Volkstheater Schuld und Sühne nach dem Roman von Fjodor Dostojewski


 

 

Der Weg in die Radikalität

Der junge Rodion Romanowitsch Raskolnikow, bis vor kurzem noch Jurastudent, hatte einen Artikel verfasst, in dem er die Ansicht vertrat, dass es gewöhnliche und ungewöhnliche Menschen gab. Letzteren sprach er das Recht (und bis zu einem gewissen Grad auch die Pflicht) zu, gegen die Gesetze verstoßen zu dürfen, um ihre Ideen umsetzen zu können. Er selbst, inzwischen völlig mittellos, hält sich für einen ungewöhnlichen Menschen. Um sich selbst von seinem Berufensein zu überzeugen, tötet er die skrupellose und von niederen Beweggründen getriebene Pfandleiherin Aljona Iwanowna. Unglücklicherweise wird ihre Schwester Lisaweta Iwanowna, ein harmloses und unscheinbares Geschöpf, Zeugin des Mordes. Raskolnikow entscheidet sich, eher unfreiwillig, auch sie zu töten. Die Tat paralysiert den Täter, denn fortan muss er sich selbst und der Gesellschaft gegenüber verantworten. Der (Selbst-) Erkenntnisprozess gleicht einem fiebrigen Wahn, wobei Raskolnikow an seinen eigenen Anschauungen scheitert. Der Untersuchungsrichter Porfirij hat, dank einiger Indizien und aufgrund seiner hervorragenden Beobachtungsgabe schnell einen Verdacht gegen Raskolnikow; allerdings hat er keinerlei Beweise. Und so entspinnt sich zwischen den Beiden ein subtiles Katz-und-Maus-Spiel auf Weltanschaulich-ethischer Ebene.

Christian Stückl, der eine eigene, höchst bemerkenswerte Spielfassung geschrieben hat, brachte das epochale Drama nun auf die Bühne des Volkstheaters. Im düsteren Grau des Petersburger Elends um 1860, in dieser Zeit hob Zar Alexander II. die Leibeigenschaft in Russland auf, vermittelte Stückl ein Destillat des vierhundertfünfzigseitigen Romans, in dem er die Frage nach der Wertigkeit menschlichen Lebens verhandelt. Überall auf der neoliberalen Welt brechen zurzeit Konflikte auf, die in Gewalt eskalieren. Doch Stückl fragt nicht danach, ob Menschen das Recht haben, für eine „bessere“ Welt auch töten zu dürfen. Mehr als einmal zitiert er die Rolle Napoleons, einer der großen Schlächter der Geschichte, ebenso wie der Prophet Mohamed oder römische Cäsaren. Die Fragestellung nach Wert und Unwert des Lebens, wie sie haarfein im Dostojewskischen Werk erörtert wird, ist sicherlich spannend, doch die Frage, wie Raskolnikow zu seiner Tat, die eines radikalisierten „Moralmenschen“, kommen konnte, ist allemal spannender. Es war ein theoretischer Diskurs, der nur bedingt, doch hinreichend genug auf Ästhetik und schauspielerische Höhenflüge baute. Stefan Hageneiers fachwerkartiges Bühnenbild mit einigen wenigen gestaltlosen Möbeln lenkt dabei nicht ab, war lediglich Ausdruck von materieller Bedürfnislosigkeit. Die wird hier nicht als Elend, sondern als Ausgangspunkt begriffen für Ideen, die nicht auf Besitz basieren.

Mehrmals warf Raskolnikow, mal bissig und schneidend, mal tief in sich versunken und angewidert von Paul Behrens gespielt, seinem Freund Rasumichin vor, die Ideen der Sozialisten zu Unrecht zu verschmähen. Zwar teile er die Auffassung nicht, der Mensch sei ausschließlich Produkt seiner Umwelt, auf seinen eigenen (Gestaltungs-) Willen möchte er keinesfalls verzichten, doch treffe diese Determiniertheit durchaus in hohem Grade zu. Raskolnikow ist ein vom Leben enttäuschter und desillusionierter Mensch, der gegen die Gesellschaft zu opponieren beginnt und sich zunehmend dieser Gesellschaft verweigert. Sein Nihilismus steigert sich bis zu dem Punkt, an dem er zur mörderischen Tat fähig wird. Aus Verdruss über die Gesellschaft und der Abkehr von ihr, erhob er sich über sie und über ihre Moral, die ihm längst als widersinnig und verderbt erschien. So funktioniert Radikalisierung. Die Pervertierung des Geistes ist also nicht Produkt einer Ideologie oder einer Religion, sondern Resultat gesellschaftlicher Sinnlosigkeit und Leere. Raskolnikow entging letztlich dem „Gewissenswurm“ nicht, den ihm der Untersuchungsrichter Porfirij, liebenswert-schrullig und nervig-penetrant von Pascal Fligg gegeben, immer wieder ins Hirn pflanzte, weder im Roman, noch in Stückls Inszenierung.

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Jakob Geßner, Paul Behren, Carolin Hartmann

© Gabriela Neeb

 

Jakob Geßners Rassumichin radikalisierte sich nicht. Der realitätsnahe Student wusste ebenso um die Schwächen der Gesellschaft und ihrer Institutionen, rang aber verzweifelt um den Freund, der sich ihm und der Gesellschaft in Wort und Tat, hier Tatenlosigkeit, zunehmend entzog. Der Student der Medizin Sossimow, Moritz Kienemanns brachte ein wenig Salonkomödie in den ernsten und ernsthaften Diskurs, konterkarierte die Qualen der um Wahrheit und Anschauungen ringenden Homo Faber mit seiner bourgeoisen Oberflächlichkeit. Carolin Hartmann gab die Sonja, eine durch Elend in der Familie, die den Ernährer durch einen Unfall verloren hatte, zur Prostitution gezwungene Frau. Sie gab eine zur Liebe fähige, in ihrer Existenz zu bemitleidende Kreatur, die sich am Ende als Rettung für Raskolnikow entpuppen sollte. Der von ihr verkörperten ehrlichen menschlichen Regung konnte vertraut werden. Sie ist in der Bedrängnis die letzte Bastion die gebaut werden kann.

Die zweite weibliche Figur war Dunja, Raskolnikows Schwester, gespielt von Magdalena Wiedenhofer. Ihr Part beschränkte sich im Wesentlichen darauf, sich von Luschin, einem Rechtsanwalt, widerwärtig glatt und geschniegelt verkörpert von Oliver Möller, heiraten zu lassen, um dem Elend zu entgehen. Diese Figur nutzte Christian Stückl, um den Urvater der Ökonomie, Adam Smith (1723-1790) zu Wort kommen zu lassen. Der plädierte nämlich dafür, dass jeder ausschließlich seinem eigenen Egoismus frönen sollte, denn der führe in den persönlichen Wohlstand und dieser wiederum bereichere damit den Wohlstand der Gesellschaft. Luschins Statement, über das Ziel und den Weg seines Lebens, ungeachtet der Kollateralschäden und der zersetzenden Tendenzen in und für die Gesellschaft, führte die Zuschauer ins Heute. Videoprojektionen bebilderten dieses Heute schlaglichtartig. Stückl entlarvte damit einen wesentlichen Aspekt der heutigen Gesellschaftskrise: Geld ist keine Idee und Egoismus schafft keine Gesellschaft, vielmehr zerstört sie dieselbe. Und die Radikalisierung resultiert aus der Bindungslosigkeit des Individuums, dem in der Gesellschaft kein Wert mehr zugestanden bekommt, außer dem des materiellen Besitzes. Diese Wahrheit ist einfach und richtig und der Hinweis, sich doch noch einmal kritisch  mit den Ideen der Sozialisten zu beschäftigen, um das gesellschaftliche Leben wieder auf den Menschen zurückzuführen und nicht auf die Ökonomie, erscheint sinnvoll.

Stückls Inszenierung war diskursiv und dabei nicht ideologisch, sie war politisch aber kein Polittheater und sie war durchaus anstrengend, obgleich die Ästhetik dezent in den Hintergrund getreten war, um den Argumenten Raum zu geben. Sie war dennoch nicht langatmig oder öde, weil gewichtige Inhalte transportiert wurden. Es war gutes Theater mit einer brandaktuellen Botschaft.

 

Wolf Banitzki

 


Schuld und Sühne

von Christian Stückl nach dem Roman von Fjodor Dostojewski

Paul Behren, Pascal Fligg, Jakob Geßner, Carolin Hartmann, Moritz Kienemann, Oliver Möller, Magdalena Wiedenhofer

Regie: Christian Stückl

Volkstheater Das Handbuch für den Neustart der Welt nach einem postapokalyptischen Ratgeber von Lewis Dartnell


 

 

Raus aus der Realität – Rein in die postapokalyptische Zeit

Demnächst Klimagipfel. Es werden noch Wetten angenommen, ob diese Veranstaltung das Klima seiner Rettung auch nur eine Jota näher bringen wird! Wetten, dass niemand wettet! Warum? Weil sich seit Beginn der Klimarettung „der Untergang der Welt“ nicht linear, sondern exponentiell beschleunigt hat. Klimarettung, was für ein Blödsinn, denn Klima braucht gar nicht gerettet werden. Klima interessiert sich nicht dafür, was es bewirkt. Es findet einfach nur statt und das seit mehr als 3,5 Milliarden Jahren, seit die Atmosphäre in ihren Hauptbestandteilen existiert. Es ist der gewaltiger Irrtum des menschlichen Denkens, zu glauben, wir seien die Welt. Wir müssen nämlich gar nicht das Klima retten, sondern um unseretwillen uns selbst.

Nehmen wir einmal an, es hat uns trotz aller optimistischer Versprechungen der Industrie, der Wirtschaft und der Politik trotzdem erwischt und nur eine Handvoll Menschen haben überlebt, also etwa 10.000 von beinahe 7 Milliarden. Weil wir es uns aber trotz der jetzt schon dramatischen Folgen des Klimawandels nicht vorstellen können, durch eine Klimakatastrophe vom Planet gefegt zu werden wie seinerzeit die Saurier durch einen Meteoriteneinschlag, präferieren wir mal eine Pandemie. Es ist passiert und wieder vorbei. Was nun? Nun ist niemand mehr da, der uns (glaubhaft) sagen könnte, wie es weitergeht. Keine Panik, denn der Astrobiologe Lewis Dartnell hat sich unsere Köpfe zerbrochen und ein Kompendium geschrieben, das uns das Überleben garantieren könnte: „Das Handbuch für den Neustart der Welt“. Das Buch ist ein Ratgeber. Bis jetzt war es ein mäßiger Witz am Theater, wenn es hieß, der Regisseur ist so gut, der könnte auch das Telefonbuch oder eine Ikea-Montageanleitung inszenieren. Also, der Witz ist perdu.

Nicht, dass man sich der Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens nicht bewusst gewesen wäre. In einer Regiesitzung hieß es: „Aus einem Sachbuch ein Theaterstück zu machen ist keine Selbstverständlichkeit und immer ein Experiment. Der Autor ist kein Dramatiker, sein Text keine Tragödie. Das Drama muss zwischen den Zeilen hervorgeholt werden.“ (Programmheft zur Inszenierung, S.14) Noch einmal: „Das Drama muss zwischen den Zeilen hervorgeholt werden.“ Setzt voraus, es ist ein Drama drin. In einer Stunde und dreiundvierzig Minuten spulen sechs Schauspieler fundamentales Wissen über Mechanik, Biologie, Chemie, Physik ab, über das zu ca. 80 % jeder Abiturient verfügen könnte, wenn er in der Schule denn aufgepasst und dieses Wissen verinnerlicht hätte. (Der Kritiker hat sein Abitur 1975 gemacht.)  Dartnell meinte, es könne nicht schaden, das Buch gelesen zu haben, auch wenn es nicht zur Apokalypse kommt. Wenn es aber doch dazu kommt, dann ist der wissende Leser ganz weit vorn. Glaubt das tatsächlich jemand?

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Mehmet Sözer und Mara Widmann

© Arno Declair

 

„Jessica Glause inszeniert den Sachbuch-Bestseller als theatrale Schnellanleitung für Sie: die Überlebenden.“  So der Werbetext des Volkstheaters. Also doch kein Drama im Sachbuch? Bei genauer Betrachtung war der eine oder andere Kommentar der Regie wahrnehmbar. Zum Beispiel zeigten die wunderbar fantasievollen Kostümen von Bettina Werner, dass der Mensch auch nach der Apokalypse eine Eigenschaft nicht verloren hat, nämlich seine Eitelkeit. Schrill aber Öko, denn woher nehmen, wenn nicht aus der Natur? Schön anzusehen und gelegentlich auch witzig waren die aus Schrott oder Ersatzteilen „gebastelten“ Maschinen wie ein Wasserrad zur Energiegewinnung oder ein Fahrrad-Ambos-Hammer zum Schmieden oder Nüsseknacken. Faszinierend bunt und ebenfalls schön anzuschauen war das Gewächshaus mit nie gesehenen, neuen Pflanzenarten. (Bühne Mai Gogishvili)

Nein, von Drama zwischen den Zeilen kann nicht die Rede sein. Es mag ein witziges und lesenswertes Buch sein, das uns den Basics unserer Existenz wieder näher bringt, doch es hat einen Haken, es ist ein Handbuch zum Köhlern, Trinkwasserreinigen, Winkelmessen etc. und kein Buch, das wichtige und notwendig Fragen zugunsten von Heimwerkerwissen und Pfadsfinderratschlägen ausspart. Im Vorwort wird immerhin auch die Möglichkeit erwogen, dass wir Opfer eines Atomkrieges werden könnten. Egal, ob wir durch eine Klimakatastrophe, einen Atomschlag oder eine Pandemie in die Katastrophe schlittern, in jedem Fall ist die Katastrophe, ist unser Untergang entweder handgemacht oder wir haben zumindest einen großen Anteil daran. Es ist nicht witzig, von beinahe 7 Milliarden toten Menschen zu reden und gleichsam die postapokalyptische Zeit lustig und inspirierend zu finden, weil der Bastler oder Pfadfinder in uns erwacht. Schon gar nicht ist es witzig, diese unvollkommene, eigentlich nicht lebensfähige Spezies einfach aufzufordern, denselben technikgläubigen Weg zu beschreiten wie zuvor. Wo soll da ein Sinn sein? Müsste sich der Mensch nicht erst einmal neu definieren und damit sein Verhältnis zur Natur? Müsste er nicht erst einmal so grundlegende Fragen klären, ob er sich die Natur auf genau dieselbe Art Untertan macht und sie bis zur totalen Verstümmelung ausbeutet und Pandemien und Wetterkatastrophen provoziert? Diese Fragestellungen sind dramatisch, nicht, wie wir ein Lot bauen und mit einer Viertelkreispappe Winkel messen können.

Wenn diese Inszenierung uns zu erklären vermag, was es in Zeitgenossen auslöst, wenn YouTube, Twitter, Skye etc. wegen Strommangel verlöschen und mit ihnen auch Wikipedia, nämlich Heulen und Zähneklappern, verliert sie immerhin etwas ganz wichtiges völlig aus den Augen. Bücher werden bei Pandemien nicht in Mitleidenschaft gezogen und weltweit stehen ganze Bibliotheken zur Verfügung. Bevor man sie zum Heizen benutzt, könnten sie gelesen werden.  

Zurück zum Ausgangspunkt: Das Gedankenexperiment. Zu welchem Ergebnis sollte es eigentlich führen? Am Anfang eines Experiments steht immer eine Frage. Hier steht eine Prämisse am Anfang: Die Apokalypse hat stattgefunden. Darauf kann man keine Antwort geben. Diese Prämisse ist die Antwort, nämlich auf Vorgänge im Universum oder auf von Menschen verursachte Katastrophen. Dieses Gedankenexperiment ist ein theatrales Spiel, abseits von tradierten Formen. Ein Experiment war es schon gar nicht, denn es zeitigte keine Ergebnisse. Es war vielmehr Ausdruck von Erosion des Theaters. In Ermangelung guter dramatische Entwürfe, gleichsam Ausdruck der gesellschaftlichen Sinnkrise, tritt anstelle des genialischen Kunstwerks (schlüssig in Inhalt und Form) das Spiel mit den Formen, resp. die Auflösung tradierter Formen. Heraus kamen zwei Stunden Bedienungsanleitungen mit Musik und physischen Aktionismus. Einige Moment zum Schmunzel gab es auch. Doch das verkürzte den Abend nicht wirklich.

Und sein wir doch mal ehrlich, verdient es eine Spezies, die sich so aufführt, überhaupt, dass sie überlebt? Der Gedanke ist dramatischer als der an eine Klärgrube und Löschkalk.

Wolf Banitzki


Das Handbuch für den Neustart der Welt

nach einem postapokalyptischen Ratgeber von Lewis Dartnell

Luise Kinner, Jonathan Müller, Leon Pfannenmüller, Lenja Schultze, Mehmet Sözer

Regie: Jessica Glause

Volkstheater Sein oder Nichtsein von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch


 

 

Eine Lanze für das Sein

„Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch (1892-1947) hat, abgesehen davon, dass es ein filmischer Geniestreich ist, zweifellos Kultstatus. Das hängt nicht zuletzt mit der Polemik zusammen, die die Uraufführung des Films ausgelöst hatte und die eine Weile anhielt. Meisterlich inszeniert, erzählt der Film von der polnische Widerstandsbewegung. Er wurde in seiner Form als Komödie von vielen Antifaschisten als „geschmacklos“ empfunden. Bosley Crowther ging in seinem Urteil noch ein stückweit darüber hinaus: „Man hat den merkwürdigen Eindruck, Mr. Lubitsch sei Nero, der spielt und singt, während Rom brennt.“ (New York Film Reviews, Volume 3) Lubitsch beteuerte einige Jahre später in einem Brief an Herman G. Weinberg: „Es war nicht meine Absicht, die Polen zu verspotten. Ich wollte lediglich das Schauspielermilieu verhöhnen, aber vor allem die Sitten und Gebräuche der Nazi-Wahnsinnigen und des Nazi-Geistes zeigen, der die deutsche Gesellschaft in seiner Gewalt hatte. Ich glaube, mein Film war wahrhaftiger als die künstlerischen (die literarischen und die anderen) Werke, die den Hitlerfaschismus auf die Tätigkeit eines bestimmten Personenkreises beschränken.“

Niemand würde Lubitschs Komödie heute infrage stellen. Auch Chaplin plagten starke Zweifel bezüglich seines „Der große Diktator“, nachdem er die Wahrheit über die Konzentrationslager erfahren hatte. Wer würde heute „Der große Diktator“ infrage stelle? Woody Allen erklärte das Prinzip historische Komödie in seinem Film „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“. Er legte Alan Alda, der einen erfolgreichen Serienproduzenten spielte, den Satz in den Mund: „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“ So albern das aus dem Mund des aufgeblasenen, selbstverliebten Machers auch klingen mochte, die Formel entbehrt nicht einer gewissen Logik. Die (Film-) Geschichte gibt Woody Allen Recht.

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Pascal Fligg, Jakob Geßner, Christoph Müller, Mara Widmann

© Arno Declair

 

Nick Whitby (Jahrgang 1963) adaptierte den Film für die Bühne. Das Stück kam 2008 am Broadway zur Uraufführung. Inhaltlich blieb Whitby im Rahmen des Films. Die Geschichte spielt im Zeitraum der Besetzung Polens am 1. September 1939 und in dem folgenden Jahr. Polen ist in einem dreiwöchigen „Blitzkrieg“ niedergeworfen und zerstört worden. Der politische und militärische Widerstand, z.T. nach Großbritannien geflohen, z.T. im Land verblieben, formiert sich. Es ist eine Geschichte um eitle Schauspieler, „Seitensprünge“ und enttäuschten Hoffnungen auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten. Schließlich entwickelt sich eine Spionagegeschichte, die das Ensemble zwingt Farbe zu bekennen. Sie inszenieren eine Farce, in der sie die deutsche Gestapo, in Persona Gruppenführer Erhardt und Sturmführer Schulz, zwei ausgemachte Trottel, an der Nase herumführen. Schließlich können die Darsteller, insbesondre Josef Tura, die versehentlich in die Hände der Gestapo gelangten Informationen über den polnischen Widerstand an sich bringen und anschließend mit einem Flugzeug, gesteuert vom „Fehltritt“ Maria Turas, dem Piloten Leutnant Sobinski nach Schweden entkommen.

Regisseurin Mina Salehpour inszenierte Theater im Theater, bunt, schrill und mit sehenswerten szenischen Lösungen. Dabei konnte sie ganz auf die flüssige, bonmotreiche Komödiensprache Lubitschs vertrauen. Jorge E. Caros Bühne war durchgängig die Bühne des Theaters der Truppe um den Impresario Dowasz, die zugleich auch der Sitz der Gestapo war, die im Nationaltheater ihre Zelte aufgeschlagen hatte. (Kennst du ein Theater, kennst du sie alle!) Ortswechsel wurden glaubhaft und „einleuchtend“ durch Lichteinstellungen realisiert. Die üblichen Insignien der Macht, wie Reichsadler und Hakenkreuz waren gnadenlos karikiert worden. Der Adler war ein muckibudengestählter Vogel mit dickem Bizeps und das Hakenkreuz war durch zwei gekreuzte Hanteln ersetzt worden. Es war eine Diktatur von lächerlichen Kraftmeiern. Im Spiel wurde hemmungslos geknattert, chargiert, antichambriert und kolportiert. Die Regie überraschte indes auch mit „slow motion“ Szenen und kleinen magischen Kabinettstücken. Als Running Gag fungierte die Antwort „Ich heil mich selbst!“ auf „Heil Hitler!“

Mina Salehpour verfuhr, ganz im Sinne von Ernst Lubitsch, hemmungslos beim Entlarven der Schwächen von Schauspielern, deren bedeutendste ganz sicher die Eitelkeit ist. Pascal Fligg trat als Josef Tura jedes Mal zum großen Monolog „Sein oder Nichtsein“ auf, als sei es das letzte Mal. Er gab einfach alles, um die Welt von seinem unfassbaren Genie zu überzeugen. Mara Widmanns Maria Tura indes intrigierte in beinahe jedem Satz. Dem „göttlichen Poltern“ ihres Mannes begegnete sie mit weiblicher List, peinlich durchschaubar und dennoch wirkungsvoll. Christoph Müller, korsettierter Gruppenführer Erhardt und Don Juan für Arme, ließ deutschen Stumpfsinn aufblitzen wie eine durchbrennende Glühbirne. Ihm zur Seite stakste stechschrittartig Jakob Geßner als blödsinniger und willfähriger Homunkulus des Systems und Vollstrecker nationalsozialistischer Gesinnung. Es war eine kurzweilige Veranstaltung, in der dem Zuschauer auch die Möglichkeit geboten wurde, sich seiner altbewährten Vorurteile gegen das Theater und dessen Protagonisten zu versichern und sie genüsslich zu pflegen.

Das „Happy end“ des Films wurde dem Zuschauer im Volkstheater allerdings auf ziemlich brachiale und unerwartete, fast kathartische Weise vorenthalten. Das tat dem Spaß einen deutlichen Abbruch. Regissuerin Mina Salehpour, selbst im Iran geboren, holte Publikum und die Darsteller, man konnte es Oliver Möller in der Premiere (Shylockversessener und Lanze tragender Schauspieler Grünberg und Jude) deutlich ansehen, schlagartig und effektvoll in die Realität zurück. Damit nicht genug, in der letzten Szene vor dem Vorhang musste sich das Publikum zudem noch eine aktuelle und bohrende Frage gefallen lassen. Welche? Das sollte vor Ort herausgefunden werden. Es lohnt sich allemal. Ein gelungener Auftakt in die neue Spielzeit am Münchner Volkstheater!

 

Wolf Banitzki

 


Sein oder Nichtsein

von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch

Miguel Abrantes Ostrowski, Pascal Fligg, Jakob Geßner, Christoph Müller, Jonathan Müller, Oliver Möller, Leon Pfannenmüller, Mehmet Sözer, Magdalena Wiedenhofer, Mara Widmann

Regie: Mina Salehpour

Volkstheater Die Präsidentinnen von Werner Schwab


 

 

Maßlos

Ein neuer Farbfernseher ist angeschafft worden. Das ist ein guter Grund zum Feiern und so treffen sich die Putzfrauen Erna, Grete und Mariedl, um das mit einer Pabstmesse zu tun. Das Leben ist nicht zimperlich mit ihnen umgegangen und sie gehen nicht zimperlich mit dem Leben um. Da muss man auch schon mal in den Stuhl der Welt greifen, um in die Realität zu tauchen. Überhaupt ist es der Schmutz, der alles Gute, Reine und Erhabene bedroht und darum ist es auch so wichtig, täglich seinem Mann, resp. Frau zu stehen im Kampf. Auch persönlich gibt es gute Gründe zur Klage. Erna hat einen Sohn, den Hermann, der sich dem Verkehr verweigert, um ihr keine Enkel zu schenken. Zudem ist er ständig betrunken, weil er den Leberkäs nicht mag und nur Schnaps dagegen hilft. Dabei macht der Metzgereiladenbesitzer Wojtyla, zwar ein Pole, aber immerhin, den besten Leberkäs und Dank einem Versprechen hat er den Leberkäs auch lebenslang tiefpreisgesenkt. Der Wojtyla wär‘s. Auch Grete hat ihr „fettes“ Los zu tragen. Die älteste Tochter ist auf und davon nach Australien. Der Vater hatte sie immer bestiegen. Aber das kann Erna verstehen, denn er hat ihr geschworen, dass die Tochter ebenso schön ist, wie die Erna einst war. Wie kann man ihm da böse sein? Und als die Tochter ging, ging auch der Ehemann. Bleibt noch der Dackel. Mariedl indes hat ihre Erfüllung gefunden. Gibt es denn eine wichtigere Person als eine Klofrau, wenn die Muschel verstopft ist und überläuft wie bei der Sintflut. Das ist Mariedls Stunde, dann greift sie an und zu. Handschuh lehnt sie ab. Nur in der Aufopferung zeigt sich wahre Frömmigkeit. Und überhaupt: Blasphemie macht sie wütend.

Und so träumen sich die drei in ein Leben, das ein einziges Fest ist. Mariedl wird vom Pfarrer beschenkt. Eine Dose Goulasch, ein Bier und ein Fläschchen Parfüm, deponiert in verstopften Klos, bringen sie ihrer absoluten Seligkeit sehr nahe. Der Wojtyla erkennt die Werte der Erna und hält um ihre Hand an, um sie zur Metzgereiladenbesitzerin zu machen. Und um Grete hält ein fescher Tubaspieler und Gutsbesitzer an. Das letzte große Hosianna liegt bereits in der Luft, als Streit aufkommt und Mariedl, die von Gier nach Anerkennung Getriebene, rachelüstern die Realität beschwört. Es kommt zum Äußersten.

Dieses vom Autor Werner Schwab, der letzte wirklich böse Bube Österreichs des 20. Jahrhunderts, als Fäkalstück bezeichnete Drama, ist kein Sozialdrama, denn es geht darin  nicht vordergründig um Menschen am Rand oder im Bodensatz der Gesellschaft. Es geht um die philosophische Aufhebung des Monströsen. Die Philosophie der „Putzfrau“ folgt einer eigenen Logik. Aufgeladen mit simplen, z.T. recht blödsinnigen religiösen Inhalten, wird die Welt heruntergerissen auf Gut und Böse. Es gibt für alles einen Schuldigen und es gibt für alles Opfer. Selbstmitleid ist eine Tugend und Schuldbewusstsein das Schmiermittel für Bösartigkeiten, die man anderen Menschen antut. Schwabs Werk ist an Radikalität kaum zu überbieten und Regisseur Abdullah Kenan Karaca wird diesem Anspruch mit seiner Inszenierung am Volkstheater durchaus gerecht.

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Paul Behren, Moritz Kienemann, Max Wagner

© Gabriela Neeb

 

Sita, mit bürgerlichem Namen Sven Schmidt, schuf für das Kaffeekränzchen kein muffiges Wohnzimmer, sondern einen Stall mit drei Boxen, deren Wände verschiebbar waren. Darin waren die drei Frauen gefangen wie Wesen, die man zur Mast oder zur Arbeit hält. Berührungen wie Schläge oder Streicheln waren nur über die hohen Zwischenwände hinweg möglich. Die Kostüme, ebenfalls von Sita, waren von spießig mit Plisseekleid bei Erna bis prollig mit Jeans und rosafarbenem Synthetikkuschel. Im Verlauf der Vorstellung entkleideten sich die Darsteller und übrig blieben die Figuren im Bodysuit: Erna – flach- und hängebrüstig mit ausladendem Becken; Mariedl – proper und wohlproportioniert, ein Körper der von physischem Fleiß zeugte und  Grete – einfach nur fett und unförmig.

Dass Abdullah Kenan Karaca auch Schauspieler zu führen weiß, ist seit „Arabboy“ und „Der große Gatsby“ hinlänglich bekannt. Was er in dieser Inszenierung aus seinen Darstellern Paul Behren (Erna), Moritz Kienemann (Mariedl) und Max Wagner (Grete) heraus kitzelte, war faszinierend. So unterschiedlich die Temperamente der Figuren waren, so gravierend unterschieden sich die drei Darsteller in ihrer Spielweise. Max Wagners Grete ruhte in sich, und mit ruhte ist ein Zustand bezeichnet, in dem selbst die Molekularbewegung zu enden schien. Die größte Herausforderung für diese Grete war das „Auf-die-Beine-kommen“ und das „Sich-zur-unerschütterlichen-Ruhe-betten“. Durch übermäßige Wut aufgebracht, wurde der Körper zu einer tödlichen Bedrohung. Paul Behren gab seine Erna als eine „kultivierte“, spitzlippige, schnippische Frau, die vorgeblich Schmerzen litt, wenn in Fäkalsprache geredet wurde. Dabei war Stuhlgang eines der dominierenden Themen im Stück. Sie fühlte sich unbedingt zu Höherem berufen. Die Mariedl von Moritz Kienemann war wie ein Frettchen auf Speed, ständig in Bewegung, ständig an sich herum zupfend und kauend, wobei sie den vorderen Teil ihres Pullovers bereits ihre Verdauungsorganen überantwortet hatte.

Das Spiel war schlichtweg eine Augenweide und ein Ohrenspaß, denn Schwabs Sprache ist einzigartig, auf eine sehr perverse Weise poetisch und maßlos, so maßlos, wie alles an Werner Schwab war, selbst sein Tode. Als man am 1. Januar 1994 seinen Leichnam in seiner Wohnung fand, wies sein Blut 4.1 Promille Alkohol auf. Er starb an einer Atemlähmung. Das Wunderbarste an dieser Inszenierung war, dass es nicht zur Ekelorgie gerann. Es war ein dramaturgisch gut durchgearbeiteter Theaterabend, der als philosophisch bezeichnet werden darf, - keine platte Vulgata des Schocktheaters. Abdullah Kenan Karacas Inszenierung bewies mit Nachdruck, dass Schwab kein Schmuddeldramatiker war, sondern ein sehr ernstzunehmender Autor, dessen Werk, anders als sein Schöpfer, noch eine Zukunft hat.

 

Wolf Banitzki

 


Die Präsidentinnen

von Werner Schwab

Paul Behren, Moritz Kienemann und Max Wagner

Regie: Abdullah Kenan Karaca

Volkstheater 3000 Euro von Thomas Melle


 

 

Nur Fragen – keine Antworten

Als Zuschauer fühlte man sich nicht unbedingt behaglich im Bühnenbild von Nikolaus Frinke, denn man saß einer den ganzen Raum durchziehenden Spiegelwand gegenüber und war gezwungen sich selbst wahrzunehmen und zu betrachten. Gespielt wurde über weite Strecken im Publikum, was via Spiegel zu verfolgen war. Das meinte, die Geschichte von Anton, der wegen 3000 € Schulden aus der Lebensbahn geraten war, und Denise, alleinerziehende Mutter ohne Mittel und mit vielen Sehnsüchten, geschieht und geschah mitten unter uns, in der Mitte der Gesellschaft. Thomas Melle, der aus seinem Roman eigens für das Volkstheater eine Stückfassung erstellt hatte, thematisierte Armut. Der Betrag von 3000 €, das durchschnittliche Monatseinkommen pro Kopf in Deutschland, war für Anton, der gerade sein Studium beendet und es ein paar Wochen richtig hatte krachen lassen, zur Falle geworden. Die Deutsche Bank, für die 300 Mio. € einmal Peanuts waren, hatte für diesen vergleichsweise nichtigen Betrag den Rechtsweg beschritten. Obgleich sich Freunde, Bekannte und auch Beamte um Anton bemühten, machte dieser keinerlei Anstalten, einen rechtskonformen Weg zu gehen. Er machte „zu“ und ließ sich den Fluss des Lebens hinuntertreiben. Denise schob tagaus, tagein Waren über den Scanner einer Supermarktkasse, erfüllt von Sehnsüchten, deren Inhalt Wohlstand und eine erfüllte Beziehung waren, und geplagt von lähmenden Ängsten, erkannt zu werden, denn sie hatte, um sich aus ihrer finanziellen Misere zu befreien, Pornofilme gedreht. Und da ihr Frust keine andere Projektionsmöglichkeit fand, entlud er sich auf dem noch unschuldigen Haupt ihrer Tochter Linda.

Als sie sich im Supermarkt zum ersten Mal begegneten, registrierten beide eine starke Anziehung. Schüchterne Versuche der Annäherung folgten, doch bald schon stellte sich das ungute Gefühl ein, dass die Beziehung an den äußeren Umständen nur scheitern konnte. So ging jeder seinen Weg der Erniedrigung und der unerfüllten Wünsche.

Thomas Melles Text war episch breit angelegt, erzählte viel von der Geschichte und ihren Protagonisten, und ließ nur begrenzten Raum für dramatisches Spiel. Das war ein vornehmlicher Grund dafür, warum sich die Geschichte ebenso lang anfühlte, wie sie auch war: zwei Stunden. Allerdings zeichnete sich der Text durch einen tiefen, glaubhaft festgehaltenen Wahrheitsgehalt aus, der neben Witz noch eine weitere Qualität besaß: nämlich anrührende Poesie. Melle scheint das Leben zu kennen und er kann überzeugend darüber sprechen. Zumindest taten es die Darsteller. Oliver Möllers Anton war ein verbitterter junger Mann, der kompromisslos gegen die Welt seinen eigenen Niedergang betrieb. Seine Selbstbehauptung erhob ihn über die Zustände und ließ ihn zu einem Outlaw werden, der immer unnahbarer und unantastbarer wurde. Er erweckte den Eindruck, dass die Vorgänge um ihn und seinen Fall nichts mit ihm zu tun hätten - „The Big Lebowski“, wenn auch nur im Westentaschenformat und nur halb so cool. Aber schließlich sind wir nicht in Amerika. In Deutschland nimmt man das Thema Armut noch mit dem naturgemäßen Ernst und verströmt Betroffenheit. Vor allem bleiben wir beim Thema politisch korrekt. Luise Kinners Denise war sichtlich sensibler gestaltet. Während Möller aggressiv und voller Wucht gegenhielt, zermarterte sich Kinners Denise, was ihrer lausigen Lebensqualität den finalen Stoß versetzte. Katastrophen und Erniedrigungen reihten sich wie Perlen auf einer Schnur: die schnelle Nummer mit dem verklemmten Angestellten, die Sauftour mit dem ewig saufenden Vater, die Erpressungen des Pornoproduzenten, die aussichtslose Suche nach einem echten Partner, die „missratene“ Tochter, die bei den medizinischen Tests versagte und wider Erwartung funktionierte, was die Unterstützung gefährdete und schlussendlich die Entdeckung und Bloßstellung als Pornodarstellerin „Nadine“ durch zwei Bauarbeitern im Supermarkt  – Lichtblicke gab es keine.

  3000-Euro  
 

Pascal Fligg, Mara Widmann, Oliver Möller

© Gabriela Neeb

 

Die sehenswert spielerischen Dimensionen erreichte die Inszenierung in den Dialogen der Protagonisten mit Mara Widmann und Pascal Fligg, die beeindruckend komödiantisch die Parts von Freunden, Bekannten, zufälligen Begegnungen oder Beamten übernahmen und dabei enorm facetten- und einfallstreich sowohl gestisch-mimisch als auch stimmlich agierten.

Die Inszenierung von Brit Bartkowiak war tadellos, überzeugte durch ein wunderbares Grundkonzept, viele szenische Lösungen und durch gute Führung der Darsteller. Was kann man mehr verlangen. Die Musik von Joe Masi sicherte die ästhetische Ebene perfekt wie ein Seil einen Kletternden. Dennoch gibt es einen nicht unerheblichen Einwand gegen das Werk und der zielt auf den Schluss. Thomas Melle hat mit seinem Text eine verbindliche Sicht auf das Thema Armut geschaffen, die sich allemal als Diskussionsangebot eignen würde. Doch davor war ein märchenhafter Schluss, in dem Denise mit Tochter Linda in New York sitzen und Pizza essen. Plötzlich und unerwartet nimmt  Denise einen Mann wahr, von dem sie glaubt, es sei Anton. In diesem Augenblick fällt eine letzte Last von ihr ab, nämlich Anton nicht mit ihrem Honorar für die Pornofilme geholfen, sondern eine Reise gemacht zu haben, die sie sich schon immer gewünscht hat. Dieser Schluss war kitschig und er setzte einen unweigerlichen Punkt unter das Thema. Es erinnerte fatalerweise an De Sicas neorealistischen Film „Das Wunder von Mailand“ in dem die Obdachlosen, nachdem man ihnen auch noch ihre Favela genommen hatte, mit Fahrrädern unter kitschigen Klängen in den Himmel hinauf fuhren.

Schade. Schade auch, dass das bildreiche und wortgewandte Stück die entscheidenden Fragen nicht gestellt hat und damit auch keine gesellschaftskritische Dimension bekam. Thomas Melle ist sehr sensibel mit dem Thema umgegangen. Befragt, warum er das Wort „Unterschicht“ als diskriminierend betrachte, gab er zu verstehen, dass er sich auch solcher „Euphemismen wie ‚sozial benachteiligter Mitbürger‘“ nicht bedienen würde. Das ist sehr ehrenhaft. Aber macht es Sinn, ein so großes Thema in die Hand zu nehmen und zur Unterhaltung des Publikums damit zu jonglieren? Fragen sind gut – Antworten wären besser!

Wolf Banitzki

 


3000 Euro

von Thomas Melle

Oliver Möller, Luise Kinner, Mara Widmann, Pascal Fligg, Greta Hummel/Martha de Righi

Regie: Brit Bartkowiak

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