Besprechungen der Vormonate finden Sie auf den Theaterseiten.

Do 04.04.19 - Volkstheater

Do 04.04.19 - Theater Viel Lärm um Nichts

Sa 27.04.19 - Kammerspiele

Sa 27.04.19 - Marstall

  • Sinn von Anja Hilling

Sa 11.05.19 - Allerheiligen Hofkirche München

  • Tosca von Giacomo Puccini

Do 16.05.19 - Metropoltheater

Do 16.05.19 - Teamtheater Tankstelle

  • Wiederaufnahme 36 Stunden nach Ödön von Horváth

So 19.05.19 - Volkstheater

Fr 24.05.19 - Kammerspiele

  • UA Hochdeutschland nach Alexander Schimmelbusch

Fr 24.05.19 - Metropoltheater

  • Out of the Blues von Newton, Schrimm & Sternberg

Fr 30.06.19 - Volkstheater

  • Alles Weitere ... von Martin Crimp

 

Spielzeit 2018/19

Amsterdam - Begehren - Das Leben des Vernon Subutex - Der nackte Wahnsinn - Der Sandmann - Der Spieler - Die BackchenDie Physiker Drei Schwestern - Lasst uns tanzen - Die DämonenDie lächerliche FinsternisDie Möwe   - Die Verlobung in St. Domingo - Dionysos Stadt - Der Mieter Dr. Alici - Ein Sommernachtstraum - Eine göttliche Komödie - Elektra - Endspiel - Farm Fatale Glaube Liebe Hoffnung - Herakles - Kurze Interviews mit fiesen Männern - Macbeth - Marat/Sade - Morning in Byzantium - Sinn - Stille Nachbarn - Unheimliches Tal - UA Ur - Victory Condition - Warten auf Godot - Wolken.Heim.Yung Faust

 

Wiederaufnahmen

Alice im Wunderland - Am Kältepol - Antigone - Baumeister Solness - Children of Tomorrow - Das Bildnis des Dorian Gray - Das blaue blaue MeerDas ferne Land - Das Schlangenei - Das Schloss - Der Balkon - Der Brandner Kaspar ...  - Der große Gatsby - Der Geldkomplex - Der Kontrabass - Der Streit - Der Vater - Der Weibsteufel - Die Attentäterin - Die bitteren Tränen der Petra von Kant - Die Dreigroschenoper - Die Möwe - Die Räuber - Die Selbstmord-Schwestern - Die schmutzigen Hände - Dogtown Munich - Don Juan - Don KarlosEin Volksfeind - Erschlagt die Armen! - FaustFelix Krull Glaube, Liebe, Hoffung - GloriaHamlet - Heilig Abend - Hellas München - In den Straßen keine Blumen - Iwanow - Jagdszenen aus Niederbayern - Judas - Junk - La Sonnambula - MacbethMauser - Mein Kampf - Mensch Meier - Nathan der Weise - Nora   - Philipp LahmRichard IIIRomeo und JuliaSchöne Neue Welt - Tartuffe - Tiefer SchwebTrommeln in der Nacht - Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten! - Volpone - Wer hat Angst vor Virginia Woolf - Woyzeck

Kolumne


 

Hauptsache

Es ist die Zeit für eine neue Kolumne. Ich sitze, ich notiere, ich sammle. Und als ich dann das Material sichte, stelle ich fest, dass ich zu all dem aktuell Angebotenen bereits Stellung genommen, mich geäußert hatte. Nichts, aber auch gar nichts Neues war auf den Bühnen, und rund um diese herum, passiert. Und nun laufe ich durch die Stadt, traurig, fassungslos … Liegt es an mir, meiner kleinen Weltsicht oder ist die Szene tatsächlich festgefahren und die alten Helden lassen sich immer noch feiern für ihre alten Einfälle, die längst alltäglich geworden sind zu Gepflogenheiten. Entmachtet die alten Helden! Entmachtet die in die Jahre gekommenen Helden um ihre Bilder und Akte von den Bühnen zu fegen, sie der Vergangenheit zu übergeben. Immer dieselben Namen, immer dieselben Sichtweisen, immer dieselben Muster.


Nun, es geht wohl weiter … weiter wie gewohnt, denn die Gewohnheit ist es, die immer und überall, Sekunde für Sekunde, das Geschehen dominiert. Die Gewohnheit, die beginnt wenn man morgens die Bettdecke zurückschlägt, den Fuß auf den Boden setzt, im Bad nach der Zahnbürste greift und später den Kaffee in die Maschine füllt. Es ist die Gewohnheit - die durch stete Wiederholung selbstverständlich, alltäglich gewordene Handlung – die durch den Tag führt und die immer wieder auf dieselbe Weise wahrnehmen lässt. Was unterschiede nun einen Theatermacher von all den anderen Mitmenschen in ihren Gewohnheitsschleifen? In jungen Jahren hegte er/sie aufständische Ansichten gegen die, im Marsch der Gewohnheiten, vor sich Hindämmernden. Sie mischen die Gedankenwelt der gewohnten Gepflogenheiten auf und öffnen Türen, gehen neue Wege. Sie lärmen und verrücken Stühle, sie zerstören Vorstellungen und ersetzen diese durch andere, aus denen auch irgendwann wiederum Gewohnheiten werden. Diese werden angenommen, zu einem Teil des Gelebten und damit schließt sich ein neuer Kreis. Anhänger und Gegner der Ansichtsweise platzieren sich und dann ist es, als ob der Gedankenaufbruch, die Revolution der Vergangenheit eingeholt, längst Geschichte ist. Bis wieder jemand gegen die Gepflogenheiten aufbegehrt, Worte, Sätze, Verhalten verrückt für eine neue, bessere, andere Welt. Der Spielraum Bühne, eine Erprobungsfläche für Hirngespinste, aber auch für klassische Erfahrungen, sowie gewohnte Geschichte in der Gegenwart, ist der lebendige Spiegel der Gesellschaft in ihren Gewohnheiten. Woran haben wir uns gewöhnt? Hauptsächlich an Selbstbespiegelung, und der Kreis naiver Egozentrik wird Sekunde für Sekunde enger. Längst fehlen Luft und Freiraum zwischen den glänzenden Flächen. Auch an ein formlos anstandsminimiertes Miteinander gewöhnte man, an die zur Schaustellung von Gefühlen als Maß allen Seins gewöhnte man, an Reduzierung auf naturgemäße Vorgaben gewöhnte man, an Meinungen und Textmengen anstelle von differenzierten Erkenntnissen gewöhnte man, an das Aufbrechen von Regeln und Strukturen zur umfassenden Beliebigkeit in populistischer Lautstärke gewöhnte man, an Orientierungslosigkeit auf der Suche nach sogenannter Freiheit gewöhnte man. Doch wahrhaben will man dies keinesfalls, so klammert man sich an die Gewohnheiten auf der simplen Ebene der täglich begrenzteren Möglichkeiten. Am Gipfel der Einfallslosigkeit werden klassiche Helden umdesignt mit modernen Worten, um schließlich wie Zombies durch die Zeit zu geistern. Hype in oder her, wenn es zur Leerstelle wird, füllt bestenfalls, bestenfalls Langeweile die letzten verbleibenden aktiven Partikel aus denen Gegenwelten hätten entstehen könnten und damit lebendiges Spiel um den Sinn und die Erscheinungen des Lebens. Wann  was  wie  wo  wer  warum

warum
rawum
muraw
wamur
rumaw
maruw
wumar
rawum
warum

C.M.Meier


August 2018

Kolumne


 

... oder ...

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ludwig Wittgenstein

Und das Schweigen ist es auch, das sich ausbreitet um das Geschehen auf den Bühnen der Theater und das Theater in der Gesellschaft. Das Schweigen über das Ende des Dialoges, der auf einzigartig konstruktive Weise zu einer besonderen Entwicklung führte. Der Dialog – die Entwicklung eines Gedankens in Form von Rede und Gegenrede – der verschiedene Standpunkte zu einem Austausch und einer Quintessenz vereinte.
Die Entstehung und Entwicklung von Kultur, von Demokratie und die Übereinkunft zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen basiert auf dem Dialog. Die Fähigkeit ihn zu nutzen, will gepflegt werden. Die Kunst des Schauspiels führte ihn vor Augen und kultivierte ihn. Was im Heute bleibt ist das Schweigen, das Schweigen über seinen Untergang.
Abgelöst wurde der Dialog durch Wortgemenge. So wie die Formlosigkeit allseits die traditionellen Formen ablöste, so löste die Vermischung, der in der Sprache enthaltenen Formmöglichkeiten wie Prosa, Poesie und Dramatik, in einfache Wortfolgen diese ab. Polemik und Dorftratsch nehmen die Ebene des einstmals frei gestalteten  Denkens ein und liegen wie ein dichter Schleier in und über den Köpfen. Was bleibt ist das Schweigen, das Schweigen und die Traurigkeit über den Verlust kultureller und intellektueller Vielfalt.
Auf den Bühnen stehen sie neuzeitlich und zwitschern durcheinander wie die Vögel im Schwarm, einfach drauflos und Einfachtext. Aber dafür werden gewaltige Textmengen bewältigt, zur Vergewaltigung von traditioneller Sprache und Kultur. Die Haltung stets lässig privat, denn auch diese hat die Gepflogenheiten des Stils der Vergangenheit übergeben. So als fände Individualität besonders über Unmanier ihren einzigartigen Ausdruck. Denn die bequeme Eigenartigkeit ist es, der allzeit und überhaupt modisch einheitlich gehuldigt wird.
Jeder für sich und doch nur der Versuch von Eigenheit in einer gemischten Gemengelage einer Massengesellschaft. Vom Verbindenden der Kultur gelöst, bleibt nur noch das Verbindende der Natur. Der Natur, zu welcher der ursprüngliche Bezug längst verloren ging. Wie im Reagenzglas praktiziert man ersatzweise das Zelebrieren von Befindlichkeiten des Individuums. Diese lösten die innere Einzigartigkeit ab, die bewahrte Individualität. Das Theater der Antike versteckte sie hinter der Maske und die humanistische Kultur ließ sie in Stil und Form auftreten. Heute wabert es im Zwischenraum des Schwarms und steuert emotional, wie die bloße Natur es vorsieht, alle und eins durch von Empathie geschwängerte Luft im Lautgemenge. Was bleibt ist das Schweigen, das Schweigen über den Lärm des Geschnatters von Massen.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“,  schrieb Ludwig Wittgenstein an das Ende seines Werkes. Dieses Ende steht auch für den Anfang einer neuen Welt

Passt. Perfekt. Super.


Eine Theaterkritik? Wozu denn das? Wenn ich die Ankündigung der Performancemit dem Auge gescannt habe, danach zwei Stunden bespaßt wurde und diskursiv einbezogen in ein multimediales Event, warum sollte ich dann noch einen spezifischen Text lesen in dem eine wissenschaftlich gebildete und künstlerisch dominierte Meinung festgehalten ist? Reflektion! Was bringt das? Die Show ist vorbei und auf meinem Smartphone sind mittlerweile fünfzig Messages eingegangen, die ebenfalls gescannt werden wollen. Das mit dem Nachdenken hat sich im Wohlfühlhimmel sowieso aufgehört. Schnee von gestern. Auf der Rückfahrt von der Location muss ich noch schnell die Raumtemperatur zuhause checken und außerdem kontrollieren, ob der Sekt im Kühlschrank die optimale Temperatur hat. Passt. Perfekt. Super. Und am nächsten Morgen geht es ins nächste Meeting, Powerpoint-Präsentation. Die mittlerweile gut trainierte Scanfunktion meiner Augen erfasst das Wichtige und speichert den Text in einen grauen Zell-Ordner. Welchen? Egal. Alle stehen unter Strom. Auf dem Smartphone sind mittlerweile fünfzig Bids eingegangen, die ebenfalls gecheckt werden wollen. Der Terminplan muss upgedatet werden und die Mittagessen-App aktiviert. Dazwischen ein Blick auf die Site mit den Theaterkritiken … Was steht da? … „Publikum war begeistert“. A ja, der empathische Applaus und die Buuh-Rufe für die Akteure – die feiern sich jetzt im Socialmedia (wie ich gecheckt habe) - am Ende der unterhaltenden Betrachtung bevor die Leute den Raum verließen. Eine dringende geschäftliche Mail und das Bild des Abends verschwindet hinter der zusätzlichen neuen Meldung des Kühlschranks, dass Sekt und Butter nachgeliefert werden müssen. In den drei Minuten meines Ausflugs ins Gestern sind mittlerweile fünf weitere Messages auf meinem Smartphone eingegangen, die ebenfalls gecheckt werden wollen. Es ist wie die Warenbewegung, die im Laufen gehalten werden muss. Die Logistik fordert Aktivität, damit alles in Butter ist - der Powerpoint. Auch Kunst wird an diesem Abend wieder konsumiert. Wir treffen uns um Acht. Passt. Perfekt. Super.

 

C.M.Meier

 


August/September 2016

Kolumne


 

Momentaufnahme

Zukunft gibt es keine mehr, Gegenwart findet kaum statt, weil alle am Gestern sich auf- und abarbeiten. Die jahrhundertealten Theaterstücke werden wieder und wieder auf die Spielpläne gesetzt, mal von einer Ihr, mal von einem Ihm zerpflückt und/oder vermischt mit scheinbar passenden Texten anderer Anerkannter. Zelebriert als Gefühlspsycho-Variation oder als bloße Struktur eines Themas und mit Versatzstücken einer persönlichen Ansicht gefüllt, gelten sie als zeitgemäß.

Das Design in der Kunst feiert sich selbst. Regietheater, keinesfalls mehr als sich Selbst inszenierende Bezugnahme mittels der sich der Regisseur über den Dramatiker stellt, statt dessen Werk zu achten und es in dieser Zeit auf die Bühne zu bringen. Ein eigenes Werk zu verfassen, liegt nicht in seinem Vermögen und das Verprassen von geistig intellektuellem Gut auf unterhaltsamer Ebene ist schon fast ein Geschäftsmodell in einer Welt, die aus purer Geschäftigkeit besteht, daraus ihre Existenzberechtigung ableitet. All dies wird unter den Namen der längst verstorbenen Theaterklassiker feilgeboten, die doch nur noch für Besucherquote sorgen müssen in einem partiell großzügig subventionierten Kulturbetrieb für die Bildung von Einbildung. Diese wiederum umfassend technisch aktivierte Einbildung wird durch den neuen, aus der Werbung abgeleiteten Trend der Immersion, gleich einem ideologischen Lifestyle-Programm, weitergeführt. Als wäre es eine neue Kunstrichtung und dabei ist es doch nur ein künstlicher Hype, bei dem windschlüpfrig im Mainstream der Überbetonung von scheinbar neuer liberaler Form gehuldigt wird. Der auf vielen Ebenen beschäftigte Zuschauer erfährt die Übertragung von Mustern verschiedenster Art. Beeindruckbar durch die Szenen geschleust, gibt er sich unmittelbar der Manipulation preis. Von Aufklärung, der klassischen Theateraufgabe, entfernt sich dieser Art-Aktionismus immer weiter.

Bedeutet das - in die Irre abgedriftet - oder ist es doch nur der natürliche Prozess vom Werden ins Vergehen, der sich offenbart. Und am klassischen Theater vergingen sich einige, wohl um auch seine Sterblichkeit zu demonstrieren. Ist das das Ende? Nein. Es wird wieder werden … und dann wird man hoffentlich häufiger ihre Namen lesen auf den Spielplänen der Gegenwart

 ... Christoph Nußbaumeder, Antonio Fian, Moritz Rinke, Marius von Mayenburg, Sarah Kane, Neil Simon, Ingrid Lausund, Nino Haratischwilli, Robert Woelfl, Maxi Obexer, Iwan Wyrypajew, Dejan Dukowski, Petra Wintersteller, Tine Rahel Völcker, Simon Stephens, Ewald Palmetshofer, Ferdinand Schmalz, Neil LaBute, Roland Schimmelpfennig, Werner Schwab, Tom Stoppard, Theresia Walser, Wolfgang Sréter, John Osborne, Igor Bauernsima, Matthieu Delaporte, Jordi Galceran, Lukas Bärfuss, Wallace Shawn, Peter Weiss, Wolfgang Bauer, Harald Sommer, Wladimir Sorokin, Éric-Emmanuel Schmitt, Franz Xaver Kroetz, Felix Mitterer, Lutz Hübner, Gabriel Barylli, Dario Fo, Frankca Rame, Jon Fosse, Michael Frayn, David Hare, Sam Shepard, Peter Turrini, Tony Kushner, Alan Ayckbourn, Fernandeo Arrabal, Thomas Brasch, Frank Sporkmann, Luigi Pirandello, Peter Shaffer, Francisco Nieva, Alfonso Sastre, Woody Allen, Thomas Bernhard, Bernard-Marie Koltès, Terence Rattigan, Miguel Mihura, Edward Albee, Max Frisch, Friedrich Dürrenmat, Jack Rosenthal, Georges Schehadé, Jean Anouilh, Tankred Dorst, Rolf Hochhuth, Arthur Miller, Heiner Müller, George Tabori, Heinar Kipphardt, Helmut Baierl, Peter Hacks, Volker Braun, Hartmut Lange, Thornton Wilder, Antonin Artaud, Samuel Beckett, Wolfgang Borchert, Jean Genet, Eugène Ionesco, Eugene O’Neill, Harold Pinter, Tennessee Williams, William Butler Yeats, Bertolt Brecht, Ernst Toller, Elias Canetti, Hans Weigel, Rene Schikele, Federico Garcia Lorca, Jean-Paul Sartre, Albert Camus

womit das Theater vom „Theater“ befreit wird und im Theater wieder mehr Platz für Theater geschaffen wäre …

 

C.M.Meier


August 2017

Kolumne


 

Das A und O oder das O des A

Seit Jahrhunderten lassen Menschen im Schauspiel ihre Begegnung mit dem unergründlichen Schicksal und dem unausweichlichen Alltag sichtbar werden. Charakterzüge, Leidenschaften, die Schatten der Seele mithin und gesellschaftliche Anliegen fanden Darstellung auf Bühnen und dienten so dem Ziel der Aufklärung der Zuschauer, der Entwicklung durch Spiegelung der Szene. Hermann Hesse schrieb: „Jede Zeit, jede Kultur, jede Sitte und Tradition hat ihren Stil, hat ihre ihr zukommenden Zartheiten und Härten, Schönheiten und Grausamkeiten, hält gewisse Leiden für selbstverständlich, nimmt gewisse Übel geduldig hin.“ Doch was offenbaren die alten Werke in einer neuen Zeit, in der die alten Werte entwertet und neue Formen geriert werden, und das alles nur um sich weiterhin aus jeder Verantwortung zu stehlen? Die Würfel sind gefallen und ein neuer Unstern zog auf.

„Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“, sagte Heraklit vor 2500 Jahren ohne zu ahnen, welche tief greifenden Auswirkungen seine Äußerung später haben würde. In die gegensätzlichen Eigenschaften von Gut und Böse kategorisierte Mensch daraufhin und aus dieser Moral folgten innere Verdrängung und Unterdrückung oft weit über das naturgemäße Maß hinaus. Der Mensch verlor sein Gleichgewicht, seine Universalität. Dann umklammerte er Halt suchend die Maschine. Die Technik braucht den sie bedienenden Organismus, so wie das Starre das Anpassungswillige bedingt. Die Flucht vor dieser Realität trieb ihn auf Wolke D. Im scheinbar befriedeten Zeitvertreib mit Kriegsspielen oder der Gestaltung von digitalgesteuerten Autos, in deren Steuerungstastatur Finger Zielorte eintippen, gefällt er sich.

Das Denken in den Mechanismen, die einer Software entsprechen, nimmt überhand und unmittelbar funktioniert die Verschaltung der Synapsen im Gehirn in derselben Weise, wie diese in der Maschine erfolgt. Dies ist für Verständnis notwendig, ebenso wie die Spiegelneuronen für eine Empathie mit dem Apparat sorgen. Visionen, Bilder entstanden bislang naturgemäß in den Köpfen von Menschen - eigenwillig. Im neuen vice versa hat die Maschine den Organismus angepasst und nun wachsen allenfalls die Datenmengen in Algorithmen. Sekündlich werden unüberschaubare Massen davon produziert.Wachstum ist die eine Seite der Natur, liegt somit in der Natur des Organismus. Nun wächst eben etwas überproportional ins Reich der Zahlen, in die Funktion, in ein Schema. Der Mensch war schon immer auf Fortschritt aus … fort … fort … fort verändern verbessern vervielfältigen hinauswachsen … wohin … ins Digitale zwangsläufig … Ergebnis: Scheinbare Perfektion durch angepasste Betriebsamkeit! Schier endlose Energieströme durchlaufen die Bahnen in Maschinen und den sie bedienenden Cyberorganismen. Es sind umfassende Veränderungen, die in den Figuren stattfinden. Was früher ein analoger Mensch war, charakterisiert in den Dramen von Ibsen, Miller oder Kroetz, wird heute zum digitalen Funktionsorganismus.

Die Zeit rast, die Erde stellt die Welt auf den Kopf und durch die technischen Fortschritte schafft der Mensch, wie wir ihn bisher kannten, sich selbst ab. Ob dann der Blick in den Spiegel wirklich wiedergibt, was man zu sehen glauben will? Oder, ob eine neue Spezies die alten Kleider, die traditionellen Rollen umdesignt und sich im Rückschritt auf 0 gefällt, wird sich wohl nicht jedem einzeln offenbaren. Das kann beispielsweise auch geäußert werden, indem man einfach nur den einfallsreichen Nachahmungsmodus nutzend traditionell entstandene Namen simplifiziert (die Zwanghaftigkeit von Anpassung in optimale Nutzbarkeit ist eine Form von Design), um aufzufallen und sich selbst in RA(u)M 1, 2 oder 3 demaskiert und öffentlich abgleicht. Aktionismus, Unterwerfung in Betriebsleistung, eine Flatrate um offensichtlichen Stillstand zu kaschieren. Auch scheint es geradezu zwanghaft, wie im selben Zusammenhang schriftliche Information in Buchstabenbilder aufgelöst (wohl eine Modeerscheinung von Kreativität) und mit dem Vorgang Copy+Paste nach zusätzlichem Effekt gehascht wird. Der homo digitalis sammelt Worte, Bilder und montiert diese ineinander. Er erzeugt Collagen in denen Design und Funktion überwiegen, um sich schließlich durch Beachtungsexzesse in den Mittelpunkt zu rücken. Der Zweck heiligt die Mittel. In einer Welt der Spiegel, der silbernen Spiegel, der gläsernen Schauspiegel, einer Vorspielkammer, der Spiegelung im Gegenüber erscheint das Bild als flimmerndes Schema, als Farbfläche oder als Verzerrung einer Vorstellung der Kopie vom Äußeren. Sicher ist, auf der Ebene der Bildschirme erkennt man einander, gleicht sich in der Version 0. des Betriebsmodus ab. Wer Sie Er Ich Es oder eine seelenlose 0? Es ist leichter den Spiegel zu zerbrechen, als sich ehrlich anzuschauen.

Hier wird ein X für ein U vorgemacht, indem Erleichterung und  Bequemlichkeit vorgegaukelt, als eine Lösung propagiert wird, die keine ist, sondern vielmehr ein Weg der hinters Licht führt. Konnte der Mensch noch bis 3 zählen, so schwebt der Funktionsorganismus zwischen den Steuerungsimpulsen 0 und 1 (Chillen und Leistung). Der Algorithmus löst die Metapher ab. Doch was, wenn der Algorithmus nur dem mathematisch erfassten Klischee von etwas entspräche, ihm gleichzusetzen wäre? Ein Bildschirm, eine Brille soll fiktiv eindeutige Realitäten vorspiegeln - heute das A, das Alpha des Digitalen und damit das O, das Omega des Analogen und damit der naturgemäß freien Werkträume. Die Seele, der bewegte Gefühlsraum ist das Schöpfungszentrum für Kultur, für Kunst, für Schauspiel. Sie hat die aufmerksame universelle Wahrnehmung verloren, die nun einer funktionalen Reflexion weichen musste. War ein Zünglein an der Waage bislang das Theater, so kaut der Zahn der Zeit auf ihm, wie auf dem Menschenbild. Oft auf Rede oder Zurschaustellung von kausalen Befindlichkeiten reduziert, ist es fraglos dabei das Zeitliche zu segnen. Ebenso wird beispielsweise Theater zu Partylocation, persönlichem Wohnzimmer gleichzeitig erklärt, sowie zu Talkshows genutzt. Oder geht es hier vielmehr nur darum einen alten Zopf abzuschneiden, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen?

Der Mensch kam mit der Natur, damit auch seiner eigenen Natur und den Möglichkeiten daraus kaum zurecht. Ein Blick auf die Erde und die Welt offenbart dieses Scheitern selbst den Sehbehinderten. Nun versucht er sich in einer und in vielen anderen Dimensionen gleichzeitig, schwebt auf Wolke D, um sich letztlich im blauen Dunst aufzulösen und gleichzeitig im Sande zu verlaufen. Wenn nichts mehr sicher ist, wie kann dann jemand glauben in einem Spiegel seinen Schatten zu erkennen?


C.M.Meier

 

 


Oktober 2015

Weitere Beiträge ...

  • 1
  • 2
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen