Marstall  Alles muss glänzen von Noah Haidle


 

Menschlichkeit in Zeiten des Untergangs

Die Sintflut hat begonnen. Wasser allenthalben. Auch um das Haus von Rebecca herum, einer Vierzigjährigen, steht es knöchelhoch. Sie bereitet, unerschütterlich wie immer, das Abendessen. Flunder, nach einem neuen Rezept. Und da ihre Tochter Rachel zusammen mit Gary zum Abschlussball geht, wird sie auch an diesem Abend allein bleiben. Ihr Mann ist vor einem Jahr gegangen, sein Glück zu suchen. Sohn Michael ist auch gegangen, den Vater zu suchen. Sie hofft, das Abendessen in Gesellschaft einzunehmen, als die Nachbarin Gladys vorbeischaut, um ein Messer zurück zu bringen. Gladys Arme sind blutig und sie erzählt von einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann. Sie borgt sich von Rebecca eine doppelläufige Flinte, da ein Vergewaltiger umgeht, und erschießt sich damit in deren Bad.

Ein Zeuge Jehovas taucht auf. Doch auch der will nicht mit Rebecca essen, sondern klärt sie darüber auf, dass sie nicht zu den Auserwählten der letzten Tage gehören wird. Rebecca vertreibt ihn mit Gin. Der Vergewaltiger kommt, wird niedergerungen und enttarnt. Es ist ein guter Bekannter. Der ist unendlich allein, traurig und voller Skrupel und darum will ihm keine Vergewaltigung gelingen. Rebecca schickt ihn heim zu seiner Frau. Es schwemmt einen Wal in Rebeccas Küche, aus dem heraus schneidet sie ihren Sohn Michael, der den Vater nicht gefunden hat. Rachel kehrt heim, den toten Gary im Schlepptau, der von einem Hai auf der Straße attackiert worden war. Ihren ersten Kuss muss sie sich von den Lippen eines Toten pflücken. Und dann, zu guter Letzt, kehrt auch Rebeccas Mann heim, der sein Glück gefunden hat. Zu „Only you“ von The Platters küssen sie sich. Es regnet weiter.

Es ist ein Stück über eine starke Frau, die nach bestem Wissen und Gewissen ihre Würde, ihre Liebe und ihr Recht auf beides verteidigt in einer würdelosen, lieblosen und rechtlosen Welt. Dabei ist die Sintflut das geringere Übel. Und es ist ein Stück über Vertrauen in Menschen und in ihre Vertrauenswürdigkeit, ganz ohne Blauäugigkeit oder Hintertüren. Sie wird nicht enttäuscht und das ist die gute Botschaft in Zeiten der Sintflut.

  Alles Muss Glaenzen  
 

Linus Schütz, Nadine Kiesewalter, Max Koch, Barbara Melzl

© Matthias Horn

 

Die Rolle der Rebecca wurde von Regisseur Tom Feichtinger mit Barbara Melzl besetzt. Eine bessere Wahl hätte er schwerlich treffen können. Barbara Melzl gehört zu den wenigen Schauspielerinnen, die für jede, noch so absurde oder schräge Situation eine absolut glaubhafte Haltung entwickeln kann, ohne dabei in Manierismen zu verfallen. Man möchte meinen, auch diese Rolle sei ihr auf den Leib geschrieben worden. Sie stapfte in ihrer knöchelhoch gefluteten, von Treibholz und umgestürzten abgestorbenen Bäumen bestückten Openairküche herum, als sei es das Selbstverständlichste. (Bühne Ulrike Treittinger) Die Innenräume des Hauses waren erst einsehbar, als der halbtransparente Prospekt hochgezogen wurde. In diesem kurzen Augenblick wurde eine aufgeräumte, von warmem Licht durchflutete Heimstatt sichtbar, gleichsam den Titel der Inszenierung noch einmal beschwörend.

Regisseur  Tom Feichtinger arbeitete sehr aufwendig. Er ließ Videos von sturmgepeitschter See und gegen das Tosen ankämpfende Schwärme von  Seevögeln etc. auf den Prospekt beamen. Er verlegte ausgewählte Handlungen wie zum Beispiel die Selbsttötung von Gladys, anrührend dezent und als Understatement gespielt von Anna Graenzer, hinter den Prospekt, wodurch eine verfremdende Unschärfe entstand. Deutlich wurde nur ihr Blut, was sehr wirkungsvoll an den Prospekt spritzte. Der Musiker Sean DeLear blieb über große Teile des Stückes gleichermaßen undeutlich, wenn er die Handlung mit seinen englischsprachigen Kommentaren oder Songs begleite.

Nadine Kiesewalters Rachel, Rebeccas Tochter, war vielleicht der krasseste Widerspruch zur Spiel- oder Bühnensituation, als sie in ihrer jugendlichen Schönheit und im langen Glitzerkleid eine Hoffnung formuliert, die im Angesicht des Untergangs vollkommen absurd erschien. Götz Schulte war an diesem Abend der Mann der eindringlichen, wie leisen Töne, erst als depressiver Vergewaltiger und zuletzt als erleuchteter Ehemann. Max Koch, der als gestrandeter Sohn Michael nackt und bloß aus dem Wal geschnitten werden musste, erst einmal eine Zigarette rauchte, vermittelte auf unspektakuläre Weise, ohne aufgesetzte Präsenz, einzig mit seiner Physis doch noch die Hoffnung, dem Kommenden standhalten zu können. Er war bei der Suche nach dem Vater zum Mann gereift. Und last but not least verkörperte Linus Schütz zwei denkbar ungleiche Typen: Gary, den linkischen, aber liebenswerten Ballbegleiter und den verbissenen, religiös arroganten Zeugen Jehovas.

Verglichen mit „Foxfinder“ war „Alles muss glänzen“ fast eine opulente Materialschlacht. Die Wirkung war darum nicht größer, aber auch nicht geringer. Innerhalb von drei Stunden zwei so unterschiedliche Arbeiten und Handschriften zu erleben, machte Spaß und zeigte einmal mehr, wie abwechslungsreich Theater sein kann. Beide Inszenierungen waren ästhetisch ausgewogen, intelligent und aufregend. Es war ein guter Abend für die Zuschauer, die sich gleich auf zwei Stücke und zwei unterschiedliche Inszenierungen einließen, die unterschiedlicher kaum sein konnten.

Wolf Banitzki

 


Alles muss glänzen

von Noah Haidle
Deutsch Brigitte Landes

Barbara Melzl, Nadine Kiesewalter, Linus Schütz, Anna Graenzer, Götz Schulte, Max Koch

Regie Tom Feichtinger

Marstall  Foxfinder von Dawn King


 

Und wieder neigt sich die Waage …

Ein Bauernhof. Die Ernte wird aller Wahrscheinlichkeit nach schlecht ausfallen. Im März ist der Sohn des Farmerehepaares Samuel und Judith Covey ums Leben gekommen. Es war ein unseliger Unfall, der Samuel derart aus der Bahn warf, dass er über Wochen nicht arbeiten konnte. Im Land, in dem beinahe alles unter Kontrolle ist, gibt es eine Seuche. Füchse. Niemand hat sie gesehen, doch man ist sich ihrer Existenz gewiss. Auch über ihr Aussehen, ihre Größe und über ihre Blutrünstigkeit weiß man hinlänglich Bescheid, vor allem aber darüber, dass sie für beinahe jede Katastrophe oder Unzulänglichkeit verantwortlich sind. Schließlich können sie sogar das Wetter beeinflussen.

Die prognostizierte schlechte Ernte und der damit verbundene Nahrungsmittelausfall für die Bevölkerung des Landes legt den Verdacht nahe, dass die Covey-Farm befallen ist. Das ruft den Foxfinder William Bloor auf den Plan. Er mietet sich bei den Coveys ein und beginnt seine Nachforschungen. Die entpuppen sich alsbald als hochnotpeinlich. Langsam entsteht der Verdacht, dass die Coveys ihre Pflichten nur unzulänglich erfüllen, dass sie in ihrem Schuldbewusstsein lügen, dass sie kollaborieren mit üblen Propagandisten, die behaupten, dass es gar keine Füchse gäbe, und wieder neigt sich die Waage Justizias zu Gunsten der Staatsgewalt. Die Enteignung, die Verfolgung droht. Und als der Druck schließlich groß genug ist, beginnt Samuel Covey daran zu glauben, dass der Befall durch die Füchse real ist. Der Wahnsinn hat die Oberhand gewonnen und wenn das eintritt, fließt bald Blut.

Dawn Kings kleine Geschichte ist eine große Parabel auf die Welt der Diktaturen, auf ihre Entstehung und auf ihre erbarmungslose Bösartigkeit. Die Menschen, infiziert von perversen Ideologien, von banalen Lügen, büßen alle die ihnen naturgemäß gegebene Menschlichkeit ein und sie sind bereit und gierig darauf, übereinander herzufallen. Angst geht um und: Homo homini lupus est. „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ Oder besser: Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit. „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt.“ Schwer vorstellbar, dass dieser Satz aus der Komödie „Asinaria“ (Eseleien) des Plautus  (ca. 254–184 v. Chr.) stammt. Er ist heute bittere Realität und um darüber lachen zu können, braucht es schon eines recht surrealen Kontextes.

  Foxfinder  
 

Thomas Gräßle, Nils Strunk, Valerie Pachner

© Matthias Horn

 

Im Rahmen des Marstallplans kam das Stück in der Regie von Mirjam Loibl auf die Bühne und es war, um es gleich vorweg zu nehmen, eine überaus gelungene Arbeit. Dafür waren zuallererst die Darsteller verantwortlich, die von der Regie sensibel und frei von billigen Effekten geführt, von der ersten Sekunde an in den Bann (der Geschichte) schlugen.

Valerie Pachner und Thomas Gräßle als Ehepaar Judith und Samuel Covey offenbarten von Anbeginn die vielen Facetten ihres, vom Tod des Kindes gezeichneten Zusammenlebens, das sichtlich gestört war. Mangelndes Vertrauen und Angst vor zu viel Nähe auf Grund der Verletzlichkeit schlug im Laufe der Handlung um in Zweifel, Misstrauen und Fanatismus. Während Judith, inspiriert durch die von Pauline Fusban gespielte Nachbarin Sarah Box, die ebenfalls ins Visier der Staatsmacht geraten war, eine Flucht in Erwägung zog, schlug sich Samuel auf die Seite des Foxfinders William Bloor, um die Füchse zu stellen und damit der Misere ein Ende zu bereiten. Nils Strunks Foxfinder war eingangs ein korrekter Mann, der sich seiner Macht durchaus bewusst war, der aber dennoch mit mönchischer Hingabe seine Aufgabe über seine eigenen Bedürfnisse stellte. Das Engagement Samuels löste bei ihm allerdings Zweifel aus, denn plötzlich wurde der Jäger zum Gejagten, der Treiber zum Getriebenen und in dieser Situation kam es zu unangenehmen Einsichten und Regungen, die schließlich einen Blutzoll forderten.

Einen weiteren Garanten für das Gelingen der Inszenierung lieferte Bühnenbildner Thilo Ullrich. Er brachte einen hölzernen stumpfen Kegel auf die Bühne, der, einmal angestoßen auf fester Kreisbahn seine raumgreifenden Runden zog. Er war auch das Instrument einer unsichtbaren Macht, die alles scannte, alles niederwalzte, alles beherrschte. Die Darsteller konnten sich zwar in das Fachwerkgebilde hineinbegeben, sie wurden aber ebenso vor diesem Monstrum hergetrieben. Eine wirklich gelungene Metapher und ein grandioses Bild. Ebenso zu loben waren die detailliert durchgearbeiteten und gestalteten Kostüme von Eva Bienert. Sie erinnerten an Arbeit mit der Erde, mit der Natur, zweckmäßig und gleichsam integriert im imaginären Raum. Die Musik von Maximilian Loibl machte die Bedrohlichkeit der Situation vollkommen. Die Ängste, die alle Beteiligten beherrschten, waren ebenso vage und unbestimmt, wie die Klänge, die die Szenen immer wieder in unbehagliche Vibrationen versetzte.

Auffällig an dieser Inszenierung war die Disziplin aller Beteiligten, den Text, die Geschichte zu bedienen und die korrekte Umsetzung aller noch so beiläufiger Elemente. Der visuelle Eindruck war ungestört. Die Magie der Bilder griff. Mit großem Vergnügen und mit großer Befriedigung, auch mit Blick auf die nachfolgende Inszenierung von „Alles muss glänzen“, kann attestiert werden, die Jungen können es!

Wolf Banitzki

 


Foxfinder

von Dawn King
Deutsch von Anne Rabe

Mit: Nils Strunk, Thomas Gräßle, Valerie Pachner, Pauline Fusban

Regie Mirjam Loibl

Residenztheater Mauser von Heiner Müller


 

Gewalt – das letzte Bildungserlebnis

Nach „Balkan macht frei“ nun Oliver Frljić zweite Arbeit am Münchner Residenztheater: „Mauser“ von Heiner Müller. Müller, der, wie er selbst gestand, keine einzige Geschichte selbst geschaffen, sondern immer adaptierte hatte, ließ sich für „Mauser“ von Brechts „Die Maßnahme“ inspirieren. Dieses knappe Werk ist ein so genanntes Lehrstück. Brecht machte explizit zu seinen Lehrstücken Anmerkungen, die Missverständnisse ausschließen sollten: „Diese Bezeichnung (Lehrstücke. Anm. W.B.) gilt nur für Stücke, die für die Darstellenden lehrhaft sind. Sie benötigen so kein Publikum.“ Müller, der die Potenzen der Brechtschen Lehrstücke erkannt hatte, auch und vor allem in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen (vorgeblich revolutionären) Verhältnissen im Ostblock, adaptierte „Die Maßnahme“ in dem Bestreben, das Theater voranzutreiben. Das bürgerliche Rollentheater erschien ihm unzulänglich, als Instrument der Erkenntnisgewinnung. Im Mittelpunkt stand dabei der Mensch, nackt und bloß den gesellschaftlichen Konflikten ausgeliefert. Im Fall „Mauser“ ist der Mensch, um den Konflikt auf höchste existenzielle Ebenen zu treiben, in einer revolutionären Umwälzung eingebunden. Die Geschichte spielt in Witebsk während des russischen Bürgerkriegs 1917/18 – 1922/23, als dessen Ergebnis die Gründung der Sowjetunion stand.

Der Genosse A hatte den Auftrag der Partei, im Namen der Revolution die Feinde der Revolution zu eliminieren. Er übernahm die Aufgabe vom Genossen B, der bei der Ausübung des gleichen Auftrags zu viel Milde gezeigt und darum versagt hatte. A musste als erstes B töten. In den folgenden 10 Tagen erfüllte er seine Aufgabe korrekt. Doch dann warf er die Last des Tötens und der Toten ab und machte einen lustvollen Exzess aus seiner Aufgabe. Er tanzte auf den Toten und hatte damit gegen die Parteidisziplin verstoßen. A war zum Problem geworden, und musste nun seinerseits eliminiert werden.

Oliver Frljić erklärt in einem Interview, abgedruckt im Programmheft zur Inszenierung, dass Revolutionen auch zukünftig nicht ausgeschlossen werden können, denn der Kapitalismus kann nicht das Ende der gesellschaftlichen Entwicklung sein. Somit stellt sich die existenzielle Frage nach der Rolle des Individuums. Geht er in der revolutionären Aufgabe auf, verliert damit seinen Rang als Individuum, und notgedrungen für eine bessere Welt unter?

Oliver Frljić gesteht, dass er nicht an die weltverändernde Fähigkeit der Kunst glaubt. Aber er glaubt daran, durch die Kunst das Menschsein besser verstehen zu können. Das Theater als Labor. Das ist ein vernünftiger Ansatz, denn im Theater kann das Menschsein durchgespielt und unter unterschiedlichsten Bedingungen erfahren werden. Einzig, der Tod selbst kann nicht erfahren werden. Zumindest besteht die Hoffnung. An dieser Stelle kommt nun das Lehrstück ins Spiel, das nach sehr strengen Regeln funktioniert und erst einmal nur dem Spielenden Erkenntnis bringt. Dennoch hat natürlich die Betrachtung des Lernvorgangs ein didaktisches Anliegen. Das Publikum kann im Spiel mit „verwertet“ werden. Für die Spielweise auf der Bühne empfiehlt Brecht: „ Ästhetische Maßstäbe für die Gestaltung von Personen, die für Schaustücke (also das, was der Zuschauer im Residenztheater üblicherweise zu sehen bekommt – Anm. W.B.) gelten, sind beim Lehrstück außer Funktion gesetzt. Besonders eigenzügige, einmalige Charaktere fallen aus, es sei denn, die Eigenzügigkeit und Einmaligkeit wäre das Lehrproblem.“

  Mauser  
 

Christian Erdt, Marcel Heuperman, Franz Pätzold, Nora Buzalka

© Konrad Fersterer

 

Nun, genau das war nicht der Fall. So ging es vornehmlich darum, den handelnden Personen keine individuellen Züge zu verleihen. Es standen sich gegenüber: tötende Revolutionsgardisten und der Chor als Hüter der revolutionären Idee. Bauern, die zur Hinrichtung geführt wurden, blieben erdfarben – Statisten der Geschichte. Frljić, der für seine Radikalität bekannt ist und dafür häufig angefeindet wird, geht auch noch den finalen Schritt und nahm den Darstellern ihre Kleidung. Damit war auch die letzte Möglichkeit von Individualität ausgemerzt und, um das hinreichend  sichtbar zu machen, ließ er die vier Darsteller, Nora Buzalka, Christian Erdt, Marcel Heuperman und Franz Pätzold, die unentwegt die Rollen gewechselt hatten, zuletzt splitterfasernackt lange Zeit Holz hacken, während sich Alfred Kleinheinz als Elfriede Jelinek und Heiner Müller zu Problemen des Kunstschaffens oder zum Leben in der DDR befragen ließ.

Es war ein hochkomplexes, intellektuell sehr anspruchsvolles Werk, das Momente äußerster Intensität aufwies. Diese Momente waren zumeist an die gewaltige und auch gewalttätige Sprache Müllers gekoppelt. Es war aber dennoch kein in sich geschlossenes Werk, das an manchen (Szenen-) Enden ins Leere lief. Verunsicherung und emotionalen Druck erzeugte es allemal, auch Unverständnis, denn es bedurfte einfach zu viel Wissens um die Haltungen und poetischen Auffassungen Müllers und Brechts, um den Focus der Betrachtung steuern zu können. Es ist dringend angeraten, das Programmheft vorher zu lesen. Dann versteht man auch, warum Heiner Müller übergroß auf einem Prospekt an der Bühnenrückwand das Spiel überwachte. Er war sinngemäß der Ansicht, dass die unkritische Verwendung Brechts Verrat an dem großen Dramatiker sei. Wenn Nora Buzalka am Ende eine Eisskulptur von Müller auf Marmorsockel mit einer Axt zertrümmert, dann, um den Weg freizumachen, das Werk Müllers in philosophischem oder künstlerischem Sinn aufzuheben und weiter zu entwickeln.

Die Frage, ob gesellschaftlicher Wandel ohne Gewalt zu haben sei, ist für das Publikum nicht hinreichend beantwortet worden, obgleich sich ungute Ahnungen breit machten. Interessant wäre es, zu erfahren, welchen Erkenntnisprozess die Darsteller durchlaufen haben und zu welchen Schlüssen sie gekommen sind, denn nach den Regeln des Lehrstückes waren sie die Lernenden. Man kann Oliver Frljić nicht vorwerfen, diese große Frage nicht schlüssig beantwortet zu haben, denn selbst Müller fühlte sein eigenes Scheitern überdeutlich. Seine Zukunftsvision stellt sich bereits 1977 wie folgt dar: „Die christliche Endzeit der MASSNAHME ist abgelaufen, die Geschichte hat den Prozess auf die Straße vertagt, auch die gelernten Chöre singen nicht mehr, der Humanismus kommt nur noch als Terrorismus vor, der MolotowCocktail ist das letzte bürgerliche Bildungserlebnis.“ (Programmheft S.15) Wie weitsichtig der 1995 verstorbene Dramatiker Heiner Müller doch war.

Wolf Banitzki

Noch eine Anmerkung: Alfred Kleinheinz war bei der Verbeugung nach der 2. Vorstellung gestürzt und unfähig, wieder aufzustehen. An dieser Stelle soll, verbunden mit den besten Wünschen, der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass er sich nicht ernstlich verletzt hat und bald wieder auf der Bühne steht.

 


Mauser

von Heiner Müller

Franz Pätzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heuperman, Nora Buzalka, Christian Erdt

Regie/Bühne/Musik: Oliver Frljić

Marstall  Kreise/Visionen  von Joël Pommerat


 

Das Leben ein Spiel

Die Welt ist keine Scheibe, auch keine Kugel, sondern eine quadratische, schneeweiße Bühne. In der Mitte befand sich ein kleines rundes Loch und wer dort hineinschaute, dessen Bild erschien am Himmel, der ebenfalls eine quadratische von innen her leuchtende Bühne war. Das Leben, ein Spiel. 700 Jahre wurden überflogen. Am Anfang stand ein Ritter, der seine Daseinsberechtigung durch einen Erlass, der Geld zum Äquivalent aller Dinge und Taten erhob, abgeschafft sah. Ein Ritter handelt für Ehre, Glaube und Ruhm, nicht für schnödes Geld. Ein anderer Mensch hatte viel Geld, aber einen kranken Sohn. Der Versuch, ein Implantat für den totkranken Filius bei Menschen zu erwerben, die gar nichts mehr haben außer ihren Organen, ging in beißender Lächerlichkeit unter. Zwei Paare hatten sich in einem Wald verlaufen, dort hörten sie das Schreien eines Säuglings, sie, die Kinder verabscheuten. Doch nachdem sie sechs Tage lang im Wald herumgeirrt waren, erschien der Frau ein Kind wie eine Option auf ein besseres Leben. Einem anderen Mann versprachen zwei obdachlose Frauen im Tausch gegen Zärtlichkeit und Sex einen ungeahnten beruflichen Aufstieg. Der fand tatsächlich statt, denn die Vorgesetzten starben, als griffe hier das „Gesetz der Serie“. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs machte ein opiumschwangerer Adeliger seinem Lakaien ein unanständiges sexuelles Angebot, doch der wollte viel lieber in den Krieg ziehen und musste mit großem Bedauern ablehnen. Eine andere Adelsfamilie stellte ein Dezennium zuvor ihrer entsetzten Dienerschaft Arbeitsverträge in Aussicht und löst somit alle menschlichen Bande, die über die Jahre gewachsen waren. Und ein eloquenter Vertreter versuchte einer zutiefst depressiven Frau eine „Universalbibel zum Erfolg“ zu verkaufen. Ohne Erfolg.

Der französischer Theatermacher Joël Pommerat entwickelte die lose, aus 20 Szenen bestehende Dramenfolge, die insgesamt 64 Figuren beinhaltet, mit seiner Theatercompagnie  „Louis Brouillard“. Die einzelnen Szenen schienen kaum miteinander in Bezug zu stehen, werden zudem sehr sprunghaft erzählt und fügen sich letztlich auch nicht zu einem deutlichen Mosaik zusammen. Doch jede Szene für sich bewegte, und jede tat das auf besondere Weise. In der Inszenierung  von Tina Lanik im Marstall wurde die (Welt-)Bühne von acht Clowns bevölkert, sämtlich in einheitlichen lilafarbenen Livreen gekleidet. Auf den Köpfen trugen sie die hinlänglich bekannten Gummiglatzen mit langem weißem Haarkranz. (Bühne und Kostüme Stefan Hageneier) Ein (ständig wechselnder) Moderator führte in jede Szene ein, benannte Zeit, Ort und handelnde Personen. Wenn ein Darsteller zur agierenden Person, zum eigenständigen Charakter wurde, nahm er kurzerhand die Gummiglatze vom Kopf und somit individuelle Gestalt an. Der Wechsel zwischen Clownsgesicht und Rollenantlitz war ein gelungenes Wechselspiel zwischen narrativer und spielerischer Entäußerung. Die Ästhetik schlug in den Bann und trug leicht und sicher über die anfängliche Ratlosigkeit, die sich angesichts der schwer fassbaren Fragmente einstellte. Die Faszination wuchs mit jeder erzählerischen Stufe. Die ausgefeilten inszenatorischen Einfälle der Regie taten ein Übriges.

  Kreise Visionen  
 

 Beatrix Doderer, Michele Cuciuffo, Anna Graenzer, Thomas Huber, Till Firit, Cynthia Micas, Hannes Hellman

© Konrad Fersterer

 

Nun genießt man am Residenztheater ja gemeinhin und allzu gern auch immer das besondere Spiel der einzelnen großartigen Schauspieler. Die Möglichkeit war in dieser Inszenierung bisweilen stark eingeschränkt, denn im gleichen Kostüm und stark gezeichneter Maske war die Unterscheidung nicht immer einfach und auch nicht gewollt. Dennoch blieb der Genuss für das Publikum nicht aus. Darsteller wie Michele Cuciuffo, Beatrix Doderer, René Dumont, Till Firit oder Anna Graenzer verstehen es in beinahe jeder Situation, eigene und unverwechselbare Akzente zu setzen. René Dumont begleitete das Spiel zudem auf einer kleinen Ukulele. Die musikalischen Kommentare waren gleichermaßen komisch wie auch tiefsinnig und kontrastierend.

Tina Lanik hatte für ihre Inszenierung beeindruckende Gäste mitgebracht. So gab Hannes Hellmann, der bis 2005 an den Münchner Kammerspielen engagiert war, ein eindrucksvolles Gastspiel. Seine physische, wie stimmliche Präsenz war allemal sehens- und hörenswert. Neben Thomas Huber (Schauspiel Frankfurt) vervollkommnete Cynthia Micas (z.Z. am Berliner Maxim Gorki Theater) das spannende und phantasievolle Spiel um ein großes Thema. Das war nämlich die selbstgewählte oder durch andere verursachte Vereinzelung, die gesellschaftliche Isolation des Menschen durch Individualismus, Egoismus und Machtmissbrauch. Werteverfall und Verlust von humanistischen Idealen gehen einher mit Karrierismus und menschlicher Verrohung.

Die Inszenierung „Kreise/Visionen“ erzählt davon auf ganz besondere Weise. So ausgefeilt, so seltsam und bemerkenswert wie die Geschichten erzählt wurden, so kongenial war die ästhetische Umsetzung auf der Bühne. Es war nicht nur ein wundervoller Einfall, diesen Theaterabend zu einer clownesken Revue zu machen, es war gleichsam ein sicherer Weg, die „unwahrscheinlichen und schräg anmutenenden Geschichten“ (Joël Pommerat) zu einer gesellschaftliche Realität zu erklären, die wir schwerlich leugnen können. Alles in allem: ein gelungener, unterhaltsamer, spannender und sehr sehenswerter Theaterabend.

Wolf Banitzki

 


Kreise/Visionen

von Joël Pommerat
Deutsch von Gerhard Willert

Michele Cuciuffo, Beatrix Doderer, René Dumont, Till Firit, Anna Graenzer, Hannes Hellmann, Thomas Huber, Cynthia Micas

Regie: Tina Lanik

Marstall In einem Jahr mit 13 Monden von Rainer Werner Fassbinder


 

Kein Entkommen

Elvira Weishaupt heißt eigentlich Erwin. Er ist in einem kirchlichen Waisenhaus aufgewachsen, in dem er vornehmlich lernte, Menschen zu geben, was sie sich wünschten. Bei den Ordensschwestern war es warmherzige Liebe. Und so lernte er das Lügen, was ihn jedoch einsam und traurig machte, was allerdings niemand bemerkte. Eine kurze Zeit gab es die Hoffnung, dass er in eine Adoptivfamilie kommen würde. Doch eine Adoption erforderte die Zustimmung von Vater und Mutter. Da der Vater, der im Krieg war, gar nichts von der Existenz Erwins wusste, verweigerte zuallererst die Mutter ihre Zustimmung, um nicht aufzufliegen. So blieb Erwin bei den Nonnen. Der zweite Schritt ins Arbeitsleben brachte ihn mit Anton Saitz zusammen, einem Mann, der als Kind das Konzentrationslager überlebt hatte und der den unbändigen Wunsch entwickelt hatte, reich, sehr reich zu werden. Man begann mit Fleisch, denn Erwin, der eigentlich Goldschmied werden wollte, hatte als ersten Schritt den Beruf des Schlachters erlernt. Zu Geld gekommen, kaufte sich Anton Saitz in ein Bordell ein, das er nach den Regeln eines KZ´s organisierte und das ihm noch mehr Geld einbrachte. Später kaufte er im Frankfurter Westend Immobilien, ließ sie abreißen und errichtete Hochhäuser.

Erwin heiratete Irene, eine Lehrerin, und zeugt mit ihr Marie-Anne. Doch ein Familienleben konnte er nicht führen. Anton Saitz hatte Erwin, der sich nach nichts mehr als nach Liebe sehnte, eines Tages geflüstert, dass er ihn liebe. Erwin flog nach Casablanca und ließ sich umoperieren. Schwul war er nicht, eine Frau wurde er auch nicht und Saitz sah er nicht wieder. Stattdessen ging er anschaffen und ernährte Christoph, einen gescheiterten Schauspieler, der dank Erwin wieder in die Gesellschaft zurückfand und Anlageberater wurde. Doch Christophs Liebe zu Elvira, wenn es denn eine war, starb und der Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1978 beginnt mit dem endgültigen Fortgang.

Trost findet Elvira temporär bei der roten Zora, einer Prostituierten. Doch Elvira hat längst jeglichen Halt verloren und sie sieht die einzige Chance, das Leben weiterzuführen in einer neuerlichen Begegnung mit der großen Liebe Saitz. Bei dem muss sie auch Abbitte leisten, denn in einem Interview hat sie auch über Saitz, den die meisten Menschen für „ein skrupelloses Kapitalistenschwein“ halten, geplaudert. Die Begegnung führt lediglich zu der Erkenntnis, dass Saitz Geständnis, Erwin zu lieben, völlig bedeutungslos gewesen war. Elvira sucht verzweifelt den Weg zurück zu Erwin, der sie einmal war und zu seiner Familie, die er nie gelebt hat. Doch es ist zu spät. Für Erwin gibt es aus diesem gescheiterten Leben kein Entkommen mehr.

  in einem Jahr mit 13 Monden  
 

Thomas Loibl (Elvira Weishaupt)

© Konrad Fersterer

 

Im Film geht es um Liebe und Tod. In Jahren mit besonderen Mondkonstellationen treten Depressionen bei Menschen mit starken Beschädigungen besonders heftig auf. 1978 war so ein Jahr. Selbstmorde waren darum an der Tagesordnung. Es ging aber auch um besondere politische Konstellationen, um den Ausbruch eines neoliberalen Booms, bei dem mit Konkursen noch am besten Kasse gemacht wurde. Fassbinder ließ sich dabei von einer Person besonders inspirieren, die aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft weitestgehend unantastbar war. Gemeint ist Ignatz Bubis (geb. 1927), der Ende 1944 in das Zwangsarbeitslager bei Tschenstochau (poln. Częstochowa) verschleppt wurde. Der spätere Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland begann seine kaufmännische Karriere im Schwarzmarkthandel im Ostsektor und musste fliehen. In Frankfurt a.M. kaufte Bubis Immobilien, ließ sie bis zum Abriss leer stehen, um dann als Bauinvestor aufzutreten. In dem Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ spielte  Fassbinder auf Bubis an. Bubis protestierte 1985 gegen eine Aufführung, die er „subventionierten Antisemitismus“ nannte.

Aureliusz Śmigiel setzte das Filmprotokoll von Juliane Lorenz, das beinahe identisch war mit dem Filmtext im Marstall als Theaterinszenierung um, wobei die politische Seite der Geschichte stark in den Hintergrund trat. Śmigiel hatte die Rolle der Elvira mit Thomas Loibl besetzt, womit er nichts falsch machen konnte. Loibl gehört ganz sicher zu den verlässlichsten Schauspielern, selbst bei kompliziertesten psychologischen Darstellungen. Philip Dechamps gab einen bissigen, herzlosen und brutalen Christoph und einen Selbstmörder, der Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819 erschienen) zitierte. Im Film wird das Buch in der Hand der Ordensschwester Gudrun sichtbar. Auf der großflächigen Marstallbühne (Bühne Martin Eidenberger), lediglich mit ein paar Matratzen und Kleidungsstücken belegt, gab Götz Schulte unter einem großen Lichtkreuz diese Schwester, aber auch die Figur des mit Orangen golfenden Immobilienhais Anton Saitz. Nora Buzalka verkörperte ihrerseits sowohl eine im bürgerlichen Verständnis respektable Studienrätin Irene als auch eine spastisch verbogene Smolik, die Sekretärin von Saitz. Mathilde Bundschuh gelang es nur unzulänglich, deutliche Grenzen zwischen der von ihr dargestellten roten Zora und der Tochter  Marie-Anne zu ziehen. Auch Marcel Heupermans komische Seelen-Frieda und sein Arbeitsloser differierten nicht wirklich deutlich.

Damit ist ein wichtiges Manko der Inszenierung benannt, denn ein stringenter Erzählstrang wie im Film konnte in der Bühnenfassung nur schwer ausgemacht werden, obgleich der Text und die Szenenfolge beinahe identisch waren. Ohne Kenntnis des Films hatte der Zuschauer Orientierungsprobleme. Aureliusz Śmigiel ging es zweifellos weniger um gesellschaftlich-politische Hintergründe und mehr um die inneren Kämpfe, die die Figuren, insbesondere Elvira Weishaupt, mit sich und mit anderen auszutragen hatten und die für den Protagonisten tragisch ausgehen musste. Im Film erschloss sich diese Tragik problemlos, im Theaterstück war sie mehr oder weniger behauptet. Es waren sehenswerte darstellerische Leistungen am Premierenabend zu erleben und faszinierende, z.T. philosophische Texte zu hören. Allerdings verschmolzen die szenischen Einrichtungen und Einfälle und die darstellerischen Abläufe und Haltungen nicht zu einem zwingenden Gesamtkunstwerk wie es Fassbinder im Film gelang. Einiges blieb unentschlüsselbar. Fassbinder folgte nicht selten seinen radikalen und spontanen Eingebungen die in fatale, überraschende oder verblüffende Entäußerungen mündeten, nie aber in unentschlüsselbaren. Hier reichte die Inszenierung leider nicht an die filmische Vorlage heran.

Wolf Banitzki

 


In einem Jahr mit 13 Monden

von Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch nacherstellt nach einem Filmprotokoll von Juliane Lorenz

Thomas Loibl, Philip Dechamps, Mathilde Bundschuh, Nora Buzalka, Marcel Heuperman, Götz Schulte

Regie: Aureliusz Śmigiel

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