Residenz Theater Am Ziel von Thomas Bernhard


 

 

Schwarz auf Weiß

"Schreiben ... Nur wer wirklich unabhängig ist, kann im Grund wirklich gut schreiben. Weil wenn sie abhängig sind von irgendwas, wird man das in jedem Satz spüren. Die Abhängigkeit lähmt jeden Satz, den sie hinschreiben. So gibt's lauter lahme Sätze, lauter lahme Seiten, lauter lahme Bücher ...", so Thomas Bernhard, dessen Ausführung über das Schreiben sich ebenso gut auf das Leben übertragen lässt.

Sein Werk "Am Ziel" ist eine anhaltende Auseinandersetzung über Abhängigkeit. Eine Abhängige schafft sich Abhängige um ihre Abhängigkeit zu kompensieren. Das kann nur in Vergeblichkeit, Langeweile und Leere enden. Noch dazu, wenn die Ziele rein äußere, handfest materielle sind. Den Besitzer eines Gusswerks ehelichte die Enkelin eines Spaßmachers, und mit dem Aufstieg ins Bürgerliche lernte sie rechnen, wohlgemerkt erst rechnen und dann schreiben und dann lesen. Gehasst hat sie ihn, den Mann, und sich verliebt in das Wort Gusswerk und in das Haus am Meer. Wie jedes Jahr, seit zwanzig Jahren, fährt sie mit der Tochter dorthin. Von der werden die Koffer gepackt, ein Ritual, das die Mutter mit typisch Bernhardschen Ausführungen ihrer Lebens- und Leidensgeschichte begleitet. Doch diesmal ist es anders, lud sie doch im Überschwang einer Premierenfeier den gefeierten Erfolgsautor ein, die Sommerfrische mit ihnen zu teilen. Auch der dramatische Schriftsteller ist am Ziel, das da heißt: Erfolg.
 
   
 

Cornelia Froboess

© Thomas Dashuber

 

 

So wie die Matadore immer "hart am Stier" kämpfen, so schrieb Thomas Bernhard immer "hart an der Wahrheit". Gnadenlos aufrichtig lässt er die Mutter resümieren, über den Mann, den verkrüppelten verstorbenen Sohn, der erst im Tod ansehnlich wurde, und die Tochter, die nur noch für sie und ihre Wünsche da zu sein hat. Cornelia Froboess beherrschte in dieser Rolle die Bühne. Abwechslungsreich und überzeugend trug sie vor, hob sie das Glas, forderte sie die Unterwerfung in ihre Wünsche ein. Ja, man gewann den Eindruck, sie genoss auszusprechen, was normalerweise verschwiegen wird. Für Stephanie Leue als Tochter und Dirk Ossig als dramatischer Schriftsteller, deren Text ohnehin keinesfalls opulent ist, blieb da nicht allzu viel Platz. Hier arbeitete die Inszenierung stark mit Körpersprache und Mimik, um der Wortgewalt etwas entgegenzusetzen. Das Konzept ging auf. Stephanie Leue gab eine linkische junge Frau, der es an eigenen Wünschen und eigenem Willen mangelte und die sich im Koffer ein- und auspacken erging. Den dramatische Schriftsteller, mit symbolisch wirrem Haarschopf, stellte genial linkisch Dirk Ossig dar.

Sinnfällig Schwarz-Weiß gestaltete Stefan Hageneier die Bühne. In großen Lettern stand die Tageszeit auf der Rückwand, lief die Zeit ab. In einem schwarzen Lehnstuhl saß die Mutter zu Hause, stellte das Cognacglas auf einen schwarzen Tisch. Der Ortswechsel ins Haus am Meer verlief zwischen grünen Windmühlen. Was an Interieur im zweiten Teil folgte, strahlte weiß, weiß waren der Lehnstuhl und die Hocker vor dem weißen Tisch im Haus am Meer.

Blickt man auf die Gesellschaft, so sieht man sie die an ihrem Ziel angekommen. Sie, die die Vorstellungen machen in endlosen Tiraden, verbal und medial, und die Nachfolgenden, die ohne Wünsche die Koffer packen, also die Vorgaben erfüllen und vergeblich nach ein wenig Raum für Eigenes Ausschau halten. Und die Autoren, die aufschreiben, kommentieren und von oder zu denen man dann sagt: "alles könnte von mir sein". Die Ziele im Terrain sind längst abgesteckt, "es gibt schon alles". Und was kommt danach? "... wir wiederholen was es schon gibt ..."

Am Ziel war auch der Regisseur Thomas Langhoff, der genau wusste, mit welchen Passagen aus der Dichte des Bernhardschen Textes er sein Publikum einfängt und gekonnt Betonungen und Pausen setzte. Dessen kleine Slapstick-Einlagen im Hintergrund abliefen und der auch die Körper der kaum zu Wort kommenden Tochter und des dramatischen Schriftstellers sprechen ließ.

Am Ziel war auch der Zuschauer, dem eine Inszenierung geboten wurde, die unterhielt, schmunzeln machte und angenehm bewegte. Was wollte Publikum mehr. Da applaudierte man doch gerne und anhaltend.

 

C.M.Meier

 

 

 


Am Ziel

von Thomas Bernhard

Cornelia Froboess, Stephanie Leue, Dirk Ossig, Nella Schliep

Regie: Thomas Langhoff

Residenz Theater Die Verschwörung des Fiesko zu Genua von Friedrich Schiller


 

 
Leidenschaft leidenschaftslos auf die Bühne gebracht

Genuas Machtspektrum im Jahr 1547 war in drei Fraktionen aufgeteilt. Der junge Gianettino Doria, Neffe des ehemaligen Admirals und greisen Dogen Andreas Doria strebte danach, seinen Onkel im Amt zu beerben. Nach der Krone des Herzogs gelüstete es ihn und damit nach der alleinigen Macht über Genua. Ihm gegenüber hatten sich die Republikaner unter Verrina, einem 60jährigen Militär, in Stellung gebracht, die jegliche Form von Diktatur verhindern wollten. Und dann war da noch der junge Fiesko, Gegenspieler zu Gianettino Doria und gleichsam Buhle um die Gunst dessen Schwester Julia, verwitwete Gräfin Imperiali. Auch ihm hatte es die Macht angetan.

Fiesko ist im Schillerschen Drama ein umtriebiger, von Launen beherrschter junger Mann, der das Leben leicht nimmt, ein Epikuräer, der der ererbten Grafenkrone eine herzogliche aufsetzen möchte, um seinen Beitrag zur Familiengenealogie zu leisten. Gianettino Doria dingt einen Mörder, um seinen Gegenspieler Fiesko aus dem Rennen zu werfen: Muley Hassan, ein Mohr aus Tunis. Dieser wird nach dem misslungenen Mordversuch Fieskos Verbündeter, quasi dessen dunkle, intrigante Seite. Nun ist der Aufruhr nicht mehr aufzuhalten. In dessen Verlauf wird Gianettino Doria von Bourgognino, dem Verlobten der Verrina-Tochter Berta getötet, die Gianettino zuvor vergewaltigt hatte. Fiesko ersticht zeitgleich mit der Hinrichtung Muley Hassans, der sich des neuerlichen Verrats an Fiesko schuldig gemacht hatte, seine Gemahlin Leonore, als diese im Scharlachrock Gianettinos durch die Straßen Genuas irrt. Andreas Doria gelingt nebenher die Flucht.
 
   
 

Shenja Lacher, Felix Rech

© Thomas Dashuber

 

 

Das letzte Duell findet schließlich zwischen Verrina, der den Tod Fieskos gelobt hatte, sobald Genua frei sei, und Fiesko statt. Auf die Bitte des siegreichen Putschisten nach Versöhnung: "Sei mein Freund", antwortet Verrina: "Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bins - Der erste Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner Tat in dieser Blutfarbe zu verstecken." Als Fiesko nicht einwilligt, auf das Amt zu verzichten, stößt Verrina den Rüstungsbewehrten vom Steg in das Hafenbecken, wo Fiesko jämmerlich ertrinkt. Das "Republikanische Trauerspiel", wie Schiller es nannte, hatte ein Ende. Laut Historie kehrte Andreas Doria zurück und stellte seine uneingeschränkte Macht wieder her.

Es geht seit der wenig gelungenen Uraufführung des Dramas 1784 in Mannheim in Schauspielehrkreisen die Weisheit um, mit diesem Stück könne man den Regisseur "ermorden". Und in der Tat ist das Stück, gestrickt aus großer politischer Moral und peinlicher Kolportage, überaus heikel. So kam Schiller auch dem Wunsch des Intendanten Dalberg der Mannheimer Inszenierung nach und änderte den Schluss.
"Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich." Fiesko verzichtete und empfand, wie Schiller im Vorwort schrieb, "eine höhere Wollust darin, der glücklichste Bürger als der Fürst seines Volker zu sein." - Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute glücklich in Genua. Soviel zum Geschichtsprofessor Schiller, der stets um historische Genauigkeit rang.

In der Inszenierung am Münchner Residenz Theater "ermordeten" die Schauspieler den Regisseur Hans-Joachim Ruckhäberle, der auch für die ausgefeilte Kostümgestaltung verantwortlich zeichnete, nicht. Vielmehr war es umgekehrt. Nach drei Stunden artig biederer Präsentation des Schillerschen Dramas hatten sich bis auf einige Ausnahmen die meisten Darsteller keinerlei Profil erarbeiten können. Weder riss das Stück noch die Darstellung das Publikum mit.

Stellt sich die Frage, warum das Drama überhaupt auf die Bühne gebracht werden musste. Auskunft gibt schließlich wieder einmal das Programmheft, in dem Dramaturg Georg Holzer seinen Beitrag wie folgt betitelte: "Die CSU hat keinen Fiesko". Letzte Gewissheit gibt ein Zitat von Max Weber, der den Prototypen der Macht als einen "bureaukratischen" charakterisierte. Holzer bringt den Konflikt mit Blick auf die heutigen Zustände wie folgt auf den Punkt, wenn er sinngemäß meint: es gebe keine Politik ohne Leidenschaft und keine Leidenschaft ohne die Persönlichkeit, die sie entfacht. Recht hat er. Charismatiker sind in der heutigen Politiklandschaft nicht auszumachen. Das geistige und emotionale Mittelmaß, der politische Buchhalter regiert.

Ein guter Ansatz, möchte man meinen, doch auf der Bühne verpuffte er wegen Mangel an Leidenschaft und Sinnlichkeit. Felix Rech hätte allemal das Zeug gehabt, einen brillanten Fiesko zu geben. Er mühte sich redlich. Allerdings hatte er hinreichend damit zu tun, gegen die unleugbare Anonymität von Figuren und deren Ideen anzuspielen. Darstellern wie Markus Baumeister, Dietmar Saebisch, Matthias Lier, Ulrich Beseler, Katharina Hauter und Anastasia Papadopoulou gelang es kaum, sich ins Gedächtnis der Zuschauer zu spielen. Selbst Dirk Ossig als Gianettino Doria blieb weitestgehend blass. Anna Riedel verdankte ihre Präsenz mehr den auffälligen Kostümen als ihrer Rollengestaltung (Julia Imperali). Fred Stillkrauth hatte zudem einige eher peinliche Auftritte als Andreas Doria. Die Szene, in der Fiesko ihn zu nachtschlafender Zeit heimsucht, um ihn zu ermorden, erinnerte doch sehr an den Auftritt des Geistes von Hamlets Vater. Pathos waberte gewaltig, auch wenn Arnulf Schumacher als Verrina sich in Schmerzen um die geschändete Tochter oder das Wohl Genuas, das ebenfalls zur Hure gemacht werden sollte, erging. Den einzigen darstellerischen Lichtblick lieferte neben der unverwüstlichen Lisa Wagner (Leonore), ihr Naturell ist einfach nicht zu unterdrücken, Shenja Lacher als Mohr Muley Hassan. Er bewies mit seinem facettenreichen Spiel, dass diese mephistophelische Figur die wohl reizvollste im ganzen Stück ist.

Regisseur Hans-Joachim Ruckhäberle gelang es nicht, das beeindruckende und sinnvolle Bühnenbild von Helmut Staubach und Uwe Kuckertz mit menschlichen Figuren zu beleben. Man kann der Regie im Grunde keinen handwerklichen Vorwurf zu machen, außer den grundsätzlichen, nicht wirklich leidenschaftlich gestaltet zu haben. Dabei verfügt dieses Stück zum Beispiel über wesentlich mehr komische Momente, als die, die durch die Regie ausgemacht worden sind. Gerade wenn man darauf zielt, heutige politische Zustände zu kolportieren, sollte man beim Affen nicht mit Zucker sparen. Die Wirkung des Abends war leider so wie das Gleichnis mit dem Berg und der Maus. Von Nachhaltigkeit beim Publikum zu reden, wäre vermessen.
 

Wolf Banitzki

 

 


Die Verschwörung des Fiesko zu Genua

von Friedrich Schiller

Katharina Hauter, Anastasia Papadopoulou, Anna Riedl, Lisa Wagner, Markus Baumeister, Ulrich Beseler, Shenja Lacher, Matthias Lier, Dirk Ossig, Felix Rech, Dietmar Saebisch, Arnulf Schumacher, Fred Stillkrauth, Marcus Widmann

Regie: Hans-Joachim Ruckhäberle

Residenz Theater Ein Mond für die Beladenen von Eugene O'Neill


 

 

Letztes Aufbäumen der Beladenen

Wenn die US amerikanischen Theaterautoren etwas virtuos beherrschen, dann ist es der Umgang mit und das provozieren von Gefühlen. Daraus erklärt sich wohl auch ihre starke Affinität zu Ibsen, Strindberg, Tschechow und der Methode von Stanislawski, die ihren höchsten Ausdruck im Strasbergs Actors Studio fand. Ausnahmen sind bis zu einem gewissen Grad Arthur Miller, was kurios klingen mag, denn er war der Mitbegründer des Studios, und Eugene O’Neill, der bereits 1953 starb. Beide Autoren unterscheiden sich von vielen Kollegen vornehmlich darin, das ihre Bühnenrealität aus der gesellschaftlichen, auch politischen Realität resultierte, und die sie nie ganz ausblendeten, wie beispielsweise Tennessee Williams. (Georg Hensel bezeichnete seine Dichtung als: Neurosen und Poesie.) Hintergrund für die Werke Eugene O’Neills war immer auch ein autobiografischer Ansatz, was seine Werke besonders glaubhaft und eindringlich machte. Bei ihm kippen die Geschichten nie in den Kitsch, wenngleich das emotionale Moment eine durchaus dominierende Rolle spielt.

„Ein Mond für die Beladenen“ gilt in Fachkreisen als die Vollendung des Dramas „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Tatsächlich begegnet man in „Ein Mond ...“ einer Figur wieder, die sich schon in „Eines langen Tages ...“ findet: Jim (James) Tyrone. Diese Figur ist ganz realistisch dem Leben O’Neills entstiegen. Es handelte sich um den trunksüchtigen Bruder Eugenes, James O’Neill.

Dieser Jim, ein reicher Trinker und Broadwaybummler, ist Besitzer einer unfruchtbaren Farm in Conneticut, die er an Phil verpachtet hat. Er hat nie einen Dollar aus dieser Verpachtung gesehen. Es ist ein Freundschaftsdienst an den von Natur aus schlitzohrigen, großmäuligen, sauf- und rauflustigen Phil Hogan und vor allem an dessen Tochter Josie, die Jim liebt. Josie, die Hauptfigur des Stückes, ist ein völlig „verludertes Weib“, das es mit jedem treibt und das sich die unangenehmen Seiten des Lebens mit einem Knüppel vom Leib zu halten weiß. Auch Josie liebt Jim, leugnet diese Liebe jedoch derb-zotig. Als sich herumspricht, dass der Nachbar T. Stedman Harder, ein Mann der mit Standardoil unermesslich reich geworden ist, Jim ein Angebot für die Farm unterbreitet, das dieser unmöglich ablehnen kann, schmiedet der „Rosstäuscher“ Phil einen Plan. Er will Jim und Josie zusammenbringen. Wer das Stück kennt, weiß, dass es sich hier um eine sehr doppelbödige Intrige handelt. Es folgt die mondhelle Nacht, in der sich Jim und Josie erklären. Je mehr Missverständnisse sie jedoch untereinander ausräumen, um so klarer wird, dass sie zueinander nicht finden können. Am Ende geht Jim. Er hatte nie vor, die Farm einem anderen als Phil zu überlassen.
 
 

Michael von Au, Anna Schudt

© Thomas Dashuber

Regisseur Thomas Langhoff, er ist nicht dafür bekannt, überambitionierte Experimente zu veranstalten, schlug sich deutlich auf die Seite O’Neills. Daraus resultierte ein Theaterabend, der ganz in der Sichtbarmachung menschlicher Abgründe und Qualen mündete. Und genau darin lag auch die politische Botschaft der Inszenierung. Der Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft ist ein verlorener, an sich und den Zuständen leidender.

Stefan Hageneier hatte für das Spiel, das ganz dem Drama folgend ausschließlich vor dem Haus der Hogans spielte, einen Hintergrund geschaffen, der unübersehbar amerikanisch war: „Stars and Strips“. Die Stars fehlten, konnten gedacht werden beim Blick in den monddurchfluteten Himmel, der dem Zuschauer jedoch verborgen blieb. Davor eine riesige Werbewand, wie man sie von Bildern aus Las Vegas kennt. Über diese Wand bekam der Zuschauer informative Impressionen zum Inhalt der jeweiligen Szene. Im Bühnenvordergrund waren einige Mülltüten, die Treppe zum Haus und zwei Stühle platziert. Das Bild verbreitete tödliche Tristesse, überlagert vom verlogenen Funkeln des „American Dream“.

Manfred Zapatka, hemdsärmelig in grober Arbeitshose mit breiten Trägern, donnerte als Phil Hogan über die Bühne. Rüde und unflätig beschimpfte er alles und jeden. Doch in O’Neills Texten, selbst für diesen scheinbar alles verachtenden Mannes, verbargen sich immer wieder sehr menschliche Töne. Zapatka war fraglos eine Idealbesetzung, ebenso wie Anna Schudt als seine Tochter Josie. Sie hatte dem Donnern und Dröhnen des Vaters durchaus eine ähnliche physische Bedrohlichkeit entgegen zu setzen. Was Jim (Michael von Au) in Momenten tiefster Zuneigung offenbarte, nämlich dass die scheinbar grobschlächtige und „maulaufreißende“ Josie von großer (seelischer) Schönheit sei, hatte Anna Schudt längst für das ganze Publikum sichtbar erspielt. Michael von Au, der dritte Protagonist im Bunde, spielte als Jim im Zustand der relativen Nüchternheit den jovialen, weltgewandten und mit Bildung ausgestatteten Flaneur, der scheinbar bessere Gegenden in seinem Leben gesehen hatte. Am Ende, im Zustand totaler Trunkenheit, aber fällt dieses Schutzschild von ihm ab und zurück bleibt ein erbarmungswürdiges Wesen, das lange vor der Zeit gestorben war. An dieser Stelle wurde das Drama amerikanisch und das letzte große Gefühl von unendlicher Einsamkeit und Verlorenheit blieb im Raum stehen. Thomas Langhoff und seine Darsteller waren Eugene O’Neill gerecht geworden.

Es kann nur Spekulation bleiben, ob unter diesen Umständen mehr unmittelbare Aktualität möglich gewesen wäre, und ob das überhaupt in der Intention von Tomas Langhoff lag. Aber auch die Archaik, frei von mythologischen Einsprengseln, überzeugte. Bleibt zu hoffen, dass die konkreten Botschaften hinter der Folie die Zuschauer erreichten. Arthur Miller formulierte sie klar und deutlich wie kaum ein anderer: „O’Neills Gestalten mussten verzweifelt versuchen, sich aus dem System zu befreien, sie mussten es mit all seiner großspurigen Selbstbeweihräucherung, seinem frömmelnden Anspruch auf geistige Werte verwerfen, da es in Wirklichkeit hohle und blinde Menschen hervorbrachte, die an einer unsagbaren Verzweiflung erstickten. Wäre Inhalt das Kriterium für Radikalismus gewesen und nicht gewissen automatische verteilte Etikettierung der Presse wie ‚katholisch’, ‚jüdisch’, ‚tragisch’ und ‚klassenbewusst’, wäre O’Neill als erster und wichtigster antikapitalistischer Schriftsteller gebrandmarkt worden. (...) O’Neill sah im Kapitalismus keinerlei Hoffnung.“ So zeigte Thomas Langhoff ganz im Sinne des Autors ein letztes Aufbäumen der Beladenen.

 

Wolf Banitzki

 

 


Ein Mond für die Beladenen

von Eugene O'Neill

Anna Schudt, Michael von Au, Frederic Linkemann, Marcus Widmann, Manfred Zapatka

Regie: Thomas Langhoff

Residenz Theater Der zerbrochne Krug von Heinrich v. Kleist


 

 

Von der Austreibung des Spaßes

Was zeichnet ein gutes Lustspiel aus? Zweierlei: eine (bestenfalls humanistische) Botschaft und eine Geschichte, die das Zwerchfell reizt. Handelt es sich wirklich um eine substanzielle Angelegenheit, ist es um so höher zu bewerten, das man über deren Abhandlung herzhaft lachen kann. Nur so lassen sich Zustände überwinden, unter denen der Mensch (heute und zu allen Zeiten) leidet und litt. Warum gibt es in der deutschen Dramatik so wenige gute Komödien? Wohl, weil der Deutsche zur übertriebenen Ernsthaftigkeit neigt, die mit einer geradezu masochistischen Veranlagung zur Selbstkasteiung einhergeht. Immerhin brachte das einen Gutteil der besten Philosophen hervor; allerdings auch massenhaft hängende Mundwinkel.

Mit "Der zerbrochene Krug" haben die Deutschen ein Stück, dass sich durchaus mit den Komödien von Shakespeare und Molière messen kann. Nur der Start in die Inszenierungsgeschichte war ein sehr unseliger. Goethe hatte das Lustspiel 1808 in Weimar auf die Bühne gebracht. Vorher hatte er allerdings Hand angelegt an den Einakter und einen Dreiakter daraus gemacht. Das Ergebnis war dennoch ein Flop. Erst im 20. Jahrhundert kam man dahinter, dass es nicht an der dramaturgischen Einteilung lag, die das Stück scheitern ließ, sondern an dem überflüssig ausladenden Schlussmonolog der Eve, die noch einmal die ganze Geschichte erzählte. Eine Theaterregel ist: Das letzte Gefühl des Zuschauers ist immer das bleibende Gefühl und wenn der Schluss nicht funktioniert, ist das ganze Stück gescheitert.

Der Inhalt der Geschichte ist simpel. Frau Marthe Rull erscheint vor dem Dorfrichter Adam, um Klage zu führen gegen Ruprecht, Sohn des Bauern Veit Tümpel. Es herrschte Einverständnis darüber, dass Eve, Tochter der Frau Marthe Rull, seine Frau werden wird. In einem nächtlichen Tohuwabohu im Zimmer der Eve geht ein Krug zu Bruch. Der wahre Täter entkommt und Ruprecht, der dem Fliehenden noch einige Blessuren beibringen konnte, wird angeklagt. Adam, seinerseits ziemlich in Mitleidenschaft gezogen, führt unter Aufsicht des Gerichtsrates Walter, der zur Inspektion in Huisum weilt, den Prozess zu seinen Gunsten. Auch der unkundige Zuschauer weiß bald, dass Adam der vermeintliche Bösewicht ist. Am Ende wird der listereiche und skrupellose Dorfrichter überführt und flieht.
 
   
 

Rainer Bock, Lambert Hamel, Mark-Alexander Solf, Barbara Melzl

© Thomas Dashuber

 

 

Es ist eine sehr volkstümliche Geschichte, die von der Zwiespältigkeit des menschlichen Wesens im Allgemeinen und von Machtmissbrauch, Betrug und Wollust im Besonderen kündet. Und sie wird von jedermann verstanden, denn sie ist intelligent, witzreich und das Gute siegt darin. Was sollte man also an dieser Geschichte ändern, wenn sie per se ein Garant für gutes Theater ist? Es fällt keine Antwort darauf ein. Und dennoch gelang am Residenz Theater in der Inszenierung von Tina Lanik die nachhaltige Austreibung des Spaßes. Wie? Nun, wie es in Deutschland üblich ist. Man zerrt den philosophischen Subtext an die Rampe und spielt es wie ein Tragödie. Plötzlich ist es nicht mehr die heitere Dorfkomödie, sondern der ödipale Mythos mit sexueller Konnotation. Der Krug wird zum nationalen Symbol, dessen Zerschlagung den Bestand und die Kontinuität der gesellschaftlichen Gemeinschaft bedroht. Außerdem steht der Krug noch für im Freudschen Sinn irreparabler Penetration der Jungfräulichkeit im Besonderen und im Allgemeinen. Es gelang Frau Lanik, die vielleicht schönste und lustigste Komödie in eine schlecht funktionierende Tragödie umzuwandeln.

Lambert Hamel gab einen Dorfrichter zwischen Apathie und knatternder Lustlosigkeit. Der Kleistsche Adam hingegen ist ein sinnesfreudiger Mann, der selbst in seinen Lügen und Intrigen noch große Lust verspürt, der als menschliches Wesen durchgängig glaubhaft und keineswegs unsympathisch ist. Mark-Alexander Solf betrieb seine Part, so wie im Stück durchaus vorgegeben, als intriganter Schreiber Licht, der seit neun Jahren nach dem Richterstuhl schielt. Allein, seine fast permanente Anwesenheit, die jedoch keinem dramaturgischen Zweck folgte und die ungestaltet blieb, ließ die Figur in die Beliebigkeit zurückfallen. Ganz ähnlich erging es Rainer Bock, der als Gerichtsrat Walter im Stück die moralische Instanz vorstellte. Am Ende griff er seinerseits unmissverständlich nach Eve. Das kann nur als Anmaßung der Regie verstanden werden nach dem Motto: wenn schon die Welt entlarven, dann gründlich. Barbara Melzl gelang es auf ziemlich schrille Weise, sich Raum zu erobern. Allerdings erhielt auch sie keine wirkliche Hilfestellung von Seiten der Regie, Frau Marthe Rull, eine Nachbarin aus Fleisch und Blut zu werden. Wenn überhaupt eine Rollengestaltung im Gedächtnis blieb, dann war es die von Shenja Lacher, der einen etwas tumben und emotionsgeladenen Ruprecht gab. Ihn nahm man als menschliches Wesen und nicht als Rolle wahr.
Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen und um scheinbar zu beweisen, warum das Stück in der Uraufführung durchfiel, ließ Regisseurin Tina Lanik Anne Schäfer den ganzen Monolog der Eve sprechen. Ohne Ton hätte man meinen können, Ophelia halte ihre letzten Monolog, ehe sie zum Teich aufbricht, um Suizid zu begehen.

Die Inszenierung von Tina Lanik war eine intellektuelle Plakatierung zu einem großartigen Volksstück. Das Bühnenbild von Bernhard Hammer unterstrich diesen Inszenierungsansatz nachdrücklich. Eine Schneelandschaft, aus der effektheischend ein (offener) Innenraum geboren wurde, verbreitete Frostigkeit, unter der alle Figuren zu leiden hatten. Als am Ende noch ein Regen niederging, wusste auch der letzte Zuschauer, das Dach der Rechtsbarkeit schützt nicht mehr.


Wolf Banitzki

 
 
 

Der zerbrochne Krug

von Heinrich v. Kleist

Barbara Melzl, Jennifer Minetti, Anne Schäfer, Rainer Bock, Burchard Dabinnus, Lambert Hamel, Alfred Kleinheinz, Shenja Lacher, Mark-Alexander Solf, Annika Olbrich, Julia Schmelzle

Regie: Tina Lanik

 

 

 

Residenztheater

 

 

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