Volkstheater  Die Dämonen von Fjodor M. Dostojewskij


 

Verführung ist kein Phänomen

Um ein Haar wäre uns Dostojewskij verlustig gegangen, denn die Hähne der Gewehre seines Erschießungskommandos waren bereits gespannt, als die Begnadigung durch den Zaren eintraf. Das war im Jahr 1849. Wessen hatte sich Dostojewskij schuldig gemacht, dass der Staat, hier der Zar, sein Leben forderte? Er war Anhänger der Ideen eines gewissen Wassiljewitsch Butaschewitsch-Petraschewski, der Mitte der 1840er Jahre den nach ihm benannten Zirkel begründet hatte. Petraschewskis Ideen waren beeinflusst von den französischen Frühsozialisten um Charles Fourier. Im Zirkel herrschte keine homogene Weltanschauung vor, vielmehr war es ein Debattierklub, in dem viele Anschauungen diskutiert wurden. In dem Roman „Die Dämonen“, geschrieben 1870 in Dresden, bekommt man reichliche Kostproben von diesem Weltanschauungspluralismus. In zwei Punkten war man sich im Wesentlichen doch einig: Unerträglich waren den Petraschewzen der zaristische Despotismus und die Leibeigenschaft. Das reichte seinerzeit aus, um sein Leben zu verlieren. Für Dostojewskij war das eine nachhaltige Lehre.

Eine russische Kleinstadt um die Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Elite, zumeist parasitär lebende Wohlstandsbürger geraten in Aufruhr, denn das Enfant terrible Nikolaj Stawrogin kehrt zurück. Und mit Stawrogin hält der Aufruhr Einzug in der Stadt. Das heißt, eigentlich ist er längst da, wird schnell und effizient organisiert. Das Ergebnis: eine revolutionäre Fünf-Mann-Zelle. Bislang geht es noch um nichts, um eine versteckte Druckmaschine. Doch mit Stawrogin, eine Figur, „von der der Marquis de Sade lernen könnte“, der indes eine Kopie des atheistischen Franzosen zu sein scheint, hält Pjotr Werchowenskij Einzug in der Stadt. Während Stawrogin ein narzisstischer Egoist und Nabob ist, verkörpert Werchowenskij den Typus des Berufsrevolutionärs. Er kennt nur ein Ziel, den Sturz der staatlichen Ordnung und die Anarchie. Er schart eine Gruppe junger Menschen um sich und versucht sie zu soldatischen Revolutionären heranzuziehen. Die Weltanschauungen und Unzufriedenheitspotenziale bilden eine vage Gemengelage und Werchowenskij treibt die Radikalisierung voran, um sie gefügig zu machen. Sein Plan ist simpel: „Überreden Sie vier Mitglieder einer Gruppe, den fünften um die Ecke zu bringen, unter dem Vorwand, dieser könnte sie denunzieren, und sogleich werden Sie alle durch das vergossene Blut wie durch einen einzigen Knoten aneinanderfesseln.“ Das Rekrutieren der Soldaten ist ein Leichtes für den eloquenten und aggressiv agitierenden Werchowenskij, doch er braucht eine charismatische Führerfigur. Dabei hat er Stawrogin im Auge. Doch der lässt sich von dem nihilistischen Demagogen nicht einfangen. Stawrogin ist keiner, ganz wie de Sade, der irgendwo „dazu gehören möchte“.

Langsam schaukeln sich die Aggressionen hoch, stetig angeheizt von Werchowenskij, und ehe er sich versieht, schlägt seine Gruppe ohne Befehl los. Sie stiften Brände in der Stadt und Aufruhr bricht aus. Werchowenskij, empört über diese mangelnde revolutionäre Disziplin, treibt seine Truppe weiter voran und schreitet zum Äußersten. Die vier jungen Männer werden gezwungen, den „fünften“, den Studenten Schatow zu töten, der aussteigen will, denn er sieht unerwartet Vaterfreuden entgegen und das verleiht seinem Leben wieder einen positiven Sinn. Die Tat wird vollbracht und dem Selbstmörder Alexej Kirillow in die Schuhe geschoben. Allerdings können die jungen Revolutionäre mit der Schuld nicht leben und gestehen öffentlich. Eine letzte Frage bleibt (unbeantwortet). War die revolutionäre Zelle die einzige in Russland, oder gibt es, wie der tyrannische Werchowenskij behauptet, tausende revolutionärer Zellen. Die konspirativen Regeln verboten schließlich aus Sicherheitsgründen den Kontakt der Zellen untereinander. War alles nur ein großer Betrug an den Unzufriedenen, hat man ihnen die Dämonen eingeblasen und sie haben einfach nur Verbrechen begangen?

  Die Daemonen  
 

Harry Schäfer, Pola Jane O´Mara, Silas Breiding, Mara Widmann, Jonathan Hutter

© Gabriela Neeb

 

So funktionierte Verführung, Verblendung und Radikalisierung. So funktioniert es auch heute noch. Und dass die Verführer und Demagogen diese Wahrheiten über ihr Treiben lieber unter dem Teppich halten wollen, beweist die Tatsache, dass Dostojewskijs dystopische Vision, gespeist aus eigener Erfahrung und mit scheinbar gesetzmäßiger Regelmäßigkeit immer wieder historische Realität geworden, in der Sowjetunion zwischen 1917 und 1989 nur ein Mal als Einzelausgabe erschien. Allerdings wurde die Auflage von 1935 noch vor der Auslieferung zurückgehalten und verschwand spurlos. In der DDR erschien der Roman sogar erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Grund dafür war eine beiläufige Aussage Lenins aus den zwanziger Jahren, dass der Roman die proletarische Revolution diskreditiere.

Dem jungen Regisseur Felix Hafner, der zuletzt mit der Inszenierung von „Schöne Neue Welt“ nach Aldous Huxley am Volkstheater Akzente setzte, gelang es tatsächlich, diesen 600 Seiten umfassenden Roman in seinen Grundzügen und Botschaften auf die Bühne zu bringen. Der Dramatisierung, bei allen Bemühungen blieb es doch weitestgehend ein Prosatext, muss Respekt gezollt werden, denn die Kunst des Weglassens, auch von Figuren, scheint der 1992 geborene Haffner zu beherrschen. Darüber hinaus hat er den Text mit einer in jeder Hinsicht ambitionierten Ästhetik transportiert. Die Kostüme von Slavna Martinovic waren historisierend und wiesen dabei Eigenheiten auf, die auch die Modeschöpferin in der Kostümbildnerin verrieten. Das Bühnenbild von Stefanie Grau bestand aus neun großen schwarzen Fahnen, die nach Bedarf umarrangiert werden konnten. Sechs große Gebläse brachten Bewegung in die Tücher und unter Zuhilfenahme von Bühnennebel ließen sich auch die erwähnten Feuersbrünste glaubhaft und eindrucksvoll realisieren. Die Musik von Clemens Wenger erzeugte zudem magische Momente in der artifiziellen Aufführung, die in manchen Szenen vom Schauspiel zu Tanztheater wechselte. (Choreographie: Dunja Jocic)

Das alles funktionierte recht gut, denn das Ensemble des Volkstheaters ist dafür bekannt, dass es nach Herausforderungen geradezu giert. So fand zuallererst feinstes Ensembletheater statt. Darüber hinaus gab es aber auch bemerkenswerte Einzelleistungen, allen voran Silas Breiding in der Rolle des Nikolaj Stawrogin. Sein Gestus, im Roman nennt man ihn auch Prinz Harry, hatte etwas von einem Unberührbaren. Keine Schandtat war ihm fremd und er gab seine Verbrechen auch unumwunden zu, wenn es die Situation zuließ, dennoch war er in seinem kategorischen Individualismus ebenso unfrei wie unglücklich. Das hatte er mit allen anderen Protagonisten gemein. Silas Breiding brachte die kontrastierende Abgehobenheit der Figur souverän zum Ausdruck. Man möchte meinen, er war endlich an einen Regisseur geraten, der um seine wirklichen Qualitäten weiß. Auffällig war auch Jonathan Müller, der zwei sehr unterschiedliche Rollen zu gestalten hatte, die des unauffälligen Beamten Wirginskij und die des moralisch völlig verwahrlosten Hauptmanns Lebjadkin, der dieser Aufgabe absolut gerecht wurde. Anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig war die Gestaltung des Pjotr Werchowenskij durch Pola Jane O´Mara. Stepan Werchowenskij, Pjotrs Vater, philosophisch parlierend von Jörg Lichtenstein gespielt, ist ein ehemaliger Hochschuldozent, eine moralische Instanz im Ort. Pjotr Werchowenskij ist also ein „Lehrerkind“, ein Besessener, der nur ein Ziel hat: seine Adlaten gefügig und funktionierend zu machen. Das Indoktrinatorische ist dem Wesen der Figur eigen, auch wenn sie gelegentlich sehr schrill, sehr hektisch und sehr zappelig rüberkam: unangenehm, aber durchaus nicht ohne Sinn.

Die dreistündige Inszenierung ist, um es mal lax zu sagen, ein echter Brocken, den nur verdauen kann, wer der Geschichte erliegt und von ihr in den Bann geschlagen wird. Wem das nicht gelingt, sei es wegen der artifiziellen Ästhetik oder wegen der über längere Strecken fehlenden Dialogdramatik oder wegen der Fülle an intellektuellen Ausflügen in die nicht immer nachvollziehbaren Sphären der Philosophie oder der Religion, der wird unweigerlich quälende Längen empfinden.

Dennoch muss ein Stab für die Inszenierung gebrochen werden, da eine publikumsfreundliche Umsetzung des gewaltigen Stoffes kaum möglich ist. Ein zwingender Grund für den Besuch dieser Inszenierung ist die Aktualität, denn wir befinden uns in einer sehr ähnlichen Situation der Verunsicherung, des Mangels an Vertrauen in staatliche Institutionen und politischen Programmen. Und wir sehen überall die Brandstifter, die ungezügelt zündeln und unverhohlen die nächste Stufe der Eskalation von Gewalt predigen und vorbereiten. Dostojewskij hat in seinem Roman ein sehr klares und historisch fundamentiertes Bild vom Ergebnis dieser Entwicklung gezeichnet. Er hat dabei keinen Zweifel daran gelassen, dass Verführung kein Phänomen ist, sondern das Ergebnis zielgerichteter Arbeit von Verführern und Demagogen. Wenn etwas besonders einfach, einleuchtend, glaubhaft und vernünftig klingt, sollte man unbedingt erst einmal misstrauisch sein und hinterfragen. Die effektivste Lüge war noch immer die, die im einfachen, uns vertrauten Gewand daherkam.

Das gilt übrigens auch in Bezug auf Dostojewskij, einem der bedeutendsten Vertreter des Realismus des 19. Jahrhunderts, der sich selbst gern mit Rousseau verglich und der uns heute als integrer, den Humanismus und die Wahrheit befördernden Menschen in seinen Werken gegenübertritt. In seinem Roman „Die Dämonen“ gesteht Nikolaj Stawrogin, dass er ein junges Mädchen vergewaltigt hat, die sich schließlich das Leben nahm. In einem Brief vom 28. November 1883 beklagt sich der Philosoph N.N. Strachow beim Grafen L.N. Tolstoi, dass er Dostojewskij gegenüber eine tiefe Abscheu empfinde wegen dessen Eigenschaften. Er beschrieb den Schriftsteller als böse, gemein, lasterhaft und neidisch. Dostojewskij sei ebenso böse wie klug und Strachow erwähnte in diesem Brief, dass sich Dostojewskij einem Bekannten gegenüber rühmte, ein kleines Mädchen in einem Badehaus missbraucht zu haben, das ihm von dessen Gouvernante zugeführt worden war. Vielleicht wollte Dostojewskij sich mit diesem Buch auch von den eigenen Dämonen befreien.

Wolf Banitzki

 


Die Dämonen

Fjodor M. Dostojewskij
In der Übersetzung „Böse Geister“ von Swetlana Geier

Silas Breiding, Pola Jane O´Mara, Jakob Immervoll, Mara Widmann, Jonathan Hutter, Jonathan Müller, Harry Schäfer, Carolin Knab, Jörg Lichtenstein, Ensemble

Regie: Felix Hafner

Volkstheater  Ein Sommernachtstraum von William Shakespeare


Nichts Neues aus dem Zauberwald

„Ein Sommernachtstraum“, eines der beliebtesten Stücke von Shakespeare, ist ein komplexes Gebilde. Möglicherweise für drei Aristokratenhochzeiten geschrieben, sollte es den Bräutigamen eine Warnung sein, ihr flatterhaftes Leben zu beenden und Verantwortung für die andere eheliche Hälfte zu übernehmen. Zugleich war es vermutlich ein Seitenhieb auf das grassierende Amateurtheater, das auf penetrante Weise die Einnahmen der professionellen Theater schmälerten. Erzählt wird von den Vorbereitungen zu der Hochzeit von Theseus, Herzog von Athen, mit der Amazonenkönigin Hippolyta. Da tritt unvermittelt ein Mann namens Egeus vor den Herrscher und fordert einen Richtspruch. Seine Tochter Hermia, die für eine Ehe mit Demetrius vorgesehen ist, liebt Lysander. Die Strafe für die Nichtbefolgung des väterlichen Willens: Tod oder Verbannung in ein Kloster. Die jungen Liebenden fliehen in den Athener Wald, verfolgt von Demetrius, der Hermia liebt. Er wiederum wird von Helena verfolgt, die ihn liebt, und um die Sache noch weiter zu verkomplizieren, liebt Lysander auch mal Helena. Kurz gesagt, jeder liebt irgendwann in dem Zauberreigen mal jeden. Parallel zu dieser Geschichte hat Oberon, der Elfenkönig Stress mit seiner Gattin Titania. Es geht um Eifersucht und Seitensprünge. Um Titania zu bestrafen, schickt Oberon seinen Diener Puck aus, um den Saft einer Wunderblume zu beschaffen.

Dieser Saft bewirkt, dass die mit ihm infizierte Person sich in das erstbeste Geschöpf verliebt, dessen sie ansichtig wird. Puck, ein eigenwilliger Geselle, findet Vergnügen daran, die Paare zu verwirren. Höhepunkt ist die Vereinigung der verblendeten Titania mit dem Handwerker Zettel, der allerdings verzaubert und eselköpfig ist. Zettel ist Akteur der Handwerkertruppe, die das tragische Spiel von „Pyramus und Thisbe“ im Wald proben, um es zur Hochzeit des Athener Souveräns zur Aufführung zu bringen. Am Ende entzaubern Oberon und Puck alle Beteiligten wieder, außer Demetrius, der nun Helena liebt. Drei Paare heiraten zuletzt in wonniger Eintracht: Theseus und Hippolyta, Lysander und Hermia und Demetrius und Helena. Oberon und Titania versöhnen sich wieder nach der Theateraufführung und segnen die zukünftigen Sprösslinge der Paare.

Wer nun glaubt, dieser Theaterabend sprenge alle Grenzen, der sei vorab schon beruhigt, denn Regisseur Kieran Joel hat kräftig gestrichen und die aufgeblasene dreisträngige Geschichte auf die ständigen Verwirrungen und Verblendungen der vier jungen Leute Lysander, Hermia, Demetrius und Helena eingedampft. Oberon und Titania kamen vor und auch die Theatertruppe, bei Shakespeare Handwerker-Rüpel genannt. Von sechs an der Zahl im Text waren nur drei auf der Bühne übrig geblieben, die immer wieder scheinbar grundlos durch das Geschehen geisterten. Auf viele Personen wurde verzichtet und auch auf etliche, erklärende Szenen.

 

 
  Sommernachtstraum Volksthea  
 

Carolin Hartmann, Nina Steils, Jakob Geßner, Sebastian Schneider, Timocin Ziegler

© Arno Declair

 

Als Bühnenbild übernahm Belle Santos, sie zeichnete auch für die Kostüme verantwortlich, das Sycamore Grove Theater aus dem Film „Romeo & Juliet“ (Regie: Baz Luhrmann 1996), ein die Antike beschwörendes abbruchreifes Amphitheater. Die vier jugendlichen Protagonisten, gespielt von Nina Steils, Carolin Hartmann, Sebastian Schneider und Timocin Ziegler steckten in identischen Kostümen und unter identischen, ziemlich blöd aussehenden Pagenkopfperücken, so dass das Verwechselungsspiel schon mal an individueller Bedeutung verlor. Egal, wer mit wem… Tatsächlich wurden auch immer wieder dieselben Texte gesprochen, wenn es um Liebesschwüre, Anbetungen oder Ablehnungen ging. Die eigentliche Hauptfigur war indes Puck, der exemplarisch vor Augen führte, wie wenig verlässlich die Liebe doch im Grunde sei. Max Wagner, bewaffnet mit seiner Wunderblume, in überwiegend zeitlosen Kostümen, nur zuletzt erschien er im Harlekinkostüm, mischte das Spiel immer wieder auf, distanziert, herablassend und emotionslos, ein wahrer Advocatus Diaboli.

Zwischendrin die drei Handwerker-Rüpel: Jakob Geßner als Zettel, Mauricio Hölzemann als Squenz und Oleg Tikhomirov in der Rolle des Flaut. Ihre Kostüme verwiesen auf sehr elegante und fantasievolle Weise auf das elisabethanische Theater. Allein, ihre Augen hatte etwas unterweltlerisches oder alienhaftes. Visuell war es ein illusterer eklektizistischer Entwurf, der sich auf nichts wirklich festlegen ließ. Es wurde quer durch die Kunstgeschichte zitiert. Noch einmal konterkariert wurde das zivilisatorische Ganze durch Pascal Fligg in der Rolle des Oberon und Luise Deborah Daberkow als seine Gattin Titania. Die beiden hätten gut und gerne Caliban (Das in der Unterwelt lebende Monster aus „Der Sturm“!) und dessen Schwester abgeben können. Beide gebärdeten sich ebenso animalisch und zügellos, wie sie scheußlich aussahen.

Nun kann man schwerlich behaupten, die Inszenierung hätte dem großen und großartigen Stück neue Offenbarungen entlockt. Das Regiekonzept zielte vielmehr auf das Spiel mit den altbekannten Wahrheiten über die Subjektivität von Liebenden, von der Wechselhaftigkeit der Gefühle und von dem Leiden, das Liebe häufig mit sich bringt. Es war eine sehr kurzweilige Inszenierung, die allerdings den Shakespeareschen Entwurf weder in der Breite der Handlung, noch in der Auslotung der psychologischen Tiefen umfänglich transportierte. Aber wem kann man schon vorwerfen, wenn er sich bei dem gut vierhundert Jahre alten Text bedient, um sich, seinen Mitstreitern und auch dem Publikum einen echten Spaß zu bereiten. Schon gar nicht, wenn er es schafft und das muss man Regisseur Kieran Joel und seinen Mitstreitern bescheinigen.

Wenngleich manche sich nur in anderer Figurenkonstellation mehrfach wiederholenden monotonen Szenen um den Kampf der Paare grenzwertig lang erschienen, waren doch die Auftritte von Max Wagner immer wieder erfrischend und belebend für das Spiel. Zudem hatten die Szenen der drei Handwerker-Rüpel oftmals zirzensischen Charakter, die einerseits das Zauberhafte des von Geistern, Feen, Trollen etc. beseelten Waldes lebendig werden ließ, die andererseits Slapstick nicht scheute. Einer der Höhepunkte war selbstredend die irrsinnig komische Aufführung des tragischen Spiels von „Pyramus und Thisbe“, an dessen Ende sich Zettel, gespielt von Jakob Geßner, in sein Schwert stürzte. Zettel, der ambitionierteste aller Handwerker-Darsteller, starb einen endlosen blutigen Operntod, der Steine zu Tränen gerührt hätte, wäre er nur irgendwann damit zu Ende gekommen.

Man mag geteilter Meinung darüber sein, ob eine so minimalistische Vorstellung vom Kosmos des gewaltigen Stückes gerechtfertigt oder dem toten Dichter gegenüber verantwortbar sei. Der Dichter ist tot und kann nicht mehr befragt werden. Und was den Kosmos des Stücks anbelangt, so ist es doch in erster Linie eine Komödie und soll unterhalten. Das war unbestritten der Fall. Zudem muss man den Machern eine ästhetische Geschlossenheit bestätigen, bei der auch die Videoprojektionen von Krzysztof Honowski und die Musik von Lenny Mockridge keinesfalls unerwähnt bleiben dürfen. Als sich das Stück mit einem (Playback) Gesangsduett Luise Deborah Daberkow als brünstige Titania und Jakob Geßner als ihr eselsköpfiger Liebhaber mit „Non Amarmi“ von Francesco Alotta verabschiedete, waren alle Vorbehalte ausgelöscht. In München ist Wies´n, also locker bleiben und Spaß haben.

Wolf Banitzki


Ein Sommernachtstraum

von William Shakespeare
Deutsch von Jürgen Gosch, Angela Schanelec und Wolfgang Wiens

Mit: Pascal Fligg, Luise Deborah Daberkow, Max Wagner, Nina Steils, Carolin Hartmann, Sebastian Schneider, Timocin Ziegler, Jakob Geßner, Mauricio Hölzemann, Oleg Tikhomirov

Regie: Kieran Joel

Volkstheater  UA In den Strassen keine Blumen von Charlotte Roos


 

Ein düsterer Mädelsabend

Es ist ein eklektisches Werk, das Charlotte Roos zu Papier und Pinar Karabulut auf die Bühne des Volkstheaters brachte. Das am 21. Juni 2018 uraufgeführte Drama setzt sich aus den vier großen Tragödien des 1936 von faschistischen Horden ermordeten Spaniers Federico García Lorca zusammen: „Bluthochzeit“, „Yerma“, „Doña Rosita bleibt ledig oder Die Sprache der Blumen“ und „Bernarda Albas Haus“. Das Projekt wirft zuallererst die Frage auf, warum die vier großen und großartigen Dramen miteinander verwoben, mit Alltagssprache durchsetzt in einer zweieinhalbstündigen, kaum schlüssigen und schon gar nicht organischen Form präsentiert wurden? Eine Antwort gibt der Text, mit dem die Inszenierung von Seiten des Volkstheaters beworben wurde: „In den Straßen keine Blumen“ verbindet das Schicksal der Lorca´schen Frauen zu einem Kaleidoskop des Protests gegen ein System, das, längst als tot entlarvt, nur mehr künstlich am Leben gehalten wird. In dieser Künstlichkeit kann nichts wachsen. Keine Blume. Kein Kind. Keine Liebe. Keine Zukunft. (Website Volkstheater)

„Keine Blume“ spielt auf „Doña Rosita bleibt ledig…“ an. Doña Rosita muss Abschied von ihrem Verlobten nehmen, der zu seinen Eltern nach Lateinamerika reist. Sie verspricht, zu warten. 15 Jahre gehen ins Land. Eine Fernhochzeit schürt noch einmal Hoffnung. Doch schließlich muss die Braut erfahren, dass der Geliebte bereits seit acht Jahren verheiratet ist. Die Hoffnung stirbt. Doña Rosita verblüht wie die Rose „Rosa mutabilis“, vom Onkel im Gewächshaus gezüchtet, die morgens rot erblüht, mittags leuchtet, nachmittags weiß wird und sich in der Dämmerung entblättert. Doña Rosita ist eben diese Blume im gesellschaftlichen Gewächshaus nach spanischer Sitte. Aufbegehren wird jedoch erst „Yerma“, der Name bedeutet „die Brachliegende“. Zwangsverheiratet mit dem Bauern Juan, sieht sie in der Geburt eines Kindes ihre eigene Erlösung: „Es hungert mich nach den Schmerzen einer Gebärerin.“ Als sie erkennen muss, dass ihr sittenstrenger Gatte auch noch zeugungsunfähig ist, erwürgt sie ihn. In „Bluthochzeit“ führt eine arrangierte Ehe, Besitz heiratet Besitz, in die Katastrophe, als der ehemalige Verlobte der Braut, Leonardo, inzwischen selbst verheiratet, auf dem Fest auftaucht. Leonardo und die Braut fliehen noch in derselben Nacht. Der Bräutigam setzt ihnen nach und die beiden Männer erstechen sich gegenseitig im Zweikampf. Zurück bleibt die Braut, Ehebrecherin, Jungfrau und Witwe zugleich.

In „Bernarda Albas Haus“ herrscht Trauer. Der Hausherr ist gestorben und die Witwe Bernarda Alba ordnet eine achtjährige Trauer an. Das bedeutet für vier von fünf Töchtern eine achtjährige Gefangenschaft im Haus. Nur die älteste Tochter hat eine Chance, dem Gefängnis zu entkommen. Sie ist mit Pepe el Romano verlobt, mit dem sie sich immerhin durch das vergitterte Fenster unterhalten darf. Pepe will sie nur der üppigen Mitgift wegen heiraten, tatsächlich jedoch liebt er die jüngste Schwester Adela. Ein gemeinsames Treffen der beiden Liebenden wird von Mutter Bernarda mit Waffengewalt unterbunden. Nachdem Adela von einer eifersüchtigen Schwester, die ihr den Tod Pepes vermeldet, betrogen wird, erhängt sie sich.

  In den Strassen keine Blume  
 

Laina Schwarz, Jonathan Hutter, Carolin Hartmann, Oleg Tikhomirov, Nina Steils, Timocin Ziegler

© Gabriela Neeb

 

Zuletzt las die Bernarda-Darstellerin Margot Gödrös den Mythos von Demeter, deren Tochter Persephone von Hades ins Totenreich entführt wurde. Demeter, die mächtige Göttin der Fruchtbarkeit, verweigert die Nahrungsaufnahme, woraufhin alles was fruchtbar ist „im Land“ verkümmert. Erst Iambe oder auch Baubo gelingt es, die Trauer der Demeter zu brechen und sie Lachen zu machen, in dem sie ihr ihre Vulva zeigt. Demeter isst und trinkt wieder und das Elend hat ein Ende.

Es ist ein per se sehr großes Thema, vielleicht zu groß für einen zweieinhalbstündigen Theaterabend, das die Regisseurin Pinar Karabulut angegangen ist. Unzulässige Vereinfachungen scheinen dabei unvermeidlich. Und so wie der Text eine Hybridisation des Lorca´schen Werkes ist, ist es auch die ästhetische Umsetzung auf der Bühne. Es wurde getanzt, gesungen, geklettert, körperlich rhythmisiert, lautmalerisch kommentiert und kolportiert und gelegentlich auch Raserei veranstaltet. Maßvoll war das nicht und sollte es wohl auch nicht sein. Vielmehr war es ein geradezu ekstatischer Aufschrei der bedrängten weiblichen Kreatur, die (so zumindest behauptet) noch immer in den gesellschaftlichen Konventionen gefangen ist und leidet. Objektiv betrachtet, waren inhaltliche Differenzierungen kaum möglich und es stellt sich für einen in jedem Fall „schuldigen“ Mann die Frage, ob es politisch überhaupt korrekt ist, den dargebotenen Status nach achtzig Jahren (seit dem Tod Lorcas) zu hinterfragen. Leben wir tatsächlich noch immer in so archaischen Strukturen und machohaften Verhältnissen, dass mit solcher Wucht angeklagt wird?

Ästhetisch war die Inszenierung jedenfalls nicht wirklich zwingend, denn während die Poesie Lorcas, angefüllt mit Blumenmetaphorik, durch den Raum flatterte, nicht selten Verzauberung durch lyrische Bilder zelebriert wurde, erfuhren diese Momente immer wieder ihre ernüchternden Abbrüche durch banale Alltagssprache, Vulgarismen und Jugendslang. Bühnenbildnerin Johanna Stenzel hatte für dieses „Kaleidoskop des Protests“ einen weiß verhangenen Bühnenraum geschaffen, der in der Mitte einen Swimming Pool, umrandet von Gartensplit, aufwies. Die Rückseite wurde für Videoprojektionen genutzt, in denen Blut, wie auf der Bühne auch, eine wichtige Rolle spielte. (Video: Leon Landsberg) Mit fortschreitendem Spiel wurden die Tücher herunter gerissen und der Raum wurde immer düsterer. Eine sehr komödiantische Szene erheiterte immerhin in all der Depression. Nina Steils brachte als Mutter der drei Jungfern selbige zu einer Poolparty mit. Sie wurden von den drei männlichen Darstellern (Jonathan Hutter, Oleg Tikhomirov, Timocin Ziegler), in Bonbonverpackungen gewandet, gespielt. Die Kostüme von Claudia Irro waren ein neckischer Einfall.

Unterm Strich allerdings schlug das in jeder Hinsicht aufwendige Spiel sämtlicher Darsteller nicht durchgängig in den Bann. Einige Längen waren unvermeidlich und als Kenner der Lorca´schen Dramen war man zu sehr damit beschäftigt, die Personen und Handlungen zu sortieren, als sich von ihnen be- und anrühren zu lassen. Es war indes eine sehr weibliche Sicht auf das Thema, das nicht sonderlich erschöpfend behandelt wurde. Wie auch, es ist, wie bereits erwähnt, ein sehr großes Thema, das deutlich über die Vulva hinausgeht. Vielleicht ist die Anmerkung nicht unbedingt passend, aber es sei erwähnt, dass in einer anderen Fassung des Demeter-Mythos Zeus, der Bruder von Hades und Vater von Persephone, vermittelnd eingreift und einen Deal mit Demeter und Hades einfädelt. Danach muss Demeter ihre Tochter für die Hälfte des Jahres Hades überlassen, also quasi zur Nichtenschändung. Aus diesem Grund haben wir Sommer und Winter, die Zeit der Fruchtbarkeit und die Zeit der Unfruchtbarkeit. Hier relativiert sich der Ausgang der auf der Bühne gelesenen Fassung einigermaßen. Also, eine Vulva ist ein mächtiges, aber kein allmächtiges Organ, so glücklich sich die meisten Männer schätzen dürfen, dass es sie gibt. Es bleiben zwei Geschlechter, die, und hier sollte unbedingt auch das Glückstiftende gesehen werden, die Dualität durch Vereinigung seit Anbeginn zu überwinden suchen. Die Natur, auch die des Menschen, sollte nicht ausschließlich beklagt werden. Nur der Widerspruch ermöglicht Entwicklung, und der wird bis ans Ende der Tage bleiben. Einzig die Liebe vermag ihn, wenn auch nicht dauerhaft, zu überwinden.

Wolf Banitzki

 


In den Strassen keine Blumen (UA)

von Charlotte Roos nach Texten von Federico García Lorca

 Luise Deborah Daberkow, Margot Gödrös, Pola Jane O´Mara, Laina Schwarz, Nina Steils, Jonathan Hutter, Oleg Tikhomirov, Timocin Ziegler

Regie: Pinar Karabulut

Volkstheater Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann


 

Aktuell und berührend

Darko verkörpert den gesellschaftlichen Typus, den man Loser nennt. Dabei klingt das Wort Loser auch irgendwie putzig, eignet sich zum Necken, unter Freunden. Doch in der Welt, in der Darko lebt, gibt es keine Neckereien und erst recht keine Putzigkeiten. Darkos Welt ist kein Ponyhof. Hier herrscht eine erbarmungslose Realität, Alkoholismus, Brutalität, Misstrauen, und all das führt zu permanenten Gewalttätigkeiten, psychischen und auch physischen, bis hin zu Mord und Totschlag. Es ist die Welt der Sozialbauwohnungen, der Schließfächer für das „Präkariat“, in denen die Menschen einem trostlosen Ende entgegen dämmern.

Dabei hat Darko einen Traum, einen poetischen Traum. Er möchte einmal die Sterne sehen. Das ist ihm nicht vergönnt, denn das permanente Licht, eine anerkannte Form der Umweltverschmutzung, verhindert das. Sein Suizid scheint unausweichlich. Doch dann taucht unverhofft Motte, die „Wohnsiedlungsprostituierte“, im Keller, wo sich Darko gerade die Wäscheleine um den Hals legt, und in seinem Leben auf. Ihr Sehnsuchtsort ist Norwegen, wegen des Blaus des Meeres und des Himmels. Doch als sie es nicht einmal schaffen, gemeinsam in den Zoo zu gelangen, geht alle Hoffnung in Rauch auf: „Ich glaube, Sterne gibt es nur im Märchen“. Das Fazit von Motte.

Nis-Momme Stockmanns kleines, aber aufregendes Drama, das 2010 seine Uraufführung feierte, benennt eine Situation, die in der Reflexion der Gesellschaft kaum oder nur am Rande stattfindet. Der Text liefert auch keine schlüssige Analyse über das Phänomen Armut und soziale Verwahrlosung in der viertstärksten Volkswirtschaft der Welt oder gar Auswege. Doch es klagt unmissverständlich an, nämlich die, die der Armut gegenüber stehen. Und so wendet sich Darko an das Publikum und schleudert ihm seinen Frust entgegen. Sinngemäß: „Ihr braucht uns, damit ihr euch reich fühlt!“ Das trifft ins Mark, wenngleich der Text alle erdenklichen Klischees bedient und hart an den Sandbänken des Sozialkitschs segelt. Doch wo und wann spüren wir eigentlich noch den Kloß im Hals angesichts des Elends einer wahrlich nicht unerheblichen Menge an Mitmenschen? Insofern macht das Stück sehr wohl Sinn.

  Das blaue blaue Meer  
 

Mauricio Hölzemann, Lavinia Nowak, Jonathan Müller

© Gabriela Neeb

 

Regisseur Philip Klose richtete das Drama auf der kleinen Bühne des Volkstheaters ein und dabei ging er sehr ambitioniert zu Werke. Elisabeth Pletzers Bühne, sie zeichnete auch für die Kostüme verantwortlich, versinnbildlichte mit einem durchsichtigen, geschlossenen Raum die Gefangenschaft sowohl im Sozialbaughetto, als auch in der sozialen Situation von Armut. Im Innern hingen in durchsichtigen Kleidersäcken Artefakte von anderen, früheren Bewohnern, die ihren Weg bereits bis zum bitteren Ende gegangen waren. Diese Sachen glichen den Kostümen der agierenden Figuren, fleischfarben, durchsichtig, vernarbt. Sie suggerierten Entblößung - in den Kleidersäcken, auf makabere Weise die Häute der verblichenen Mitbewohner.

Philip Klose inszenierte eine Offenlegung. Die Akteure Jonathan Müller, Mauricio Hölzemann und Lavinia Nowak verschoben die Wände so lange, bis der Raum am Ende endlich einsehbar war. Desgleichen wurde viel mit den Kleiderbeuteln veranstaltet, die dem Erinnern dienten, aber auch als Konservierung des Nachlasses. Zum Beispiel des Nachlasses von Ulrike, der Schwester des physisch verunstalteten Freundes Darkos, sensibel und zurückhaltend gespielt von Mauricio Hölzemann, die sich vor aller Augen vom Dach gestürzt hatte.

Jonathan Müller spielte den Darko mit viel Energie, der immer wieder an die unsichtbaren Wände seiner begrenzten Existenz prallte, was ihn immer wieder in Richtung Suizid drängte. Die aufkeimende Liebe, er konnte dieses Gefühl selbst lange nicht einordnen, gestaltete Müller mit außerordentlicher, geradezu vibrierender Zartheit, die so ganz im Gegensatz zum letzten großen Zorn stand, mit der er die Welt (das Publikum) herausforderte. Lavinia Nowak gab genau die Motte, die das Spiel von Jonathan Müller so glaubhaft machte.

Es war eine wunderbare Ensembleleistung, die das kleine Kammerspiel mit großer Intensität beseelt haben könnte, wären das nicht die zum Teil ablenkenden Handhabungen der Kleidersäcke und ihrer Inhalte oder das permanente Verschieben der Wandelemente aus PVC-Trapezplatten. Vieles, ob deutlich motiviert oder nicht, lenkte vom wuchtigen und eindringlichen Text ab. Aufgefüllt mit scheinbar unendlich vielen, vorgeblich bedeutungsschwangeren Handlungen und Gängen wurde die Zeit gestreckt und so fühlte sich die eine und eine viertel Stunde dauernde Vorstellung deutlich länger an. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Dennoch war es, vor allem durch das intensive und konzentrierte Spiel der Darsteller, eine berührende Inszenierung, deren Inhalt bedrückend aktuell ist und darum auch auf die Bühne gehört.

Wolf Banitzki

 


Das blaue blaue Meer

von Nis-Momme Stockmann

Jonathan Müller, Mauricio Hölzemann, Lavinia Nowak

Regie: Philip Klose

Volkstheater  Schöne Neue Welt nach Aldous Huxley


 

Freiheit oder Glück

Es ist vollbracht! Der Mensch ist frei von Leiden, ist bis zu seinem Tod, der von staatlicher Seite organisiert ist, gesund, von angenehmer Gestalt und in jeder Hinsicht potent. Soma, eine Droge, die dauerhaft verabreicht wird, verhindert Depressionen, Missstimmungen und befördert sexuelles Begehren und die nötige Potenz. Man speist die wundervollsten Nahrungsmittel, genießt permanent die harmonische Gesellschaft der Mitbürger, ergibt sich einer allgemeinen Promiskuität und einer permanenten, flachen Unterhaltung. Die Geschichte, die Kunst sind abgeschafft, ebenso wie jegliche Formen von Individualismus. Das klingt wie die ganz große Freiheit, die Erlösung von allen Übeln.

Klingt leider nur so, denn diese Welt hat eine dunkle Schattenseite. Die Bewohner dieser „Zivilisation“ sind nicht auf natürliche Weise gezeugt und von Müttern geboren, sondern in der Retorte gezüchtet, biochemisch konditioniert und optimiert und in Kasten, von Alpha bis Epsilon eingeteilt, hineingeboren, aus denen sie nicht mehr herauskommen und es auch nicht wollen, denn es mangelt ihnen dafür an Fantasie und Willen. Freier Wille, eine Quelle des Leids, ist quasi abgeschafft, findet sich nur noch rudimentär bei den Controllern, einem weltbeherrschenden Rat, die zugleich auch Wissende sind, was die Geschichte, die Kunst, die Psychologie anbelangt. Sie lesen die Bücher, die gemeinhin verboten sind, denn „sie machen die Gesetze und können dagegen verstoßen, straffrei!“

Die Geschichte ist schnell umrissen. Bernhard Marx ist, was das Konzept seiner Existenz anbelangt, nicht perfekt. Er verfügt über einen „mentalen Überschuss“. Dabei ist er mit zu wenig Muskelmasse ausgestattet, was seiner Attraktivität abträglich ist. Er ist unter seinesgleichen „gesondert“ und leidet unter dem Gefühl der Isolation. Aber auch Helmholtz Watson (ein Bild von einem Alpha-Plus), der sehr erfolgreich an der „Schriftfakultät“ arbeitet und ein sehr gutes Händchen hat für „hypnopädische Reimsprüche“. Er schreibt „Fühldrehbücher“ für das Fühlkino (Feelies), ein technischer Ersatz für Haptik und sinnliche Wahrnehmung. In weniger als vier Jahren hat er 640 verschiedene Frauen gehabt. Doch drängt sich ihm ernsthaft die Ahnung auf, dass Sport, Frauen und soziales Engagement nur billiger Ersatz sind für … Ja, wofür eigentlich? Diese Frage kann er nicht beantworten.

Bernhard Marx unternimmt eine Safari in ein „unzivilisiertes Reservat“ nach New Mexico, wo menschliche Wesen noch in der Natur und in ihrer natürlichen Lebensform existieren. Die erste und wichtigste Wahrnehmung ist: Sie riechen schlecht. Dort stoßen sie auf Linda und John Savage, leibliche Mutter und Sohn. Linda ist verstoßen worden aus der „Zivilisation“ und sehnt sich zurück. John hat das ganze Werk Shakespeares auswendig gelernt und misst an diesem die Realität. Er kann Hamlets Ansicht, der das Vertrauen in die Menschen verloren hat, nur teilen. Bernhard Marx nimmt die beiden mit in die „Zivilisation“, die sich nun am naturmenschlichen Wesen, wie es auch der Leser/Betrachter ist, messen lassen muss. John und das Wort Shakespeares sind für die „Zivilisation“ jedoch pures Gift. Sie verändern das Denken von Marx und auch das von Helmholtz Watson und so werden am Ende alle ausgesondert. Die beiden „Zivilisierten“ werden auf eine Insel verdammt; John Savage wird Hauptakteur einer medialen Show, vergleichbar mit Shakespeares monströsem Caliban (Der Sturm). Am Ende bleibt ihm nur die Flucht in den Freitod.

  Schoene Neue Welt  
 

Ensemble

© Arno Declair

 

Regisseur Felix Hafner (Jahrgang 1992) brachte den Roman in einer sehr körperbetonten, musikalisch aufgeladenen Inszenierung auf die Bühne, die vornehmlich das junge Publikum ansprechen dürfte. Dazu brauchte er eine unverstellte Spielfläche und die lieferte Bühnenbildnerin Camilla Hägebarth mit lackglänzendem Bühnenboden. An der Rückwand befand sich ein kreisrundes großes Lichtfeld, das wie das Auge von „Big Brother“ die Vorgänge auf der Bühne überwachte und auch manipulierte. Als John Savage, gespielt von Silas Breiding, den „Zivilisierten“ die Entscheidungsfreiheit zurückgeben wollte, verhängte er das Licht mit einem Bühnenvorhang. Für einen kurzen Augenblick war das System blind. Doch der Controller Mustapha Mond, diabolisch und eindringlich von Jakob Immervoll gestaltet, setzte dem schnell ein Ende. Timocin Zieglers Bernhard Marx war ein emotional schwächelnder Zeitgenosse, der zum Messias nicht taugte, denn als er mit Linda und John Savage Aufsehen erregte wie mit exotischen Tieren, stiegen seine „Werte“ unerwartet und er fühlte sich in der Gemeinschaft wieder aufgehoben und wohl. Mehmet Sözer gab seinen Helmholtz Watson als einen exaltierten Intellektuellen, der zumindest am Ende Heroismus zeigte, als er für seine Verbannung einen Schlechtwetterort forderte. Bei schlechtem Wetter schreibt es sich am besten.

In Aldous Huxleys Roman aus dem Jahr 1932 ist unübersehbar, dass das weibliche Geschlecht nicht unbedingt auserkoren ist, die dystopische Welt in Frage zu stellen oder sich gar dagegen aufzulehnen. So blieben Julia Richter als Lenina Crowne und Luise Deborah Daberkow als Fanny Crowne nicht viel mehr als der Part als Stichwortgeber oder Kontrast zur männlichen Verwirrung. (John Savage: „Ich würde für dich den Boden fegen!“ Lenina Crowne: „Aber dafür gibt es doch Staubsauger und Epsilon Semi-Kretins zu ihrer Bedienung.“) Ansehnlich machten sie das allemal. Nina Steils entkam dieser Huxleyschen Begrenzung und das gleich in zwei Rollen. Als Direktorin agierte sie prägnant und mit lackledernem Nachdruck wie eine Domina, als Linda, in einem Fatsuit (Kostüme: Janina Brinkmann) menschliche Vergänglichkeit vorstellend, starb sie einen langsamen und erbarmungswürdigen Drogentod.

Hintergrund bildeten stets gruppendynamische Abläufe, denn das Individuum wurde nicht aus der Obhut der Gemeinschaft entlassen. Regisseur Hafner hatte sich dafür von Vasna Aguilar aufwendige Choreographien erarbeiten lassen, die der einfachen Rhythmik von Techno- oder Discomusik folgten. Die Musik von Clemens Wenger war auf Texte aus dem Roman komponiert worden und im Ergebnis entstand ein Sound, der mit heutiger, moderner Pop-Kultur kaum vergleichbar ist. Die Bewegungsabläufe erklärten ausgelassenen Tanz, gruppensexuelle Handlungen oder Freizeitaktivitäten wie „E-Magneto Golf“. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass diese Form des Schauspiels für das junge Ensemble des Volkstheaters keine schwierige Herausforderung bedeutete und ihrer unbändigen Spiellust entgegen kam. Dementsprechend schweißtreibend war auch das Ergebnis.

Es war ein mutiges Unterfangen, dem sich die Macher gestellt hatten. Und mit ihrer Lesart reflektierten sie zuallererst die heutige digitale und Netzwerkwelt. Dort gibt es auf beinahe jeder Seite den Buttons „Friend“. Und tatsächlich ist das Bedürfnis, in einer großen Gemeinschaft aufzugehen absurd groß, denn im gleichen Atemzug wird der hohe Wert des Individualismus beschworen. Trotzdem sind die Analogien zur „Schönen Neuen Welt“ von Huxley unübersehbar. Und doch gibt es verglichen mit der Romanvorlage einen deutlichen Mangel. Der besteht in der Abnabelung von der konkreten, mit der Entstehung des Romans verbundenen Geschichte.

Bei Huxley gibt es einen messianischen geistigen Führer, mit dem eine neue Zeitrechnung begonnen hatte. Die Geschichte spielt im Jahr 632 n.F. Das bedeutet übersetzt: 2495 n.Chr. Mit F war Henry Ford gemeint, der im Jahr 1863 geboren worden war, das erste Auto am Fließband produzierte (Ford T – Modell) und unermesslich reich wurde. Ford war ein glühender Anhänger von Adolf Hitler und seinen Ideen, insbesondere denen, die sich auf die Führung von Massen beziehen, und er betrieb ein Institut, in dem experimentelle Forschungen zur Optimierung von Arbeitern in Fließbandfabriken betrieben wurden. Dabei kamen sowohl Drogen als auch Alkohol zum Einsatz. Fords Bewusstsein war hochgradig pervertiert und aufgrund seiner immensen ökonomischen Macht hypertrophiert. Es ist schade, dass hier kein Name gefunden wurde, den man anstelle von Ford symbolhaft zum Einsatz hätte bringen können. Z wie Zuckerberg wäre z.B. einer, der den Anforderungen der Geschichte durchaus gerecht werden würde. Er steht wie kaum ein anderer für eine Industrie zur Schaffung von Illusionen, Unsinnlichkeit, Vereinsamung und geistiger Gleichschaltung. Die kritische Betrachtung wäre konkreter und fassbarer gewesen. Eine Bedrohung für die Freiheit, und die ist noch immer das höchste Gut, sind solche ökonomischen „Titanen und Halbgötter“ (Siehe Kontostand!) noch immer.

Wolf Banitzki

 


Schöne Neue Welt

nach Aldous Huxley

Timocin Ziegler. Julia Richter, Jonathan Hutter, Mehmet Sözer, Luise Deborah Daberkow, Jakob Immervoll, Nina Steils, Silas Breiding

Regie: Felix Hafner

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