Volkstheater Kleines Haus  Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz


 

In der Finsternis gedeiht der Wahnsinn

Die Geschichte beginnt auf der Themse, wo die seetüchtige Jolle „Nelly“ und ihre Besetzung auf die Flut warten, um auslaufen zu können. Genug Zeit, um noch eine Geschichte zum Besten zu geben, wie Kapitän Marlowe meint, und er erzählt von einer Begebenheit am Wasserlauf des Kongos, die als „Das Herz der Finsternis“ in die Literaturgeschichte einging. Darin wurde Marlowe ausgeschickt, einen Agenten einer europäischen Handelsvertretung für Elfenbein namens Kurtz heimzuholen, der ganz offensichtlich den Verstand verloren und ein barbarisches Regime errichtet hatte. Diese Geschichte erschien Francis Ford Coppola so reizvoll, dass er sie adaptierte und den vielleicht bedeutendsten Anti-Kriegsfilm der bisherigen Filmgeschichte schuf. Darin wird Hauptmann Willard mit einem brisanten Auftrag in das kambodschanische Grenzgebiet geschickt, wohin sich der US amerikanische Oberst Kurtz aus dem Vietnamkrieg zurückgezogen und eine eigene Armee gebildet hat, mit der er seinen eigenen Krieg führt. Willard soll Kurtz töten, was er auch tut, und zwar zu den Klängen von „The End“ von den Doors.

Wolfram Lotz hat sich nun beider Geschichten, der von Joseph Conrad und der von Coppola, angenommen und einen Hörspieltext geschaffen der „nach Francis Ford Conrads "Herz der Apokalypse‘“ heißt. Die Geschichte beginnt am Landgericht Hamburg, wo der somalische Pirat Ultimo Michael Pussi der Piraterie angeklagt ist. Diesen Beruf hatte er an der Universität Mogadishu erlernt. Doch leider ging der erste Versuch bereits schief und er verlor seinen Freund und Partner Tofdau, was für ihn die eigentliche Katastrophe war. Doch diese Geschichte bildet nur einen vagen Rahmen, klärt indes auf recht ungewöhnliche Weise über Afrika und der Kultur des Kontinents auf. Die Protagonisten der eigentlichen Geschichte sind Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch. Sie „fahren mit einem Boot durch die Regenwälder Afghanistans“, um einen gewissen Oberstleutnant Deutinger aufzuspüren, der die Kameraden seiner Spezialeinheit getötet hat, um, wie sich herausstellt, die Zahl der getöteten Soldaten im Krieg zu begrenzen. Pellner soll die Koordinaten des Aufenthaltsortes von Deutinger durchgeben, damit die Bundeswehr ihn mittels eines gezielten Luftschlages töten kann, denn er hat ja ganz offensichtlich den Verstand verloren.

  Die lcherliche Finsternis  
 

Pascal Fligg, Agens Decker, Pola Jane O`Mara, Jakob Immervoll

© Gabriela Neeb

 

Wolfram Lotz ist Jahrgang 1981 und so ist fraglich, ob die Codes, die jemand mit DDR-Vergangenheit und NVA-Dienstpflicht herausliest, auch tatsächlich beabsichtigt waren. So ist es schon mal verwunderlich, dass ein Hauptfeldwebel mit einer derartig komplexen Mission beauftragt wird. Es ist ein Unteroffiziersdienstgrad, selbständiges Denken gehört nicht zu den vornehmlichen Eigenschaften eines solchen Ranges. Pola Jane O´Mara spielte diese Figur in der Volkstheater-Inszenierung von Lukian Guttenbrunner mit der Beherrschtheit eines, das Wort ist bereits gefallen, Hauptfeldwebels. Sei es drum, denn Klischees müssen ja erst einmal vorgeführt werden, um sie als solche zu entlarven. Die Tatsache, dass Unteroffizier Stefan Dorsch aus Bernburg an der Saale (Sachsen-Anhalt) stammt, löst bei Kennern der Stadt zwei Assoziationen aus. Zum einen wird der geistige Zustand der Stadt unter der Hand damit begründet, dass bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts psychische Erkrankungen in der Stadt behandelt wurden. (Man möge mir verzeihen, ich zitiere nur einen Einwohner der Stadt.) Die Patienten waren Freigänger und haben möglicherweise genetische Spuren hinterlassen. Und in den Jahren zwischen 1940 und 1941 wurden in Bernburg 15.000 Kranke, Behinderte und KZ-Häftlinge von den Nazis im Rahmen des Euthanasieprogramms getötet. Das hingegen sind harte Fakten. Unteroffizier Stefan Dorsch ist einer, der zur Bundeswehr ging, weil es immer noch besser ist, als arbeitslos zu sein. Jakob Immervoll spielte die Figur mit einem gehörigen Maß an Naivität, aber auch mit zutiefst menschlicher Liebenswürdigkeit.

Auf ihrer Odyssee durch den Kundus begegneten sie unterschiedlichsten Menschen, zum Beispiel Verlierern des Krieges wie den Händler Stojković (Agnes Decker), dessen Familie bei einem Luftschlag umkam, und der sich selbst dafür verantwortlich machte, weil er unbedingt eine Markise am Haus haben wollte, die letztlich den Brand und somit den Tod von Frau und Kind möglich machte. Sie kamen zu einer christlichen Mission, die von einem Reverend Carter geleitet wurde. Pascal Fligg, der in jeder seiner drei Rollen brillierte, entlarvte den Mann als einen ausschließlich von seiner eigenen Sexualität motivierten Geistlichen, der in der Befreiung der Frau vom muslimischen Joch vornehmlich ihre Entkleidung verstand. Fliggs Reverend war eigentlich komplett irre, doch entbehrte die Figur nicht eines starken Realitätsbezugs in Fragen Sexualität und Missbrauch. Sie war ebenso irre wie die Figur des Oberstleutnant Deutinger, die Pascal Fligg auf ein absurdes Rechenexempel reduzierte. Und als sich endlich alles in ein plötzliches Nichts auflöste und die Figuren einfach zurückließ, tauchte Tofdau auf, der verschollene Freund des Piraten Ultimo Michael Pussi, der in Hamburg vor Gericht stand. Tofdau, Agnes Decker, war bei der versuchten Kaperung des Schiffes vor Somalia ins Meer gefallen, auf den Grund gesunken und von dort bis nach Afghanistan und auf die Bühne des Volkstheaters gewandert.

Die Bühne des Kleinen Hauses, gestaltet von Jenny Schleif (Bühne & Kostüme) mit weißen Rückwänden und drei dreidimensionalen weißen Möbeln, aus denen die Darsteller gelegentlich auftraten, war Kriegsschauplatz und zuletzt vollkommen zerstört. Hannes Dufek hat die Zerstörung mit seiner Musik sogar hörbar gemacht. So geht es nun mal zu im Krieg. Man kann halt nicht Duschen, ohne nass zu werden. Doch diese Äußerlichkeiten blieben marginal, denn eigentlich ging es um den Wahnsinn, der hinter allem steht und der genetisch im Menschen verankert zu sein scheint. Oder wird er vielleicht nur künstlich erzeugt? Existiert diese Finsternis möglicherweise gar nicht und ist nur ein Konstrukt, um diesen, für die Kriegstreiber und – gewinnler dieser Welt notwendigen Wahnsinn zu erzeugen? Wie sollte man einen Krieg entfachen, wenn nicht alle, oder zumindest eine Mehrzahl, diesem Wahn verfallen sind? Mit den richtigen Argumenten, und Wolfram Lotz hat sie in seinem Stück in hoher Zahl geliefert, erscheint die Finsternis in der Tat einfach nur lächerlich. Lotz hat mal das Licht angemacht.

Wenn „Apocalypse Now“ eine Aufsehen erregende Adaption der 1902 entstandenen Erzählung „Das Herz der Finsternis“ war, dann ist „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz eine Lachen erzeugende Persiflage auf beide Werke. Die Inszenierung am Volkstheater von Lukian Guttenbrunner war zudem eine gelungene, die, obgleich über weite Strecken sehr lustig und komödiantisch, nie aus dem Auge verlor, worum es eigentlich geht: um Krieg und dessen Absurdität. Dieses Stück ist eigentlich ein gelungener therapeutischer Ansatz für all diejenigen, die stirnrunzelnd und mit flatternden Nüstern Gefahren wittern und meinen, ganz im Sinne von „Si vis pacem para bellum“ („Wenn du (den) Frieden willst, bereite (den) Krieg vor.“): “Siehe, die Finsternis!“ Also, besser erst mal aufrüsten, dann sieht man schon. Was kann man schon sehen? Die Welt in Schutt und Asche, und zwar garantiert! Hat bisher immer funktioniert.

Wolf Banitzki

 


Die lächerliche Finsternis

von Wolfram Lotz

Mit: Agnes Decker, Pascal Fligg, Jakob Immervoll, Pola Jane O´Mara

Regie: Lukian Guttenbrunner

Volkstheater Herakles nach Texten von Frank Wedekind, Euripides und Gustav Schwab


 

Mythologische Kneipp-Kur

Bei dem Namen Amphytrion denkt man beinahe automatisch an die häufig gespielte Tragikomödie von Heinrich von Kleist. Darin geht es um einen unwissentlichen Ehebruch, denn Alkmene erwartete ihren Ehemann Amphytrion (der Name bedeutet „der doppelt Geplagte“), der aus dem Krieg heimkehren sollte. Eine Nacht vor seiner Ankunft erschien der Alkmene der Göttervater Zeus in der Gestalt ihres Gatten Amphytrion. (Bei Kleist ist der göttliche Ehebrecher Jupiter, da Kleist die Molièresche Fassung als Vorlage nahm, der wiederum den römischen Mythos zu Grunde gelegt hatte.)
In dieser Nacht wurde Herakles gezeugt. Doch er kam nicht allein zur Welt, denn er hatte einen Zwillingsbruder Iphikles, dessen Vater Amphytrion war oder gewesen sein soll. Also die Theorie vom „doppelten Sprung“ ist zwar wissenschaftlich widerlegt, doch wenn der Göttervater persönlich gesprungen ist, können wir die Gynäkologie getrost außen vor lassen. Hera, die ewig intrigierende, von Eifersucht zerfressene Ehefrau des Oberhauptes des Olymps, es könnte sein, dass Hera die weibliche Form von Heros ist, was ihre permanente Einmischung und Anmaßung ein stückweit erklären würde, legte den Zwillingen zwei Schlangen ins Bett, um herauszufinden, welcher Spross den Lenden des Zeus entsprungen ist. Während Iphikles sich schleunigst aus dem Staube machte, packte Herakles beherzt zu und erwürgte die Schlangen. Der Vaterschaftstest war aufschlussreich. Amphytrion indes war beiden ein guter Vater.

Zeus hatte sich bei der Zeugung tüchtig ins Zeug gelegt und der Knabe entwickelte naturgemäß übermenschliche Kräfte. Weniger gut war es um seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Selbstbeherrschung bestellt. Da kam schon mal ein Lehrer zu Tode, weil er den Zorn des Knaben erregt hatte. So sehr sich der kleine Depp auch bemühte, seine Chancen standen schlecht, denn er hatte eine mächtige Feindin: Hera, sie verfolgte ihn beständig mit Hass, wie übrigens viele (uneheliche) Sprösslinge ihres Gatten. So wuchs der kleine Depp zu einem großen Deppen heran, der folgsam tat, was ihm geheißen wurde.

Schließlich musste er einen Großteil der Drecksarbeit (auch Heldentaten genannt, denn meist kam irgendwer oder irgendwas zu Tode oder wurde gestohlen) in der griechischen Sagenwelt verrichten. Als er seine Arbeiten oder Tötungen verrichtet hatte, die Aufträge hatte er von Eurystheus, König von Mykene und Tiryns erhalten, zu dessen Untertan man ihn gemacht hatte, meldete er seinerseits Anspruch auf den Thron an. Als Dank dafür schlug ihn Hera mit temporärem Wahnsinn und er im Wahn seine Frau und seine drei Kinder tot. Wieder halbwegs bei Sinnen, folgte er dem Rat, das Orakel von Delphi zu befragen, wie er seine Schuld wohl sühnen könnte. Das Orakel orakelte: Nur durch vermehrte Arbeit könne er sühnen. (Der Spruch hätte auch von einem Parteisekretär der SED stammen können.)

Irgendwann war Herakles endgültig durch mit der Welt und seinen Ansprüchen. Er bestieg einen Scheiterhaufen und verbrannte sich. Als der Vater die Asche nach Resten des Sohnes durchsuchte, um diese zu bestatten, grub er vergeblich. Herakles war aufgestiegen in die Welt der Götter, war nun selbst Gott geworden. Das klingt zwar alles recht traurig, war es aber nicht, denn die antiken Barden hörten nicht auf, ihre Fäden zu spinnen und so legte sich Herakles in seinem nächsten Leben sogar mit seinem Vater Zeus an, befreite beispielsweise den Renegaten Prometheus vom Felsen des Kaukasus. Dabei haute der Held gehörig auf dem Putz.

  Herakles  
 

Mauricio Hölzemann, Carolin Hartmann, Jakob Geßner, Luise Deborah Daberkow

© Arno Declair

 

Simon Solberg tat dasselbe und brachte eine rasante und laute Inszenierung des im Stile des Brutalismus gestrickten Mythos‘ auf die Bühne des Volkstheaters. Selbige war gänzlich mit Wasser geflutet und sämtliche Bühnenbildelemente und Requisiten bestanden aus zusammenfaltbaren Schläuchen unterschiedlichster Durchmesser. Der Einfall von Simon Solberg, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnete, war grandios. Die Schläuche ermöglichten jede nur denkbare Darstellung, angefangen von antiken Säulen, die in den Bühnenhimmel ragten, über Wohnräume, Kleidung, Frisuren bis hin zu den Hälsen der neunköpfigen Hydra, die Herakles zerschmetterte. Selbst ein Korb mit den gestohlenen goldenen Äpfeln der Hesperiden war glaubhaft dargestellt.

Solbergs Protagonisten liefen auch in dieser Inszenierung auf Hochtouren und so war Slapstick fixer Bestandteil der Ästhetik. Doch störte es nicht, war doch alles eitle Beiwerk außen vor geblieben. Daher fiel es nicht schwer sich auf die Komik, die durchgängig über die Körperlichkeit erzeugt wurde, einzulassen, denn sie diente der Geschichte und nicht der Selbstdarstellung. Und die Geschichte war die eines schlichtgestrickten, aber durchaus gutherzigen Mannes, dessen Manko darin bestand, seine übermäßigen physischen Kräfte nicht unter Kontrolle zu haben, was auch daran lag, dass andere diese Kontrolle übernommen hatten und ihn (fern-)steuerten. Max Wagner ließ einen Herakles erstehen, der sowohl physisch, als auch in der Darstellung der Psyche überzeugte. Wagners Bubenhaftigkeit erzeugte ein ständiges Understatement. Sein Kostüm unterstrich dies (Kostüme: Katja Strohschneider), denn er war in seinem Feinrippunterhemd mit nichtssagender Hose und Hosenträgern alles andere als stylisch oder gar körperbetont gekleidet. Bisweilen erinnerte er an Matt Damon, Aschenputtel aus Dynamit. Sein Gegenspieler Eurystheus, mit vollem Körpereinsatz und bisweilen saukomisch von Jakob Geßner gespielt, war der krasse Gegensatz. Sein Kostüm verwandelte ihn komplett in das, was die Rolle verlangte, in einen physischen und moralischen Cretin. Thomas Eisens Amphitryon war ein Mann des großen Gefühls, insbesondere für seinen Sohn. Er ging in jede Bresche, um seinem Sohn beizustehen. Sein unbändiger Stolz war in jedem „Das ist mein Sohn …“ unüberhörbar. Aber auch er war letztlich eine komische Nummer, ganz im Sinne von Kleists Tragikomödie: „Der doppelt Geplagte“. Immerhin rührten seine letzten Worte über den vermeintlichen Verbleib seines Sohnes an.

Das von Solberg erzeugte Gefühlsspektrum war beinahe grenzenlos. Er gab seine Figuren der Lächerlichkeit preis und er beschwor ihren guten Kern. Er zeigte die Figuren ohnmächtig im Spannungsfeld der göttlichen Willen (Plural) umher taumeln, stürzen und verzweifelnd um Rettung ringend. Er veranstaltete martialische Schlachtfeste und Momente zärtlichster Liebesbekundungen. Die Beziehung zwischen Herakles und Megara, ein wenig zickig und schrill von Carolin Hartmann verkörpert, war vollkommen natürlich, Eheprobleme aus der Welt von unsereins. Was die Darstellung von Carolin Hartmann betrifft, so sei erwähnt, dass diese antike Figur für die Bezeichnung „Megäre“ Modell gestanden haben könnte. (Es wird aber auch die Ansicht vertreten, Megäre sei von der griechischen mythologischen Rachegöttin Megaira abgeleitet.) Die Iole von Luise Deborah Daberkow brachte an Wuchtbrummigkeit auf die Bühne, was Mauricio Hölzemanns Lichas abging. Dessen Körperlichkeit, er punktete damit schon gewaltig in „Glaube Liebe Hoffnung“, hat etwas von einer Gottesanbeterin. Er weiß mit diesen Pfunden (die ja eigentlichen nicht da sind) gehörig zu wuchern.

Simon Solberg brachte sehr übersichtlich, locker und flockig erzählt und inszeniert einen großen Mythos auf die Bühne, der der Hinterfragung wert ist. Wann immer wir in der Geschichte von Helden sprechen, sind diese zumeist Massenmörder. Herakles ist auch einer und die einzige aber letztlich untaugliche Entschuldigung ist sein schlichter Geist, der von einem anderen fiesen Typ gehörig manipuliert wurde. Allerdings leben wir wieder in einer Zeit, wo Helden heraufbeschworen werden, starke Männer, durchsetzungsfähige, muskelbepackte Kerle, die nicht lange fackeln und es schnell (und nicht schmerzfrei) richten. Übrigens, die Zahl der weiblichen Heldinnen, zumeist mit männlichen Attributen ausgestattet, nimmt rasant zu.

Die Sehnsucht nach Helden in Zeiten der Unsicherheit wird gern als naturgemäß angenommen. Auch darüber sollte einmal nachgedacht werden. Könnte es nicht sein, dass es genau diese Figuren, die vermeintlichen Helden sind, die letztlich die finale Phase der Entwicklung einleiten und alles ins Chaos stürzen? Brecht hat es in seinem „Leben des Galilei“ auf den Punkt gebracht, in dem er den Wissenschaftler sagen lässt: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Also werden wir endlich erwachsen oder zumindest klug und belassen wir derartige Helden dort, wo sie hingehören: in Comics.

Wolf Banitzki

 


Herakles

nach Texten von Frank Wedekind, Euripides und Gustav Schwab

Mit: Max Wagner, Jakob Geßner, Thomas Eisen, Carolin Hartmann, Luise Deborah Daberkow, Mauricio Hölzemann

Regie: Simon Solberg

Volkstheater  Kurze Interviews mit fiesen Männern nach David Foster Wallace

 

Formel Eins auf dem Parcours der Sexualität

Galt der Mann über Jahrhunderte als das starke, die Welt und ihren Lauf voran bringende Geschlecht, fern jeder Kritikwürdigkeit, ist er heute Gegenstand einer erbarmungslosen Vivisektion. Das Ergebnis: Das heutige Männerbild ist ein entsetzliches. Der Mann ist vornehmlich ein egoistisches, aufgeblasenes, schwanzgesteuertes Subjekt, das die Frauen über Jahrtausende ausgenutzt, unterdrückt und missbraucht hat. Zumindest fühlt es sich momentan so an, wenn man sich in den Medien, auch in den sozialen Medien umschaut.

Tatsache ist, diese Ansicht verfehlt die Wahrheit nicht unbedingt. Der einzige Einwand dagegen: Man sollte nicht pauschalisieren. #Me too ist ohne Frage eine überfällige Bewegung, zumal der Mann, wie die momentanen Zustände gerade in der Politik und in der Wirtschaft zeigen, unbedingt unter eine vernünftige Kontrolle gebracht werden sollte. Und Frauen haben sich in der Geschichte durchaus als die besseren Zuchtmeister erwiesen. Doch auch hier sollte nicht pauschalisiert und darauf hingewiesen werden, dass eine Apartheid nicht selten durch die gegenteilige Apartheid abgelöst wurde. Es gibt auch eine Geschlechterapartheid! In aller Demut sei angemerkt, dass Frauen auch nur Menschen sind und da sollte genau darauf geschaut werden, ob es bei Gerechtigkeit bleibt oder nicht auch so manches Femegericht abgehalten wird. Dabei wären vor allem weniger Emotionen hilfreich.

Beinahe zwanzig Jahre ist es nun her, dass der virtuose Sprachgestalter David Foster Wallace seinen Erzählband „Brief Interviews with Hideous Men“ herausbrachte. Als sich Wallace im September 2008 in seinem Wohnhaus das Leben nahm, lagen zwei Jahrzehnte Depressionen und Drogen hinter ihm, aber auch ein literarisches Werk, das ihn in die erste Liga der amerikanischen Literatur beförderte. Seine zum Teil sehr komplexen Werke kreisen häufig um Protagonisten, die sich in Identitätskrisen befinden, die von einer quälenden Sehnsucht nach Dazugehörigkeit und Kommunikation getrieben sind. Dabei gelang Wallace die Verquickung von authentischer Sprache und enormen Wissensinhalten, die seine Hochbegabung in vielen Bereichen des Denkens widerspiegelten. In „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ geht es vornehmlich um das Verhältnis der „fiesen Männer“ zum anderen Geschlecht und zur eigenen Sexualität. Ein wesentlicher Aspekt dabei sind Versagensängste, nicht zuletzt resultierend aus der Unwissenheit, „was Frau eigentlich will“.

  Kurze Interviews mit fiesen  
 

Silas Breiding, Jonathan Müller, Jakob Immervoll

© Gabriela Neeb

 

In der von Abdullah Kenan Karaca auf der kleinen Bühne des Volkstheaters eingerichteten Inszenierung reflektieren drei junge Männer, die sich in einem vertrauten, kumpelhaften Verhältnis befinden, überwiegend ihre Gedanken, Ideen und auch Neurosen und Veranlagungen zum Thema Sexualität. In einem schmalen, langen Terrarium aus Gitterrosten am Boden, Gazewänden und marmorierten, flachen Decken (Bühne: Vincent Mesnaritsch) vergnügten sie sich mit männlichen Ritualen, die hauptsächlich darin bestanden, dem jeweils anderem Schmerzen im Genitalbereich oder an den Brustwarzen zuzufügen. Es sind infantile, grobe Späße, kindlichen Männerhirnen entsprungen. Da es sich bei der Vorlage nicht um ein dramatisches Werk handelt, gab es weder einen Plot, noch einen Handlungsfaden. Wichtigste Elemente der Aufführung waren drei bekenntnishafte Monologe, die es allerdings in sich hatten.

