Metropoltheater  Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke von Joachim Meyerhoff

 

Wie spielt ein Nilpferd Effi Briest?

Joachim verlässt mit zwanzig Jahren nach dem Unfalltod des Bruders seine Heimatstadt Schleswig in Norddeutschland, um in München eine Zivildienststelle in einem Krankenhaus anzutreten. Ein starkes Motiv für diese Wahl waren seine hormondurchtränkten Vorstellungen vom Schwesternwohnheim. Es gab aber noch einen anderen, recht verhaltenen Wunsch, nämlich, den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. Also bewirbt er sich an der Otto Falckenberg Schule und wird, zu seiner großen Überraschung, angenommen. Immerhin hatte er nicht einmal, wie gefordert, drei Vorsprechrollen erarbeitet. Er bietet lediglich einen Auszug aus Büchners „Dantons Tod“ an. Dabei hat er absolut keine Vorstellung, wie er den Danton spielen und sprechen soll. Egal, er überzeugt. Joachim muss feststellen, dass er sich in München mit seinem kargen Salär kein Zimmer, geschweige denn eine Wohnung leisten kann, und so zieht er vorübergehend in der Nymphenburger Villa der Großeltern ein. Der Großvater, ein emeritierter Philosophieprofessor, und die Großmutter, eine Schauspielerin im Ruhestand und ein wahre Diva, freuen sich aufrichtig, als ihr „Lieberling“ bei ihnen einzieht. Aus dem „Vorübergehend“ werden drei Jahre und in den drei Jahren absolviert Joachim seine Schauspielausbildung.

Doch die drei Jahre haben es in sich. Da sind erst einmal die Großeltern, die ihren Alkoholismus zu einer Hochkultur gemacht haben. Joachim kann sich den Ritualen nur schwerlich entziehen und so wird auch seine Leber hart geprüft. Und dann ist da die Ausbildung zum Mimen, die häufig in skurrilen und aberwitzigen Aktionen gipfelt, aus denen Joachim nur einen Schluss ziehen kann: Er ist völlig unbegabt. Diese Feststellung ist natürlich nicht sehr glaubhaft, denn bei Joachim handelt es sich immerhin um den Schauspieler, Regisseur und Autor Joachim Meyerhoff, der an so renommierten Häusern wie dem Maxim Gorki Theater Berlin und dem Wiener Burgtheater engagiert war. Heute ist er Ensemblemitglied des Deutschen Schauspiels Hamburg. „Ach, diese Lücke! Diese entsetzliche Lücke“ ist Bestandteil des dritten Teils von Meyerhoffs inzwischen vierteiligen autobiografischen Romanwerks „Alle Toten fliegen hoch“. Regisseur Gil Mehmert schrieb eine dramatische Fassung und brachte das Werk nun auf die Bühne des Metropoltheaters. Heraus kam eine Komödie, die im weiteren Sinne Theater auf das Theater brachte. Das ist immer eine sichere Bank, zumal hier noch dazukam, dass dem Münchner Publikum Einblicke in die Schauspielerschmiede der Münchner Kammerspiele gewährt wurden.

  Ach diese Luecke  
 

James Newton, Thorsten Krohn, Lucca Züchner

© Jean-Marc Turmes

 

„Ach diese Lücke! Diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle!“ ist einer der großartigsten Seufzer in der deutschen Literatur. Er stammt von Goethe und wird von Werther geseufzt, ehe der sein Leben aushaucht. Angesichts der tragikomischen und grotesken Erlebnisse Joachims, reizt schon der Titel zum Lachen, denn nichts ist der Inszenierung weniger eigen als Pathos. Die Probenzeit indes stand unter keinem guten Stern, denn der Darsteller des Joachim, James Newton, übernahm die Rolle 10 Tage vor der Premiere. Newton leistete Gewaltiges, denn die immerhin zweieinhalb Stunden dauernde Vorstellung wurde zu einem großen Teil von ihm geschultert. Er erzählte immer wieder den Fortgang der Geschichte und spielte in jeder Szene, in die seine Erzählung mündete. Respekt und Nachsicht für die seltenen Haspler!

Regisseur Gil Mehmert ließ es richtig krachen. Und da Schauspieler am komischsten sind, wenn sie kräftig chargieren, da die Eitelkeit sie wie der sprichwörtliche Hafer sticht, ließ er sie kräftig knattern. Herausragend dabei waren Thorsten Krohn als Großvater Hermann und Lucca Züchner als die divenhafte Großmutter. Thorsten Krohn kamen dabei noch die Rollen des martialischen Aikido-Lehrers und des spastisch zuckenden Schulleiters zu. Diese physische Eigenart erklärte sich durch übermäßiges Hören von Jazzmusik. Lucca Züchners zweite Rolle war die der Schauspiellehrerin. Forsch und gelegentlich auch nicht frei von Sadismus überforderte sie Joachim und natürlich auch die anderen Studenten permanent. So konnte das Urteil über seine erste Rolle, als Nilpferd „Effi Briest“ zu spielen, nur vernichtend sein.

Die Unterrichtsmethoden leisten ein Übriges, um die Verwirrung komplett zu machen. „Und hier, mein lieber Held, immer schön locker bleiben. Mach das Löchlein weit!“ lässt Meyerhoff die in die Jahre gekommene, sich aber betont jugendlich gebende Blondine, deren Haare in ständiger Bewegung waren, sagen, wobei sie dem verklemmten Schüler über den Hintern strich. Ihre letzte Ansage an den Absolventen lautete schließlich: „Draußen ist es interessant, drinnen ist es spannend.“ Und genau dieser Satz ließ denn auch die „Lücke“ bildhaft werden.

