Teamtheater Tankstelle 36 Stunden nach Ödön von Horváth


 

Fräulein Pollinger und die Liebe

Fräulein Pollinger, mit Vornamen Agnes, ist arbeitslos. Sie hatte als Schneiderin einige Male ein Kostüm verschnitten und hat nun mehr Zeit, als ihr lieb ist. Sie begegnet Eugen Reithofer, ein österreichischer Kellner, ebenfalls arbeitslos und als "Nichtreichsdeutscher" in München ohne Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Ihr langer gemeinsamer Spaziergang endet auf dem Oberwiesenfeld unter einer Ulme. Dort geschieht, was geschehen muss, denn eigentlich wollen es beide. Nun sind sie ein Paar und die Verabredung für den nächsten Abend um 18.00 Uhr ist fix.

Agnes lebt bei ihrer Tante in deren verwanzten Wohnung. Einziger Mieter ist der Aktfotograf Herr Kastner, der die Wanzen höchstselbst mitgebracht hat, um den Mietpreis zu drücken. Der vermittelt Agnes an den Kunstmaler LMA, der angeblich im Auftrag des Landes Hessen eine „Hetäre im Opiumrausch“ malen soll. Das ist natürlich ein Irrtum. Die Hetäre ist für eine hochgestellte Privatperson, für Hessen steht eine Madonna auf dem Plan. Doch Agnes muss in den sauren Apfel beißen und die Kleider fallen lassen, denn sie ist für das Hetären-Bild auserkoren. Sechs Stunden dauert die Sitzung und LMA hat endlich seine Erleuchtung. Just in diesem Augenblick fährt die Sportskanone Harry Priegler mit seinem Cabriolet beim Maler vor und lädt Agnes zu einer Spritztour an den Starnberger See ein. Der Ausflug mit Schnitzel und Gurkensalat in Feldafing endet des Nachts im Forstenrieder Park wo sich Agnes, die mit schlechtem Gewissen an den versetzten Eugen denken muss, Harry Priegler hingibt. Doch diesmal tut sie es für Geld. Die Geschichte zwischen Agnes und Eugen endet in der Früh, nach 36 Stunden, mit einer unerwarteten und rührenden Wendung.

Die Bühne von Nadeshda Diring weist nicht mehr als einen zweifarbigen Fußboden, zwei Hocker und zwei Tischkästen in unterschiedlichen Farben auf. Damit konnte eine Bank unter der Ulme, ein Cabriolet (fahrend) und die Bank im Forstenrieder Park, aber auch die Wohnung von Agnes´ Tante und eine Pianobar simuliert werden. Dabei muss erwähnt werden, dass die Bühnenfassung des Prosatextes nicht auf die starke bildhafte Sprache verzichtet hat. Der narrative Anteil bleibt vergleichsweise groß. Die Wechsel zwischen Dialogen und Beschreibungen sind gleichermaßen Szenenwechsel. Und da es beinahe nahtlos und zügig geschieht, entsteht ein Erzähl- und Spielfluss der nie stockt oder gar zum Erliegen kommt und die eine Stunde und zwanzig Minuten sehr kurzweilig erscheinen lässt.

Die eigentliche Qualität ist jedoch das Spiel der Darsteller Pia Kolb und Max Pfnür, zwei überaus sympathische Schauspieler, deren darstellerisches Vermögen nichts, aber auch gar nichts zu wünschen übrig ließ. Horváths „volkstümliche Sprache“ ist tatsächlich eine durchgestaltete, sehr effektvolle Kunstsprache, die höchste Anforderungen an die Schauspieler stellt. In dieser Inszenierung erlebte man einen äußerst vielseitigen Umgang, es wurden unterschiedlichste Dialekte bedient, mit dieser Sprache, aber auch eine ausgefeilte Sprechtechnik und ein überaus eleganter Umgang mit dem Text. So beeindruckend perfekt, wie Kolb und Pfnür das Wort transportierten, so beeindruckend vielseitig und gekonnt setzten sie ihre Körper und vor allem die Mimik ein. Pia Kolb, anfangs ein geschasstes graues Mäuschen aus dem Schneideratelier, wuchs in „36 Stunden“ immer mehr zu einem sexuell anziehenden selbstbewussten Wesen heran, die zuletzt sogar einen Sexualprotz wie Harry Priegler auf seine natürliche, eher lächerliche Größe schrumpfen ließ. Pia Kolbs bezaubernd naive, aber durchaus stolze Agnes weckte beim Betrachter sämtlich Beschützerinstinkte.

Max Pfnür oblag es, sämtliche Männerrollen zu gestalten, angefangen beim Kellner und „Mistviech“ Eugen Reithofer, über den schmierigen Aktfotografen Herrn Kastner, den kapriziösen Kunstmaler LMA, die stupide Sportskanone Harry Priegler, der sich von den Frauen erklären lassen wollte, warum er bei den Frauen so erfolgreich war, bis hin zum freundlichen und selbstlosen Pianisten, der ein gutes Ende einläutete. Max Pfnür lieferte gemeinsam mit seiner Partnerin Pia Kolb eine grandiose Leistung ab, bei der Regisseur Georg Büttel zweifellos einen nicht unbeträchtlichen Anteil hatte.

