Teamtheater Tankstelle  Kein Honigschlecken  von Greg Freeman


 

Vorsicht vor Clowns!

Die Clowns haben die Macht an sich gerissen. Man hatte sie unterschätzt, denn sie sehen nicht so dämlich aus, weil sie es sind, sondern weil sie vorgeben, dämlich zu sein, damit man über sie lacht. Indes sind sie kühl kalkulierend, sophistisch und unterschwellig aggressiv. So sind Tyrannen nun mal, insbesondere wenn sie sich bedroht fühlen und eine wesentliche Eigenschaft von Tyrannen ist nun mal ein ausgewachsener Verfolgungswahn. Die beiden Teddybären Julius und Ludovic lassen sich allerdings ihr Dasein von einer clownesken Diktatur nicht verdrießen und folgen gelassen einer Einladung des Clowns BoBo zu einem Workshop über autoerotische Praktiken, verbunden mit einem recht mäßigen Picknick. Als sich BoBo versehentlich bei einer Übung zu sexueller Grenzerfahrung erhängt, ist der Schlamassel für die Bären groß. Ehrlich und aufrichtig wie sie nun einmal sind, es ist ihnen sogar in die Unterhosen gestickt, stellen sie sich die Frage, ob sie das Unglück hätten verhindern können? Und war ihre unterlassene Hilfeleistung nicht vielleicht sogar ein Mord? Sie suchen Hilfe bei einer sonderbaren Puppe, die Anwältin zu sein vorgibt, dies aber selbst in Zweifel zieht. Schnell nimmt alles konspirative Formen an, doch im Gegensatz zu den Clowns, haben die Teddybären Skrupel. Die Clowns indes nutzen den Unfall und deklarieren ihn als einen Anschlag auf die gesellschaftliche Grundordnung. Schließlich hat es harsche Konsequenzen für die vermeintlichen Täter. Jetzt ist Widerstand angebracht.

„Kein Honigschlecken“ ist in der Tat eine sehr schwarze Komödie, die bereits 2012 unter dem Titel „No Picnic“ am Londoner Tabard Theatre uraufgeführt wurde. Damit bewies der Autor Greg Freeman große Weitsicht und politische Sensibilität, denn die Zeiten von „Fake News“ brachen so richtig erst mit der Amtseinführung von Donald Trump an. Und während breite Massen der Bevölkerung um Orientierung im politischen und gesellschaftlichen Sprachdschungel ringen, wird deutlich, dass Wahrheiten längst keine mehr sind, da es scheinbar zu jeder Wahrheit eine Alternativwahrheit gibt. Zu lange hat die Bevölkerung der politischen Rhetorik der etablierten Parteien geglaubt; zu lange hat sie den Eliten ihr Vertrauen geschenkt. Plötzlich werden Stimmen laut, die „Wahrheiten“ verkünden, die zwar hässlich, aber scheinbar so unwahr und von der Hand zu weisen nicht sind. Selbstredend werden diese Stimmen sofort als radikal, verleumderisch und die gesellschaftliche Grundordnung gefährdend diskreditiert. Doch viele Menschen im Land können und wollen das nicht glauben. Vermeintliche Wahrheiten, über Jahrzehnte mantraartig verbreitet, erscheinen plötzlich wie Unwahrheiten und ist das Vertrauen in die Protagonisten, die den Menschen die Welt bislang so routiniert erklärten, erschüttert, setzt ein Dominoeffekt ein.

  Kein Honigschlecken  
 

Martin Schülke, Daniela Voß, Mario Linder

© Ludo Vici

 

Regisseur Philipp Jescheck, er bescherte den Besuchern des Teamtheaters mit „Paarungen“ oder „Tante und Ich“ grandiose Komödienabende, inszenierte „Kein Honigschlecken“ als putziges Guckkastentheater. Die Bären Julius und Ludovic, knuffig und emotional facettenreich gespielt von Mario Linder und Martin Schülke, hätte selbst den höchsten Ansprüchen eines guten Kindertheaters genügt, wenn nicht die komplizierten Denkweisen und die philosophienahe Sprache den komödiantischen Spaß in Grenzen gehalten hätte. Dieser Vergleich scheint insofern angebracht, da wir definitiv zu wenig gutes und aufklärerisches Kindertheater haben. Es geht schließlich um unsere gesellschaftliche Zukunft!

Die phantasievolle Ausstattung des Guckkastens (Bühne/Kostüm Michele Lorenzini ) und die manierierte und marionettenhafte Spielweise von Daniela Voß als sonderbare Puppe entführten den Zuschauer effektvoll in die Welt kindlicher (oder teddybärenhafter oder puppenartiger) Geschöpfe. Allein, der visuelle Unterschied zum aufklärerischen Anspruch, er konnte krasser nicht sein, tat der ganzen Sache absolut keinen Abbruch, denn dank der präzisen Spielweise und der sehr guten Sprechkultur der Darsteller wurde der Zuschauer von der Aktualität des Themas geradezu überrollt. Immerhin kam sogar ein blutiger Schrumpfkopf vor. Als Armin Hägele als Clown seine rhetorische Tyrannis entfesselte, wurde deutlich, wie nah wir uns bereits am Abgrund zum Verfall der Demokratie befinden. Das Ende mutete dann schließlich gar nicht märchenhaft an, denn die Lüge oder die alternative Wahrheit wurde zur nützlichen Waffe.

Das Spektrum der behandelten Themen war auf sehr unaufdringliche und keineswegs zeigefingerhaft abgearbeitete Weise gewaltig groß. Die Subjektivität von Alter und Schönheit war ein Thema. Man begriff, dass viele erbrachte Leistungen unseren Mitmenschen gegenüber durchaus auch in die Kategorie Korruption und Filz passt, dass eine Lüge nur eine falsch interpretierte Wahrheit sein kann; dass Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit in Anbetracht der möglichen Ergebnisse auch nur Dummheit sein können. Und man wurde sensibilisiert zu erkennen, was ein Clown seinem Wesen nach auch sein kann und dass man nicht unbedingt wie ein Clown aussehen muss, um ein solcher zu sein. Und plötzlich musste man erkennen, wie viele Clowns es um uns herum gibt und dass wir uns vor ihnen in acht nehmen sollten. Und es zeigte sich, dass Angst unser ärgster Feind ist.

Es war eine kluge und darstellerisch wunderbar umgesetzte Inszenierung, die, was Aktualität betrifft, Ihresgleichen momentan auf den Bühnen Münchens sucht. Es war kein „Schenkelklatschtheater“ und es war auch nicht zum Brüllen komisch, denn es steckten zu viele bittere Wahrheiten darin. So kafkaesk das Spiel auch anmutete, es steckte blanke Realität darin, was im Umkehrschluss bedeutet, dass unsere Realität momentan ziemlich kafkaesk ist. Unterhaltsam und lehrreich war es allemal, und so kann man nur hoffen, dass die verbleibenden Vorstellungen gut besucht werden.

 

Wolf Banitzki


Kein Honigschlecken
von Greg Freeman

Deutsche Erstaufführung

Daniela Voß, Mario Linder, Martin Schülke und Armin Hägele

Regie: Philipp Jescheck

Teamtheater Tankstelle   Wahlverwandtschaften nach Johann Wolfgang von Goethe


 

3 : 2 für den Tod

Eigentlich sollte es nur eine Novelle werden, die mit anderen in dem großen Schauspielerroman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ aufgehen würden. Hintergrund waren Goethes naturwissenschaftliche Studien, in denen er immer wieder Analogien und Phänomene zu entdecken glaubte, die, zumindest symbolisch, Entsprechungen im menschlichen, im gesellschaftlichen Leben fanden. Doch die „Neuigkeit“, wie dieses Genre der Kurzepik übersetzt heißt, wuchs sich aus und wurde in neunmonatiger Arbeit, verteilt über die Jahre 1808 und 1809, ein zweiteiliger Roman. Es wurde nicht nur ein beliebiger Roman, sondern er stand für den Beginn des modernen Gesellschaftsromans, der ungeheure Aufmerksamkeit erregte.

Das Buch wurde sowohl gefeiert als auch verrissen. Letzteres kam vornehmlich aus den Reihen der konservativen Vertreter des deutschen Geisteslebens. Einer tat sich dabei besonders hervor. Der ehemalige Goethefreund Friedrich Jacobi schrieb am 10. Januar 1810 mit einigem Entsetzen nach der Lektüre: „Dieses Goethesche Werk ist durch und durch materialistisch oder wie Schelling sich ausdrückt, rein physiologisch. Was mich vollends empört, ist die scheinbare Verwandlung am Ende der Fleischlichkeit in Geistlichkeit; man dürfte sagen: die Himmelfahrt der bösen Lust.“ Jacobi war augenscheinlich entgangen, dass er in Goethe einen Pantheisten vor sich hatte, dem Fleischlichkeit und Geistlichkeit untrennbar verschmolzen war. Aber auch andere Größen der Zeit waren sichtlich überfordert. Tieck nannte den Roman „Qualverwandtschaften“; Börne nannte ihn einen „chemischen Roman“. Es herrschte ein konfuses Durcheinander aus Unverständnis und Enthusiasmus, emotionaler Ergriffenheit und rationaler Verstörtheit

Aus heutiger Sicht mutet der Roman natürlich antiquiert an, weil die Protagonisten eigentlich nie wirklich „zur Sache kommen“ und mit äußerster Sorgfalt immer wieder Konstellationen herbeiführen, die eine verbale Auseinandersetzung ermöglichen. Alles hat „Artigkeit“. Zum besseren Verständnis für die jüngeren Mitbürger: man folgte nicht dem ersten emotionalen Impuls, sondern bemühte sich, Klarheit über die Konsequenzen des Handelns zu erlangen. Tatsächlich ist der ganze Roman ein einziges mentales und emotionales Bemühen, der Liebesfalle zu entrinnen. Man kann wohl davon ausgehen, siehe auch das Drama „Stella“, dass es sich dabei um ein Lieblingsthema Goethes handelte.

Die Geschichte spielte in feudalen Adelskreisen, wobei Goethe nicht müde würde, bürgerliche Tugenden unterzubringen. Der Gutsherr Baron Eduard lebt mit seiner Angetrauten Charlotte auf einem Gut, auf dem es gehörigen Gestaltungsbedarf gibt. Beide sind in zweiter Ehe miteinander verbunden; ihre ersten Ehen waren Mesalliancen, die sich zumindest finanziell für beide gelohnt und sie sorgenfrei gemacht haben. Eduard möchte das Gut und die umliegenden Landschaften neu gestalten, hat ziemlich genaue Pläne, jedoch nicht die praktische Erfahrung, diese sinnvoll umzusetzen. Also lädt er einen Freund ein, einen tatkräftigen, tugendhaften Mann, der, in der gehobenen Gesellschaft als Unterhalter fungierend, unausgelastet und frustriert ist. Der Mann, man feiert ihn am Namenstag für den Namen Otto, bleibt beinahe namenlos, ist anfangs der Hauptman, im zweiten Teil, nach einer Beförderung, der Major. Der Hauptmann, soviel sei verraten, hegte seit Jahren eine innige Zuneigung Charlotte gegenüber. Charlotte hat eine Tochter, Luciane, im heiratsfähigem Alter, die gemeinsam mit einer Nichte, Ottilie, in einer Pension ihrer Lebensreife entgegengehen. Als Luciane, die nun günstig verheiratet werden muss, die Pension verlässt und an einen attraktiven Hof geht, beschließt Charlotte, Ottilie zu sich und dem Baron zu nehmen. Eduard sträubt sich ein artiges Weilchen, sieht aber dann doch die Möglichkeit, den Hauptmann mit holder Weiblichkeit zu versorgen. Die beiden kommen und alles beginnt gedeihlich zu sprießen.

  Die Wahlverwandtschaften  
 

Laura Tashina, Clemens Nicol, Lisa Wittemer, Ferdinand Ascher

Foto: Clemens Nichol

 

In einem abendlichen Gespräch erläutern die beiden Herren den Damen das chemische Verhalten von bestimmten Stoffen, die bei der Hinzufügung eines dritten Stoffes ihre chemische Bindung aufgeben und mit dem anderen Stoff eine neue, eine zwingende eingehen. Die Herren nennen es „Wahlverwandtschaften“ und spätestens hier weiß der vorausschauende Leser, worauf es hinausläuft. Eduard verliebt sich in Ottilie, Charlotte in den Hauptmann. Tatsächlich sollen sie zu einander nicht kommen und das Ganze endet sehr drastisch. Allein, das Bemühen aller Beteiligten, die nicht nur auf die vier Liebenden beschränkt bleiben, könnte ein psychologisches Kompendium füllen.

Goethes Verdienst bestand vornehmlich darin, ein Werk von unglaublicher Komplexität geschaffen zu haben, in dem sämtliche Figuren in ihren Widersprüchlichkeiten vorgeführt werden. Diese spiegeln sich allerdings erst in ihrer Bezogenheit zueinander. Eduards Weichlichkeit steht seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber, wenn es um seine Liebe zu Ottilie geht. So nennt er den Beischlaf mit seiner Ehefrau, einen Moment der Schwäche, angesichts seiner Liebe zu Ottilie ein „Verbrechen“. Die Besonnenheit des Hauptmanns entpuppt sich angesichts der Verwirrung seines Freundes als Mangel und auch Charlottes strenge Umsicht kapitulierte vor der Anmut des schönen jungen Mädchens. Goethe enthielt sich dabei einer Wertung und beließ es bei der Darstellung verschiedener Haltungen. Er gestand seine eigene Unzulänglichkeit, die Problematik erschöpfend behandeln zu können und bekannte noch 1827: „Da sich gar manches unserer Erfahrung nicht rund aussprechen und direkt mitteilen läßt, so habe ich seit langem das Mittel gewählt, durch einander gegenübergestellte und sich gleichsam ineinander abspielende Gebilde den geheimeren Sinn dem Aufmerkenden zu offenbaren.“

Andreas Wiedermann verzichtete in seiner dramatisierten Fassung des Romans auf die Episoden des zweiten Teils, in denen die Konflikte eine weitere Überhöhung erfahren und beließ es bei der unerfüllten Liebe zwischen den vier Protagonisten, die nur Charlotte und der Hauptmann überleben. Eine abgemessene rechteckige Fläche aus Kunstrasen, mehr brauchte es nicht als Bühnenbild. Der Rest waren Sprachkulissen, ergaben sich aus den jeweiligen Szenen und wurden mit einfachen Mitteln durch die Darsteller gespielt. Auf historische oder historisierende Kostüme wurde verzichtet und dennoch entstand kein Widerspruch in Spiel und Sprache, die dem Salonduktus des Spätbarock oder der Klassik entsprach. Wiedermann hatte seine Darsteller angehalten, bei aller Manieriertheit der Syntax eine weitestgehend natürliche Haltung anzunehmen, was bei aller Gespreiztheit, die den Gedanken bisweilen innewohnte, weitestgehend gelang. Tatsächlich entfaltete die Goethesche Sprache eine wunderbare Leichtigkeit, Melodiösität und einen geschmeidigen Rhythmus. Alle vier Darsteller erwiesen sich als gleichermaßen befähigt, diese überhöhte Kunstsprache zu bedienen.

Clemens Nicol, zuletzt auf der Bühne des Teamtheaters in „Moby Dick“ in der Rolle des ersten Harpuniers Queequeg, eines wilden, baumstarken Südseeinsulaners zu sehen, fiel der Part des adligen und feinsinnigen Barons Eduard zu. Obgleich er von unbändiger physischer Kraft beseelt zu sein schien, gelangen ihm ohne Problem auch leise und zarte Töne. Ihm gegenüber Lisa Wittemer als Charlotte, aufrecht wie ein Tänzerin, fragil, sehr beherzt und einen raueren Ton gelegentlich nicht meidend, ganz und gar einer Baronesse würdig. Ferdinand Ascher gab einen Hauptmann, der ein Herz und eine Seele mit dem Freund war und der dennoch in seiner Verzagtheit dem Freund gegenüber großen Anteil an dessen Untergang hatte. Laura Tashinas Ottilie indes war die Sonne im Universum des in der Zurückgezogenheit das private Glück suchende adligen Paars. Die Frage, warum sich Eduard früher oder später in sie verlieben musste, stellte sich nicht. Zu anmutig, zu strahlend war ihre Erscheinung. Doch täuschte ihre schöne Maske, ihre berückende Erscheinung nicht darüber hinweg, dass sie bereits stigmatisiert war. In die Pension abgeschoben, winkte ihr keine strahlende Zukunft wie beispielsweise Charlottes Tochter. So war sie trotz aller Vorzüge, die auch darin bestanden, dass sie als Wirtschafterin des Gutes durchaus ihre Frau stand und den Plänen der Männer so manche geschickte Idee beifügen konnte, sehr introvertiert und bescheiden.

Die knapp zwei Stunden wiesen, obgleich viel theoretisiert, lamentiert und philosophiert wurde, keine Längen auf. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass es Andreas Wiedermann gelungen war, die komischen Züge der Personen und auch der Situationen sichtbar zu machen, ohne, wie heute durchaus üblich, ins Kabarettistische abzugleiten. Zu sehen war ein spannendes Kammerspiel tragödischen Ausmaßes. Es stirbt darin ein Kind von nicht einmal einem Jahr, eine junge, überaus begehrenswerte Frau und der Baron Edmund. Um es sportlich zu formulieren, es endete 3 zu 2 für den Tod. Der rauchig-melancholische Abgesang war, von wem auch sonst, von Tom Waits.

 

Wolf Banitzki

 


Wahlverwandtschaften

nach dem gleichnamigen Roman von Johann Wolfgang von Goethe

Ferdinand Ascher, Clemens Nicol, Laura Tashina, Lisa Wittemer

Inszenierung Andreas Wiedermann

Teamtheater Tankstelle  Moby Dick nach dem Roman von Herman Melville


 

Von Tyrannei und Vernichtung


Ismael ist ein Abenteurer. Wann immer ihm das Leben auf dem Land den Atem nimmt, schnürt er sein Bündel. „Mit philosophischer Geste stürzt Cato sich in sein Schwert. Ich begebe mich einfach an Bord. (…) Das ist mein Ersatz für Pistole und Kugel.“ Mit wenig, sehr wenig Geld machte sich Ismael auf den Weg nach Nantucket, wo er die erste Nacht sein Bett mit einem riesenhaften Mann teilen muss, der fraglos ein Kannibale ist und der in der Stadt Schrumpfköpfe verkauft. Der Hüne ist Fidschi-Insulaner, Harpunier und heißt Queequeg. Beide freunden sich schnell an und finden zusammen Heuer auf der „Pequod“, einem alten Walfänger. Es ist nicht einfach nur ein Roman, den Hermann Melville auf fast 700 Seiten erzählte, sondern es ist auch eine Dokumentation, gespickt mit enzyklopädischem Wissen seiner Zeit.

Die Einheimischen, Siedler und Indianer, von Nantucket begannen bereits um 1610 mit Walfang in den küstennahen Gewässern. 1830 war der Ort die „Welthauptstadt“ des Walfangs. Dann erlebte er einen rasanten Niedergang, denn die Entdeckung des Erdöls 1859 machte den Waltran, gewonnen aus dem Walspeck, als Lampenöl zunehmend überflüssiger. Dennoch fand der Walfang im industriellen Umfang erst 1984 mit einem allgemeinen Verbot ein Ende. Grund für die dauerhafte Jagd und Ausbeutung der Meeressäuger war das Spermaceti. Irrigerweise glaubte man, es handele sich um das Sperma des Pottwals, er war jedoch ein Mischöl, das aus einem über dem Oberkiefer liegenden Organ zur Echolotung gewonnen wurde. Bei einem 15 Meter großen Pottwal konnte man ca. 3000 Liter Walratöl, wie man das Endprodukt nannte, gewinnen. Ein ausgewachsener Pottwal wog ca. 50 Tonnen. Soweit ein paar Anmerkungen, um den perversen Charakter dieser Tötungen (1964 waren es mehr als 29.000 Tiere) zu verdeutlichen. Die Tiere wurden wegen einem Sechszehntel ihrer Körpermasse getötet.

Melvilles Roman „Moby Dick“, erschienen 1851, lässt diese Tatsachen nicht unerwähnt. Insofern war es auch ein Buch, das sich mit dem Abschlachten einer ganzen Spezies durchaus kritisch auseinandersetzte. Doch im Kern des Werkes ging es um einen Menschen, Kapitän Ahab, der bei Melville erst im 28. Kapitel, nach ca. 160 Seiten die Szene betritt. „Er sah aus wie einer, der vom Scheiterhaufen heruntergeholt wurde, nachdem das Feuer alle Glieder ergriffen hatte, ohne sie indes zu verzehren oder in ihrer festen bejahrten Rüstigkeit zu beeinträchtigen. Seine hohe breite Gestalt schien aus Bronze und wie Cellinis Perseus in eine unwandelbare Form gegossen zu sein.“ Eine bläuliche gertengleiche Narbe durchzog Ahabs Antlitz und es fehlte ihm ein Bein. Doch so ungeheuerlich sein Äußeres auf Ismael wirkte, es war nichts im Vergleich mit seinem Geist. Der war von Rache beseelt, von Rache gegen einen weißen Wal, dem er die Verunstaltung und das fehlende Bein verdankte: Moby Dick. Bald schon muss die Besatzung erkennen, dass Ahab nicht mehr im Dienst der Schiffseigner um den Profit bemüht ist, sondern seiner eigenen Obsession verfallen ist, die ihn rund um den Globus treibt. Mit ihm ein Haufen hervorragender Seemänner, die er immer wieder für seine Ziele begeistern und befeuern kann, denen er aber auch die starrsinnige Stirn bietet und Angst verbreitet, wenn sie dagegen aufbegehren. Das Ende ist hinlänglich bekannt. Ahab stirbt vom Hanf seiner Harpune an den weißen Wal gefesselt einen nassen Tod und die „Pequod“ sinkt zertrümmert in den Fluten.

  Moby Dick  
 

Ensemble

 

Regisseur Andreas Wiedermann hat diese überbordende Geschichte vom fanatischen Ritt über die Weltmeere auf die räumlich sehr begrenzte Bühne des Teamtheaters gebracht. Es brauchte nicht mehr als zwei von der Decke herab hängende Wanten und ein paar Holzfässer, um die Illusion vom Schiffsdeck eines Walfängers zu erzeugen. Das Spiel begann im Zuschauerraum mit der Aufzählung mehr oder weniger gelungener Darstellungen von Walen in Wissenschaft und Kunst (Kapitel 55-57). Am Ende stand ein müdes Lächeln der Schauspieler, denn wenn überhaupt jemand etwas über Wale weiß, dann die Männer, die sie auf ihren bis zu vier Jahre dauernden Fahrten jagten, er- und zerlegten. Also ging es an Bord und auf die Reise.

Das junge Ensemble des Theaters IMPULS spielte, wie man es aus etlichen Produktionen Wiedermanns inzwischen kennt, sehr körperbetont. Die annähernd zwei Stunden wurden von dem Percussionisten Antonino Secchia akustisch und lautmalerisch begleitet und durchrhythmisiert. Dabei wurden Vorgänge bildlich durch das Stellen der Fässer konkretisiert, mal waren es Sitzmöbel, mal nur gestapelte Tranfässer, mal waren es die Ruderbänke der Beiboote, mit denen die Wale gejagt wurden oder Masthalterungen. Die Illusion funktionierte und verfing. Es braucht nur wenige Minuten, um den Wellengang zu erfahren. Der vielleicht beste Einfall der Inszenierung war es, Kapitän Ahab selbst nicht auftreten zu lassen. Die donnernde Stimme Frank Manholds erklang aus dem Off. Somit mussten der Schauspieler und auch der Regisseur die Überfigur dieses besessenen Kapitäns nicht auf der Bühne behaupten.

Physisch wäre das ohnehin nicht leicht gewesen, das Ensemble zu überragen, denn allein Clemens Nicols erster Harpunier Queequeg, ohne Frage eine ideale Besetzung, hätte das kaum zugelassen. Aber auch David Thuns erster Steuermann Starbuck, der einzige wirkliche Widerpart Ahabs ließ keinen Zweifel an seiner Mannhaftigkeit aufkommen. Selbst Christina Matschoss bestand als handfester zweiter Steuermann Stubb. Abgesehen von Clemens Nicols, dessen beeindruckende Körpermaße naturgemäß kaum ein totales Aufgehen im Ensemblespiel zulässt, behauptete jeder Darsteller seine Rolle souverän und integrativ. Harte Arbeit war es allemal, denn Wiedermanns Erzählung handelte von einer unbarmherzigen Waljagd. Das war kein Kindergeburtstag auf dem Ponyhof. Die Düsternis der Vorgänge wurde durch die Szenenwechsel noch eindrucksvoll verstärkt, in denen der Bariton Martin Ulrich zur minimalistischen Begleitung Antonino Secchias' Lieder von Franz Schubert sang.

Eine Stärke der Inszenierung lag auch in der Auswahl der Perspektiven und der Handlungen, von denen im Buch genug zu finden wären, um ein gutes Dutzend differierender Lesarten auf die Bühne zu bringen. Ein Fokus zielte auf die Barbarei des „Geschäfts“, zu der der Mensch auch heute noch fähig ist, wenn die Jagd detailliert geschildert wird. Es wurde beschrieben, welche Taktiken angewandt werden, wenn man auf eine ganze Schule von Walen trifft und so viele Tiere wie nur möglich töten will. Man macht beispielweise Kühe schwimmunfähig, deren Nachwuchs noch an der Nabelschnur hängt und so nicht auskann. Oder man durchtrennt den großen Tieren die Schwanzsehnen, quasi die Achillessehnen, so dass sie nicht mehr abtauchen können. Den Darstellern gelangt es durchaus, den Zuschauern diese barbarischen Bilder einzupflanzen.

Darüber hinaus gelang es Andreas Wiedermann, in der Figur des (nicht sichtbaren) Ahabs den Prototypen eines Tyrannen zu schaffen, der in der heutigen Welt eine Vielzahl von Entsprechungen findet. Er verhinderte damit die gemeinhin verbreitete Ansicht, dass Moby Dick mehr als ein Wal ist, nämlich Ahabs Schicksal. Dieser Symbolismus lenkt ab von den wahren Tatsachen. Hier geht es um einen gestörten Geist, der Tyrannei gebiert. Tyrannei ist in der Weltpolitik längst wieder angekommen und man steht vor diesem Phänomen einigermaßen fassungslos, weil man glaubte, dieser Typus gehöre längst der Historie an. Es ist also eine durchaus heutige Geschichte von Tyrannei und Vernichtung, die uns mit der mehr als 150 Jahre alten Erzählung aus der Feder Melvilles vermittelt wird. Die Inszenierung im Teamtheater war eine gute und verständliche Übersetzung dessen.

Wolf Banitzki

 


Moby Dick

nach dem Roman von Herman Melville

Simon Brüker, Constanze Fennel, Conny Krause, Matthias Lettner, Frank Manhold, Christina Matschoss, Clemens Nicol, Andreas Niedermeier, Martin Ulrich, David Thun

Live-Musik Antonino Secchias / Bariton Martin Ulrich

Regie Andreas Wiedermann

Teamtheater Tankstelle  Der Fall Patricia Highsmith von Joanna Murray-Smith


 

Die Geschichte fortschreiben

Sterbensangst liegt über der Gesellschaft, verbreitet sich in ihr wie eine emotionale Seuche, ist sie doch immer das Letzte, das vom Leben bleibt. Getrieben vom täglich mehrfachen Morden in den Medien bis zur massiven Überalterung drängt sich das Thema immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Was für die Opfer im Augenblick des Zufalls geschieht, beschäftigt Täter weitaus intensiver, denn das aktiv wahrgenommene Sterben, das Zugehen auf den Tod, ist eine mörderische Erfahrung. Besonders, wenn es sich um ein starkes, ausgeprägtes und millionenfach bestätigtes Ego handelt, das doch in seiner engen Welt, der eigenen Natur gefangen und alleine ist. Das letzte Geheimnis lösen ... oder ein lukratives Thema am Markt bedienen ...

Die Einsamkeit einer persönlichen und doch bekanntermaßen wiederholten Welt füllte die Bühne, lag vor den Augen der Zuschauer. Ein großer Raum, Schreibtisch mit Schreibmaschine und zwei angefangenen Flaschen Whiskey, ein Stuhl davor und eine kleine Bank, abseits, bildeten das Mobiliar. Vorhänge suggerierten eine geschlossene Fensterfront, gaben partiell den Blick auf Schweizer Berge und die mächtige dominierende Natur im Hintergrund frei. Freiraum, Weite mit deutlichen Grenzen vermittelte das von der Münchnerin Manuela Müller gestaltete Bühnenbild. Und tatsächlich verbrachte die gebürtige Texanerin Patricia Highsmith ihre letzten Tage in Locarno, der Schweiz, welche sich als unabhängige Nation gibt und bereits zahlreiche Schriftsteller, Künstler aus der ganzen Welt aufgenommen hat.

„Ich werde nicht ruhig dahinscheiden.“ … „Ich habe es mir verdient meinen eigenen Tod zu schreiben.“ … „Wenn ich gehe, dann mit einem Knall.“ Einmal noch an sich erinnern, einmal noch die Aufmerksamkeit der vielen Anhänger genießen, wollte wohl die völlig zurückgezogen lebende, menschenverabscheuende Schriftstellerin, denn für ein letztes Buch fehlten längst die Kraft und die Inspirationen. Am Ende gerät auch die mit Sinnesleistung verbundene Fantasie an ihre Grenzen. Was bleibt sind die Erinnerungen, die sich mit Träumen mischen. Astrid Jacob verkörperte eine übelgelaunte, zornig einsame Patricia Highsmith auf fabelhaft überzeugende Weise. Als Herrin in ihrer Welt erschien sie im Kontakt zu den Vertretern des Verlages, welche sie heimsuchten und zu einem weiteren Abenteuer ihres Helden Tom Ripley überreden wollten. Klar konsequent, bisweilen altersgemäß stur, verteidigte die Schauspielerin die Position und verweigerte die Unterschrift zum vorgelegten Vertrag. Kaufmännische Argumente wischte sie mit einer leichten Handbewegung beiseite. „Sie brauchen dieses Buch … genauso wie …“

„Wieviel Zeit haben Sie noch?“, fragte der junge Verlagsvertreter Edward Ridgeway. Er war extra aus New York angereist, um den nächsten Bucherfolg auf den Weg zu bringen. Ein junger Mann, für den Erfolg auf der Prioritätenliste ganz oben steht, will er doch überleben im Wettkampf des Business und eben von dem Erfolg der Vertragsunterzeichnung hängt sein Überleben ab. Immer wieder rutschte eine Locke in seine Stirn, und die Nervosität mit der er sie zurückschob war fühlbar bis in die hinteren Reihen des Zuschauerraums. David Tobias Schneider überzeugte in dieser zeitgemäßen Rolle ebenso wie in der des scheinbaren, oder doch echt erfundenen, Tom Ripley. Literatur als sein Leben zu vermitteln, gelang ihm spielerisch und eben auf dieser Ebene knüpfte er die Verbindung zu dem gealterten Gegenüber. Eine Blutspur an seinem Hals setzte der Verhandlung ein Ende, das jedoch den Anfang für eine neue Geschichte bildete. Als wäre er Tom Ripley, war er am darauffolgenden Tag auferstanden, swingte durch den Arbeitsraum und ließ die Tastatur der Schreibmaschine erklingen, ebenso herrlich leicht wie unbekümmert und inspiriert.

„Ich wäre eine begnadete Mörderin.“ Um Geschichten glaubhaft zu Papier zu bringen, muss eine Kriminalschriftstellerin das sein, zumindest in der wirklichen Fantasie. Die Grenze zur Realität einhalten können, ist eine weitere geforderte menschliche Fähigkeit. Und schließlich verfügt der Mensch über eine Fülle von Fähigkeiten, welche er ausspielt. Regisseur Dieter Nelle verstand es, die feinen Facetten der Schauspieler ins Gleichgewicht zu setzen und dadurch ein wundervolles Spannungsfeld zu schaffen, in dem Text und Darstellung sichtbar strahlten. Das Spiel mit Realität, Rolle, Einbildungskraft eröffnete neue Horizonte im Dickicht der menschlichen Psyche und dem Ursprung der Instinkte. Der Traum vom wirklich ungebundenen Leben, der über allen Köpfen kreist, wurde schon immer mit dem Tod verbunden. Allein, er ist das aus der Rolle scheiden und nur der Humor, welcher in der Aufführung keinesfalls zu kurz kam, lässt damit umgehen.

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David Tobias Schneider, Astrid Jacob

Foto: Dieter Nelle

 

Die Verbindung der Schriftstellerinnen durch die Namensbrücke – Smith – könnte wie eine Erbfolge erscheinen und ist doch nur Zufall des Lebens per se. Doch auch der Zufall folgt einfach nur seinen Möglichkeiten. Zudem enthält das Theaterstück von Joanna Murray-Smith (Sie ist ebenso weltweit bekannt wie die Protagonistin.) weitaus mehr, als die letzten Stunden einer realen Schriftstellerin, die letzten Stunden von Patricia Highsmith. Als folgte sie ihr auf den Spuren der Gedanken und hatte sich längst anhänglich in deren Welt eingenistet, bzw. diese für sich geklont, um sie in die Gegenwart der nachfolgenden Generationen weiterzuführen und, der wohl wichtigste Aspekt, die Spuren in weitere Dimensionen zu verfolgen. In der Form des Dialogs, pointiert präzise, setzt sich die Dramatikerin Joanna Murray-Smith mit der Erzählung und der männlichen Hauptfigur in Patricia Highsmith Dasein auseinander – Der talentierte Mr. Ripley. Highsmith bekannte sich in ihren Tagebüchern zu diesem Alter Ego und ihr Talent zur erzählerischen Darstellung und Entwicklung von außergewöhnlichen Charakteren ist unbestritten. Was eine gerne leben würde, was gerne erleben … davon schreibt sie. Kann man mit Worten zur Mörderin werden? Realität, Wirklichkeit und Fiktion tanzen einen Reigen und die dabei entstehenden Bilder öffnen den Blick für Lebens- wie für Todeserkenntnis. Am Ende ist der Mensch was er denkt, von sich, von der Welt.

Am Ende kann man Edward Ridgeway als Tom Ripley (als David Tobias Schneider) oder umgekehrt ausnehmen. Der Geist, der die Welt der Patricia Highsmith ausmachte, hat sich längst in unzählbar vielen Leben dupliziert, ist er doch über die von ihr zusammengefügten Buchstaben, die Worte aufgenommen worden und zu Bildern, Leitbildern in deren Köpfen geworden. Diese Bilder, diese Welt fortzuspinnen als eine Aufgabe, wählen die gegenwärtig Befähigten und sie folgen ihr. Das Gedankengut geistert weiter. Wer es betrachten und aufnehmen möchte, der kann dies facettenreich, lebendig, sehenswert erfahren, in der Inszenierung von Dieter Nelle, die das bunte Spektrum zwischen Leben, Lebensende und Tod ausbreitet. Das pure Vergnügen für alle mörderisch Süchtigen.

C.M.Meier

 

 


Der Fall Patricia Highsmith

von Joanna Murray-Smith

 Astrid Jacob, David Tobias Schneider

Regie: Dieter Nelle

Teamtheater Tankstelle  Paarungen von Eric Assous


 

Und täglich grüßt die Libido

Wie verhält man sich, wenn sich ein befreundetes Ehepaar, mit dem man jahrzehntelang vertraut war und Intimstes geteilt hat, scheiden lässt. Man ist definitiv in der Zwickmühle und zwar dergestalt, dass die eigene Ehe sehr schnell in die Krise geraten kann. So geschehen bei Delphine und Xavier, die nunmehr seit zwanzig Jahren Bett, Tisch und Dach teilen. Freund Bob hat sich von seiner Frau getrennt, mit der er seinerseits nunmehr seit zwanzig Jahren … Und zwar auf den Tag genau, denn beide Paare habe am selben Tag geheiratet. Nun hat sich Bob zum Abendessen angesagt und er kommt nicht alleine. Er hat seine neue Flamme, eine dreißig Jahre jüngere, atemberaubende Frau im Schlepptau: Garance. Delphine ist empört über die Geschichte an sich und über die vermeintliche Rückgradlosigkeit ihres Mannes, denn Bob hat sich mit der Trennung von seiner Frau in Delphines (und aller Frauen!) Augen vollkommen und total diskreditiert. Wie konnte er einem Besuch nur zustimmen! Dabei ist das längst nicht das Ende der Fahnenstange ihrer Empörung.

Eric Assous ist mit seinem 2011 in Paris uraufgeführten Text nicht nur eine unterhaltsame Komödie gelungen, sondern gleichermaßen ein Gemälde über den (ideologischen) Geschlechterkampf in heutiger Zeit. Dabei sind seine Argumente philosophisch und witzig zugleich und er enthält sich eines abschließenden Urteils, denn vieles ist nicht so, wie es scheint. Aber manches eben doch. In Zeiten, wo Sexualität zum Prüfstein von Menschlichkeit und Anstand geworden ist, sprießen die fantastischen Blumen der Gesinnungen. Momentan hat sich ein gewaltiger Kriegsschauplatz aufgetan, der die übrigen, wirklich blutigen Schauplätze fast in den Hintergrund treten lässt. Da haben Männer Frauen ans Knie gefasst und der mächtigste Mann dieser Welt hat sie mit seinen Äußerungen dazu auch noch ermuntert. Ein Satz aus dem Munde Kevin Spaceys in der Rolle des zum amerikanischen Präsidenten aufsteigenden Abgeordneten Francis Underwood in „House of Cards“ machte die Runde: „Es geht immer um Sex, außer beim Sex, da geht es um Macht.“ Das ist ein Satz, der Gänsehaut macht, weil er die ganze Perfidität der mächtigen Männer, von der alle Verschwörungstheoretiker überzeugt sind, offenbart. Und so leben wir langsam aber zunehmend mit dem unschönen Bild, in dem mächtige alte Männer vor Geilheit sabbernd durch die Wildbahn streifen und alles (sexuell) unterwerfen, was zwei Beine hat und nicht rechtzeitig auf dem Baum ist. Auch Kevin Spacey hat seine Vergangenheit eingeholt. Er wird jetzt zur Ader gelassen, soviel ist sicher.

  Paarungen  
 

Pia Kolb, Florian Fisch, Uwe Kosubek und Daniela Voß

© Ludo Vici

 

Und so drängte sich zwangsläufig der Gedanke auf, dass Delphine, von einer herb, selbstbewusst und streitbar spielenden Daniela Voß gestaltet, durchaus Mitbegründerin von „Hashtag: Me Too“ sein könnte. Sie befragte ihren heiteren Ehemann Xavier, Uwe Kossubek beschwörte vergeblich die Vernunft und die Toleranz, geradezu inquisitorisch. Als jedoch Pia Kolb als Garance, perfekt schlank, betörend schön und lasziv, erschien, wusste man, dass Männer ihr gegenüber unbedingt zur Übergriffigkeit neigen. Einer tat es, nämlich Bob. Florian Fisch gab ihn überzeugend besessen von der jungen Frau, obgleich er wahrlich nicht mehr ganz taufrisch war, wie Delphine, nicht unbedingt der Fairness verpflichtet, anzumerken wusste. Es soll indes nicht verraten werden, warum er sich berufen fühlte, um die Gunst der Schönheit zu werben, wenngleich der Grund nur eine Facette von vielen ist, die das Leben so schillernd machen kann.

Eric Assous schuf eine grandiose Vorlage, reich an Wortwitz, überbordend an verblüffenden szenischen Wendungen und voller Wahrheiten, mit denen wir uns alle tagtäglich herumschlagen müssen. Regisseur Philipp Jescheck enthielt dem Publikum kein Wort und auch keinen Hauch des Subtextes vor und brachte die Komödie zur vollkommenen Entfaltung. Jeschek hat sich auch am Teamtheater längst den Ruf eines exzellenten Komödien-Regisseurs erworben, dem er auch an diesem Abend umfänglich gerecht wurde. Das elegant minimalistische Bühnenbild von Michele Lorenzini war ein Raum, der dem Wesentlichsten diente, dem Wort und der Geste, ohne selbst irgendetwas zu behaupten. Einen besseren Rahmen hätten die vier Darsteller kaum haben können und so wirkungsvoll und nahezu perfekt war auch ihr Spiel. Auffällig war die exzellente Sprechkultur, etwas was bei (Boulevard-) Komödien nicht selten auf der Strecke bleibt. Das Publikum bedankte sich schlussendlich mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravos.

Ohne Frage ist das Thema Liebe, und dabei geht es naturgemäß immer auch um Sex, unverzichtbar für Komödien. Das liegt auch daran, weil wir, immerhin ist der Sexualtrieb der stärkste natürliche Trieb, in Bezug darauf keinesfalls auffällig, nicht peinlich werden wollen. Dahinter steht natürlich auch die Angst vor Zurückweisung. Das führte nicht selten zu Prüderie und Selbstverleugnung und vergiftete bislang ganze Menschheitsepochen. Und das ist schade, denn abgesehen davon, dass der Geschlechtsverkehr die einzige von der Natur für den Menschen gestellte Aufgabe ist, ist er auch noch schön. Es wird sogar gemunkelt, es sei das Schönste überhaupt. Selbstverständlich steht es außer Frage, dass dazu Einvernehmlichkeit herrschen muss. Vielleicht sollten wir mal daran arbeiten, ein verbales und auch nonverbales Vokabular zu entwickeln, das Klarheit darüber schafft, wann Einvernehmlichkeit herrscht und wann nicht. Eric Assous Stück leistet auch einen Beitrag zum Thema Macht, Macht des Sexes oder auch Macht des Geldes und darüber, dass beides in den Widerstreit geraten kann. Immerhin können wir uns glücklich schätzen, dass wir ein brauchbares juristisches Instrumentarium haben, das Willkür unter Strafe stellt.

Um all das ging es an diesem Abend auch, aber auch um noch viel mehr, denn egal was passiert: Täglich grüßt die Libido! und da sind Probleme vorprogrammiert und die Menschen tun gut daran, diesen Problemen positiv zu begegnen. Die Brunnenvergifter lauern stets im Hintergrund, die die körperliche Liebe verteufeln wollen.

 

Wolf Banitzki

 


Paarungen

von Eric Assous

Daniela Voß, Pia Kolb, Florian Fisch, Uwe Kosubek

Regie: Philipp Jescheck 

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