Marstall  Die vierzig Tage des Musa Dagh nach Motiven von Franz Werfel


 

Wer hat Angst vor dem Wort Genozid?

Der Untertitel des Theaterabends „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ lautete: Über Identität, Trauma und Tabu nach Motiven von Franz Werfel. Damit wurde deutlich, dass hier keine Romanadaption als Theaterstück über die Bühne gehen würde. Tatsächlich diente das Werk Franz Werfels vornehmlich als Stichwortgeber und tragende Szenen aus dem Roman gab es sehr wenige. Der Abend war ein weitgesteckter Diskurs zum Thema Genozid der Armenier, wobei über dieses Wort selbst auch diskutiert wird, denn, mit dieser Information endete der Theaterabend, nur zwanzig Staaten haben den Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg (1915-1918) als solchen anerkannt. Sowohl Deutschland, über eine Resolution zur Anerkennung soll zum Ärger des türkischen Staatschefs am 2. Juni 2016 im Deutschen Bundestag abgestimmt werden, wie auch die Türkei gehören bislang nicht dazu.

Im Marstall wurde in den zwei Stunden Spieldauer eine Menge verhandelt; es wurden gleichsam Zusammenhänge erläutert und dabei auch deutsche Verstrickungen offengelegt. Deutschland war im Ersten Weltkrieg militärischer Verbündeter der Türkei und verhielt sich überaus loyal gegen den Partner, selbst als Gesandte und Politiker von bis dato unvorstellbaren Gräueltaten gegen die Ethnie der Armenier berichteten. „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber die Armenier zu Grunde gehen oder nicht“, notierte der Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg am 17. Dezember 1915. An dieser Gleichgültigkeit hatte sich auch nach dem verlorenen Krieg nichts geändert, denn der Initiator des Genozids, der im Duumvirat regierende Talaat Bey, fand in Deutschland trotz seiner Verantwortung an dem Völkermord freundliche Aufnahme. Er war 1918 in Istanbul für seine Hauptverantwortung am Völkermord in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Talaat Pascha entging seinen Rächern jedoch nicht. Er wurde 1921 in Berlin von dem Armenier Soghomon Tehlirian auf offener Straße erschossen. Sämtliche andere Mittäter am Genozid wurden durch eine Generalamnestie  von Mustafa Kemal 1923 aus der Haft entlassen.

Auch Franz Werfels Roman, der nach intensivster Recherche im Jahr 1933 erschienen war und vom vierzigtägigen Verteidigungskampf von 5000 Armeniern auf dem Berg Musa Dagh und ihrer glücklichen Rettung durch ein französisches Kriegsschiff erzählt, wurde von den Nationalsozialisten umgehend verboten. Regisseur Nuran David Calis und sein deutsch-türkisch-armenisches Schauspielerensemble erzählten von der Entstehungsgeschichte und den historischen Hintergründen. Sie spielten Schlüsselszenen aus dem Roman und sie fügten ein Filmdrehbuch ein, in dem Augenzeugenberichte von individuellem Leid künden. Schauspielen war vor diesen Hintergründen mehr als schwierig und so erklärte Michaela Steiger in einem emotionalen Statement die Unmöglichkeit und die moralische Zwiespältigkeit, derartiges Leid „ausstellen“ zu wollen. Das war eine Aussage, die mögliche Kritik am Vorhaben vorbeugte und die Darsteller ehrlicherweise vor der Verlegenheit einer unglaubhaften Darstellung schützte. So blieb es sinnvoller Weise beim epischen Charakter der Aufführung.

  Die vierzig Tage des Musa D  
 

Ismail Deniz, Daron Yates, Michaela Steiger (Projektion)

© Konrad Fersterer

 

In der Einstiegszene erklärte sich der Türke, verkörpert von Ismail Deniz. Er steckte in dem Dilemma, als Türke am Pranger zu stehen, und dabei selbst die Wahrheit nicht zu kennen. Er las die zwei Seiten aus einem türkischen Gymnasialgeschichtsbuch vor, auf denen der ganze „Genozid“ abgehandelt wird. Die Lehrmeinung behauptete allerdings, dass die hochverräterischen Armenier hunderttausende Türken ermordet hätten. An diesem Punkt wird nachvollziehbar, warum sich viele Türken vehement gegen die Anklage des Völkermordes verwahren. Die Quellenlage ist dabei eigentlich unbestritten. Man muss sie nur studieren. Es wurden eine Vielzahl Texte von Demokraten und Potentaten, von Kriegstreibern und Hilfsorganisatoren, von Opfern und Tätern zitiert und es bedurfte keiner besonderen Fähigkeiten, Geschichte zu interpretieren, um zu verstehen. Warum also ist keine ehrliche Aufarbeitung möglich? Warum ist, wie von Bijan Zamani, der zuvor noch den Widerstandshelden des Romans, Gabriel Bagradian, gegeben hatte, aggressiv gefordert, keine Versöhnung der Völker und der Individuen möglich?