Ein kluger Kopf hat einmal vor Superlativen gewarnt. Die, so meinte er, taugen höchstens für Polemik. In Bezug auf die Inszenierung von „36 Stunden“, noch bis zum 25. Mai am Teamtheater Tankstelle zu sehen, scheint es unmöglich, Makel zu benennen. Die Inszenierung war konzeptionell geschlossen und intelligent gebaut; das Bühnenbild ließ alles zu, war praktikabel, stand nie im Weg und ermöglichte jede denkbare Sprachkulisse. Die Musik von Thomas Unruh war dezent, unauffällig und dennoch hätte etwas sehr wichtiges gefehlt, wäre sie nicht erklungen. Das Spiel der Darsteller war hochkomplex, sie verschenkten kein noch so gering scheinendes Detail und scheute das Ordinäre nicht, das hier allerdings zumeist komisch wurde.

Die Inszenierung war witzig und elegant, nahezu perfekt. (Mit der widerwilligen Einfügung von „nahezu“ schützt sich der Kritiker selbst, denn niemand ist vollkommen.) Es ist schwer vorstellbar, dass dieser wunderbare Theaterabend nicht jeden Zuschauer erreicht und berührt. Also, testen Sie es aus, solange noch die Möglichkeit besteht.

Wolf Banitzki

 


36 Stunden

Tragikomödie nach Ödön von Horváth

Pia Kolb & Max Pfnür

Regie: Georg Büttel

Teamtheater Tankstelle  Törless nach Robert Musil


 

Über das Wesen des Menschen

Robert Musil (1880-1942), Österreicher, war Ingenieur und somit dem rationalen Denken verpflichtet. Auch als Schriftsteller strebte er danach, das menschliche Verhalten in Gesetzmäßigkeiten zu definieren, was ihm allerdings nicht in zufriedenstellendem Maße gelang, da der Mensch vornehmlich als „Gestalt“ auftritt und somit „Erscheinung“ bleibt, sein „Wesen“ nicht preisgibt. Musils künstlerischen Bemühungen, eine bild- oder gleichnishafte Gestaltung vom Menschen zu schaffen, genügte ihm letztlich nicht. Zwar lieferten sie in seiner Prosa lebendige Erscheinungen, doch ein allgemeiner Zusammenhang ließ sich, so Musil, definitorisch nicht festklopfen. Die Einmaligkeit jeder Lebenserscheinung entzog sich letztlich einer wissenschaftlichen Analyse. Auch wenn Musil seine Bemühungen als gescheitert ansah, bescherte er der Welt eine Literatur, die unvergänglich ist, gerade weil sie verbindliche Aussagen zum Menschen macht. Davon ist auch „Die Verwirrung des Zöglings Törless“, Musils literarischer Erstling aus dem Jahr 1906, nicht ausgenommen. Es ist ein brandaktueller Text und damit der Beweis, dass Musil durchaus erfolgreich war in seiner Erforschung des menschlichen Wesens.

Die Geschichte spielt an einer Elitebildungseinrichtung mit Internat. Es gibt sie in dieser Form durchaus auch in der heutigen Zeit. Eine solche Einrichtung muss man sich leisten können, was den Schluss zulässt, dass es sich um die Kinder der gesellschaftlichen Eliten, vornehmlich vermögender Zeitgenossen handelt. Törless ist eine poetische Natur und als solcher durchaus ein Einzelgänger. Er pflegt eine oberflächliche Freundschaft zu Reiting und Beineberg. Basini, der seinen Aufenthalt dem mühsam von den eher kargen Einkünften seiner Mutter abgespartem Geld verdankt, möchte gern mithalten mit seinen Klassenkameraden. Also lebt er auf Pump. Er hat Schulden bei Reiting, der sein Geld mit Nachdruck einfordert. Basini, der sich in einer ausweglosen Situation gefangen sieht, stielt das Geld bei Beineberg. Reiting überführt den Dieb Basini und droht, den Skandal öffentlich zu machen. Doch gemeinsam mit Beineberg beschließen sie, Basini zu bestrafen und sein „niederes Wesen“ erbarmungslos auszubeuten. Eine bestialische Gewaltspirale beginnt sich zu drehen und Basini bleibt keine Folter, auch nicht die Vergewaltigung durch Reiting und Beineberg erspart. Dabei schützen die Peiniger sogar wissenschaftliches Interesse vor und betrachten das Ganze als ein Experiment. Basini hat einen ehrenvollen Platz in der Gesellschaft für sie ohnehin verspielt.

Als ein Kurzurlaub von vier Tagen allen Schülern außer Törless und Basini die Heimreise ermöglicht, die beiden also allein zurückbleiben, gesteht Basini Törless gegenüber eine emotionale und auch sexuelle Zuneigung und Törless gerät in eine tiefe Verwirrung. Auch er nutzt die Offerte schamlos aus, allerdings hält er Basini emotional auf Abstand. Als Reiting und Beineberg am Ende Basini allen Zöglingen der Einrichtung zum Fraße vorwerfen, kehrt die angestammte Ordnung wieder zurück. Basini wird entfernt und alles Vorgefallene unter den Teppich gekehrt. Die Fassade der Eliteschule bleibt unbeschädigt.

Diese Geschichte brachte Dieter Nelle in einer eigenen Textfassung auf die Bühne des Teamtheaters Tankstelle. Dabei beschränkte er sich auf die Beziehungen der vier Schüler untereinander und ließ Erklärungen zum Schulbetrieb weitestgehend außen vor, was der Geschichte allerdings keinen Abbruch tat. Die geschilderten und gespielten Vorgänge warfen ohnehin ein recht deutliches Licht auf die Einrichtung.

Dieter Nelle bewies bei der Besetzung der vier Rollen ein exzellentes Händchen. Mit Peter Blum brachte er einen feinsinnigen, sensiblen und dennoch asozialen Törless auf die Bühne, der zuletzt sein Heil in der Verleugnung suchte und fand. Axel Brauchs Basini war ein geduldiger Verlierer. Seine Bereitschaft, sein Dasein in einer so entsetzlichen Würdelosigkeit zu führen, war verstörend aber keineswegs unglaubhaft. Welche Wahl hatte er? Mit dem Verlust der Ausbildung an der Schule endeten gleichsam alle gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten. Die Lebenswege von Reiting und Beineberg waren längst durch die Elternhäuser geebnet worden. Adrian Spielbauer gab einen robusten und brutalen Reiting, der sich wenig um die Konsequenzen seines Handelns scherte. Doch im Gegensatz zu Beineberg machte er aus seiner Lust an der Qual des Mitschülers keinen Hehl. Beineberg, von einem introvertierten Olaf Becker mit mystischen Fantasien gespielt, nutzte das „Experiment“, um seine schrullig religiösen Vorstellungen von Seelenwanderung zu beweisen. Dabei zeigte sich, dass offene Brutalität nicht unbedingt perverser sein muss, als religiös oder pseudowissenschaftlich verbrämte.

Dieter Nelles Inszenierung war unprätentiös und darum umso bedrückender. Im Zentrum der Betrachtung blieben stets die Figuren. Das Bühnenbild von Manuela Müller, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete, bestand lediglich aus einem weißen Kreis, Ort der Handlung. Aus diesem Kreis herausgetreten, blieben die Figuren zwar präsent, doch nicht zwingend im Fokus. Ein bei Gegenlicht transparenter Vorhang schuf einen Rückzugsraum, aber auch ein Raum der Intimitäten. Die unterschieden sich indes deutlich von den im Kreis vollzogenen barbarischen Entblößungen und Foltern. Dieter Nelle ging weit bei den physischen Entäußerungen, doch wurden seine szenischen Lösungen nie Zumutungen für das Publikum.

Die Inszenierung, der sowohl für die Einrichtung durch die Regie, als auch für die sehr guten schauspielerischen Leistungen höchstes Lob gebührt, leistete mehr als nur die Dramatisierung eines Romans von Robert Musil, der längst zu Recht zum Klassiker der Moderne avanciert ist. Die Inszenierung machte deutlich, dass der Mensch auch in den vergangenen, mehr als 100 Jahren keine moralisch nachhaltige Entwicklung durchlaufen hat. Die Sentenz „homo homini lupus“, übrigens aus der Feder des Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v.Chr.), hat offensichtlich noch immer einen zutiefst wahren Kern. „Der Mensch des Menschen Wolf“ und er wird es auch bleiben, solange die Gesellschaft über Besitz und Macht auseinanderdividiert wird und Menschen sich straflos an anderen Menschen vergehen können. Die Inszenierung lässt aber auch den Schluss zu, dass der Mensch noch immer ein barbarisches Wesen ist und wir in historischen Intervallen aus dem Dornröschenschlaf ideologischer Umnachtung erwachen und entsetzt in die hässliche Fratze Mensch blicken.

Tatsache bleibt, dass alle Sozialisierungsbemühungen und Moralbildung keine Sicherheit dafür bieten, dass unsere Gesellschaft ein sicherer Hort für jedes Individuum ist. Tatsächlich haben wir längst wieder den Kriegspfad beschritten, in dem wir Menschen zweiter Klasse nicht nur in unserer Vorstellung geschaffen haben, über die wir arrogant und selbstverliebt urteilen können und denen wir den Zugang in die „sichere Gesellschaft“ verwehren. Und damit sind nicht die Asylanten und Flüchtlinge gemeint, sondern eine Entwicklung, in der die Kluft zwischen arm und reich, zwischen Eliten und Prekariat, zwischen Bildungsbürgern und bildungsfernen Schichten ein perverses Ausmaß angenommen hat. Die Inszenierung am Teamtheater Tankstelle sagt ganz deutlich und unmissverständlich: „Törless“ ist hier und heute möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich!

Wolf Banitzki

 


Törless

nach Robert Musil

Mit: Olaf Becker, Peter Blum, Axel Brauch, Adrian Spielbauer

Textbearbeitung und Inszenierung: Dieter Nelle

Teamtheater Tankstelle Der Zauberberg nach Thomas Mann


 

300 Seiten/h – Es funktionierte!

Hans Castorp, angehender Ingenieur und zukünftiger Schiffbauer aus Hamburg, reist nach Davos. Dort hält sich sein lungenkranker Vetter Joachim Ziemßen seit einigen Monaten auf. Hans ist ein wahrer Hans im Glück, denn er lebt in gesicherten Verhältnissen und kann es sich darum leisten, seinen Cousin drei Wochen lang in dem Sanatorium in luftiger Höhe zu besuchen. Dort trifft der „Flachländer“ überraschender Weise auf eine höchst skurrile bürgerliche Gesellschaft, die aus der Welt gefallen zu sein scheint. Das erkennt Castorp zuallererst an deren Umgang mit der Zeit. Sie ist herausgelöst aus einer durchrationalisierten Welt, deren wohl blödsinnigster Spruch lautet: „Zeit ist Geld!“ Castorp, selbst Techniker und rational veranlagt, sieht sich plötzlich mit der Poesie des Vergänglichen, mit der Verheißung der Spiritualität, mit der schwer fassbaren Dimensionaliät der Liebe konfrontiert. Der Berg wird nicht von ungefähr als „Zauberberg“ begriffen, denn schon nach kürzester Zeit, jeder Insasse und jedes Mitglied des medizinischen Personals erwartet das, bricht auch in Hans Castorp eine bis dato schlummernde Lungenerkrankung aus, die zwar vergleichsweise harmlos verläuft und schnell ausheilt, ihn dennoch sieben Jahre an den Ort fesselt. Entlassen wird der junge Mann in einen mörderischen Krieg, in die reale Welt des Jahres 1919.

Thomas Mann begann den Text 1912 als Novelle. Er verstand ihn als „Satyrspiel“, als heiter-positives Gegenstück zu seiner gerade fertiggestellten Novelle „Der Tod in Venedig“, einer „novellistischen Tragödie der Entwürdigung“, wie er konstatierte, in dem der „Tod als komische Figur“ um seinen Erfolg gebracht werden soll. Allerdings hatte Thomas Mann zu diesem Zeitpunkt noch keine rechte Vorstellung, wie dieser „Triumph des Lebens über den Tod überzeugend motiviert werden sollte“. Und so wuchs sich die kleine Geschichte, die ihre novellistische Herkunft nicht leugnen kann, zu einem üppigen Roman aus. Im Prozess des Schreibens wurde dem Autor klar, dass er von einer Zeit berichtete, die es so nicht mehr gab, von einer Zeit „vor einer gewissen, Leben und Bewusstsein tief zerklüfteten Wende und Grenze“. Diese Zeitenwende deutet sich auch im Sanatorium an. Sympathischer Vertreter eines Humanismus, der längst in die Phase der Dämmerung eingetreten war, ist der italienische Nachfahre von Freiheitskämpfern, der vernunftgläubige Aufklärer und bürgerliche Demokrat Settembrini. Ihm gegenüber steht der Jesuit Naphta, der Settembrini in beunruhigender Weise überlegen zu sein scheint, entlarvt er Settembrinis Thesen doch als unhaltbare Beschränktheit und hilflos romantische Philanthropie. In der schillernden Figur Leo Naphtas nehmen Thomas Manns düsterste Ahnungen Gestalt an. Dessen buntschillernde Mixtur aus Kapitalismuskritik, klerikal und faschistisch eingefärbte soziale Demagogie und sein Nihilismus verkörpern für Thomas Mann die „Kinderkrankheiten“ des neuen heraufziehenden Zeitalters, das, so der Autor, einen neuen Humanismus gebären würde. Weit gefehlt, wie die Geschichte zeigte. Thomas Mann entledigte sich dieser Figur auf wenig überzeugende Weise. Naphta wendet die Pistole gegen sich, als Settembrini im Duell mit ihm, seinem Gegenspieler, „hochherzig“ in die Luft geschossen hatte. Dieses Eingeständnis des geistigen und moralischen Bankrotts überzeugt nicht wirklich.

Es ist fraglos ein gewaltiges und hochriskantes Unterfangen, diesen 1000seitigen Roman auf die Bühne zu bringen. Immerhin weist die Spielfassung von Vera Sturm und Herrmann Beil echte dramatische Qualitäten auf und so lief auch die Inszenierung von Andreas Wiedermann im Teamtheater Tankstelle auf bestes Spiel- und nicht wie üblich bei Prosavorlagen auf Deklamationstheater hinaus. In seiner Lesart rückte Regisseur Wiedermann allerdings weniger den weltanschaulichen Disput zwischen Settembrini, ganz wunderbar lebendig gespielt von Constanze Fennel, und Naphta, ein somnambuler, dem irdischen scheinbar abhanden gekommener Urs Klebe, in den Vordergrund, sondern vielmehr die prismatisch aufgefächerte Gefühlslage einer untergehenden gesellschaftlichen Schicht, die schon ihrerzeit auf der „Suche nach der verlorenen Zeit“ war. Und er tat gut daran, denn zwei wesentliche unausgesprochene Argumente flankierten die Geschichte aus der Vergangenheit: die zwei schlimmsten und katastrophalsten Weltkriege der (vorläufigen) Menschheitsgeschichte. Soviel historisches Wissen und Gefühl kann dem Publikum allemal abgefordert werden. Die Premiere erbrachte den Beweis.

  Der Zauberberg  
 

Ensemble

© Uli Scharrer

 

Was das Publikum in den 165 Minuten (ohne Pause) erlebte, war kurzweiliges, spielfreudiges Theater, nicht gänzlich frei von szenischem Holpern, das wohl in erster Linie der Größe der Bühne, oder besser deren Begrenztheit geschuldet war. Immerhin war sie von bis zu zwölf Darstellern bevölkert und manchem gelungenen szenischen Einfall, der an der Peripherie der Handlung ablief, war nicht der nötige Raum und die Aufmerksamkeit vergönnt. Es tat dem Gesamtbild der Inszenierung jedoch keinen Abbruch, die sich sehr um die Komik der Geschichte und der Figuren bemühte. Das mag auf dem ersten Blick ein wenig unglaubhaft erscheinen und in der Tat denkt man bei hanseatisch, und das ist wohl eine Grundfarbe der Kunst Thomas Manns, nicht unbedingt an Komik. Dennoch war sie drin und Wiedermann kitzelte sie heraus. Besonders Clemens Nicol profitierte in der Rolle des Hofrat Behrens davon. Allein, dieser doppelbödigen Komik, resultierend aus der Selbstentlarvung und –entblößung, zum Beispiel wenn Behrens, der auch malt und bildhauert, seine Kunstauffassung darlegt, ist das heutige Publikum durch Comedy und allgegenwärtige plattitüdenhafte Kalauerei ziemlich entwöhnt. Es war allemal Komik auf hohem Niveau.

Und es war wieder einmal solides Ensembletheater, in dem sämtliche Darsteller deutliche Charaktere in die Bühnenwelt brachten. Herausragend waren, ohne dabei die Ensembleleistung schmälern zu wollen, bereits oben genannte Constanze Fennel als Settembrini und Clemens Nicol als Behrens. Letzterer profitiert natürlich auch von seiner physischen Präsenz und Stimmgewalt. David Thun durchlief als Hans Castorp glaubhaft eine Metamorphose vom nüchternen Skeptiker zum liebenden Schwärmer. Die entgegengesetzte Entwicklung durchlief sein Cousin Joachim Ziemßen. Von mangelndem Selbstwertgefühl wegen seiner Krankheit befreite er sich durch die wahnhafte Vorstellung, dieses Manko im Krieg wettmachen zu können. Simon Brüker überzeugte mit seiner Gestaltung. Ebenso überzeugte Christina Matschoss in der Rolle der Clawdia Chauchat, einer sehnsuchtsvollen Frau auf der Flucht vor sich selbst, für die ein Sanatoriumsaufenthalt einen ebensolchen Stellenwert hat wie eine Vergnügungsreise an die Côte d'Azur oder ein Ballbesuch. Überaus komisch waren die Überzeichnungen der Figuren des Dr. Krokowski (Andreas Niedermeier), der Zwergin (Sönke Küper) oder der schwäbelnden Frau Stöhr (Conny Krause). Gerade diese Figuren verwandelten den großen Roman in eine Groteske, was sich als durchaus legitime Lesart erwies.

Zudem war es ein sehr musikalischer Abend, denn die fast dreistündige Inszenierung war gespickt mit musikalischen Live-Einlagen, von Sarabande bis Wiegenlied, von Flick-Flack bis singende Säge. Wiedermann weiß mit Musik zu handeln. Sie ist stets ein inszenatorischer Gewinn. Stellt sich die Frage, was die Inszenierung nicht war? Sie war, bei aller unübersehbaren Aktualität kein Diskurstheater, das die brennenden Probleme unserer Zeit thematisierte und durchkaute. Der Versuch, politische Themen als solche auf die Bühne zu bringen, mag zu Einsichten führen, es mag auch Impulse geben, es hat allerdings in den seltensten Fällen gutes Theater hervorgebracht. Und gutes Theater ist, wenn der Zuschauer verändert, weitsichtiger, moralisch gewachsener, gut unterhalten und nicht mit einem Katalog politischer Forderungen im Kopf das Theater verlässt. Der Roman von Thomas Mann ist ein großartiges Kunstwerk, sprachlich und kompositorisch, doch betrachtet man die philosophischen und gesellschaftlichen Aspekte, tun sich beträchtliche Mängel auf. Dennoch: Die Krisenhaftigkeit des bürgerlichen Daseins schimmert immer durch und das macht den Roman so wertvoll und zeitlos, denn überwunden ist sie ja keinesfalls. Selten war die Krisenhaftigkeit so deutlich sichtbar wie im Moment. Die Welt steckt auch und vor allem in der Krise, weil sie sich die große Frage nach dem Sinn des kapitalistischen Systems nach dem kläglichen Scheitern des Sozialismus (wohlgemerkt nicht der Ideen, sondern deren Protagonisten) nicht zu fragen getraut. Aus dem Teamtheater ging man indes mit dem untrüglichen Gefühl, dass wir uns endlich was Neues einfallen lassen sollten, um zu verhindern, dass Menschen wie Hans Castorp, den man unweigerlich ins Herz geschlossen hatte, nicht so enden müssen wie sie bislang auf sinnlose Weise endeten.

Wolf Banitzki

 


Der Zauberberg

nach dem Roman von Thomas Mann
Fassung von Vera Sturm und Herrmann Beil

Franz Brandhuber, Simon Brüker, Constanze Fennel, Urs Klebe, Conny Krause, Sönke Küper, Matthias Lettner, Christina Matschoss, Clemens Nicol, Andreas Niedermeier, Eva-Maria Piringer und David Thun

Instrumentalisten: Andreas Hirth, Martina Mühlpointner, Linda Nolte

Regie: Andreas Wiedermann
Musik: Bernhard Zink

Teamtheater Tankstelle / Theater Viel Lärm um Nichts  Kleiner Mann - was nun? nach Hans Fallada


 

Rhetorik der Ohnmacht

„Kleiner Mann – was nun?“, der als Frage von Fallada formulierte Buchtitel erschien im Mai 1932 vor einem ganz besonderen politischen Hintergrund. Die Weltwirtschaftskrise dauerte seit drei Jahren an und erreichte zu diesem Zeitpunkt einen neuen Höhepunkt. Der Reichstag war aufgelöst, die zeitweilig verbotenen SA und SS wurden wieder zugelassen. Reichskanzler Brüning wurde durch Franz von Papen, einem Steigbügelhalter Hitlers, ersetzt und nach der Wahl am 31. Juli zogen 230 Nazi-Abgeordnete in den deutschen Reichstag ein. Das war auf den Tag genau ein halbes Jahr vor der Machtergreifung Hitlers. Der „kleine Mann“, fünf Millionen von ihnen waren arbeitslos, hatte die Orientierung verloren, bangte um die Zukunft und folgte der nationalen und sozialen Demagogie der Nazis. Der vierte Roman von Hans Fallada machte ihn berühmt, denn er traf wie kein anderes Werk den Nerv der Zeit. Der „kleine Mann“ stürzte sich geradezu auf das Werk, hoffend, Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen zu erhalten.

Falladas Roman trägt durchaus autobiografische Züge, doch im Gegensatz zu seinem Helden Pinneberg und dessen Frau Emma, genannt Lämmchen, endete er nicht in der Mittellosigkeit ohne Ausblick auf Besserung, sondern in der (zumindest temporären) Wohlhabenheit, Dank des Romans, der ein Welterfolg wurde. Fallada konnte keine Antworten liefern, doch er war ehrlich und aufrichtig genug, die Probleme kritisch zu analysieren und zu benennen. In einem, für die Literaturwissenschaften aufschlussreichen und wichtigen „Vortragsmanuskript“ gestand Fallada ein, dass aus einem geplanten „leichten, beschwingten“ Roman über eine „kleine, einfache, helle Ehe zu zweien, dann zu dreien“ (Geburt des Kindes, genannt Murkel – Anm. W.B.) ein Buch über einen Mann mit einer Familie und der damit verbundenen Verantwortung wurde, der unaufhaltsam immer tiefer in die Krise schlitterte.

Das vermeintlich „kleine Glück, das kleine Leute herbeisehnen“, blieb aus. In der Welt regierten Herzlosigkeit, soziale Kälte und kriminelle Energien. Nimmt man einmal die emotionalen Bestandteile des bewegenden Buches, in denen Millionen ihr Schicksal gespiegelt sahen, soweit zurück, dass die sozialen, politischen und ökonomischen Mechanismen sichtbar werden, kommt man nicht umhin, deutliche Parallelen zur heutigen Realität zu bemerken. Obgleich es Deutschland noch nie so gut ging, ist eine tiefe Verunsicherung zu spüren. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst rasant. Zukunftsängste werden hemmungslos geschürt und Lügen sind dabei probate Instrumente. Das alles führt, gepaart mit politischer und moralischer Orientierungslosigkeit dazu, dass die Demagogen mit denselben Argumenten wie damals auf Bauernfang gehen und, man mag es kaum glauben, Erfolg haben.

  Kleiner Mann was nun  
 

Regina Soeiseder und Clemens Nicol

© Andreas Wiedermann

 

Andreas Wiedermann bewies mit seiner Wahl, diesen Text auf die Bühne zu bringen, wieder einmal großes Gespür für die gesellschaftliche Realität. Doch nicht nur die Wahl des Stoffes gereichte ihm zur Ehre, sondern auch die Umsetzung, die keinen Zweifel daran ließ, dass es sich um ein brandaktuelles Thema handelt, ohne der literarischen Vorlage dabei Gewalt anzutun. Mit nur vier Darstellern schuf er einen gesellschaftlichen Kosmos, der viel erklärte, emotional berührte und künstlerisch sehr unterhaltsam war. Regina Speiseder gab eine betörend sanfte und zerbrechliche Emma, genannt Lämmchen, die am Ende alle drei Leben der kleinen Familie in ihre Hände nahm und tapfer trug. William Newtons Pinneberg war ein Getriebener, ein von Ängsten und Sehnsüchten Gebeutelter, dem, bevor seine sanftmütige Ehefrau ihn auf- und umfing, unaufhaltsam jeglicher Würde beraubt wurde. Als er erkennen musste, dass Armut ein „Straftatbestand“ war, man ihn von den Schaufenstern dieser Welt mit Prügel vertrieb und ihm unmissverständlich bedeutete, dass er sich besser unsichtbar machen sollte, fiel er in eine paralytische Agonie. Die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt, war für Hans Pinneberg, liebevoll Junge von seiner Frau genannt, gestorben.

Christina Matschoss und Clemens Nicol oblag es, sämtliche andere Rollen, es waren derer etwa zwanzig, zu gestalten. Dabei konnten die beiden ihr üppiges komödiantisches Talent vor aller Welt, also dem Publikum des Teamtheaters, ab 14. März auch dem Publikum des Theaters Viel Lärm um Nichts in Pasing, demonstrieren. Andreas Wiedermann hatte sie dabei angehalten, der Komik, die den Figuren innewohnte, keinesfalls zu zügeln und so war den beiden eine entfesselte Spiellust durchaus anzusehen. An Bühnenbild brauchte es nicht viel, zwei Vorhänge links und rechts, dazwischen verbunden mit einer reichlich behängten Kleiderstange. Immerhin arbeitete Pinneberg, abgesehen von einem Intermezzo in einer Firma für „Getreide- Futter- und Düngemittel“, als Verkäufer für Herrenkonfektion.

Der aus Ducherow (bei Anklam – auch heute wieder ein Hort nationalsozialistischen Gedankenguts) kommende Pinneberg, traf in Berlin auf eine halbseidene Welt, in der das moralisch Zwiespältige, das Kriminelle durchaus von Erfolg gekrönt war. Jachmann, der Liebhaber seiner Mutter Mia Pinneberg, die obskure Gesellschaften unterhielt und damit vermögend wurde, war ein Vertreter dieser Halbwelt mit besten Kontakten zu Oberschicht. Er verkörperte den Typus des Machers, der aus jeder gesellschaftlichen Situation, ob stabil oder krisengeschüttelt, sein Kapital zu schlagen verstand. Selbst eine Gefängnisstrafe ist für solche Leute, wir finden sie auch heute in den Illustrierten zu Hauf, kein wirkliches Handicap. Moral ist immer das, was die „kleinen Leute“ leben sollen, damit die Gesellschaft funktioniert. Die Unmoral ist dabei nicht selten in ihrem Überbau zu Hause. Man schaue sich nur einmal um, in welchem Zustand die „Führerschaft“ (im öffentlichen Sprachgebrauch benutzt man stattdessen das Wort „Leadership“) der Gesellschaft, der Institutionen oder auch der religiösen Einrichtungen dieser Welt momentan ist. Was früher Skandal genannt wurde, ist heute Bestandteil des allumfassenden News/Fake News-Entertainments. Gier, Selbstsucht, Missgunst, Asozialität werden unter der Hand als heldenhafte Eigenschaften gefeiert. Erfolg wird über Besitz definiert und dabei ist es ziemlich egal, wie dieser Besitz erworben wurde.

Das Stück handelt von einem Kapitalismus, dem menschliche Werte fremd (geworden) sind. Angesichts der Zustände, wenn wir einmal ehrlich sind, erscheint ein Satz wie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ obsolet. Menschen werden heute massenhaft um ihre Würde gebracht und dabei sollte nicht vergessen werden, dass auch die Täter ihre Würde damit verlieren, denn Würde hat auch etwas mit Moralität und menschlicher Integrität zu tun. Große Worte, wird da mancher denken, doch wer sich die zweistündige Inszenierung angeschaut hat wird wissen, dass es um nichts Geringeres geht.

Wie Falladas Roman, gibt auch Andreas Wiedermanns Inszenierung keine praktikablen Antworten, doch eines ist sicher, es kann, es darf so nicht weiter gehen. Die Krise, die Fallada beschrieb, gipfelte im 2. Weltkrieg. Heute denken hochrangige Politiker laut über Kriege nach, die mit atomaren Mitteln ausgefochten werden. Dabei werden die Konflikte für diese Kriege vornehmlich herbeigeredet. In irgendjemandes Interesse indes werden diese Kriege ganz sicher sein! Die Pinnebergs dieser Welt haben jedenfalls kein Interesse daran. Und sicher ist auch, dass die Frage: Kleiner Mann – was nun? auch zukünftig nur rhetorisch sein wird. Es ist die Rhetorik der Ohnmacht.

Wolf Banitzi

 


Kleiner Mann - was nun?

nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada

Christina Matschoss, William Newton, Clemens Nicol und Regina Speiseder

Regie Andreas Wiedermann

Teamtheater Tankstelle  Kein Honigschlecken  von Greg Freeman


 

Vorsicht vor Clowns!

Die Clowns haben die Macht an sich gerissen. Man hatte sie unterschätzt, denn sie sehen nicht so dämlich aus, weil sie es sind, sondern weil sie vorgeben, dämlich zu sein, damit man über sie lacht. Indes sind sie kühl kalkulierend, sophistisch und unterschwellig aggressiv. So sind Tyrannen nun mal, insbesondere wenn sie sich bedroht fühlen und eine wesentliche Eigenschaft von Tyrannen ist nun mal ein ausgewachsener Verfolgungswahn. Die beiden Teddybären Julius und Ludovic lassen sich allerdings ihr Dasein von einer clownesken Diktatur nicht verdrießen und folgen gelassen einer Einladung des Clowns BoBo zu einem Workshop über autoerotische Praktiken, verbunden mit einem recht mäßigen Picknick. Als sich BoBo versehentlich bei einer Übung zu sexueller Grenzerfahrung erhängt, ist der Schlamassel für die Bären groß. Ehrlich und aufrichtig wie sie nun einmal sind, es ist ihnen sogar in die Unterhosen gestickt, stellen sie sich die Frage, ob sie das Unglück hätten verhindern können? Und war ihre unterlassene Hilfeleistung nicht vielleicht sogar ein Mord? Sie suchen Hilfe bei einer sonderbaren Puppe, die Anwältin zu sein vorgibt, dies aber selbst in Zweifel zieht. Schnell nimmt alles konspirative Formen an, doch im Gegensatz zu den Clowns, haben die Teddybären Skrupel. Die Clowns indes nutzen den Unfall und deklarieren ihn als einen Anschlag auf die gesellschaftliche Grundordnung. Schließlich hat es harsche Konsequenzen für die vermeintlichen Täter. Jetzt ist Widerstand angebracht.

„Kein Honigschlecken“ ist in der Tat eine sehr schwarze Komödie, die bereits 2012 unter dem Titel „No Picnic“ am Londoner Tabard Theatre uraufgeführt wurde. Damit bewies der Autor Greg Freeman große Weitsicht und politische Sensibilität, denn die Zeiten von „Fake News“ brachen so richtig erst mit der Amtseinführung von Donald Trump an. Und während breite Massen der Bevölkerung um Orientierung im politischen und gesellschaftlichen Sprachdschungel ringen, wird deutlich, dass Wahrheiten längst keine mehr sind, da es scheinbar zu jeder Wahrheit eine Alternativwahrheit gibt. Zu lange hat die Bevölkerung der politischen Rhetorik der etablierten Parteien geglaubt; zu lange hat sie den Eliten ihr Vertrauen geschenkt. Plötzlich werden Stimmen laut, die „Wahrheiten“ verkünden, die zwar hässlich, aber scheinbar so unwahr und von der Hand zu weisen nicht sind. Selbstredend werden diese Stimmen sofort als radikal, verleumderisch und die gesellschaftliche Grundordnung gefährdend diskreditiert. Doch viele Menschen im Land können und wollen das nicht glauben. Vermeintliche Wahrheiten, über Jahrzehnte mantraartig verbreitet, erscheinen plötzlich wie Unwahrheiten und ist das Vertrauen in die Protagonisten, die den Menschen die Welt bislang so routiniert erklärten, erschüttert, setzt ein Dominoeffekt ein.

  Kein Honigschlecken  
 

Martin Schülke, Daniela Voß, Mario Linder

© Ludo Vici

 

Regisseur Philipp Jescheck, er bescherte den Besuchern des Teamtheaters mit „Paarungen“ oder „Tante und Ich“ grandiose Komödienabende, inszenierte „Kein Honigschlecken“ als putziges Guckkastentheater. Die Bären Julius und Ludovic, knuffig und emotional facettenreich gespielt von Mario Linder und Martin Schülke, hätte selbst den höchsten Ansprüchen eines guten Kindertheaters genügt, wenn nicht die komplizierten Denkweisen und die philosophienahe Sprache den komödiantischen Spaß in Grenzen gehalten hätte. Dieser Vergleich scheint insofern angebracht, da wir definitiv zu wenig gutes und aufklärerisches Kindertheater haben. Es geht schließlich um unsere gesellschaftliche Zukunft!

Die phantasievolle Ausstattung des Guckkastens (Bühne/Kostüm Michele Lorenzini ) und die manierierte und marionettenhafte Spielweise von Daniela Voß als sonderbare Puppe entführten den Zuschauer effektvoll in die Welt kindlicher (oder teddybärenhafter oder puppenartiger) Geschöpfe. Allein, der visuelle Unterschied zum aufklärerischen Anspruch, er konnte krasser nicht sein, tat der ganzen Sache absolut keinen Abbruch, denn dank der präzisen Spielweise und der sehr guten Sprechkultur der Darsteller wurde der Zuschauer von der Aktualität des Themas geradezu überrollt. Immerhin kam sogar ein blutiger Schrumpfkopf vor. Als Armin Hägele als Clown seine rhetorische Tyrannis entfesselte, wurde deutlich, wie nah wir uns bereits am Abgrund zum Verfall der Demokratie befinden. Das Ende mutete dann schließlich gar nicht märchenhaft an, denn die Lüge oder die alternative Wahrheit wurde zur nützlichen Waffe.

Das Spektrum der behandelten Themen war auf sehr unaufdringliche und keineswegs zeigefingerhaft abgearbeitete Weise gewaltig groß. Die Subjektivität von Alter und Schönheit war ein Thema. Man begriff, dass viele erbrachte Leistungen unseren Mitmenschen gegenüber durchaus auch in die Kategorie Korruption und Filz passt, dass eine Lüge nur eine falsch interpretierte Wahrheit sein kann; dass Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit in Anbetracht der möglichen Ergebnisse auch nur Dummheit sein können. Und man wurde sensibilisiert zu erkennen, was ein Clown seinem Wesen nach auch sein kann und dass man nicht unbedingt wie ein Clown aussehen muss, um ein solcher zu sein. Und plötzlich musste man erkennen, wie viele Clowns es um uns herum gibt und dass wir uns vor ihnen in acht nehmen sollten. Und es zeigte sich, dass Angst unser ärgster Feind ist.

Es war eine kluge und darstellerisch wunderbar umgesetzte Inszenierung, die, was Aktualität betrifft, Ihresgleichen momentan auf den Bühnen Münchens sucht. Es war kein „Schenkelklatschtheater“ und es war auch nicht zum Brüllen komisch, denn es steckten zu viele bittere Wahrheiten darin. So kafkaesk das Spiel auch anmutete, es steckte blanke Realität darin, was im Umkehrschluss bedeutet, dass unsere Realität momentan ziemlich kafkaesk ist. Unterhaltsam und lehrreich war es allemal, und so kann man nur hoffen, dass die verbleibenden Vorstellungen gut besucht werden.

 

Wolf Banitzki


Kein Honigschlecken
von Greg Freeman

Deutsche Erstaufführung

Daniela Voß, Mario Linder, Martin Schülke und Armin Hägele

Regie: Philipp Jescheck

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen