Es war Beeks letzte große Rolle († 17. August 2007) und er gestaltete sie als einen düster-existenzialistischen Abgesang auf das Jahrhundert. Ihm standen allerdings auch nicht der beseelte (bayerische) Klang von Lohmeyers Sprechweise und auch nicht dessen einnehmend-schelmische Erscheinung zur Verfügung.

Szenen- und Stimmungswechsel realisierte Steffi Baier mittels Licht (Hans-Peter Boden). Das Bühnenbild bestand lediglich aus ein paar verstreuten Steinen und einigen wenigen verblichenen Baumskeletten. Dazwischen stakste Lohmeyer dreibeinig im Rhythmus seiner Erzählungen umher. Wenn er eine Zigarette rauchte, dann war es eine selbstgedrehte, wenn er, über „Hiltler“ sinnierend, Tabak schnupfte, blieb ihm das schwarze Zeug wie ein Bärtchen unter der Nase hängen.

Regisseurin Baier gelang ein anrührendes, nicht rührseliges, Stück Theater, das bei aller Düsternis nicht düster war, das bei aller Unmenschlichkeit der Geschichte und der Geschichten über viel Witz verfügte und das mit Gerd Lohmeyer ein sehr menschliches Antlitz bekam. Und hat man Lohmeyer in dieser Rolle erst einmal gesehen, ist es schwer vorstellbar, dass jemand anderes sie so spielen könnte. Es war ein kurzweiliger und nachdenklich stimmender Abend.

 

Wolf Banitzki

 


Cherubim

nach dem Roman von Werner Fritsch

Gerd Lohmeyer

Regie: Steffi Baier

Metropoltheater Die Lügen der Papageien von Andreas Marber


 

 

Augen auf bei der Berufswahl!

Endlich eine Titelrolle. Der kaum beachtete Schauspieler Martin ist glücklich. Die Proben sind fortgeschritten und nun steht der Satz auf dem Probenplan, der dem Stück den Titel gab: „Ich bin ein Stück Scheiße!“ Wie spricht man einen solchen Satz? Wichtig ist, ihn durch sich hindurchfließen zu lassen, erklärt die Jungregisseurin Kathrin. Die ewige Frage wird diskutiert: Totale Identifikation mit der Rolle und „sein“ oder doch Distanz halten und „erzählen“? Kathrin legt sich ins Zeug, denn jede Arbeit könnte die Arbeit sein, mit der der Durchbruch geschafft wird. Doch dann steht plötzlich der Autor auf der Bühne. Er hat davon gehört, dass der alles entscheidende Satz gesprochen werden soll. Auf diesen Augenblick hat er sehnlichst gewartet. Man versucht ihn von der Probe zu verbannen, doch er erpresst sowohl Martin wie auch Kathrin, beschwichtigt und verspricht zu gehen, wenn er diese Szene gesehen hat. Man arrangiert sich und Martin spricht den Satz nicht nur ein Mal, nein, gleich drei Mal, da ihm die Aussage so substanzieller erscheint. Was dann passiert, läutet eine Geschichte ein, die tiefe Einblick gewährt in künstlerische (darstellerische) Existenzen, Selbstverwirklichungsansprüche und in den Apparat Theater.

Autor Andreas Marber wusste, worüber er schrieb. Am Stuttgarter Staatstheater konnte er als Dramaturg hinreichend Material sammeln. Zudem gab es für das Stück einen konkreten Anlass. Nirgendwo sind Glanz und Elend so dicht beieinander wie im Theater. In der Regel überwiegt allerdings das Elend. Doch davon bekommt das Publikum nur sehr selten etwas mit. Manches B oder C Theater lässt Dantes „Göttliche Komödie“ verblassen, angesichts der Höllen, die sich am Theater auftun. Es ist nicht nur ein Tummelplatz für Sadisten, sondern auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und nicht selten auch der maßlosen Selbstüberschätzungen.