Christl Weins Bühne (Sie gestaltete auch die Kostüme.) war eine Podestbühne auf der Bühne mit einem in die Tiefe verschiebbaren Vorhang. War der Vorhang hinten, war der Zuschauer hinter oder auf der Bühne. Wurde er nach vorn geschoben, saß der Zuschauer als Zuschauer davor. Das war ebenso einfach wie gelungen. So wurden die Szenen im Hause der Großeltern immer zu intimen Vorstellungen, den Vorhang im Hintergrund und das Theater, resp. die Schauspielschule außen vor. In der Schauspielschule ging es indes sehr turbulent bis chaotisch zu. Die jungen Darsteller Vanessa Eckart, Lean Fargel, Sophie Rogall und Nicolas Wolf gingen in bestem Ensemblespiel auf, ohne dass die Charaktere dabei diffus wurden. Kongenial musikalisch, oder besser, rhythmisch begleitet wurde das Spiel von dem Percussionisten Stefan Noelle. Hinzu kamen wunderbare szenische Lösungen wie beispielsweise die Darstellung eines unter Wasser befindlichen Nilpferdes. Verblüffend einfach.

Es war ein unterhaltsamer und sehr kurzweiliger Abend, der das Publikum sichtlich und hörbar erheiterte und so wollte der Premierenapplaus nicht enden. Was soll man sagen? Metropoltheater halt!

 

Wolf Banitzki

 


Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

von Joachim Meyerhoff
Bühnenfassung von Gil Mehmert

Vanessa Eckart, Lean Fargel, Thorsten Krohn, James Newton, Sophie Rogall, Nicolas Wolf, Lucca Züchner / Live-Musik Stefan Noelle

Regie: Gil Mehmert

Metropol Theater Die Tage, die ich mit Gott verbrachte von Axel Hacke


 

Kleiner Abriss der Schöpfungsgeschichte

Man stelle sich einmal vor, man fährt mit einem Zug heimwärts durch die Nacht und als man aus dem Fenster schaut, biegt der Zug in die Straße ein, in der man wohnt. Er hält direkt vor der eigenen Haustür, man steigt aus und der Zug fährt wieder davon. In der Straße gibt es indes keine Schienen. Würde man das seinen Angehörigen erzählen? Nicht, wenn einem selbst seine eigene Freiheit lieb und teuer ist. Für jemand, der allerdings mit einem fünfundzwanzig Zentimeter großen Büroelefanten lebt, sind solche Vorgänge zwar beachtlich, doch nicht unbedingt verwunderlich. Diesem Menschen, einen Büroangestellten, widerfährt so manches, zum Beispiel auch die Begegnung mit Gott. Dabei kommt heraus, was einige Mitmenschen schon vermuteten: Gott ist eine Frau. Das ist natürlich eine wunderbare Fügung, denn dabei können gleich einige zähe Vorurteile ausgeräumt werden. Zum Beispiel, dass Gott nicht allwissend und nicht unfehlbar ist. Und genau das ist auch Gottes Problem.

Ihre, also Gottes, Anwesenheit hienieden ist der Tatsache geschuldet, dass die Unendlichkeit, das ewige Schweben im Universum stinklangweilig ist. Also hat sie sich aufgemacht, ihre eigene Schöpfung in Augenschein zu nehmen, quasi forschend in ihr zu wandeln. Wen wundert es, dass Gott einigermaßen enttäuscht ist von dem Ergebnis. Dennoch hält Gott daran fest, dass eine ihrer besten Ideen die Evolution war, impliziert sie doch die Freiheit der Entscheidung. Dabei war es nicht einmal der erste Versuch einer Schöpfung. Zuvor ward bereits der Mensch in der Schublade geschaffen. Ein trauriges Subjekt, doch immerhin kam Gott bei der Betrachtung dieses Individuums zu dem Ergebnis, dass Einsamkeit, dass Alleinsein ein kontraproduktiver Zustand ist. Gut, zugegeben, der Mensch als gesellschaftliches Wesen ist auch ein ziemlicher Flopp, aber er ist immerhin nicht allein…

Axel Hackes kleiner Abriss der Schöpfungsgeschichte, erzählt als eine flüchtige Begegnung zwischen Mensch, hier Mann, und Gott, hält einige Überraschungen zur Person Gottes bereit, zum Beispiel über deren circensische Fähigkeiten. Gott kann sogar einen der steinernen Löwen vor der Münchner Feldherrenhalle durch einen brennenden Reifen springen lassen. Er lässt Sternschnuppen regnen, Schmetterlinge tanzen, den verstorbenen Vater des Mannes den immer gleichen Rasen mähen und eine Schlange rauchen. Die Schlange entzieht sich übrigens von jeher jeder höheren Autorität, wie schon im Buch der Bücher nachzulesen ist.

  Die Tage die ich mit Gott v  
 

 Judith Toth und Dieter Fischer

© Jean-Marc Turmes

 

Doch Gott ist nicht nur Gaukler, sondern auch Philosoph. Sie konfrontiert den Mann, zu dem sie ein geradezu zärtliches Verhältnis pflegt, mit dem großen „Egal“, einem amöbenhaften, ständig „egal“ brabbelnden Wesen im Untergrund. Und an dieser Stelle wird es existenzialistisch. Das Dasein an sich hat keinen tieferen Sinn und der unerschütterliche Glaube an Gott, die sich inzwischen als gescheiterte und melancholische Künstlerin mit Hang zum Alkohol entpuppt hat, spendet keinen Trost und hilft auch sonst nicht wirklich weiter.

Axel Hackes Text ist ein kluger, ein tiefsinniger, ein philosophisch abgeklärter und zugleich ein analytischer, der ganz nebenbei Phänomene wie religiösen Fundamentalismus schlüssig erklärt. Dass er ebenso unterhaltsam ist, steht außer Frage. Und auch die Frage nach der Umsetzung auf der Bühne durch Thomas Flach kann guten Gewissens und freudig bejaht werden. Als Protagonisten des Dialogs konnte Regisseur Flach Dieter Fischer und Judith Toth gewinnen. Eine bessere und trefflichere Besetzung war, nachdem die Inszenierung vom Publikum lautstark bejubelt wurde, auch kaum vorstellbar.

Dieter Fischer, zuletzt im Metropoltheater in „Abschiedsdinner“ zu sehen, gab einen Otto-Normalverbraucher der liebenswertesten Art. Beseelt von der Schönheit der Welt, die es ja unbestritten gibt, beschädigt durch das problematische Verhältnis zu seinem Vater, entsetzt von der Sinnfreiheit der Existenz an sich, lässt er Gott ohne Zögern einfach stehen, wenn er die Stimme seines geliebten Kindes hört. Hier ist ein Sinn der Existenz. Man muss ihn nicht teilen, aber er existiert zumindest für den einen Menschen. Und so gibt es auch für Gott, resolut und doppelbödig gestaltet von Judith Toth, Momente der Heiterkeit, des versöhnt seins mit der Schöpfung, und die tiefe Melancholie weicht einem naiven, aber doch tröstlichen Gefühl.

Thomas Flach inszenierte in bester Metropoltheatertradition. Heraus kam ein sehr persönlicher Theaterabend, in denen die beiden Darsteller beste Schauspielkunst demonstrierten und größtmögliche Eindringlichkeit erzeugten. Es war aber auch ein Abend voller Magie, die nicht selten außerhalb des Cafés des Metropoltheaters, auf der Straße oder an den Wänden der gegenüberliegenden Wohnhäuser (Video Philipp Kolb) stattfand. Damit erzeugt Thomas Flach, dessen Spielfläche im Café kaum mehr als 8 Quadratmeter maß, eine beinahe grenzenlose Spielfläche und trug das Stück hinaus in den städtischen Raum, in dem die vermeintlichen Geschichten stattgefunden hatten. Und sie hatten stattgefunden, so man der nachdrücklichen Versicherung Dieter Fischers Glauben schenken konnte.

Es war ein Abend zwischen Kurzweil und Tiefgang, ohne falsches Pathos und dem mutigen Versuch, die grundsätzlichen Fragen zu stellen. Hackes Antworten sind, soweit überhaupt möglich, zutiefst menschlich, ideologiefrei und intelligent. Die Mischung aus allem verbreitet weder Optimismus, noch beschwor sie einen in der Realität beinahe schon allgegenwärtigen Pessimismus. Selbst das Thema Flüchtlinge kam vor, denn Gott selbst, sie hat einen eigenwilligen Geschmack, was Kleidung anbelangt (Kostüme Cornelia Petz), war auf der Flucht aus dem Universum. Wer kann es ihr verdenken. Am Ende sind naturgemäß einige Fragen offen geblieben, die selbst Gott nicht beantworten konnte, zum Beispiel: Kann sich ein Vegetarier wurstig fühlen? Ein wenig Zeit ist ja noch, ehe die Sonne erkaltet und die letzten Hominiden, die es nie geschafft haben Homo sapiens zu werden, endgültig verschwunden sind. Bis dahin wird es vielleicht gelingen, auch diese letzten Fragen zu beantworten.

Wolf Banitzki

 


Die Tage, die ich mit Gott verbrachte
von Axel Hacke

Mit Dieter Fischer und Judith Toth

Regie: Thomas Flach

Metropoltheater  King Charles III von Mike Bartlett


 

Hinter den Kulissen

Elizabeth II, die Königin von England ist tot. Und da man sie inzwischen für unsterblich hielt, ist die Überraschung und Verwirrung groß. Aber, wie heißt es so schön: „The Queen is dead, long live the King!“ Und der neue König ist der ewige Prince of Wales, Charles. Wer hätte das noch für möglich gehalten? Gemäß dem royalen Protokoll ist er es nicht erst nach der Krönung, sondern bereits mit dem Ableben der Königin. Man nennt das Erbfolge. Umgehend findet sich der englische Premierminister ein, um einem Gesetz, dass vom Unter- und Oberhaus abgesegnet ist, mit der Unterschrift des Königs Rechtskraft zu verleihen. Ein formaler Akt, mehr nicht. Doch Charles wittert hinter dem Gesetz zum Schutz der Privatsphäre eine Beschneidung der Pressefreiheit. Er weigert sich, fordert eine nochmalige Behandlung des Themas im Parlament und Nachbesserungen. Was Charles indes nicht begriffen hat ist, dass es sich mehr oder weniger um eine simple Funktionskontrolle durch die politische Macht handelt. Es liegt nicht in seinem Ermessen, die Entscheidungen der Politik an seinen eigenen ethischen Maßstäben zu prüfen. Er soll lediglich tun, wofür man ihn mit seinem royalen Existenzrecht und seinen Privilegien ausgestattet hat, nämlich zu funktionieren. Sein wir doch mal ehrlich, die britische Monarchie ist eine sehr teure Folkloreveranstaltung, die sich aber immerhin rechnet. Der Fanclub in Großbritannien ist eine Institution und die Zahl der armen Geister weltweit, die sich am royalen Glamour ergötzen, weil sie scheinbar kein eigenes Leben haben, ist gewaltig. Diese Soap läuft so erfolgreich, dass ein Ende nicht absehbar ist.

Doch zurück zu Charles, inzwischen der Dritte in der Historie, der nunmehr seit einem halben Jahrhundert davon träumt, einer der bedeutendsten Könige in der Geschichte zu werden. Er hat den Test nicht bestanden und flugs geht das Parlament daran, die minimalen und zumeist nur auf Repräsentation zielenden königlichen Rechte weiter zu beschneiden, um den royalen Segen für derartige Gesetze schlichtweg überflüssig zu machen. Was aber glaubt man, tut jemand, der endlich mit beinahe 70 Jahren die Krone erringt? Klein beigeben? Ganz und gar nicht. Charles, der anerkannte und geschätzte Ökobauer, schlüpft in seine sehr bunte Uniform als Oberbefehlshaber, marschiert ins Parlament und löst selbiges auf. Spätestens jetzt, so meint man, bricht sich der britische Humor Bahn und die absurden Wendungen à la Monty Python fegen das Publikum von ihren Stühlen. Doch weit gefehlt, und es ist schwer zu glauben, aber Autor Mike Bartlett meint es tierisch ernst und lässt die Geschichte in einem Königsdrama Shakespeareschen Ausmaßes gipfeln. So wird Charles am Ende vom eigenen Sohn William, die schöne Herzogin Katherine souffliert, zur Abdankung gezwungen. Und auch Rebell Harry findet nach einem kurzen und für den Zuschauer mehr oder eher weniger berührenden, zugleich nicht sonderlich glaubhaften Ausflug ins wahre Leben wieder in die Spur und in seine royalen Gemächer zurück. Es zerreißt einem das Herz, angesichts solcher Widrigkeiten, „die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks“, die die Royals erdulden müssen. Da kann es schon mal zu Wahnvorstellungen kommen, und wie im „Hamlet“, in dem des Prinzen Vaters Geist auf den Zinnen der Burg erscheint, wandelt Lady Diana durch die nächtlichen Gemächer, wimmernd ihr Schicksal beklagend. Erschütternd, erschütternd dämlich.

Noch erschütternder indes ist, dass dieses Werk ausgerechnet seinen Weg auf die Bühne des Metropoltheaters fand und damit den Nimbus der künstlerischen Unbesiegbarkeit, den Jochen Schölch und seine Mitstreiter seit 1998 errichteten, zur Legende machte. Philipp Moschitz, der zuletzt mit „Abschiedsdinner“ und „Alice“ andeutete, die gediegene Tradition des Metropoltheaters zukünftig mitzugestalten, vertraute wohl zu sehr auf den in der Werbung gepriesenen „Shakespearean Style“, der sich einzig in der Form als Fünfakter und dem von Shakespeare verwendeten Blankvers manifestierte. Was die dramatische Größe des Konflikts anbelangt, so bedeutet der Vergleich mit dem großen Elisabethanischen Dichter nicht zuletzt eine Herabwürdigung desselben. Auch wenn die heutige Königin Englands Elisabeth heißt, haben wir noch längst kein Elisabethanisches Zeitalter. Wir haben das Zeitalter der Soaps, der Banalitäten, des Entertainments auf niedrigstem Niveau, in dem alienhafte Mediengestalten als Kenner von Königshäusern die Welt mit Einblicken in die Unterwäsche, die Essgewohnheiten und die Darmtätigkeiten oder die Kleiderschränke der Blaublütigen beglücken. Immerhin blaues Blut scheint auszureichen, um in diesen Figuren großartige und bedeutende Menschen zu vermuten.

 
  King Charles III  
 

Michael Vogtmann, Butz Buse, Tillbert Strahl

© Jean-Marc Turmes

 

Leider wird genau diese Schublade in der Metropoltheaterinszenierung bedient, wenn Kammerdiener, Pressesprecher oder Securitybeamter, allesamt (und mehr) von einem wunderbaren Butz Buse gespielt, vor den Majestäten in natürlicher Unterwerfung buckeln. Es gibt Menschen, die beeindruckt das. Natürliche Unterwerfung gibt es im Tierreich! Oder wenn Jessica Edward (Diana Marie Müller), die farbige und reizende Freundin Prinz Harrys, vom gänzlich typfremden James Newton gespielt, mit überwältigtem Erstaunen ein bürgerliches „Wow, William und Katherine.“ haucht im Angesicht des geschniegelten William (Adi Hrustemović) und der blonden Katherine (Nathalie Schott). Zweihundert Jahre nach der Aufklärung sollten derartige Bilder eigentlich Abscheu erzeugen. Vor Darmparasiten ekeln wir uns doch auch. Und was sind die feudalistischen Rudimente anderes?

Philipp Moschitzs künstlerischer Ansatz lässt sich erklären mit: „Hinter den Kulissen“. Dafür hat ihm Thomas Flach eine Bühne geschaffen, die genau das im wörtlichen Sinn umsetzt. Gezeigt wird die Rückseite des Bühnenbildes, dessen Vorderseite die Pracht des Buckingham Palace suggeriert. Immerhin wird der Palast so auch als Theaterbühne begriffen, was der Wahrheit durchaus nahe kommt. In den Fenstern und hinter den Türen erkennt man das ausgestellte Exterieur der Royalen Repräsentanz. Wenn ein Regisseur eine Handlung in den Kulissen ablaufen lässt, meint er damit auch immer das Innenleben der Protagonisten. In der Werbung ist das wie folgt angekündigt: „Bartlett zeigt die königliche Familie mit all ihren Freuden, Sorgen und Konflikten vor dem Hintergrund großer politischer Vorgänge im Land“. Kein Mensch mit gesundem Verstand kann ernsthaft annehmen, dass er jemals ehrliche und aufrichtige Einblicke erhalten kann. So wie das Bild von der vordergründigen monarchistischen Welt eine Illusion ist, sind auch alle Hintergründe eine Illusion, denn ein penibel arbeitender Apparat steuert diese Inszenierung, in der auch die „investigative Presse“ integraler Bestandteil ist.

Nein, diese Inszenierung trägt ebenso wenig zur Wahrheitsfindung bei wie die literarisch ambitionierte Vorlage. Vielmehr ist das Stück in seinem künstlichen Pathos peinlich und die Inszenierung bleibt weit hinter den Leistungen der Metropoltheaterinszenierungen, wie wir sie lieben gelernt haben, zurück. Michael Vogtmanns König ist ein aufgeblasener König Lear, wenn er sich darauf beruft, von Gott berufen zu sein, bei dem man allerdings zuvor den Stöpsel gezogen hatte. Diese Figur hielt nicht einmal den Kontrast von Ursula Berlinghofs Camilla aus, deren Vernunft- und Realitätsbezogenheit aus einer gänzlich anderen Welt zu kommen schien. Wacker schlugen sich indes Tillbert Strahl als Premierminister Tristan Evens und Edith Konrath als Monica Stevens, Führerin der Opposition. Ihnen oblag es als aalglatte und hartgesottene Politprofis effizient zu sein, was nicht zuletzt bedeutete, Gefühle außen vor und einzig das Kalkül walten zu lassen. Dazu bedurfte es keines aufwendigen Spiels. Bedeckt halten ist die Devise in der Politik. In der gut zweistündigen Inszenierung (eine Pause) verschmolzen die Geschichten der einzelnen Figuren nicht zu einen organischen Ganzen und so blieben Längen nicht aus.

Es ist zu vermuten, dass die Wahl des Themas für den Autor von der Verkäuflichkeit des Werkes nicht unabhängig gedacht worden war. Es scheint aufgegangen zu sein, denn welcher Royalist ist nicht augenblicklich in Erregung versetzt, wenn ihm ein Blick in die Zukunft der Windsors offeriert wird. 85 % der Kinobesucher, der Stoff wurde verfilmt, waren höchst zufrieden mit dem Werk! Bleibt zu hoffen, dass die Entscheidung des Metropoltheaters, dieses absurde Werk auf die Bühne zu bringen, nicht von ähnlichen Erwägungen geleitet war. Wenn man dem Metropoltheater eines mit Sicherheit bescheinigen kann, dann, dass es noch nie auf Sympathien bezüglich des Themas angewiesen war. Die künstlerische Qualität hat noch jedes Thema bühnenfähig gemacht. Dieses Mal hat das leider nicht funktioniert.

Wolf Banitzki

 


King Charles III

A Future History Play von Mike Bartlett
Deutsch von Rainer Iwersen

Ursula Berlinghof, Butz Buse, Adi Hrustemović, Edith Konrath, Diana Marie Müller, James Newton, Nathalie Schott, Tillbert Strahl, Michael Vogtmann

Regie: Philipp Moschitz

Metropoltheater  Das Ende des Regens von Andrew Bovell


 

Keine Erlösung am Ende des Regens

Es war ein großes Puzzle, das Jochen Schölch mit geschickter Hand und einem guten dramaturgischen Plan in der annähernd zweieinhalbstündigen Inszenierung im Metropoltheater erfolgreich zusammensetzte. Die einzige fixe Größe, die sich in der breiten epischen Geschichte in dem Zeitraum von 1959 bis 2039 auf zwei Kontinenten, Europa und Australien, abspielt, ist der Regen. Es ist kein beliebiger Regen, sondern ein scheinbar apokalyptischer. Im Alten Testament ließ Gott es vierzig Tage regnen und außer Noah und seiner Sippe kam die gesamte Menschheit dabei um.

Wir schreiben das Jahr 2039 und es regnet seit Monaten. In Bangladesch sind bereits eine halbe Million Menschen ertrunken und eine noch größere Katastrophe deutet sich in den tiefer gelegenen Regionen auch anderer Kontinente an. Allerdings, in Bangladesch ertrinken immer Menschen, davon weiß schon ein Sprichwort zu berichten. Ist „Das Ende des Regens“ von dem australischen Autor Andrew Bovell ein Drama mit ökologischer Botschaft? Die Frage muss mit einem entschiedenen „Jein!“ beantwortet werden. Selbstredend ist ein solcher biblischer Regen ein deutlicher Hinweis auf eine mögliche Klimakatastrophe, doch im Stück werden relativierend auch Klimaerscheinungen aus der Historie zitiert, die ähnliche Ausmaße hatten, und zwar zu einer Zeit, als der menschliche Einfluss auf das Klima noch marginal war, wie zum Beispiel ein Wintereinbruch in einem Sommer im 17. Jahrhundert, der zu extremer Lebensmittelknappheit führte, oder der Regensommer von 1816 nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 in Indonesien. Noch 30 Jahre später zeitigte dieses Ereignis eine verheerende Hungersnot in Irland.

Wenn überhaupt, dann diente dieses Szenarium lediglich als düsterer Background für eine breitgefächerte Familiengeschichte über vier Generationen hinweg, in der es um Lüge, Verrat und Verzweiflung, um Liebe, Unfalltod, Selbsttötung und um eine Kindstötung geht. Bovell hat kaum etwas ausgelassen, denn wie sagte schon Aristoteles: Nur „the most worst case“ bringt die größtmögliche Katharsis. Wie schon in „Lantana“ von Bovell, das Jochen Schölch 2006 auf die Bühne des Metropoltheaters brachte, geht es auch im vorliegenden Stück um „emotionale Labyrinthe“, die sich nach und nach entschlüsseln, um in größtmöglichem Entsetzen zu kulminieren. (Ein junges Mädchen in der Reihe vor mir wurde von einem Weinkrampf geschüttelt! (Wenn das nicht wirkungsvoll genannt werden kann, …) Die Plots der Stücke von Bovell sind in der Tat nicht sehr glaubhaft, doch der Mensch lässt sich allzu gern vom Unglaublichen (aber Wahren?) in den Bann schlagen. Und das tat die Inszenierung der an Komplexität kaum zu überbietenden Geschichte.

  Das Ende des Regens  
 

Thomas Schrimm, Dascha von Waberer, Hubert Schedlbauer, James Newton (hinten), Vanessa Eckart (vorne)

© Jean-Marc Turmes

 

Das Bühnenbild von Thomas Flach wurde begrenzt durch einen schwarzglänzenden Lamettavorhang, der von der Decke bis zum Bühnenboden reichte. Die Illusion vom großen Regen, der wie ein Vorhang alles verbirgt, war perfekt. In der Mitte des mit schotterartigem Granulat bedeckten Bodens stand ein Tisch, ein alter, gebrauchter, dessen haptische Qualitäten sehr anziehend waren. Er allein repräsentierte hinreichend alle Qualitäten, das Spiel im zutiefst Menschlichen anzusiedeln. Einzige Sitzmöglichkeiten waren Koffer, denn es ging um Reisen, es ging um Nachlässe. Aber sie manifestierten ebenso Grabsteine mit beredten Familiengeschichten. Das artifizielle Bild war eine perfekte Mischung aus nüchterner Distanz und menschlicher Organik zwischen Sexualität, Geburt, Kindsein, täglichem Überlebenskampf, Alkoholismus und „Asche zu Asche“.

Das Stück erstreckt sich über einen Zeitraum von siebzig Jahren und zwei Personen werden sowohl im jugendlichen, wie auch im fortgeschrittenen Alter zitiert. Elizabeth Law wurde als Jugendliche von Eli Wasserscheid, als ältere Frau von Lilly Forgách, beide in identischen Kostümen (Sanna Dembowski) gespielt. Die Kostümgleichheit war ein sehr geschickter Zug, denn es erleichterte dem Publikum die Orientierung enorm. Der Figur der Elizabeth war die größte Bürde vom Leben auferlegt worden. In der Jugend war sie eine kluge Frau mit progressivem Weltbild, die über den Enzyklopädisten Diderot und sein revolutionäres Menschenbild Bescheid wusste und in dem Bewusstsein lebte, man könne die Welt verbessern. Doch der unerwartete Bruch in ihrem Leben war dergestalt, dass sie alle Kraft einbüßte und dem Alkoholismus verfiel. Lilly Forgách spielte diese Rolle ebenso tragödisch, wie Eli Wasserscheid ihre Elizabeth Law am großen Zorn zerbrechen ließ.

Der Grund für diese Tragödie war Ehemann Henry Law, berührend defensiv, tollpatschig im Umgang mit dem Damoklesschwert, das über seinem Haupt schwang, gespielt von Thomas Schrimm. Er wurde des Hauses verwiesen und für immer seinem Sohn entfremdet: „Ich werde jede Spur von dir aus Gabriels Leben verbannen, … “ Dieser Gabriel, von eigenen Dämonen geplagt, dabei nachdenklich gestaltet von James Newton, begibt sich auf die Suche und löst so einen Strudel der Ereignisse aus, der auch die letzten Wahrheiten an die Oberfläche spült. Zunächst begegnet er in Australien der jungen und anziehenden Gabrielle York, verliebt sich und schwängert sie.

Gabrielle York ist die zweite Figur, deren Geschichte sich über die Jahrzehnte hinweg erstreckt. Die junge Gabrielle spielte Vanessa Eckart als einen selbstbewussten, aber auch doppelbödigen Charakter, denn auch sie litt, wie Gabriel, unter der Enge ihrer Existenz, ebenso überschattet von einer Tragödie. Während Gabriel unter der Abwesenheit des Vaters gelitten hatte, litt Gabrielle unter dem Verlust des kleinen Bruders, der siebenjährig missbraucht und getötet worden war. Es sollte nicht die letzte Tragödie bleiben in ihrem Leben und so lebte die ältere Gabrielle, gespielt von Dascha von Waberer, als gebrochene, zur Liebe unfähige Frau, in heraufdämmernder Demenz, an der Seite des umso eifriger um sie und ihre Liebe werbenden Ehemanns Joe Ryan. Auch sein Schicksal war ein eher tragisches und Hubert Schedlbauer gestaltete ihn als durchaus mitleiderregenden, dabei aber keineswegs larmoyanten Mann, der sein Schicksal mannhaft trug.

Thomas Schrimm und James Newton hatten zudem jeder noch eine zweite Rolle zu gestalten, was sie auf sehr lobenswerte Weise differenziert und einfühlsam taten. Diese Inszenierung war wieder einmal eine großartige Ensembleleistung, die auf magische Momente nicht verzichtete. So erzeugten die Doppelbesetzungen Spiegelbilder durch den Lamettavorhang hindurch und es war, als wäre die Zeit in ihrer Kontinuität ausgehebelt. Auch der Blick in die Vergangenheit gelang immer wieder und selbst die Besteigung des Ulurus (Ayers Rock) wurde mittels ausgefeilter Lichtregie von Hans-Peter Boden nacherlebbar gemacht. Dabei setzte Jochen Schölch weder auf schrille Effekte, noch auf exzessives Spiel der Darsteller, ruhig, fast stoisch, von einer Szene mit Eli Wasserscheid einmal abgesehen, wird die Geschichte erzählt wie ein stetig dahinfließender Fluss. Das Vertrauen in die Geschichte und die Kraft des Wortes hat sich wieder einmal bezahlt gemacht.

Wenn im Schlussbild alle gemeinsam am Tisch sitzen und den Fisch essen, der zu Beginn des Stückes, vom Himmel fiel, hat die Szene einen religiösen Charakter. Den Fisch in seiner religiösen Symbolik zu erklären, bedarf es wohl nicht. Verquickt mit dem hörbaren Ende des Regens indes lässt sich diese Bedeutung nicht mehr ausblenden. Eine wahrhaftige Erlösung war es allerdings nicht und das war auch gut so.

Wolf Banitzki

 


Am Ende des Regens

von Andrew Bovell
Deutsch von Maria Harpner und Anatol Preissler

Thomas Schrimm, Lilly Forgách, Eli Wasserscheid, James Newton, Dascha von Waberer, Vanessa Eckart, Hubert Schedlbauer

Regie: Jochen Schölch

Metropoltheater Atmen von Duncan Macmillan


 

Im Labyrinth der Befindlichkeiten

Die Frage, ob es angesichts des Weltzustandes sinnvoll sei, Kinder in dieselbe zu setzen, hat sich bislang jede Generation gestellt. Und in jeder Generation gab es eine große Menge Menschen, die diese Frage mit dem Ausdruck des blanken Entsetzens über so viel Verantwortungslosigkeit in den Augen verneint haben. Bei meiner Geburt (1955) war die Welt mit 2,758 Milliarden Menschen bevölkert, heute sind es 7,597 Milliarden. Für das Jahr 2050 prognostiziert das Department of Economic and Social Affairs der Vereinten Nationen 9,77 Milliarden Menschen, was angesichts der explosionsartigen Population der letzten 60 Jahre doch sehr optimistisch erscheint.

Es kann natürlich auch sein, dass die Statistik die kommenden Klimakatastrophen bereits berücksichtigt. Im Jahr 2100 wird wegen der Erderwärmung ein Drittel der Landflächen wegen der Hitze unbewohnbar sein. Riesige Landmassen werden im Meer versinken und das nicht nur im TV, nein, auch in Deutschland, Dänemark und in den Niederlanden. 12 Millionen Menschen werden in den genannten Ländern ihren Lebensraum verlieren. Man sollte, angesichts derartiger Szenarien meinen, die Überpopulation stelle ein Problem dar. Nicht für die Politik, die Herdprämien und Eigenheimzulagen auslobt, um die Vermehrung der Spezies weiter anzukurbeln. Warum? Weil die Wirtschaft Arbeitskräfte braucht, um das ökonomische Wachstum, Grundbedingung für den Fortbestand des Kapitalismus, voranzutreiben. Übrigens, es war der hemmungslos wuchernde Kapitalismus, der diese Probleme verursacht hat und auch zukünftig weiter verursachen wird.

Es kann nur löblich sein, sich dieses Themas auf der Theaterbühne anzunehmen, um zu neuen Einsichten zu gelangen. Das beabsichtigte Regisseur Domagoj Maslov, indem er das weitgepriesene Stück „Atmen“ von Duncan Macmillan auf eine kleine grüne Bühne im Restaurant des Metropoltheaters brachte. Das Besondere an der Bühne, ebenfalls von Domagoj Maslov entworfen, waren zwei Schwingböden, auf denen die Darsteller unabhängig voneinander wie auf einem elastischen Sprungbrett wippen konnten. Da beide Darsteller die 110 Minuten durchgehend nahezu unbeweglich auf der Stelle standen, also über die Mimik und einer sehr begrenzten Gestik hinaus keine körperliche Expression entwickeln konnten, wurden die aus der Handlung provozierten Erregungszustände durch mehr oder weniger intensives Schwingen sichtbar gemacht.

Erzählt wurde die Lebens- und Liebessgeschichte eines jungen Paares. Der Zuschauer erhielt Aufschluss über ihre Zweifel am Sinn des Kinderkriegens, über ihre Beziehungsprobleme, über Fehlgeburt, Trennung, Versöhnung, Betrug, Krankheit, Tod eines Partners, Heimaufenthalt bis hin zum Tod. Gespielt wurde eine Vielzahl von Orten zu einer ebensolchen Vielzahl von Zeiten. Dabei musste man Regisseur Domagoj Maslov unbedingt zugestehen, dass es ihm stets gelang, Orientierungslosigkeit in der Geschichte zu vermeiden. Das machte den Abend ebenso reizvoll wie das Spiel, oder besser die sprachliche und mimische Gestaltung des Textes von Agnes Decker und Benedikt Zimmermann. Beide entwickelten ein Höchstmaß an Intensität. Sie variierten treffsicher in Lautstärke und Tonart. Beiden war ein hohes Maß an Gestaltungsfähigkeit anzumerken. Selbst Tränen konnten bei beiden Darstellern abgerufen werden, was zwar sehr eindrucksvoll, jedoch nicht unbedingt künstlerisches Vermögen ist, sondern Körperbeherrschung. Die Aufgabe von Kunst besteht ja nicht vornehmlich darin, die gewünschten Emotionen vorzuführen, sondern sie über die künstlerische Gestaltung im Betrachter auszulösen.

Ohne Frage handelt es sich bei dem dramatischen Entwurf von Duncan Macmillan um einen besonderen Text, der seinesgleichen sucht. Allerdings ist die Gestaltung mehr Ausdruck von Sprachlosigkeit und weniger von Ausformulierung von Ideen. So wurde über weite Strecken gestammelt, gestottert, gehaspelt. Ganze Sätze, also syntaktisch intakte Einheiten, waren eher die Ausnahme. Die häufig eingestreuten Lautmalereien als Ausdruck von Verunsicherung, von Ratlosigkeit, von Unterwürfigkeit oder Entschuldigungen, bedienten das Sprachmuster von Serienhelden US-amerikanischer Couleur und erschöpfte sich alsbald. Was allerdings weitaus lähmender daherkam, war der Mangel an Erkenntnissen oder zumindest kathartischen Ansätzen, die den Zuschauer emotional und rational in eine sinnvolle Richtung gebracht hätten. Es war beinahe zwei Stunden Befindlichkeitstheater, das außer zum Tod der Protagonisten zu keinem wirklich fassbaren Ziel gelangte.

Bestenfalls konnte die emotionale Aussage als rezeptiver Ansatz verstanden werden, die da lautete: Lass uns nicht darüber nachdenken; lass es uns einfach machen. Nun könnte man sagen, so ist das Leben. Doch das Leben ist das, was außerhalb des Theaters stattfindet. An die Bühne darf der Anspruch schon höher sein. Gleichsam erschreckend war das Geständnis des Mannes, dass er irgendwann aufgehört hatte, sich mit Problemen auseinander zu setzen, aufklärerische Bücher zu den Themen zu lesen, darüber nachzudenken, ob etwas politisch oder ökologisch korrekt sei. Von da an lief es. Klar. So ist das Leben. Das ist der Ansatz, der die Ebene zu einer schiefen Ebene gemacht hat, auf der wir in die vermutlich unvermeidliche Katastrophe schlittern.

Theater sollte immer auch ein Spiegel des Lebens sein, allerdings ein geschliffener, der prismatisch die Farben jeder Facette des Lebens überdeutlich macht. Wenn jedoch, wie im Stück von Duncan Macmillan und in der kongenialen Inszenierung am Metropoltheater, die Befindlichkeiten der Generation 30 unkritisch und nicht einmal ansatzweise analytisch ausgebreitet werden, diese auf eine weitestgehende Orientierungs- und Haltungslosigkeit schließen lassen, sollten bei den Eltern dieser Generation die Alarmglocken schrillen. Diese Generation 30 hat sich ganz augenscheinlich im Dschungel der zahllosen und untauglichen Ideologien, im Labyrinth der schwer fassbaren Befindlichkeiten selbst verloren. Das wäre sehr traurig. Erst recht, wenn man sich in diesen Befindlichkeiten einzurichten versucht.

Die Prognosen, die eingangs zitiert wurden, sind ebenso seriös wie erschreckend. Baldiges Handeln wäre also wünschenswert, und zwar aus der Vernunft, nicht aus vagen, unentschiedenen Gefühlen heraus. Es sei denn, es ist einem egal oder man glaubt nicht mehr daran, das Ruder noch herumreißen zu können. Dann kann man getrost auf den Anspruch an das Theater verzichten und sich nur unterhalten lassen.

Wolf Banitzki

 


Atmen

von Duncan Macmillan
Deutsch von Corinna Brocher

Agnes Decker und Benedikt Zimmermann

Regie und Bühne: Domagoj Maslov

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen