Teamtheater Tankstelle Name: Sophie Scholl von Rike Reiniger


 

Bei näherer Betrachtung…

Ein junges Mädchen, Jurastudentin, stellt sich vor: Sophie Scholl. Prompt drängt sich die Frage auf: Sind sie mit der Sophie Scholl … Nein. Irgendwie verwandt? Nein! Ähhh … Kein Bezug? Nein! Klar, Sophie Scholl (geb. 1921)  ist nicht nur ein Name. Unauflöslich verbunden mit dem Namen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ ist Sophie Scholl ein schönes Symbol für die Auflehnung gegen das unmenschliche Naziregime. Sie fand 1943 nach einem perfiden Prozess ihren gewaltsamen Tod. Rike Reiniger schrieb ihr Theaterstück im Auftrag des Wiener Kultusministeriums. Es ist zweifellos ein lobenswertes Unterfangen in Zeiten von Rechtsradikalismus und blühendem Diktatorentum, an die Opfer derartiger politischer Entwicklungen zu erinnern und politische Haltungen und Courage zu provozieren. Grundlage für die Arbeit waren Briefe Sophies, die beinahe 60 Jahre in der Schublade von Fritz Hartnagel schlummerten. Diese Briefe werfen eine neues Licht auf Sophie Scholl und lassen das Symbol, zu dem die junge Frau inzwischen geworden ist, in menschlichem Antlitz erscheinen. Noch mit 16 Jahren war sie glühende Anhängerin der Hitlerjugend, später dann bittet die Liebende ihren Fritz, der an der Westfront ist, um einige Luxusartikel. „Schließlich sind die Franzosen ja besiegt.“ Doch mit ihrem Studium und dem damit einhergehenden Reifeprozess wuchs in ihr die Widerständlerin heran, die bald schon den Mut zur Tat fand.

Um diese Geschichte vornehmlich einem jungen Publikum auf möglichst lebendige Weise näher zu bringen, wählte die Autorin einen dramaturgischen Trick. Sie erschuf eben jene Sophie Scholl von heute, die ihrerseits einen moralischen Konflikt auszutragen hatte. Sie war Zeugin einer Straftat ihres Professors, der die Prüfungsfragen zum Staatsexamen an Studenten verkauft hatte. Von ihrer Aussage hing es ab, ob die Sekretärin, eine unbescholtene Frau, dafür zu Verantwortung gezogen werden würde oder eben jener Professor und mit ihm sämtliche Studenten, die involviert waren. Der Professor korrumpierte die Zeugin, indem er sie in seinen Kurs nimmt und ihr damit das Bestehen des Staatsexamens mit Prädikat ermöglicht.

Marget Flach spielte in 70 Minuten die beiden Sophies und vermittelte zwei unterschiedliche Lebenssituationen. Der Widerständlerin Sophie Scholl legte die Autorin dabei die eigenen Briefworte in den Mund, was die Figur sehr authentisch machte. Es gelangen anrührende Szenen mit Originalton Sophie Scholl und so vermittelt sich auch das entsetzliche Ende der jungen Frau sehr glaubhaft, zumal noch eine detaillierte Beschreibung der Tötung eingeflochten wurde. Wie die heutige Sophie Scholl ihrer Verantwortung gerecht wird, erfuhr der Zuschauer nicht. Er wurde damit in die Pflicht genommen, für sich selbst zu entscheiden und seine eigenen moralischen Standpunkte auf den Prüfstand zu stellen. Es war ein Vergnügen, Marget Flach bei ihrem impulsiven und agilen Spiel zuzuschauen. Die Spielfreude war ihr deutlich anzusehen. Sie erfüllte ihre darstellerischen Aufgaben gekonnt und mit Verve.

Und dennoch blieb ein schaler Nachgeschmack. Der resultierte allerdings aus dem Stück, denn die beiden Figuren, eine, die historische, erzwang sich ihren Stellenwert durch die Tragödie, in der sie endete, und die heutige Figur des 21. Jahrhunderts konnten einem Vergleich nicht standhalten. Bei näherer Betrachtung ergaben sich aus dem Handeln der Widerständlerin Sophie Scholl gültige humanistische Werte, denen nachzueifern empfohlen wurde. Schaut man allerdings auf die heutige Sophie Scholl, fällt auf, dass hier keinerlei Wertekanon existiert. Die junge Frau möchte aus ihrer kleinbürgerlichen Existenz, aus dem sozialsubventionierten Reihenhaus ausbrechen. Sie will weg aus der Welt des Vaters, Postbeamter (mittlerer Dienst) und der Mutter, die an der Supermarktkasse sitzt. Da stellt sich doch die Frage, welchen didaktischen Wert es hat, die bürgerliche Mittelschicht, das Fundament unserer Gesellschaft, derart zu diskreditieren. Den Ausweg aus ihrer Misere sieht Sophie in einem Jurastudium. Allerdings nicht, weil das Recht und die Umsetzung der demokratischen und humanistischen Werte ihr so am Herzen liegen, sondern weil das Einstiegsgehalt eines Juristen bei Abschluss mit Prädikat 70.000 € im Jahr beträgt. Tatsächlich gibt es im ganzen Stück nicht einen einzigen Satz der heutigen Sophie, der über das pekuniäre Interesse hinausweist.

Während die frühere Sophie im Angesicht des Todes ihrem Vernehmungsbeamten mit den Worten ihre Tat erklärt: „Sie würden genau so handeln wie ich. Sie haben nur nicht den Mut“, muss die heutige Sophie abwägen, ob sie der Wahrheit die Ehre gibt und am Ende mit einem mäßigen Gehalt irgendwo Akten sortiert, anstatt in einer internationalen Kanzlei zu brillieren. Ist das die Botschaft, die wir unseren Kindern mitgeben sollen? Wohl kaum. Es besteht auch kein Zweifel daran, wie sich die heutige Sophie nach diesen Vorgaben entscheiden wird. Sie wird pragmatisch handeln und die Verantwortung beiseiteschieben, denn sie trifft ja die geringste Schuld am Versagen des Professors. Schließlich ist sie ja auch nur Opfer, von den anderen Kommilitonen einmal abgesehen. Und sie hat ihr Studium sehr ernst genommen und gelernt. Unsere neoliberale Gesellschaft würde sie dafür nicht verurteilen. Und ihren „Gewissenskonflikt“, der keinesfalls mit dem der früheren Sophie zu vergleichen ist, würde sie aussitzen. Spätestens bei der ersten fünfstelligen Gehaltsüberweisung würde der Gewissenswurm Ruhe geben.

Abgesehen vom unterhaltsamen Spiel Marget Flachs und der durchaus gelungenen Bühnensituation, in der mittels Aktencontainern unterschiedliche Räume und Spielsituationen simuliert wurden, war die Aufführung, auf ihren Inhalt hinterfragt, eigentlich ein Desaster. Letztlich zeigte sie uns eine historische Figur, die ihren Kampf um Menschlichkeit, der auch für uns geführt wurde, mit dem Leben bezahlte, während das heutige Pendant in ihren Befindlichkeiten gänzlich ohne tiefgehenden Wertekanon auskommt. Damit ist die Sophie Scholl der „Weißen Rose“ endgültig in die Geschichte verbannt. Selbst wenn die Macher der Inszenierung die Realität damit gespiegelt haben sollten, taugt dieser Plot keinesfalls für weltanschauliche oder moralische Bildung.

Wolf Banitzki

 


Name: Sophie Scholl

von Rike Reiniger

Marget Flach

Regie/Dramaturgie: Anschi Prott

Teamtheater Tankstelle  Clockwork Orange nach dem Roman von Anthony Burgess


 

Ein großer Bogen

Nach „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger und „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth vollendete Andreas Wiedermann seine „Europa-Trilogie“ mit einer Bühnenfassung von „Clockwork Orange“ nach Anthony Burgess gleichnamigem Roman. Man schreibt das 2036. Europa ist durch Staat und seine Organe befriedet, vollständig unter Kontrolle und was Datenschützer ein halbes Jahrhundert zuvor in blanke Panik versetzt hätte, ist anerkannte und praktizierte Realität. Doch auch in dieser „schönen neuen Welt“ gibt es einen Rebellen, der unangepasst bleibt. Sein Name ist Alex. Er ist Kind einer biederen Mittelstandsfamilie. Sein IQ ist über 130, was ihn in seiner Clique für eine „Leadership“ qualifiziert und ihn gleichsam seiner gesellschaftlichen Überwachung überlegen macht. Mit seinen Droogs (Russisch Drug – Freund) zieht er nächtens durch die Stadt und terrorisiert sie. Drogen, Mädchen, schnelle Autos, Alex bedient sich nach Gutdünken. Gewalt ist ein leidenschaftliches Statement der jungen Männer. Sie leben sie untereinander, gegeneinander, aber auch gegen die Gesellschaft aus. Auf ihren Streifzügen brechen sie in ein Landhaus ein, schlagen den Eigentümer zum Krüppel und vergewaltigen seine Frau.

Letztlich sind es seine Droogs, die Verrat begehen, denn die sind hinter dem großen Geld her, das für Alex allerdings uninteressant ist. Ihm geht es vielmehr um das Ausleben seiner animalischen und narzisstischen Bedürfnisse. Als Alex eine reiche Lady in ihrem Haus überfällt und sie tötet, schlagen ihn seine eigenen Freunde nieder und überlassen ihn dem Zugriff der Polizei. 14 Jahre Zuchthaus lautet das Urteil wegen Mordes. Doch Alex ist anpassungsfähig, legt eine makellose opportunistische Führung an den Tag und gewinnt so das Vertrauen der Gefängnisleitung. Schließlich kommt er, der gerade einen Häftling getötet hat, in ein so genanntes „Transparenz-Programm“, das mit medizinischen Methoden eine Resozialisierung bewerkstelligen soll. Alex wird einer martialischen Gehirnwäsche unterzogen. Im Ergebnis der Behandlung wehrt sich sein Körper gegen jeden Regelverstoß mit heftiger Übelkeit. Er ist außer Stande, Gewalt auszuüben oder sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. In diesem Zustand in die Realität entlassen, widerfährt ihm gnadenlose Gewalt und Manipulation. Alex ist wehrlos. Und doch gelingt es ihm, dem Teufelskreis zu entkommen und auch noch seinen Schnitt dabei zu machen.

Seine enorme Popularität verdankte der Roman nicht zuletzt auch der (Kult-)Verfilmung durch Stanley Kubrick, die eine anhaltende, überaus kontroverse Diskussion entfachte. Von „faschistoid“ bis „gewaltverherrlichend“  erwarb Kubricks Arbeit alle nur denkbaren Attribute. Die katholische Kirche in den USA setzte den Film sogar auf den Index. In England nahm Kubrick selbst den Film unter dem Druck der Behörden aus dem Verleih. Dabei waren sowohl der Roman, als auch der Film von einer sehr gewalttätigen Realität in England der 60er Jahre inspiriert. Verglichen mit heutigen Gewaltdarstellungen in Blockbustern mutet Kubricks Werk beinahe operettenhaft an, zumal der Regisseur sich durch Elemente des Ausdruckstanzes in seinem künstlerischen Ausdruck hatte inspirieren lassen.

Im Unterschied zu Kubrick hielt sich Andreas Wiedermann  weitestgehend an das Buch von Anthony Burgess. Er übernahm die Sprache, die als „Nadsat“ bezeichnet wird, einem Jargon aus russischen Wortstämmen und Cockney-Slang. Sämtliche Darsteller waren in schwarze Morphsuits, eng anliegende Ganzkörperanzüge, gekleidet und trugen schwarze Kopfmasken. So blieben die Charaktere unkonkret und austauschbar. Im Mittelpunkt stand jedoch stets Alex, der, ohne Maske spielend, von jedem der Darsteller abwechselnd gespielt wurde. Ein zusätzlicher weißer Kittel machte die Darsteller zu Ärzten oder Krankenschwestern. Wenn am Ende der Innenmister auftrat, trug er ein graues Hemd. Seine Stimme war mit Heliumgas in die Höhe getrieben und lächerlich gemacht worden.

Widermanns Inszenierung begann in einem Datingroom, in dem die anwesenden Personen durch Apps gesteuert wurden. Die Apps erfassten jeden Eintretenden und lieferten sofort Profile und, wenn eine hohe Übereinstimmung herrschte, auch entsprechende Empfehlungen. Die Personen folgten willig und vertrauend diesen Empfehlungen. Andere Apps steuerten das Verhalten von Personen in der Gruppe, um diese zu harmonisieren. Diese erschreckende Vision war wahrlich nicht an den Haaren herbei gezerrt. Auf der Bühne allerdings entstand ein groteskes und erschreckendes Bild. Dann folgte die Geschichte von Alex. Die jungen Darsteller spielten dynamisch und mit Verve, wie man es aus den anderen Teilen der Trilogie bereits kannte. Dennoch ging das Konzept von Andreas Wiedermann nicht im selben Maße auf. Insbesondere die Gewaltorgien, die mit Schaumgummi ausgefochten wurden, banalisierten die Geschichte und zogen sie in die Länge. Hier wäre es wohl besser gewesen, Kubrick zu folgen und die Gewalt künstlerisch zu brechen. Tanz wäre eine Möglichkeit gewesen, zumal die Musikauswahl von Barockoper bis zu Ludwig van Beethoven (Sounddesign : Clemens Nicol) vieles ermöglicht hätte. Für die jungen und spielfreudigen Darsteller wäre es gewiss keine zu hohe Hürde gewesen.

Obgleich dem dritten Teil der „Europa-Trilogie“ nicht dieselbe Wirkung und Überzeugungskraft der vorangegangenen zwei Teile innewohnte, ist das Gesamtprojekt durchaus bemerkens- und lobenswert. Es gelang Wiedermann und seinen Mitstreitern, ein Jahrhundert voller Gewalt und menschlicher Katastrophen Revue passieren zu lassen. Er schlug damit einen ganz großen Bogen. Der letzte Teil macht indes schmerzlich bewusst, dass am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts wieder Gewalt in unterschiedlichsten Formen weltweit dominiert. Das ist eine entsetzliche Wahrheit, die eigentlich Konsequenzen haben sollte. Und wenn der Zuschauer nur die simple Botschaft aus den Inszenierungen mitnimmt, dass es endlich an der Zeit wäre, aus der Geschichte zu lernen, wäre viel gewonnen. Was würden wir verlieren, wenn wir nicht Bücher, Theaterstücke oder Filme, sondern die Gewalt, die in ihnen wiedergespiegelt wird, verböten, verbannten, ächteten? Es würde uns nichts fehlen. Stattdessen gibt es immer wieder Apologeten der Gewalt, die die Unverzichtbarkeit beschwören, um möglicher Gewalt entgegen wirken zu können, gegebenenfalls präventiv. Und genau da beginnt die Gewaltspirale.

Wolf Banitzki

 


Clockwork Orange

nach dem Roman von Anthony Burgess

Simon Brüker, Friedrich Custodio, Constanze Fennel, Urs Klebe, Christina Matschoss, Clemens Nicol, Andreas Niedermeier, David Thun, Eugenia Winckler

Inszenierung: Andreas Wiedermann

Teamtheater Salon Tante und Ich von Morris Panych


 

Wenn es ans Sterben geht …

Ein junger Mann namens Kemp, Bankangestellter und Neffe, erscheint nach einem höchst dringlichen Brief seiner Tante Grace an ihrem vermeintlichen Sterbebett. Sie hatten höchst selten Kontakt, sich dreißig Jahre nicht gesehen, und darum verwundert es Kemp, dass sie ausgerechnet ihn um den letzten Dienst bittet. Kemp ist ein geborener Verlierer. Dank seiner überstürzten Abreise, verlor er auch noch seinen Job. „Schlechtes timing!“ hatte ihm sein Chef versichert. Freunde hat er nicht, eine Freundin oder Geliebte schon gleich gar nicht. Dennoch beklagt er schon bei seiner Ankunft die Verluste, die er wegen seiner Gutmütigkeit erleiden wird. Möge das Erbe die Verluste aufwiegen! Doch es ist nur Wichtigtuerei. Kemp richtet sich auf ein paar Tage ein, denn die Tante ist in einem erbarmungswürdigen Zustand und schon auf den ersten Blick drängt sich der Gedanke auf, dass es nicht mehr lange dauern kann bis zu ihrem Ableben. Und so lässt Kemp, schließlich ist Frühling, seinen Tatendrang freien Lauf: „Lassen wir die traurigen Dinge beiseite, abgemacht? Möchtest du eingeäschert werden?“ Doch es wird Sommer und die Tante ist zusehends aufgeblüht. Sie hat begonnen, einen Pullover zu stricken. Kemp: „Ist das ein Langzeitprojekt?“ Es ist eins, das den ganzen Herbst anhält. Zu Weihnachten ist der Pullover fertig. Es ist das erste Geschenk, das Kemp jemals zu Weihnachten bekommen hat und es macht ihn überglücklich.

Das ungleiche Paar hatte sich bald miteinander arrangiert und Kemp bekam hinlänglich Gelegenheit, sein bisheriges Leben vor der Tante (und vor dem Publikum) auszubreiten. Es war desaströs und erklärt, warum Kemp so unglaublich düster und makaber mit dem Thema Sterben umgeht. Mehr zu verraten, wäre unfair denen gegenüber, die sich (vielleicht auch angeregt durch diese Besprechung) verleiten lassen, sich die preisgekrönte Komödie des in Calgary geborenen und in Edmonton (Alberta) aufgewachsenen Autors Morris Stephen Panych im Teamtheater Salon anzuschauen. Das schwarzhumorige Kammerspiel „Tante und Ich“ ist an sich schon zum Brüllen komisch und Regisseur Philipp Jescheck gelang eine kongeniale Inszenierung. Seine Wahl der Darsteller hätte besser nicht sein können. Evelyn Plank, ein fernsehbekanntes und -beliebtes Gesicht, war der Part der Sterbenden zugefallen. Sie hatte kaum mehr als eine Handvoll Sätze, die auch erst gegen Ende des Stücks anfielen. Bis dahin hatte die ans Sterbesofa gefesselte und unter einer dicken Strickdecke verbannte Tante kaum mehr als ihre Gesichtsmimik, um am Spiel teilzunehmen. Evelyn Plank war dieser Herausforderung durchaus gewachsen und ihr Minenspiel war ausgesprochen beredt und nicht minder komisch.

Arno Friedrich, er war zuletzt im Teamtheater Tankstelle in „Die Freizeitgesellschaft“ zu sehen, fiel der aktive Part der dramatischen Erzählung zu. Mit äußerester Lebendigkeit und grandiosem Gestus, spielte er einen Loser, der nach und nach sein ganzes Leben aufblätterte, angefangen von seiner peinlich anmutenden kindlichen Verliebtheit in die Tante Grace, die einmal mit einem Taxi zu Besuch angereist war („Noch nie war jemand mit dem Taxi gekommen!“) und von der er noch jahrelang, vermutlich feucht, träumte. Er offenbarte sein heimliches Entzücken, wenn er gezwungen wurde, Mädchenkleidung zu tragen; Panych ist bekennender Homosexueller und vermag mit wunderbarem Humor und selbstverständlicher Leichtigkeit über das Thema zu sprechen. Kemp bewies zudem einiges technisches Talent, als er einen Roboter schuf, der, schließlich ist er kein Mensch sondern eine Maschine und kann wegen Sterbehilfe nicht belangt werden, die Tante von ihren Leiden erlösen könnte, wenn sie sich der Fernbedienung bedienen würde. Natürlich funktioniert die Maschine im entscheidenden Augenblick nicht, im ungeeigneten Augenblick dann aber doch, und zwar mit fatalen Folgen. Arno Friedrich liefert ein schauspielerisches Feuerwerk ab, das einem Woody Allen zur Ehre gereichen könnte.

Einziger Wermutstropfen war der Spielort. Der Salon mag sich für Kabarett u.ä. gut eigenen, bei dieser Komödie indes zeigte sich bald, dass die Sicht der Zuschauer ab der zweiten Reihe deutlich eingeschränkt war. Auf Michele Lorenzinis Bühne fand sich, wie bereits erwähnt, ein Liegesofa als Bettstatt für die Kranke, zudem ein Nachtschränkchen mit Lampe und ein einzelner Sessel. Das war völlig ausreichend, um das muffige Zimmer einer sterbenden alten Frau zu suggerieren. Allerdings haben Sterbende die Eigenschaft, ihre letzten Stunden, Tage, Wochen, manchmal Monate und Jahre im Liegen zu verbringen. Evelyn Planks Grace lag durchgängig und man musste sich schon anständig recken, um ihrem kommentierenden Minenspiel zu folgen. Schade, kann man nur sagen, denn es war durchgängig ein Hochgenuss.

Wenn es ans Sterben geht, treten nicht selten die Lebenslügen in den Hintergrund zurück und machen Platz für die uneingestandenen Wahrheiten. Genau das ist das Prinzip der Komödie von Morris Panych, der alles gnadenlos aussprechen lässt. Und dabei stellt sich heraus, wie erfrischend das sein kann. Unbestritten ist, dass dieses Thema bestens geeignet ist für eine Komödie, wobei, und darüber wurde an dieser Stelle nicht geschrieben, dieser Theaterabend noch einige atemberaubende Wendungen parat hielt. Morris Panychs Widmung an die Zuschauer lautet: „Ich widme dieses Stück all denen, die gestorben sind, und allen, die es noch nicht geschafft haben.“ Für die, die es noch nicht geschafft haben. Gehen Sie ins Teamtheater und nutzen Sie die Chance, sich vorzubereiten!

Wolf Banitzki

 


Tante und Ich

eine schwarze Komödie von Morris Panych

Evelyn Plank und Arno Friedrich

Regie: Philipp Jescheck

Teamtheater Tankstelle  Der Sturm von William Shakespeare


 

Wider die Enge der Herzen und der Sinne

Prospero, Herzog von Mailand, ist von seinem Bruder Antonio um sein Reich gebracht worden. Antonio erfreute sich bei dieser Intrige der tatkräftigen Mithilfe Alonsos, König von Neapel. Zwölf Jahre ist das her. Seither lebt Prospero mit seiner Tochter Miranda auf einer einsamen Insel, wohin er Dank des Mitgefühls Gonzalos gelangte, ein ehrlicher alter Rat, der Prospero, den Antonio in einem segel- und ruderlosem Boot aussetzen ließ, mit Speise, Trank und Büchern versehen hatte. Nun will es der Zufall, dass Antonio und Alonso nebst Sohn Ferdinand und Sohn Sebastian und Gefolge auf dem Rückweg von Tunis, wo Alonso gerade seine Tochter verheiratet hat, an Prosperos Insel vorbei segeln. Mit Hilfe Ariels, einem dienstbaren Luftgeist, führt Prospero einen Schiffbruch herbei. Alle Reisenden gelangen wohlbehalten auf der Insel an und Prospero ist in den Stand versetzt, furchtbare Rache zu nehmen.

Allerdings muss sich der Inselfürst auch Feinden im Inneren seines Machtzirkels erwehren. Caliban ist ein solcher. Der Sohn der Hexe Sycorax und des Teufels ist ein monströses Wesen, das Prospero domestiziert und kultiviert hat. Caliban verbündet sich mit den Schiffbrüchigen Trinculo und Stephano, zwei Säufern, in der Absicht, Prospero ermorden zu lassen. Doch Shakespeares „Der Sturm“ ist eine Komödie, zumindest wurde das Stück in der ersten, 1623 von den Schauspielerkollegen John Heminge und Henry Condell herausgegebenen Folio-Ausgabe als eine solche aufgelistet. Es fließt kein Blut, obgleich es einige Male kurz davor ist. Es wird darin auch ein Mordkomplott gegen den König von Neapel geschmiedet. Die zwei Höflinge Adrian und Francisco stiften dessen zweiten Sohn Sebastian dazu an. Doch auf diese Kabale verzichtete die Aufführung im Theamtheater.

Das Prägnante an der Spielfassung von Joachim Lux (Intendant des Hamburger Thalia Theaters): sie kommt mit lediglich drei Schauspielern aus. Shakespeare hatte fünfzehn Rollen zzgl. Geister, Nymphen und Matrosen vorgesehen. Ein mutiges Unterfangen, so eine radikale Verkürzung, das natürlich sofort die Frage aufwirft, geht das überhaupt? Kann man das Stück unbeschadet über die Rampe transportieren? Ja, man kann, wie die Inszenierung von Dieter Nelle im Teamtheater bewies.

Luxs Fassung, die sich auch einiger Shakespearescher Sonette bedient, sieht drei Figuren vor: Prospero, Caliban und Ariel. Damit wird deutlich, dass der märchenhafte, fantastische Aspekt in den Vordergrund gerückt wird, zumindest was das Spiel anbelangt. In Nelles Inszenierung zitierte Prospero, weitere Figuren auf die Bühne. Die übrigen Figuren erstehen in den Erzählungen auf. Den Ort des Geschehens gestaltete Manuela Müller. Ihre Bühne bestand aus einem sandfarbenen Belag, der zur hinteren Bühnenbegrenzung wie zu einer Welle aufgeworfen war. Darauf ein durch vier aus dem Bühnenhimmel herabhängenden Fäden angedeuteten Wohnraum, die „Zelle“ Prosperos, darin zwei rote Stühle.

Wolfgang Rommerskirchen gab einen zutiefst verbitterten, emotional scheinbar unberührbaren Prospero, aber auch einen stupiden, trunksüchtigen Trinculo. Den unansehnlichen „schnöden Sklaven, in welchem keine Spur des Guten haftete, zu allem Bösen fähigen“ Caliban spielte die zarte, fragile Sophie Meinecke. Sie schlüpfte sehr behänd auch in die Rolle der springlebendigen, staunenden und lebenshungrigen Miranda. David Tobias Schneider war zuallererst der Luftgeist Ariel. Sein mit Schäfchenwolken bedruckter Overall zeigte es an. Sein tänzelndes Spiel unterstrich dies. Er verkörperte gleichsam einen etwas begriffsstutzigen, bis über beide Ohren in Miranda verliebten Ferdinand. Er gab aber auch den an der Flasche hängenden Haudrauf Stephano.

Dieter Nelles Inszenierung war eine ausgewogene Mischung aus Erzähl- und Spieltheater. Wolfgang Rommerskirchen gelang es mit seiner eindringlichen, bedachtsamen und doch intensiven Erzählweise schnell, die Fantasie der Zuschauer zu beflügeln und sie auf die Insel zu entführen. Musik und Licht (Hans Peter Boden) spielten dabei keine unerhebliche Rolle. Die Sprache Shakespeares konnte ihre magische Schönheit entfalten, denn dem Wort wurde viel Raum zugebilligt. Selbst in den Spielszenen behielt das Wort die Überhand und wurde nicht durch zügellosen Aktionismus unkenntlich gemacht. So wurde die Geschichte gradlinig und leicht verständlich erzählt.

Am Ende stand schließlich das Gericht, in dem Prospero seinen aufgestauten Hass und seine tiefe moralische Entrüstung hätte umsetzen können in gnadenlose Bestrafung. Als er sich schließlich zur Milde entschloss, kam das ein wenig überraschend. Frühere Zweifel bei Prospero hätten die Situation glaubhafter gestaltet. Das ist jedoch kein Mangel der Inszenierung; das steht so bei Shakespeare geschrieben. Der Sinneswandel bedurfte immerhin der Fürsprache Ariels, der angesichts der Erbärmlichkeit des Zustandes der Schuldbeladenen konstatierte: „Dass, wenn Ihr sie sähet, / Euer Gemüt erweichte sich.“ Und als Prospero keine deutliche Regung zeigte, schob Ariel nach: „Meins würd es, wär ich Mensch.“ Nun begann die Wandlung bei Prospero: „Obschon ihr Frevel tief ins Herz mir drang, / Doch nehm ich gegen meine Wut Partei / Mit meinem edlern Sinn: der Tugend Übung / Ist höher als der Rache. Da sie reuig sind, / Erstreckt sich meines Anschlags ganzer Zweck / Kein Stirnrunzeln weiter! Geh, befrei sie!“

Das ist gleichsam die große Botschaft dieses Stückes: Vergebung, so sich die Frevler reuig zeigen, und das Durchbrechen der Spirale von Gewalt und Feindschaft. Märchenhaft blieb es allemal, denn die Realität zeigt uns nach zweihundert Jahren Aufklärung, wie schnell alle Einsichten verkauft und verraten werden, sobald es etwas eng wird. Und eng und enger werden hier und heute gerade die Herzen und die Sinne der Menschen. Das Stück und die Inszenierung sind auch als Mahnruf gegen diese Entwicklung zu verstehen.

Wolf Banitzki


Der Sturm

von William Shakespeare / Spielfassung Joachim Lux

Wolfgang Rommerskirchen, Sophie Meinecke, David Tobias Schneider

Regie: Dieter Nelle

Teamtheater Tankstelle Requiem für Lucas von Elinor Haftel und Martin Waller


 

Nicht überzeugend

Lucas war ein Junge, der sein zehntes Lebensjahr nicht überlebt hat. Er wurde Opfer eines Verkehrsunfalls, in dem er sich ebenso fahrlässig verhalten hat wie Lena, die Fahrerin des Unfallautos. Lena wird im Gerichtsprozess freigesprochen, doch frei ist sie dennoch nicht. Ihr Gewissen plagt sie derart, dass sie keine Normalität in ihr Leben bekommt. Die Bilder des toten Jungens verfolgen sie bis in die Träume, und sie kann ihren Alltag nicht mehr ohne Medikamente bewältigen. Schließlich lässt sie sich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Dort teilt sie das Krankenzimmer mir Clara, einer gewalttätigen jungen Frau, die, nachdem sie auf dem Oktoberfest einen Mann zusammengeschlagen hatte, wegen ihres übergroßen Aggressionspotentials in die Psychiatrie überstellt wurde und somit einer Gefängnisstrafe entging. Die beiden sind ein sehr ungleiches Paar. Die Ungleichheit resultiert auch aus ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft. Lena hat in ihrem Leben kaum auf etwas verzichten müssen und ist vermutlich behütet und geliebt aufgewachsen. Clara, vaterlos aufgewachsen, musste sich um die Mutter kümmern, eine Alkoholikerin, die ihren Alkoholismus mit Medikamenten bekämpft und nun von diesen abhängig ist. Versorgt wird die Mutter von Beppi, einem Kleinkriminellen, der bei ihr eingezogen ist. Auch er ist gewalttätig und skrupellos. Schließlich taucht er sogar in der Klinik auf, wo er versucht, Clara erneut vor seinen kriminellen Karren zu spannen.

Die Idee, sie erinnert auf den ersten Blick in der Konstellation an „Einer flog übers Kuckucksnest“, verspricht viel, der Theatertext von Elinor Haftel und Martin Waller indes hält davon wenig. Anders als in „Erdbeeren im Januar“, mit dem das Autorenduo 2012 eine vielschichtige und zauberhafte Liebeskomödie am Teamtheater vorstellte, bot „Requiem für Lucas“ kaum mehr als eine Aneinanderreihung von Klischees und Vorhersehbarkeiten. So war eine Entwicklung oder Gesundung der beiden jungen Frauen Behauptung und nicht zwingend aus der Geschichte abzuleiten. Gruppentherapien waren mehr Panoptikum von „Beknackten und Bescheuerten“, als szenisch gelungene Vermittlung von angewandter Psychologie. Theatralische Analyse und Wahrheitsfindung fanden nicht statt.

Figuren wie Aaaron (Johannes Meister) oder Walter (Nikolai Hoffmann) stellten nicht mehr als skurrile Krankheitsbilder vor, die zwei, drei Lacher erzeugten. Regisseurin Renate Haen inszenierte sich selbst als Charlotte in den Therapiekreis hinein und gab eine Frau (ohne Inhalte) die letztlich Rettung in der Kunst gefunden hatte, was immerhin von der Fähigkeit zur Selbstironie zeugt. Auch Samuel Richter, der die Inszenierung hörenswert livemusikalisch begleitete, fand als skurriler, blödsinnig lächelnder Philanthrop Tom, seines Zeichens Musiker, seinen Platz in der Runde. Gemanagt wurde die Klinik von Julius Dattenberger, der mit dem unsicheren und zumeist überforderten Bufdi und dem ruhigen und überlegten Arzt Dr. Wenz alle Ebenen der betrieblichen Hierarchie abdeckte. Zudem gab er noch eine, vermutlich von einem anderen Stern stammende Putzfrau. Auch sie hatte einen handfesten Verfolgungswahn. Früher nannte man psychiatrische Kliniken auch Irrenhäuser. Daran erinnerte zumindest die Personage deutlich.

Renate Haens Regiebemühungen, den Theatertext szenisch zu einem magischen Ereignis umzuformen, scheiterten an mehreren Faktoren. Der erste und wohl auch wichtigste Grund war die Unausgegorenheit des Textes, dem es an ernstzunehmender Substanz mangelte und der nicht wirklich zu einem greifbaren Ziel führte. Wenn am Ende das Prinzip Hoffnung postuliert wird, ist das nur ein schwacher Ersatz für einen echten Plot. Das Bühnenbild, bestehend aus weißen Quadern, die zur Vorspiegelung unterschiedlicher Spielsituationen arrangiert wurden, war auf Praktikabilität konzipiert. Allein, die Arrangements, von sämtlichen verfügbaren Darstellern realisiert, nahmen viel, zu viel Zeit in Anspruch. So wurde der ohnehin dünnblütige zweistündige Abend sehr lang. Zu der Zähigkeit des Fortgangs der Geschichte gesellte sich auch noch der Mangel an überzeugenden schauspielerischen Leistungen.

Julius Dattenberger, der bereits auf der Bühne der Münchner Kammerspiele und des Residenztheaters stand, gelang immerhin drei Figuren, die sich im Spielgestus deutlich voneinander unterschieden. Ebenso konnte Martin Waller mit einer enorm wuchtigen physischen und stimmlichen Präsenz als böser Beppi überzeugen. Elinor Haftel indes blieb als Lena geradezu farblos. Ihre Genesung oder zumindest die ersten Etappen auf dem Weg dorthin, war wenig glaubhaft. Und Lisa Seeger (Clara) fehlte es bei aller lautstarken und physischen Aggressivität an Differenzierungen. Das hässliche oder garstige Entlein wurde nicht zum Schwan. Möglich wäre es gewesen. Die Figuren Aaron, Walter, Charlotte und Tom waren in ihrer Plakativität dramaturgisch absolut überflüssig und unterm Strich eine Belastung für das Stück. Schade, kann man nur sagen, denn nach „Erdbeeren im Januar“ waren die Erwartungen nicht gering.

Wolf Banitzki

 


Requiem für Lucas   

von Elinor Haftel und Martin Waller

Elinor Haftel, Lisa Seeger, Julius Dattenberger, Martin Waller, Samuel Richter, Johannes Meister, Nikolai Hoffmann

Regie: Renate Haen

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