Teamtheater Tankstelle Die Ziege oder Wer ist Sylvia? von Edward Albee


 

Wenn ein Mann eine Ziege liebt …

„Ich denke manchmal, es wäre hübsch, wenn Leute beim Verlassen des Theaters gelegentlich über die Fahrbahn wanderten und von einer Taxe überfahren würden. Natürlich möchte ich nicht, dass sie verletzt werden, aber wie viel besser wäre es, sie kämen so aus dem Theater als mit dem einzigen Gedanken: ‚Wo hatte ich bloß den Wagen geparkt?‘“ So formulierte Edward Albee seinen Wunsch nach einem magischen Theater. Es war ein langer Weg vom Telegrammzusteller der Western Union bis zum gefeierten Dramatiker. Kein geringerer als Thornton Wilder riet Edward Albee 1953, Theaterstücke zu schreiben. Es brauchte noch weitere fünf Jahre, ehe Albee den Rat befolgte und 1958, kurz vor seinem 30sten Geburtstag, „Die Zoogeschichte“ schrieb. „Vielleicht meinte er (Thornton Wilder) auch nur, ich sollte aufhören, Gedichte zu schreiben“, so Albee. Eine Zeit lang erweckte er mit seinen dramatischen Entwürfen den Eindruck, ein amerikanischer Vertreter des Theaters des Absurden zu sein. Mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ legte er dann allerdings ein deutliches Bekenntnis zur Tradition Eugene O’Neills ab. Heute ist er ein Klassiker der Moderne, mit seinem psychologischen Realismus allerdings immer wieder aufs Neue brandaktuell.

Der junge Familienvater Martin Gray ist in den besten Jahren und beruflich im Zenit. Er hat gerade einen prestigeträchtigen Architekturpreis bekommen und ein millionenschweres Bauprojekt steht in Aussicht. Seine Ehe mit Stevie kann getrost als außerordentlich glücklich bezeichnet werden und die Tatsache, dass sein Sohn Billy schwul ist, trübt das familiäre Glück in keiner Weise. Man ist liberal und tolerant. Martins Freund Ross findet sich ein, um ein Interview für das Fernsehen zu machen. Doch Ross bemerkt bald, dass Martin unkonzentriert, nervös und so gar nicht bei der Sache ist. Als er sich unbeobachtet von der Ehefrau fühlt, gesteht er seinem Freund unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass er seit gut einem halben Jahr eine Affäre hat. Seine liebevollen Schilderungen lassen den Schluss zu, dass es sich um eine echte, tiefgehende Beziehung handelt. Die Angebetete heißt Sylvia. Als Martin dem Freund ein Foto der Liebsten zeigt, stellt der verblüfft fest, dass Sylvia eine Ziege ist. Vorerst ist Ross kaum mehr als irritiert, denn so großartigen Menschen und Künstlern wie Martin gesteht man gern eine Verwirrung und eine seltsame Spielart der Emotionen zu, doch als dieser darauf dringt, dass es sich unbedingt um Liebe handelt, kippt das Verständnis. Martin kommt an den Pranger. Einmal mehr entscheidet die bigotte Gesellschaft darüber, was der Rahmen des Schicklichen ist. Die Gesellschaft erträgt Martins Liebe nicht und zerstört ihn vorsorglich. Die bitterste Einsicht allerdings ist, dass es gar nicht so sehr darum geht, dass Martin Sex mit einer Ziege hat, sondern er dabei erwischt werden könnte…

  DieZiege Teamtheater  
 

Frank Rafael Bosse, Sandra Heuer, Patrick Gabriel und Manuel Castillo

 

Regisseur Bernd Seidels Inszenierungen sind bekannt für ihren artifiziellen Charakter. Und so war seine Erzählweise alles andere als konventionell. Das Bühnenbild, für das er gleichsam verantwortlich zeigte, bestand aus einem mit Muttererde gefluteten Bühnenboden und einem mit mehrfarbigem Patchworkbelag bedeckten Spielpodest. Darauf befanden sich drei weiße Hocker, auf denen die „erwachsenen“ Protagonisten Platz nahmen.

Sämtliche Darsteller, jeder für sich besonders in Präsenz und Ausstrahlung, waren in unschuldiges Weiß gewandet. Die Auftritte passierten unter krampf- und scheinbar schmerzhaften körperlichen Verrenkungen. Sie dokumentierten vermutlich die seelischen Verkrüppelungen, von denen, wie die Geschichte zeigte, keine der Figuren frei waren. Im Spotlight der Betrachtung griffen dann die gesellschaftlichen Konventionen und man gab sich betont selbstsicher, souverän und gesellschaftsfähig. Dann gingen sie im Verlauf der Geschichte allesamt zu Grunde, hier in den Torfmull, der krasse Gegensatz zum, wie sich alsbald herausschälte, verlogenen Weiß. Gespielt wurde mit äußerster Konzentration und Anspannung, wobei das körperliche Spiel sehr reduziert war.

Die kleine Spielfläche, von der verbannt, oder von den Fliehkräften der Ereignisse herab geschleudert wurde, ließ ohnehin nicht viel körperliche Expression zu. Und dennoch war es für alle Darsteller ein Kraftakt, musste doch jeder seine angestammte oder antrainierte Pose aufrecht erhalten. Bernd Seidel gelang es, große Energien freizusetzen. Die richteten sich bei Martin (Patrick Gabriel) und bei dessen schwulen Sohn Billy (Frank Rafael) in geradezu selbstzerstörerischer Weise gegen sich selbst. Anrührend war indes die Szene, als sich Vater und Sohn im Angesicht des Abgrundes auf zärtliche Weise in den Armen lagen, war doch ihrer beider Stigma sehr ähnlich. Umso abstoßender endete die Szene, als Ross (Manuel Castillo) auch in dieser natürlichen Geste eine sexuelle Abartigkeit zu entdecken glaubte. Martins Ehefrau Steve (Sandra Heuer) war dem Ganzen längst nicht mehr gewachsen und flüchtete auf Nimmerwiedersehen aus der Szene.

Es war Dank der exzellenten Darsteller beeindruckendes Schauspiel, das gleichsam eine ästhetisch ungewöhnliche und überaus sehenswerte Geschlossenheit errang. Einen nicht geringen Anteil hatten dabei die zwei magischen Gemälde, auf denen Kentauren, ziegenartige Mischwesen zu sehen waren, mit gehörnten Häuptern und erigierten Sexualorganen. Der Gesamtästhetik zuträglich waren auch die fantasievollen Kostüme von Monique Kammin. Als Martins Untergang beschlossen war, er alleingelassen auf der Szene, sein Entsetzen über die Verlogenheit der Gesellschaft artikulierte, traten die anderen drei Darsteller mit gehörnten Häuptern auf, das Publikum mit erhobenen Zeigefingern vor den zischenden Lippen Verschwiegenheit gebietend.

Bernd Seidel verführte den Betrachter, ebenso wie Edward Albee mit seinem Text, zu keiner konkreten Haltung. Die musste Sie oder Er sich schon selbst erarbeiten und das gelang ganz gewiss nicht während der Dauer der Vorstellung (ca. eine und eine halbe Stunde) im Teamtheater Tankstelle. Den Konflikt nahm der Zuschauer mit heim. Also, es war Vorsicht beim Verlassen des Theaters geboten, dass man nicht von einem Taxi überfahren wurde!

Wolf Banitzki

 


Die Ziege oder Wer ist Sylvia?
Tragikomödie von Edward Albee

Sandra Heuer, Patrick Gabriel, Manuel Castillo und Frank Rafael Bosse

Regie und Bühne: Bernd Seidel

Teamtheater Tankstelle  Unter W@sser  von Jean-François Guilbault und Andréanne Joubert


 

Unterhaltsame Lehrstunde

Lois ist 16 Jahre alt und eigentlich ein unauffälliger Typ. Wie viele Kids in seinem Alter träumt auch er natürlich davon, etwas Besonderes zu sein, Anerkennung zu erfahren, geliebt zu werden. Als er unerwartet Zugang zum Intranet der Schule bekommt, ändert sich alles für ihn. Plötzlich verfügt er über Interna, die ihm Macht verleihen, hat Zugriff auf Prüfungsergebnisse, auf die gesamte Administration der Schule. Er kreiert einen anonymen Superhelden mit Wolfskopf im Netz und nachdem er Prüfungsergebnisse unter die Schüler gebracht und sogar die Schule ausfallen ließ, wächst die Zahl seiner Friends & Followers rasant.  

Bald schon wird Narzissus, wie er sich im Netz nennt, von zwei Mädchen bedrängt. Sedna, ebenfalls ein Pseudonym, lebt in widrigen Verhältnissen. Allein mit ihrem Vater, obliegen ihr die weiblichen Pflichten im Haushalt. Ihr Ausweg aus der Misere findet sie in einem nahegelegenen See, in dem sie Apnoe taucht, um herauszufinden, wie lange sie es ohne Luft aushält. Sie geht unter Wasser, in eine Welt, in der sie gänzlich allein ist. Sedna ist der Name einer Meeresgöttin der Inuit (Eskimos). Eines Nachts träumt sie von einem Wesen mit Wolfskopf, mit dem sie Sex hat. Als Narzissus im Netz mit Wolfskopf auftaucht, weiß sie sicher, dass er zu ihr gehört.

Fatalerweise hat sich auch Eko, die Schul-Schönheit, in ihn verliebt und bald schon suggerieren ihre Posts, dass beide ein Paar sind. Sedna ist empört, reklamiert sie doch den Netz-Helden ganz allein für sich. Für Narzissus ist das Treiben Ekos eine Katastrophe, denn Eko ist seine Schwester. Der Held steckt in der Zwickmühle. Er kann sich ihr nicht zu erkennen geben, denn die Konsequenzen übersteigen seine Vorstellungskraft. Doch das ist erst der Anfang, denn die ganze Geschichte nimmt an Fahrt auf und ist in ihrer Dynamik nicht mehr beherrschbar. Es endet in der Katastrophe, eine Katastrophe, die von dem Autoren-Duo Jean-François Guilbault und Andréanne Joubert absolut glaubhaft entwickelt und erzählt wurde.

  Unter Wasser  
 

Sophie Meinecke und Daniel Holzberg

© Ludo Vici

 

Philipp Jescheck brachte das Stück, das 2016 als Hörspiel in Deutschland erschienen war, als deutsche Erstaufführung im Teamtheater auf die Bühne und er bewerkstelligte das souverän und wirkungsvoll, wie alle Arbeiten, die er in den letzten Jahren in München realisierte. Michele Lorenzini baute für das narrative Bühnenwerk zwei Kuben, zwei durchsichtige Räume, in denen die beiden Protagonisten Narzissus und Sedna einsam und gleichsam vor dem Leben „geschützt“, die Handlung erzählerisch vorantrieben. Die Klangkulisse schufen beide über live produzierte, aufgezeichnete und abgespielte Rhythmen oder gesungene Melodien selbst. Die Besetzung mit Sophie Meinecke und Daniel Holzberg​ waren sowohl visuell wie auch darstellerisch perfekt. Beiden kaufte man die 16jährigen Kids unbedenklich ab. Ein großes Lob für die engagiert agierenden Darsteller, die nicht viel mehr als Körper und Stimme hatten, um die Vielfältigkeit der gespielten Räume und Tätigkeiten sichtbar zu machen. Die Suggestion war von Anbeginn zwingend und die Spannung hielt bis zum letzten Wort.

Es ist ein gutes und notwendiges Stück, das alle Beteiligten in eine Form gegossen hatten, die nicht nur erwachsene Zuschauer in den Bann schlug, sondern das jugendliche Premierenpublikum gleichsam begeisterte. Nach den zwölf Vorstellungen im Teamtheater soll die Produktion in Bayern auf Reisen gehen und vornehmlich vor jungem Publikum, auch an Schulen gespielt werden. Dabei wird nicht nur die gute Geschichte verfangen und ihre didaktische Wirkung entfalten, es könnte auch so mancher Jugendliche auf den Theatergeschmack kommen. Es ist bestes didaktisches und ebenso unterhaltsames Theater.

Die Inszenierung wird unbestritten ihre Interessenten finden, denn die „Einsamkeit unter Jugendlichen“, die scheinbare illusorische „Nähe durch das Internet“ sind hinlänglich als Symptome und Belege für die negative Seite der virtuellen Welt ausgemacht. Hinzu kommen die  realitätsfernen, virtuellen Vorbilder, die fragwürdige Sehnsüchte erzeugen und nicht selten in pathologischen Übersprunghandlungen gipfeln. Den Autoren ist mit „Unter W@sser“ eine lebensnahe Geschichte gelungen, die nicht auf das Spektakuläre der Welt der Nerds setzt, die in jedem anderen Raum, so die Bedingungen ähnlich sind, auch funktionieren würde.

Es geht um Multiplikation von Gefühlen, die, außer Kontrolle geraten, verheerend sein können. Immer öfter müssen wir uns die Frage stelle, wie destruierend schnell sich die unglaublichsten Lügen verbreiten, in den Köpfen festsetzen und zu barbarischen Reaktionen führen. Eben diese Lügen oder „alternativen Wahrheiten“ sind in der Gesellschaft längst zu probaten Instrumenten aufgerückt, um Stimmen zu sammeln oder Stimmungen zu machen. Das Stück ist wesentlich größer, als es auf den ersten Blick scheint und jeder tut gut daran, es sich anzuschauen. Man kann eine Menge lernen.

Wolf Banitzki

 


Unter W@sser

von Jean-François Guilbault und Andréanne Joubert
Übersetzung: Frank Weigand

Sophie Meinecke, Daniel Holzberg​

Regie: Philipp Jescheck

Teamtheater Tankstelle Name: Sophie Scholl von Rike Reiniger


 

Bei näherer Betrachtung…

Ein junges Mädchen, Jurastudentin, stellt sich vor: Sophie Scholl. Prompt drängt sich die Frage auf: Sind sie mit der Sophie Scholl … Nein. Irgendwie verwandt? Nein! Ähhh … Kein Bezug? Nein! Klar, Sophie Scholl (geb. 1921)  ist nicht nur ein Name. Unauflöslich verbunden mit dem Namen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ ist Sophie Scholl ein schönes Symbol für die Auflehnung gegen das unmenschliche Naziregime. Sie fand 1943 nach einem perfiden Prozess ihren gewaltsamen Tod. Rike Reiniger schrieb ihr Theaterstück im Auftrag des Wiener Kultusministeriums. Es ist zweifellos ein lobenswertes Unterfangen in Zeiten von Rechtsradikalismus und blühendem Diktatorentum, an die Opfer derartiger politischer Entwicklungen zu erinnern und politische Haltungen und Courage zu provozieren. Grundlage für die Arbeit waren Briefe Sophies, die beinahe 60 Jahre in der Schublade von Fritz Hartnagel schlummerten. Diese Briefe werfen eine neues Licht auf Sophie Scholl und lassen das Symbol, zu dem die junge Frau inzwischen geworden ist, in menschlichem Antlitz erscheinen. Noch mit 16 Jahren war sie glühende Anhängerin der Hitlerjugend, später dann bittet die Liebende ihren Fritz, der an der Westfront ist, um einige Luxusartikel. „Schließlich sind die Franzosen ja besiegt.“ Doch mit ihrem Studium und dem damit einhergehenden Reifeprozess wuchs in ihr die Widerständlerin heran, die bald schon den Mut zur Tat fand.

Um diese Geschichte vornehmlich einem jungen Publikum auf möglichst lebendige Weise näher zu bringen, wählte die Autorin einen dramaturgischen Trick. Sie erschuf eben jene Sophie Scholl von heute, die ihrerseits einen moralischen Konflikt auszutragen hatte. Sie war Zeugin einer Straftat ihres Professors, der die Prüfungsfragen zum Staatsexamen an Studenten verkauft hatte. Von ihrer Aussage hing es ab, ob die Sekretärin, eine unbescholtene Frau, dafür zu Verantwortung gezogen werden würde oder eben jener Professor und mit ihm sämtliche Studenten, die involviert waren. Der Professor korrumpierte die Zeugin, indem er sie in seinen Kurs nimmt und ihr damit das Bestehen des Staatsexamens mit Prädikat ermöglicht.

Marget Flach spielte in 70 Minuten die beiden Sophies und vermittelte zwei unterschiedliche Lebenssituationen. Der Widerständlerin Sophie Scholl legte die Autorin dabei die eigenen Briefworte in den Mund, was die Figur sehr authentisch machte. Es gelangen anrührende Szenen mit Originalton Sophie Scholl und so vermittelt sich auch das entsetzliche Ende der jungen Frau sehr glaubhaft, zumal noch eine detaillierte Beschreibung der Tötung eingeflochten wurde. Wie die heutige Sophie Scholl ihrer Verantwortung gerecht wird, erfuhr der Zuschauer nicht. Er wurde damit in die Pflicht genommen, für sich selbst zu entscheiden und seine eigenen moralischen Standpunkte auf den Prüfstand zu stellen. Es war ein Vergnügen, Marget Flach bei ihrem impulsiven und agilen Spiel zuzuschauen. Die Spielfreude war ihr deutlich anzusehen. Sie erfüllte ihre darstellerischen Aufgaben gekonnt und mit Verve.

Und dennoch blieb ein schaler Nachgeschmack. Der resultierte allerdings aus dem Stück, denn die beiden Figuren, eine, die historische, erzwang sich ihren Stellenwert durch die Tragödie, in der sie endete, und die heutige Figur des 21. Jahrhunderts konnten einem Vergleich nicht standhalten. Bei näherer Betrachtung ergaben sich aus dem Handeln der Widerständlerin Sophie Scholl gültige humanistische Werte, denen nachzueifern empfohlen wurde. Schaut man allerdings auf die heutige Sophie Scholl, fällt auf, dass hier keinerlei Wertekanon existiert. Die junge Frau möchte aus ihrer kleinbürgerlichen Existenz, aus dem sozialsubventionierten Reihenhaus ausbrechen. Sie will weg aus der Welt des Vaters, Postbeamter (mittlerer Dienst) und der Mutter, die an der Supermarktkasse sitzt. Da stellt sich doch die Frage, welchen didaktischen Wert es hat, die bürgerliche Mittelschicht, das Fundament unserer Gesellschaft, derart zu diskreditieren. Den Ausweg aus ihrer Misere sieht Sophie in einem Jurastudium. Allerdings nicht, weil das Recht und die Umsetzung der demokratischen und humanistischen Werte ihr so am Herzen liegen, sondern weil das Einstiegsgehalt eines Juristen bei Abschluss mit Prädikat 70.000 € im Jahr beträgt. Tatsächlich gibt es im ganzen Stück nicht einen einzigen Satz der heutigen Sophie, der über das pekuniäre Interesse hinausweist.

Während die frühere Sophie im Angesicht des Todes ihrem Vernehmungsbeamten mit den Worten ihre Tat erklärt: „Sie würden genau so handeln wie ich. Sie haben nur nicht den Mut“, muss die heutige Sophie abwägen, ob sie der Wahrheit die Ehre gibt und am Ende mit einem mäßigen Gehalt irgendwo Akten sortiert, anstatt in einer internationalen Kanzlei zu brillieren. Ist das die Botschaft, die wir unseren Kindern mitgeben sollen? Wohl kaum. Es besteht auch kein Zweifel daran, wie sich die heutige Sophie nach diesen Vorgaben entscheiden wird. Sie wird pragmatisch handeln und die Verantwortung beiseiteschieben, denn sie trifft ja die geringste Schuld am Versagen des Professors. Schließlich ist sie ja auch nur Opfer, von den anderen Kommilitonen einmal abgesehen. Und sie hat ihr Studium sehr ernst genommen und gelernt. Unsere neoliberale Gesellschaft würde sie dafür nicht verurteilen. Und ihren „Gewissenskonflikt“, der keinesfalls mit dem der früheren Sophie zu vergleichen ist, würde sie aussitzen. Spätestens bei der ersten fünfstelligen Gehaltsüberweisung würde der Gewissenswurm Ruhe geben.

Abgesehen vom unterhaltsamen Spiel Marget Flachs und der durchaus gelungenen Bühnensituation, in der mittels Aktencontainern unterschiedliche Räume und Spielsituationen simuliert wurden, war die Aufführung, auf ihren Inhalt hinterfragt, eigentlich ein Desaster. Letztlich zeigte sie uns eine historische Figur, die ihren Kampf um Menschlichkeit, der auch für uns geführt wurde, mit dem Leben bezahlte, während das heutige Pendant in ihren Befindlichkeiten gänzlich ohne tiefgehenden Wertekanon auskommt. Damit ist die Sophie Scholl der „Weißen Rose“ endgültig in die Geschichte verbannt. Selbst wenn die Macher der Inszenierung die Realität damit gespiegelt haben sollten, taugt dieser Plot keinesfalls für weltanschauliche oder moralische Bildung.

Wolf Banitzki

 


Name: Sophie Scholl

von Rike Reiniger

Marget Flach

Regie/Dramaturgie: Anschi Prott

Teamtheater Tankstelle Das Produkt von Mark Ravenhill


 

Lachen gegen Schnappatmung

Ein Schreibtisch, ein Flatscreen und ein Stuhl, mehr gab es nicht auf der Bühne des Teamtheaters Tankstelle. Es war also viel Platz für Spiel. Und das fand neunzig Minuten lang sehr aufwendig statt in der Farce des britischen Enfant terribles des Theaters Mark Ravenhill.

Der Produzent James hatte die Starschauspielerin Olivia zu einem Casting geladen. Ihm war ein Drehbuch in die Hände gefallen, das ihn unter Hochspannung gesetzt hat. Er sah am Horizont seines geistigen Auges schon den Oscar blinken. Während er auf die begehrte Diva wartete,  prüfte er eine andere junge Darstellerin, die sich in atemlosem Spiel für die Rolle einer „Bombenfrau“ (Selbstmordattentäterin) mit gewaltigen und epochalen Argumenten zu qualifizieren suchte. Anna Dietmann feuerte ihre Anklage in die Welt hinaus, war zerbrechlich und kraftvoll zugleich und wirkte dabei eigentlich sehr überzeugend. Doch sie ist ein Noname im Showbusiness und das Interesse des schmierigen Produzenten war vielmehr auf die Unterwäsche, resp. auf das, was sich darunter befand, gerichtet. Sein Urteil: gleichermaßen unqualifiziert und niederschmetternd; sein Umgangston: rüde und erniedrigend. Der massige und stimmgewaltige Clemens Nicol walzte die junge, verängstigte Frau geradezu platt. Als sie nicht willens war, Einblicke in ihre Wäsche zu erlauben, erlosch das Interesse prompt und schnaufend drängt Nicol sie gnadenlos von der Bühne, um sie sogleich zu vergessen wie ein Pittbull sein Spielzeug, nachdem er es in alle Einzelteile zerlegt hat. Soweit der eher ernste Teil der Inszenierung. Dann begann die Farce.

Olivia kam. Christina Matschoss lächelte und lachte viel, zierte und spreizte sich künstlich und sprach wenig. Sie tat gut daran, denn vielfach wurde sichtbar, dass sie eher selten verstand, worum es ging. Doch der elektrisierte Produzent konnte jede Regung, jede Haltung abrufen, die prompt und dressiert kam, sichtlich überzeugend im Verständnis von James. Friedrich Custodio, der verhuschte Assistent, wurde in jede mögliche und unmögliche Rolle gedrängt. Er holte den Kaffe und verbrannte als dschihadistischer Attentäter. Sein Repertoire war, auch wenn es nur im Hintergrund abgespult wurde, das aller Marx-Brothers zusammengenommen. Eigentlich hätte Olivia das Drehbuch gelesen haben müssen. Aber so etwas kann man von einem vielbeschäftigten Star unmöglich erwarten. Ein hilfloses Achselzucken wurde von James dankbar registriert. Es gab ihm die Gelegenheit, die Geschichte zu erzählen und gleich einmal durchzuspielen.

  Das Produkt  
 

Friedrich Custodio, Clemens Nicol, Christina Matschoss

© Lisa Hinder

 

Das Drehbuch war ein Konglomerat aus allen möglichen Klischees. Erfolgreiche Geschäftsfrau namens Amy Strongheart hatte ihren Mann 9/11 in einem der Tower verloren. Jahre später trifft sie im  Flugzeug auf Mohammed. Sie verliebt sich in den „dunklen Mann“, nimmt ihn mit in ihren luxuriösen Loft, „der einmal ein  Schlachthof war“, hat ihren ultimativen Orgasmus und ist glücklich. Dazu einen dicken, fetten Sound von Hollywoodfilmkomponisten Hans Zimmer. Doch bald schon muss Amy erkennen, dass Mohammed Al-Qaida-Kämpfer und in eine Serie von Attentaten in ganz Europa verstrickt ist, die in Planung sind. Es tritt der IS Chef Abu Bakr al-Baghdadi im Loft von Amy, „der einmal ein Schlachthof war“, ein running gag, auf.  Der gibt der Frau, die inzwischen selbst radikalisiert ist, seinen Segen, sich in Disneyland Paris gemeinsam mit ihrem geliebten Mann Mohammed  in die Luft zu sprengen. Doch dann erfährt sie von Mohammed, dass sie nicht ins Paradies kommen wird, also nach der Tat nicht mit ihrem Mann auf immer vereint ist, denn sie ist „nur“ eine Frau. Dumm gelaufen, könnte man sagen und Amy entschließt sich, ihn und die ganze Aktion zu verraten.

Als sie später Bilder von seiner Folter sieht, wird sie zur unüberwindbaren Rächerin, à la mode de Lara Croft, stürmt das Gefängnis, gänzlich allein, mäht alle und alles nieder und befreit den Geliebten… Es ist einer der schwachsinnigen Actionfilme, die letztlich zu einem völlig verzerrten Verständnis von der Sache führen und die mit der Realität nichts, aber auch gar nicht gemein haben, die letztlich in ihrer Gewaltästhetisierung zur Verharmlosung führen und skurrile Feindbilder gebären.

Eben das zeigt das Stück von Marc Ravenhill, der völlig respektlos und vor allem politisch inkorrekt verfährt. Es ist nicht selten die politische Correctness, die uns den Blick auf die Realität verstellt und die uns zu hypnotisierten Karnickel macht, die vor der Schlange IS und dem fundamentalistischen Terror erstarrt sind. Es sei daran erinnert, dass es beinahe in jedem Land Phasen von übelstem Terrorismus gab, die mindestens ähnlich blutig abliefen. Erinnert sei an die ETA, an die RAF, an die Roten Brigaden oder an die IRA. Aber der Mensch neigt häufig dazu, seine eigene Lebenszeit zum apokalyptischen Zeitalter zu erklären.

Der Abend im Teamtheater hatte in seiner Unterhaltsamkeit etwas wohltuend Erlösendes in Zeiten von „Hab Acht!“ vor dem Feind. Wieder einmal hat Andreas Wiedermann ins Schwarze getroffen und Theater zu einem Instrument der lustvollen Aufklärung und Erkenntnis gemacht. Es ist ein großes Verdienst, IS, Dschihad und islamischen Fundamentalismus mit Lachen zu überwinden, zumindest für diesen Abend. Der Zuschauer ging geerdet aus der Vorstellung und auch ein stückweit befreit von den täglichen Ängsten, die sich seit Jahren, Monaten und Wochen hochschaukeln und verfestigen. Die intellektuelle Schnappatmung fand in den neunzig Minuten ein abruptes Ende. Und wenn es zudem behilflich war, zu begreifen, dass Medien auch von Angst und Verunsicherung leben, ist ein Reagieren und Verhalten möglich. Es war eine Mediensatire, die uns signalisierte, dass wir als erstes unser Rezeptionsverhalten hinterfragen müssen, um uns aus dem Bann der Angst und Sorge befreien zu können.

Wiedermanns Arbeit befreite, denn nichts ist befreiender als Lachen. Und es gibt momentan auf Münchens Bühnen kaum eine Komödie oder Farce, bei der man mehr und herzlicher lachen könnte. Unbedingt sehenswert! Dafür Dank.

Wolf Banitzki

 


Das Produkt

von Mark Ravenhill

Clemens Nicol, Christina Matschoss, Friedrich Custodio und Anna Dietmann​

Regie: Andreas Wiedermann

Teamtheater Tankstelle  Clockwork Orange nach dem Roman von Anthony Burgess


 

Ein großer Bogen

Nach „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger und „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth vollendete Andreas Wiedermann seine „Europa-Trilogie“ mit einer Bühnenfassung von „Clockwork Orange“ nach Anthony Burgess gleichnamigem Roman. Man schreibt das 2036. Europa ist durch Staat und seine Organe befriedet, vollständig unter Kontrolle und was Datenschützer ein halbes Jahrhundert zuvor in blanke Panik versetzt hätte, ist anerkannte und praktizierte Realität. Doch auch in dieser „schönen neuen Welt“ gibt es einen Rebellen, der unangepasst bleibt. Sein Name ist Alex. Er ist Kind einer biederen Mittelstandsfamilie. Sein IQ ist über 130, was ihn in seiner Clique für eine „Leadership“ qualifiziert und ihn gleichsam seiner gesellschaftlichen Überwachung überlegen macht. Mit seinen Droogs (Russisch Drug – Freund) zieht er nächtens durch die Stadt und terrorisiert sie. Drogen, Mädchen, schnelle Autos, Alex bedient sich nach Gutdünken. Gewalt ist ein leidenschaftliches Statement der jungen Männer. Sie leben sie untereinander, gegeneinander, aber auch gegen die Gesellschaft aus. Auf ihren Streifzügen brechen sie in ein Landhaus ein, schlagen den Eigentümer zum Krüppel und vergewaltigen seine Frau.

Letztlich sind es seine Droogs, die Verrat begehen, denn die sind hinter dem großen Geld her, das für Alex allerdings uninteressant ist. Ihm geht es vielmehr um das Ausleben seiner animalischen und narzisstischen Bedürfnisse. Als Alex eine reiche Lady in ihrem Haus überfällt und sie tötet, schlagen ihn seine eigenen Freunde nieder und überlassen ihn dem Zugriff der Polizei. 14 Jahre Zuchthaus lautet das Urteil wegen Mordes. Doch Alex ist anpassungsfähig, legt eine makellose opportunistische Führung an den Tag und gewinnt so das Vertrauen der Gefängnisleitung. Schließlich kommt er, der gerade einen Häftling getötet hat, in ein so genanntes „Transparenz-Programm“, das mit medizinischen Methoden eine Resozialisierung bewerkstelligen soll. Alex wird einer martialischen Gehirnwäsche unterzogen. Im Ergebnis der Behandlung wehrt sich sein Körper gegen jeden Regelverstoß mit heftiger Übelkeit. Er ist außer Stande, Gewalt auszuüben oder sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. In diesem Zustand in die Realität entlassen, widerfährt ihm gnadenlose Gewalt und Manipulation. Alex ist wehrlos. Und doch gelingt es ihm, dem Teufelskreis zu entkommen und auch noch seinen Schnitt dabei zu machen.

Seine enorme Popularität verdankte der Roman nicht zuletzt auch der (Kult-)Verfilmung durch Stanley Kubrick, die eine anhaltende, überaus kontroverse Diskussion entfachte. Von „faschistoid“ bis „gewaltverherrlichend“  erwarb Kubricks Arbeit alle nur denkbaren Attribute. Die katholische Kirche in den USA setzte den Film sogar auf den Index. In England nahm Kubrick selbst den Film unter dem Druck der Behörden aus dem Verleih. Dabei waren sowohl der Roman, als auch der Film von einer sehr gewalttätigen Realität in England der 60er Jahre inspiriert. Verglichen mit heutigen Gewaltdarstellungen in Blockbustern mutet Kubricks Werk beinahe operettenhaft an, zumal der Regisseur sich durch Elemente des Ausdruckstanzes in seinem künstlerischen Ausdruck hatte inspirieren lassen.

Im Unterschied zu Kubrick hielt sich Andreas Wiedermann  weitestgehend an das Buch von Anthony Burgess. Er übernahm die Sprache, die als „Nadsat“ bezeichnet wird, einem Jargon aus russischen Wortstämmen und Cockney-Slang. Sämtliche Darsteller waren in schwarze Morphsuits, eng anliegende Ganzkörperanzüge, gekleidet und trugen schwarze Kopfmasken. So blieben die Charaktere unkonkret und austauschbar. Im Mittelpunkt stand jedoch stets Alex, der, ohne Maske spielend, von jedem der Darsteller abwechselnd gespielt wurde. Ein zusätzlicher weißer Kittel machte die Darsteller zu Ärzten oder Krankenschwestern. Wenn am Ende der Innenmister auftrat, trug er ein graues Hemd. Seine Stimme war mit Heliumgas in die Höhe getrieben und lächerlich gemacht worden.

Widermanns Inszenierung begann in einem Datingroom, in dem die anwesenden Personen durch Apps gesteuert wurden. Die Apps erfassten jeden Eintretenden und lieferten sofort Profile und, wenn eine hohe Übereinstimmung herrschte, auch entsprechende Empfehlungen. Die Personen folgten willig und vertrauend diesen Empfehlungen. Andere Apps steuerten das Verhalten von Personen in der Gruppe, um diese zu harmonisieren. Diese erschreckende Vision war wahrlich nicht an den Haaren herbei gezerrt. Auf der Bühne allerdings entstand ein groteskes und erschreckendes Bild. Dann folgte die Geschichte von Alex. Die jungen Darsteller spielten dynamisch und mit Verve, wie man es aus den anderen Teilen der Trilogie bereits kannte. Dennoch ging das Konzept von Andreas Wiedermann nicht im selben Maße auf. Insbesondere die Gewaltorgien, die mit Schaumgummi ausgefochten wurden, banalisierten die Geschichte und zogen sie in die Länge. Hier wäre es wohl besser gewesen, Kubrick zu folgen und die Gewalt künstlerisch zu brechen. Tanz wäre eine Möglichkeit gewesen, zumal die Musikauswahl von Barockoper bis zu Ludwig van Beethoven (Sounddesign : Clemens Nicol) vieles ermöglicht hätte. Für die jungen und spielfreudigen Darsteller wäre es gewiss keine zu hohe Hürde gewesen.

Obgleich dem dritten Teil der „Europa-Trilogie“ nicht dieselbe Wirkung und Überzeugungskraft der vorangegangenen zwei Teile innewohnte, ist das Gesamtprojekt durchaus bemerkens- und lobenswert. Es gelang Wiedermann und seinen Mitstreitern, ein Jahrhundert voller Gewalt und menschlicher Katastrophen Revue passieren zu lassen. Er schlug damit einen ganz großen Bogen. Der letzte Teil macht indes schmerzlich bewusst, dass am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts wieder Gewalt in unterschiedlichsten Formen weltweit dominiert. Das ist eine entsetzliche Wahrheit, die eigentlich Konsequenzen haben sollte. Und wenn der Zuschauer nur die simple Botschaft aus den Inszenierungen mitnimmt, dass es endlich an der Zeit wäre, aus der Geschichte zu lernen, wäre viel gewonnen. Was würden wir verlieren, wenn wir nicht Bücher, Theaterstücke oder Filme, sondern die Gewalt, die in ihnen wiedergespiegelt wird, verböten, verbannten, ächteten? Es würde uns nichts fehlen. Stattdessen gibt es immer wieder Apologeten der Gewalt, die die Unverzichtbarkeit beschwören, um möglicher Gewalt entgegen wirken zu können, gegebenenfalls präventiv. Und genau da beginnt die Gewaltspirale.

Wolf Banitzki

 


Clockwork Orange

nach dem Roman von Anthony Burgess

Simon Brüker, Friedrich Custodio, Constanze Fennel, Urs Klebe, Christina Matschoss, Clemens Nicol, Andreas Niedermeier, David Thun, Eugenia Winckler

Inszenierung: Andreas Wiedermann

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