Der erste wurde gehalten von Silas Breiding. Er beinhaltete eine Masturbationsfantasie, die sich bei genauerer Betrachtung als physikalisch unlogisch erwies, da sie das Raum-Zeit-Kontinuum aushebelte. Die von Breiding dargestellte Figur sah sich gezwungen, seine Überlegungen und Berechnungen bis an den Rand des Universums auszudehnen, eine Arbeit, die ihm letztlich keinen Raum mehr für die Masturbation bot. Diese Szene gab Einblicke in die vielfachen Begabungen des Autors und seine intellektuelle Entgrenztheit. Breiding machte aus den Ausführungen ein Feuerwerk an Ideen und Rhetorik. Er erinnerte dabei bisweilen an Eddy Murphy oder an ein Maschinengewehrfeuer. Dafür bekam er, zu Recht, Szenenapplaus. (Vorstellung am 20. Dezember)

Den dritten Monolog sprach Jonathan Müller. Müller erzählte eine Geschichte aus der Kindheit seiner Figur, in der dessen Vater sich ihm scheinbar grundlos und schwer nachvollziehbar mit heruntergelassener Hose präsentierte und den Knaben quasi mit seinem Geschlechtsteil konfrontierte oder bedrohte. Dieses Trauma konnte der Knabe, selbst als er bereits erwachsen war und das Elternhaus verlassen hatte, nie überwinden. Einzige Möglichkeit, damit umzugehen war, es zu verdrängen, es auszublenden.

Der zweite Monolog war im Gegensatz zu den beiden anderen, die durchaus auch komische Züge aufwiesen, extrem bedrückend. Darin wurde über die Folgen einer Massenvergewaltigung nachgedacht und es wurden tatsächlich Ansätze gefunden, dass ein solches grausames und lebensbedrohliches Erlebnis eine bemerkenswerte und interessante Kehrseite hatte, nämlich eine existenzielle Erfahrung der extremsten Art, bei der man überlebt hatte. Damit verfügte das Opfer über einzigartiges Wissen. Jakob Immervoll transportierte diese perverse Idee mit einer hintergründigen Erregung, die das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Dieser Monolog war der Höhepunkt eines Theaterabends, von dem man im Grunde gar nicht recht wusste, was es sollte, noch, wohin er führen wollte. Es war wie ein Formel-Eins-Rennen auf dem Parcours der Sexualität. Es ging Runde um Runde immer nur im Kreis herum. Die Darsteller spielten mit äußerstem physischem Engagement und über weite Strecken waren die einhundert Minuten absolut sehenswert und mitreißend. Regisseur Karaca gelang eine adäquate Umsetzung der Gedanken und Ideen von Wallace, in denen es menschlich, zutiefst menschlich zuging und die durchaus von Aktualität zeugten.

Allein, es blieb, obgleich ästhetisch, wie auch darstellerisch gute Kunst gemacht wurde, ein Abend ohne Ausgang. Es sei denn, man begriff den Mann als ewigen Mann, unveränderlich, naturdominiert und seinen Obsessionen folgend. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass moralische Werte anerzogene oder erlernte Werte sind. Es scheint allerdings kein gültiges Regelwerk mehr zu geben, wenn ein Satz hingenommen wird, der wie folgt lautet: Nein heißt nicht ja, aber auch nicht nein.

Wir befinden uns zurzeit in einer Diskussionskultur, die nur ein Ziel zu kennen scheint, sich nur nicht festlegen müssen! Der Diskurs ist nicht das Mittel der Erkenntnis, sondern das eigentliche Ziel. Intellektuelle und argumentative Eloquenz ersetzen als neue und hippe Tugend Haltungen und konkrete Weltanschauungen. Ungeachtet dessen ist natürlich die Inszenierung am Volkstheater unbedingt aus mindestens zweierlei Gründen sehenswert: Zum einen wegen des ausgezeichneten Schauspiels der drei Darsteller, zum anderen wegen einiger Facetten männlicher Existenz, die abstoßen und anziehen zugleich und die mancher Zuschauer in dieser Form möglicherweise noch nicht kennt. So ist er nun mal, der Mann und nicht umsonst gibt es den Witz: Als Gott den Mann schuf, hat Sie nur geprobt!

Wolf Banitzki

 


Kurze Interviews mit fiesen Männern

nach David Foster Wallace

Mit: Silas Breiding, Jakob Immervoll, Jonathan Müller

Regie: Abdullah Kenan Karaca

Volkstheater Kleine Bühne Amsterdam von Maya Arad Yasur


 

Und Jan trinkt seinen Jenever

Einer jungen israelischen Violinistin flattert ein Brief der Stadtverwaltung Amsterdam in ihre Wohnung in der Amsterdamer Keizersgracht. Der Brief ist ihr unter der Tür hindurch geschoben worden. Vom Briefträger kann er nicht gewesen sein, denn Briefträger klingeln in Amsterdam nicht. Briefträger schieben Briefe grundsätzlich durch den Briefschlitz in der Eingangstür des Hauses. Sie arbeiten sich nicht zu den einzelnen Wohnungen durch. Vielleicht hat ihn aber auch Jan, der alte, griesgrämige, wortkarge Nachbar von Oben unter der Tür durchgeschoben. Das irritiert und verunsichert die junge Frau, die im neunten Monat schwanger ist. Der Brief enthält eine Gasrechnung für ihre Wohnung aus dem Jahr 1944. Die junge Violinistin beginnt Nachforschungen anzustellen, wen und was diese ominöse Rechnung betrifft. Nach vierundzwanzig Stunden kennt sie die Wahrheit, oder eine vermeintliche Wahrheit, denn eine Reise in den „Schacht“ der dunkelsten Geschichte Europas mit weltweit verheerenden Folgen ist ein Wagnis. Die junge Frau erfährt am eigenen Leib, dass die liberale und weltoffene Gesellschaft in Amsterdam gleichsam dunkle Flecken und schlecht verheilte Wunden aufweist.

Die israelische Autorin Maya Arad Yasur schuf mit ihrem dramatischen Text ein vielbeachtetes Werk, das schon durch die Form verblüfft. Es ist keine fertige Geschichte, gegenrecherchiert, streng durchkomponiert und am Ende verbindlich. Es ist vielmehr der sichtbare Entstehungsprozess einer Geschichte, an dem drei Darsteller beteiligt sind. Sie erklären den Status, spekulieren über den Fortgang, ja, sie streiten sogar um die bestmögliche oder glaubhafteste Lösung und treiben sich so gegenseitig rasant in der Erzählung voran. Am Ende gibt es einen Plot, der durchaus logisch erscheint, allerdings, wie die ganze Geschichte, Fiktion ist. Es lässt sich nicht verhehlen, dass das Konstrukt Schwächen aufweist. Dennoch ist die Fiktion gelungen und eine gelungene Fiktion zeichnet sich dadurch aus, dass sie genau so durchaus Realität hätte sein können. In einem Interview, abgedruckt im Programmheft zur Inszenierung, wird deutlich, dass sich die Autorin sehr gewissenhaft mit der Materie beschäftigt hat.

Maya Arad Yasur hat in Amsterdam Dramaturgie studiert und in der Stadt gelebt. Aus dem Text geht hervor, dass sie die Stadt wirklich kennengelernt hat und um die Mentalität ihrer Bewohner und deren politische Anschauungen weiß. Amsterdam und die ganze Niederlande lebten bis 1995 in der unerschütterlichen Vorstellung, dass sie ein leuchtendes moralisches Vorbild in Bezug auf Liberalität, Demokratie und Weltoffenheit seien. Doch dann mussten die Soldaten der niederländischen Blauhelmeinheit, die in Srebrenica während des serbischen Völkermordes stationiert waren, vor der Zweiten Kammer in Den Haag Tacheles reden und mit der Unschuld der Niederlande war es vorbei. Das Land war geradezu traumatisiert. Doch das Sündenregister war älter und keineswegs unbedeutend. Unter der Hand wurde immer wieder von Verstrickungen des Königshauses (Prinz Bernhard) mit den Nazis während des Dritten Reichs, insbesondere mit der Reiter SA gemunkelt. Selbst wissenschaftliche Belege wurden beigebracht. Doch, um es mit Morgenstern zu sagen: „Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“

  Amsterdam  
 

Philipp Lind, Jonathan Hutter , Nina Steils

© Gabriela Neeb

 

Maya Arad Yasur ist mit ihrem Text auf der Suche nach Antworten, beispielsweise, wie es möglich war, in einem Land, das durchaus heftigen Widerstand leistete, 75 % der Juden problemlos gefangen zu setzten und der Vernichtung zuzuführen. Ihre Antwort: „Ambtenaar Mentaliteit“ – Beamtenmentalität. Die Tatsache, dass es diese Mentalität in wohl allen Ländern gibt, entschuldigt nichts. Es liegt immerhin die Vermutung nahe, dass die Niederländer, wie die Deutschen auch, diesbezüglich musterhaft sind. Im selben Jahr, als die Niederlande öffentlich ihre Unschuld wegen Srebrenica verloren, berichtete das Deutsche Fernsehen von einem deutschen Skandal. Es stellte sich heraus, dass Deutschland eine große Menge Renten an Bewohner des Baltikums zahlt, die als Mitglieder der deutschen Wehrmacht unbeschreibliche Gräueltaten an ihren Mitmenschen begangen hatten. Die Opfer indes waren in ihrem jahrzehntelangen Kampf um Abfindungen oder Wiedergutmachungen leer ausgegangen. Die Reaktion aus den Niederlanden auf diese Sendung war verblüffend. Bereits am nächsten Tag gingen im deutschen Auswärtigen Amt eine Vielzahl von Anfragen von Niederländischen Staatsbürgern ein, die ebenfalls Rentenansprüche geltend machen wollten, weil sie mit den Nazis kollaboriert und unter ihnen gedient hatten. Soviel zum Thema „Beamtenmentalität“.

Die 1989 in Israel geborene und dort aufgewachsene Regisseurin Sapir Heller brachte Maya Arad Yasurs Werk nun in deutschsprachiger Erstaufführung auf die Kleine Bühne des Münchner Volkstheaters. Für das einhundertminütige Spiel hatte Bühnenbildnerin Anna van Leen, die auch für die Kostüme verantwortlich zeigte, eine bewegliche, typisch beleuchtete Brücke auf die Bühne gebracht, die sowohl die Stadt Amsterdam trefflich charakterisierte, als auch als Wohnraum oder sogar als gynäkologischer Stuhl verwendet werden konnte. Die drei Darsteller Nina Steils, Jonathan Hutter und Philipp Lind spielten mit Verve und äußerster Präzision. Höchst lobenswert! Dabei verlangte ihnen die Regie nicht nur einen komplizierten, weil sprunghaften und nicht immer einem roten Faden folgenden Text ab, sondern auch artistische Einlagen. Die Spiellust war den Dreien anzusehen und die beflügelte auch das Publikum, durch eine Geschichte zu gehen, die zutiefst düster und bedrückend war. Sapir Heller überzeugte mit ihren szenischen Lösungen und mit der Führung ihrer Schauspieler von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Dass die Inszenierung in keinem Moment in ein depressives Lamento abglitt, war zum einen der gewitzten musikalischen Begleitung durch Kim Ramona Ranalter zu danken. Andererseits erlaubte der Text, also die Sprachgestaltung der Autorin sehr komische Momente. Und hier kann man von einem besonderen Wert des Stückes sprechen, der heute recht selten geworden ist. Maya Arad Yasur ging völlig vorurteilsfrei an die Geschichte heran und erlaubte sich politische Unkorrektheiten in alle Richtungen, so dass sie einander zwangsläufig wieder aufhoben. Auf sehr erfrischende und lebendige Weise polterte sie durch die weltanschauliche Glasmenagerie, in der vor Korrektheit und Respekt längst alles zu erstarren beginnt und aus der das Leben zunehmend ausgesperrt wird.

Das ist eine Stimme, der man eine große Öffentlichkeit wünscht, denn sie ist bei aller Direktheit nicht ordinär oder beleidigend. Respekt und Rücksichtnahme werden, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, schon lange von Demagogen und Altvorderen als geistige Zuchtruten verwendet. Maya Arad Yasur und Sapir Heller haben die Servietten beiseitegelegt und sind gleich zum Hauptgang gekommen. Schmackhaft war es nicht immer, doch der Appetit auf Wahrheiten, mögen sie auch noch so unbequem sein, wurde ohne Frage bedient. Das erstaunlichste dabei: Es war eine rein fiktive Geschichte, die zahllose Wendungen nahm und auch ganz anders hätte zu Ende gehen können. Dass Jan zum Schluss seinen Jenever trank, war unbestritten ein starkes Ende.

Wolf Banitzki


Amsterdam (DEA)

von Maya Arad Yasur

Mit: Nina Steils, Jonathan Hutter, Philipp Lind

Regie: Sapir Heller

Volkstheater  Glaube Liebe Hoffnung  von Ödön von Horváth und Lukas Kristl


 

Gegen den Strich gebürstet

Horváths Dramen sind Komödien und bedienen sich der Form des Volksstücks. Dabei entlarvte er idyllische Heimeligkeit als das Unheimliche, die bürgerliche Gemütlichkeit als Verrohung der Gefühle und zeigte überdeutlich die Bestialität des honorigen Bürgers. Ein Happy End kann es nicht geben. Kleine Leute haben halt kein Glück, selbst dann nicht, wenn sie alle Voraussetzungen mitbringen. Der Spruch, jeder ist seines Glückes Schmied, ist blanker Hohn.

Elisabeth, Tochter eines  verwitweten und mittellosen Versicherungsinspektors, ist motiviert und ambitioniert, ihren Platz im Weltgetriebe einzunehmen. Miederwaren, Korsette, Strapse, Büstenhalter, sind ihr Metier. Doch um in diesem Gewerbe tätig sein zu können, braucht sie einen Wandergewerbeschein. Um den zu bekommen, Preis 150 Mark, erscheint Elisabeth im Anatomischen Institut, um ihren Körper für wissenschaftliche Forschungen zu verkaufen – nach ihrem Ableben wohlgemerkt. Schnell stellt sich heraus, dass diese Annahme ein Mythos ist. So zumindest erklärt es ihr der amtierende Oberpräparator. Der Mann hat allerdings eine Sepsis, zugezogen im Dienst an der Leiche, und soll bald versterben. Der Präparator, der später auf den vakanten Posten des Oberpräparators nachrücken wird, ein skurril-spießiger Geselle, ist voller Mitleid für die aparte Elisabeth und leiht ihr das Geld für genannten Schein. Als er jedoch feststellen muss, dass Elisabeth das Geld anderweitig verwendet hat, fühlt er sich schmählich betrogen. Elisabeth hat das Geld für eine gerichtlich verfügte Strafzahlung verwendet, die ihr auferlegt worden war, weil sie ohne Wandergewerbeschein dem Gewerbe nachging. Inzwischen hat sie einen solchen, vorgestreckt von der Geschäftsfrau Prantl. Doch der nützt ihr nun nichts mehr, denn der Präparator bringt sie ins Zuchthaus. Nach der Entlassung trifft sie auf einen Polizisten, den sie an seine verstorbene Verlobte erinnert und der sie bei sich aufnimmt und aushält. Doch die „Macht des Schicksals“ ist unüberwindlich und als der Schupo von ihrer Vergangenheit erfährt, verstößt er sie. Elisabeth geht daraufhin ins Wasser.

Wäre es kein Horváthsches Stück, man würde die Geschichte wohl als Sozialkitsch verbuchen. Sein Genie ist schwer zu definieren. Am nächsten kam dem wohl Anton Kuh mit seinem Urteil, als er meinte, Horváth sei „ein amorphes Stück Natur; vulgär wie ein Noch-nicht-Literat, souverän wie ein Nicht-mehr-Literat; aus Elementarem und Dilettantischem gemengt. So könnte die Rohschrift eines großen satirischen Erzählers aussehen; aber auch die Reinschrift eines genialen Abenteurers, der sich für einen Schriftsteller ausgibt.“ Als Regisseur war man bislang eigentlich immer auf der sicheren Seite, wenn man sich vor den Geschichten Horváths verbeugt und sie schlichtweg wiedergibt. Die Wirkung kann einfach nicht ausbleiben! Doch es gibt auch Stimmen, die vor dem emotionalen Minenfeld warnen, auf das man sich begibt, um darauf zu fallen und dem eigenen Sentiment zu erliegen. Stichwort Brecht, der mit seinem epischen Theater vor genau diesen Bewusstlosigkeiten warnte und mit seinem Verfremdungseffekt gegensteuerte. Ihm ging es um ein kritisches Publikum, das den Illusionen nicht willig erlag und einen klaren Kopf behielt.

  Glaube Liebe Hoffnung  
 

Nina Steils, Jakob Geßner

© Gabriela Neeb

 

Christian Stückl hat sich dieser Methode bedient und Horváths Stück kräftig gegen den Strich gebürstet. Und siehe da: Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Das Bühnenbild von Stefan Hageneier verlagerte die Spielebenen auf die Horizontale und hielt fünf sich perspektivisch verkleinernde, von einander trennbare, in die Tiefe der Bühne gestaffelten schwarze Räume vor. Dadurch ließen sich unterschiedlichste Spielorte definieren, von der intimen Klause bis hin zur metaphorischen Straße des Lebens. In allen Räumen befanden sich schwarze Tische, Bänke und Hocker. Sämtliche Plätze glichen einander und meinten einen einzigen: einen anatomischen Präparationssaal. Hageneiers Kostüme suggerierten außerdem die Welten des René Magritte. Die Männer waren in schwarzen Anzügen und Mänteln gewandet und trugen die für den belgischen Surrealisten so typischen Bowler-Hüte. Die Szene erschien dystopisch surreal und kafkaesk. Um diesen Eindruck noch zu verstärken, ließ Christian Stückl die Darsteller die von ihnen gestalteten Figuren extrem stark überzeichnen.

Oleg Tikhomirov spielte seinen mit zahllosen Macken behafteten Präparator hart an der Grenze zum Kretinismus. Pascal Fliggs Amtsgerichtsrat war ein gewaltiger Furzer vor dem Herrn, durch dessen gutbürgerliche Fassade alle nur denkbaren Pathologien schimmerten, eine echte Bestie Mensch. Der Schupo von Jakob Geßner glich, wenn er dem gemeinsamen Bett mit Elisabeth entstieg, einem sich nobel spreizenden Tier. Dieser Polizist war ganz Körper, wohl, weil es der Figur an intelligentem Geist gebrach. Timocin Ziegler spielte einen blödsinnigen stumpfen Kellner, einen tierisch verschlagenen Schnorrer, einen den herannahenden Tod mit großer Geste ausstellenden Oberpräparator und eine lächerliche heroische Eintagsfliege als Lebensretter. Mauricio Hölzemanns Prostituierter entzog sich jeglicher Vorstellung. (So etwas hält niemand für möglich!) Als frisch aufgestiegener Vizepräparator wuchs er schier durch die Decke und als Kriminaler war er der rechte hölzerne Beamte mit dem Willen zur unbedingten Vollstreckung.

Die Damen des Ensembles fanden sich durchweg in den Rollen von Spielbällen der Männerwelt wieder. Am schrillsten gebärdete sich Carolin Hartmann in dem Part der Miederwarenhändlerin Irene Prantl. Im Gegensatz zu den männlichen Rollen resultierte bei ihr die extreme Expression vielmehr aus der Angst heraus, mit ihrer Unternehmung zu scheitern, und weniger aus einer charakterlichen Deformation. Abgeklärt und pragmatisch agierte sie hingegen als Prostituierte. Luise Deborah Daberkow spielte ihre Frau Amtsgerichtsrat mit derselben Haltung wie die der Prostituierten. Genau genommen war sie als Frau Amtsgerichtsrat auch nur eine Prostituierte. Ihr Versuch, im Miederwarenhandel eigenes Geld und somit Unabhängigkeit zu erlangen, lief letztlich auch nur auf Prostitution hinaus, denn um zu verkaufen, musste sie die Hüllen fallen lassen.

Die Rolle der Elisabeth war mit Nina Steils trefflich besetzt. Die fragil wirkende Frau, der es an Selbstbewusstsein nicht mangelte, war anfangs ein gesundes Geschöpf, das zwar nicht ohne Verzweiflung aber doch mit gehörigem Mut einer Welt entgegentrat, die Menschen wie sie lediglich als Fußabstreifer oder als Geschöpf zur schnellen Befriedigung betrachtete. Zum Schluss agierte sie ebenso schrill wie die anderen Figuren auch. Allerdings war sie nun, das eigene Leben verwerfend, zur Zynikerin geworden, die mit sich selbst und durch sich selbst gnadenlos anklagte.

Als der Vorhang nach einer turbulenten, irre komischen und grotesken Inszenierung fiel, hatte der Zuschauer unbedingt Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ gesehen, ohne dabei vor Betroffenheit über die (auch heutigen) Zustände zu greinen. Die Werktreue war gegeben, die Wirkung indes eine andere als üblich. Der Wirkung und der Botschaft hatte der radikale ästhetische Umgang grundsätzlich keinen Abbruch getan. Unterhaltsam war es bei aller Düsternis und Menschverachtung allemal. Christian Stückl hatte Mut bewiesen und sich weit hinausgelehnt mit seinem Konzept. Es hätte auch im peinlichen Klamauk untergehen können, tat es aber nicht. Dabei löste die Vorstellung vor allem keine Betroffenheit aus, denn es war mehr Brechtsches episches Theater für die Ratio, als Aristotelisches kathartisches für die Emotio. Das Ergebnis gab den Machern recht und es bleibt nur, ihnen aufrichtig Dank und Anerkennung zu zollen.

Wolf Banitzki

 


Glaube Liebe Hoffnung

von Ödön von Horváth und Lukas Kristl

Mit Nina Steils, Jakob Geßner, Pascal Fligg, Luise Deborah Daberkow, Carolin Hartmann, Oleg Tikhomirov, Timocin Ziegler, Mauricio Hölzemann

Regie: Christian Stückl

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