Obgleich es sich bei dem Stück um eine Komödie handelt, steckt gleichsam viel Tragödie darin. Regisseur Jochen Schölch schreckte bei seiner Inszenierung nicht davor zurück, die Geschichte in seinem Metropoltheater anzusiedeln und sie somit sich selbst und seinen Mitarbeitern unterzuschieben. Das impliziert natürlich, dass derartige Vorgänge naturgemäß immer woanders passieren und ganz gewiss nicht am Metropoltheater. Der Zuschauer, von Natur aus eine freundlich gesinnte Spezies, ist indes geneigt, das auch zu glauben. Die Vorstellung, dass die wunderbaren Schauspieler, die jeder Metropoltheaterfan längst namentlich und vom Ansehen her kennt, und die das Publikum im letzten Jahrzehnt mit grandiosen Vorstellungen und Leistungen beglückt haben, so sind, wie sie im Stück dargestellt wurden, erscheint vollkommen absurd. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass die Institution Theater aufgrund seiner Struktur und seinem Wesen solchen, im Stück beschriebenen Vorgängen unweigerlich Vorschub leistet. Schauspieler, auch wenn es manche von sich selbst nicht glauben, sind auch nur Menschen.

Cornelia Petz hatte die drei Darsteller in einigermaßen lächerliche Kostüme nebst Perücken gesteckt, die weder Zeit noch Raum erklärten, in denen das eigentliche Drama angesiedelt war, das im Stück geprobt wurde. Eine ästhetische Geschlossenheit war auch nicht auszumachen. Es war Theater im Theater, und Theater heißt immer Verkleidung. Es ist nicht selten einer der gewichtigsten Reize, der Menschen diesen Beruf ergreifen lässt. Martin Dudeck gab die tragische Schauspielerfigur, dessen Fokus auf die „Rolle seines Künstlerlebens“ den Blick auf die Realitäten und Kabalen verstellte. Strotzend vor Unsicherheit bei geballtem Bemühen, das Unmögliche zu bewältigen, hätte er Mitleid erregen können, wenn sich seine Täterambitionen nicht immer wieder Bahn gebrochen hätten. Ihm zur Seite mühte sich die Jungregisseurin Kathrin, von einer durchaus skrupelbehafteten Kathrin von Steinburg gespielt. Geschmeidigkeit war nicht ihre Stärke und so litt sie, die zwischen die Gräben geraten war, durchaus aufrichtig, um endlich den unvermeidlichen, ursprünglich mit Empörung abgewiesenen Kompromiss einzugehen. Die Gräben waren aufgerissen, als der diabolische Autor Matthias seinen Plan in die Tat umgesetzt sah. Matthias Grundig weidete sich sichtlich und völlig schamlos. Aber auch er war nur ein hypertropher Kleingeist. Kritik ließ er bloß gelten, wenn sie sich gegen andere richtete. Die eigene Arbeit war und blieb über jeden Zweifel erhaben.

Am Ende der siebzigminütigen Vorstellung stand Martin Dudeck zu sanften und bedeutungsschwangeren Klängen aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie im Scheinwerferlicht und rang verzweifelt um Worte, die ihn aus der misslichen Lage hätten befreien können. Es konnte, es wollte nicht gelingen, denn als Schauspieler war und ist er auf Gedeih und Verderb an das Wort des Autors gekettet. Trotz aller Komik, die dieses Stück und vor allem die Inszenierung entfaltete, blieb ein bitterer Nachgeschmack über das Los des Schauspielers, der geliebt und verdammt wird und der sich nicht immer davor schützen kann. Also, Augen auf bei der Berufswahl!

 

Wolf Banitzki

 


Die Lügen der Papageien

von Andreas Marber

Martin Dudeck, Matthias Grundig, Kathrin von Steinburg

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Bartleby, der Schreiber von Herman Melville


 

Wenn einer nicht möchte…

Als Bartleby, ein schmächtiger, farbloser Mensch, sich bei einem Wall-Street-Rechtsanwalt als Schreiber bewirbt, konstatiert dieser irritiert, dass Bartleby ein ungewöhnlich auffällig unauffälliger Geselle ist. Doch der Anwalt hegt von der ersten Sekunde an zugleich eine starke Sympathie für den schweigsamen Mann und er wird, was seine Anforderungen an seinen Angestellten anbelangt, nicht enttäuscht. Zumindest am Anfang arbeitet Bartleby, als gäbe es kein Leben neben der Tätigkeit als Kopist. Der anspruchslose Mann arbeitet unauffällig und, weil hinter einem Paravent, unsichtbar vor sich hin. Sorgen bereiten da eher die Macken der Angestellten Turkey und Nippers, der eine dicklich, schlecht gekleidet und zumeist nachmittags verstimmt, der andere mit dubiosen Kontakten zur Unterwelt, vormittags launisch und nicht selten von Verdauungsproblemen geplagt. Zwischendrin wuselt der Laufbursche Ginger Nut, so genannt, weil er täglich das Gebäck gleichen Namens beschaffen muss. Der Anwalt ist gleichwohl ein vom Leben geschulter Mann und nimmt es einigermaßen gelassen.

Doch dann geschieht etwas Unfassbares. Auf eine Anweisung des Dienstherren, eine Arbeit über die des Kopierens hinaus zu erledigen, ertönt hinter dem Paravent der Satz: „Ich möchte lieber nicht.“ (I would prefer not to.) Und da sich Bartleby nicht bewegen lässt, belässt es der Anwalt zunächst dabei. Doch bald schon verweigert Bartleby jegliche Arbeit und als der Arbeitgeber feststellen muss, dass Bartleby seinen Verschlag gleichsam zu seinem Wohnsitz gemacht hat, fordert er den Mann schließlich auf, die Kanzlei gänzlich zu verlassen. Bartlebys Antwort: „Ich möchte lieber nicht.“ Das Maß ist voll und Bartleby ist untragbar geworden. Doch der Anwalt bringt es nicht übers Herz, den Verweigerer mit Gewalt entfernen zu lassen. Schließlich sieht er keinen anderen Ausweg mehr, als die Kanzlei aufzugeben und seinerseits umzuziehen. Bartleby wird vom Nachmieter in das Gefängnis The Tombs (Die Gräber) geschafft, wo er konsequenterweise jede Nahrungsaufnahme und jede Kommunikation verweigert und stirbt. Erst nach dem Tod Bartlebys bringt der Anwalt in Erfahrung, dass der Verstorbene zuvor in einem „Dead Letter Office“, einem Büro für unzustellbare Briefe gearbeitet hat.

Im Februar 2013 kam die Geschichte unter dem Titel „A Story of Wallstreet“ in der Regie von Andreas Wiedermann auf die Bühne des Teamtheaters. Wiedermann hatte Bartleby in eine Ratingagentur transplantiert, so dass seine Totalverweigerung auf den neoliberalen Finanzzirkus zielte, der sich am Ende gerechterweise selbst entlarvte. Eine brillante Arbeit! Regisseurin Ulrike Arnold (Co-Regie: Eli Wasserscheid) beließ Bartleby im Kontext der Melvilleschen Erzählung, die 1853 erstmals erschienen war, und benutzte sogar dessen Sprache (Übersetzung von Jürgen Krug). So unterschied sich die Metropoltheaterinszenierung deutlich von der, von Andreas Wiedermann modernisierten und ins Heute transponierten Fassung. Die Verweigerung Bartlebys erklärte sich nicht aus den Verhältnissen, wie sie derzeit an der Wallstreet herrschten, sondern behielt ihren mystischen Charakter bei, wie man ihn auch in den Erzählungen Edgar Allen Poes findet. Die Verhaltensweise des Schreibers ließ sich nicht letztgültig erklären, doch sie wirkte zersetzend auf die gesellschaftliche Ordnung. Der Mensch Bartleby stand im Vordergrund, nicht der Angestellte einer für die Wirtschaft repräsentativen Einrichtung. Das vermied weitestgehend die sozioökonomische Dimension, beschrieb aber die grundsätzliche Fähigkeit des Menschen zum konsequenten eigenen Willen, auch um den Preis der Selbstvernichtung.

Julia Ströders Bühnenbild bestand aus einem großen, hölzernen Paravent, einem Schreibtisch und einigen Stühlen. Gewandet waren die Akteure in grauen (Business-) Anzügen (Kostüme: Katja Kirn). Ulrike Arnold inszenierte die Erzählung, die bei Melville vom Anwalt in der ersten Person zum Besten gegeben wird, ohne grundlegenden Perspektivwechsel. Allerdings übernahmen sämtliche Akteure den Part des Anwalts und erzählten abwechselnd. Die Darsteller illustrierten die Figuren mit ihrem Spiel und trieben die Handlungen vornehmlich erzählerisch voran. So gab Butz Buse einen zögerlichen Anwalt, der sich immer wieder in seinen eigenen Skrupeln verstrickte und zumeist mit der Situation überfordert war. Thomas Wenkes Turkey blieb wegen seiner brachialen Ausbrüche (an den Nachmittagen) in Erinnerung, die einigen Schaden auch am Mobiliar anrichteten. Matthias Rengers Nippers hingegen war von eleganter Natur, wenn da nicht die permanenten Verdauungsstörungen gewesen wären, die sich in unüberhörbaren Rülpsern äußerten. Julia Loibl gab einen agilen Ginger Nut, der hochmotiviert war und auch schon mal leicht mal übers Ziel hinausschoss. Bartleby wurde dem Zuschauer visuell vorenthalten. Er, gesprochen von Georg Stürzer, meldete sich selten, aber umso wirkungsvoller aus dem Off, um mit seinem Satz, „Ich möchte lieber nicht.“, allgemeine Verzweiflung zu erzeugen. Wenn einer nicht möchte, was dann?

Die Inszenierung von Ulrike Arnold transportierte diese wunderbare Geschichte, die in dem tiefschürfenden Ausruf endet: „Ja, Bartleby! Ja, Menschentum!“ in ihrer ureigenen menschlichen Dimension. Dabei gab es einige wunderbare szenischer Lösungen zu belächeln. Überhaupt hatte Ulrike Arnold auf Komik gesetzt und sämtliche Darsteller legten sich tüchtig ins Zeug. Die Inszenierung gefiel dem Premierenpublikum und wurde ausgiebig beklatscht.

 

Wolf Banitzki

 


Bartleby, der Schreiber

von Herman Melville

Butz Buse, Julia Loibl, Matthias Renger, Thomas Wenke und Georg Stürzer

Regie: Ulrike Arnold, Co-Regie: Eli Wasserscheid

Metropoltheater Der goldene Drache von Roland Schimmelpfennig


 

Dokumentation oder  ...

Schwarze Podeste in einem schwarzen Bühnenraum empfingen die Zuschauer im Metropoltheater. Die Ebenen des Hauses mit dem Schnellrestaurant „Zum goldenen Drachen“ waren offen gelegt. Schwarz auf schwarz, das alle Farben enthält und von denen doch nur ein Bruchteil für das menschliche Auge erkennbar ist. Der Fantasie war Hintergrund geboten, vor dem sich Gold ungleich leuchtender ausnahm.

„Somewhere over the rainbow“, sang die Grille Sebastian Griegel und beschwor damit das erste Farbspektrum vor die Augen des Publikums. Dem Takt folgend arbeiteten acht Asiaten in der Küche des Schnellrestaurants, sie rührten im Wok, klappten den Deckel der Mülltonne, schwangen den Besen, füllten die Einwegschalen. Emsig. Eine neue Bestellung wurde in als Nummer in den Raum gerufen, lautstark danach die Speisebezeichnung und die Zutaten verbreitet. „Somewhere over the rainbow“, sang die feinfühlige Grille als die dominante Ameise Svetlana Bielievtsova an der Rampe erschien. Die Fabel von der Grille und der Ameise, von der Lehre „Wer nicht arbeitet ... bekommt nichts zu essen!“ wurde angespielt. Szenenwechsel, die nächste Bestellung und dazu der Takt der Arbeitsgeräte. Szenenwechsel, ein alter Mann erwartete den Besuch seiner Enkelin. Szenenwechsel, ein junger Asiate bekommt in der Küche Zahnschmerzen. Szenenwechsel, die Ameise verdingt die hungernde Grille. Szenenwechsel, eine junge Frau erwartet ein Kind. Szenenwechsel, die nächste Bestellung im Restaurant mit Speisenummer und Zutaten. Turbulenter Alltag in einem Wohnhaus, wie es fast überall stehen könnte. Die kurzen Szenen spiegeln den Takt der Zeit, bereiten dem Gefühl von Gleichzeitigkeit den Weg. Es gibt nur hier und jetzt und alles und eins. Die Rollenverteilung in Geschlechter war ebenso aufgehoben, wie die Einheit von Rollen. Emsiges Multitasking. Vorgebracht wurden die eine Geschichte um den Zahn des Asiaten und die zahlreichen Parallelgeschehen in erzählender Form. Gleich Einträgen in ein virtuelles Forum berichteten die Figuren über die Vorgänge und trugen so, Szene für Szene, Nachricht für Nachricht einen Haufen von Worten zusammen und damit die Schicksale eines jungen Asiaten und seiner Schwester. Dennoch unterschieden sich die, alle in Schwarz gekleideten Darsteller, doch deutlich. Still leidend ertrug Barbara Krzoska den Schmerz um den Zahn. Alkoholisiert ertrug der Mann im gestreiften Hemd, Olga von Luckwald, die Trennung von seiner Frau. Starr ertrug die Kellnerin, Daniel Holzberg, das Lachen des Publikums, die Reaktion auf gekonnte Imitation von Ausspracheproblemen im Deutschen. Cool ertrug der Barbiefucker, Maren Pertiet, die Diskriminierung durch das Objekt seines Interesses. Verzweifelt ertrug die schwangere Enkeltochter, Klaus Steinbacher, die belastende Zukunft. Neugierig ertrug die blonde Flugbegleiterin, Jakob Tögel, den fremden Zahn in der Suppe. Geschunden ertrug eine hungrige Asiatin, Sebastian Griegel, die Schikanen aller sichtbaren und unsichtbaren. In allen Schwarz in Schwarz erspielten Kurzszenen standen universell präsente Schauspieler im Fokus der Scheinwerfer und erstrahlten in persönlichen Farben.

  DergoldDracheTomekWieczor  
 

 

© Tomek Wieczor

 

Was bleibt von der Werkfassung, wenn die lauten Aufzählungen der Speisezutaten entfallen? Was bleibt von der Gesellschaft, wenn die marktschreierische  Produktionspropaganda verstummt? Eine müßige Frage, denn es wird von allen, nicht nur der kunsterfüllt singenden Grille, verlangt sich den Gesetzen der global agierenden aggressiven Ameisen zu unterwerfen. Manipulation über das existentielle Gefühl Hunger treibt ein legitimiertes Unwesen. Die vergangene Erfahrung von Inhalten einer Speise führte bei deren Nennung auf der Bühne über den Pawlow'schen Reflex zu einem Lächeln ...

Wir wissen, was wir wissen und wissen doch, dass eine wunderbare Oberflächlichkeit die Wirklichkeit auf Distanz hält. Kommunikation heißt das Machtwort, aus der sich eine Kraft zu Bewegung gewinnen lässt. Der Redefluss hat längst die klassischen Ausdrucksformen hinweg gerissen und überschwemmt. Auf ihm schwimmen die Skelette der wieder und wieder wiederholten Phrasen, gleich den Szenenschnipseln die Probleme skizzieren ohne auf diese einzugehen. „Am Anfang war das Wort.“, so erzählten die Vorfahren. Doch was, wenn das Wort heute einer leeren Dose gleicht. Das darin gebundene Schicksal, der Schmerz scheint gebannt, doch mit ihm aber auch die Erkenntnis und die Freude.

Eine eindringliche Lebendigkeit trug die Inszenierung des Werkes „Der goldene Drache“ durch Jochen Schölch. Das Vermögen vielfältig darstellenden Ausdrucks junger Schauspieler vermittelte scheinbar verloren gegangene Dimensionen im Sein, die es für umfassende Menschlichkeit anzuregen gilt. Begeisterter Applaus für einen unterhaltsam „grilligen“ Theaterabend.

 

C.M.Meier

 

 


Der goldene Drache

von Roland Schimmelpfennig

Barbara Krzoska, Sebastian Griegel, Svetlana Bielievtsova, Olga von Luckwald, Maren Piertiet, Daniel Holzberg, Klaus Steinbacher, Jakob Tögel

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Die Opferung von Gorge Mastromas von Dennis Kelly


 

 

Die Rache der Zukurzgekommenen

Gorge Mastromas ist kein Held. Er ist ein so durchschnittlicher, fader Junge, dass bereits in der Schulzeit deutlich wurde, dass er weder mit Charisma, noch mit besonderen Fähigkeiten gesegnet ist. Die zwischenmenschlichen Beziehungen wollen nicht funktionieren und so bleibt er an dem ersten Mädchen hängen, das seine pubertäre Zuneigung erwidert. Nebenher erobert er allerdings ein anderes Mädchen, verbringt eine Nacht mit ihr und schwängert sie. Er kann sich nicht entscheiden und an diesem Punkt drängt sich eine Frage auf, die sich durch sein ganzes Leben zieht: Ist es aus Güte oder Feigheit?

Es ist zumeist Feigheit, obgleich es sich manchmal durchaus wie Güte anfühlt. Gorge arbeitete in einer Firma, deren Tage bereits gezählt waren. Es ist ein bekanntes Szenarium: Firmensanierer und Banken ruinieren Unternehmen, um sie zu übernehmen, zu zerschlagen und die Reste meistbietend zu verhökern. Gorge bekam unerwartet ein Angebot, dem er nicht widerstehen konnte. Er wurde Helfershelfer und verlor seine Unschuld. Nachdem er Blut geleckt hatte, erwachte das Raubtier in ihm. Er begriff schnell, dass er alles erreichen könnte, wenn er nur seine Skrupel über Bord werfen würde. Die Lüge wurde sein Verbündeter und der Aufstieg war atemberaubend. Er hatte sich vorher in seiner Rat- und Rückgradlosigkeit eher für das „moralisch Richtige“ entschieden. Doch das war jetzt Geschichte.

Es deutete sich schon früh an, dass Gorge unbedingt von seiner Geschichte eingeholt werden würde und genau das Warten darauf machte die Geschichte, die Jochen Schölch auf das von ihm konzipierte flauschige Bühnenquadrat brachte, so ungemein spannend. Seine Inszenierung war über weite Strecken Erzähltheater. Am Beginn wurden die jugendlichen Stationen von den Darstellern, ausgenommen Matthias Grundig, denn der spielte den Gorge, abwechselnd in sehr lockerer, aber gnadenlos ehrlicher Weise kolportiert. Matthias Grundig begleitete die Erzählungen mit erstaunlicher Mimik und verhaltener Gestik. Das war unbedingt sehenswert und zeigte die Klasse des Schauspielers Matthias Grundig.

Dann glitt die Erzählung unvermittelt in das szenische Spiel hinüber. Judith Toth als knallharte Managerin spulte einen diabolischen Plan zur Sanierung der Firma ab, in der Gorge arbeitete, wobei sie den Firmenchef in Nadelstreifen und mit zu kleiner Blase, gespielt von Michael Tschernow, wie einen hakenschlagenden Hasen vor sich hertrieb. Gorge, der seine Inkompetenz immer wieder betonte, geriet in den Sog des Plans und musste miterleben, wie einfach es ist, Menschen zu manipulieren, zu steuern und in den Ruin zu treiben. In diesem Augenblick begann sein neues Leben, das des Erfolgsmenschen, bewundert und von der Gesellschaft hoch geachtet. Es ist schon seltsam, dass die Menschen gerade die Mitbürger am höchsten schätzen, die sie am übelsten betrügen und verachten.

Jetzt war Gorge Mastromas ein Held, denn er hatte alles, wovon die Menschen träumen und er erreichte alles, was er sich vornahm. Alles? Nicht ganz, denn als er sich aufrichtig in Louisa, eine Mitarbeiterin verliebte, erntete er Ablehnung. Doch Gorge hatte das Verlieren längst verlernt. Also wurden seine Lügen noch perfider und schließlich errang er auch diesen Sieg über eine psychisch angeschlagene und traumatisierte Frau, expressiv von Elisabeth Wasserscheid verkörpert. Doch Gorge konnte sie nicht glücklich machen. Es war nur ein Pyrrhussieg. Güte oder Feigheit? Gorge hatte Louisa zur Güte gezwungen.

Als Butz Buse auf der Szene erschien, sich als Sol vorstellte und sich als der desolate, vom Leben nicht unbedingt freundlich behandelte Bruder Gorges entpuppte, geriet alles ins Wanken. Doch Gorge war nicht mehr der Loser, der klein beigab. Es war letztlich sein Reichtum, der ihn vor dem Urteil der Geschichte und der Gesellschaft verschonte. Doch als ihn Pete, jugendlich frisch gespielt von Philipp Moschitz, heimsuchte, wurde deutlich, dass es eine höhere Macht gibt, als das von Menschengeist gemachte Rechtssystem. Wehe dem, der von seinem eigenen Gewissen zu Höllenqualen verdammt wird.

Autor Dennis Kelly, Jahrgang 1968, stammt nicht gerade aus wohlhabenden Verhältnissen. Ihm ist die Realität der britischen Unterschicht durchaus geläufig. Er kennt die Sehnsüchte des kleinen Mannes, die unerfüllbaren Träume ihrer Frauen. So ist sein Stück eine unmissverständliche Frage zu der Moral unserer Zeit. In „Die Opferung von Gorge Mastromas“ entwickelte Dennis Kelly ein Szenario zur Vergänglichkeit von moralischen Werten in einer Welt der materiellen Werte. Darüber hinaus zeigt er aber auch, dass materielle Werte häufig gar nicht die erste Begehrlichkeit von „Zukurzgekommenen“ wie Gorge Mastromas ist. Dieser Gorge Mastromas gehört einer Spezies an, deren verkorkste Vernunft nicht verhindern kann, dass sie und ihr aufgeblasenes Ego auf zerstörerische Weise Rache an der Welt nehmen. Sie werden Diktatoren, Mörder im Namen von Ideen oder einfach nur CEOs wie Richard Fuld (Lehman Brothers), die Millionen von Menschen ins Unglück stürzen und dabei keinerlei Reue zeigen.

Jochen Schölch ist es erneut gelungen, mit einer minimalistischen Inszenierung Probleme unsrer heutigen, im Strudel der Finanzmärkte taumelnden Welt deutlich zu machen und mit seiner eindeutigen inszenatorischen Haltung Zeichen zu setzen, ohne ideologisch zu werden und die Kunst des Theaters zu verraten. Und wieder konnten die Zuschauer eine sehr geschlossene Ensembleleistung erleben, in der jeder Einzelne absolut überzeugte. Chapeau!

 

Wolf Banitzki

 


Die Opferung von Gorge Mastromas

von Dennis Kelly

Butz Buse, Matthias Grundig, Philipp Moschitz, Judith Toth, Michael Tschernow, Eli Wasserscheid

Regie und Bühne: Jochen Schölch

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen