Metropoltheater Die Opferung von Gorge Mastromas von Dennis Kelly


 

 

Die Rache der Zukurzgekommenen

Gorge Mastromas ist kein Held. Er ist ein so durchschnittlicher, fader Junge, dass bereits in der Schulzeit deutlich wurde, dass er weder mit Charisma, noch mit besonderen Fähigkeiten gesegnet ist. Die zwischenmenschlichen Beziehungen wollen nicht funktionieren und so bleibt er an dem ersten Mädchen hängen, das seine pubertäre Zuneigung erwidert. Nebenher erobert er allerdings ein anderes Mädchen, verbringt eine Nacht mit ihr und schwängert sie. Er kann sich nicht entscheiden und an diesem Punkt drängt sich eine Frage auf, die sich durch sein ganzes Leben zieht: Ist es aus Güte oder Feigheit?

Es ist zumeist Feigheit, obgleich es sich manchmal durchaus wie Güte anfühlt. Gorge arbeitete in einer Firma, deren Tage bereits gezählt waren. Es ist ein bekanntes Szenarium: Firmensanierer und Banken ruinieren Unternehmen, um sie zu übernehmen, zu zerschlagen und die Reste meistbietend zu verhökern. Gorge bekam unerwartet ein Angebot, dem er nicht widerstehen konnte. Er wurde Helfershelfer und verlor seine Unschuld. Nachdem er Blut geleckt hatte, erwachte das Raubtier in ihm. Er begriff schnell, dass er alles erreichen könnte, wenn er nur seine Skrupel über Bord werfen würde. Die Lüge wurde sein Verbündeter und der Aufstieg war atemberaubend. Er hatte sich vorher in seiner Rat- und Rückgradlosigkeit eher für das „moralisch Richtige“ entschieden. Doch das war jetzt Geschichte.

Es deutete sich schon früh an, dass Gorge unbedingt von seiner Geschichte eingeholt werden würde und genau das Warten darauf machte die Geschichte, die Jochen Schölch auf das von ihm konzipierte flauschige Bühnenquadrat brachte, so ungemein spannend. Seine Inszenierung war über weite Strecken Erzähltheater. Am Beginn wurden die jugendlichen Stationen von den Darstellern, ausgenommen Matthias Grundig, denn der spielte den Gorge, abwechselnd in sehr lockerer, aber gnadenlos ehrlicher Weise kolportiert. Matthias Grundig begleitete die Erzählungen mit erstaunlicher Mimik und verhaltener Gestik. Das war unbedingt sehenswert und zeigte die Klasse des Schauspielers Matthias Grundig.

Dann glitt die Erzählung unvermittelt in das szenische Spiel hinüber. Judith Toth als knallharte Managerin spulte einen diabolischen Plan zur Sanierung der Firma ab, in der Gorge arbeitete, wobei sie den Firmenchef in Nadelstreifen und mit zu kleiner Blase, gespielt von Michael Tschernow, wie einen hakenschlagenden Hasen vor sich hertrieb. Gorge, der seine Inkompetenz immer wieder betonte, geriet in den Sog des Plans und musste miterleben, wie einfach es ist, Menschen zu manipulieren, zu steuern und in den Ruin zu treiben. In diesem Augenblick begann sein neues Leben, das des Erfolgsmenschen, bewundert und von der Gesellschaft hoch geachtet. Es ist schon seltsam, dass die Menschen gerade die Mitbürger am höchsten schätzen, die sie am übelsten betrügen und verachten.

Jetzt war Gorge Mastromas ein Held, denn er hatte alles, wovon die Menschen träumen und er erreichte alles, was er sich vornahm. Alles? Nicht ganz, denn als er sich aufrichtig in Louisa, eine Mitarbeiterin verliebte, erntete er Ablehnung. Doch Gorge hatte das Verlieren längst verlernt. Also wurden seine Lügen noch perfider und schließlich errang er auch diesen Sieg über eine psychisch angeschlagene und traumatisierte Frau, expressiv von Elisabeth Wasserscheid verkörpert. Doch Gorge konnte sie nicht glücklich machen. Es war nur ein Pyrrhussieg. Güte oder Feigheit? Gorge hatte Louisa zur Güte gezwungen.

Als Butz Buse auf der Szene erschien, sich als Sol vorstellte und sich als der desolate, vom Leben nicht unbedingt freundlich behandelte Bruder Gorges entpuppte, geriet alles ins Wanken. Doch Gorge war nicht mehr der Loser, der klein beigab. Es war letztlich sein Reichtum, der ihn vor dem Urteil der Geschichte und der Gesellschaft verschonte. Doch als ihn Pete, jugendlich frisch gespielt von Philipp Moschitz, heimsuchte, wurde deutlich, dass es eine höhere Macht gibt, als das von Menschengeist gemachte Rechtssystem. Wehe dem, der von seinem eigenen Gewissen zu Höllenqualen verdammt wird.

Autor Dennis Kelly, Jahrgang 1968, stammt nicht gerade aus wohlhabenden Verhältnissen. Ihm ist die Realität der britischen Unterschicht durchaus geläufig. Er kennt die Sehnsüchte des kleinen Mannes, die unerfüllbaren Träume ihrer Frauen. So ist sein Stück eine unmissverständliche Frage zu der Moral unserer Zeit. In „Die Opferung von Gorge Mastromas“ entwickelte Dennis Kelly ein Szenario zur Vergänglichkeit von moralischen Werten in einer Welt der materiellen Werte. Darüber hinaus zeigt er aber auch, dass materielle Werte häufig gar nicht die erste Begehrlichkeit von „Zukurzgekommenen“ wie Gorge Mastromas ist. Dieser Gorge Mastromas gehört einer Spezies an, deren verkorkste Vernunft nicht verhindern kann, dass sie und ihr aufgeblasenes Ego auf zerstörerische Weise Rache an der Welt nehmen. Sie werden Diktatoren, Mörder im Namen von Ideen oder einfach nur CEOs wie Richard Fuld (Lehman Brothers), die Millionen von Menschen ins Unglück stürzen und dabei keinerlei Reue zeigen.

Jochen Schölch ist es erneut gelungen, mit einer minimalistischen Inszenierung Probleme unsrer heutigen, im Strudel der Finanzmärkte taumelnden Welt deutlich zu machen und mit seiner eindeutigen inszenatorischen Haltung Zeichen zu setzen, ohne ideologisch zu werden und die Kunst des Theaters zu verraten. Und wieder konnten die Zuschauer eine sehr geschlossene Ensembleleistung erleben, in der jeder Einzelne absolut überzeugte. Chapeau!

 

Wolf Banitzki

 


Die Opferung von Gorge Mastromas

von Dennis Kelly

Butz Buse, Matthias Grundig, Philipp Moschitz, Judith Toth, Michael Tschernow, Eli Wasserscheid

Regie und Bühne: Jochen Schölch

Metropoltheater Kinder des Olymp von Andreas Kriegenburg nach einem Drehbuch von Jacques Prévert


 

 

Ein Sommernachtsspektakel der schönsten Art


Im Winter des Jahres 1942 saßen der Pantomime Jean-Lois Barrault, Marcel Carné und Jacques Prévert in Nizza zusammen und Barrault erzählte eine Episode aus dem Leben des berühmten Mimen Jean-Baptiste Deburau, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts als Pierrot im Pariser Theater „Les Fuinambules“ Furore machte. Carné begeisterte sich augenblicklich für die Idee zu einem Filmfresko über das Theaterleben der Hauptstadt während der Zeit der Restauration. Als Hauptfigur der Geschichte sah er Jean-Baptiste Debureau, der natürlich von Jean-Lois Barrault gespielt werden sollte.


Jacques Prévert wurde mit dem Drehbuch beauftragt. Er seinerseits sah in diesem Projekt die Chance, einer anderen Figur, seinen Lieblingshelden in das Fresko einzuarbeiten. Gemeint war der Anarchist, Dichter und Mörder Pierre-François Lacenaire, der am 9. Januar 1836 hingerichtet wurde und der zuvor sein Leben in der faszinierenden Autobiografie „Erinnerungen und Enthüllungen“ beschrieben hatte. Während Prévert das Buch niederschrieb, kamen immer mehr Figuren hinzu, authentische und fiktive: Eine weitere zentrale Figur war der bedeutende dramatische Schauspieler Frédérick Lemaitre. Die weiblichen Hauptfiguren waren die spätere Frau Jean-Baptiste Deburaus, die treue und hingebungsvolle Nathalie, und vor allem die schöne Garance, ein bezauberndes Wesen jenseits von Konventionen und Moral. Im Hintergrund agierten der Aristokrat Graf de Montray und der Trödelhändler und Vagabund Jericho, das personifizierte Fatum, jedermann  und –frau die Hände lesend.


Der Film und auch die von Andreas Kriegenburg erstellte Bühnenfassung lassen in der Geschichte vier Männer um die schöne Garance kreisen, die, verliebt in den Pantomimen Baptiste Debureau, eine Beziehung zu dem Dichter und Mörder Lacenaire unterhält, sich gemeinsam in dem Ruhm des Schauspielers Lemaitre sonnt und sich schließlich dem begüterten und für die lustwandelnde Frau Sicherheit bedeutenden Graf de Montray hingibt. Doch sie kann der Liebe zu Baptiste nicht endgültig abschwören und nach Jahren der Abwesenheit kehrt sie nach Paris zurück, um ihm Abend für Abend bei seinen grandiosen Auftritten zuzuschauen.


Baptiste, inzwischen mit Nathalie verheiratet und Vater eines Sohns, hat nie eine andere Frau geliebt als Garance. In dem Schauspieler Lemaitre weckt sie in einer Begegnung in der Loge, von der aus sie den Geliebten maskiert beobachtet, ganz nebenbei die Eifersucht, der er sich stets enthalten hat, und befähigt ihn dadurch die Rolle des Othello zu spielen. Nach einer Liebesnacht mit Baptiste verlässt sie den unglücklichen Pantomimen, um zum Grafen zurück zu kehren. Doch der ist inzwischen Opfer der Mordlust Lacenaires geworden. Die Liebenden verlieren sich im Trubel des Karnevals. Ein Happy End gibt es nicht.


Jochen Schölch inszenierte den großen filmischen Reigen für die Freilichtbühne im Garten der Mohr-Villa in Freimann und das Haller Globe Theater in Schwäbisch Hall. Schölch gelang es, den beinahe dreistündigen epischen Film zu einem spritzigen und illustren zweistündigen Volkstheater zu destillieren, wobei er das Komödiantische dem Tragischen vorzog. Heraus kam ein unterhaltsamer Theaterabend, der voller Witz und Esprit und mit schauspielerischen Kabinettstückchen und auch grobem Slapstick gespickt war. Thomas Flachs Bühne beschränkte sich auf einen einfachen roten Vorhang, der, je nach Perspektive die Bühne vor oder auch hinter dem Vorhang suggerierte. Das Leben war Theater und Theater war das Leben, zumindest für die meisten Figuren, deren Metier die Kunst war.


Philipp Moschitz gab einen anrührend zerbrechlichen Baptiste Debureau, dessen Pantomimen sehenswert waren. Die zauberhafte Judith Toth überzeugte mit ausgefeiltem, dezent-erotischem, aber auch philosophisch-spitzfindigem Spiel in der Rolle der Garance. Ihre Gegenspielerin Nathalie im Ringen um die Liebe Baptistes wurde von Eli Wasserscheid als stille Dulderin gegeben. In der Rolle des spitzbübischen Gehilfen des Mörders Lacenaires, kalt und berechnend von Marc-Philipp Kochendörfer gestaltet, zeigte Eli Wasserscheid allerdings ihr clowneskes Talent. Hubert Schedlbauer kam der Part des nicht gerade unter Minderwertigkeitskomplexen leidenden Schauspielers Frédérick Lemaitre zu. Diese Rolle hatte im Kontext der Geschichte eine ganz besondere Dynamik, die Schedlbauer bravourös realisierte.


Ulrich Zentner musste sogar auf die Stelzen, um anfangs von oben herab über seinen Sohn Baptiste als einen missratenen, letztendlich aber als einen genialen Künstler zu urteilen. Butz Buse entzückte das Publikum ebenso überzogen komisch in der dankbaren Rolle der Wirtin Madam Hermine mit ganz besonderem Kostüm. Die stammten allesamt von Sanna Dembowski und waren ein gelungene Verschmelzung aus Andeutungen auf das 19. Jahrhundert, des Theaters der Commedia dell'arte und der Abstraktion von Jochen Schölch, der für ein spartanisch ausgestattetes Theater steht.

Den Darstellern muss wieder einmal großes Lob gezollt werden, denn sie hatten insgesamt 23  zum Teil sehr gegensätzliche Rollen zu realisieren. Irritationen kamen dabei nie auf. Begleitet wurden die Akteure unaufdringlich und ausgesprochen atmosphärisch von den Musikern Alessio Zachariades, Daniel Zacher/Zdravko Zivkovic (Klarinette und Zieharmonika). Der ganze Abend (3. Vorstellung) in dem wunderschönen Garten der Mohr-Villa, unter dem Dach großer, uralter Bäume war ein Sommernachtsspektakel der besonderen Art. Das Hehre des Theaterraums war abwesend und so bekam der Theaterabend eine wundervolle Leichtigkeit, in der das Komödiantische blühen und begeistern konnte. Bleibt zu hoffen, dass den Schwäbisch-Hallern ein ebensolcher Genuss beschieden ist.

Wolf Banitzki

 

 


Kinder des Olymp

von Andreas Kriegenburg nach einem Drehbuch von Jacques Prévert

Butz Buse, Marc-Philipp Kochendörfer, Philipp Moschitz, Hubert Schedlbauer, Judith Toth, Eli Wasserscheid, Ulrich Zentner
Musiker: Alessio Zachariades, Daniel Zacher/Zdravko Zivkovic

Regie: Jochen Schölch

Café Metropol Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten von Georges Perec


 

 

Botschaft des Abends: Nie unterkriegen lassen!

Georges Perec (1936-1982) war in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Autor. Als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer, in Paris geboren, musste er ohne Eltern aufwachsen. Der Vater fiel als französischer Soldat und die Mutter wurde ins KZ verschleppt und umgebracht. Nach seiner Eheschließung 1959 lebte er mit seiner Frau Paulette in Tunesien. Ab 1961 arbeitete Perec bis 1978 als schlecht bezahlter Archivar in einem Neurophysiologischen Laboratorium.

Die Literaturwissenschaft mutmaßt, dass der Umgang mit Aufzeichnungen und Datensätzen den Schriftsteller nachhaltig geprägt hat. Sicher ist sie sich hingegen, dass der Autor Raymond Queneau eine wichtige Rolle im Leben von Perec gespielt hat. Queneau war der Begründer der Gruppe Oulipo, einer „Werkstatt für Potentielle Literatur“, der ab 1967 auch Georges Perec angehörte. Die Autoren dieser Gruppe experimentierten mit onomatopoetischen Texten, zu denen Lipogramme gehörten. Dabei handelte es sich um literarische Arbeiten, in denen auf bestimmte Buchstaben konsequent verzichtet wurde. Georges Perec verfasste allerdings auch Palindrome. Das sind Wörter oder auch ganze Sätze, die sowohl von links nach rechts, aber auch umgekehrt gelesen werden können. (Bsp. Lagerregal / Ein Esel lese nie.) Das nur, um eine Andeutung zu seiner Sprachbesessenheit zu machen, die seine Werke so besonders erscheinen lassen.

Als Hauptwerk von Georges Perec gilt sein 1978 veröffentlichtes und Raymond Queneau gewidmetes Werk „La Vie mode d'emploi“  (deutscher Titel: Das Leben Gebrauchsanweisung). Es  beschreibt in Form eines „Geschichtenpanoramas“ des Lebens in einem Pariser Mietshaus. Dieser Roman gewann den „Prix Médicis“ und machte den Autor immerhin ökonomisch unabhängig. Und eben dieses Werk offenbart den Charakter der Poetik von Georges Perec, der sich selbst als jemand sah, der lebenslang versuchte, ein großes Puzzle zu vollenden. So auch in „Gehaltserhöhung“ von 1967.

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Ulrike Arnold

© Hilda Lobinger

 

Darin wird die wohl wichtigste Frage gestellt, die einen Angestellten lebenslang plagt: Wie bringe ich meinen Chef dazu, mir mein Gehalt zu erhöhen. Es ist mehr ein Exerzitienbuch als ein Ratgeber, das immer wieder darauf verweist, dass es immer (und gemeint ist wirklich immer) zwei Möglichkeiten gibt. Was aber kann dabei herauskommen, wenn stets eine Tatsache oder eine Erscheinung eintreten kann, aber auch gleichzeitig das Gegenteil möglich ist. Alex Rühle nannte das Werk in seiner 2009 erschienen Rezension ein "Dokument der Vergeblichkeit". Da wir aber darauf geeicht sind, die Dinge positiv zu sehen, so lässt sich auch aus der Vergeblichkeit eine Chance ableiten. Dank hypothetischer Annahmen kann die Suche nach der Lösung des Problems bis weit hinaus in die letzten Winkel des Kosmos des Daseins getrieben werden. Was macht es da schon aus, dass am Ende unweigerlich die Paradoxie steht. Klar ist doch von Vornherein, dass man die gewünschte Gehaltserhöhung nicht bekommt. Aber mal angenommen …

Als Ulrike Arnold das kleine Podium im Café Metropol mit festem Tritt bestieg, war ihr die Verzweiflung eigentlich schon ins Antlitz geschrieben, in die sie sich in dem knapp einstündigen Exkurs selbst trieb. Man musste unweigerlich an diejenigen Coachs denken, die heutigen tags aus ihrer eignen Lebensunfähigkeit oder der Bequemlichkeit, etwas Anständiges zu leisten, einen Beruf gemacht haben. Wichtig dabei: Der Glaube ist alles! Und doch klingt es anders, wenn Ulrike Arnold den Weg beschreibt, der gegangen werden muss, um nicht zu erreichen, was nicht erreicht werden kann. Da traten schon einige Wahrheiten zutage, die durchaus im Denken von Angestellten und auch Chefs verankert sind, die aber wegen der politischen Korrektheit nicht ausgesprochen werden (dürfen).

Emphatisch ging es zu, wenn Frau Arnold in Rage geriet und auch schon mal über die Füße der Schreibtafel zu stolpern drohte, denn Verzweiflung und Hoffnung hält sich ja (soweit man im Bereich des Hypothetischen bleibt) die Waage. Beides ist und bleibt möglich. Der Einfachheit halber, und es ist gut und notwendig zu vereinfachen, gab’s eine analoge Powerpoint Präsentation. Irgendwo erinnerte die Kryptografie an Smileys. Tatsächlich nennt sich sowas allerdings „Organigramm“. Im von Klett-Cotta vertriebenen Buch zum Abend ist eine solche „Landkarte“ (den Weg zum Chef und zur Lohnerhöhung beschreibend) tatsächlich enthalten.

Es wäre unzulässig, diesen illustren Abend mit der wunderbaren Ulrike Arnold, die eine Menge Register zieht, nur Angestellten zu empfehlen. Denn, wie man aus diesem Theaterabend lernen konnte und kann, gibt es immer zwei Seiten, zwei Möglichkeiten. Die Philosophie nennt das die Dualität der Welt und meint in diesem Fall die andere Seite des Schreibtisches. Gerade dieser anderen Seite, den Abteilungsleitern, sei das Stück ans Herz gelegt, insbesondere wenn sie noch nicht hinreichend sattelfest sind im Umgang mit Angestellten, die, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer, eine Lohnerhöhung haben wollen.

Jochen Schölch gelang mit dieser kleinen und sehr feinen Inszenierung ein Kabinettstück par excellence, bei dem er als Spielleiter kaum sichtbar wurde. Das war auch nicht notwendig, wenn man auf eine so virtuose Schauspielerin wie Ulrike Arnold bauen kann. Die Botschaft, sich nie unterkriegen zu lassen, kam natürlich an. Allerdings hat auch diese Aussage ein Pendant: Der Kampf kann nie gewonnen werden!

Aber, man könnte hypothetisch annehmen, dass …

 

Wolf Banitzki

 


Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten

von Georges Perec

Ulrike Arnold

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner von Ingrid Lausund


 

 

Und ewig kreist der Klingelbeutel


Benefiz - Wohltätigkeit (veraltend: Mildtätigkeit) ist das Wirken Einzelner oder von Organisationen zu Gunsten Bedürftiger durch „milde Gaben“ (Almosen, Geschenke, Spenden). (Zitat: Wikipedia) Zu Benefizveranstaltungen werden in der Regel Prominente geladen, um entsprechend viel zahlungskräftiges Publikum anzuziehen. Prominent sind die fünf Damen und Herren, die eine Benefizveranstaltung zu Gunsten einer Schule in Guinea-Bissau planen, nicht, doch sie sind ambitioniert und bemüht. Das Bemühen um Professionalität verdeutlicht zuallererst einen lächerlichen Dilettantismus. Nebenher werden auch die unterschiedlichsten Motivationen für die Teilnahme deutlich und die verraten nicht selten einen ausgeprägten Egoismus. Vor dem Hintergrund der selbstgestellten Aufgabe werden Eitelkeiten, Vorurteile, ideologische Verblendungen, aber auch kleinbürgerliches Konkurrenzdenken sichtbar.  
Das Ziel, eine möglichst hohe Spendenbereitschaft zu erzielen, soll auf informative und unterhaltsame Weise erreicht werden. Wie spricht man unterhaltsam über Not und Elend. Jeder darf eigene Strategien entwickeln und dabei gerät man in peinlich wirkende Verbindlichkeiten, diskutiert über political correctness, verfängt sich in den Fallstricken klammheimlicher Vorurteile und Ethnokitsch. Es wird „spontan geweint“ und darum gestritten, ob und wann man das Monopol auf das „spontane Weinen“ hat. Eitelkeiten werden ausgelebt und Watschen gegen die anderen verteilt, natürlich immer unter dem Vorzeichen, der Sache zu dienen. In verkrampfter Lockerheit möchte man natürlich auch die Kunst nicht zu kurz kommen lassen. Es kommt allerdings auch zu ehrlicher Betroffenheit und die wirkt wie Sand im Getriebe der (Pseudo-) Professionalität. 


Ingrid Lausunds Text ist ein feines Gewebe aus satirischer Fadenscheinigkeit, so durchsichtig, dass er mehr entlarvt als verpackt. Und auf die Verpackung kommt es doch an, wenn man erfolgreich verkaufen will. Es ist eine intelligente und komödiantische Antwort auf Bigotterie und Dekadenz, die allerdings mehr den Schein ins Visier nimmt und weniger das Wesen. Das Wesen ist, dass es keinen Reichtum ohne Armut gibt. Das ist das wichtigste Grundgesetz des Kapitalismus, zu dem sich die Gesellschaft alternativlos bekennt. Man kann es nachlesen in jedem halbwegs anständigen Werk über politische Ökonomie. Das Geld als Repräsentant von Wert verliert augenblicklich an Wert, wenn genug davon da ist. Armut ist eine notwendige und unvermeidbare Voraussetzung für (unseren) Reichtum. Also ist Benefiz nichts anderes als ein perfides Feigenblatt, mit dem wir uns und andere belügen. Wir alle, ob wir es uns eingestehen wollen oder nicht, sind mehr oder weniger Ursache und Grund für die erbärmlichen Zustände auf diesen Planeten. Leider fällt uns nichts Besseres ein, als ewig den Klingelbeutel kreisen zu lassen. Aber genug der Selbstkasteiung. Der Abend im Metropoltheater war höchstvergnüglich und hat am Gewissen aller Beteiligten gerührt. Man muss sich als Besucher dieser Inszenierung (und man sollte sie unbedingt besuchen) auf eine Prüfung einstellen. Doch das soll eine Überraschung bleiben.


Katharina Dobners Bühne bestand lediglich aus fünf Schulbänken, von denen aus die einzelnen Akteure agierten und in die sie sich wieder zurückzogen. Um eine Schule ging es den Spendensammlern, und zwar um eine Schule in Westafrika. Introduktion war „die Essennummer“. Sie bestand in einer breiten und detaillierten Aufzählung aller Mahlzeiten eines Tages. Es war erstaunlich, wie unterhaltsam ein Speiseplan sein kann. Dabei wurde deutlich, wie tief Afrika im Bewusstsein eines Jeden verankert ist, denn wer hat in seiner Kindheit nicht den Spruch gehört: „Iss deinen Teller leer, in Afrika verhungern Kinder.“


Die musikalische Begleitung besorgte Sam Penderbayne auf der Gitarre oder am Klavier. Ob „Purple Haze“ (eine besonders ergiebige Cannabisvariante) von Jimi Hendrix unbedingt ein geeigneter musikalischer Beitrag für eine Spendengala ist, mag dahingestellt sein. Zumindest erklärt es die sonderbare Interpretation der Nationalhymne von Guinea-Bissau.


Regisseur Ercan Karaçaylı vertraute dem Text und konzentrierte sich darauf, die Charaktere der fünf Protagonisten sicht-, hör- und erlebbar zu machen. Friederike Pasch fiel dabei der Part der unablässig Betroffenen zu. Sie gab eine Frau, die ihre eher mangelhaften Reize durch beinhartes und nerviges Engagement für alle, aber auch wirklich alle geknechteten Wesen dieses Planeten kompensierte. Lilly Forgách plädierte gespreizt, spitzzüngig und penetrant für Professionalität und meldete damit unentwegt einen Führungsanspruch an. Als ihr die Gefolgschaft verweigert wurde, packte sie beleidigt ein: „Das muss ich mir nicht antun.“ Erst das Argument, dass sie doch so sexy sei, bewog sie zur Rückkehr. Martin Dudeck, er gab den stets beleidigten Zeitgenossen, vermochte es, mit seiner statistisch-argumentativen Rede den Zweiflern unter den Spendern geschickt Türen zu öffnen, durch die jeder gehen konnte, ohne sich dabei mies oder unter Zwang zu fühlen. Herbert Schäfer indes entpuppte sich mehr und mehr als jemand, dem jegliches Engagement fremd war und der überdies nicht die geringste Ahnung von dem hatte, was er stammelnd bewarb. Matthias Kupfer war der „Bibelfuzzy“ und hantierte folglich mit christlichen Begriffen wie z.B. Barmherzigkeit. Seiner eindringliche Rede, die beinahe zu Tränen rührte, weil sie vor Leidenschaft strotzte, schickte er dann doch den ernüchternden Satz nach: „War das zu lang?“


Auch diese Inszenierung gereicht dem Metropoltheater und allen Beteiligten wieder einmal zur Ehre. Es ist eine wunderbar witzige Geschichte, die mehr als nur einen Nerv der Zeit trifft und die mit Leichtigkeit und Amüsement zum Nachdenken anregt.

Wolf Banitzki

 


Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner

von Ingrid Lausund

Martin Dudeck, Lilly Forgách, Matthias Kupfer, Friederike Pasch, Herbert Schäfer
Musiker: Sam Penderbayne

Regie:Ercan Karaçaylı

Metropoltheater Unter dem Milchwald von Dylan Thomas


 

 

Abend der Superlative

Dylan Thomas – Ein Leben wie ein Drama, eines um Genie und Exzess. Er lebte nur 39 Jahre auf dem Planeten, hinterließ aber wie kaum ein anderer Dichter des 19. Jahrhunderts  unendlich viele Spuren und wenn man sich die Liste der Huldigungen anschaut, möchte man meinen, er sei noch unter uns.

1914 als zweiter Sohn des Gymnasiallehrers David John Thomas in Swansea, Wales geboren, rezitierte er bereits mit vier Jahren Shakespeare-Sonette aus dem Gedächtnis, veröffentlichte 11jährig eigene Gedichte in der Schülerzeitung seines Gymnasiums, zog es aber schließlich 1931 doch vor, beizeiten auf Schulbildung zu verzichten. Er versuchte sein Glück zwei Jahre als Journalist bei der South Wales Daily, um sich endlich seiner eigentlichen Leidenschaft hinzugeben, dem Alkohol.

Als Dichter war Thomas zwar durchaus erfolgreich, doch der Dämon Trunksucht hatte ihn derart im Griff, dass es stets am Nötigsten fehlte. 1949 zog der Dichter mit seiner Ehefrau, der Tänzerin Caitlin MacNamara, die ihm drei Kinder schenkte, für vier Jahre in einen notdürftig ausgebauten Bootsschuppen in der südwalisischen Kleinstadt Laugharne. Dieser Ort wurde zum Vorbild für das fiktive Städtchen Llareggub, in dem er sein Hörspiel „Unter dem Milchwald“ ansiedelte. Dieses Werk sollte sein Hauptwerk bleiben, das 1954 posthum mit dem Prix Italia ausgezeichnet wurde. Thomas starb 1953 an den Folgen einer Lungenentzündung, die er wegen seines Alkoholismus nie richtig ausheilen konnte.

„Unter dem Milchwald“ erzählt einen Tag aus dem Leben der Bewohner oben genannten Ortes Llareggub, dessen Namen, liest man ihn in umgekehrter Richtung "Bugger, all" bedeutet. Wie dieser Name schon suggeriert, sind die Bewohner nicht unbedingt mit normalen Maßstäben zu messen. Da gibt es einen alten Kapitän, dem täglich die Geister seiner Fahrensleute erscheinen; einen Briefträger, der, bevor er die Post den Empfängern aushändigt, sie erst einmal selbst liest; einen Mezger, der von Katzenleber bis Menschenrippchen alles im Angebot zu haben scheint; eine Pensionsbetreiberin, unter deren Reinheitswahn sogar noch die verstorbenen Ehemänner leiden; einen poetisierenden Pfarrer, dem der Heiland höchst selbst ins Wort fällt; einen liebenden Ehemann, der, seine Gattin zur Seite, sich mit effizienten Giftmorden beschäftigt; einen Organisten, den die Orgel nicht mehr auslässt und der darum auch schon mal um Hilfe wimmert; einen Schankwirt, der die blaustrümpfige Lehrerin liebt, die in ihrer Verklemmtheit zueinander aber nicht kommen können; und, und, und…

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Thomas Meinhardt, Lisa Wagner, Lena Dörrie, Gerd Lohmeyer (liegend), Markus Fennert

© Hilda Lobinger

 

Der von Erich Fried kongenial ins Deutsche übertragene Text ist randvoll mit überbordender Poesie. Eine Alliteration jagt die nächste; kaum eine Zeile Text, die nicht erstaunt, verblüfft und wegen ihrer absonderlichen Inhalte zum Lachen reizt. In diese poetische Suhle warfen sich im Metropoltheater voller Wonne fünf schauspielerische Vollblüter und ließen es richtig spritzen. Wenn man für diesen Abend einen Vergleich aus der Physik bemühen dürfte, dann war er so etwas wie ein „Schwarzes Loch“, das die Zuschauer geradezu verschlang.

Julia Ströders Bühne bestand aus einem anthrazitfarbenen Raum, dessen vier Fronten jeweils einen ureigenen Charakter aufwiesen. Er war offen, ließ ungehinderte Einblicke zu; war geschlossen, so dass man mit dem Rücken an der Wand agieren konnte; wies eine Tür auf und machte den Raum begehbar oder hatte ein großes Fenster, aus dem heraus gespielt werden konnte. Dieser Raum war auf einer Drehbühne montiert, die von den Darstellern unentwegt in Bewegung gehalten wurde. In beinahe zwei Stunden spulten Lena Dörrie, Markus Fennert, Gerd Lohmeyer, Thomas Meinhardt und Lisa Wagner einen Reigen von Szenen ab, in denen sie in eine kaum überschaubare Vielzahl von Charakteren schlüpften.  

Regisseurin Ulrike Arnold, sie ließ sich von Elisabeth Wasserscheid assistieren, hatte ihre ehemaligen Residenztheaterkolleginnen Lena Dörrie und Lisa Wagner, zwei ausgemachte Erzkomödiantinnen, verpflichten können. Es war mehr als wohltuend, diese beiden Frauen endlich mal wieder auf einer Münchner Bühne erleben zu dürfen. Die beiden ließen sich wahrlich nicht lumpen und verwöhnten das Publikum mit vielfältigen An- und Einblicken auf und in körperliche und seelische Reize. Lisa Wagner schuf mit ihrem „Ehrwürden“ eine chaplineske Figur, die unvergesslich bleiben dürfte, Lena Dörrie hingegen den vielleicht schönsten Heiland, der jemals an einem Kreuz hing. Niemand vermag sich so überzeugend wie Gerd Lohmeyer mit einem Paar Damenstiefel zu kasteien oder um Hilfe zu wimmern, wenn ihn die Orgel traktiert. Markus Fennert war fleischgewordene Lakonie, wenn er Szenen beiläufig mit „Langweilig!“ kommentierte. Er wusste seinen Körper jedoch ebenso eruptiv einzusetzen, wenn er auf der Balz war. Thomas Meinhardt, ein Mann mit starken männlichen Gesichtszügen, überzeugte als zart dahinwelkender, liebeskranker Gastwirt ebenso wie als Kittel beschürztes Hausmädchen.

Es ist schier unmöglich auch nur eine beschränkte Zahl von Szenen oder Charakteren, in denen die Darsteller brillierten, zu benennen. Es waren ihrer einfach zu viele und die Darsteller überzeugten in ihnen nicht nur, sie begeisterten. Es war ein Abend der Superlative an Quantität und Qualität, den sich niemand entgehen lassen sollte. Wieder einmal wurde das Metropoltheater seinem Ruf gerecht, seine Zuschauer niemals zu enttäuschen. Ganz großes Lob allen Beteiligten!

 

Wolf Banitzki

 


Unter dem Milchwald

von Dylan Thomas

Lena Dörrie, Markus Fennert, Gerd Lohmeyer, Thomas Meinhardt, Lisa Wagner

Regie: Ulrike Arnold

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