In einer Spielszene drängte sich eine dunkle Ahnung auf. Gemeint ist das fünfte Kapitel des Romans, „Zwischenspiel der Götter“, in dem das historisch authentische Gespräch zwischen dem deutschen Pastor Dr. Johannes Lepsius und dem Kriegsminister Enver Pascha, neben Djemal Pascha, der dritte „Jungtürke“ im Duumvirat, wiedergegeben wurde. Auf die Bitte Lepsius, über Hilfsorganisationen den bedrängten Armeniern vor Ort Hilfe angedeihen zu lassen, antwortet Enver Pascha: „Wenn ich einem Fremden gestatte, den Armeniern Hilfe zu bringen, schaffe ich einen Präzedenzfall, der die Einmischung fremder Persönlichkeiten und damit ausländischer Mächte anerkennt. Ich mache also meine ganze Politik zunichte, die ja die armenische Millet (Bezeichnung für nicht-islamische Minderheiten unter islamischer Oberherrschaft – Anm.W.B) darüber belehren sollte, welche Folgen die Sehnsucht nach fremder Einmischung hat. Die Armenier selbst würden sich nicht mehr zurechtfinden. Zuerst bestrafe ich ihre hochverräterischen Träume und Hoffnungen, dann aber sende ich einen ihrer einflussreichsten Freunde zu ihnen, um diese Hoffnungen und Träume wieder zu wecken. (…) Die Armenier müssen in uns allein ihre Wohltäter sehen.“ Die Argumentation erinnert an den Ministerpräsidenten Erdogan und die Kurdenfrage, die praktische Handhabung durch den türkischen Staat ebenso. Und nur zwei Seiten weiter stehen die geradezu prophetisch anmutenden Sätze aus dem Mund Talaat Beys: „Diese Deutschen fürchten ja nur das Odium der Mitverantwortlichkeit. Sie werden uns aber noch um ganz andere Dinge betteln müssen als um die Armenier.“

Es war kein Theaterabend des ästhetischen Genusses, sondern der bedrückenden Aufklärung. Die Bühne von Irina Schicketanz glich einem Laboratorium mit Schreibtisch und tackernder Schreibmaschine, einem Fotolabor, das die Bühne illustrierend mit frisch abgezogenen Fotos von den Gräueltaten und historischen Persönlichkeiten flutete und einer winzigen, von Paravents begrenzten Spielbühne, in der Kaffeehaus- oder Folterszenen angespielt wurden. Über der unteren Etage des Spielraums war eine 180-Grad Panoramawand angebracht, die beidseitlich historische  Fotos und Landschaften aufwiesen und in der Mitte eine freie Projektionsfläche vorhielt, auf die ausgewählte Vorgänge, Bilder und Szenen gebeamt wurden. Es war nicht immer leicht, sich in der Fülle der Informationen und Eindrücke zurecht zu finden. Doch dieses vermeintliche Chaos verdeutlichte auch das mangelhafte Wissen um diese sehr komplexen historischen Vorgänge, die, und das war eine nachdrückliche Forderung des Abends, nicht länger im Dunkel der Vergangenheit ruhen dürfen. Es war ein verstörender Abend, dessen hoher Wert auch in den aufgeworfenen und noch zu beantwortenden Fragen lag. Immerhin, schon an der Angst vor dem Wort Genozid erkennt man heute noch den Ausflüchtigen. Wie wird der Bundestag wohl entscheiden?

Wolf Banitzki


Die vierzig Tage des Musa Dagh

Über Identität, Trauma und Tabu
nach Motiven von Franz Werfel

Ismail Deniz, Friederike Ott, Michaela Steiger, Simon Werdelis, Daron Yates, Bijan Zamani

Regie: Nuran David Calis

Marstall  Kongress der Autodidakten

Wissenschaftswirrwarr

Immer mehr Bildungsangebote erobern die Theater. Auch im Marstall wird diese Tendenz inzwischen überdeutlich. Nach dem Qualitätsquatsch von Jürgen Kuttner, wo in einem weltanschaulichen Diskurs die meisten Welträtsel so gut wie gelöst wurden, schickte sich der „Kongress der Autodidakten“ mit einem titanischen Wissenschaftswirrwarr an, die Resträtsel abzuarbeiten. Ausgehend von dem philosophischen Satz „Im Kleinen ist alles enthalten!“, trafen sich Wissenschaftler, die vornehmlich im Mikrokosmos unterwegs sind. Der Kongress war insofern sehr bedeutsam, weil es sich bei den Teilnehmern um Autodidakten handelte, also um Geister, die nicht in den engen Grenzen anerkannter ordentlicher Wissensdisziplinen gebildet wurden, sondern die sich in den un- oder außerordentlichen Bereichen des Denkens bewegen. Das erklärte Ziel des Kongresses war ein gewaltiger Wissensknödel, der am Ende in ein erhellendes, weithin und für jedermann sichtbares Licht transformiert werden sollte. (So viel vorab: Das fand statt.)

Organisator des Kongresses war Siegfried Sigor (René Dumont), ein feiner und gepflegter Mensch, ein Mann der leisen Töne mit vorzüglichen Manieren. Sein Fachgebiet: Ameisen. Zudem forscht er auf dem Gebiet „soziale Insekten“. Ort der Veranstaltung war die geräumige Wohnung (Inneneinrichtung von Ralf Käselau – von Beruf Bühnenbildner) von Stefan Kindschi (Jürg Kienberger), seines Zeichens Entomoakustiker, eine genialische Erscheinung, wie man an der Frisur und den Bärentazenhausschuhen unschwer erkennen konnte. Er war auf der Suche nach von Borkenkäfern erzeugten Schallwellen, um damit Tinniti (Plural von Tinnitus) zu heilen. Da die Frequenzhöhe der Schallwellen von Borkenkäfern abhängig ist von der Größe der Bäume, hatte Kindschi seine Fühler weit hinaus in die Welt strecken müssen. Echte Altusstimmen sind beispielsweise nur auf Grönland zu finden, weil die Fichten dort im Durchschnitt nur ca. 70 Zentimeter groß werden. Desweiteren nahm Henry Buchsboom (Lukas Turtur) teil. In der Beschäftigung mit den Bienen wurde er der unerschütterlichen und gesicherten Erkenntnis teilhaftig, dass die geflügelten Insekten in ihrem gesellschaftlichen Plan absolut vollkommen sind. Wie viele andere große Geister leidet auch er unter seinem Wissen. Im Besitz des Wissens zu sein, ist ein Fluch, wenn sich kein Weg findet, dieses Wissen in das Bewusstsein der Menschheit zu bringen. Buchsboom nutzte aggressiv jede Gelegenheit, sein Wissen an den Mann oder die Frau zu bringen, was auch schon mal an Penetration grenzte.


  Kongress der Autodidakten  
 

Jürg Kienberger (Stefan Kindschi), Katrin Röver (Cordula Ahrends), René Dumont (Siegfried Sigor), Lukas Turtur (Henry Buchsboom)

© Thomas Aurin

 

Auch das schöne Geschlecht war vertreten. Cordula Ahrends (Katrin Röver) war dezent und vorteilhaft gekleidet, hatte eine gefällige Frisur und Jodelstimme und vertrat sehr würdevoll die Spezialisten für das Anthropozän. Für die unkundigen unter den Lesern und um die Mühen des Googelns zu ersparen, dieser Begriff steht für die Benennung einer geochronologischen irdischen Epoche, nämlich die der Anwesenheit des Menschen und den daraus resultierenden unübersehbaren Folgen. Grundsätzlich vertrat Frau Ahrends die Ansicht, dass das Zeitalter, gemessen am gesamten Erdalter,  kurz, sehr kurz ist. Ein wenig getrübt wurde die heitere Aufbruchstimmung durch die Anwesenheit Jean-Luc Perracs. Jean-Luc Perrac (Thomas Gräßle), ist Prothetiker mit einem düster-poetischen Verhältnis zu Mollusken (Weichtiere), einem russischen Akzent und einer seltsamen Inkontinenz, die zu milchweißen Spuren führte. Matthäus Lüftner (Matthias Loibner), ein recht schweigsamer Zeitgenosse, forscht schon länger an der Umwandlung von Ideen und Erkenntnissen in Schallwellen. Sein Beitrag gipfelte in dem Angebot, dass jeder Teilnehmer am Ende der Veranstaltung sein ureigenes Sonogramm ausgedruckt bekäme. (Hat aber nicht stattgefunden!)

Die anwesenden Autodidakten gerieten geradezu in Verzückung, als Siegfried Sigor vollmundig ankündigte, dass er Manfred Zapatka als Gastredner gewinnen konnte. Dass der jedoch zum vereinbarten Zeitpunkt nicht kam, war wohl der für den Ablauf verantwortlichen Corinna von Rad (von Beruf Regisseurin) zu danken oder besser nicht zu danken, denn sie hatte das Protokoll der Veranstaltung offensichtlich nicht im Griff. Dem anwesenden Publikum gereichte das nicht unbedingt zum Nachteil, denn Manfred Zapatka hielt seinen Vortrag. Er kam tatsächlich in eigener Person, nicht wie die anderen Teilnehmer, die Stellvertreter schickten (Siehe Klammern!). Zapatka kam zu früh, vor allen anderen Teilnehmern, und war bereits wieder weg, als Siegfried Sigor mit seinem eigenen Rolli-Rednerpodest eintraf. In seinem Vortrag sprach Manfred Zapatka über Anfang und Ende, Sterblichkeit und Unsterblichkeit, aber auch über gefiederte und nicht gefiederte Seelen. Leider musste das Publikum erfahren, dass der großartige Manfred Zapatka auch nicht mehr ist, was er einmal war, denn dem kundigen Publikum entging nicht, dass sein Beitrag ein „copy & paste“-Produkt war. Er hatte sich auf schamlose Weise am „Phaidon“ von Platon vergriffen. Nun ja, wie sagte schon Brecht, wenn schon klauen, dann bei den Besten. Zu denen zählten neben etlichen Geistesgrößen, die aufzuzählen, hier zu weit führen würde, beispielweise auch Rudolf Steiner und Claude Lévi-Strauss.

Es mangelte der ganzen Veranstaltung ein wenig an Professionalität. Zum Beispiel wurde Henry Buchsboom bei der Verteilung von Snacks übergangen, was eine kurzzeitige Depression bei dem lebensbejahenden Mann auslöste. Zum echten Eklat geriet allerdings der Verzehr von Borkenkäferlarven, die sich als Halluzinogene erwiesen. Es kam zu peinlichem Verhalten bis hin zur teilweisen Selbstentblößungen. Strukturell war die Veranstaltung eher eine Panne und so gingen einige wichtige Ideen mehr oder weniger unter. Aussagen wie: „Die Welt hat ohne Menschen begonnen, und sie wird ohne ihn enden“, hätten durchaus breiter und tiefer diskutiert werden können. Doch allen Beteiligten soll und muss bescheinigt werden, nach bestem Wissen und Gewissen und sehr selbstlos für den Fortbestand des Lebens und der Welt eingetreten zu sein. Darüber hinaus bewiesen die Dame und die Herren, dass sie allesamt  sehr schön singen können, was ein deutliches Indiz dafür ist, dass man es mit überaus positiven und liebevollen Menschen zu tun hatte. Ausgenommen vielleicht Jean-Luc Perrac (Thomas Gräßle). Der verschwand auf wunderliche Weise, einen großen Milchfleck zurücklassend.

Und noch etwas konnte aus dem Kongress mitgenommen werden: Wahrer Idealismus ist unsterblich, auch wenn er manchmal seltsame Formen annimmt. Darum sei in die Welt hinausgerufen: Autodidakten aller Länder vereinigt Euch! Ihr seid die wahre Hoffnung!

Wolf Banitzki


Kongress der Autodidakten

Stück mit Musik

René Dumont, Thomas Gräßle, Matthias Loibner, Jürg Kienberger, Lukas Turtur, Katrin Röver, Manfred Zapatka

Regie: Corinna von Rad

Marstall Mensch Meier von Franz Xaver Kroetz


 

 

Siehe, der Mensch

„Mensch Meier“ meint auch: Ecce Homo - „Siehe, der Mensch“. Dieser neutestamentarische Satz stammt aus dem Johannesevangelium (19,5). Pilatus präsentiert den Hohepriestern den gegeißelten, mit der Dornenkrone und einem purpurnen Mantel ausstaffierten Jesus. Die schrien: Ans Kreuz mit ihm! Ein großes Bild, ohne Zweifel. Und Otto Meier kann standhalten davor, denn auch er ist einer, der einen Traum hat, einen Traum, der über seine kleine, unscheinbare Existenz weit hinausgeht. Doch der Traum, ein berühmter und gutbestallter Pionier des (Modell-) Flugwesens zu werden, wird ein Traum bleiben. Der Mann ist in seiner Arbeiterwelt und in seinem Weltbild von dieser Existenz gefangen. Arbeitnehmer ist gleich Verlierer. Otto Meier lebt eine (scheinbar) sichere Existenz. Auch wenn er seine Rolle als Arbeiter, als Fließbandschrauber bei BMW, zutiefst verachtet, haben er und seine Familie ein Auskommen. Es reicht immerhin für sonntägliche Ausflüge in Biergärten. Die Dinge scheinen immerhin gut gefügt zu sein, Ottos Ehefrau Martha funktioniert vorbildlich. Allein, Sohn Ludwig, innerlich wie äußerlich pubertierend, sehnt sich nach einer Arbeit. Eine Lehrstelle, in der er zu etwas „Besserem aufsteigen“ könnte als zum Arbeiter, bleibt ihm allerdings versagt. Und dann gibt es auch noch Entlassungen bei BMW. Otto hat Glück, doch es macht ihn nachdenklich. Tägliche Maloche bis zur Rente, dann, wenn es gut geht, noch zehn Jahre Warten auf den Tod? Soll das das Leben sein? Als Sohn Ludwig 50 Mark entwendet, eskaliert die Familiensituation und ehe Otto aus seiner Raserei erwacht, gibt es die Familie nicht mehr. Er ist ein geschlagener, vom Leben gegeißelter, allein und ohne Sinn. „Ecce Homo.“

Patrick Bannwarts Bühne im Marstall präsentierte bescheidenen Wohlstand. Billige Funktionalmöbel, beseelt von kitschigen Familienreliquien, begrenzten den Lebensraum sowohl in dreidimensionaler, wie auch in geistiger Hinsicht. Stets im Bild waren Boden- und Tischstaubsauger, Instrumente, die vornehmlich dazu dienten, Sohn Ludwig aus seiner schläfrigen Lethargie zu reißen. In seiner Ecke war der Protest unübersehbar. An den Wänden, wütend hingekritzelt, Sprüche wie: „Elternfrei Zone“ oder „Keine Macht für niemand“. Regisseur David Bösch koppelte sich ästhetisch, wie zuletzt in seiner Inszenierung „Prinz von Homburg“, nicht von der Realität ab. Cátia Palminhas Kostüme verwiesen zudem auch nicht zwingend auf die Entstehungszeit des 1978 erschienen Dramas; sie waren zeitlos/heutig. David Bösch verhandelte auf der Bühne des Marstalls gegenwärtige Realität.

  MenschMeier  
 

Katharina Pichler, Marcel Heuperman, Norman Hacker

© Thomas Dashuber

 

Der BMW-Arbeitnehmer und Hobbymodellflieger Otto wurde von Norman Hacker gegeben. Mit dieser Rolle stellte dieser bemerkenswerte Schauspieler einmal mehr unter Beweis, dass er zu den wirklich wandlungs- und einfühlungsfähigen, vielgesichtigen Darstellern zählt, die immer wieder überraschen können. Hackers Otto war klein im Geist, aber groß und anrührend poetisch im Traum. Er war bissig wie ein Dobermann, wenn es darum ging, sein familiäres Reich und seine (etwas verquere) Persönlichkeit zu verteidigen, und er war mitleiderregend in seiner Ohnmacht, vor der er nicht fliehen konnte. Aber er existierte, besonders zuletzt in der Selbstaufgabe, nie würdelos. Katharina Pichlers Ehefrau Martha war eine starke Frau, die selbst den letzten Schritt noch ging und ihren Mann verließ, ohne sich von den ökonomischen Konsequenzen einschüchtern zu lassen. „Als wenn man ein Viech sein tät und kein Mensch.“ Doch sie ist Mensch und will es bleiben. Katharina Pichler spielte diese Stärke als eine ausschließlich innere Kraft, dezent und weitestgehend lautlos. Den pubertierenden, von Hautekzemen geplagten, zu Fettleibigkeit neigenden, weil ständig Flakes mampfenden Ludwig gab Marcel Heuperman. Der körperlich wuchtige Darsteller ließ keinen Zweifel daran, dass er einen guten Maurer abgeben könnte. Man konnte in ihm ebenso den pickelgeplagten Teen, wie den hartgesottenen Mann vom Bau erkennen.

David Böschs Inszenierung war ästhetisch unspektakulär und weitestgehend frei von ideologischer Einflussnahme. Letzteres bekundet eine besondere Qualität in Zeiten von ideologischer Hochrüstung. So wurde die Inszenierung nicht zu einem politischen, kapitalismuskritischen Beitrag zur Zeitgeschichte, sondern eine schlichte, bitter existenzialistische Erzählung von einem Menschen, der exemplarisch steht für Millionen. Es handelt sich um die Welt der Lohnarbeiter, es gab sie übrigens genau so auch im Sozialismus russischer Prägung, deren einziger Sinn es ist, zu funktionieren. Sich selbst entfremdet, kann sich der glücklich schätzen, der nicht die geistige Hoheit über sein Schicksal erlangt, denn die tiefere Einsicht daraus wäre die von der Sinnlosigkeit einer solchen Existenz. Otto Meier war das nicht vergönnt. „Da bin ich beschissen worden!“ konstatierte er. Diese Erkenntnis drückte ihn nieder und er wird kaum die Kraft finden, sich wieder zu erheben. Aber solange es noch möglich ist, ihn, Otto Meier, zu Arbeitsbeginn wieder „einzuschalten“, damit er seine Schrauben drehen kann, ist die Welt genau so, wie sie von den Einrichtern gewünscht wird.

Das Stück erzählt von modernen Zuständen in einer Risikogesellschaft und von Selbsterkenntnis. Beides vermochte die Inszenierung zu transportieren. Auch wenn die Inszenierung ästhetisch eher reizlos ist, erzählt sie doch mit großer Klarheit vom wirklichen Leben: „Siehe, der Mensch!“ Und eben das macht sie sehenswert.

 

Wolf Banitzki

 


Mensch Meier

von Franz Xaver Kroetz

Norman Hacker, Katharina Pichler, Marcel Heuperman

Regie: David Bösch

Marstall Das Chamäleon: Wer "Ich" sagt, lügt schonmal  Eine Diskursrevue von und mit Jürgen Kuttner


 

 

Qualitätsquatsch

Kuttner klärt wieder einmal auf. Dieses Mal über das Ich. Obgleich doch jeder eins hat, (Das ist eine These!), mangelt es doch überwiegend an Bewusstsein desselben, an Selbstbewusstsein. Kuttner kann’s. Doch ehe die Diskursrevue begann, waren einige Erklärungen notwendig. So entschuldigte sich Kuttner für das Fehlen der großen Revuetreppe und die Abwesenheit der langbeinigen Girls, die diese Treppe betanzen sollten. Die Mittel sind halt begrenzt, auch am Residenztheater. Aber Kuttner, gebürtiger Ostdeutscher, wie eines seiner Kostüme für die Zuschauer, die es noch nicht wussten, verriet, weiß Mangel zu verwalten und tat es in bester DDR-Manier. Er schulte erst einmal das Publikum, dem nebenher angekündigt wurde, dass es sich einbringen dürfte im Spiel. Vor allem aber ging es darum, herauszufinden, ob das Publikum zu frenetischem Applaus fähig sei. Es war und so konnte es nun nach gut 20 Minuten Erklärung endlich losgehen. Angekündigt wurde „Qualitätsquatsch“. Die Qualität trat bereits mit der Ankündigung zutage, denn das Kompositum „Qualitätsquatsch“ ist eine Alliteration, also ein künstlerisches Stilmittel.

Kuttners ausgefeilte Sprechkultur ließe sich am ehesten mit einer Maschinenpistole, einer Kalaschnikow vergleichen. Und so feuerte er, auf Zehenspitzen tänzelnd im goldenen Frack unentwegt ins Publikum, wobei er einen riesigen Bogen schlug, von der Philosophie über die Literatur, durch die experimentelle Psychologie in die Profanbereiche unserer Gesellschaft, wie Baumärkte etc., um endlich in der Bühnenkunst zu stranden. Und wer eignet sich besser dazu, das Ich zu erklären, als der Schauspieler. Der hat nämlich kein Ich und so stellt er im Laufe seines Lebens auf der Bühne eine Vielzahl von Ichs vor, um den Mangel an eigenem Ich auszugleichen. Um die Sache anschaulich zu gestalten, hatte Kuttner drei Menschen verpflichtet, die er sein „Reenactment –Trio“ nannte. Reenactment ist Englisch und bedeutet so viel wie Wiederaufführung einer historischen Begebenheit oder das Nachstellen einer solchen mit hohem Authentizitätsanspruch. Sie selbst nannten sich schlicht und ergreifend: Identitätsdiebe. Diese Tätigkeit wird bisweilen in der Welt außerhalb des Theaters recht stattlich vergütet.

Dass sich derartige Tendenzen auch am Residenztheater entwickelt haben, war bislang unbekannt. Umso mehr erstaunte es, denn es ist doch eher ein anrüchiges Gewerbe, dass sich drei von ihnen an diesem Abend outeten: Gunther Eckes, Arthur Klemt, Genija Rykova. Die Premiere sollte, wie es der Zufall wollte, zugleich ein Initiationsritus oder besser eine Gesellenprüfung für Arthur Klemt sein, dem Novizen in der Gilde. Er überzeugte mit einem Interview Robert De Niros in Kostüm und Maske aus „Taxidriver“ und mit der authentischen Stimme zumindest in der Darstellung. Inhaltlich war es eher abwegig und der Wahrheitsfindung nicht unbedingt dienlich. Dass er nicht der erste war, der sich der Identität De Niros bediente, beweist die Tatsache, dass Kuttner in den Besitz eines Tonträger gelangt war, auf dem zu seiner Verblüffung Robert De Niro „Das kommunistische Manifest“ las, mit dem bekanntlich vor gut 160 Jahren der Untergang des „Ichs“ eigeläutet wurde.

  Chamaeleon  
 

Jürgen Kuttner

© Konrad Fersterer

 

Wen das bereits in Erstaunen versetzte, musste allerdings um seinen Verstand fürchten, als Kuttner an Hand von authentischen Tondokumenten nachwies, dass sich das „Langsam Sterben“ 1-6 des Bruce Willis im deutschen „Praktiker-Baumarkt“ manifestiert hat. Oder die Begegnung der drei „Gotten“ (Alle drei gaben vor der eine, derselbe Gott zu sein, daher Gotten.) in einer Klappsmühle. Hier gingen die Darsteller bis zum Äußersten, gingen übers Wasser, verwandelte dieses in Wein oder starben am Kreuz. Kuttners Fragen und auch seine Antworten gingen unter die Haut, beängstigten, verwirrten, entblößten. So reduzierte er die Entwicklungsgeschichte des Ichs auf drei Zeitalter. Das erste, das dunkle, wusste vom Ich nichts oder nicht allzu viel. René Descartes brachte Licht in dieses Dunkel, als er feststellte, „Cogito ergo sum“, „Ich denke, also bin ich.“ Dieser philospische Irrtum hielt sich sehr zäh und erstaunlich lange und wurde endlich 1975 durch Juliane Werding richtig gestellt, als sie formulierte: „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst!“

Letzte Wahrheiten des Abends bestanden schließlich darin, dass der Opportunismus, der leichthin als moralische Schwäche gehandelt wird, die Rettung an sich bedeutet. Es gibt dafür eine Schrift, die das hinlänglich belegen kann: Brehms Tierleben. Darin kann man ablesen, dass Anpassungsfähigkeit Überleben und Entwicklung sichert. Man sollte darum den Opportunisten als Helden und Vorbild sehen und nicht den Querulanten. Diese und etliche andere Weiheiten hielt der fulminante Abend für die Zuschauer parat. Und natürlich hatte Kuttner untertrieben, als er von der Schmucklosigkeit des Abends sprach, angesichts der fehlenden Revuetreppe und den Tanzgirls. Maximilian Lindners Bühne, bestehend aus mit unterschiedlichsten Motiven bedruckten Wänden stellten eine nicht unbedeutende Illusionsmaschinerie vor. Sie vermochte es immerhin, Unsichtbarkeit zu erzeugen, z.B. wenn die Darsteller hinter ihnen standen, aber auch, und das machte den Abend neben anderen magischen und intellektuellen Wunderblumen so einzigartig, wenn Showmaster Kuttner davor stand. Wer das nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wird es sich schwerlich vorstellen können.

Das Reenactment –Trio, bestehend aus Gunther Eckes, Arthur Klemt und Genija Rykova erzeugten zudem die Illusion, in gefühlte 1000 Identitäten geschlüpft zu sein, wobei der Zuschauer ernstlich ins Grübeln geriet, ob es sich nicht tatsächliche um das Original handelte. Kleine, kaum merkliche Signale, beispielsweise wenn der Bart nicht mehr unter der Nase, sondern auf der Stirn, resp. auf dem Helm klebte, erwiesen sich bei der Orientierung als hilfreich.

Ein unvergesslicher Abend war es unbedingt, allein schon wegen der enormen Penetranz des Jürgen Kuttner, eine echte Stinkmorchel in unserem gutbürgerlichen Garten aus Beschaulichkeit. Die gute Nachricht: Genija Rykova machte mit ihren Reizen das Fehlen wenigstens der Hälfte der Revuegirls vergessen. Die weniger gute: Drei Zuschauer haben das zweifelhafte Vergnügen auf die Bühne zu dürfen, um Edward Norton, Brad Pitt und Helena Bonham Carter in „Fight Club“ (David Fincher 1999) zu imitieren.

Wer allerdings nun glaubt, was Kuttner und sein Team zum Besten gaben, sei Blödsinn, der irrt gewaltig. „Qualitätsquatsch“ trifft es tatsächlich wesentlich besser! Immerhin, und das soll nicht verschwiegen werden, war der Titel des Abends durch die Schriften des Theodor W. Adorno inspiriert.

 

Wolf Banitzki

 


Das Chamäleon: Wer "Ich" sagt, lügt schonmal

Eine Diskursrevue von und mit Jürgen Kuttner

Gunther Eckes, Arthur Klemt, Jürgen Kuttner, Genija Rykova

Regie: Jürgen Kuttner

Marstall Opening Night - Alles über Laura Ein Projekt von Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff
nach "Opening Night" von John Cassavetes


 

Die Parallelwelten des Bernhard Mikeska

John Cassavetes (1929 - 1989) erzählte in seinem 1977 erschienen Film „Opening Night“ die Geschichte der alternden Diva Myrtle Gordon. Die ihr angebotene Rolle handelt von einer Frau, deren Alterungsprozess sie in eine tiefe Lebens- und Beziehungskrise stürzt. Die Handlung spielt über weite Teile in einer „Out-of-Town-Try-Outs“ – Produktionsphase. Im anglikanischen Theater war es häufig so, dass die Inszenierungen in der Provinz erarbeitet, vorgestellt und optimiert wurden, ehe sie in New York oder London zur Premiere gelangten. Das war eine sinnvolle Methode, Wirkungen zu testen. Nach einer der Vorstellungen begegnet Myrtle Gordon einem 17-jährigen theaterbegeisterten Mädchen namens Nancy, die ihr gesteht, dass sie sie liebt. Wenige Sekunden später stirbt Nancy vor dem Theater. Sie wird in ihrer Verblendung für den Star von einem Auto überfahren. Dieses Mädchen, Sinnbild auch der eigenen Jugend, bleibt im Gedächtnis der Schauspielerin unauslöschlich haften und verstärkt den Konflikt durch ihre fiktive, aber auch reale Präsenz, denn die Darstellerin Paula lebt. Die Produktion scheint zu scheitern. Am Premierenabend erscheint Myrtle sturzbetrunken. Man stellt sie dennoch auf die Bühne, denn Myrtle ist ein Profi und weiß sich zu verkaufen. Sie spielt sich nüchtern und mehr noch, sie und ihr Gegenspieler Maurice steigen aus dem Stück gänzlich aus und machen aus dem psychologischen Drama eine Farce. Das Publikum feiert sie.

Wie sehr Cassavetes das Thema am Herzen lag, beweist die Tatsache, dass er selbst den Maurice und Gena Rowlands, seine Ehefrau, die Myrtle Gordon spielten. Gena Rowlands entsprach dieser Rolle perfekt, obgleich sie für Cassavetes erst die dritte Wahl war. Es ist die Geschichte einer egomanischen Schauspielerin in einer Zeit, in der Alkoholismus noch integraler Bestandteil der Unterhaltungsindustrie war. (Cassavetes starb 59jährig an Leberzirrhose.)  Es war, schon durch die Wahl des Sujets ein Affront gegen das Bild von den glücklichen, weil erfolgreichen Stars. Heute feiert man den Star gerade wegen seiner menschlichen Schwächen, zumindest ziehen diese die Aufmerksamkeit des Publikums mit Eskapaden auf sich. Cassavetes sah sich selbst jedoch nicht als Protagonist der Unterhaltung: „Ich mache gern schwierige Filme, bei denen die Leute schreiend rauslaufen. Ich bin schließlich nicht in der Unterhaltungsbranche.“ Immerhin ging es Cassavetes um verallgemeinerungswürdige Einzelschicksale.

Ganz anders näherte sich der 1971 in München geborene Bernhard Mikeska dem Thema. Der promovierte Physiker experimentierte seit seinem Wechsel zum Theater mit der Logik eines schlüssigen Raum-Zeit-Kontinuums und der daraus resultierenden Wahrnehmung als innere Welt. Was damit gemeint sein könnte, erklärt am besten das Projekt „Rashomon - Truth Lies Next Door“. Diese theatrale Adaption eines Films des japanischen Großmeisters Akira Kurosawa erzählt an einem Rashōmon (Gerichtstag) aus unterschiedlichsten Perspektiven ein und dasselbe Verbrechen, die Vergewaltigung einer Frau und die Ermordung ihres Mannes. Vier Mal werden von drei Verbrechensbeteiligten und einem Zeugen, einem Holzfäller, unterschiedliche Versionen des Vorgangs erzählt. Inhaltlich beschreiben die Versionen den Hergang vollkommen identisch und dennoch unterscheiden sie sich gravierend voneinander. Jede Version ist dabei in sich logisch und schlüssig.

  Opening Night Marstall  
 

Valerie Pachner (Hannah)

© Konrad Fersterer

 

In „Opening Night - Alles über Laura“ setzte Bernhard Mikeska der filmischen Geschichte von Cassavetes eine eigene entgegen. 30 Jahre später soll es ein Remake des Films geben, in dem Laura Johnson, die Darstellerin der 17-jährigen Nancy Stein im ersten Film, die Rolle der alternden Myrtle Gordon spielen soll. Unabhängig von der zeitlichen Verschiebung läuft die Geschichte in ihrer inneren Logik genau so wieder ab. Allerdings denkt Bernhard Mikeska die Geschichte konsequent zu Ende, bringt beide Darstellerinnen der Myrtle Gordon in einem letzten Bild zusammen und treibt es mit einer Auslöschung auf die Spitze. In beiden Parallelwelten spielte sich das gleiche ab: Die Darstellerinnen der Myrtle Gordon hatten sich in Nancy/Hannah (Assistentin von Laura) verliebt und damit in ihre eigene, schwindende Jugend. Es war zugleich eine metaphorische Darstellung des  unablässigen Kampfes um die Bühnenhoheit, in dem der auf der Strecke bleibt, der nicht ablassen kann. („Ich stehe morgens auf und war immer achtzehn.“ John Cassavetes im Programmheft)

Bernhard Mikeska ließ beide Parallelwelten, zwischen denen 30 Jahre lagen, zeitgleich ablaufen. Dafür schuf ihm Ralph Zeger zwei Räume, die Theaterbühne der Proben bis zur Premiere und ein Hotelzimmer, in dem Laura auf ein Treffen mit dem Regisseur des (Remake-) Films (Es ist derselbe, der auch die Erstfassung schuf, sie aber zu Uraufführung nicht freigab.) wartete, den Text repetierte und mit eigenen Überlegungen kommentierte. Die Übergänge zwischen Filmtext und Realität waren dabei stets fließend. Die Zuschauer waren in Block A und Block B eingeteilt und schauten sich unabhängig voneinander zwei Vorstellungen an. In der Pause nach dem einstündigen Spiel wurden  die Räume gewechselt. Am Ende hob sich die Rückwand des Hotelzimmerraums und Darsteller und Publikum waren wieder miteinander vereint.

Es war ein ausgefeiltes und überraschendes Konzept, dass vom Regisseur auch schlüssig umgesetzt wurde. Dennoch hielt sich die Begeisterung (zweite Vorstellung) in Grenzen, denn über die Physik des Konzepts hinaus, das nicht unbedingt leicht verständlich war, hielten sich die darstellerischen Leistungen in Grenzen. Zu sehr war der Focus auf konzeptionelle Effekte gerichtet, um ein echtes Zusammenspiel zu erzeugen. Dem Vergleich mit den Darstellungen im Film hielt die Münchner Inszenierung jedenfalls nicht stand. Hier hilft auch der Einwand nicht, dass sich Film und Theater schlecht vergleichen lassen, denn zum einen ging es im Film um Theater und zum anderen war Cassavetes Anhänger der Stanislawskischen Methode, die er auch im Film praktizierte. Hanna Scheibe (Myrtle) und Michaela Steiger (Laura) erreichten die jeweilige innere Zerrissenheit weniger durch das gesprochene Wort als vielmehr durch körperliche Posen des Zusammenbruchs, die sie immer wieder in die Waagerechte nötigten. Am ungünstigsten schnitt im Vergleich zum Film Arthur Klemt als Maurice ab. John Cassavetes spielte seinen  Maurice als einen hochpotenten, aber in sich verunsicherten Darsteller, der über seine Rolle beim Publikum unbeliebt war und bleiben würde. Klemt indes wirkte über weite Strecken nur verunsichert, als könne er den Vorgängen nicht folgen. Das war einfach zu zweidimensional. Valerie Pachner (Nancy / Hannah) profitierte von der dramaturgischen Erweiterung der Geschichte. Sie konnte die sehnsuchtsvolle Abhängigkeit der alternden Stars zu ihren Gunsten steuern und Macht ausüben. Barbara Melzl in der Rolle der Autorin Sarah und Michele Cuciuffo als Regisseur Manny bildeten sowohl dramaturgisch als auch darstellerisch so etwas wie Grundfesten des Vorgangs. Ohne sie wäre vermutlich vieles in Larmoyanz und süßlicher Selbstverliebtheit ertrunken.

Unterm Strich war die Inszenierung ein sehenswertes, zugleich kompliziertes Experiment, das das Nachdenken über die von Exhibitionismus und Hedonismus zumindest teilweise gesteuerte Psyche von Schauspielern weg und hin zum universalen Charakter der Probleme lenkte. Damit bekam das Thema eine große historische Dimension, die zumindest einen Anstoß für den gab, der eine Botschaft mitnehmen möchte aus einem Theaterabend: Augen auf bei der Berufswahl! Ist es müßig, auf dem Theater zu hinterfragen, wie es den Protagonisten des Theaters geht, angesichts der großen Katastrophen in der Welt? Antwort: Nein, es ist nicht müßig, denn die Katastrophen werden überwunden, Schauspieler wachsen ständig nach und es gibt sie seit Anbeginn. Also, warum nicht?!

Wolf Banitzki

 


Opening Night - Alles über Laura    

Ein Projekt von Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff
nach "Opening Night" von John Cassavetes

Hanna Scheibe, Michele Cuciuffo, Arthur Klemt, Barbara Melzl, Paul Wolff-Plottegg, Valerie Pachner, Michaela Steiger

Regie: Bernhard Mikeska

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen